Ur. 196 Drittes Blatt
Gletzener Anzelgei (Seneral-Lnzelgel flir Gberheyeiv
zrettag, 23. August 1935
Aus der Provinzialhauptstadl.
Opfer des Verkehrs.
Unruhig geht die Mutter in der Wohnung auf und ab. Immer wieder tritt sie ans Fenster, um nach ihrem Jungen Ausschau zu halten.
„Ob ihm etwas zugestoßen ist?" Nur leise spricht die Mutter es aus.
„Was soll ihm zugestoßen sein?" Lächelnd wehrt der Vater die Sorge ab. Aber auch ihm ist nicht leicht ums Herz. Wenn auch der Junge groß und verständig ist, der starke Verkehr der Stadt holt sich auch aus den Reihen der Verständigen und Vorsichtigen seine Opfer.
Da klingelt's an der Wohnungstür. Velde, Mann und Frau, eilen, um zu öffnen. Vor ihnen steht unversehrt und gesund der Junge. Weder Vater noch Mutter lassen sich etwas von ihrer Sorge, von ihrer Unruhe anmerken. Vater brummelt etwas von „Zu-spät-kommen" und „Bummelei" vor sich hin; Mutter streichelt ganz leise und insgeheim über das Haar des Jungen. Dann geht alles wieder seinen Alltag.
Waren die Eltern überängstlich? Waren ihre düsteren Ahnungen nicht nur der Ausfluß allzugroßer Elternliebe?
Wer die letzte Statistik des Kraftverkehrsamtes der Berliner Schutzpolizei liest, wird nicht mehr über die Besorgnisse der Eltern lächeln. Die Zahl der Verkehrsunfälle im letzten Halbjahr beträgt über 1500! Gibt das nicht genug zu denken? An Opfern forderten diese Unfälle 228 Tote und 6408 Verletzte. Unter den Toten waren 29, unter den Verletzten 595 Kinder!
Diese Zahlen sind erschütternd. Sie erzählen von Trauer, Kummer und Leid. Sie sind um so erschütternder, als sich viele, viele Unglücksfälle sicher hätten vermeiden lassen. Denn welche Ursachen lagen ihnen zugrunde? Durch Außerachtlassen des Vorfahrtsrechtes entstanden 1169 Zusammenstöße; durch zu schnelles Fahren 914; durch vorschriftswidriges Einbieqen 849; Trunkenheit der Fahrer verursachte 347 Unglücksfälle! Don Monat zu Monat nimmt die Zahl der Unfälle zu. Es ist vorläufig keine Senkung abzusehen.
Es giht Leute, die beim Lesen solcher Unfallstatistiken mit lauten Worten nach einer Drosselung des Verkehrs rufen. Niemand wird ernstlich diese Forderung stellen wollen. Wir können uns nicht rückärts entwickeln. Wir haben auch keinen Grund, der Verkehrspolizei irgendwelche Vorwürfe zu machen. Die Außenbeamten der Verkehrspolizei arbeiten vorbildlich. Erst vor einigen Tagen verunglückte ein Berliner Hauptwachtmeister, der den Verkehr auf dem Potsdamer Platz regelte und starb den Heldentod treuer Pflichterfüllung. Es wäre auch müßig, einerseits alle Schuld nur auf die Autofahrer und Radfahrer zu schieben, oder anderseits nur auf die Fußgänger!
Was wir tun können ist, daß wir uns erinnern und bewußt sind, daß auch im Alltagsleben, auch im Derkehrsleben auf der Straße der Satz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" Geltung hat, Geltung haben muß! Auch im Verkehr der Stadt und der Landstraße find wir alle Glieder einer Kette! Wollen wir selbst vor den Gefahren des Verkehrs geschützt werden, so müssen wir selbst zum Schutz dieses Verkehrs beitragen, einerlei zu welcher Gattung von Straßenbenützern wir gehören. Wir alle müssen gemeinsam daran arbeiten, daß diese grausigen Unfallstatistiken endlich abschwellen. B.
Litfaßsäulen.
