Nr. 274 viertes Blatt
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gverheffenj
Samstag, 23. November (935
P
;.,P
■ ZA I!
Er
k
•
x<:>
y
'M
JK“4«^J?3S
if;
MM
frw*?
- V ./
F* X E e
fr* ^wz
*>T
k ' ! fr*'
Schöne Friedhöfe unserer Heimat!
bei der Arbeit am Blumen
Mahnmale irdischer Vergänglichkeit! Alte Grabkreuze auf dem Friedhof in Beuern (Aufnahmen {8]: Neuner. Gießener Anzeiger f
Gartenarchitekten oder eines ausge|prod)enen Land- sch^ftsgärtners in Anspruch genommen werden, um eine der Umwelt und dem Charakter des Land- «chaftsbildes angepaßte Friedhofsstätte zu schaffen. Der geschulte Blick eines solchen Mannes und seine umfassenderen Erfahrungen auf diesem Spezialgebiet in Verbindung mit schönheitsfreudigen und kunstsinnigen Männern an den entscheidenden Stellen des Ortes werden ein Werk schaffen und erhalten, das dem Auge und dem Herzen der Ortseinwohner eine Quelle steter Freude und dem Orte ein eindrucksvolles Zeugnis für seinen kulturellen Hochstand sein wird
Zu einer würdigen Ruhestätte der Verstorbenen gehört aber noch mehr. Und hier erwächst sowohl dem Pflegeverpflichteten einer Einzelgrabstätte als auch der Gesamtheit der Ortsbevölkerung, vertreten durch ihre Verwaltungsbehörde, eine unabweisbare Aufgabe. Wenn man über die Friedhöfe in Stadt und Land geht, kann man viel Schönes und Geschmackvolles sehen. Dazwischen befindet sich aber auch manches Grab, das überhaupt nicht gepflegt ist. Der Grund für diesen Mangel mag entweder darin zu erblicken sein, daß die Hinterbliebenen kein Empfinden für ihre moralische Verpflichtung zur Pflege der letzten Ruhestätte ihrer Angehörigen haben — denn so arm ist doch kein Mensch, daß er nicht wenigstens eine solche Ruhestätte in Ordnung halten und gelegentlich auch mit einigen Blumen
Großen-Linden: Viele Marmorkreuze unter breitästigen Birken.
Friedhof zu Lich: Zarte Birken ragen über den Gräberreihen in den Himmel.
kameraden Abschied genommen haben. Dieses Gefühl der Verpflichtung in unserem Herzen fand feinen sichtbaren Ausdruck vor allem auch darin, es uns einfach eine Selbstverständlichkeit war, nach bester Möglichkeit selbst inmitten des Trubels öer Kriegsbegebenheiten an der Front für die letzten Ruhestätten der gefallenen Kameraden zu sorgen Viele schöne Friedhöfe sind aus dieser Verpflichtung heraus dort an den Fronten in West unö Ost und Süd in fremden Landen erstanden! Und alles geschah zum großen Teile aus der unmittelbaren Arbeit und der opfernden Kameraden- liebe der Soldaten selber. Auch an diese Friedhöfe
Nur wenige Gräber umgeben das altersgraue Kirchlein auf dem Friedhof zu Winnerod.
Totensonntag. Meist ein trüber, nebeliger Rovembertag, dessen äußeres Bild ganz deck schwermütigen Ernst des Tages entspricht. Er ist der hohe Tag der stillen Zwiesprache unserer Seelen mit ben Heimgegangenen, die als Glied der Familie, als treuer Freund oder als guter Kamerad uns im Leben teuer gewesen sind. Der Alltag mit seinem Kampf und seiner Arbeit läßt uns im allgemeinen nur wenig Zeit, in Gedanken mit den Verstorbenen vereint zu sein. Aber am Totensonntag wandern Tausende in Besinnlichkeit hinaus zu den Fried- Hosen, schmücken die Gräber als letzte irdische Stätte der Verstorbenen, verweilen dort in stiller Andacht und in herzlicher Erinnerung und gehen bann meist noch durch die Reihen der Ruhestätten, um sich auch herbei zu erinnern an die Allmacht Gottes, vor dessen Auge ein Menschenleben, und wenn es noch so hoch in die Jahre hinein reicht, nur ein winziges Sandkorn ist.
