Einzelbild herunterladen

Rr.273 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 22. November 1935

Paraguay nach dem Lhaco-Kneg.

Don unserem -isch.-Äerichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Asuncion, November 1935.

Der Krieg zwischen Bolivien und Paraguay ist z u E n d e!" Das hat die seit Mo­naten in Buenos Aires tagende Friedenskonferenz soeben feierlich verkündet, und diese Formel ent­behrt auch keineswegs des tatsächlichen Hintergrun­des. Der Kneg ist faktisch zu Ende. Die Truppen sind

der Kampfzone zurückgezogen, bis auf die im Waffenstlllstandsvertrag zugestandenen 5000 Mann demobilisiert und in ihre Heimat entlassen worden. Paraguay das zwar nicht als offiziell anerkann­ter, aber doch tatsächlicher Sieger aus dem blutigen Nmgen hervorgegangen ist, erlebte noch einmal einen großen Tag beim feierlichen Einzug der Truppen mit dem Oberbefehlshaber General Esti- garribla an der Spitze in der Hauptstadt Asuncion, zu zeigengann bas ßcben wieder sein Alltagsgesicht Aber dieses Alltagsgesicht weist doch gegen früher veränderte Zuge auf. Zunächst macht sich eine ge- wlsse Überheblichkeit den Ausländern gegenüber bemerkbar die nahezu peinlich wirkt. Es geht eine -welle durch das Land, die voraussichtlich in einer -veschrankung der dem Ausländer bisher gewähr- ten Freiheiten ihren Niederschlag finden wird. Das wird sich vor allem in der Einwanderungs­und Siedlungsgesetzgebung auswirken. Soweit dadurch neue Einwanderer aus Deutschland ferngehalten werden, sich in Paraguay niederzulassen, wären solche Maßnahmen SL begrüßen, denn zur Zeit dürfte aus wirtschaft- llchen Gründen kaum ein Land in Südamerika für eine deutsche Einwanderung weniger zu empfehlen sein als gerade Paraguay. Anderseits steht und fällt die Zukunft dieses an mancherlei Schätzen reichen Landes mit der Einwanderung und planmäßigen Besiedlung. Eine Beschränkung oder Erschwerung der Einwanderung würde sehr kurzsichtig sein und die wirtschaftlichem Schwierigkeiten nicht unerheblich erhöhen.

Die wirts ch a f t l i ch e Lage Paraguays war zu keiner Zeit besonders glücklich. Durch Krieg und Weltkrise hat sie indessen eine Verschärfung erfahren, die bedenklich stimmen muß. Gewiß: der Reichtum des Bodens läßt es nicht zu, daß je­mand in Paraguay Hungers sterben wird, aber der allgemeine Lebensstandard ist auf einem Punkt an­gelangt, der sich auf der Skala nicht nur europä­ischer, sondern auch amerikanischer Länder wohl nicht mehr finden wird. Als ausgleichendes Mo­ment ist allerdings glücklicherweise die große, fast sprichwörtliche Bedürfnislosigkeit des Para­guayers zu bewerten, die ihn ja auch neben seinem persönlichen Mut zu den hervorragenden Leistungen im Chaco-Kriege befähigte.

Die entwertete Währung hat gerade in der letzten Zeit noch einen argen Stoß erhalten. Um eine ruhige Abwicklung der Demobilmachung zu ermöglichen, mußte den Truppen der seit Jah­ren rückständige Sold ausbezahlt werden. Da die Kassen dazu nicht ausreichten, druckte man einfach Millionen über Millionen. Wieviel? Genaue Zah­len erfährt man nicht, aber es müssen sehr viele Millionen gewesen sein. Die wirtschaftliche Depres­sion trägt natürlich dazu bei, gewisse innerpolitische Spannungen zu verschärfen. Diese sind akut gewor­den infolge des schleppenden Ganges der Verhand­lungen der Konferenz in Buenos Aires, wo hinter verschlossenen Türen um den Frieden gefeilscht wird wie in einem orientalischen Bazar. Man fürchtet in Paraguay um den Siegespreis betrö­ge n zu werden, man glaubt, daß die Feder der Diplomaten wieder entreißen wird, was man mit dem Schwert gewann, und diese nervöse Stimmung findet ihren Ausdruck in einer starken Opposition

