nicht bange. Das in der Erzeugungsfchlacht gesteckte Ziel auf dem Gebiete der Schafhaltung könne also erreicht werden.
Zum Schluß seiner Ausführungen wies der Redner noch auf die alte Sitte des P a t e n s ch a s e s hin und befürwortete deren Wiedereinführung. Das Patenschaf sei nicht nur ein billiges, sondern auch ein nützliches Geschenk.
Der Bauer dürfe sich klar sein, daß der Führer immer das Richtige tue. Nach seinem Willen solle der Bauer der Erneuerer und der Ernährer des deutschen Volkes sein. Der Bauer müsse mit allen Kräften dazu beitragen, daß unser Volk unabhängig werde. Der Führer wolle das deutsche Volk zu einem großen und ewigen Volke machen. Deshalb gelte ihm unser dreifaches „Sieg-Herl! . Mit diesen Worten, die begeisterten Widerhall fanden, schloß der Landesbauernführer. /ttrx x .
Nachdem noch Schäfer Wirth (Wetterfeld) tn herzerfrischenden Worten über die Aufgaben der Schäfer gesprochen hatte, fand die Kundgebung mit den gemeinsam gesungenen ersten Versen des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes ihren Abschluß.
Oer gesellige Abschluß.
In schöner Unterhaltung verbrachten die Schäfer dann noch einige Stunden im vertrauten Kreise. Mit dem Schäfertag war eine Tombola verbunden, die starken Zuspruch fand. Nach der Kundgebung gelangten die vielen praktischen Gewinne zur Verteilung. Der Reinertrag der Verlosung kommt dem Winterhilfswerk zugute. _ £
Am Abend fand man sich noch einmal zur Unterhaltung in der Turnhalle ein. Verschiedene gesangliche Darbietungen der Sängeroereinigung „Cacilia Lich und Aufführungen der Trachtengruppe Ebsdorf unterhielten die Teilnehmer ausgezeichnet.
Der Oberhessische Schäfertag 1935 nahm in seiner Gesamtheit einen schönen Verlauf.
Aus der provinzialhauptsiadt.
Von der Dogelwelt in diesem milden Winter.
Schon unsere Vorfahren sahen in gewissen Vertretern der Vogelwelt Wetterpropheten und schlossen aus ihrem Verhalten, ihrem vorübergehenden oder dauernden Fortzug und aus der Zeit ihrer Rückkehr auf Wind und Wetter, Sturm und Hitze und auf den Eintritt und Verlauf des Winters. In dem vergangenen Herbst konnte der aufmerksame Naturfreund die Beobachtung machen, daß sich durchweg alle Zugvögel recht spät zur Reise nach dem Süden rüsteten und daß beispielsweise der zweite Brutsatz der Stallschwalbe noch längere Zeit bei uns blieb, während die Jungvögel in früheren Jahren gleich nach dem Ausflug fortzogen. Besonders auffallend ist es, daß der Star, der typische Lebenskünstler der Vogelwelt, bei uns in normalen Wintern kaum zu sehen ist. Heuer aber hat er seine Heimat nicht verlassen und treibt sich scharenweise auf Hofstätten und Komposthaufen, Klee- und gedüngten Aeckern herum. Schön ist es, ihn bei der Nahrungssuche zu beobachten, wenn er den Schnabel spreizt, um zwischen Laub, Stroh und Gras allerlei Getier zu finden. Bereits fühlt er sich als Junker und jubiliert von dem Dachfirst, dabei mit den Flügeln schlagend.
Die weiße Bachstelze, die zu den ersten Frühlingsboten gehört, konnte man vielfach um die Weihnachtszeit wippend auf den Dorfstraßen sehen. Die wenigen Frosttage war sie an offenen Bachläufen zu finden. Ob es sich um einzelne Standvögel oder nordische Durchzieher handelt, läßt sich schwer feststellen. Bald wird das „Ackermännchen", wie die Bachstelze im Volksmunde heißt, dem Pfluge des Landmannes folgen und ihm schädliche Kerbtiere vertilgen helfen. Wer hätte sich in diesem gelinden Winter nicht an dem farbenprächtigen Rotkehlchen erfreut, das einem Geiste gleich, durch die kahlen Stachel- und Johannisbeersträucher huschte, auch am Futtergeschirr der Hühner zu finden war und dem Menschen mit seinen sammet- weichen Rehaugen besonders traulich ist!
