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Nr. 223 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Dienstag, 24. September 1935

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personal.

Dazu kommt Die beerrantpeit, oie meqi und sehr zu Unrecht als eine Krankheit betrachtet wird, die man als Geschick eben hinnehmen muß. Das Krankheitsgefühl ist bei dem Seekranken sicher­lich größer als bei manch einem Schwerkranken, der an Land ins Krankenhaus gebracht wird; und diesen Menschen ihre Beschwerden wirklich lindern helfen, ist eine edle Aufgabe für den Arzt.

Eine weitere Schwierigkeit, die der Arzt an Land im allgemeinen nicht kennt, ist die V e r s ch i e d e n- h e i t d e r S p r a ch e. Die Mehrzahl unserer Passa- giere spricht nicht deutsch, und die Verständigung in Gesprächen zwischen Patienten und Arzt er­fordert eine viel größere Sprachgewandtheit als die gewöhnliche Konversation. Es sprechen daher die meisten ständigen Schiffsärzte neben ihrer Muttersprache noch mindestens zwei, wenn nicht drei fremde Sprachen. Auch im Verkehr mit den ausländischen Quarantänebehörden und Kran­kenhäusern ist eine Beherrschung der betreffenden

lichen Anleitung von geschulten Kräften hmzu- erwerben, ihrer Familie weitergeben, ist ja selbst­verständlich, denn gerade die Mutter spielt als Kulturträgerin und Kulturübermittlerin eine große

Deutsche Selbstbehauptung an der Memel.

Einmal war ein größerer Tiertransport eingeschifft, darunter auch S t r a u ß e, die zu Zucht- zwecken nach Amerika befördert wurden und nicht versichert waren. Eines Tages kam der Tierwärter in Heller Auftegung zu mir und berichtete, daß einer seiner Strauße sich schwer verletzt habe. Ich fand den Vogel Strauß am Boden liegen, fast ster­bend, mit einer langen Rißwunde in seiner Luft­röhre, die er sich an einem Nagel in seiner Trans- portkiste zugezogen hatte. Unter großen Schwierig­keiten, bei der Scheu dieser Tiere und der Kraft, die sie in den Beinen haben, gelang es mir mit fünf Matrosen, ihn so zu fesseln, daß ich diese Wunde nähen und verbinden konnte. Bei der Ankunft in Neuyork war das Tier fast geheilt und der Besitzer des Tieres vor einem Schaden von etwas 10 000 Mark bewahrt. In den Neuyorker Zeitungen auf der ersten Seite erschienen Artikel mit der groß gedruckten Überschrift:German doctor saves neck of an ostrich.Deutscher Arzt rettet den -als eines Voael Strauß."

Auf hoher See erhielten wir die funktelegraphi­sche Anfrage von einem kleineren Schiff, ob wir einen schwer erkrankten Schiffsjungen in unser Hospital übernehmen könnten. Ich bejahte, und etwa vier Stunden später begegneten sich die beiden Schiffe. Der Schiffsjunge wurde auf einer Tragbahre in ein Boot gebettet und zu uns her­übergerudert. Er hatte schon zehn Tage hohes Fie­ber und litt an einer Vereiterung des rechten Un» terschenkels der Kniegelenkkapsel und des Ober­schenkels. Das Kniegelenk war schon von dem über­weisenden Arzt des anderen Schiffes geöffnet wor­den. Der Zustand des Jungen war äußerst ernst, und nur eine soforttge größere Operation versprach ihm das Leben erhalten zu können. Nach der Opera­tion erlitt der Junge einen vollständigen Zusam­menbruch. Nur der guten Organisation unseres Hospitals, in dem es möglich war, in zwei Minuten eine Kochsalzinfusion zu machen (was nicht in jeder Klinik so schnell geht), hat der Junge es zu ver­danken, daß er diese Gefahr Überstand. Am nächsten Tage war das Fieber gesunken, und einige Tage später konnte der Seemann in Hamburg außer Lebensgefahr einem Krankenhaus zur weiteren Be­handlung überwiesen werden.

