Nr. 248 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Mittwoch, 25. Oktober (955
Moskau und der abessinische Konflikt.
Don unserem N.-Äerichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten?) Moskau, Oktober 1935.
An dem Programm zur Revolutionierung Oer Welt, mit dessen Annahme der Komintern- k o n g r e ß schloß, fiel eigentlich nur das eine auf: An jede nur irgend wahrscheinliche Komplikation hatte man gedacht, jede etwaige neue Phase des Kampfes von vornherein in Rechnung gestellt und jeder kommenden Entwicklung versuchte man, in den Richtlinien schon jetzt theoretisch und praktisch die positivsten Seiten abzugewinnen, — das aber, woran jeder dachte, fehlte: vom abessinischen Konflikt wurde nicht gesprochen. Wenn auch die Kolonialfrage in ihrer geographischen und ökonomischen Vielgestaltigkeit zu einem der großen Angelpunkte aller Reden und aller Entschließungen gemacht wurde, wenn man auch Streiks, Unruhen, Kriegsgeschrei und Völkerverhetzung als die besten Mittel bezeichnete, um die rote Saat zum Reifen zu bringen. — aus jenem Gebiet, wo scheinbar alle diese Voraussetzungen für eine erfolgversprechende Tätigkeit der Komintern zutrafen, in dem schweren Konflikt zu Abessinien, verhielt man sich mucksmäuschenstill und lehnte es — wenigstens nach außen hin — ab, in das Feuer zu blasen. Bezeichnend dafür war das Auftreten des italienischen Kommunisten E r c o l i, eines der großen Wortführer auf dem Kongreß, der sich zwar in den heftigsten Ausfällen gegen den „Faschismus" im allgemeinen und den deutschen im besonderen erging, der aber stets doch nur den „besonderen deutschen" im Auge hatte, gegen den er die geballte Faust erhob. Streifte er auch mal den Faschismus Mussolinis mit ein paar Worten, so hatte sich zuvor seine Faust auf das Rednerpult gesenkt. Seme Stimme, die in den Flüsterton verfallen war, machte den Eindruck eines tief leidenden Menschen, upd er schwang sich höchstens zu einpm sandten Jns-G-'wisspnreden auf.
Und ebenso wie der Kommternkongreß den abessinischen Konflikt, diese unvergleichliche Gelegenheit zu weltreoolutionären Geschäften, einfach übersah, hat sich auch die große s o w j e t r u s s i s ch e Presse bis zum Auftreten Litwinows in Genf taub und stumm gestellt. Freilich fiel dem Beobachter bald auf, daß zumindest das Taubsein nur schlecht erkünstelt war. Denn mit immer größerer Augenfälligkeit wurden alle jene Meldungen und Berichte ausländischer Zeitungen verzeichnet, die die Unmöglichkeit einer friedlichen Beilegung unter» strichen, und hier und da fanden sich in diesen Berichten auch typische Kominternformulierungen, wie Hinweise auf den italienischen Kolonialimperialismus und auf die schwere Bedrohung des werktätigen abessinischen Volkes. Neuerlich finden die Meldungen besondere Beachtung, die aus Paris, Genf und London kommen und die von den Bestrebungen des internationalen Marxismus sprechen, eine E i n- h e i t s f r o n t der Gewerkschaften, der Sozialdemokraten und womöglich auch der bürgerlichen Linksparteien gegen Waffenherstellung für Italien und Wasfentransporte auf den ostafrikanischen Schauplatz oder einfach „gegen den Imperialismus Italiens" und für „die Aufrechterhaltung des Weltfriedens" zu schaffen. Jedoch ist auch hierbei die deutliche Absicht spürbar, nichts zu sagen, was als eine halbamtliche Festlegung im Sinne der Ausgabe der „Neutralität" angesehen werden könnte.
Sowohl in der befohlenen Zurückhaltung der Komintern wie in dem vorsichtigen Anpacken des heißen Eisens durch die Presse ist deutlich die leitende und lenkende Hand Stalins zu spüren. Er wünscht — vorläufig! — keine Ausbeutung des Konflikts im Sinne der internationalen kommunistischen Propaganda, weil er sich über die möglichen Auswirkungen der Entwicklung auf die zwischenstaatliche Lage der Sowjetunion noch nicht im Klaren ist Nichts kennzeichnet vielleicht deutlicher das Jneinandergreifen der außenvvlitischen Interesien der Sowjetunion mit den weltrevolutionären Auf
gaben der Komintern und die enge Verflechtung zwischen beiden, als dieses gezwungene Abwarten. Längst hätte die Dritte Internationale alle Hemmungen abgeworfen und die entstandene Lage bestens genützt Mit Mühe hat sich aber Litwinow im Kreise der „imperialistischen Kollegen" im Völkerbund häuslich eingerichtet und eine Stellung geschaffen, deren Einfluß die Sowjetregierung heute nicht mehr ohne weiteres entbehren zu können glaubt. Hier, auf dem Genfer Boden und unter den Auspizien des „Bundes der Völker", — also ganz legal und unter aller Augen — hofft Moskau, und zwar das eine und das andere Moskau, das große Zukunftsgeschäft zu machen.