Noch ein Vöglein hat sich durch sein Ahnen eines milden Winters den Weg nach wärmeren Strichen ersparen können. Verhältnismäßig oft konnte der Naturbeobachter die Heckenbraunelle in Geheck und
Gestrüpp feststellen, und mancher Nichtkenner mag dieses graue Vögelchen für einen Spatzen gehalten haben. Nur der viel dünnere Schnabel ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Die dürren Samen- träger der verschiedenen Unkräuter boten der Braunelle genügend Nahrung, und Insekten und deren Larven sorgten für Abwechslung in den Mahlzeiten
Während in ausgesprochenen Frostwintern das lustige Völkchen der Meisen fast immer trotz Fütterung seitens der Menschen Hofreiten und (Sötten meidet und bann zum Strichvogel wird ober Walb- qebiete aufsucht, wimmelte es in biefem Winter von Blau- unb Kohlmeisen in Dörfern unb (Stabten. Es ist eine wahre Freube, sie bei ber Nahrungssuche zu beobachten. Balb kopfoben, balb kopfunten, hängt bie Blaumeise im Geäst ber Obstbäume, sucht bie Spaliere ab unb holt unter ber Borke ber Stämme bie Obstschäbiger unb bereu Larven aus ihren Schlupfwinkeln hervor, wohin kein Spritzstrahl zu bringen vermag.
Bei Spaziergängen in ben Walb vernahm man den ganzen Winter über aus ben Kronen bes Hoch- walbes ein halblautes „Sisififisi" bes Golbhähn- chens. Das Golbhähnchen ist ber kleinste Vertreter unserer heimischen Vogelwelt unb ist mit 5,5 g Körpergewicht noch um 3 g leichter als ber Zaun-
ASBDT. (früher KDAI).
Heute, Montag, 25. Febr., abends 20.30 Uhr im Hotel Hopfelb Vortrag von Herrn Provinzial- Oderbaurat Cellarius über „Reichsauto- bahnen, Reichsfern st raßen und bas S t raßenbauprogra m m ber Provinz Oberhesse n." Gäste willkommen!
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemeinfchaft „äraff durch Freude" kreis Gießen.
Das Sportamt ber NSG. „Kraft durch Freude" hat in Gießen feine volle Tätigkeit ausgenommen. Die zwei ersten Kursabende „Fröhliche Gymnastik unb Spiele" unb „Allgemeine Körperschule" waren ein voller Erfolg.
Es gilt jetzt zu sorgen, daß alle Volksgenossen, bie seither noch keinen Sport getrieben haben, unseren billigen Sportkursen zugeführt werben. Schwimmen, Gymnastik, Leichtathletik, Rudern, Fechten, ja Reiten, alles das wird bei uns im Laufe der Zeit aufgebaut werden. Versäumen Sie nicht, sich zu unseren Kursen anzumelden.
Am Mittwoch, 27. Februar, in der Turnhalle des Lyzeums, 20 Uhr „Fröhliche Gymnastik und Spiele" (für Frauen)
könig, ber gewöhnlich als ber Zwerg ber Dogelwelt angesehen wirb. Keine Schneebecke hat bem buntfarbigen Walbvöglein bie kleinen Nabelholzsamen verborgen, unb fein Glatteis hat ihm ben Zugang zu ben Ueberw-interungsstätten ber verschiedenen Kersen versperrt.
Als Wintergast auf unseren Straßen ist in diesem Jahre die Haubenlerche fast völlig ausgeblieben. Sie hatte es nicht nötig, bie Felbmark zu verlassen, ba sie als Samensresserin an Knöterich, Gänsefuß, Nesseln, Hühnerbarm unb Gräsern übergenug Atzung fanb. Nur ber Schnee treibt sie sonst in bie Dörfer. Ihre Gevatterin, bie Felblerche, brauchte bie Unbilben einer stärkeren Frostwitterung nicht zu fürchten unb überwinterte zahlreich in unseren heimischen Gefilben. Es wirb ihr ja nachgesagt, baß sie sich immer mehr zum Stanbvogel entwickele. Vom Buchfinkmännchen ist ja bekannt, baß auch in strengen Wintern einzelne — es sollen Junggesellen sein — bei uns bleiben. Heuer konnte man auch verschiebentlich Weibchen beobachten, bie in ihrer Bescheibenheit unter allen Gästen ber Futterplätze mit bem vorlieb nehmen, was von ber anberen Tische fiel.
Am Freitag, 1. März, in der Turnhalle bes Lyzeums, 20 Uhr, „Allgemeine Körperschule" (für Männer unb Frauen).
