Nr. 96 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Donnerstag, 25. April (935
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Homan von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Wieder schwiegen sie. Ich muß mich fassen, dachte Irene, ich muß sprechen! Lasse ich diese Gelegenheit vorübergehen, finde ich sie vielleicht nie mehr.
Sie überschritten schon die Brücke, als ihre Lippen endlich bie Worte formten: „Ich habe Sie lange nicht gesehen, Herr Morland."
Sein Blick streifte sie flüchtig. „Ich hoffe nicht, daß Sie mich vermißt haben."
„Sie denken sehr gering von sich. Warum sollten Sie so wenig Eindruck auf mich gemacht haben, daß ich mich in der langen Zeit nicht mal fragen durfte, rpas Sie wohl tun."
„Die Antwort auf diese Frage wäre leicht zu geben gewesen. Sie hätten mich immer in meinem Geschäft finden können — auch wenn ich auswärts war, meine Gedanken waren immer dort."
Irenes Kopf senkte sich: eine Zeitlang blieb sie stumm, dann kam es von ihren Lippen: „Ich verstehe es einfach nicht."
„Was verstehen Sie nicht?"
„Daß ein Mensch gar keinen anderen Gedanken haben kann als das Geschäft — daß er wie ein Einsiedler lebt."
Ein Lächeln huschte um seinen Mund. „Ich bin gut acht Monate auf der Reise, die übrige Zeit muß ich meinem Geschäft widmen. Habe ich Sonntags Zeit, hält es mich auch nicht in meinen Zimmern. Wie können Sie da von Einsiedelei sprechen?"
Wieder schwieg sie, bog am Schauspielhaus in die Anlagen ein, und auf dem menschenleeren Platz vor dem Bismarckdenkmal begann sie wieder: „Ich verstehe nicht, daß man so in seiner Tätigkeit aufgehen kann."
„Vielleicht weil ich, wie Sie einmal ganz richtig sagten, doch kein Heim und keine Familie habe."
„Ah!" Jähe Röte schoß in ihr Antlitz. „Fühlen Sie nun doch, daß Ihnen etwas fehlt?"
„Nein", antwortete er schnell. „Ich stehe schon so lange auf eigenen Füßen, bin so unabhängig von allem geworden, daß mir weder das eine noch das andere etwas zu sagen hat."
Irene ließ resigniert den Kopf sinken. Das war die Entscheidung! Es hat keinen Wert, weiterzusprechen!, dachte sie. Ich werde ihn mir nie gewinnen, nie! Warum? Warum lehnst du mich ab? Hast du denn keine Augen im Kopf, kein Herz im Leibe? Tiefe Traurigkeit überkam sie. Ich habe ihn lieb, und er verschmäht mich. Er übersieht mich, er will meinen Worten sein Herz nicht öffnen, und dennoch: Nur du bist der Mann, dem mein Herz gehört, dem e< immer gehören w'rd
Die Erdbebengürtel der Erde.
Eine Betrachtung zu der Katastrophe von Formosa.
