Samstag, 22. ZuniMS
Rr.UZ Erstes Blatt
185. Jahrgang
auf dem Kontinent verbürgen könne, während England sich seinen überseeischen Interessen widme, diese Idee wird nun hoffentlich endgültig ad acta gelegt. Für sie ist heute kein Böden mehr. Wohl aber ist, worauf grade englische Blätter in diesen Tagen hingewiesen haben, durchaus die Möglichkeit gegeben die von England so sehr gewünschte Generalbereinigung auf dem -Kontinent möglich durch eine analog dem Londoner Flottenabkommen getroffene Verständigung über die Heeresstärken zwischen Frankreich und Deutschland. Der Führer hat auch hierzu in seinen 13 Punkten den Weg gewiesen und es ist nur eine Frage des persönlichen Muts und der Verantwortungsfreudigkeit, ob die leitenden französischen Staatsmänner dem Beispiel ihrer britischen Kollegen folgen wollen. Englands Völkerbundsminister Eden hat soeben in Paris seine Vorschläge unterbreitet, um auch Frankreich, Italien und Sowjetrußland in Verhandlungen über eine Begrenzung der Seerüstungen einzubeziehen und den sogenannten Luftlocarnopakt der Westmächte ohne die Bleigewichte der übrigen Garantteverträge für Osteuropa und Donauraum unverzüglich unter Dach und Fach zu bringen. An der Aufnahme, die Eden mit diesen Anregungen bei Laval finden wird, wird man den Grad innerer Bereitschaft ermessen können, der heute in Frankreich für eine großzügige Derständigungspolittk im Sinne unseres Führers vorhanden ist. ,
Werfen wir noch einen kurzen Blick aus die Auswirkungen des Londoner Abkommens auf die deutsche Flottenpolitik. Wenn Deutschland rückhaltlos anerkannt hat, daß die Aufrechterhaltung der englischen Seemacht das A und O für den Zusammenhalt des britischen Weltreichs bedeutet, eine Rolle, die mit der der beschränkten Aufgabe der deutschen Kriegsmarine nicht zu vergleichen ist, so hat doch England seinerseits mit Zubilligung der deutschen Quote in Höhe von 35 v. H. der britischen Gesamtflotte die großen Interessen anerkannt, die die deutsche Kriegsmarine vor allem in der Ostsee mit ihrer überall für jeden Feind offen daliegenden Küste und mit dem Schutz der Verbindungswege nach dem vom Reich abgetrennten Ostpreußen zu sichern hat. Die Anxvendung des vereinbarten Der- hältnisschlüssels auf die einzelnen Schiffsklassen erfolgt auf Grund der für die britische Flotte heute noch gültigen Zahlen des bereits gekündigten Der- trags von Washington. Im Einzelnen wurde darüber bereits gestern ausführlich berichtet. Wichtig erscheint, daß sich über die Zweckmäßigkeit der Größenbegrenzung einzelner Schiffsklassen bei den Londoner Verhandlungen tu allen wesentlichen
Paris, 21. Juni. (DNB.) Die englisch-französischen Besprechungen, die um 11.30 Uhr am Quai d'Orsay begannen, dauerten bis um 13.15 Uhr und wurden nach dem Frühstück fortgesetzt. An den Besprechungen nahmen u. a. teil: Minister Eden, der englische Botschafter, Ministerpräsident Laval, der Generalsekretär des Quai d'Orsay, Leger, und der Gesandte M a s s i g l i. Zu dem Frühstück erschienen ferner Kriegsmarineminister P i s t r i und die Vorsitzenden der Auswärtigen Ausschüsse von Kammer und Senat, Bärenger und Bastide.