gegen den Staatspräsidenten D r. A y a l a. Man macht ihn für den Waffenstillstand verantwortlich. Tatsächlich ist der Waffenstillstand wohl in erster Linie darauf zurückzuführen, daß Präsident Ayala an einem Endsieg zu zweifeln anfing. Vielleicht hatte er recht. Wer will das entscheiden? Nach übereinstimmenden Berichten war jedenfalls bereits Anfang dieses Jahres der Mangel an Mannschaftsersatz außerordentlich 'fühlbar, zumal die infolge des paraguayschen Vorrückens sich dauernd vergrößernde Etappe wegen der sich ständig vermehrenden Nachschubschwierigkeiten eine unverhältnismäßig große Zahl von Offizieren und Mannschaften beanspruchte. Dazu kam, daß die Wirtschaftslage immer drückender wurde. Aber jetzt fragt man angesichts der unbe­friedigenden Verhandlungen der Friedenskonferenz, ob der Waffenstillstand nötig war. Und ein großer Teil der Völker beantwortet diese Frage ob mit Recht oder nicht, soll hier nicht untersucht werden mit einem vernehmlichen Nein! Man macht Dr. Ayala zum Vorwurf, daß er sich au einem Kom­promiß habe drängen lassen, der Der tatsächlichen Lage nicht entspreche. Ein paar Monate weiteren Durchhaltens hätten dem Lande, so meint man, den endgültigen Sieg über Bolivien geschenkt. So aber feien die unglaublichen Blutopfer drei Jahre lang umsonst gebracht. Die Opposition hat manchen Zulauf im Lande. Anderseits hgt auch Dr. Ayala viele Freunde, die ihm nicht vergessen, daß er in den schweren Kriegsjahren mit sicherer und starker Hand die Geschicke des Landes geführt hat.

Die Spannungen würden auch fraglos nicht so .stark sein, wenn nicht die Wahl des Staats­präsidenten gewissermaßen vor der Tür stände. Wahlen pflegen ja die leicht erregbaren Gemüter aller Südamerikaner oftmals bis zur Siedehitze aufzupeitschen und die Leidenschaften in einer für uns Deutsche vollkommen unfaßbaren Form anzu- stacheln. Die Amtsperiode Dr. Ayalas läuft am

Der sprichwörtliche Reichtum Schwabens an Gei­steshelden läßt vermuten, daß sie gemeinsame Ahnen haben, und so hat sich die Forschung denn eingehend mit den Ahnentafeln der berühmten Schwaben beschäftigt. Die Ergebnisse waren in der Tat überraschend, auch wenn man es als zu weit­gehend bezeichnet, daß eine einzige Frau, Regina SorbiM, die Vermittlerin dieses Erbgutes war. Wohl stammen Uhland, Hölderlin, Schel­ling und G e r o k von ihr ab, aber darum kann sie doch nicht den Anspruch darauf erheben, die ein­zige schwäbische Geistesmutter zu sein, sondern nur eine unter vielen.

Der AusdruckGeistesmutter" verführt allzu­leicht zu der Annahme, daß die großen Nachkom­men gerade von dieser Ahnfrau besonders viel ge­erbt hätten. Dies ist aber ganz unwahrscheinlich. Uhland, Schelling und Hölderlin stam­men erst in sechster Geschlechterfolge von Regina ab. In dieser Generation hat jeder noch 63 weitere Ah­nen, von denen er der Wahrscheinlichkeit nach gleich­viel geerbt haben kann." Mit dieser Einschränkung leitet Dr. F. B r e t s ch n e i d e r seine in der Zeit­schriftVolk und Rasse" veröffentlichte Ueber- sicht über die neuesten Forschungsergebnisse ein.

