Hf. 143 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) 5am§tag, 22.Zuni 1955
Wehr und Waffen.
Prinz Friedrich Karl.
©er Erzieher der preußischen Armee.
Von Hauptmann von Borstell, Michslriegsmimstel ium.
Am 15. Juni jährte sich zum 50. Male der Todestag des „roten Prinzen".
Unter den raoenden Soldatengestalten der Paladine Wilhelms I. ist die seines Neffen, des „roten Prinzen", als eine der populärsten in die Heber« lieferung der Geschichte eingegangen. Preußens Aufstieg zur Macht, die Gründung des deutschen Kaiserreichs ist undenkbar ohne jene Armee, die durch ihre Siege in den Einigungskriegen die Grundlage zum Werk des Staatsmannes Bismarck schuf. Prinz Friedrich Karl ist mit dieser Armee, der besten der Welt, so unauflöslich verbunden, daß sein Name zum heldischen Symbol geworden ist. Vergöttert von seinen Soldaten, geliebt von seinem Volke, mit reicher Anerkennung belohnt von seinem Oheim und Souverän, scheint es kaum ein glücklicheres und erfolgreicheres Menschenschicksal zu geben, als das des Reiterofsiziers, Truppenführers, Feldherrn und Feldmarschalls, der in fünf Feldzügen für Preußen kämpfte, blutete, siegte.
Wir sehen de« 20jährigen Ordonnanzoffizier W r a n g e l s , der 1848 für seine Umsicht und Tapferkeit im Gefecht bei Schleswig den Pour le merite erhält; den Reiter-Major, der ein Jahr darauf im Feldzug gegen die Aufständischen Badens und der Pfalz im Gefecht bei Wiesenthal nach tollkühner Attacke an der Spitze einer Husarenschwadron verwundet wird; den siegreichen Heerführer von 18 6 4 und 1866, den ruhmgekrönten Führer der 2. Armee im Kriege 1 87 0/7 1 , bekannt vornehmlich als Sieger von Dionville und Belagerer von Metz. Diese Höhepunkte eines glänzenden Soldaten- und Feldherrnlebens machen es nur zu verständlich, daß Friedrich Karl als heldische Lichtgestalt im deutschen Volke fortlebt.
Und doch wird diese Meinung der breiten Oef- fentlichkeit dem tiefsten Wesen und der Bedeutung dieser großen Persönlichkeit nur sehr oberflächlich gerecht. Schon die landläufige Auffassung von der erfolgreichen, reibungslosen Sicherheit eines durch Geburt und Leistung bedingten, glanzvollen militärischen Aufstiegs täuscht über die Tatsache hinweg, daß dieser so schwere und eigenwillige Charakter in Wahrheit es gar nicht so leicht hatte, mit dem Leben fertig zu werden, wie es den Anschein hat. Friedrich Karl, der Sohn des kunstsinnigen Prinzen Karl von Preußen und der Prinzessin Marie von Sachsen-Weimar, hat keine leichte Jugend gehabt. Der frühreife, ernste Knabe, der innerlich einsam bleibt und viel grübelt, leidet unter der harten, kalten und allzu militärischen Erziehung seiner Kindheit, die ihn dem Elternhaus entfremdet und den Grund legt zu einer Verschlossenheit des Wesens, von der er sich — zum Teil wenigstens — erst zu befreien vermag, als das Leben in der Truppe ihn aufnimmt und gänzlich ausfüllt. Aber auch dem längst zum General und Divisionskommandeur emporgeftiegenen, reifen Manne bleiben die Kämpfe gegen menschliche Kleinheit und irdische Unzulänglichkeit nicht erspart. Diese Widerstände, die sich seinem rücksichtslos und unerbittlich konsequenten Ringen um notwendige militärische Reformen entgegenstellten, führten beispielsweise dazu, daß der Prinz vorübergehend (1858/59) vom Dienst in der Armee beurlaubt wurde.