Nach Beendigung der französisch-englischen Unterredung gab Ministerpräsident Laval den Pressevertretern gegenüber folgende Erklärung: „Wir haben uns in voller Offenheit über das kürzlich zwischen England und Deutschland abgeschlossene Flottenabkommen ausgesprochen. Eden hat mir die Gründe dargelegt, die seine Regierung zu diesem Beschluß veranlaßt haben. Ich habe nicht verfehlt, die Vorbehalte, die meine Regierung zu formulieren veranlaßt war, zu wiederholen. Meine persönlichen Beziehungen zu Eden genügen, um den freundschaftlichen Charakter unserer Unterredung zu bestätigen. Wir haben im übrigen die Gesamtheit der Fragen geprüft, die die gegenwärtige europäische Lage für unsere beiden Regierungen mit sich bringt und die Notw en- di'gkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern anerkannt. Wir werden unsere Unterredung morgen f o r t s e tz e n."
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8'/,Uhr des Vormittags Grundpreise für l mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text- anzeigen von70 mm Breite 60 Rpf.,Platzvorschrist oder schwieriger Satz 25% mehr
Ermäßigte Grundpreise: Stellen-, Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf., Familienanzeigen,Bäder-, Unterrichts- u. behördliche AnzeigenbRpf. Mengenabschlüsse Staffel B
5rantfllN am^Main 11686 Druck und Verlag: vrühl'sche UniverfitStr vuch- und Stetnömrferet R. Lange in Stehen. Zchristleitung und Geschäftsstelle: rchulstrahe 7
Die Pariser Presse beurteilt die Verhandlungen Edens zurückhaltend. Der „Matin" bemerkt, die Verhandlungen über den Luftpakt würden sehr mühsam sein; denn er müßte nicht nur den Grundsatz des gegenseitigen Beistandes estlegen, sondern auch die automatische Auslösung der Aktion, die anzuwendenden Mittel und vor allem die Art und Weise der Kontrolle der Luftstreitkräfte bestimmen. Für Frankreich sei die W i e d e r h e r st e l - lung der Front der internationalen Zusammenarbeit von Stresa die Hauptfrage. Nach dem „Petit Parisien" erkennt Frankreich die Zweckmäßigkeit des Luftpaktes aroar an, weist aber immer auf die gegenseitige Abhängigkeit und Unteilbarkeit der einzelnen Rüstungen hin. Wenn der Luftpakt geregelt wäre, würden die Themen, die England und Deutschland angingen, erschöpft sein und Frankreich würde sich hinsichtlich der Begrenzung der Rüstungen zu Lande in einer unvorteilhaften Stellung befinden. Daher könne die französische Regierung den Abschluß eines Luftpaktes nur unter Einbe- Ziehung aller Punkte des Programms vom 3. Februar zulassen.
fen, daß die weiteren Besprechungen am Samstag wirklich fruchtbar sein würden.
„Daily Telegraph" glaubt eine merkliche Verbesserung der englisch-französischen Beziehungen als Ergebnis des ersten Verhandlungstages feststellen zu können. Eden habe sehr nachdrücklich erklärt, daß die englische Regierung an nichts weniger denke als daran, eine Politik auf eigene Faust in Europa zu spielen. Geeinigt habe man sich bisher nur über den Inhalt der A n t- w o r t auf die d e u t s ch e A n f r a g e bezüglich der Auswirkungen des französisch-russischen Paktes auf den L o c a r n o v e r t r a g. Die französische Regierung gelange im übrigen langsam zu der Erkenntnis, daß der ausdrückliche Wunsch Deutschlands, die europäische Lage zu sta- bilisieren, ernst gemeint ist.
Pertinax sagt über den Verlauf der Verhandlungen, Eden habe zunächst die Tatsache betont, daß das deutsch-englische Flottenabkommen, nicht nur den.Interessen Englands, sondern denjenigen Frankreichs und dem Interesse des europäischen Friedens diene. Anscheinend wolle Frankreich eine Beteiligung an den Luftpaktsverhandlungen a b l e h n e n , wenn Deutschland nicht das von Simon in Stresa dargelegte nordöstliche Sicherheits- s y st e m annehme. Eden habe auch die Versicherung abgegeben, daß die englische Regierung kein zweiseitiges Luftabkommen mit Deutschland suchen werde. „Daily Expreß" berichtet demgegenüber, es sei eine Formel für die zukünftige englisch-französische Zusammenarbeit aufgezogen worden. Eden habe telephonisch in London angefragt, ob diese Formel für die englische Regierung annehmbar wäre. Reuter zufolge nimmt die französische Regierung den Standpunkt ein, daß eine Entsendung französischer Flottensachoer ständiger nach London zur Zeit nicht in Frage komme.