Manchmal kommt ein Mann mit einem Rad die Straße entlang gefahren, unter dem Arm hat er eine Rolle Papier und an der Lenkstange hängt ein Kleistertopp. Wenn er an eine dicke Litfaßsäule kommt, steigt er ab. Litfaßsäulen sehen immer so gemütlich aus, auch wenn Plakate in leuchtendem Rot und schreiendem Gelb an ihr kleben. Vielleicht kommt das, weil sie da so ruhig und rund und fest und beleibt mitten im ärgsten Derkehrsgewühl ‘ wie auf einer Insel steht. Und dann nimmt der Mann den großen Pinsel aus dem Kleistertopp, streicht langsam und mit Bedacht der Litfaßsäule über den Bauch, daß sie schön an einer Stelle
mit Kleister bedeckt ist, und wenn irgendwo in der Nähe Kinder sind, stehen sie schon mit sachverständigen Blicken und neugierigem Hin- und Herwackeln recht dicht neben ihm, schielen durch die Papierrolle und stecken die Nase in den Kleistertopp.
Und dann kommt der Hauptteil der Handlung: von der Rolle löst sich eine Haut, der Mann hat schon den Pinsel wieder in den Kleisterpott getan, der leise baumelnd am Rade hängt, nun breitet er mit beiden Armen das Plaket aus und klebt es auf die bekleisterte Stelle der Litfaßsäule. Ganz fest wird das Papier gegen den Bauch der Litfaßsäule gedrückt, kein Fältchen darf die neue Haut werfen; so, nun nochmal sacht gestreichelt, und dann auckt der Mann sein Werk, das nun in Form eines bunten Papiers hängt, an; nickt den Kindern, die schon gar nicht mehr ackt haben auf ihn, zu; nimmt die Rolle unter den Arm, der Kleisterpott wackelt zum Abschied von der Litfaßsäule etwas heftiger und mit Klingling fährt der Mann auf seinem Rad weiter zur nächsten Litfaßsäule. Um die neubekleidete oder behäutete Litfaßsäule aber stehen die Kinder und auch schon einige Erwachsene und studieren und wenn das Plakat besonders wichtig ist, dann
Einzeleintrittspreis von 1 Mark zur Verfügung gestellt. Die Karten werden bei der Ortsringleitung, Weferstraße 4, und beim Kassenwart, Friedrichstraße 16a, ausgegeben an Mitglieder und Freunde unseres Bundes und der angeschlossenen Vereine. Die Reichsbahn gibt für die Dauer der Ausstellung vom 24. August bis 8. September auch an Wochentagen Sonntags karten mit dreitägiger Gültigkeitsdauer an Besucher der Ausstellung aus.
Namensverleihuna an die HI.
Gefolgschaft 6/116 „Wilhelm Velloff".
Der Führer des Gebietes 13, Hessen-Nassau, hat dieser Tage der Gefolgschaft 6/116, Grotz e n - B u s e ck, zum Gedächtnis an den im Dienst tödlich verunglückten Kameraden Wilhelm B e l - loff den Ehrennamen:
Gefolgschaft 6/116 „Wilhelm Belloff"
verliehen. Etwas über ein Jahr ist seitdem vergangen, als die traurige Kunde des Unfalls die Einheiten der HI. wie ein Blitz durchzuckte. Jeder,
Braune weiter aus Gießen reiten noch Saarbrücken.
Zu einem großen Befreiungs-Turnier in Saarbrücken findet gegenwärtig ein Sternritt von SA.- Reitern aus allen Gegenden des Reiches nach Saarbrücken statt. Aus dem Osten und dem Norden unseres Vaterlandes lind die braunen Reiter schon seit längerer Zeit unterwegs, zum Teil passieren sie in diesen Tagen auch unsere Heimatprovinz.
Wie die SA.-Reiterstandarte 14 7 Gießen uns mitteilt, beteiligen sich auch aus ihren Formationen fünf SA.-Reiter an dem großen Sternritt nach Saarbrücken. Am kommenden Sonntag, dem 25. August, 6.30 Uhr, werden diese Reiter Gießen verlassen, um von hier aus die etwa 250 Kilometer lange Strecke in fünf Tagen (ohne Ruhetag) zurückzulegen.
Sämtliche Sternreiter müssen in den letzten drei Tagen 150 Kilometer zurücklegen, hiervon am letzten Tage mindestens 50 Kilometer. Am Donnerstag, dem 29. August, zwischen 15 und 18 Uhr müssen sie auf dem Hauptfestplatz in Saarbrücken eintreffen.
polizeibericht
Von der Hess. Polizeidirektion Gießen wird uns mitgeteilt:
Der geschlossene wehgerladen.