Denn was Moskau heute am meisten fürchtet, ist eine Gefährdung der bisherigen Paktpolitik. Das Verhältnis, das sich gegenwärtig in Europa herausgebildet hat, enthält nach Auffassung des Außenkommissariats trotz mancher Schwierigkeiten und der ganzen herrschenden schwerfälligen Entwicklung doch noch die meisten Voraussetzungen für ein Gedeihen der eigenen Pläne In diesem Sinne ist auch das Genfer Hervortreten des Außenkommissars selbst zu verstehen. Litwinow unterstützte
Die Weinwerbewoche gibt Anlaß, den Jahrgang 1934, der auf deutschen Rebenhügeln wuchs, zu „mustern". Es ist daher wohl angebracht, auch die wirtschaftliche Seite des Weinbaues zu beleuchten. Das vergangene Jahr war mit einem Mostergebnis von 4 525 000 Hektoliter doppelt so reich gesegnet wie die vorangegangenen, in denen der Jahresdurchschnitt nur 2,2 'Millionen Hektoliter aufwies. Mit Recht wird daher das deutsche Volk zu einem „guten Schluck" aufgerufen. Im W e i u^v e r -
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vorsichtig die Bemühungen Edens und Lavals und versuchte, ebenso vorsichtig auf Italien im Sinne — wenn es nicht anders geht — wenigstens einer Lokalisierung des Konflikts einzuwirken, genau so, wie Litwinow die Front von Stresa unterstützt hat, die ihm die besten Aussichten einer Isolie- runfl Deutschlands und der Entfesselung eines rein europäischen Konflikts bot. Die englisch-italienische Spannung ist dem Herrn Litwinow- Wallach äußerst unangenehm, weil sie die Gefahr einer allgemeinen Verlagerung der Kräfte und einer europäischen Neuorientierung bedeutet. Eine Störung der jetzt bestehenden Kräfteverteilung könnte alles über den Haufen werfen, worauf Moskau baut. Es könnte eine ganz neue europäische Konjunktur geschaffen werden, — welche Rolle aber Moskau dann spielen würde, wäre noch völlig unbekannt. Deshalb die leise Warnung Litwinows an die Adresse Mussolinis, den Bogen nicht zu Überspannen und nicht eine Entwicklung heraufzubeschwören, die sich heute noch keineswegs übersehen läßt, denn der englische Widerstand gegen die im- s rialistische Kolonialpolitik Mussolinis wird in Mos- iau sehr ernst eingeschätzt — weit ernster, als die j Fähigkeiten und die Kräfte Italiens, auch einer etwaigen englischen Gegnerschaft die Stirn bieten zu i können
Aber abgesehen davon, bleiben die Beziehungen >zwischen Moskau und Rom doch freundschaft
brauch stehen wir allerdings weit hinter anderen Völkern. Unsere kleinen Schaubilder zeigen, daß der Deutsche ein recht bescheidener Weintrinker ist gegenüber dem Franzosen oder Italiener. Und das obwohl der deutsche Wein genug Abwechslung bietet. Man sehe sich nur das untere Schaubild an. Jede genannte Weinart hat eine andere Geschmacksrichtung, so daß jeder die ihm zusagende herausfinden kann. — (Scherl-M. — Zeichnungen Oehlschlägel.)
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Oer 1934er wird „gemustert".