Die soeben gemeldete furchtbare Erdbebenkatastrophe auf der Insel Formosa im Stillen Ozean, die Tausenden von Menschen das Leben gekostet hat, zeigt uns wieder einmal in erschreckender Deutlichkeit, wie stark das Erdinnere unaufhörlich in gärender Bewegung ist. Vor allem sind es bestimmte Gebiete, die von diesen Erschütterungen heimgesucht werden, so daß man sich in der Forschung auf Grund langjähriger zuverlässiger Beobachtungen daran gewöhnt hat, von Erdbebengürteln zu sprechen. Das älteste Erdbeben, von dem wir sichere Kunde haben, war in der Umgegend von Neapel, im Vulkangebiet des Vesuv, in dem sich 79 n. Ehr. jenes entsetzliche Unglück ereignete, das der ältere Plinius o meisterhaft geschildert hat. '
Neben Ostasien und einigen Teilen Südamerikas und Afrikas hat Süditalien in der Geschichte der Erdbeben stets eine tragische Rolle gespielt Nach den Statistiken des bekannten Erdbebenforschers Professor Sieb er g wird das Apennin-Gebiet allem jährlich von durchschnittlich über 180 Beben ergriffen, die aber glücklicherweise in der Hauptsache ziemlich unbemerkt vorübergehen und die weniger furchtbare Folgen haben als die Katastrophe von Formosa. Wir hören wieder so oft von diesen Erschütterungen der Erde, daß sich die Ansicht verbreitet hat. die Zahl der Beben habe in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Das ist aber nicht der
Fall. Die viel besseren Registriermöglichkeiten gestatten uns jedoch, auch die kleinsten Erderschütterungen mit unseren Meßinstrumenten aufzuzeichnen. Dadurch wissen wir heute, daß sich in jeder Stunde eine ganze Reihe Erdbeben ereignet. Rund 9000 werden jährlich registriert, und von diesen sind etwa 5000 so stark, daß sie in der Nachbarschaft des Ursprungsortes beobachtet werden können; nur ganz wenige sind allerdings so heftig, daß sie Häusereinstürze Hervorrufen und Menschenopfer fordern.
Während man vor dreißig Jahren noch wenig über die Verteilung der Erdbeben auf dem Erdball wußte, kann man die eigentlichen Erdbebenzonen und -gürte! auf unserem Planeten heute ganz genau angeben. Das erdbebenreichste Gebiet ist Chile und dort besonders das Atacama-Tief, das durchschnittlich 1000 Beben im Jahr und 21 v. H. aller Beben auf der Erde aufweist. An zweiter Stelle steht Japan mit 431 Beben, die 9 v. H. der Gesamtziffer betragen und von denen 5 v. H. schwerer verlaufen. Dann folgt die ostafrikanische Rif-Zone mit jährlich 300 Beben, und danach kommen die Dinarischen Alpen mit 194 Beben und das Apennin-Gebiet. Auch die Berggegenden von Thrazien und Bulgarien werden häufiger von Erschütterungen heimgesucht. Sie haben durchschnittlich 169 Beben im Jahr, Klein-Asien und die Jonischen Inseln 145, von denen 3,1 v. H. schwerer sind. Es gibt
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Zerstörungen
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Seit den Ostertagen kommen täglich neue Meldungen von Erdbeben. Wurde am Sonntag und Montag die japanische Insel Formosa heimgesucht, so ist es neuerdings Iran (das frühere Persien), wo mehrere hundert Menschenleben durch Erdbeben getötet worden sein sollen. Auch in Südfrankreich und Portugal stellte man leichte Erdstöße fest. Diese Karte zeigt die bedeutendsten Erdbebengebiete der Welt.
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aber auch Zonen, die von Erdbeben fast völlig verschont werden. Zu diesen glücklichen Ländern gehören Deutschland und England, wo das Auftreten einer allgemein spürbaren Erschütterung zu den großen Seltenheiten gehört. Im übrigen muß man damit rechnen, daß sich in menschenleeren Gebieten Erschütterungen abspielen, von denen niemand etwas erfährt.
Sehr deutlich zeichnen sich auf der Erdoberfläche gewiße Erdbebengürtel ab, die über die Zonen mit großen Erderhebungen und besonderen Meerestiefen verteilt sind. Ein solcher Gürtel ozeanischer Tiefe begrenzt die beiden Amerika, führt an der asiatischen Küste bis zum Ostindischen Archipel entlang und setzt sich bis nach Neuseeland fort; er umgibt also den Stillen Ozean, das größte Meer, das die Hälfte der Erde bedeckt. In diesen Meerestiefen haben häufig Erdbeben ihren Ursprung. Die Länder, die daran grenzen, besitzen Bergketten, unter denen einige, wie die Anden, zu den höchsten der Welt gehören. Hier sind die Erdbeben besonders heimisch. Ein Tief, nördlich von der Insel Neu-Guinea, ist ein aktives Gebiet dieses Erdbebengürtels im Stillen Ozean, und von dort dehnt sich westwärts
ein zweiter Gürtel aus, der durch Java, Sumatra und die Bai von Bengalen nach dem Himalaja- Gebirge führt. Vom Himalaja wendet sich der Erd« bebengürtel westwärts durch Persien und Klein» afien nach Griechenland, Italien, Spanien und nach dem östlichen Atlantischen Ozean; er kreuzt diesen Ozean nicht, obwohl Erdbebengebiete auf der anderen Seite, nördlich und südlich des karaibischen Tiefs, erscheinen.