Zu dem amtlichen Bericht vom 16. August 1935 über die Verarbeitung tierärztlich zur Vernichtung bestimmter Fleischteile durch einen hiesigen Metzger wird ergänzend mitgeteilt, daß es sich um die Metzgerei des Hermann Christmann, Steinstr. 21, handelt, die, wie bereits gemeldet, polizeilich sofort geschlossen wurde.
Diebstahl.
In der Nacht zum 21. August wurden aus einem Schaufenster eines hiesigen Geschäfts mittels Einbruchs folgende Sachen gestohlen: Ein Görz-Feld» ftecher (Prismenglas), 6X30, eine Kamera 6X9, Jhages Ultrix mit doppeltem Auszug, Optik 4,5 Kompurverschluß; eine Kamera Jnkonta 5X8 mit 4,5; eine Agfa Billi O Pronto 5,6. Format 4^X6; eine Nagel Vollends 3X4, Optik 3,5. Der Gesamtwert der gestohlenen Gegenstände beträgt etwa 400 Mark. Personen, die sachdienliche Angaben machen können, wollen der Kriminalpolizeistelle Mitteilung machen. Vor Ankauf wird gewarnt.
Hilfsgewerbe des Verkehrs.
Der Reichs- und Preußische Verkehrsminister hat unter dem 21. Juni 1935 verfügt:
„Durch Verfügung vom 17. April 1935 — E.S. 2p 1370/35 — (abgedruckt in Nr. 92 des Deutschen Reichsanzeigers vom 18. April 1935) habe ich zur Wahrnehmung der Belange von Unternehmern und Unternehmungen das Hilfsgewerbe des Verkehr" errichtet. Die Spitzenvertretung ist die alleinige anerkannte Vertretung der nachstehend auf- geführten Gewerbezweige im Sinne des § 1 Ziffer 1 des Gesetzes zur Vorbereitung des organischen Aufbaues der deutschen Wirtschaft vom 27. Februar 1934. Ihr und ihren Untergliederungen haben alle Unternehmer und Unternehmungen ^natürliche und juristische Personen) anzugehören, die
1. Schlafwagen- und Speisewagenbetriebe unterhalten, oder
2. Reisevermittlungen betreiben, sei es, daß sie a) mit der Ausgabe oder Vermittlung von Beförderungsausweisen oder Nebenausweisen für nicht eigene, dem Personenverkehr dienende Beförderungsmittel, oder b) mit der Veranstaltung oder Vermittlung von Gesell- schafts- oder Gemeinschaftsreisen, die sich nicht auf die Beförderung mit eigenen Fahrzeugen beschränken, oder c) mit der Vermittlung von vorübergehender Unterkunft oder Verpflegung befassen.
Ich fordere alle Unternehmer (natürliche und juristische Personen) der vorstehend unter 1 und 2 aufgeführten Hilfsgewerbe des Verkehrs auf, sich spätestens zum 1. August 1935 zum Zwecke ihrer Eingliederung in die Spitzenvertretung bei dieser
An Alle!
Am 2 4. und 2 5. August findet aus dem Universitätssportplah in Gießen das
Sportfest des Bannes undIungbannes 116 statt. Wir erwarten, daß recht viele Volksgenossen das Sportfest der HZ. besuchen, damit alle in die aus dem Gebiete der körperlichen Ertüchtigung von der HZ. zielbewußt betriebene Arbeit einen Einblick bekommen. Die Sonderveranstaltungen, an der sich auch Warine-HZ. und Ilieger-HZ. beteiligen, beginnt am Sonntagnachmittag um 15 Uhr. Wer unsere Zungens beim friedlichen Wettkampf sehen will, der besuche schon vormittags unsere Sportwettkämpfe. Aus den h i n d e r - nisgepäckmarsch weisen wir besonders hin.
Als Abschluß des Vannsportfestes findet am Sonntag um 19.30 Uhr auf dem Vrandplah vor dem Alten Schloß ein
großes Gingen der HI. und des IV.
stakt, an dem 650 hitlerjungen und Pimpfe teilnehmen. Außerdem wirkt der Landsknechts-Trommel- und -Ianfarenzug des Zungvolks mit. Anschließend Schloß- beleuchkung.
heil Hitler!
Oer Führer des Bannes 116.
2N. d. F. b.: gez.: Schreiber, Gefolgschaflsführer.
ist es meist sehr groß und dann kann es auch geschehen, daß sich ein Mann oder eine Mutter mit dem Marktkorb am Arm einen Zettel nimmt und etwas von dem Plakat abschreibt und dann murmelt, „muß man hin, muß man doch rnitrnachen."
