80 bis 90, Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 30 Vis 60, Schwarzwurzeln 20 bis 30, Kartoffeln 4 Pf-, der Zentner 3,40 bis 3,50 Mark, Aepfel, das Pfund 18 bis 25 Pf., Honig 40 bis 50, junge Hähne 90 Pf. bis 1 Mark, Suppenhühner 75 bis 90 Pf., Enten 90 Pf. bis 1 Mark, Tauben, das Stück 60 bis 70 Pf., Blumenkohl 30 bis 60, Salat 20 bis 25, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 35 Pf.
Kriegerverein Gießen.
Am Donnerstagabend fand — wie man uns berichtet — im Dereinslokal Cafe Ebel hie Jahreshauptversammlung statt. Der erste Vereinsführer, Landgerichtsrat Trümpert, begrüßte die zahlreich Erschienenen, gedachte in ehrenden Worten eines verstorbenen Kameraden und sprach von der gewaltigen Arbeit unseres Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler. Vieles sei erreicht worden, noch mehr sei zu tun. Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund sei kein Fehler gewesen, jetzt könne gesagt werden, daß unser Vaterland wieder geachtet und geehrt in der Welt dastehe. Seine Rede endete mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer, worauf stehend je der erste Vers des Horst- Wessel- und des Deutschlandliedes gesungen wurde.
Hierauf erstattete Schriftführer Stroh den Jahresbericht, Kamerad Hartmann trug den Kassenbericht von 1934 und Voranschlag für 1935 vor. Jahresbericht, Kassenbericht und Voranschlag wurden einstimmig genehmigt. Kamerad Glebe erklärte, daß die Kassenprüfer bei einer Revision und Prüfung der Jahresrechnung alles in bester Ordnung vorgefunden hätten, worauf dem Kassenwart Entlastung erteilt wurde. Kamerad Trümpert sprach dem Kassenwart und Schriftführer den Dank hes Vereins aus.
Bei der Wahl der Führerschaft, Beirat, Kassenprüfer, Fahnenträger und Begleiter ist alles beim alten geblieben. Neu in den Vorstand treten als zwei weitere Beisitzer die Kameraden Glebe und Bormuth. Für Kamerad Glebe, der — da jetzt Vorstandsmitglied geworden — als Kassen- prüfer ausscheidet, wurde Kamerad Obersteuer- inspektvr H ö n i g berufen.
Da der zweite Vereinsführer, Kamerad B o n - Hard, am Erscheinen verhindert war, wird Punkt 4 der Tagesordnung (Versicherungswesen) in der nächsten Monatsversammlung behandelt.
Kamerad Klein teilte mit, daß unsere besten Schützen, die Kameraden Willi Georg und Gg. Schilling, die höchste Schießauszeichnung: Plakette des Reichskriegerbundes Kyffhäuser mit Diplom von General Reinhard und Handschreiben von unserem Landesführer Generalleutnant Fett erhielten, und zwar ist dies die höchste Schießauszeichnung, die der Reichskriegerbund zu vergeben hat. Der erste Vereinsführer beglückwünschte den anwesenden Kameraden Georg (Schilling war leider am Erscheinen verhindert) und sprach den Schießleitern Klein und Wagner Dank und Anerkennung für die gute Ausbildung der Schützen aus.
Kamerad Trümpert hielt sodann einen Licht- bilderoortrag von der deutschen Kriegsgräberfür- sorge. An Hand zahlreicher, sehr schöner Lichtbilder konnte er der Versammlung vor Augen führen, was der Volksbund Deutsche Kriegergräberfürsorge mit wenigen finanziellen Mitteln geleistet hat. Die Ruhestätten in Feindesland der Besten unserer Söhne wirken in ihrer Schlichtheit, Einfachheit und durch Einfügen in >das Landschaftsbild pietätvoller als die mit großen finanziellen Mitteln geschaffenen parkähnlichen Prunkfriedhöfe der ehemaligen Feindmächte.
Die Kameraden Trümpert und Klein warben für die Mitgliedschaft im Volksbund Deutsche Kriegergräberfürisorge, und Kamerad Klein sprach dem ersten Vereinsführer den Dank der Versammlung für den lehrreichen Vortrag aus. Gleichzeitig wurden einige Reise an die Westfront zum Besuch der deutschen Kriegergräber erläutert: so kostet z. B. eine Reise an Ostern 1935 (21. und 22. April) gleich 2 Tage nach Verdun ab Heidelberg und zurück einschk Abendessen, Uebernachtung und Frühstück
Helma lächelt.