Das Becken des Atlantischen Ozeans unterscheidet sich von dem des Stillen dadurch, daß es eine verhältnismäßig ruhige Gegend ist, was die Meerestiefen, die Höhe der Gebirgsketten, die Tätigkeit der Vulkane und die Häufigkeit der Erdbeben'an- betrifft. Im Becken des Atlantischen und Indischen Ozeans gibt es nur wenige ver st reute Erdbebenzentren, und es gibt einen tätigen Gür- tel, der sich von dem anderen dadurch unterscheidet, daß er mit feinem ozeanischen Tief verbunden ist. Das ist der afrikanische Erdbebengürtel, der sich vom Mittelmeergürtel in Palästina abzweigt und durch Ostafrika zum Kap der Guten Hoffnung erstreckt. ,
Jtingerfurnier in Gießen.
Der „1. Kraft- und Sportklub 1893" veranstaltet am kommenden Samstag ein großes Ringerturnier der Feder- und Leichtgewichtsklassen, offen für die Gaue 12 (Nordhessen) und 13 (Südwest). Da bereits eine größere Anzahl Meldunaen der besten Ringer beider Gaue eingegangen sind, steht erstklassiger Sport in Erwartung. Gerade bei den Kämpfern der leichten Klassen hat man Gelegenheit, äußerst schnelle und technisch hochstehende Kämpfe zu sehen.
Im Federgewicht stehen den Gießenern Funk und Götz in Wissel und Müller- Hanau, den Gebrüdern Schott - Alsfeld, Sendelbach- Frankfu'rt, Noll- Friedberg usw. äußerst kampfstarke Ringer gegenüber. Besonders Wissel- Hanau muß beachtet werden.
Auch im Leichtgewicht ist gute Konkurrenz vertreten. Gegen den Gaumeister Steinbach-Alsfeld, den mehrfachen Kreismeister D a u t h - Hanau, Stoll-Friedberg, Köhler und Braun Hersfeld, Reuter- Frankfurt-Heddernheim werden die Gießener Vetter und Klotz einen schweren Stand haben. Auch im Leichtgewicht sind die Aussichten der erfahrenen Ringer des Gaues Südwest etwas größer, jedoch haben sich die Kämpfer des Gaues Nordhessen in der letzten Zeit stark verbessert. Gerungen wird nach den Regeln des Deutschen Schwerathletikverbandes. Das Los bestimmt die Gegner. Fünf Fehlpunkte scheiden aus. Bei einem Schultersieg erhält der Sieger 0 Fehl- punft, der Verlierer 3 Fehlpunkte. Bei einem Punktsieg erhält der Sieger 1 Fehlpunkt, der Ver- lierer 3 Fehlpunkte. Bei Einzelmeisterschaftskämpfen kann kein Unentschieden gegeben werden. Für die Sieger sind wertvolle Ehrenpreise ausge- etzt. Die Kämpfe stehen unter der Leitung des bekannten Hanauer Kampfrichters Herrmann.
Die Lugend -Kreismeiffersch aff im Kreise Gießen.