♦
Die winterliche Herbheit des Friedhofsbildes wird an diesem Tage gemildert durch das letzte Grün in den Kränzen und durch die Schönheit der letzten Blumen. Das ist der einzige Schmuck, den wir in dieser Jahreszeit unseren Toten auf ihre Ruhestätten geben können. Je schlichter dieser Schmuck ist, um so besser entspricht er der Würde unserer Totenhaine. Jedes Uebermaß von Kränzen oder von Blumen stört die wunderbaren Akkorde der gewaltigen Symphonie des Todes und der Unsterblichkeit der Seele. Ein einfacher Kranz aus Tannengrün, einige schöne Blumen in einem geschmackvollen' Gefäß und ein im übrigen in allen Teilen bestens gepflegtes Grab vermögen dem besinnlichen Menschen ein so
Grabmal, Bäume und weite Landschaft geben vom Gießener Neuen Friedhof aus ein Bild schöner Harmonie.
Der sonntägliche Kirchgang führt die Bewohner von Eberstadt n hen Gräbern nnrbpi
schmücken könnte —, oder daß die Angehörigen des Toten aus dem Orte verzogen find, oder das Geschlecht ausgestorben ist. Wo sich Hinterbliebene in Pflichtvergessenheit nicht um die Grabstätte bemühen, sollte von den Behörden um der Pietät und um des würdigen Bildes der Ruhestätten willen mit entsprechenden Maßnahmen gegen die säumigen Menschen vorgegangen werden, um sie anzuhalten, der letzten Stätte ihres toten Familiengliedes die gebotene Pflege angedeihen zu lassen. Ist aber niemand mehr am Orte, der dieser Unterhaltspflicht zu genügen hätte, dann müssen die Pflegeberechtigten der benachbarten Ruhestätten es als ihre Aufgabe ansehen, auch einem solchen verlassenen Grabe durch Pflege und Schmuck zu würdiger Schönheit und zu ehrfürchtiger Erinnerung zu verhelfen Diese einsamen und verlassenen Gräber sind für uns alle, die wir über den Friedhof gehen, eine Verpflichtung! Und auch diejenigen, die noch nicht die Verpflichtung haben, das Grab eines lieben Angehörigen oder eines im Leben nahestehenden Menschen zu schmücken, mögen gerade am Totensonntag auf einem verlassenen, fremden Grabe einige Blumen oder einen Kranz niederlegen und damit eine Liebestat in echt christlicher Gesinnung vollbringen. Aber auch die Gemeinde als solche ist hier berufen, eine schöne Pflicht zu erfüllen. Es sind wertvolle Aufwendungen, die von einem Gemeindehaushalt für die Pflege solcher einsamen Grabstätten gemacht werden. Mit ein wenig Grasfamen ,m Sommer, rechtzeitigem Schnitt der Grasfläche, ein paar Blumen und gelegentlich mit einem Kranz ist da viel Wertvolles zu tun und zugleich zu bekunden, daß Pietät und Ehrfurcht unter den Lebenden dieses Ortes lebendig find. Und noch eines muß in diesem Zusammenhänge gesagt werden und findet hoffentlich auch überall Beherzigung: Benutzt die einsamen und verlassenen Grabstätten nicht als Schrittflächen zur bequemen Erreichung des Grabes, dem eure Liebe und Fürsorge gilt! Ost kann man leider beobachten, daß ' ' ' '
schmuck einer Ruhestätte oder auch beim Begießen gedankenlos auf der danebenliegenden verlassenen Grabstätte herumgetreten wird. Das ist ein Verhal- kerne Verzeihung gewährt werden kann. Allem schon die Achtung vor der Majestät des Todes, aber auch die christliche Gesinnung sollte es jedermann innerlich unmöglich machen, an der letzten Statte eines Menschen so zu handeln. Die Heilig- kett des Ortes erfordert vielmehr von jedermann, daß fern Verhalten dieser Stätte auch in den un- scheinbarsten Einzelheiten gerecht wird. Wahrhafte Große der Gesinnung und die unerschöpfliche Tiefe des Gemüts bekunden sich auch solchen Ruhestätten gegenüber, die wir besonders unter den Blickpunkten oes Totensonntags der fürsorgenden Liebe un erer Volksgenossen in Stadt und Land empfehlen.