Wichtiger aber als diese Ergänzung eines Menschen- und Charakterbildes ist die seiner Gesamt-
leistung, seines Verdienstes für die Armee und damit für Preußen-Deutschland. Und dieses Verdienst lag — mehr noch als in seinem Feldherrntum — in seiner vorbildlichen Leistung als Erzieher der preußischen Armee. Erzieher sein kann nur, wer eine starke, anziehende Persönlichkeit ist. Soldaten erziehen kann nur, wer selbst mit Leib und Seele, aus innerster Ueberzeugung Soldat ist. Beide Eigenschaften vereint Friedrich Karl schon in jungen Jahren. Die erste Dienstzeit, die der 17jährige Prinz — alter Hohenzol- lerntradition entsprechend — beim 1. Garde-Regiment z. F. ableistet, erweist, daß der junge Offizier seiner kommenden soldatischen Aufgabe mit seiner ganzen, starken Leidenschaftlichkeit verfallen ist. „Wenn ich Übermorgen sterben sollte", schreibt er damals, „so müßte ich morgen noch einmal die Kompanie sehen und die frohen Gesichter. Dann würde ich mit Freuden in den Tod gehen. Die Kompanie elektrisiert mich. Es gibt ' doch auf Erden kein schöneres Gefühl, keins das mehr erhebt als das, sich von einer solchen Schar geliebt und geachtet zu sehen." In der Tat, kaum ein militärischer Führer ist so von feinen Soldaten geliebt, ja vergöttert worden wie der „rote Prinz . Er lebte für feine Mannschaften, fühlte mit ihnen und teilte ihre Sorgen. Stets hatte er ein offenes Ohr und eine freigebige Hand, wenn er wußte, daß hier eine Hilfe, dort eine Belohnung angebracht war. Damit aber waren die menschlichen Voraussetzungen für die erzieherische Aufgabe, die Friedrich Karl sich gestellt hatte, erfüllt.
Diese Aufgabe aber hieß: Nicht einzelne Menschen, Nicht eine Kompanie oder ein Regiment, sondern eine Armee galt es zu erziehen und auf die höchste Form zu bringen. Diese Armee aber, das ist des Prinzen Wille und Wunsch, soll zu einer großen Schule der Nation werden.
Sehr früh schon setzt sich der Prinz dieses Ziel. Erstaunlich reif und durchdacht sind bereits die Aufzeichnungen des Sechzehnjährigen, in denen es heißt: „Der Soldat soll nicht wie jetzt für die Parade dressiert und kostümiert werden, sondern die Parade soll als Mittel zur Ausbildung dienen ..." Aus diesen Worten und den anschließenden längeren Ausführungen, in denen er in militärtechnische Einzelheiten geht, spricht eine Erkenntnis des Notwendigem die den damaligen Anschauungen weit vorauseilt. Stuf dieser Erkenntnis des Knaben aber baut sich die ganze große militärische Gedankenarbeit des späteren Mannes und Führers auf. Die Reformen, die Vrinz Friedrich Karl mit Einsatz seines ganzen Wissens und Könnens erstrebt und schließlich erkämpft, gipfeln im Wesentlichen in feinem großen Leitsatz: „Der kriegerische Geist entscheidet, nicht die taktische Form". Das menschliche und soldatische, das körperliche und geistige „I n - F o r m - S e i n", das ist es, was dieser große soldatische Erzieher von einer schlagbereiten Armee in erster Linie fordert und allen exerziermäßigen ober taktischen Regeln voranstellt.
Der Erfüllung dieser Aufgabe weiht Friedrich Karl sein ganzes Leben. Diesem Ziel strebt er schon als junger Eskadron-Chef nach; er verfolgt es in wechselndem Wirkungsbereich und mit ständig zunehmender Erfahrung als Regiments.- und Divisionskommandeur, bis er schließlich als Führ e r des III. Armeekorps (feit 1860) in lOjähriger, hingebender Arbeit diesen ihm anoertrauten Teil des Heeres zu einer Elitetruppe bildet, die ihr Können 1866 und 1870/71 unter Beweis stellt. In der Tat find wesentliche ausbildungstechnische und taktische Neuerungen, die Friedrich Karls Kopf ent-
fprangen, in diesem „Muster"- Korps zur praktischen Anwendung gelangt, — viele Jahre, ehe ihre reglementmäßige Einführung in der gesamten Armee erfolgte. Unter zahllosen Beispielen sei hier nur an den — feiner Zeit weit vorauseilenden — taktischen Grundsatz erinnert, die das „Heranschießen an den Feind unter sprungweisem Vorgehen" fordert und der im wesentlichen noch heute für das Jnfanteriegefecht (wenn auch unter veränderten waffentechnischen Bedingungen) Gültigkeit hat.