Die Austragung der Pflichtspiele um die Jugendkreismeisterschaft ist wie folgt ausgelost worden:
28. April: 1900 Gießen Jugend — Wetzlar 05 Jugend (Zitzer, Gießen).
5. Mai: Wetzlar 05 Jugend — 1900 Gießen Jugend (Kleemann, Bissenberg).
Fußball im Tv. Allendorf (Lahn).
Mendorf I — Grohen-Linden I 3:2 (2:1).
Die erste Mannschaft des Turnvereins Großen- Linden war bei der gleichen des Turnvereins Allendorf zu Gast. Eine stattliche Zuschauerrnenge laumte das Feld. Allendorf, immer noch ersatzgeschwächt, kam gleich in Fahrt und bald hieß es 2:0 für die Gastgeber. Durch einen gut placierten Strafstoß konnte Großen-Linden auf 2:1 verkürzen.
Nach der Pause ließ der Allendorfer Angriff merklich nach und der Gast kam auf, ohne dies jedoch in Toren ausdrücken zu können. Dagegen konnte Allendorf einen Elfmeterball zum dritten -cor verwandeln. Kurz vor Schluß gelang es den Gästen, auf 3:2 zu verkürzen. Das Spiel wurde sehr fair ausgetragen.
Sportverein 1928 Gorbenteich.
Fußballspiele während der Feiertage.
Der Sportverein 1928 Garbenteich hatte sich zu Ostern ein reichhaltiges Spielprogramm vorgenom- men. Die verschiedenen Begegnungen brachten den Mannschaften gute Erfolge.
Karfreitag:
Garbenteich I — VfR. Buhbach II 5:1 (2:0).
3m Spiel dieser beiden Mannschaften, die sehr fair kämpften, sah man ausgezeichnete Leistungen. Der Gastgeber war in der Gesamtleistung dem Gegner weitaus überlegen und gewann auch in dieser Höhe verdient. Der Schiedsrichter hatte ein leichtes Amt. Bor diesem Spiel standen sich die Schüler der beiden Vereine gegenüber. Die Begegnung endete unentschieden 1:1.
Ostersonntag.
Garbenteich I — Steindorf I 3:7 (3:2).
Garbenteich hatte sich mit der Mannschaft von Steindorf einen sehr spielstarken Gegner verpflich-
mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack
Plötzlich begann er ganz unvermittelt zu sprechen: „Wissen Sie, daß ich des öfteren von Ihnen gehört habe? Auch die Zeitungen brachten im vorigen Sommer Ihren Namen. Aber da war noch ein anderer, der von Ihnen sprach."
Kurth dachte sie, und ihr Herzschlag drohte auszusetzen. Glaubte er, daß dieser andere ein Rech? auf sie hatte?
„Ach, Sie meinen Kurt Lechner", erwiderte sie leichthin. „Ja, wir sind Jugendfreunde; er ist auch ein bißchen verliebt. Ich könnte seinen Namen schon tragen, wenn ich wollte, aber — aus einer Jugendfreundschaft kann sich schwer eine Liebe entwickeln, meine ich."
„Immerhin, er hat einer Frau viel zu bieten."
„Das ist nicht ausschlaggebend."
„Aber es bedeutet mehr im Leben als alles andere."
„Das glauben Sie nur, weil Sie bis jetzt nur nach Reichtum und Ansehen gestrebt haben."
„Möglich", sagte er kurz.
„Können Sie sich nicht vorstellen, daß zwei Menschen schon beim ersten Sehen wissen, daß Sie zusammengehören?"
Liebe auf den ersten Blick!, dachte Fred mit dünnem Lächeln. Mädchen, was weißt denn du? Du bist schön, du bist klug. Vielleicht hätte ich dir vor Jahren begegnen müssen, jetzt aber . . .
„Finden Sie nicht, daß die Liebe auf den ersten Blick ein wenig nach altmodischen Romanen schmeckt?" erwiderte er. „Unsere Zeit ist kühler und nüchterner geworden."
„O nein, wir sind sicherer und schneller im Ur« teil geworden."