Kriminalroman von Klothilde von Stegmann.
Urheberrochtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Hatte (S.).
14. Fortsetzung • Nachdruck verboten!
Auf Horsts Gesicht erschien wieder das grübelnde Nachdenken:
„Aber da war doch noch etwas, ganz bestimmt. Ich weiß nur nicht mehr, was. Aber was ist denn aus Helma geworden?"
„Aus Helma?" fragte Kommissar Dundee erstaunt. „Wer ist Helma?"
„Meine Adoptioschwester; sie war doch dabei. Was geschah mit ihr, nachdem ich besinnungslos wurde?"
Besorgt griff der Stationsarzt nach dem Puls des Kranken. Dann fühlte er die Stirn, auf der kleine Schweißperlen entstanden.
„Ich glaube, es ist für heute genug, Herr von Gernsheim: die Unterhaltung scheint Sie sehr an- guftrengen! Ich glaube, Sie haben schon wieder
„Nein, nein", sagte Horst entschieden, „ich habe kein Fieber. Ich bin ganz klar. Was wurde denn mit meiner Adoptivschwester?" wiederholte er hartnäckig.
„Er phantasiert!" sagte der Stationsarzt leise zu dem englischen Kriminalkommissar. Der warf einen scharfen Blick auf Horst:
„Das glaube ich nicht", sagte er bestimmt, „da ist noch irgend etwas."
„Aber ich kann für heute keine weitere Unterhaltung mehr gestatten."
Der Arzt sprach es sehr entschieden. „Wir wollen froh sein, daß wir unseren Patienten ohne eine Gehirnentzündung aus dieser Geschichte herausbekommen haben. Ich möchte nichts riskieren."
„Nur eine Frage noch!" bat Dundee. „Sagen Sie, Herr von Gernsheim, Sie wissen ganz genau, daß Ihre Adoptivschwester mit Ihnen gewesen ist?"
„Aber ganz genau!"
Horst wollte noch weiter sprechen. Aber Dundee machte eine abwehrende Handbewegung:
„Was Sie uns heute gesagt haben, ist für die weiteren Ermittelungen außerordentlich wichtig. Jetzt müssen Sie sich ausruhen. Nichts weiter denken, als daß Sie möglichst schnell gesund werden, um hier herauszukommen."
„Aber ich habe doch keine Ruhe, solange ich nicht weiß, was aus Helma geworden ist."
„Wissen Sie vielleicht, wo Ihre Adoptivschwester gewohnt hat?"
„In einer Pension in der Alstervorstadt. Aber ich weiß den Namen nicht. Wenn ich gesund wäre, würde ich das Haus ja finden, aber jo —" Er zuckte mutlos die Achseln.
kn Verdun, Bedienung, Bestchttgungen und Führung nur 31 Mark.
Musikalische Darbietungen und einige gesungene Soldatenlieder verschönten den Abend.
Vornotizen.
— Tageskalender f ü r Samstag: Stadttheater: (Deutsche Bühne) 20 bis 22.15 Uhr „Christa ich erwarte dich". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Hohe Schule". — Astoria-Lichtspielhaus, Seltersweg: „Rom-Expreß". — Turnverein von 1846 Gießen 20.01 Uhr in der Turnhalle, Stem- ftraße, Turner-Maskenball. — Sanitätsverein Gießen, 20 Uhr Vortrag von Dr. med. Kranz über „Volksgesundheitspflege im neuen Deutschland", Ehrung der Jubilars und Bunter Abend. — Stickerei- und Spitzen-Werkschau 14 bis 18 Uhr im Turmhaus am Brandplatz.