Seit seiner frühesten militärischen Jugend legte der Prinz in gewissenhaften Aufzeichnungen Rechenschaft über die von ihm gesammelten Erfahrungen ab und formte das jeweilige Ergebnis zu fest- umriffenen Plänen. Seine zahlreichen Erlasse an die ihm unterstellten Truppen-Verbände und vornehmlich auch an das Offizierkorps find bis ins Tiefste durchdacht und von schärfster Klarheit. Niemals aber erschöpft er sich in blasser Theorie, stets sind seine Forderungen aus unmittelbarem eigen ft em Erleben geschöpft. Oberster Grundsatz für seine große erzieherische Arbeit ist ihm die individuelle Ausbildung von Offizier und Mann.
Der Führer und Kanzler hat durch die Wehrverkündung vom 16. März d. I. auch die Fesseln gesprengt, die uns die Bestimmungen des Versailler Diktates auferlegt hatten, wonach wir keinerlei militärische Abwehrmaßnahmen gegen Luftüberfälle unterhalten durften. Dem Deutschen Reiche war zwar nach heißen diplomatischen Kämpfen in dem Pariser Luftabkommen vom 21. Mai 1926 gestattet worden, einen zivilen Luftschutz gegen die Wirkung von Luftüberfällen einzurichten, und der Verein „Deutscher Luftschutz" hatte die Organisation dieses Schutzes in die Hand genommen, aber jetzt erst sehen wir mit Freuden in unseren illustrierten Zeitschriften die Abbildungen unserer jungen Luft« macht, deren Angehörige nicht nur für die Besatzung der Flugzeuge, sondern auch für die Abwehr feindlicher Flieger vom Erdboden aus vorgesehen sind. Die Luftmacht stellt die Leitung und Bedienung der Flugabwehrkano- nen(Flak)- Und Scheinwerferbatterien sowie der sonstigen Vernichtungs- und Sperreinrichtungen, und das deutsche Volk kann überzeugt sein, daß durch neuzeitlichstes Gerät und vorzügliche Ausbildung in kurzer Zeit eine Truppe geschaffen ist, von der wir mit Zuversicht eine erfolgreiche Abwehr angreifender Flugzeuge erwarten können. Wenn auch durch Motorisierung für die Beweglichkeit dieser Abwehrtruppen in ausgiebigstem Maße gesorgt ist, so kann doch niemals erreicht werden, daß jeder Angriff abzuwehren ist. Durch Flugwachkommandos, Warnzentralen und Warnstellen ist zwar ein zuverlässiger Meldedienst eingerichtet, aber die aktiven Abwehrmaßnahmen vom Erdboden aus werden sich in der Hauptsache auf solche Objekte beschränken müssen, die für die Kriegführung lebenswichtig sind. Große Teile unseres Vaterlandes werden ohne aktiven Abwehrschutz vom Erdboden aus bleiben. Dies muß die Bevölkerung wissen, die ihren Schutz durch die passiven Maßnahmen findet, wie ihn der zivile
Soweit es praktisch überhaupt möglich ist, steht er in engster persönlicher Verbindung mit der Truppe. Alle Soldaten kennen den Prinzen; das Beispiel seiner eigenen kraftvollen Persönlichkeit, die sich nicht scheut, sich im Bajonettkampf mit seinen Untergebenen zu messen, feuert Offiziere und Mannschaften an, ihr Bestes herzugeben.