Es wurden nämlich neuerdings vier Stamm­väter großer Schwaben ermittelt. An erster Stelle ist der Reutlinger Reformator Matthäus Alber zu nennen, der von 1495 bis 1570 lebte. Unter den

11. August 1936 ab. Nach alter Tradition pflegt die Wahl des neuen Präsidenten zu erfolgen. Demnach müßte die Präsidentenwahl um den 10. Februar 1936 herum erfolgen, so daß nur wenig mehr als drei Monate Zeit zur Vorbereitung zur Verfügung stehen.

Nach der Verfassung ist die Wiederwahl eines Präsidenten aber unzulässig. Trotzdem ist man an Dr. Ayala herangetreten und hat ihn gebeten, sich als Kandidaten zu stellen. Eine Ver­fassungsänderung, die dann allerdings notwendig wäre, ließe sich bei der gegenwärtigen Zusammen­setzung des Parlaments wahrscheinlich durchdrücken. Dr. Ayala hat das Ansuchen zwar abgelehnt, immer­hin nimmt man diese Ablehnung offenbar nicht sehr ernst, denn andernfalls wäre die heftige Opposition gegen ihn nicht zu verstehen. Unter anderem wirft man Dr. Ayala seine jüdische Abstammung vor; die starke jüdische Einwanderung der letzten Zeit und ihre Begleiterscheinungen haben den Antisemitis­mus geweckt und ihm dauernd Anhänger zugeführt.

Leider ist auch die Person des Generals Esti- garribia in den Streit der Tagesmeinungen hin­eingezogen worden. Er steht zu Ayala und wird deshalb schwer angegriffen, obwohl Paraguay kei­nem Mann größeren Dank schuldet als diesem be­währten Soldaten.

Die innerpolitische Lage ist jedenfalls gespannt. Die bevorstehende Wahl erhitzt die Köpfe, und es wird manches Wort geredet, was man nicht auf die Goldwage legen soll. Es wird auch manches getan, was man später gern wieder ungeschehen machen möchte. Aber es herrscht in Paraguay eine Schwüle, wie sie in südamerikanischen Ländern oft­mals Dem Ausbruch von Revolutionen voranzu­gehen pflegt. Man darf nicht vergessen, daß sich heute überall im Lande Waffen und Munition ge­nug befinden, die von dem heimkehrenden Solda­ten einfach mitgenommen worden sind. Bräche heute in Paraguay eine Revolution aus, dann würde sie sehr blutig und opferreich sein. Anderer­seits soll der Teufel keineswegs an die Wand ge­malt werden. Vorläufig haben die besonnenen Elemente wohl noch soviel Einfluß, einem allzu stürmischen Drängen der Opposition Halt zu gebieten.

Nachkommen dieses geistesstarken und unerschrocke­nen Mannes, der einschwäbischer Luther" genannt wird, finden wir Schiller, Uhland, Fr. Th. Vischer, Hegel und andere. Zum Ahnherrn Schillers roirt) Alber, dessen Vorfahren wohl vom Süden her nach Reutlingen kamen, durch die Ehe seiner Tochter Klara mit dem aus Wemding in bayrisch Schwaben stammenden Pfarrer Schrot- l i n. Der Sohn Schrötlins wurde Generalsuperin* tenbent und seine Gattin, die Schwiegertochter Schrötlins, stammt ebenfalls aus einem Pfarrhaus, so daß das protestantische Pfarrhaus also in Schil­lers Ahnentafel eine bedeutsame Rolle spielt.