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lich, wie sie feit nahezu zehn Jahren find. So freundschaftlich sind diese Beziehungen, — und hier liegt vielleicht ein weiterer Grund für die bremsende Tätigkeit Stalins —, daß die sowjetrussischen Getreideverschiffungen für das italienische Heer munter fortgeben Man wird fragen, wie sich das zusammenreimt. Aber man sagt sich in Moskau, daß auch die alliierten Staatsmänner Tag und Nacht um den Frieden kämpfen, während ihre Rüstungsfirmen Tag und Nacht neue Bestellungen entgegenehmen. Warum soll ausgerechnet die Regierung der proletarischen Diktatur eine Ausnahme machen, zumal ihr Devisenbedarf unvergleichlich größer ist? — Das schließt freilich nicht aus, daß später einmal die Maske fallen gelassen wird, und daß die Komintern freien Weg für ihre Tätigkeit erhält. — Bis dahin wird aber noch einige Zeit vergehen. Denn zwei Dinge wirken für Moskau störend, um schon jetzt den Kettenhund der Komintern loszulassen: Frankreich bleibt allem Anschein nach neutral und Deutschland steht weit, weit abseits. Der Krieg, den sich aber Moskau wünscht und in dem auch die Komintern alle Hände voll zu tun bekommen wird, muß ausbrechen, wenn es gelänge, diese beiden Länder aufeinander» z u h e tz e n. Erst bann würde auch Moskaus Saat aufgehen.
Werbeversammlungen mit unentgeltlicher Bewirtung sittenwidrige
Lockmethode.
Das Einigungsamt für Wettbewerbsftreitigkeiten beim Rhein-Mainischen Industrie- und Handelstag Sitz Frankfurt a. M. hat, zufolge der Rhein-Mainischen Wirtschafts-Zeitung vom 20. Oktober, feftge» stellt, daß ein Kaufmann sich des unlauteren Wettbewerbs schuldig gemacht hat, weil er zur Einführung eines von ihm vertriebenen patentamtlich geschützten Apparats durch seine Vertreter die verschiedenen Städte bereisen ließ und durch Handzettel, Flugblätter usw. zum Besuch von Werbeoer» anftaltungen aufforderte. In den Ankündigungen wurde den Besuchern der Veranstaltung kostenlose Bewirtung mit Kaffee, Bier oder Apfelwein in Aussicht gestellt. In der Begründung zu dem Spruch wird ausgeführt, daß ein Verstoß gegen das Zugabegesetz zwar nicht oorliege, weil die Bewirtung unabhängig von dem Ankauf der Ware erfolge. Durch die kostenlose Bewirtung werde aber ein gewisser moralischer Druck auf den Besucher der Veranstaltung ausgeübt, was nach heutiger Anschauung den guten Sitten nicht entspreche. Es sei auch fraglich, ob man die angekündigte Bewirtung tatsächlich als eine kostenlose bezeichnen könne. Dis Besucher der Veranstaltung, die den Aparat kauften, glaubten vielleicht, daß die Darreichung der Tasse Kaffee ufw. kostenlos sei, in Wirklichkeit komme sie ihnen aber meist sehr teuer zu stehen, da die Kosten einer solchen Reklame natürlich zu dem Kaufpreis dazugeschlagen würden. Im vorliegenden Falle hat das Einigungsamt für Wettbewerbsftreitigkeiten feftgeftellt, daß die Dertriebskoften für den in Frage kommenden Arikel bei einem Verkaufspreis von 15,50 RM. 10,50 RM. betrugen.
Allgemeine Viehzählung am 3. Dezember.
Auf Veranlassung des Reichs- und Preußischen Ministers für Ernährung und Landwirtschaft wird am 3. Dezember 1935 eine allgemeine Viehzählung durchgeführt werden. In Verbindung damit sollen
1. die nichtbeschaupflichtigen Hausschlachtungen von Bullen, Ochsen, Kühen, Jungrindern, Kälbern, Schweinen, Schafen und Ziegen in jedem der drei Monate September 1935, Oktober 1935, November 1935,
2. die in jedem der drei vorhergehenden Monate September 1935, Oktober 1935 und November 1935 geborenen Kälber ermittelt werden.
Für die Geheimhaltung der statistischen Angaben durch alle Stellen und Organe ist Sorge getragen. Die richtige und zuverlässige Beantwortung der ge» Erfordernis, sondern auch im eigensten Interesse.
„Vergiß mein nicht."
Lichtspielhaus.