Frankreich und der Flotienpakt.
Edens Pariser Besprechungen. — Das Lustlocarno. — Wird Laval auf einer Behandlung des Gesamiprogramms der Sicherheitspakte bestehen?
der jetzigen Verhandlungen überzeugt, so lange sich die englische Politik in ihren gegenwärtigen Bahnen bewege. Der Führer der französischen Marxisten, Leon Blum, erklärt im „Populaire", die englische Politik gehe in der Flottenfrage auf selbstsüchtige Erwägungen zurück. Aber auch Laval und Flandin hätten einen Fehler dadurch begangen, daß sie die Rede des Führers vom 21. Mai u nbeantwortet gelassen hätten. Damals hätte die Initiative bei der französischen Regierung gelegen.
Mrd Eden Erfolg haben?
Das Londoner Jlottenabkommen erleichtert eine allgemeine Regelung
Die deutsch-englische Flottenver- , ständigung als zweites Ergebnis der gleichen Methode direkter Aussprache zwischen zwei gleichberechtigten Nationen ist eine nicht minder deutliche Abkehr von alten Dogmen und vorgefaß- f ten Meinungen, die von den Tatsachen überholt < worden sind und zum alten Eisen geworfen werden , können, nachdem der nüchterne Wirklichkeitssinn der । Nächstbeteiligten einen modus vivendi gefunden hat, • der dem Gang der geschichtlichen Entwicklung Rech- ' nung trägt und von den wahren, aus der durchaus verschiedenartigen geopolitischen Lage beider Nationen herrührenden Bedürfnisse die vermeintlichen von Prestige und falscher Machtpolitik diktierten entschlossen abzieht. Das Kapitel der deutschbritischen Flottenrivalität, das vor dem Kriege tten- nend zwischen den beiden großen stammverwandten Nationen stand, ist für alle Zeit beseitigt und da- mit auch jede Spekulation, aus einer über der Flottenfrage entstehenden Entfremdung zwischen Deutschland und England Kapital schlagen zu können. Wenn auch in der wilbelminischen Aera die großen Flottenvorlagen des Admirals von T i r - pitz im Reichstag erst eingebracht worden sind, nachdem die Bemühungen um das Zustandekommen eines deutsch-englischen Bündnisses gescheitert waren und England seine Stellung in der franzö- sisch-russischen Front bezogen hatte, so hatte doch das Scheitern der Mission des britischen Kriegs- Ministers Lord Haldane im Februar 1912, der bei seinem Besuch in Berlin eine deutsch-britische Verständigung über Tempo und Umfang der Schiffsbauten anstrebte, den Bruch zwischen Deutschland und England vollständig gemacht. Tirpitz hatte den Flottenbau unter den Gedanken gestellt, daß die deutsche Kriegsflotte so stark sein müsse, um England die Lust zu nehmen, bei einem kriegerischen Zusammenstoß der beiden großen europäischen Mächtegruppen das Risiko eines Verlusts der eigenen Flotte einzugehen. Der Tirpitzsche Risikogedanke hat getrogen. Auf das Scheitern der Haldane-Mis- sion und die deutsche Flottenvorlage im Jahre 1912 folgte noch im November des gleichen Jahres die Zusage 'gegenseitiger Waffenhilfe zwischen Frankreich und England in dem bekannten Briefwechsel zwischen Sir Edward Grey und dem französischen Botschafter Cambon, an die letzterer in den verhängnisvollen Augusttagen des Jahres 1914 den britischen Staatssekretär mit dem Erfolg erinnern konnte, daß England neben seine Verbündeten in den Krieg gegen Deutschland eintrat.