Auch der württembergische Reformator Brenz hatte viele berühmte Nachfahren, da er sich in den Stammtafeln Uhlands, Hegels, Hauffs und G e r o k s findet. Als ein dritter schwäbischer Ahn­herr größten Stils ist auch Johannes Baut anzu­sprechen, der im 15. Jahrhundert Schultheiß von Zuffenhausen war, das jetzt ein Vorort Stuttgarts ist. Er war mit Elisabeth von Plieningen ver­mählt, die einem altwürttembergischen Adelsge­schlecht entstammte, das erstmals 1142 erwähnt wird. Von diesen Ahnen leiten Schiller, U h - land und M ö r i k e, Hölderlin, Hauff, Fr. Th. Vischer, G e r o k, Wilhelm Waiblinger, Hegel, Schelling, der Nationalökonom Planck und Gustav von S ch m o l l e r ihre Her­kunft ab. Unter den Nachfahren befinden sich einige,

Oie Ahnen der berühmten Schwaben.

Aus den Stammtafeln großer deutscher Männer.

W

I

Der Führer der englischen Flotte in der Seeschlacht am Skagerrak, Großadmiral Iellicoe, ist im 76. Lebensjahre in London gestorben. (Weltbild-M.)

die mehrfach von Baut abstammen, wie Uhland und Gerat.

Schließlich sei als vierter Ahnherr der berühmten Schwaben noch der Tübinger Stiftsverwalter Lud­wig R i e p p angeführt, der in den Ahnentafeln von Mörike, Hauff, Gerak, Hegel, Planck und Vischer varkammt. Wenn man nun bedenkt, daß auch der große Mann ein Mosaik aus den Erbwerten seiner Ahnen ist, so kann man abschätzen, in welcher Verdichtung hier wertvolles Erbgut an die Nachfahren weitergegeben wurde.

Von besonderer Bedeutung waren dabei jeweils auch die richtige Gattenwahl der Vorfah­ren und ihr Kinderreichtum. Es genügt dar­um nicht, darauf hinzuweisen, daß viele berühmte Männer nicht geboren wären, wenn ihre Eltern Kinderreichtum gescheut hätten, sondern wichtig ist auch, daß ihre Ahnen über eine große Kinderzahl verfügten und so einen genügend breiten Nährboden für die Nachfahren geschaffen haben.

Wenn man die vier genannten Ahnherren der großen Schwaben und ihre Nachfahren im Hinblick auf ihre Berufstätigkeit wertet, so fällt auf, daß überraschend viele von ihnen protestantische G e i st l i ch e waren.In vorbildlicher Weise wurde das kinderreiche protestanttsche Pfarrhaus, zumal das schwäbische, zum Sammler, Vermehrer und Ueberträger wertvoller Erbwerte. Es erscheint in den Ahnentafeln von Schiller und Goethe, Uhland und Mörike, Hauff und Hölderlin, Vischer und Gerok, Schelling und Hegel und vieler anderer Geistes­größen. Mit dem kinderreichen Pfarrhaus half die Reformation den biologischen Grund legen, auf dem im Austausch mit anderen gehobenen Schichten und unter Nachschub frischen Blutes aus dem Volke die Blüte des deutschen Geisteslebens erwuchs."

Am Montag, 25. November, beginnen wir in den Zamtltenblättern mit der Deröftentltchung eines neuen Werkes: Der norddeutsche Dichter Wil­helm S ch a rr e l m a n n schreibt in seinem Roman

Lars der Gerechte

die Geschichte eines Mannes und seiner kleinen Kamille, die Geschichte einer Sehnsucht nach eige­ner Scholle, die alte Geschichte von Schuld und Schicksal, von Sühne und neuem Lebensbeginn. Lin ernsthafter, menschlich und dichterisch wert­voller. dabei ungewöhnlich spannender Roman.

Der gute Wille.

Von Joses Friedrich perkonig.