Wenn wir alle uns in der rechten Weife stets der Forderungen bewußt bleiben, die der Totensonntag über diesen einzigen Gedenktag des Jahres hinaus an uns stellt, dann kann uns nicht zweifelhaft fein, daß die gute Friedhofspflege eine der vornehmsten Aufgaben der Gesamtheit der Ortsbevölkerung, aber auch eine starke Verpflichtung jebes einzelnen Volksgenossen ist. Erinnern wir uns dabei — soweit wir selbst als Feldsoldaten Gelegen- hett hatten, auf Knegerfriedhöfen in Feindesland an den Grabern unserer Kameraden zu stehen —, mit welcher starken inneren Verpflichtung wir von der sterblichen Hülle unserer gefallenen Kriegs-
der Fnedhofsgeftaltung ausreichend Rechnung getragen zu haben. Selbstverständlich soll mit dieser Feststellung nichts gegen das Gärtnerhandwerk gesagt werden, dessen hohe berufliche Qualitäten auch m der Friedhofspflege in vielfältiger Weise in Erscheinung treten. Aber von grundlegender Bedeutung ist es doch, daß für die Anlage eines Friedhofs in feiner Gesamtheit und für die künstlerische Gestaltung der einzelnen Geländeabschnitte die fachlichen Spezialkenntnisse und Erfahrungen eines
Stattlich überragt her wuchtige Turm der Kirche zu Leihgestern den Gottesacker.
packendes Bild von schönem, pietätvollem Gedenken -iu bieten, daß es noch lange vor dem geistigen Auge erhalten bleibt.
♦
. ^"te Friedhofspflege durch künstlerisch empfindende Menschen mit feinfühligem Herzen wird meist in der Lage fein, unter sachverständiger Beratung &e.r „Lieferanten von Friedhofsschmuck und durch feinsinnige Gestaltung der Friedhofsanlage, soweit sie zu den öffentlichen Aufgaben gehört, auf dem Gottesacker eine würdige Kultstätte edelster. Men- schengefinnung zu schaffen. Derartig gute Beispiele werden ihre erzieherische Wirkung auch auf die Pflege der Grabstätten der Familien nicht verfeh- llen. Es ist durchaus nicht alles getan, was zu tun motwendig ist, wenn man bei der Anlage des Fried- ihofes etwa nur den Gesichtspunkt der Verwaltunqs- behörde ober — was noch schlimmer wäre — lebig- Lich ben Gebauten an eine zweckmäßige Verwer- tung eines sonst nicht recht brauchbaren Gelänbes als Richtschnur für bie Schaffung bes Friebhofes ansieht. Der Stanbpunkt, „mit biefem Stück Land kann sonst nichts angefangen werden, also wird es zum Friedhof genommen", ist der anfechtbarste und unberechtigtste, den es bei der Lösung einer wichen Aufgabe geben kann. Es ist auch nicht ausreichend, wenn man bei der Auswahl des Fried- !»ofgeländes und bei der ersten grundlegenden Arbeit zur Gesamtanlage etwa nur einen Gärtner Lus dem Orte oder aus einer Nachbarstadt hinzu- iiefjt und glaubt, damit den sachlichen Erfordernissen
Saasen begräbt seine Verstorbenen auf dem Friedhof am alten Kirchlein auf dem Veitsberg. '
wollen wir uns -im Totensonntag-Gedenken erinnern. Soweit sie uns aus Bildern Anregung geben tonnen zur Übertragung der guten Friedhofskunst oon den Felbfnedhöfen auf die Ruhestätten in der Heimat, wollen wir uns diese Anregungen als mahnendes Zeichen zu pflichtmäßigem Handeln bienen lasten.
*
(Bräber, Kreuze, Bäume unb Kapelle finb ber erhabene Dierklang unserer Friebhossstätten in otabt unb Lanb. Von biefen Plätzen geht immer mieber ein stärkenbes Gefühl ber'Ruhe unb Begebung auf bie burch ben Lebenskampf bebrängten Menschen über. Der Hauch ber Ewigkeit ist es, ber dort ben Herzen unb Gedanken einen erlösenden Ausgleich gegenüber den Spannungen des Daseins gewährt. Seien wir uns immer des hohen Wertes bewußt, der in diesen Auswirkungen der Ruhestätten unserer Toten auf uns Lebende und Schaf- sende liegt. Und tun wir in dieser Erkenntnis allezeit unser möglichstes, um diese Stätten so würdig zu gestalten und zu erhalten, wie es.ihnen um ihrer Itummen unb boch so berebeten Sprache willen zukommt. Friebhosslanb — h e i l i g es Land'
diesem Bewußtsein und mit dem Gefühl ber inneren Verpflichtung gegenüber bem Acker Gottes wollen wir am Sonntag ber Toten, aber auch in oen übrigen Zeiten bes Jahres unsere Friedhöfe durchwandeln unb uns dabei des Friedens des all- mächtigen Gottes bewußt werden.