— Tageskalender für Sonntag: Stadttheater: 19 bis 22 Uhr „Der goldene Pierrot". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Hohe Schule". — Astoria-Lichtspielhaus, Seltersweg: „Rom-Expreß". — Familienabend der Lukasgemeinde: 20 Uhr Lukassaal. — Sanitätsverein Gießen: 9.30 Uhr Festgottesdienft in der Stadtkirche; 14.30 Uhr im Cafe Leib 51. ordentliche Mitgliederversammlung, humoristische Unterhaltung. — Stickerei- und Spitzen-Werkschau im Turmhaus am Brandplatz. —
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Sonntag, 24. Februar, 19 Uhr, die rheinische Karnevalsoperetten-Revue: „Der goldene Pierrot", 8 Bilder mit Musik, Gesang und Tanz von Walter W. Goetze; Leitung: W r e d e — Cuje — Rabenau — Plank. — Dienstag, 26. Februar, Erstausführung der heiteren Begebenheit „Frischer Wind aus Canada", ein Viertags- Spiel von Hans Müller-Nürnberg. Spielleitung hat Intendant Hanns König, musikalische Leitung Kapellmeister Fritz Cuje. — Mittwoch, 27. Februar, 19.30 Uhr, „Frischer Wind aus Canada". — Donnerstag, 28. Februar, geschlossene Borstel- lung für die NS.-Kulturgemeinde, Ring Deutsche Bühne, ungerade Mitgliedsnummern, das Lustspiel „Christa, icy erwarte dich" von Möller und Lorenz; Spielleitung Kurt L ü p k e. — Freitag, 1. März, 20 Uhr, „Frischer Wind aus Canada". — Samstag, 2. März, außer Abonnement die Revue-Operette des rheinischen Karnevals „Der goldene Pierrot", acht Bilder mit Musik, Gesang und Tanz von Walter W. Goetze.
— Reichsverband für deutsche I u - aendherbergen, Ortsgruppe Gießen. Kommenden Montag um 20 Uhr findet im Singsaal des Realgymnasiums die Hauptversammlung der Ortsgruppe Gießen im Reichsverband für deutsche Jugendherbergen statt. Neben dem geschäftlichen Teil werden Berichte über den Stand der Jugendherbergen in Oberhessen gegeben. Die Versammlung wird von Liedern und Sprechchören der nationalsozialistischen Jugend umrahmt. Es sei auf die heutige Anzeige verwiesen, in der auch die Ausgabestellen für Ausweise angeführt sind.
— Hausbesitzerverein Gießen. Kommenden Mittwoch abend im Gasthaus Hindenburg 28. Hauptversammlung mit Vortrag (näheres in der heutigen Anzeige).
*
** Neuer Friedhofsverwalter in Gießen. Nach Erreichung der Altersgrenze ist der bisherige Friedhofsverwalter auf dem Neuen Friedhof Friedrich Siehr in den Ruhestand getreten. Herr Siehr, ein geborener Licher, stand feit Oktober 1902 im Dienste der Stadt Gießen. Als fein Nachfolger im Amte des Friedhofsverwalters wurde Herr Greif von hier bestimmt und nunmehr verpflichtet.
** Gefechtsschießen der Gießener Garnison. Im heutigen Anzeigenteil ist eine kreisamtliche Bekanntmachung enthalten, in der die Zeiten des Gefechtsschießens der Truppenteile des Standorts Gießen am kommenden Montag, Dienstag und Mittwoch und die Abgrenzung der gefährdeten Gebiete zur öffentlichen Kenntnis gebracht werden. Auf die Bekanntmachung fei besonders hingewiesen.
** Eine öffentliche Zahlungsmah» n ung erläßt hie Gießener Stadtkasse in unserem heutigen Anzeigenteil. Es handelt sich dabei um die Bezahlung von Gemeinde-, Kreis- und Prooinzial- umlagen einschließlich Sondergebäudesteuer 1934, Kanal-, Müllabfuhr- und Straßenreinigungsgebühren 1934, sowie um die erste Rate der Burgersteuer 1935. Die Zahlungspflichtigen seien auf die Bekanntmachung besonders hingewiefen.
** Arb eits- und Lieferungsvergebungen. Das städtische Hoch- und Tiefbauamt schreibt in unserem heutigen Anzeigenteil das Anfahren von Nutz- und Brennholz und das Einschneiden des Nutzholzes, ferner die Lieferung von Heckenpflanzen aus. Interessenten mögen die Bekanntmachungen beachten.