Anmeldungen roerben auf ber Geschäftsstelle ber NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18, Zimmer 10, und an ben Abenden entgegengenommen.
Wechsel in der Leitung des sozialen Amtes im Bann 116 der HZ.
Der seitherige Leiter der Abteilung „Sozialamt" im Bann 116 der HI., Kameradschaftsführer Heinz Becker, wurde mit Wirkung vom 1. März an bas Gebiet 13 (Heffen-Naffau) ber HI. versetzt, wo er ebenfalls rvieber im Sozialamt tätig fein wirb. An feiner Stelle übernimmt im Bann 116 Jgg. Ge- richtsreferendar Ludwig Heid bie Geschäfte ber Abteilung „Sozialamt". Mit ihm ist beshalb für bie Folge in allen Angelegenheiten zu verhandeln, die Jugendpflege, Berufsberatung, Lehrstellenvermittlung, Erholungspflege, Jugendrecht und Jugend- gesundheitsführung, Arbeitsdienst und Landhilfe, Berufsschulung und soziale Versicherung betreffen.
Die Sprechstunden ber Abteilung „Sozialamt" im Bann 116 werden in Kürze noch genau bekanntgegeben. _
Hitlerjugend, Bann 116, Gießen^
Vrovinzialav^^u^-Gr^unc»
In der öffentlichen Sitzung des Provinzialaus» fchuffes der Provinz Oberhessen am vorigen Samstag kamen folgende Verwaltungsstreitfachen zur Verhandlung: _ . r
Dem Ferdinand Laubinger aus (S riebet wurde auf feine Klage gegen den Bescheid des Kreisamts Friedberg vom 13. Dezember 1934 der nachgesuchte Wandergewerbeschein für das Jahr 1935 erteilt. Von Kostenerhebung wird abgesehen.
Auf die Klage des Bezirksfürsorgeverbandes der Stadt Gießen wurde der Bezirksfürsorgeverband des Kreises Friedberg verurteilt, an den Kläger die für das Kind Andreas Löffert aufgewendeten Kosten im Betrage von 561,49 Mark zuzüglich 6 v. H. Zinsen feit dem 28. Dezember 1933 zu zahlen, das Kind in eigene Pflege zu übernehmen und bie Kosten des Verfahrens zu tragen.
Der Bezirksfürsorgeverband des Kreises Friedberg wurde auf Klage des Bezirksfürforgeverban- des Landkreis St. Goar verurteilt, aufgewendete Kosten für Hermann Hiltersmann aus Bacharach im Betrage von 86 Mark zu zahlen. Die Kosten wurden geteilt.
Auf die Klage des Bezirksfürsorgeverbandes Friedberg wurde der Bezirksfürsorgeverband Büdingen verurteill, an den Kläger Fürsorgeaufwendungen für die Familie des Hermann Weber aus Leidhecken im Betrage von 326,20 Mk. nebst 6 v. Zinsen seit dem 10. Januar 1934 zu bezahlen.
Das neue Kinoprojekt in Gießen.
Wie wir zu bem am Freitag gemeldeten Projekt ber Errichtung eines weiteren Groß-Kinos in Gießen burch ben Besitzer bes Lichtspielhauses, Bahnhofstraße, Herrn A. Henrich, weiterhin hören, ist mit ber Ausarbeitung bes Entwurfes unb mit ber Bauleitung ber Architekt Hans Burg von hier beauftragt worben, unter besten Leitung seinerzeit auch bas Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, errichtet würbe. Heber bie Vergebung ber Arbeiten für bas neue Bauprojekt wirb zur Zeit verhanbelt.
Bei biefer Gelegenheit fei vermerkt, baß bie lieber« fchrift unseres Berichtes vom Freitag auf Grund einer neueren unb berichtigten Information dahin zu verstehen ist, daß es sich bei dem Bau vor allem um ein Groß-Kino handelt, in dem zeitweilig auch Variete-Darbietungen gebracht werden sollen, nicht aber das Variete als solches die Hauptsache des neuen Unternehmens darstellt.
Vornotizen.
— Tageskalender für Montag. NSVDT. (früher KDAJ.), 20.30 Uhr, im Hotel Hopfeld Vortrag über: „Reichsautobahnen, Reichsfernstraßen unb das Straßenbau-Programm" von Provinzial« Dberbaurat Cellarius. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Hohe Schule". — Bund heimattreuer Schlesier (Deutscher Ostbund), 20 Uhr, im Studentenheim Vortrag: „Schlesiens Bergwelt". — Män- nerbabeoerein von 1836 e. V. Gießen: 20 Uhr im Aquarium ordentliche General-Versammlung. — Hauptversammlung der Ortsgruppe Gießen im Reichsverband für deutsche Jugendherbergen, 20 Uhr, im Singsaal des Realgymnasiums.