Dies sind nur einige Fälle, wie sie fast auf jeder Reise vorkommen.

Ein modernes Schiffshospifal.

Mutter darf sich ausschlafen

Ein Besuch in Erholungsheimen der 7!SV.

während einer Reise. Das macht bei siebentägiger Ueberfahrt hin und siebentägiger Heimreise pro Tag ungefähr 21 neue Patienten, eine Zahl, wie sie selbst der vielbeschäftigte Kassenarzt nicht erreicht. Dazu kommt, daß die Passagiere an Bord sehr viel Zeit haben und dies auch von den Aerzten annehmen.

Ein Schiff mit dieser Passagierzahl hat zwei Aerzte an Bord und auf der Weltreise noch einen Zahnarzt außerdem. Der Erste Arzt ist für die Medizinalabteilung auf dem Schiff verantwortlich. Auf eine gleich große Kopfzahl an Land kommen im allgemeinen auch fast zwei Aerzte; dazu noch ein Apotheker, der eine Apotheke damit unter­hält, daß er die Arzneiverordnungen dieser beiden Aerzte ausführt. Neben der Mehrarbeit der Her- tellung der verordneten Arzneimittel trägt der Schiffsarzt auch noch die Verantwortung mit, die sonst der Apotheker trägt.

Krankenhäuser gibt es im Weltmeer nicht, auch keine Fachärzte. Bis zur letzten Konsequenz und zur Landung in dem betreffenden Hafen bleibt der Schiffsarzt der allein Verantwortliche, dem selbst­verständlich alle dringlichen Operationen ge­läufig sein müssen. Auch eine genaue Kenntnis der Tropenkrankheiten und Erfahrung in deren Be­handlung gehört zu dem geistigen Rüstzeug des Schiffsarztes.

Einige Fälle aus der eigenen Praxis mögen noch die Vielseitigkeit des ärztlichen Berufes an Bord erläutern.

Zum Beispiel erhielt ich auf See ein Tele­gramm von einem schwedischen Dampfer, der eine Tagereise von uns entfernt war, und dessen Kapitän anfragte, was er mit einer Frau machen solle, die an einer schweren Blutung leide, an der sie schon vor sechs Monaten schwerkrank darnieder­gelegen habe. Ein häufiger Telegrammwechsel war notwendig, um zu einer Diagnose und einer Er­folg versprechenden Therapie, auch für den Laien oe^tändlich und ausführbar, zu kommen. Heber zwei Monate später, als wir auf der Heimreise waren und der schwedische Dampfer schon wieder auf der Ausreise, erhielt ich einen Funkspruch, in dem der Kapitän sich für meine drahtlose und er­folgreiche Hilfe bedankte. Die Patientin war in ihrem Bestimmungshafen eine Woche später gesund gelandet worden. Die kalifornischen Zeitungen be­richteten dieses Ereignis.

Der Vogel Strauß und der Schiffsjunge.

Imschwimmenden Operationsraum bei Windstärke 10.

Was haben die Aerzte auf den modernen Ozeanriesen zu tun?

Don Dr. Wilhelm Geller, 1 Arzt bei der Hamburg-Amerika-Linie.

Rolle.