Und wißt Ihr, was in der nächsten Woche auf so einem Zettel stehen wird? BDM - Sporttag am 1. September auf dem Sportplatz — und der Vater und die Mutter mit dem Einholekorb hatten recht, wenn sie sagten: „Muß man hin, muß man sehen, muß man auch hin und muß man auch sehen, wenn die Mädel in so langen Reihen turnen wie die Mädel da auf dem großen blauen Plakat, das der Mann mit dem Kleisterpott auf dem Rade und der Rolle unter dem Arm eben aufgehängt hat."
Landschastsbund Volkstum und Heimat.
Orlsrlng Gießen.
Die Leitung der Ausstellung „Rhein- M a i n i f ch e Wirtschaft" in Frankfurt a. M. hat uns Vorzugseintrittskarten zum Preis von nur 30 Pfennig gegenüber einem
der Wilhelm Belloff kannte, wußte, daß wir in ihm einen Kameraden und Kämpfer zugleich verloren hatten. Er war im Dienst für sein Vaterland, in der Aufbauarbeit am Dritten Reich in seinem braunen Kämpferkleid ehrenvoll gefallen. Dies zeigte seine letzte Fahrt. Kein Hitlerjunge aus dem Unterbann 11/116 hatte bei dieser Feier gefehlt, um von seinem Kameraden Abschied zu nehmen und aufs neue auf die Fahne der Jugend zu schwören, daß wir nun alles einsetzen werden, um die Ehre unseres Toten rein zu halten. Wir nahmen die Verpflichtung auf uns, als Gefolgschaft „Wilhelm Belloff" nun noch fester als seither zu marschieren, den Namen unserer Einheit mit allem zu verteidigen und wenn es sein muß auch das Höchste eines Menschen dafür herzugeben.
Ein auf sämtliche Befehlstafeln der HI. im Bereich der Gefolgschaft aufgehängter Aufruf des Führers der Gefolgschaft, Scharführer Heintz, zeigt in jedem der zu der Gef. 6/116 gehörenden 13 Standorte den Jgg., welche hohe Verpflichtung diese Namensverleihung uns auferfegt in Beziehung auf Reinhaltung dieses Ehrennamens, sowie unserer Fahne, die unser Heiligstes ist.
Gelber Neid und rote Liebe.
Von Bruno H. Bürgel.
Der alte Goethe liebte zwei Farben besonders: Grün und Hellrot; er sorgte dafür, daß in Räumen, die er oft betrat oder in denen er arbeiten muhte, die Tapeten in diesen Farben gehalten waren. Eine kleine Marotte eines großen Mannes, wird man meinen, vergleichbar etwa der Vorliebe W a g n e r s für dunklen Samt, oder der merkwürdigen Gewohnheit Schillers, in der Schublade seines Arbeitstisches Überreife, stark duftende Aepfel aufzubewahren. Aber ganz so einfach ist die Sache keineswegs. Ja, die Frage, ob die Farben einen bestimmten und bestimmenden Einfluß auf uns ausüben, ist sogar sehr modern geworden, insofern, als man neuerdings Versuche unternommen hat, festzustellen, ob die menschliche Arbeitsleistung irgendwie mit der Farbe des Lichts zusammenhängt. Auch zu diesen Experimenten wurde man erst angeregt durch die Wahrnehmung, daß viele Leute (namentlich Kranke und Nervöse) gegen manche Farben eine Abneigung haben, die zuweilen hohe Graoe annehmen kann. . .