Die oft kritisierte „Uferlosigkeit" der Flottenplane und der nicht minder beklagte Zickzackkurs der außenpolitischen Navigation wahrend der Aera Bülow-Bethmann, der mit dem nebeneinander betriebenen Flottenbau und dem Bagdadbahnprojert gleichzeitig England und Rußland brüskierte und in der Marokkoaffäre den Gegensatz zu Frankreich noch vertteste, sind heute einer Politik gewichen, die maßvolle Zurückhaltung gegenüber berechttgten Interessen fremder Nationen mit selbstbewußter ruhl- ger Festigkeit in der Durchsetzung der eigenen ausschließlich vom Bedürfnis der nationalen Sicherheit besttmmten Belange verbindet und damit wieder anknüpft an die beste Tradition p^eußstch'deu - schen Außenpolitik, die unter Bismarcks Führung, nachdem die deutsche Einheit geschmiedet und das Reich als Großmacht in den Sattel gehoben war, allein darauf hinauslief, diese kontinentale Groß- Machtstellung Deutschlands durch wettausschauenve Friedenssicherungen zu behaupten. Die 13 Buntte in der großen außenpolitischen Programmrede des Führers hatten aller Welt gezeigt, daß das nationalsozialistische Deutschland nicht gewillt ist, stG irgend etwas abhandeln zu lassen von dem, was es als unbedingte Notwendigkeit zur Verteidigung ferner nationalen Interessen erkannt hat, daß es aber
jederzeit bereit ist, auch den andern Völkern zuzu- billigen, was sie zur Sicherung ihrer Lebensinter- 1 essen der besonderen Eigenart ihrer politischen Lage entsprechend zu bedürfen glauben. Die Verkündung der Wehrfreiheit und die unbeirrte Durchführung der deutschen Wiederaufrüstung in dem angekündigten Ausmaße hatte aller Welt den festen Willen des neuen Reichs gezeigt, zu seinem Wort zu stehen. . . .. .
Als erste haben nun die Engländer Die große Chance erkannt, die ihnen der Führer in seinen 13 Punkten geboten hatte. Sie haben durch ihr Eingehen auf die Anregung des Führers erreicht, was zu einem späteren Zeitpunkt nur zu einem weit höheren Preis, vielleicht aber auch gar nicht mehr zu erreichen gewesen wäre. Das Londoner Flottenabkommen beseitigt mit seinem für die deutsche und brittsche Flotte festgelegten Verhältnis von 35 zu 100 wenigstens zwischen diesen beiden Nationen ein für alle Mal jenes beunruhigende Moment des Wettrüstens, das wie wir sahen das deutsch-englische Verhältnis vor dem Kriege so verhängnisvoll vergiftet hat und nach dem Kriege durch seine Kostspieligkeit nicht minder wie durch die ihm innewohnende stete Drohung für den Weltfrieden für die großen Seemächte zu einem Alpdruck geworden ist. Das Flottenabkommen schafft aber auch m der Art seiner Formulierungen wie in seinen technischen Einzelheiten den Ansatzpunkt für eine allgemeine Regelung auf die grade England mit besonderer Energie hinsteuert, weil nach dem Aufhören der Bindungen des von Japan bereits gekündigten Flottenvertrags von Washington ein neues Wettrüsten dem Bntt- schen Reich bei seinen über den ganzen Erdball verstreuten Interessen ungeheure materielle Opfer auf- erlegen müßte, ohne die Sicherheit, nun auch tatsächlich im Ernstfall