Von den breiten Fenstern der hellen Schlafraume und von den Veranden aus sieht man auf die weite blaue Fläche der Ostsee, und gerade kommt ein Trupp Kinder vom Strand herauf, in Spielhöschen und Luftanzug und mit Wimpeln. Sie gehören zum Kinder-Erholungsheim der NSV., das 200 Meter weiter in Aalbeck liegt und 170 Kin­der faßt. Stramm marschieren sie daher, mit brau­nen Beinen und mit Gesichtern, die schon hübsche runde Backen haben und frische blanke Augen. Sie singen, und das klappt ganz vorzüglich mit Takt, obwohl es doch erst kleine Buben sind, und die Worte sitzen auch im Gedächtnis. Man merkt, daß sie schon drei Wochen im Heim sind, man sieht es auch an dem Eifer, mit dem die Jungen, in ihrem schönen großen Heim angekommen, sich erst die Hände waschen und die Haare bürsten, um dann geschlossen itn Speisesaal anzutreten. Sie sitzen in Gruppen zu zwanzig und dreißig an langen Tischen, ein Schlesier neben einem Hamburger, und das sächsische Mädchen neben einem bayerischen Kind, und sie verstehen sich groß­artig. Nach dem Essen fingen sie noch gemeinsam mit den jungen Kinderhortnerinnen ein papr Lieder, und später, nach der unvermeidlichen Mittagspause, führen sie den Gästen von der Presse Tänze und Singspiele vor, wobei sich manches komische Talent entwickelt. Schneeweiß sind die Betten kein Wun­der, denn im Erdgeschoß gibt es große Bade- und Duschräume, und die Leiterin des Heimes sieht selber so frisch und gesund und wie aus dem Ei gepellt aus, daß man über die Sauberkeit, die im ganzen Hause herrscht, gar nicht sehr verwundert ist.

Uebrigens hat die NSV. noch keine eigenen Heime gebaut, sie übernahm schon vorhandene Häuser, rich­tete sie für ihre Zwecke ein und konnte dafür um so mehr Kinder zur Echolung verschicken. In der Zeit vom 1. Mai 1934 bis zum 15. August 1935 verbrachten 547 460 Kinder je vier Wochen in den Erholungsheimen der NSV., wozu noch die 712 735 Kinder kommen, die in Familien untergebracht wur­den. Die NSV. kommt dabei fast ohne Unterstützung des Staates aus, nur mit den Mitteln, die vom Volk selber aufgebracht werden. Das trifft auch auf die Mütter-Erholungsheime zu. Wer aber einmal die dankbaren Blicke dieser alten und jungen Frauen und die vergnügten Gesichter dieser Kinder gesehen hat, der wird sich von Herzen mit diesem Lebenswerk des deutschen Volkes verbunden fühlen und diese Verbundenheit immer wieder auch durch ' ~ . Feodora Kern.

litauische Provinz werden.

Deshalb erhob man diese Anklage. Man konnte sie ja erheben, man kann gegen den Unschuldigsten die schwerste Anklage erheben und ihn verhaften, wenn man seine Tätigkeit lahmlegen will. Ein ein­faches Mittel. Dann zieht man die Voruntersuchung in die Länge, findet Leute, die alles, was man will, aussagen, entweder, weil man sie bezahlt oder peitscht. Das ist Reqierungsgewalt, dazu ist sie da. Russisches System. Man hat Gefangene geschlagen! Man hat sie tagelang verhört, alle zwei Stunden, ohne Schlaf! Man hat die Briefe der Angehörigen monatelang zurückgehalten, so daß die Unter­suchungsgefangenen ohne Nachricht blieben jedes Mittel angewandt, sie zu quälen, mürbe zu machen. Jede Beschwerde der Untersuchungsgefangenen wurde abaelehnt. Man antwortete ihnen:Ihr deutschen Hunde sollt im Gefängnis verfaulen!"

Sie haben in Wahrheit Gefängnis-, Zuchthaus­strafen erlitten, ohne verurteilt zu sein, lange, be­vor der Prozeß begann.

Wilhelm geht gegen halb drei zu Lilo, um mit ihr bis zum Beginn des Dienstes einen kurzen Spaziergang zu machen. Sie hat aber keine Zeit. Wenige Minuten, nachdem er gegangen ist, läutet es. Sie öffnet und steht zwei Beamten der Poll- tischen Polizei gegenüber, die den Auftrag haben, die Wohnung zu durchsuchen. Lilo hat oft im Büro der Partei gearbeitet.

Die Beamten durchsuchen die Wohnung. Der Schreibtisch ihres Vaters hat viele kleine Facher, sie müssen alle geöffnet roerben. In einem finden sie ein Paket Briefe; sie sehen es durch.