** Eine Schweine-ZwkschenzLhlung findet am 5. März statt. Damit verbunden ift hie Ermittlung der nichtbeschaupflichtigen Hausschlach- hingen in der Zeit vom 1. Dezember 1934 bis 28. Februar 1935 und die Ermittlung der Kalber» gebürten in den Monaten Dezember bis Februar. Die örtliche Durchführung der Zählung ist Aufgabe der Bürgermeistereien. .
** Gesellenprüfungen. Die Kreishand» werkerschaft Gießen veröffentlicht in unserem heutigen Anzeigenteil eine Bekanntmachung über die Anmeldung von Lehrlingen zur Gesellenprüfung. Auf die Bekanntmachung sei besonders hingewiefen.
** Die Museen im Alten und Neuen Schloß sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr geöffnet.
Abschlußfeier her Schulungskurse her DAI.
Als Abschluß der für den Kreis Gießen durchgeführten Schulungskurse veranstaltete die Deutsche Arbeitsfront am gestrigen Freitag im Cafe Leib eine Kundgebung, zu der die Betriebsführer und Vertrauensmänner außerordentlich zahlreich erschienen waren. Mit einem schneidigen Marsch des Musikzuges der Standarte 116 wurde der Abend eingeleitet. Im Auftrage der Kreiswaltung der Deutschen Arbeitsfront Gießen eröffnete der Kreis- fchulungswalter Hahn die Kundgebung mit einer kurzen Ansprache, die ausklang in einem freudig aufgenommenen Sieg-Heil auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Anschließend wurde gemeinsam das Lied „Brüder in Zechen und Gruben" gesungen. Nach verschiedenen von Herrn Geiger (Stadttheater Gießen) mit Schwung und Begeisterung vorgetragenen Gedichten erfolgte unter den Klängen des Badenweiler Marsches der Einzug der Fahnen, die auf der prächtig geschmückten Bühne Aufstellung sanden. Dann sprach
Kreiswatter der DAI. Wagner, Gießen
in großen Zügen über Zweck und Sinn der Schulung, und behandelte eingehend das Vertrauensverhältnis zwischen Betriebsführer, Verttauens- mann und Betriebsgefolgschaft im heuttgen Staat. Der Redner führte u. a. aus: Wenn wir heute abend die Schulungskurse der Deutschen Arbeitsfront beschließen, dann wollten wir uns vor allen Dingen vor Augen halten, daß diese Schulung nicht eine Angelegenheit sein solle, die sich nur auf die vergangenen Wochen allein beschränke, sondern diese Schulung solle nachklingen in den Herzen der Teilnehmer, solle Richtschnur und Leitstern für die Arbeit im Alltag, für die Arbeit im Betrieb, sie solle die neue Gestaltung des Vertrauens von Mensch zu Mensch sein. Es gebe heute noch Menschen, die in der Deutschen Arbeitsfront eine Fortsetzung der alten Gewerkschaften sehen, die nur eigene Interessen zu vertreten gedenke. Wir glaubten jedoch, mit dieser Schulung das letzte Mißtrauen gegen die Deutsche Arbeitsfront beseitigt zu haben. Die Deutsche Arbeitsfront sei niemals vom Führer ins Leben gerufen worden, um einseitigen Interessen zu dienen, sondern um der Treuhänder gemeinsamen Schaffens deutscher Volksgenossen zu sein. Es sei kein Wert darauf gelegt worden, die Paragraphen der Gesetze nur verstandesmäßig einzuhämmern; es sei vielmehr darum gegangen, klar zu machen, was dieses Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit bedeute und wie es entstanden sei. Es gebe Menschen, die jede Verordnung und Verfügung studierten, die von einer nationalsozialistischen Stelle erlassen werde, und wenn sie den Paragraphentext in sich aufgenommen und erkannt hätten, wie diese Dinge sich rein mechanisch abspielten, dann glaubten sie, Nationalsozialisten zu sein. Das fei aber zu wenig.
Ls nütze alles nichts, wenn wir nicht innerlich das erlebten, was es heiße, Volksgemeinschaft zu halten, was es heiße, Vertrauen zwischen Volksgenossen und volkgenossen, ein Vertrau
ensverhältnis zwischen Wirtschaftsführer und Dirtschaftsgefolgschaft herzustellen.