Wir haben einen Muttertag, einen Volkstrauer- tag, einen Tag der Musikpflege und auch noch den einen und anderen Tag, dessen Name mir augen­blicklich nicht geläufig ist. Einen Tag des guten Willens aber Haven wir, glaube ich, nach nicht. Und wenn er auch wirklich schon gefeiert werden sollte dann ist er zu unbekannt geblieben, denn ich erinnere mich seiner wahrlich nicht. Ich bin weit davon entfernt zu meinen, daß em solcher Tag des guten Willens uns von heute auf morgen bessern wird, daß er böse Dinge ungeschehen machen, dunkle Absicht und beklagenswerte Veranlaaung aufheben wird. Aber er wird melleicht Empfindsame nachdenklich, Lane wärmer, Gleichgültige unsicher werden lassen, und mit dieser kleinen Steigerung in einen nächst höheren Grad, mag sie auch nur vorübergehend sein, ist schon manches getam Genau so wie eine Mutter vielleicht an dem einen Ehrentag nur wegen des sanften Zwanges den eine sinnige Einrichtung verursacht, geringe Vorrechte gemeßt und froh schon ist über das Geringe, das immerhin mehr ist als ein Nichts, würde auch em Tag des Tuten Willens, der guten Meinung für Stunden wenigstens versuchen, sich für vergangene-drechun- berbtokunM

Morgen schon wieder vergessen sein, sie sind mehr ale5niHt5nämIid) ein Irrtum zu glauben, daß so

1,1 Vorsatz sich wieder m Leere

nuflöftna3ft9er nur einmal gefaxt worden, dann ist fnrh?n6en ift ein Geschöpf und unterworfen den "geheimnisvollen Gesetzen des Lebens. Irgendwo ist e? dann dem Geschehen um uns und in uns Cimanri,mu6 also den Menschen immer wieder Ge­legenheit geben gute Vorsätze zu fassen, man muß haar ö efe Bereitschaft in e.ne gewisse Ordnung Ken unb es geschieht am besten, indem man b.rl"gg"if in diesem Falle einen Tag, tn eine em- ^"111*, SHbftot einkleidet. An einem solchen Tage !°der e was Gutes tun und etwas Gutes mu6t >Das Tun durfte keinen Aufschub erleiden, brauchte nur ein Vorsatz zu bleiben, das Wollen ) reiM,are5 Ergebnis, ist es um

Wesentliche scheint mir: daß an so f? lch°ner. Da' W J @üte in bic Welt käme, einem Tag ein Menschen nur immerzu em- 7 ^"darauf. Man predigt ihnen von red°n. I ^ Seid immer gut! Und sie überhören es es wird ihnen, raschlebig, wie sie nun einmal sind, bald ian?we'lig. einen Tag lang!

Aber saget ihn-n. ---$ten e5 entlastet ein S »US

Also feiern wir einen Tag des guten Willens und beginnen wir ihn damit, jeder und jede, daß wir jemandes Hand erfassen, dessen Namen wir noch gestern nicht in den Mund nehmen wollten. Für unser nachträgerisches Herz brauchen wir den guten Willen am meisten.

Oie Versöhnung

Eine Anekdote von Korfiz &oim

Zwischen dem kürzlich in sein achtes Lebens­jahrzehnt getretenen Max Halbe und Frank Wedekind hat es besonders häufig den in Mün­chen-Schwabing landesüblichen Schriftstellerkrakeel gegeben, und es scheint mir wohl der Mühe wert, es hier an ein paar Beispielen zu zeigen, in welch barocker Form sich dann der Grimm Frank Wede­kinds zu äußern pflegte.

Es ist ein schöner Zug von Halbe, daß er, der damals um die Jahrhundertwende schon eine Welt­berühmtheit war, auch seine noch so gut wie un­bekannten Kunstgenossen darunter, wie ich dank­bar sagen darf, auch mich niemals gnädig herab­lassend behandelt hat, sondern von vornherein als gleichgestellte Kameraden. Er zog uns Junggesellen, die wir seine noble Gastfreundschaft doch nie er­widern konnten, so oft es ging, zu sich ins Haus und ließ uns reiche Anregung in dem Verkehr mit all den Größen der Literatur, der Kunst und des Theaters finden. Denen wir Dort begegneten. Denn wer, Der in Der Hinsicht etwas beDeutete, verkehrte nicht bei Halbe, war nicht auf Du unD Du mit ihm unD feiner schönen Frau, Die außer Dem Reiz ihrer Erscheinung auch einen hellen Kopf und urgesunden Mutterwitz für sich ins Feld zu führen hatte! Vor allem aber darf, wer ihrer huldigend gedenkt, nicht unterlassen zu erwähnen, wie sie kochte. Bei Halbes gab es kein Stadtküchenessen, das meistens mehr das Auge als Den Gaumen reizt, fonDern gepflegte Hausmannskost aus ganz erlesenen Grundstoffen in noch erlesenerer Zubereitung.