Was ist das hier?" Der Beamte hält einen Brief in der Hand: links oben eine kleine fchwarzw^ote Flagge unter einem Eisernen Kreuz, von Eichen­laub umgeben. ,...

Das sind Feldpostbriefe meines Vaters; bitte überzeugen Sie sich!" Sie nimmt ihm den Brief aus der Hand und zeigt die Adresse des Absenders; der Beamte sieht in den Ausschnitt ihres Kleides. Das Blut schießt ihr in die Wangen; sie will ihm ins Gesicht schlagen, aber sie beherrscht sich: "' Leutnant Burg, Jägerbataillon Graf Porck, II. M. G.K., D. F. 972. Das sind Feldpostbriefe meines Vaters, verstehen Sie?" t

Der Beamte nickt lächelnd und schiebt das Paket in die Tasche.

Mein Vater ist tot. Diese Briefe sind uns das teuerste Andenken sie haben doch nichts mit der Partei zu tun!"

Der Beamte zuckt die Achseln und blickt über ihre schlanke Gestalt.

Ich bitte Sie, lassen Sie die Briefe hier, neh­men Sie Rücksicht auf meine Mutters Ihr steigen Tränen in die Augen.

Später vielleicht gibt man sie zurück", antwortet .Gr,"die Tasche schließend.

Sie fühlt plötzlich glühenden Haß. Ihre Pupillen, von innerer Erregung groß geöffnet, sind tief- schwarz, das zarte Gesicht ist sehr blaß. Ihr Herz schlägt heftig.

Inzwischen hat der ander- twi Degen chres »aters der im Nebenzimmer an der Wand hangt, abaenommen; auch er wird beschlagnahmt. Wider­rede ist zwecklos. Es ist -m-r der D-g-m aus die sich die Anklage des bewaffneten Aufstandes stutzt.

ist des Schicksals Stimme". Eines derFunda­mente" des Versailler Vertrages ist das Selbstbe­stimmungsrecht der Völker.

Als die Beamten Platz genommen haben und der schneeweiße Kopf des Altsitzers Patra in der Türspalte erscheint, klingt rasches Klappern von Holzpantoffeln auf dem Steinpflaster des Hofes, es beginnt eben wieder zu regnen.

Hu! Lyts, lyts! (Regen, Regen!) Was ist hier los?" Patra sieht die fremden Fahrräder und öffnet hastig die Tür.

Lab dien, Pons Patra! (Guten Tag, Herr Patra!), sagt der Beamte, die Brille putzend.

Auch Patta erschrickt ein wenia. Er weiß schon von der Beschlagnahme der Waffen. Der Beamte läßt sich seine Pistole und sein Jagdgewehr geben und nimmt ein Protokoll auf, während sich die Familie ängstlich im Zimmer versammelt, in das durch niedrige Fenster trübes Licht fällt. Patta hat den Rock ausgezogen und sitzt in Hemdsärmeln da. Er hat ein feines Gesicht, durchaus nicht bäurisch; er liest mit Verstand die Zeitung und hört vor seinem alten Radio die Reden Hitlers. Sein Gesicht ist von Erregung leicht gerötet. Sie sprechen litauisch. Als das Protokoll beendet ist, verlangt er eine Quittung über die beschlagnahmten Waffen. Der Beamte will sie anfanas nicht geben, aber Patra verhandelt hartnäckig, vis er sie bekommt.

Und wenn heute nacht bei mir einHebrochen wird, oder wenn wir überfallen werden?'

Der Beamte zuckt die Achseln.

Litauenregiert"!

In dem im Brunnen-Verlag (Willi Bischoff), Berlin, erschienenen RomanKameraden an der Memel" (drosch. 4 Mark, Leinen 5,60 Mark) von Heinz Gerhard erleben wir im Schicksal eines jungen Deutschen und feiner Freunde den Kampf um die völkische Selbstbehauptung.

Langsam schreitet er den Feldweg nach Walters- hof hinauf. Dort macht er sorgfältig die Runde und findet Türen und Tore ordnungsmäßig verschlossen. Als Feldmann die Stufen hinaufsteigt, erscheint feine Frau in der Tür.