Wer das innerlich nicht verstehen könne, werde den Staat und den Nationalsozialismus niemals verstehen können. Es gebe kein Gesetz, das nur auf Grund feiner Gesetzeskraft in der Lage fei, die Dinge des Lebens zum Wohle der Allgemeinheit zu regeln. Es werde deshalb nicht geschult, um den Verstand zu schärfen, um alle Wechselfälle des Lebens zu zeigen, sondern um Menschen zu erziehen, um das Herz weit zu machen, um innerlich das zu erfassen, was den Nationalsozialismus ausmacht. Wenn es uns gelungen fei, einen kleinen Funken davon zu entflammen, dann werde einmal dieser kleine Funken zur lodernden Flamme werden, dann hätten wir die Gewißheit, daß die Menschen sich zusammenfanden auf der Grundlage des gegenseitigen Vertrauens. »
In feinen weiteren Ausführungen schilderte der Redner eingehend die
Aufgaben und Pflichten von wirtschaftsführer und Wirtschaftsgefolgschast und die Stellung des Vertrauensmannes als Mittler zwischen beiden.
Vor der Machtergreifung habe kein Verhältnis zwischen Mensch und Mensch bestanden. Die Beziehungen zu einander seien rein schuldrechtlich gewesen. Die Dinge wurden so geregelt, weil es die Gesetze vorschrieben. Dieses schuldrechtliche Verhältnis solle heute ersetzt werden durch das persönliche Verhältnis zwischen Mensch und Mensch und dieses persönliche Verhältnis sei das Vertrauen, die Kameradschaft. Dieses Vertrauen könne man nicht befehlen, es müsse neu erarbeitet werden von Tag zu Tag. Die Gruppen von Menschen, die man einmal auseinandergerissen habe, weil es der Wunsch einer internationalen Klique gewesen sei, müßten wieder zusammengeführt werden, um die deutsche Volksgemeinschaft zu erleben. Der Vertrauensrat habe die Aufgabe, mitzuhelfen, daß die Entwicklung der Dinge sich so gestalte, wie es im nationalsozialistischen Sinne werden müsse.
Der Betrieb müsse zu einer Stätte wahrer Volksgemeinschaft werden.
Der Betriebsführer dürfe nicht mehr als Ausbeuter angesehen werden. Alle müßten das Gefühl haben, daß der Betrieb nur ein kleiner Teil her deutschen Volksgemeinschaft sei, zum gemeinsamen Nutzen von Volk und Staat. Wenn die Arbeit im Betrieb so aufgefaßt würde, bann sei die Aufgabe, zwischen den Menschen bas Vertrauen unb eine anftänbige Gesinnung herzustellen, gelöst. So müsse gearbeitet werden zum Segen und zum Nutzen unseres heiligen Deutschen Reiches.
Die Ausführungen des Redners lösten bei den Zuhörern starken Beifall aus. Nach einem „Sieg- Heil" auf den Führer wurde gemeinschaftlich das Horst-Wefsel-Lied" gesungen. Mit dem Ausmarsch der Fahnen unb einem kurzen Schlußwort bes Kreisschulungswalters Hahn fanb bie offizielle Veranstaltung ihr Ende.
„Gebulben Sie sich nur kurze Zeit!" bat Dunbee. „Ich werbe bas mit Hilfe bes Einwohnermelbeamts sehr halb heraushaben."
Er verließ ben Raum unb führte ein Gespräch erst mit ber Hamburger Polizei unb bann mit einem Beamten von bem Einwohnermelbeamt. Schon nach kurzer Zeit kehrte er zu Horst voo Gernsheim zurück:
„Sie brauchen sich um Ihre Aboptivschwester nicht zu sorgen, Herr von Gernsheim! Sie ist abgereift unb hat als Reiseziel Schloß Gernrobe angegeben. Sollen wir sie von Ihrem Ergehen benachrichtigen?"
Horst schüttelte ben Kops. Seine blaß geworbenen Lippen zogen sich bitter zusammen.
Wie war es möglich, baß Helma ihn einfach so verlassen hatte? Nachbem bie Polizei .unmittelbar nach bem Ueberfall bazugekommen unb schnell eingegriffen hatte, war doch für sie irgendwelche Gefahr nicht mehr zu befürchten. Wäre es nicht nur in ber Drbnung gewesen, baß Senhor Bastieni unb sie vor allem sich um ihn gekümmert hätten? Wie war Helma nur zu einer solchen Herzlosigkeit fähig?