Ian Kiepura und Benjammo Gigli scheinen von den Sängern unserer Zeit am ehesten dazu berufen, an die große Tradition des unvergeßlichen Caruso- anzuknüpfen. Bei Gigli ist vielleicht — aus landschaftlich-nationalen Gründen — die Verwandtschaft noch deutlicher zu empfinden, gerade in dem Syndikat-Film „Vergiß mein nicht , wo er den berühmten Tenor Enzo Curti von der Mailänder Scala spielt und auf einer Konzert-Reise durch die ganze Welt Gelegenheit hat. die Glanznummern eines blendenden Repertoires hören zu lassen. Das ist eine wundervolle Stimme von typisch italienischer Färbung, groß und weich, aber doch sehr männlich und mit metallischem Beiklang; Gigli singt hier aus „Troubadour" und „Rigoletto" mit prachtvollem Schwung und rhythmischem Temperament, er singt aus „Aida", aus „Carmen", aus „Martha" und „Lohengrin", dazu ein paar ein- fache Lieder, und wenn man die Augen zumacht, kann man sich vorstellen, eine Caruso-Platte zu hören. Aber den stärksten Eindruck macht doch von allem das ganz zart, mit halber Stimme italienisch gefungene Schubertsche Wiegenlied („Schlafe, schlafe, holder, süßer Knabe"). Und obwohl dieser Film ein richtiger Musik- und Tenor-Film ist, muß man doch mit Befriedigung feststellen, daß er nicht nur aus einer Kette für den Film zurechtgemachter Arien-Aufnahmen besteht; Gigli hat nicht bloß, wie das in manchen ähnlichen Filmen war, sich hinzustellen und mehr oder weniger unvermittelt los» zuschmettern, sondern er hat sogar eine richtige Rolle zu spielen, und er spielt sie auch so unkonventionell und innerlich beteiligt, daß man die Handlung nicht als die notwendige, aber lästige Unterbrechung eines ausgewählten Konzertprogramms anzusprechen braucht: eine der schönsten, darstellerisch und menschlich ergiebigsten Szenen ist die hilflose Liebeserklärung, die der berühmte Mann an Hand seines dicken Wörterbuches einer jungen deutschen Dame macht: er hat sie kurz zuvor in feinem Konzert zum ersten Male gesehen, und sein Gesang hat auf sie um deswillen einen fo ungewöhnlich tiefen Eindruck gemacht, weil sie dieses italienische Lied („Vergiß mein nicht") schon einmal gehört hat, in einer Nacht auf dem Meere, auf der Ueberfahrt nach Amerika — in der glücklichsten Stunde ihres Lebens. Das Mädchen hat sich in einen Schiffsoffizier verliebt, und eben als sie sich gefunden haben, klingt aus dem Radio vom Touristendeck herunter jenes Lied. Aber ach, das Drehbuch von Ernst Marijchka ist ein kleiner Roman
nach den Regeln der Kunst; das Glück ist kurz, und die Ueberfahrt endet sehr traurig; da ist nämlich noch eine andere Frau an Bord, die ihre älteren Rechte an jenen Offizier erfolglos geltend zu macken versucht und dann aus Eifersucht eine Gemeinheit begeht, an der das junge Glück jäh und schmerzlich scheitert. Als der Mann Gelegenheit findet, sich von einer bösartigen Verleumdung zu rechtfertigen, ist
Benjamino Gigli.
es zu spät und die Geliebte längst die Frau des berühmten Sängers. Wir können der Fabel hier nicht in allen Einzelheiten nachgehen, aber wir müssen doch sagen, daß die Hersteller nichts versäumt haben, um auf die Tränendrüsen des Publikums (besonders des weiblichen) mit allen halbwegs zulässigen Mitteln einzuwirken. Das ist chnen gut gelungen, und es sind denn auch gegen Ende hin (obwohl es zuletzt noch leidlich ausgeht) allerhand Taschentücher gezückt worden. — Die Musik, soweit sie nicht von berühmteren Leuten stammt, schrieb Alois M e l i ch a r. Augusto Genina führte Regie und hat dem Film, der wie ein Gesellschaftsstück an Bord eines großen Ozeandampfers beginnt, mit
unleugbarem Geschick für filmische und bildhafte Wirkungen in Szene gesetzt. Die durchweg sehr klare und artikulierte Tonwiedergabe ist zu loben. — Magda Schneider spielt die junge Dame mit der ersten, großen, unglücklichen Liebe; man kann sich vorstellen, daß sie gerade so ausgesehen hat, .und sie bringt auch in den entscheidenden Szenen ohne großen Aufwand so viel Wärme und Innerlichkeit in das Spiel, wie es die Rolle erfordert. Recht angenehm und überzeugend wirkt Siegfried S ch ü r e n b e r g als der erste Offizier, Herr von Ahrens, innerlich und äußerlich genau der ©egen» typ des Mailänder Sängers. Hedda B j ö r n s o n entledigt sich mit Anstand der undankbaren Aufgabe, ein Biest zu spielen, wie es zum Glück in Romanen und Filmen häufiger vorkommt als in der rauhen Wirklichkeit. Außerdem Schroder- Schrom, Despermann und ein niedliches Bübchen namens Peter Bosse.