Die ganze Besonderheit des Charakters und die seltene Tiefe psychologischen Urteilsvermögens gehen aus des Prinzen „Vertrauten Erinnerungen" hervor, die er 1866 schrieb und in denen er sich mit den Lehren des Krieges von 1864 und der Kriegs- Wissenschaft im allgemeinen auseinandersetzt. Das, was er in der Kriegsgeschichte suchte, so schreibt Friedrich Karl, fand er nicht, nämlich „die innersten Triebfedern, welche die Dinge gestalten, — die Geschichte des menschlichen Herzens, wie es wogt und zweifelt und endlich zum Entschluß erstarkt" .— „Das menschliche Herz aber und das bißchen praktischen und taktischen Verstandes und die Gabe, auf die Untergebenen zu wirken, — diese Dinge sind es, welches die Geheimnisse jedes Krieges und jedes Erfolges find."
Luftschutz vorsieht. Auf keinen Fall darf sich der Glaube verbreiten, mit dem Erstehen der Luftmacht werden die Bewohner der Ortschaften von der Fliegergefahr und den hiergegen zu treffenden Luftschutzmaßnahmen befreit Die Gefahr ist nur gemindert und sie wird immer mehr schwinden, je machtvoller und leistungsfähiger unsere Luftmacht wird, und je verständnisvoller sich die Bevölkerung zum Kriegsgeschehen in und aus der Luft einstellt.
In allen Staaten hat sich die Luftwaffe seit dem Kriege gewaltig entwickelt. Die Luftmacht steht gleichwertig neben Land- und Seemacht und wird besonders zu Beginn eines Krieges eine bedeutende Rolle spielen. Die Gegner werden bestrebt sein, die Luftüberlegenheit zu gewinnen. Sie wird erreicht werden, wenn die Kämpfe in der Luft, die sich zu Luftschlachten entwickeln können, zur Niederlage der einen Seite führen, und wenn durch Bombenangriffe auf die Flughäfen und Herstellungswerke die Bereitschaft und die Neubeschaffung von Fliegergerät zum mindesten erschwert wird. Der Unterlegene geht dann vielleicht in kurzer Zeit eines großen Teils seiner Kampfmittel für eine erfolgreiche Kriegführung verlustig und kommt in schwierigste Lage.
Wir werden Feldherrn der Luft bekommen, die durch überlegene Führung auf Grund bester Meldeeinrichtungen mit Hilfe zweckmäßiger Verteilung der ßuftftreitEräfte und einer vorzüglich ausgebildeten tapferen Mannschaft auf hochwertigsten Flugzeugen den Gegner rechtzeitig fassen und vernichten. In den Gegenden, wo solche Luftkämpfe stattfinden, hat sich die Bevölkerung. zu hüten, den Zuschauer zu spielen. Alle in der Luft abgeschossene Munition und die Trümmer vernichteter Flugzeuge mit anhängenden Bomben fallen zur Erde und wirken auch dort in größerem Umkreise recht oft tödlich. Es wird ratsam sein, sichere Deckungen aufzusuchen. Kein Staat wird sich kampflos gefallen lassen, daß der Gegner ihm durch
Abwehr von Fliegerangriffen und Schuh gegen Fliegerwirkung.
Don Oberst a. O. Kleinhans.
ird bald schweres Feuer auf dem eigenen liegen, oie^-ovai müffen dort warten, bis
Langsam graut der Morgen, brandrot beginnen! aussen d ^ k^Miche Angriff kommt, der auf sich die Nebel zu färben. Zuckend schießen die der eriojenoe
kommen.
Er weiß, wenn die den ersten Graben raumen, wird bald schweres Feuer auf dem eigenen liegen
ersten roten Strahlen des aufgehenden Lichtes aus dem Dunstkreis der angrenzenden Champagne.
Uebernächtigt, lehmverkrustet, mit grauejn Gesicht schaut der Posten an der Sandsackmauer in das grandiose Schauspiel des heraufdämmernden neuen Tages, die Erhabenheit göttlicher Allmacht. Sie find nicht gut diese Stimmungen, sie verleiten zurückzudenken, sich einzuspinnen in den Gedanken, jetzt zu Hause zu sein, bei allem, was man nur noch aus der Erinnerung kennt.