** Die S A.- und SS.-Männer der Ortsgruppe Gießen-Nord seien darauf hingewiesen, baß sie am heutigen Montag von 20 bis 23 Uhr im Caf6 Leib ihre Amnelbung zur Hilfskasse vornehmen müssen. Die Versicherung ist auf ein Vierteljahr im voraus zu bezahlen. Für die SA.- und SS.-Männer der übrigen Ortsgruppen sind bie Anmeldungen heute und am Mittwoch unb Donnerstag vorzunehmen.
** D i e M i l i t ä r v e r f o r g u n g s g e b ü h r « niffe für den Monat März werden am Mittwoch, 27. Februar, gezahlt.
** Aufnahmegefuche für bie Hessische Hochschule für Lehrerbilbung. An der Hessischen Hochschule für Lehrerbildung in Friedberg werben Studierenbe beiber Konfessionen unb Geschlechter in beschränkter Zahl neu aufgenommen. Unterlagen können bei ber Kanzlei ber Ministerial« abteilung für Bildungswesen, Kultus, Kunst und Volkstum gegen Rückporto angefordert werden.
DasRecht in nnsererGprache
Xton Dr. H. G Bieler.
Unsere Sprache ist in ewigem Wandel begriffen, die Laute ändern sich und ihre Bedeutungen. Sie ist ein tyrannisches Wesen: Wenn sie für neue Erlebnis- ober Kulturinhalte neue Ausbrücke braucht, zwingt sie undebenklich altes Wortgut in ben neuen Dienst, kühn, weitherzig, kindlich und dichterisch zugleich. Andererseits aber ist sie bie treueste Bewahrerin alter Kulturschätze, und das Gold alter Erkenntnisse leuchtet — oft seltsam umgemünzt — in Worten und Sprüchen in bie Jetztzeit.
Als das Recht noch nicht in abstrakter begrifflicher Form niedergelegt war, als noch keine Gesetze geschrieben und die Rechtssindung noch nicht einem eigenen Stande vorbehalten war, gab es dennoch in Deutschland schon eine umfassende Sammlung von Rechtsnormen, wie sie sich aus Brauch, Sitte und Mythos herausgebildet hatten, die nirgends niedergeschrieben waren, sondern sich in Form von anschaulichen, symbolischen Sprüchen im Volke von Mund zu Mund forterbten.
Sehr viele unserer „Sprichwörter" hatten einst einen sehr realen, festumrissenen Sinn. § 1705 des BGB. sagt: „Das uneheliche Kind hat im Verhältnis zur Mutter unb zu ben Verwandten ber Mutter bie rechtliche Stellung bes ehelichen Kinbes." Kürzer, bilbhafter unb vor allem mit jener Einprägsamkeit, bie für bie mündliche Ueberlteferung so wichtig ist, wirb basselbe von bem alten deutschen Sprichwort ausgedrückt: „Kein Kind ist seiner Mutter Kebskind"
Während dieses heute kaum mehr gebrauchte Sprichwort den juristischen Sinn noch deutlich zum Ausdruck bringt, gibt es andere, deren Bedeutung kaum mehr erfaßbar ist. Da heißt es etwa: „Die Tat tötet den Mann." Im alten deutschen Recht wird auf die Hintergründe einer Tat nicht eingegangen, die Tat allein gilt. Darum sagt man auch: „Ums Denken kann man niemand henken", oder in einer späteren, heute noch üblichen Fassung: „Gedanken sind zollfrei." Wenn wir heute sagen: „Not kennt kein Gebot", so fassen wir das in einem sehr allgemeinen Sinne auf. Tatsächlich ist aber hier mit Not Notstand, Notwehr gemeint, und es ist die Formel für das Notwehrrecht. Was mag wohl ber alte Spruch: „Jahr unb Tag soll ewig gelten" bebeutet haben? Wie heute nach dem Zivilrecht, konnte auch der alte Deutsche ein Gut „ersitzen": War etwas eine bestimmte Zeit praktisch im Besitz eines Mannes, so ging es auch rechtlich in
seinen Besitz über. Dabei ist „Jahr unb Tag" (eine Formel, die namentlich im deutschen Märchen oft wiederkehrt) eine Abkürzung für ein Jahr sechs Wochen und drei Tage, eine Zeitspanne, bie sich nach ben bestimmten Abstänben ber Gerichtssitzungen so herausgebilbet hatte.