Luise Halbes Meisterschaft auf dem Gebiete war so groß, daß sich Frank Wedekind, als es einst wie­der einmal zwischen ihm und Halbe Streit gegeben hatte und er es einfach nicht begriff, wie man in dessen Haus verkehren könnte, zu der Behauptung aufschwang, die anderen, die nicht seiner Meinung waren, gingen nur gleichsam bestochen durch dies fabelhafte Essen hin. Um Halbe zuerschrecken" Denn Bürger zu erschrecken war von je sein Lieb­lingssport ließ er Damals Die Nachricht in Die Zeitung setzen, er ftänDe vor dem Abschluß einer satirischen KomödieMännerstolz vor Schweine­braten". Halbe begriff sofort, daß das auf ihn und seine Gäste zielte, hat aber nur dazu gelacht. So schreckhaft, wie ihn Wedekind sich wünschte, war er nicht, und auch gar nicht so bürgerlich, obgleich er ein gut bürgerliches Esten schätzte.

Als kurz darauf Frank Wedekind so schwer er­krankte, daß man für sein Leben Sorge trug, ging Halbe, der trotz manchem Krach mit Freunden ein vorbildlich treuer Freund war, zu ihm hin, und sie begruben ihren Zwist.

Wedekind wurde wieder gesund und fing all­mählich, malerisch auf einen Stock gestützt (um feine noch immer große Schwäche zu betonen), durch Schwabings Straßen zu lustwandeln an.

So kam er eines Tages Halbe in den Weg. Der streckte ihm die Hand entgegen.Nun, glücklich wie­der auf den Beinen, lieber Frank?"

Wedekind schob feine Rechte in die Tasche und sagte wohlartikuliert:Herr Doktor, nimmt mich wunder, was Sie von mir wollen."

Ja aber, Frank, weißt du nicht mehr: wir haben uns doch versöhnt?"

N u r für den Todesfall, Herr Doktor", klang es eisig zurück.

Der große Dämoniker hatte sich diese Antwort sicherlich vorher zurecht gelegt, und wenn er so etwas auf der Pfanne hatte, schoß er auch los und opferte weit lieber einen Freund als einen Witz. Daß dies Histörchen wahr fei, kann ich freilich nicht beschwören, denn nicht Max Halbe hat es mir erzählt, sondern Frank Wedekind.

Eine menschliche Rechenmaschine.

Der Engländer Alfred Phillips aus Bognor Re­gis, der jetzt das ansehnliche Alter von 92 Jahren erreicht hat, ift ein wahres Weltwunder, denn noch heute zählt er zu den schnellsten und zuverlässigsten Rechenkünstlern der Welt. Mit Recht nennt man ihn eine menschliche Rechenmaschine. Die schwersten Auf­gaben, die für den gewöhnlichen Sterblichen eine regelrechte Plage sind, erscheinen ihm als reines Vergnügen. Der fröhlich wie ein Jüngling in die Welt blickende alte Herr erzählt gern, daß man in seiner Schulzeit auch nicht die geringsten Anzeichen für feine außergewöhnliche Begabung entdeckt habe. Im Gegenteil: die Lehrerin schalt den kleinen Al­fred einen Dummkopf und konnte es sich nicht ver- kneifen, hinzuzufügen:Niemals wirst du ein guter Rechner werden." Der Greis freut sich noch heute »wenn diese Jugenderinnerung in ihm wach (frei) Phillips kam dann als Lehrling in den Tuchhandel und fiel bald durch feine verblüffende Fähigkeit fo auf, daß er schnell in eine wichtige Stellung aufrückte.Ich sehe die Zahlen vor mir", erklärte das Rechenwunder kürzlich einem Besucher; ich multipliziere, addiere, subtrahiere und dividiere wie andere Leute auch, aber ich habe deutlich das Bild der Ziffern vor meinen Augen. Wenn ich abends nicht einschlafen kann, multipliziere ich Zah­lenreihen mit einer Million. Das ist mein Schlaf­mittel."