Wem fällt da nicht der Stier und das rote Tuch ein! In der Arena der Stierkämpfer spielt das eine Rolle, und auch anderswo. Ich erinnere mich noch heute jener verzweifelten Dame, die bereits eine gute Stunde vor dem (Satter einer Wiese in Oberbayern stand, über die der Weg hm- wegführte und auf der Kühe weideten Die Dame trug einen roten Rock und war besorgt, datz Sie Kühe ihr das Übelnehmen könnten. Auch mir testet der rote Rock nicht, aber als Ritter ohne Furcht und Tadel leitete ich sie über das Feld ihrer K®SirkbÄn9'aber doch auf, wenn wir erfahren, i>a6 in einer Fabrik chemischer Präparate, m der die Arbeiter den ganzen Tag bet tiefrotem Lid)t werkeln müssen, erstaunlich viele Gemutserkrankun- gen, ja nicht selten Tobsuchtsanfalle auftreten. Sprechen wir mit einem Mediziner darüber, so hören wir, daß ihm das nicht neu sei, datz bereits »or einem halben Jahrhundert die aufreizende Wir^ kung roten, die beruhigende Wirkung blauen Lichtes ' konstatiert wurde und der deutsche Arzt Zelle schon vor Jahrzehnten bei Geifteskrankheiten eine entsprechende Lichtbehandlung versuchte Er l brachte schwermütige Leute m "nem Raum unter in dem alles, vom Boden bis zur Decke non den Möbeln, Tapeten und Teppichen angefangen bis
zu den Fenstern, die mit Glas von angenehmer hellroter Farbe versehen waren, jene Strahlen des Spektrums zeigte, die den Stier in Erregung und in wilde Wut versetzten. Tatsächlich soll er überraschende Erfolge erzielt haben, und sollen Schwermütige hier ihre Munterkeit wiedergefunden haben. In Amerika soll es bereits große Heilanstalten geben, die ganz auf die hier vorgetragenen lieber« Legungen gegründet sind. Tobsüchtige sollen hier bei blauem Licht fast immer in kurzer Zeit geheilt werden.
Wir sehen also, daß sich die medizinische Wissenschaft der Frage längst ernsthaft bemächtigt hat. Ich lese soeben, daß in England bedeutende Aerzte sich zu einer Gesellschaft zusammenschlossen, die in ganz großem Stil die Farbenbestrahlung einfrchren will. Im Grunde haben wir längst in irgendeiner Form empfunden, daß die Farben auf unfer Gemüt einwirken. Wer sähe nicht die Dame seines Herzens in dieser oder jener Farbe besonders gern gekleidet, und welche Frau wüßte nicht, daß dieser oder jener Farbton ihr besonders gut „steht". Hängen nicht unzählige Bräuche, Sitten, Empfindungen, damit zusammen? Lieben wir die rote Rose, das oiolette Veilchen, die blaue Kornblume nicht aus diesem oder jenem Grunde? Schenken wir nicht Blumen bestimmter Farbe zu bestimmten Anlassen aus einem gewissen Gefühl heraus, daß eben diese hier am Platze seien? Warum haben wir gerne qrüne Glocken bei Schreibtischlampen, warum lieben wir in Fefträumen das pompejamsche Rot, und warum ist vielen das Gelb eine unangenehme ftarbe? Die Mode, die Architektur, die Blumen- Aüchter die Likörfabrikanten und viele andere Qroeiae des Erwerbslebens nehmen Rücksicht auf. Sympathien und Antipathien, die wir den Farben entaeaenbringen, und ob die Blonden ober die Braunen hübsch r find, darüber streiten die Männer stit Adams Zeiten. Selbst die Militärbehörde hat rüber in kluger Berechnung dem Farbenwert der ilniformen g?oße Beachtung geschenkt Auch die Liebe zum „zweierlei Tuch (die Liebe m feder cKnrmf muhte zu ihrem Recht kommen! —
5 Weshalb nun die Farben fo aerfchi e d - n auf uns wirken, wie da die Hebel und Rader unsres Empfindungsapparates gesteuert werden, das ist nach heute recht unklar. Ganz uberrafchende Entde-kung-n in di-f-r H'nstcht machte man vor einiger Zeit in der Psychiatrischen Umversttats- kkinik zu Wien- sie beroei en, daß mir nicht nur mit den Augen sehen, sondern daß auch unsere Haut stark beteiligt ist bei der lieber*
tragung der Lichteindrücke auf den Zentralapparat unseres Empfindungslebens, das Gehirn. In einen völlig dunklen Raum brachte man Leute, denen die Augen fest verschlossen waren (auch Blinde dienten bei den Experimenten). Die Versuchspersonen mußten die Arme horizontal nach vorn ausstrecken und so möglichst unbeweglich verharren. Ohne daß sie eine Ahnung davon hatten (Wärmestrahlung war durch Eiswasserbehälter, die vor die Lampen gesetzt wurden, völlig beseitigt) beleuchtete man die Versuchspersonen seitlich bald mit weißem, bald mit rotem, bald mit blauem Licht. Und nun trat etwas lieber« raschendes ein: Auf weißes Licht reagierten die Bestrahlten überhaupt nicht, die Arme blieben unbeweglich; schaltete man aber das rote Licht ein, so bewegten sich die Arme ohne zutun, ja oft ohne Wissen der Person, der roten Lampe zu, während bei blauem Licht das genau Umgekehrte sich ereignete, die Arme wanderten seitlich fort von der Lichtquelle. „Rot zieht an, blau stößt ab!", das war das Ergebnis dieser Untersuchungen.