„Eines Mannes Rebe ist keines Mannes Rebe" heißt in älterer Fassung „eines mannes reb ist ein halb red. man soll die pari verhören beed" und stellt also bie Forderung auf, nicht nur ben Kläger, fonbern auch ben Angeklagten zu Horen. „Wo kein Kläger, ba fein Richter", sagt bas heute nicht mehr „richtige" Sprichwort. Im alten Deutschland mußte der Gekränkte aber wirklich „Klage erheben", also nach bem ursprünglichen Sinn mit lautem Wehgeschrei Vorbringen, was ihm geschehen war. „Ein Mann, ein Wort" weist auf die starre Prozeßordnung vergangener Zeiten hin, in denen das einmal Ausgesprochene nicht mehr widerrufen werden konnte, sondern ein für allemal, zum Nutzen ober Schaben, galt. Daß auch bie Rebensart: „Wer A sagt, muß auch B sagen" wahrscheinlich aus dem Rechtsleben stammt, wird manchen verwundern. Nun hieß aber die Antwort des Beklagten das „besagen". Möglicherweise machte ber Volkswitz daraus unsere Redensart, in bem Sinn, daß wer anklagt, auch mit ber Widerklage rechnen muß, in der ihm bann das „be-sagen" zufällt! Die bekannte Wendung „Stein unb Bein" schworen stammt aus ch r i st l i ch e r Zeit: Man schwor auf ber Altar- platte (ben Stein), unter bem die Gebeine des Heiligen ruhten!
Der E i d spielt im Gerichtsverfahren unserer Vorfahren eine weitaus größere Rolle als heute. Daher auch der „Meineid", der aus einem alten Worte „mein", das „falsch", „schlecht" bedeutet, herzuleiten ist. Doch wurden außer ben „Eideshelfern" auch schon Zeugen herangezogen (Zeuge hängt mit Ziehen zusammen), besonders im Volksrecht der salischen Franken. Die Aussagen zweier unvoreingenommener Zeugen galten als schlüssiger Beweis, wie das Wort „Aus zweier Zeugen Mund wird allerwegs die Wahrheit kund" dartut.
Zum Abschluß sei noch ber Spruch „Aller guten Dinge sinb brei" als besonders schönes Beispiel aus der Wunderwelt ber Sprache gedeutet. „Ding" (althochdeutsch dinc, altnordisch thing) bedeutet ursprünglich bie öffentliche Versammlung unb bie Gerichtsversammlung; bann auch bie Stätte ber Gerichtsversammlung unb schließlich ben Gegenstand der Verhandlung. Von ba aus entwickelte sieh unsere heutige, ganz verallgemeinerte Bebeutung. Ganz ähnlich: Sache, althochbeutsch sahha, hieß Streit, Gerichtsstreit, welche Bebeutung sich noch in „Wider
sacher" erhalten hat, auch in „Ursache" gleich Veranlassung zum Streit, „Sachwalter" usw.) Das „Sine", die Gerichtsverhandlung der alten Germanen, durfte übrigens nach altarischem Brauch nur bei Tage stattfinden, daher wurde es auch tagebinc genannt. Aus bem zugehörigen Zeitwort „vertage- bingen" entwickelte sich lautgesetzlich unser „vertagen", dessen ursprüngliche Bedeutung also die juristische ist, aus der bie allgemeinere erst in Übertragung entftanb.
Wir wissen also jetzt, baß bas „Ding" unseres Sprichwortes ursprünglich bie Gerichtsverhanblung bebeutet. Warum sinb „aller guten Dinge" aber gerabe brei? Auch bas germanische Recht kannte etwas, bas unserem heutigen „Versäumnisurteil" entsprach: war ein Angeklagter trotz breimaliger Labung nicht vor bem tagebinc erschienen, so konnte über ihn bas Urteil gesprochen werben, ohne baß er gehört würbe. Die breimalige Labung hängt mit ber uralten magischen Bebeutung ber Zahl Drei zusammen, wie wir sie in vielen früheren Kulturen roieberfinben. Waren also brei „Dinge" abgehalten worben, ohne baß ber Angeklagte von seinem Recht ber Verteidigung Gebrauch gemacht hatte, so konnte er „vogelfrei" erklärt werben (bas heißt nicht „frei wie ein Vogel", fonbern „ben Vögeln frei": jeder konnte ihn ungestraft töten, unb feine Leiche war ben Krähen zum Fräße freigegeben). Drei Dinge mußten gehalten worben fein, bamit das Urteil richtig, das Ding „gut" gewesen fei! Heute fordert man mit dem alten Spruch ben Gast auf, noch einmal zuzulangen, ben Zechkumpan, noch ein Glas zu trinken — aus bem ernsten Begriff ist ein harmloses Scherzwort geworben.