Da lag er nun schwer krank, hilflos hier im Hamburger Krankenhause. Unb sie hatte nicht einmal so viel Teilnahme für ihn, um seine Genesung abzuwarten. Dabei schien sie boch so auf feine Rückkehr gewartet zu haben. Sonst wäre sie ja nicht ihm nach Hamburg entgegengekommen.
Immer unvereinbarer würbe für ihn alles, was sie getan unb gesagt. Zwischen ber Helma, bie ihn im Gesellschaftszimmer bes Hotels begrüßt, unb ber Helma, wie sie sich im weiteren Verlauf bes Abenbs gezeigt hatte, bis zu ihrer herzlosen Abreise nach Gernrobe, klaffte ein Abgrund. So sehr er sich auch mühte, er konnte biefen Abgrunb nicht überbrücken.
Unb nun fühlte er auch, wie seine Gebauten sich verwirrten, durcheinander glitten. Eine tiefe Mübigkeit überkam ihn, trug ihn von seinen wirren Gebauten fort in bas Laub bes Schlummers.
Leise gingen ber Stationsarzt unb ber Kommissar Dunbee hinaus. Dann verabschiebete sich Dundee, um zum Hamburger Polizeikommissariat zu fahren.
Die Geschichte wird immer verwickelter!, dachte Dundee. Ich weiß zwar von meinem Freunde nicht alle Einzelheiten dieser interessanten Begebenheit, aber daß diese Adoptioschwester eine eigentümliche Rolle spielt, ist mir klar. Wenn da nur nicht irgendeine Erbschleicheraffäre mit hiueinspielt! Es sieht mir ganz so aus, als hätte die Adoptivtochter des alten Barons von Gernsheim Interesse daran, den Sohu und Erben zu beseitigen. Hoffentlich hat Hop- man seinen Verdacht auch nach dieser Richtung gelenkt. Das Auftauchen dieser Helma hier, der Ueberfall in dem Viertel von Sankt Pauli, dieser Senhor Bastieni, dessen Beschreibung mich an irgend jemand
erinnert, mit bem ich in Loubon schon zusammengestoßen bin — bas alles stimmt mir nicht. Ich werbe boch Hopmau einmal auf meine Mutmaßungen aufmerksam machen müssen!
Nachbem Dunbee im Polizeikommissariat mit bem Beamten, ber ben „Fall Gernsheim" bearbeitete, gesprochen, fuhr er in sein Hotel zurück. Dort verfaßte er einen langen Brief an Hopmau, ben er postlagernb an bie Gernrode benachbarte Kreisstadt für Martins adressierte.
17. Kapitel.
Während sich dies alles begab, spielte sich in Berlin folgendes ab:
Der angebliche Baron von Gernsheim hatte nur einen Tag im Hotel „Adlon" verbracht. Dann war er mit Koffern zum Anhalter Bahnhof gefahren, angeblich, um ben Zug nach Gerurobe zu nehmen.
Die Hausbieuer vom Hotel „Ablon" waren ein wenig enttäuscht, als Baron von Gernsheim ihre Hilfe bei ber Belegung eines Platzes unb ber Verstauung bes Haubgepäcks ablehute, fonbern sich einen Gepäckträger nahm. Denn nach bem großen Triukgelb, bas er im Hotel gegeben, hatte man noch auf eine schone Einnahme gehofft.
Zufällig würbe zum Zug nach Thüringen dies- mal kein Gast vom „Ablon" beförbert. Nur ein Hausbieuer, ber einen Expreßbrief zum Zug abzu- geben hatte, befanb sich auf bem Bahnsteig. Es fiel ihm auf, baß Baron von Gernsheim, kurz ehe ber Zug abfuhr, fein Gepäck roieber burch ben Dienst- manu vom Bahnhof heruuterholeu unb in ber Gepäckaufgabe aufbewahreu ließ.