Er ist nicht gefonhnen, Mutter!"

Er geleitet sie ins Zimmer und läßt sie während der nächsten Stunden nicht einen Augenblick allein.

Es kann nicht schlimm werden", sagt er,sie sind unschuldig. Man wird sie verhören, vielleicht auch in Haft behalten, qber sie sind unter Men­schen; man wird sie menschlich behandeln. Mach' dir nicht unnötig Sorgen!"

Am nächsten Tag fährt sie in die Stadt. Sie muß zum Arzt; vorher will sie Hans besuchen. Er ist nicht mehr in Memel. Die Verhafteten sind nach Bajohren gebracht. Sie besucht Frau Rausching und erfährt, daß auch Fels gestern verhaftet wurde so­wie alle Mitglieder an leitender Stelle; die Ver­haftungen würden im ganzen Gebiet fortgesetzt. Während sie noch sprechen, kommt Wilhelm verstört aus dem Dienst und erzählt, Stein sei verhaftet, zum zweitenmal. Man nähme überall Haussuchun­gen vor. Kurz vor zwei kommt auch Ludwig nach Hause, blaß und schweigsam; es fällt ihm jchwer, etwas zu sich zu nehmen. Die Stadt ist voller Ge­rüchte: das Direktorium, der Oberbürgermeister, die Landräte sollen abgesetzt werden, an der memel­ländisch-deutschen Gxenze Truppen zusammenge­zogen jein. Ja, Bauern erzählten auf dem Amt, in Wischwill wären verhaftete Parteimitglieder ge­peitscht und geschlagen worden; sie, die Bauern, hätten selbst die" Schreie gehört.

Man beschuldige die Partei, einen bewaffneten Aufstand vorbereitet zu haben, um das Gebiet von der litauischen Herrschaft zu befreien. Rausching weiß, daß diese Beschuldigung unbegründet ist, weil sich einmal die Parteiführung und jedes Mitglied ausrechnen können, welche Chancen man bei einem Gewaltstreich hätte. Womit sollten sie gegen Ma­schinengewehre, Kanonen, gegen eine ausgerüstete Armee vorgehen? Ein paar hundert Zivilisten mit Spazierstöcken? Nur Kinder und dumme Jun­gen können daran denken. Und zweitens ist die Be- schulbigung unbegründet, weil Holsten immer wie­der ausdrücklich betont hat, daß die erste Be­dingung der Mitgliedschaft die Loyalität dem Litau­ischen Staat gegenüber sei.

Rausching weiß, daß man hierPolitik macht", Politik gegen die Deutschen Memels, denn Litauen sieht voraus, daß der Landtag, daß die Front der überwiegend deutschen Bevölkerung nie mehr zu erschüttern sein wird, wenn diese Partei bestehen bleibt. Ihre Ideen haben ja schon die eigenen Leute, haben Litauer für sie gewonnen. Es wird nie mehr möglich fein, auch nur eine Bestimmung der Kon­vention zu umgehen. Das Gebiet wird nie eine

Erft gegen Abend ist die Haussuchung beendet.

In den folgenden Tagen werden im ganzen Ge­biet nach den Listen der ausgegebenen Waffen­scheine Parteimitgliedern Waffen abgenommen, Jagdgewehre, Pistolen, auch Degen ehemaliger oder gefallener Offiziere, Andenken. Zu sämtlichen Schuß­waffen sind von der zuständigen Behörde Jagd­oder Waffenscheine erteilt. Sechzig bis siebzig Jagd­gewehre werden beschlagnahmt. Es ist kaum glaub­lich, auf keine anderen als diese Waffen gründet sich die Anklage des bewaffneten Aufstandes.