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„Vergiß mein nicht" lief gestern zum ersten Male im Lichtspielhaus und wird auch bei uns seine Anziehungskraft nicht verfehlen. — Im Beiprogramm gibt es einen Kulturfilm „Das Werdenfelser Bauernhaus" und die Wochenschau mit Aufnahmen von der Trauerfeier im Tannenberg-Ehrenmal und vom Erntedankfest. (Die Gießener wird es interessieren, in den Trachtengruppen auf dem Bückeberg dem Heimatdichter Georg Heß aus Leihgestern zu begegnen.) —r—
Hochschulnachrichten
Die Vertretung der durch die Emeritierung von Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Otto zur Straßen freigewordenen ordentlichen Professur für Zoologie an der Universität Frankfurt ist für das Wintersemester 1935/36 dem Dozenten Dr. phil. habil. Gerhard Heberer an der Universität Tübingen übertragen worden.
Professor Dr. Walther W ü st, Extraordinarius für indische Philologie an der Universität München, ist zum ordentlichen Professor in München ernannt worden.
Professor Dr. Friedrich Karl Schmidt, Extraordinarius für Mathematik an der Universität Erlangen, ist zum ordentlichen Professor in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Jena ernannt worden.
Von den amtlichen Verpflichtungen entbunden wurden die ordentlichen Professoren Dr. Max I e s s n e r (Haut- und Geschlechtskrankheiten) an der Universität Breslau und Dr. I. Schurz (Mathematik) an der Universität Berlin.
Gegenseitige Hilfe im Tierreich
Wohl ist der Kampf um das Dasein eine der Hauptkräfte in der Entwicklung aller Lebewesen, er ist aber nicht die einzige, und die gegenseitige Hilfe spielt in der Welt der Tiere eine nicht geringere Rolle. Wir können das an der aufopfernden Liebe erkennen, mit der die Nachkommenschaft großgezogen wird, vor allem aber auch an der Art des Zusammenlebens in den Tierstaaten der Ameisen, Termiten, Bienen, Hummeln und Wespen. Wer bei seinen Wanderungen durch die Natur die Augen offenhält, kann auch sonst viele Beispiele dieser gegenseitigen Hilfeleistung im Tierreich beobachten. Ein bekannter Vogelforscher hat, wie in der „Leipziger Illustrirten Zeitung" mitgeteitt wird, wiederholt festgestellt, daß die Jungen der ersten Brut des Grünfüßigen Teichhuhns die Eltern bei der Pflege und Wartung der zweiten und dritten Brut tatkräftig unterstützen. Sie begleiten die jüngeren Geschwister bei ihren ersten Ausflügen in die noch unbekannte Welt und bewahren sie vor drohenden Gefahren. Ein ähnliches Bild schonen Familienlebens hat auch ein amerikanischer Forscher bei dem neu- weltlichen Teichhuhn (Gallinula chloropus chochi« nans) beobachtet. Die Tiere der älteren Brut Hellen nestähnliche Haufen im Wasser her, auf denen die jüngeren Geschwister während der Nacht von ihnen schützend eingehüllt werden. Ein englischer Forscher hat kürzlich sehen können, daß eine Iungschwalbe, die an dem wenig glänzenden Gefieder und an dem kurzen Schwanz zu erkennen ist, beim Nestbau behilflich war; wahrscheinlich handelte es sich hier um ein Schwälbchen aus der ersten Brut des Elternpaares. Diese Annahme würde mit neueren Forschungsergebnissen übereinstimmen, nach denen junge Rauchschwalben ebenso wie junge Goldammern und Ringeltauben schon im ersten Lebensjahr fortpflanzungsfähig werden. Man kann deshalb mit Recht vermuten, daß der Brutinstinkt das kleine Tier zur Mithilfe beim Nestbau der Eltern veranlaßt hat. — lieber ein besonders interessantes Beispiel gegenseitiger Hilfe im Tierreich ist in der „Cambridge Natural History" berichtet worden. Eine flügellose südafrikanische Heuschreckenart gelangt bei ihrer Wanderung an ein Gewässer; es ereignet sich nun ein seltsames Schauspiel. Die Tiere ballen sich zu einen Knäuel zusammen und stürzen sich ins Wasser. Während die nach unten gedrückten nach oben kriechen, werden andere abwärts geschoben, und immer neue Tiere drängen vom Ufer nach. So kommt die ganze Masse vorwärts, und die mei. ften Heuschrecken erreichen das andere Ufer, was bei einet-Einzelwanderung natürlich unmöglich wäre.
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