Ganz überraschend und schnell standen sie vor ihrem Wohnhaus. Er zog den Hut. „Gute Nacht, Fräulein Gaber."
Sie lachte etwas gewaltsam. „Gute Nacht! Merkwürdig, daß Sie nie ,Auf Wiedersehen' sagen."
„Ich werde in nächster Zeit noch mehr Arbeit haben als vorher."
„Dann überarbeiten Sie sich nicht", klang es ihm aus der Dunkelheit etwas spöttisch entgegen.
Er wandte sich um, ging weiter. Grenzenlose Müdigkeit überkam ihn plötzlich. Aber — was chußte diese Irene von ihm? Gewiß, ej benahm sich ihr gegenüber wie ein Barbar, wie ein (Breis ober — wie ein Enttäuschter. Sie hatte recht, chn zu schelten, ihn einen Streber zu nennen; aber was wußte sie . . .
Seine Gedanken schweiften zurück. Er gedachte feiner kargen, an Entbehrungen reichen Jugend. Nur schwach konnte er sich erinnern, daß es einmal anders gewesen. Seit dem Tage aber, an dem der Vater tot ins Haus gebracht worden war, hatte aller Wohlstand aufgehört. So jung er gewesen, hatte er schon damals die furchtbare Katastrophe verstanden, die über die Mutter, über ihn hereingebrochen war. Nach dem völligen Zusammenbruch sein"- Gescksi-ft? bgtt" der Vater kei
nen anderen Ausweg aus all den Sorgen und Nö* * n des Lebens gewußt, als Selbstmord zu ver- übi. Damals an der Leiche feines Vaters hatte er sich' geschworen, den Namen Morland wieder zu Ansehen zu bringen, der Mutter, deren Leben von da an ein beständiger Kamps um das tägliche Brot gewesen war, einen sorgenlosen Lebensabend zu schaffen.
Es war eine jahrelanger, unerbittlicher Kampf mit dem Leben gewesen; nun stand er da, wo er hatte hinkommen wollen. Sein Geschäft hatte Aufmerksamkeit erregt, sein Name wurde mit Achtung genannt, einer der führenden Persönlichkeiten seiner Branche hatte sich an ihn gewandt. Wenn Franz Scholz sich wieder erholte, gab es kein Seitwärtsblicken mehr. Wie konnte ein Mädchen wie sie ahnen, was diese Anerkennung für ihn bedeutete, was sie ihm für Pflichten auf erlegte! —
Franz Scholz konnte nicht gehen, bevor er seine Verhältnisse nicht geordnet, bevor er sein Geschäft nicht in guten Händen wußte. Sein Wille besiegte noch einmal den kranken Körper. Die Genugtuung wurde ihm, daß er sich in dem Manne, dem er sein Vertrauen geschenkt, nicht getäuscht hatte.
Es gab Arbeit für Fred, und schon nach wenigen Tagen übersah er die Lage der alten Firma. Sie war ernst. Das Kapital lag in Außenständen, im viel zju großen Lager fest. Die Betriebsun- kosten waren zu groß. Scholz hatte keinen seiner Arbeiter um das Brot bringen wollen und auch in stillen Zeiten arbeiten lassen. Dazu kam noch, daß Werkführer und Mustermacher überaltert waren. Neuheiten tauchten in diesem Geschäft erst verspätet auf. Daher fehlten die Aufträge, das Geschäft mußte zurückgehen.
Immerhin, es waren Mißstände, die eine feste Hand und ein zäher Wille beseitigen konnten; und Fred traute sich zu, mit dem Alten zu brechen, den Geschäftsgang wieder zu beleben. Freilich, einen harten Kampf würde es kosten. Schon jetzt stieß er auf Widerstand. Da war der Prokurist des Hauses, der auf feiten des alten Chefs stand; da waren die Buchhalter, die um ihre Stellung bangten; die Schreibmaschinendamen, die heimlich bei feinem Diktat stöhnten; Werkführer und Mu- stermacher, denen es schwerfiel, seinen Gedankengängen zu folgen. Dazu kam, daß Franz Scholz immer der gütige Freund und Berater seiner Angestellten gewesen war, daß niemand gewohnt war, mit allzu festen Händen angefaßt zu werden.