Die litauischen Beamten schwärmen auf Rädern durch das Gebiet. Es ist ein regnerischer Nach­mittag, als zwei Beamte auf dem Hof des Be­sitzers Patra erscheinen, dem nächsten Nachbar Feld­manns. Patra ist nicht zu Hause. Seine Frau sieht erschreckt die Uniformen und öffnet. Sie und ihre Vorfahren sind unter preußischer Herrschaft groß geworden, unter einem großen Kolonialvolk, als Menschen litauischer Abstammung. Es ging ihnen gut, nicht nur wirtschaftlich. Ihre Sprache, ihre Sitten blieben ihnen erhalten und ihre Herzen den preußischen Königen. Und den Führer des heutigen Deutschland roüroen diese litauischen Bauern Des Memelaebiets ebenso herzlich begrüßen wie die besten deutschen. Auch hier wird sich einmal das Sprichwort bewahrheiten:Der Zug des Herzens

Landessprache in Wort und Schrift unumgänglich notwendig.

21 neue Patienten pro Tag!

Der Wechsel der Patienten ist auf den großen Passaaierbampfern gewaltig. Ein Neuyorker Schnell­dampfer der Hamburg-Amerika-Linie zum Beispiel hat, wenn er voll besetzt ist, 12 0 0 Passagiere und 450 Mann Besatzung an Bord, ins­gesamt 1650 Menschen. Davon kommen in die Be- ;andlung der Aerzte an Bott) etwa 300 Patienten

(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Kinderheilkunde und Unfallchirurgie.

Die Meinung, daß der durchschnittliche Gesund­heitszustand der Schiffspassagiere besser ist als der der Landbewohner, ist falsch, denn die Passage­büros der Reedereien sind keine Bezirkskommandos, die nur vollständig gesunde Leute als Rekruten einstellen. Jeder, der nicht gerade an einer an­steckenden Krankheit leidet, kann auf einem Schiff reifen.

Bei dem fast gänzlichen Fehlen von Kur- und Badeorten in Amerika ist der Strom von chronisch Leidenden in die Bäder Europas sehr groß, und es find nicht die leichtesten Kranken, die sich ent­schließen oder von ihren amerikanischen Aerzten veranlaßt werden, als Letztes eine Badekur in Europa zu versuchen. Die Patienten wissen vielfach nur, daß sie irgendwohin zur Kur fahren wollen, über das Wohin konsultieren sie den Arzt des Schiffes.

Groß ist auch die Zahl der eingeschifften Kin- der und Säuglinge. In vielen Fallen fahren die Mütter zum ersten Male mit ihren Kindern allein, ohne die an Land gewohnte Kinder- oder Säuglingspflegerin, und vielfach wissen sie nur recht ungenau, wie der Säugling vorher ernährt worben ist. Hier die richtige Ernährung zu

finden ober bie durch die Unkenntnis der Mütter verursachte Ernährungsstörung zu heilen, ist keine leichte Aufgabe, vor allem auf der Tropen- fahrt, die an und für sich große Anforderungen an die Widerstandskraft des Säuglings stellt.

Dor allem in dem Gebiete der Unfallchirur­gie muß der Schiffsarzt durchaus bewandert sein. In der Maschine und bei den Arbeiten der Matro­sen ist die Möglichkeit einer größeren Gewaltein­wirkung stets gegeben. Ebenso bei dem Küchen-

Von der Einrichtung und Ausdehnung eines Schiffshospitals auf einem großen Passagier- bampfer macht man sich an Land gar keinen Be­griff, auch wenn jemand selbst einmal vorübergehend :r|Ulluu lals Schiffsarzt auf einem kleinen Dampfer gefah-