Da — mit wachen Augen fährt er aus feinen Träumereien —, zerrissen das lackende Spiel der Gedanken —, jäh ist er in die harte Wirklichkeit zurückversetzt. — — Ein dumpfer Abschuß, er kennt das schon dem Gehör nach. — Eine schwere Mine. — Da kommt sie schon — schaukelnd wie eine riesige Flasche, kurz vor dem Graben kippt sie um, — fast senkrecht kommt sie herunter. Dann — ein furchtbarer Schlag, merklich zittert die Grabenwand, stinkender, schwarzer Qualm, glühende Eisensplitter urren durch die Luft und Dreck und Brocken lassen das braune Wasser rings in den Trichtern aufspritzen. Fest drückt sich der Posten in die Grabenwand schutzsuchend wie an der Mutterbrust.
Dann bricht die Hölle los. Längst ist der Abschnitt alarmiert, sie wissen, was jetzt kommt. Aus allen Kalibern trommelt der Franzmann auf Die Stellung, unaufhörlich rollen sie heran, die schweren Kohlenkasten mit einem Ton, der das Mark in den Knochen gefrieren läßt. Mine auf Mine fegt in die Stellung und Abschuß und Einschlag vermischen sich zu einem unentwirrbaren Dröhnen. Dicker, zäher, schwarzer Rauch liegt über dem Graben, nur unterbrochen durch die Stichflammen berstender Geschosse, legt sich schwer auf die Atmungsorgane und läßt die Mundhöhle vertrocknen. Dazwischen dröhnt der gräßliche Schrei--Sanitäaater — —
Ganz vorn,' bei Posten neun ist eben der große Unterstand eingedrückt worden. Ungeachtet des wahnsinnigen Feuers setzt die Besatzung eines m der Nähe liegenden Unterstandes zum Ausgraben der verschütteten Kameraden ihr Leben ein. Schon ziehen sie die ersten raus, lehmüberzogen mit fahlen Gesichtern. Ein roter Faden läuft aus Mund und Ohren — es war umsonst. —
Längst schon hat unsere Artillerie wirkungsvoll in den wahnsinnigen Rhythmus der Explosionen eingegriffen, aber immer und immer hämmert das rasende Feuer weiter und weiter. Immer neue Hun- d-rle oon Geschossen !°gen heran, reihen neue Trrch- tcr in bas ausqewühlte Erreich. Sie dunkle Wolke wirb immer bidjter. Es lagert über ber ganzen Gegend ein Gemisch von Erde und Rauch, der platzenden Geschosse, Und in diesem Höllenlärm dem undnrchbrinalichen Simft kieg-n zusammengebuckt die Beobachtungsvosten des Grabenabschnlttes, sie
Argonnerwa d.
Von Otto Mütter.
Es geht gegen Morgen, matt blinken die Sterne am fturmoerhangenen Himmel, schwarze Wolkensetzen jbgen am nächtlichen Firmament. Einen günstigen Augenblick erhaschend, wirft der Mond fein kaltes Licht auf granatzerpflügten, minenzerrissenen Boden des Argonnerwaldes. Gespenstig ragen die schwarzen Silhouetten der geschändeten Bäume, wie drohend gereckte Fäuste zum Himmel und phantastisch formen sich im Vorgelände zerspellte Wurzel- stöcke zu dräuenden Spukgestalten. Auch der Franzmann, der feit dem letzten Angriff im Verhau hängt, scheint hohnvoll im wachsgelben Gesicht die Zähne zu blecken, als spotte er der menschlichen Armseligkeit. — Beklemmend ist diese unwirkliche Ruhe heute nacht, stumm ist die feindliche Artillerie und nur die französischen Grabenposten halten nervös das Dorgelände unter Feuer. Es ist wie em Vorahnen von etwas Furchtbarem, was da kommen wird. Wie zwei sprungbereite Raubtiere liegen sich die beiden Fronten in 80 Meter (Entfernung gegenüber, jeden Augenblick bereit, sich gegenseitig die stahlbewehrten Pranken in die Flanken ZU schlagen. Zitternd hängen die Leuchtkugeln in der Luft, minutenlang, mitleidslos das Niemandsland mit seinen verkrampften, stillen Schläfern beleuchtend.