Es waren lange Gespräche, die Fred mit Franz Scholz führte, in denen er Aussichten und Pläne entwickelte, und auf die der andere meistens nur mit einer Handbewegung, einem Kopfnicken einging.
Aber Fred sprach nicht allein, er handelte auch. Noch bevor alle Formalitäten, die ihn zum Mitinhaber machten, erledigt waren, war er unumschränkter Herrscher des Hauses. Seine eigene Firma vernachlässigte er fast, aber er wußte sie gut aufgehoben in den Händen seines Freundes.
Später sollte sie ihm nur zur kleinen Filiale wer- den; vielleicht daß er sie ganz auflöste, wenn Franz Scholz nicht mehr war.
Fred sah ganz deutlich die baldige Auflösung des Mannes voraus. Es hieß zu Ende mit allen Besprechungen zu kommen, klare, bestimmte Ab- machungen zu treffen, alle Formalitäten zu beschleunigen.
Die Kräfte des Kranken hielten stand. Sein Krankenzimmer war längst zum Büro, sein Bett zum Schreibtisch geworden. Er ordnete auch das Letzte. Fred Morland wurde fein Mitinhaber.
Fred fühlte eine Last von feinem Herzen fallen, und an dem Morgen, da er zum ersten Male als Chef des Hauses das Geschäft betrat, kam doch em stolzes Gefühl der Freude in ihm auf. Seit Tagen benutzte er nun schon das Auto Franz Scholz', und wenn ihm bei seinem Eintritt in das alte, oft vergrößerte und verbesserte Geschäftshaus auch kein freundliches Willkommen entgegen- klang, fo war ihm doch, als ob hier feine Lebensaufgabe auf ihn wartete, als ob er hier den Puls- schlag der Arbeit vernahm, die fortan die feine werden sollte.
Franz Schröder erwartete ihn. Die kleine, bürf- tige Gestalt des Freundes stand inmitten des Büros; fein unschönes Gesicht mit den klugen, sehr gütigen /lugen strahlte Fred entgegen. Tief bewegt reichten sich die Freunde die Hand.
„Alles Gute, Fred! Möge es dir auch hier gelingen, so mühelos vorwärtszuschreiten wie bei uns."
-.Ich danke dir, Ernst, du hast den größten Anteil an meinem Erfolg. Hättest du mir dein kleines Kapital nicht anoertraut, ich stände nimmermehr an diesem Platz."
*
Wenige Tage nach Freds Eintritt in die Firma war Franz Scholz tot.
Acht Tage nach der Beerdigung versuchte Fred Zirm ersten Male die Tochter und einzige Erbin des Verstorbenen zu sprechen. Er wurde von Frau Keppler abgewiesen mit dem Bemerken, daß das Fräulein nicht zu sprechen fei.
Acht Tage später kam er wieder.
Wieder empfing ihn Frau Keppler. „Sie wird sich auch diesmal nicht sprechen lasten", sagte sie. „Sie will niemanden sehen. Sie verschließt sich noch immer für Tage in ihrem Zimmer, nimmt kaum etwas zu sich. Ich habe mir schon die größte Mühe mit ihr gegeben. Auch Frau Widemann hat versucht, ihr zuzureden — sie scheint uns gar nicht zu hören."
„Aber sie muß sich doch endlich einmal drein- finden."
„Sie kann es noch immer nicht fassen. Sie wissen ja, wie sie damals zusammenbrach, wie sie versteinerte. Die ersten Tränen fand sie am Grabe des Vaters; seitdem weint sie täglich, kann sich nicht beruhigen."
(Fortsetzung io<ßt!)