Zugleich war unoerfeennbar, daß also d i e Haut „sieht", auf die Lichteindrücke reagiert, so stark, daß ein Teil des Körpers in Bewegung gesetzt wurde, sich zuneigte und abwandte. „Zuneigung" und „Abneigung" gewinnen hier plötzlich einen interessanten Nebensinn. Vergessen wir übrigens bei diesen Experimenten nicht, daß ja eigentlich auch die Pflanzen so „sehen", und auch niedere Tiere, die keine Augenanlage haben!
Ueberdenken wir all diese Erscheinungen, dann verstehen wir auch, daß die Arbeitsleistung des Menschen unter Umständen vom Farbton des Lichtes abhängen kann, und darüber angestellte Versuche haben ergeben, daß Gelb und Grün die Leistung steigern, Rot und weißes Tageslicht einen Mittelwert bringen, Blau die Leistung verringert. Sehschärfe, Sicherheit der Hand, Arbeits« forgfalt find nach Dr. Ruffer, der diese Experimente in Berlin anstellte, demnach vom Farbton des Lichtes abhängig, und wenn auch dabei da und dort Abneigung gegen gewisse Farben eine Rolle spielt, im allgemeinen hat sich ergeben, daß das gelbe Licht für die Arbeitsleistung am zweckmäßigsten ist.
lieber all solche Einzelheiten hinaus interessiert den Tieferblickenden hier die Erkenntnis, daß all unser Empfinden, unser Tun und Handeln, unsere Zuneigungen, Abneigungen, unsere Lust- und Unlustgefühle aus unglaublich komplizierten Umwelteinwirkungen entstehen. Wir hören die Glocken klingen, aber wir wissen nicht, wo sie hängen!
Mozart gewinnt eine Wette.
Eine luftige Wette bot einmal Mozart Haydn an. Er sagte bei einer fröhlichen Gesellschaft zu ihm: „Ich wette um sechs Flaschen Champagner, daß ich ein Stück komponieren will, das Sie nicht vom Blatt spielen können." Haydn nahm die Wette an, und Mozart warf nun einige Noten dufs Papier. Zunächst war Haydn überrascht von der Leichtigkeit der Komposition, plötzlich aber hielt er an und fragte: „Wie soll man das bloß spielen? Meine beiden Hände sind an den äußersten Enden des Klaviers, und zu gleicher Zeit soll ich in der Mitte eine Taste anschlagen. Das geht nicht!" — „Es geht doch!" ries Mozart, setzte sich ans Klavier, und an der betreffenden Stelle schlug er die Taste in der Mitte an, indem er sie mit der Nasenspitze berührte. Haydn mutzte das allerdings schwer fallen, denn er hatte eine Stumpfnase, Mozart aber eine sehr lange, und so zahlte denn Haydn die sechs Flaschen Champagner.
Hochschulnacbnchten
Die Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Frankfurt hat Herrn Paul N i p k o w in Berlin die Würde eines Ehrendoktors (Doc- tor philosophiae naturalis) verliehen. P. Nipkow, der am 22. August feinen 75. Geburtstag beging, hat bereits vor mehr als 50 Jahren, in einem Patent von 1884, die grundlegenden Gedanken für die heute üblichen Fern seh - Verfahren bekannt- gegeben. Nipkows Name war bis vor wenigen Jahren nur den Fachleuten bekannt. Die „Nipkow- Scheibe", diese genial einfache Vorrichtung für das punktweise Abtasten des Bildes, hat seinen Namen jetzt weltbekannt gemacht. Bemerkenswert ist noch, datz Nipkow bereits 1884 die Idee für ein trägheitsloses Lichtrelais hatte und beschrieb. Die Gedanken von Paul Nipkow eilten dem Stande der damaligen Technik weit voraus.
Professor Dr. Heinrich W i e n h a u s , Extraordinarius für anorganische Chemie an der Universität Leipzig, ist zum ordentlichen Professor an der Technischen Hochschule in Dresden ernannt worden.
Professor Dr. Richard Fröner, Ordinarius für Philosophie an der Universität Kiel, ist auf feinen eigenen Antrag von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.