Mit brennenden Augen stehen die Posten, aufs höchste jeder Nerv gespannt. Ein jeder weiß es, fühlt es mit bem sicheren Instinkt des alten Front- solbaten, baß sich etwas ereignen wirb gegen bas bie Schrecken bes Inferno wie farblose Schemen Juttas' tastet sich ber Wz- vom Grabenbienst bie Grabenwanb entlang, von Posten zu Posten, hinunter bis zur Sappe, 60 Meter vom F-md ent- fernt. Halt, was ist bas? - Lest- bröckelt b,e Grabenwanb, bann - ein dumpfer Fall, -in großer Brocken stürzt hinunter auf die Grabenfohle, Lau- schend — fester umspannt die Hand den Pistolen- knauf — nein — nichts — hatten ^nd es, durch irgend etwas in ihrer schauerlichen Mahlzeit im Verhau gestört, der Grabenwand zu nahe ge-
Leist' singt der Wind im Stacheldraht, Der- wesungsdünste herüber tragend.
„Gleich 4 Uhr", sagt der Grabendienst zum Sap- penpoften — „was Neues da drüben? — .,
flüstert der Kamerad. „Ich glaube, sie baden drüben den ersten Graben geräumt. — Verdammte Sch ..., denkt der Vize und verläßt eilig den Posten, um zum Unterstände des Kompanieführers zu
Klassische MehrwiffenfKaft.
Horsts der Freund und Gesinnungsgenosse Steins,, Mittelpunkt gerückt hat, auch jene allgemeine Be- Gneise'naus und Doyens, sah wie diese grade in der achtung finden, die es verdient.
wie ihre Briefe und Denkwürdigkeiten den klassischen Prosawerken der deutschen Literatur einreihen. Clausewitzens Buch „Dom Kriege" steht in dieser Reihe an erster Stelle und wird in dieser neuen Ausgabe gerade in einer Zeit, die mit der 23er- künd'una der deutschen Mehrfreiheit auch die großen sir-aienjsch-n Probleme dos Krieges wieder in hon
ten Heeresleitung ist, das beweist am besten die Persönlichkeit des großen Kriegstheoretikers Carl von Clausewitz, der im wahren Sinne des Wortes ein geistiger Mensch war und die Betrachtung des Krieges und der Kriegführung auf eine (Ebene gehoben hat, von der die Wehrwissenschaft eines ganzen Jahrhunderts ihre Befruchtung empfangen hat. Clausewitz, der Schüler Scham-
Erweckung aller geistigen und sittlichen Kräfte in dem von Napoleon niebergetretenen preußischen Volke die erste Voraussetzung für seine politische und militärische Erhebung. Er hatte sich mit seinen Ge- sinnungs- und Kampfgenossen bemüht, aus dem preußischen Heer, dessen große friederizianische Tradition die geniale Strategie Napoleons und das junge französische Volksheer auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt zerbrochen hatte, die letzten Spuren von Landsknechtstum und Söldnerwesen, die ihm noch anhafteten, zu beseitigen und den preußischen Soldaten in das Volk zu stellen, dessen sittliche Kraft auch dem neuen preußischen Volks- Heer das starke Rückgrat für feine geistige und organisatorische Umwandlung sein sollte. Aus dieser hohen Auffassung des Soldatenberufs resultiert auch des Generals von Clausewitz größtes und wahrhaft großartiges strategisches Werk „Vom Kriege", von dem soeben' der Verlag H. Schaufuß K. G. in Leipzig, eine ungekürzte und preiswerte Volksausgabe herausgebracht hat (Preis in Seinen gebunden 6,50 RM. — [90] —), zu der der Reichsarbeitsführer Konstantin Hier!, selber ein in der stillen Erziehungsarbeit des Friedens wie in den Schlachten des Weltkrieges aufs höchste bewährter Offizier, ein Vorwort geschrieben hat, das die anziehende Persönlichkeit des großen Patrioten und Kriegstheoretikers Clausewitz in die gewaltigen Geschehnisse seiner Zeit stellt und aus ihnen die Tragik im Schicksal dieses echten Soldaten, dem höchster Felbherrn- ruhm stets versagt blieb, erkennen läßt. Die klare Aufstellung der Probleme, die bis zur letzten Frage erschöpft werden, die scharfe Logik bes Aufbaues ber Darstellung, ber kristallene Stil, durch seine Schlichtheit zur höchsten Form klassischer Prosa erhoben.