Als ber Hausbieuer bes „Ablon" aus bem Bahn- hofsausgaug herauskam, sah er, wie Gernsheim in einer Autobroschke davonfuhr. Er machte sich bar* über keine Gedanken, denn oft kam es vor, daß reiche Gäste, die nichts weiter auf der Welt zu sorgen hatten, ihre Reisedispositioueu im letzten Augenblick umänberten. Erst viel später, bei ber polizeilichen Vernehmung, fiel ihm bie ganze Angelegenheit wieber ein.
♦
Der angebliche Baron von Gernsheim fuhr inzwischen im Wagen burch bas Zentrum ber Stabt. Die Häuser würben immer höher. Arbeiterkaserne drängte sich an Kaserne, die Straßen wurden grau, bie grünen Flächen geringer. Eleub aussehenbe Kinber spielten lärmenb auf ber Straße. Verhärmte Frauen mit Umschlagetuch, ben Korb am Arm, kleine Kinber an ber Haub neben sich zieheub, gingen in bie Geschäfte, bie bicht gebrängt, Reihe an Reihe, bas Erbgefchoß ber Häuser einuahmeu.
Nun würben bie Straßen roieber freier, unbebaute Plätze brängten sich bazwischen. Ein Vorort kam.
Der Insasse bes Autos ließ ben Chauffeur an ber Ecke einer halb bebauten Straße halten unb ging durch ein paar Querstraßen bis auf eine ein
sam gelegene kleine Villa zu. Dort schellte er in einem bestimmten Rhythmus.
Schon würbe bie Tür von einem Menschen geöffnet: einem fremdlänbisch aussehenben Mann mit etwas schräg gestellten, schwarzen Augen.
Er grüßte unterwürfig, nach Art ber Orientalen, bie Hände über bie Brust gekreuzt, als er ben Einlaßbegehrenben erkannte.
„Ist sie brin?" fragte ber Angekommene kurz auf portugiesisch.
Der Diener nickte unb schloß sorgfältig die Tür hinter bem Fragenben. Der ging mit raschen Schritten burch ein kleines Vestibül eine schmale Treppe hinauf unb in ein Zimmer, bas unmittelbar an biefer Treppe gelegen war.
Das blaffe, junge Mäbchen mit bem rührend lieblichen Gesicht, in bem zwei braune Augen erschreckt bem Eintretenben entgegensahen, wollte sich erheben. Aber bie zarte Gestalt schien keine Kraft zu haben. Zitternd saß sie roieber in bem Sessel, in bem sie geruht hatte.
„Guten Morgen, Helma! Wie geht es bir?“ fragte ber Mann mit einer befehlenden Stimme.
Das junge Mäbchen zitterte, versuchte bie Augen von bem scharfen Blick bes Mannes abzuwenben, „Ich kann nicht mehr", flüsterte sie vor sich hin, „ich will nicht, ich ..."
Mit einem Schritt war ber Mann bei ihr. Er griff ihre willenlose Hänbe. In seine Augen kam ein eigentümlich starker Glanz.
„Du willst", sagte er, „bu willst nichts anberes tun, als bu bis jetzt getan hast! Also: Wie geht es bir, Helma?"
Er zwang ihre Augen in feinen Bann. Das Angstvolle in bem Blick bes Mäbchens verging. Mit einer eigentümlich starren Aufmerksamkeit schaute sie bem Fragenben ins Gesicht.
„Danke, es geht mir gut", sagte sie mit einer Stimme, beren Helle merkwürbig abstach von bem verzweifelt klanglosen Ton vorher.
Der Mann nickte befriebigt, ließ bas Mäbchen nicht aus ben Augen. Jetzt setzte er sich ihr gegenüber. Unb seine Haube immer noch fest um bie zarten Hanbgelenke legenb, sprach er einbringlich weiter:
„Es roirb bir weiter gut gehen. Du wirst fröhlich sein, unbefangen unb gleichmütig. In wenigen lagen wirst bu abreifen unb in Schloß Gernrobe leben wie zuvor. Dein Aboptivbruber roirb halb auf Gernrobe eintreffen. Du wirst ihn bahin bekom» men,roo wir ihn haben wollen. Hast bu verstan- ben?"
Sie sA immer noch mit biesem starren, aufmerksamen Blick ben Sprechenben an.
„Ich habe verstauben", sagte sie roieber mit dieser hellen, etwas blechernen Stimme.
(Forffetzung folgte