an jedem Punk des Riesen- reichs gegen einen mit zusammengeballter Kraft^des Feindes geführten Angriff hinreichend geschützt zu sein. Die Lage in Ostasien und die ungeheuren wirtschaftlichen Interessen, die England dort zu vertei- bigen bat, wirb roobl in erster Linie die Manner des Kabinetts Baldwin bewogen haben, durch die vom Führer angebotene Flottenoerstandigung nut Deutschland den Versuch zu machen, nut einer Generalbereinigung der europäischen Din^e zu be- ainnen auf Grundlage der neuen Einsicht, daß ohne die gleichberechtigte Teilnahme eines in seiner na- ttonalen Sicherheit durch die Wehrkraft des eigenen , Volkes gefestigten Deutschen Reiches eine Befne- . düng Europas unmöglich ist. Die in einigen Kopfen . des ‘ britischen Foreign Office spukende Idee daß . Frankreich als Gendarm am besten den Frieden
„Oeuvre" behauptet, daß die französischen Einwände auf Eden starken Eindruck gemacht hätten. Im Augenblick sei es nicht angebracht, die neue, aber noch etwas zerbrechliche französisch-italienische Freundschaft durch Anschneiden einer so heiklen Frage, wie der französisch-italienischen Flottenparität zu gefährden. „Echo de Paris" warnt vor der Gefahr, daß bei einer Verstärkung des Locarno - Vertrages Frankreich die Hände gebunden werden könnten, und ist im übrigen von der Zwecklosigkeit
Englische preffestimmen.
London, 22.Juni. (DNB. Funkspruch.) Die englische Presse berichtet ausführlich über den Verlaus der Pariser Besprechungen Edens mit Laval. Die Berichte gehen im allgemeinen dahin, daß es Eden zwar nicht gelungen sei, die französischen Einwände gegen das „einseitige Vorgehe n" Englands beim Abschluß des deutsch-englischen Flottenabkommens zu erschüttern, jedoch habe Eden in der allgemeinen Frage der zukünftigen Zusammenarbeit Laval zufried en gestellt.
Wie die „Time s" glaubt, habe Laval eine Zusicherung von England gefordert, daß es das im Zusammenhang mit dem deutsch-englischen Abkommen eingeschlagene Verfahren bei der Behandlung der anderen wichtigen politischen Probleme nicht wiederholen werde. Der französische Ministerpräsident habe dabei wahrscheinlich angeführt, daß sich die französischen Proteste gegen eine Wiederaufrüstung Deutschlands nicht auf ein blindes Festhalten an Vertragsbedingungen stützten, da in Stresa selbst der Gedanke von Abänderungen angenommen worden sei, allerdings unter der Voraussetzung, daß die in Stresa vertretenen Mächte Zusammenarbeiten würden. Eden habe seinerseits wohl kaum der Ansicht zugestimmt, daß irgendeine ernste Verletzung der englisch-französischen Zusammenarbeit stattgefunden hätte. Er habe Laval daran erinnert, daß das deutsch-englische Flottenabkommen in eine allgemeine Regelung eingefügt werden solle. Wenn Eden auch die französische Ueberzeugung, daß das britische Vorgehen weder dem Geist noch dem Buchstaben nach dem Grundsatz „einer Einheitsfront" entspreche, nicht habe erschüttern können, so habe er doch durch seinen Takt und durch sein Verständnis einen tiefen Eindruck gemacht. Man könne Hof-
3u neuen Ufern.