HauptmannsHamlet in Wittenberg".

Die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns neuem SchauspielHamlet in Wittenberg" am Altonaer Stadttheater endete mit einem großen Erfolg, der wesentlich durch die vorzügliche Insze­nierung und die starken Leistungen Der Darsteller errungen rourDe.

Hauptmann hat Den Versuch unternommen, shakespearische HelDen auf einer früheren Lebens» stufe zu schildern unD Damit Die Voraussetzungen für Hamlets Charakter zu klären. Die bei Shake­speare im Dunkel liegen. Es hat Hauptmann, nach seinem Bekenntnis, gelockt, sich Die Gestalt Des Dänenprinzen unD feine Sturm- und Drangzeit in der Stadt Luthers vorzustellen. Hauptmann knüpft also an Shakespeare an. Im Gegensatz zu der von Goethe imWilhelm Meister" vertretenen Auf­fassung läßt er seinen Hamlet schon in Wittenberg von Schwermut und Lebensmüdigkeit überschattet sein. Die Welt ist dem jungen Prinzen schal gewor­den; im Kreise seiner Freunde und Mitstudenten sucht er die Nachtseiten des Lebens kennenzulernen und verbringt seine Tage in den niedersten Schank- Häusern. In einer dieser Spelunken trifft er die Zigeunerin Hamida, die ihn um Hilfe gegen ihre Peiniger anfleht. Ihre fremde Schönheit bezaubert ihn. Er glaubt, ein Ziel gefunden zu haben, wenn er die schöne Bettlerin aus ihrem Sumpfe empor» hebt, er umgibt sie mit dem Glanz seiner Welt und träumt davon, sie zu seiner Königin zu machen. Er sieht nicht, was sie wirklich ist, sondern behängt die Wirklichkeit mit dem Märchenmantel feiner Einbil­dung. Während Hamida, das Kind der Landstraße, aus dem goldenen Käfig fliehen will, erwacht Ham­let aus feinen Träumen. Aber nicht die Erkenntnis der Wirklichkeit erweckt ihn, sondern Der Ruf Des Schicksals, Das sich ihm Durch Die Erscheinung sei­nes gemorDeten Vaters ankündigt. So lenkt Haupt­mann fein Schauspiel dorthin, wo die Shakespare- Tragödie beginnt. Hauptmanns Hamlet ift ein ver­träumter Dichter, der feine Phantasie für Wirklich­keit hält, aber unter dem Zugriff des Schicksals er­kennen muß, daß ihm Pflichten auferlegt wurden, die nur durch Taten zu erfüllen sind.

Die Gefahr des Schauspiels liegt darin, daß die innere Handlung durch ein üppiges Beiwerk der äußeren stellenweise ganz verdeckt wird. Diese Schwäche des Werkes wurde in Altona durch die straffe und ungemein blutvolle Inszenierung Paul Legbands so weit verdeckt, daß eine starke und wirkungsvolle Aufführung zustande kam. In der Darstellung war Gerhart I u ft s Hamlet die stärkste Gestalt. Inge Schmidt gab der Hamida natür­liche Leidenschaft. Die Uraufführung wurde mit sehr starkem Beifall aufgenommen, der immer wieder die Darsteller und den Spielleiter vor die Rampe -rtsf» Dr. S i d o w.