Dazu kommt bie Seekrankheit, bie meist ren ist. Ein solches Hospital hat 30 Betten; habet .s. ... 11^^.r,- «iwA hotrnrfifpt mu§ man bedenken, daß der größte Teil der Patien­

ten ruhig in der Kabine bleiben kann, und daß nur die schwerst Kranken ins Hospital kommen. Da im­mer die Gefahr des Auftretens von Infektions­krankheiten besteht, befindet sich an Bord auch ein Jsolierhospital. Die vornehmste Ausgabe des Arztes an Bord ist natürlich die frühzeitige Er- tennung und Isolierung von Jnfektionskranken und dadurch eine Verhütung von Epidemien. Der allgemeinen Hygiene an Bord muß der Arzt daher seine ganze Aufmerksamkeit widmen, er M für sein Schiff auch das, was an Land bet Kreis» ober Stabtarzt ist. Die großen Schifte verfügen über einen Operationsraum und ein modernes Instrumentarium, um das manches Krankenhau» an Land sie beneiden würde. Daß sich an BorG auch ein Sterilisationsraum, ein Massageraum, Licht- und andere medizinischen Bäder sowie Röntgenein- ttchtung, Höhensonne und andere Bestrahlungsein-

In langer Reihe stehen die Liegestühle auf dem schönen grünen Rasen, die Mütter erzählen sich etwas bei ihren Handarbeiten ober träumen bei einem Buch in bie Tiefe bes Gartens hinein, hin­ter dem der Wald beginnt. Wahrscheinlich denken sie nach Hause, aber sicher nicht sehr besorgt und ängstlich, denn die NSV. will, daß sich die von ihr betreuten Mütter im Heim wirklich erholen und nimmt ihnen darum diese ihre Hauptsorge ab. Wo die Familie nicht selbst für die Mutter ein­springen und den Haushalt in ihrer Abwesenheit führen kann, bekommt sie eine Hilfe, die die not­wendigen Arbeiten erledigt und die Kinder in ihre Obhut nimmt. So darf und soll die Mutter hier wirklich nur auf ihre Erholung bedacht sein, und die Einteilung ihres Ferientages, die ganze lichterfüllte, saubere Atmosphäre des Hauses, in dem sie schläft und ihre Mahlzeiten einmmmt, machen ihr diesePflicht" leicht.

Wie mag das gleich am Morgen wundervoll sein, wenn eine Frau, die zu Hause um fünf ober sechs Uhr aufsteht, um dem Mann und den beschäftigten Kindern das Frühstück zu bereiten, hier im Er­holungsheim der NSV. bis halb acht Uhr a u s- schlafen kann. Natürlich ist man bann nicht mehr zu müde, um mit wirklicher Freude und wirk­lichem Erfolg Gymnastik zu treiben und sich spater bas Frühstück schmecken zu lassen. Das Frühstück, das man fix und fertig auf den Tisch gebracht be­kommt, ebenso wie das Mittagbrot und das Abend­essen. Von allen Haushaltsarbeiten sollen die Müt­ter einmal befreit werden, Schwester Hanna, die Leiterin des Heims in Heringsdorf, sorgt da­für, baß sie richtig bebient unb verwohnt werben. Nur ab und zu stecken sie bie Nase in bie Küche, um zu erfahren, wie eigentlich der gute Pudding, den es mittags gab, zubereitet wird, und welche Zutaten zu der kräftigen Suppe nötig waren.

Dieses Fragen unb bieses Lernenwollen bricht ganz von selber in ben Frauen auf, bie sich hier einmal wieber auf s i ch selbst besinnen können und auf die Vervollkommnung ihres Wissens. Das Heim kommt den Müttern darin entgegen. Ganz zwanglos unterrichtet man die Frauen in der Selbstherstellung von Spielzeug, man gibt ihnen Ratschläge für die Erziehung ihrer Kinder und zeigt ihnen am sichtbaren Vorbild, wie man ein Heim schön und behaglich einrichtet. Nicht zuletzt werden sie unmerklich charakterlich und po­litisch geschult. Dazu kommen die Anregungen, die sich die aus allen deutschen Gauen hier zusam­mentreffenden Mütter einander mitteilen. Es ist schließlich ein Schicksal, das sie hier vereint, und ein Glück, das sie alle im Leben erfahren haben, gleichgültig, ob sie erst wenige Jahre ver- unu u«|e .

heiratet sind ober schon erwachsene Kinber haben, bie helfende Tat beweisen. Daß bie Frauen bas, was sie sich unter ber freunb-1