ihre Meldung hin die tief unten in ihren Erdlöchern sitzenden Kameraden ans Tageslicht ruft, zum Kampfe Mann gegen Mann.
Wie lange soll das nun noch so weiter dauern. Sechs Stunden trommelt jetzt der Franzmann schon. Plötzlich — wie abgeschnitten hört das Feuer auf. Angestrengt spähen bie Beobachtungsposten nach brüben zu ben französischen Stellungen. Die Augen schmerzen von bem bauernben Hinüberstar- ren, bem fruchtlosen Bemühen, ben Dunst zu durchbringen.
Wie ein Erlösen kommt endlich der gellende Ruf — raus — sie kommen — sie kommen. — Ein einziger Schrei endlicher Erfüllung sechsstündigen Ausharrens. Und nun stürzen sie heraus aus ihren Erdhöhlen, aus ihren Löchern, aus ihren Unterständen, die längst keine mehr sind, die Männer im grauen Ehrenkleid. Soweit das Auge jetzt blicken kann, sieht man sie springen und im Schritt die hellblauen Gestalten französischer Infanteristen.
Geduckt lauern die MG.-Schützen, fester umspannt bie Hanb ben Kolbenhals, griffrecht liegen Munition unb Handgranaten, aber noch ist es Zeit, — noch nicht, aber jetzt hacken sie los, die schweren MG.'s in die Reihen ber Stürmenben fegen sie, begierig fressen sich bie Geschosse in bas zuckende Fleisch und über die Stürzenden wälzt sich, angetrieben durch das gellende „en avant, en avant" der Offiziere, die nächste Welle. Bis an das hindernde Gewirr verbogener, halbverschütteter Eisenstangen und verschlungenen Stacheldrahtes kommen sie heran, bann sinken' sie im Knall ber Haubgrana- ten zusammen. Zusammengebrochen ist ber Angriff, unb nur ber Franzmann mit bem bleckenben Gebiß, ber einsam vorn schon lange im Stachelbrahte hing, er — freut sich über bie vielen neuen Kameraden, und die Zeitungen schrieben: „Im Westen nichts Neues!"
das sind Merkmale dieses Buches, die in der deutschen Wehrwissenschaft Schule gemacht haben unb auch in ben uns alten Solbaten geläufigen Dienstvorschriften ihren Nieberschlag gefunben haben. Schlichtheit. Klarheit unb boch ber große Schwung _ . , . - . .. echten Helbentums, bie Clausewitz auszeichneten,
Daß bas immer noch recht oft allzu oberflächlich ' gaben • auch ber Felbbienstordnung ihre gerabezu betrachtete unb dann verlästerte „Waffenhandwerk" klassischen Formulierungen. Von Clausewitz geht und mit ihm der Beruf des Soldaten eine eminent | eine gerade Linie über Moltke und Schlieffen zu geistige Grundlage hat, die vor ben Verschüttungen ; Hinbenburg, ßubenborff unb Seeckt, alles Männer, durch den Alltagsbetrieb zu bewahren unb in ber | bie bas Genie bes großen Strategen unb Drgamfa- Seele eines jeben Solbaten wachzuerhalten, bie I tors mit ber Begabung in sich vereinigten, ihren wichtigste Aufgabe einer einsichtigen unb zielbewuß- | Gebauten jene feinaeschlisfene klare Form zu geben, ten Heeresleitung ist, bas beweist am besten bie bie ihre militärwissenschaftlichen Schriften ebenso