Finnlands Gedenktag.
Das befreunbete finnische Volk feiert in biefen Tagen einen besonderen Gebenktag, nämlich ben 100. Jahrestag seines nationalen Epos „Kalevala". Das „Lanb der taufend Seen" hat ein schweres staatliches Schicksal durchlebt. Durch Jahrhunderte war es mit dem benachbarten Schweden vereinigt, es ist im Jahre 1809 unter bie Herrschaft Rußlanbs gekommen. Nach einiaen Jahrzehnten frieblicher Entwicklung fetzte von dieser Seite aus vor etwa 50 Jahren ber schwere Druck ber Fremb- herrschaft ein, ber bestimmt war, bas nationale unb kulturelle Eigenleben Finnlanbs zu vernichten. In dieser Zeit schwerer Not hat sich das finnische Volk starke Waffen der Abwehr geschmiedet: seine eigene Literatur unb bie politische Freiheitsbewegung. Die Sammlung bes eigenen Schrifttums ging ber politischen Bewegung voran. Dem Charakter bes Lau
bes entfprechenb ist feine Literatur national gerichtet unb naturbetont. 1835 stellte E. ß ö n n r o t aus ber reichen im Volke lebenden Dichtung fein Werk „Kalevala" zusammen, das von Finnland als das nationale Epos gefeiert wird. Später folgten die Sammlungen ber großen, bis tief ins Mittelalter reichenben Sagen unb Märchenbichtungen. Auf ber breiten Grundlage treu bewahrter.Kultur ist Finnlands Freiheitskampf am Ende des Weltkrieges mit deutscher Waffenhilfe erfolgreich geworden.
Leben auf zebn Seiten.
So gegen fünf Uhr gehe ich auf die Straße hinunter. An ber Ecke steht ber Zeitungshönbler, der mich schon kennt und mir die Zeitung reicht, ohne daß ich sie nenne. Ich werfe rasch einen Blick auf die Schlagzeile, dann gehe ich über die Straße wieder in mein Zimmer hinauf. Die Stimme des Zeitungshändlers ruft hinter mir in den Abend ...
Wie ich in das Zimmer trete, mit ber Zeitung in ber Hand, unb bas Licht einfchalte, bin ich ein anderer als ber, ber hier nachmittags am Schreibtisch gesessen, Briefe geschrieben, Zigaretten geraucht. Ich bin nicht mehr allein und ein einzelner Mensch mit bestimmtem Wollen und Können, mit Sorgen unb in verschiedene Angelegenheiten verwickelt. In diesem Augenblick, in dem ich bie Zeitung entfalte, bin ich ein Polarforscher zwischen ben Polen ber Menschheit, ich bin am Mittelpunkt der Welt, bie Räder des großen, komplizierten, ungeheuerlichen Lebens laufen in mir, kreischen, rasen, zerspringen, bleiben stehen. Fabriken brennen in mir, Züge entgleisen, Schiffe versinken Menschen sterben.
Ich gehe durch Krankenhäuser, Gerichtssäle, Volksversammlungen, Ministerkonferenzen.
Ich blicke in eine Dachkammer, wo eine menschliche Tragödie zu Ende gegangen ist. Ich höre das Lachen, Weinen, Beten, Fluchen, Rufen von Männern, Frauen, Kindern, von Glücklichen unb Unglücklichen, von Betrügern unb Betrogenen, von Einsamen unb Vielsamen, von Erfolgreichen unb Duldenden, von Verlassenen unb Entlassenen in aller Welt...
Ich höre Dazwischen bie monotone ober leiben® schaftliche Stimme irgenbeines Staatsmannes.
Ich treue mich über ben großen Lotteriegewinn, ber einer armen Familie zugefallen ist.
Ich blicke in bas gespenstische Gesicht eines Krieges, ber irgenbroo an fernen Grenzen tobt.
Mein Herz ist in Teilnahme, Mitleib, Derstänbnis, Zorn, Entrüstung verteilt über ßänber unb Meere, unter ber Erbe, in ber ßuft.
Der Strom bes ßebens rinnt burch mich.
K. R. N.