Das Londoner Flottenabkommen zwischen Deutschland und England ist nicht minder ein Sieg des gesunden Menschenverstandes über doktrinäre Verbohrtheit, chauvinistische Antipathie und falsch verstandenen Ressortehrgeiz wie auch ein Erfolg der vom Führer und Reichskanzler in seiner gesamten Außenpolitik befolgten Methode einer rückhaltlos offenen Aussprache von Mann zu Mann. Der Führer hat immer wieder die Meinung vertreten, daß zwischen zwei Nationen, die ihre gleichberechtigte Stellung als Verhandlungspartner kennen und von denen jede die besonderen nationalen Bedürfnisse der andern im voraus zu achten gewillt ist, leicht über ein festumgrenztes Problem eine Verständigung zu erzielen ist, deren Erweiterung durch entsprechende Verhandlungen mit anderen Nationen schneller zum Ziel einer allgemeinen Regelung führen wird, als schlecht vorbereitete, im Gestrüpp diplomatischer Intrigen stecken bleibende oder im Papierschlamm der Sachverständigenausschüsse versandende internationale Konferenzen. Namentlich gilt das nach deutscher Auffassung für das Zentralproblem der europäischen Politik, das seit länger als einem Jahrzehnt um die Begriffe Sicherheit und Abrüstung oder richtiger gesagt, Rüstungsbegrenzung kreist, ohne daß dabei bislang für die Sicherung des Friedens etwas Positives herausgekommen wäre, was man als einen Fortschritt über den Locarnopakt hinaus hätte ansehen können. Der einzige großzügige und fruchtbringende Beitrag zur Entgiftung der Atmosphäre, die deutsch-polnische Verständigung, verdankt gerade der vom Führer angeregten und von Marschall Pilsudski verständnisvoll aufgegriffenen Methode der direkten Aussprache ihr Zustandekommen. Und es.ist bezeichnend für die Güte dieser Methode, daß sie ungeachtet der von keiner Seite verkannten und geleugneten Schwierigkeiten zwei Nationen zusammenführte, auf deren in Versailles sorgfältig konstruierten Gegensatz das System der Sicherung des Versailler Status quo zu einem guten Teil aufgebaut war.
Punkten die gleiche Auffassung zwischen den deutschen und englischen Sachverständigen ergab. So war man sich z. B. darin einig, daß Schlachtschiffe von 25 000 Tonnen durchaus ausreichend feien für leistungsfähige Kampfeinheiten. Gegenüber den französischen und italienischen Bauplänen, die bekanntlich Schiffe von 35 000 Tonnen vorsehen, wird es allerdings schwer sein, auf einer internationalen Flottenkonferenz dem deutsch-englischen Standpunkt zur Anerkennung zu verhelfen. Nicht anders ist es mit den Flugzeugträgern, die England auf 22 000 Tonnen begrenzen möchte, während Amerika bereits zwei in dem Riesenausmaß von 33 000 Tonnen besitzt. Für Deutschland würden etwa zwei solcher Flugzeugträger in der Größe der englischen in Betracht kommen. Man könnte sich aber auch denken, die verfügbare Tonnenzahl zum Bau mehrerer kleinerer solcher Schiffe auszunutzen, wie sie z. B. Schweden mit seiner „Gotland" besitzt, die mittels eines Katapults sechs Wasserflugzeuge von Bord lassen kann. Auch in der U -Bootfrage gehen Deutschland und England durchaus einig in der Auffassung, daß, wennschon die vollständige Ab- schaffung der U-Bootwaffe wiederum am Wider- sprach Frankreichs scheitern sollte, eine möglichst starke Begrenzung der Größe wünschenswert ist. England ist bisher mit seinen größten Booten von etwa 1500 Tonnen sehr beträchtlich unter der vertraglich erlaubten Höchstgrenze von 2000 Tonnen im allgemeinen und 2800 Tonnen für je drei Spitzenboote jeder Kriegsflotte geblieben, die Frankreich voll ausgeschöpft hat, wie Frankreich ja auch mit einer Zahl von 96 U-Booten faßt die doppelte Zahl der englischen (51) und der italienischen (59) U-Boote besitzt. Diese Zahlen recht- fertigen auch, warum in der U-Bootfrage das Verhältnis von 35 zu 100 aufgehoben wurde zugunsten einer vollen Parität, wie sie übrigens auch in den früheren Flottenverträgen den kleineren Seemächten zugebilligt worden war. Deutschland wird sich indessen vorerst mit 45 v. H. der britischen U-Boot- stärke begnügen, um eine Einigung mit den anderen Flottenmächten nicht zu erschweren, obwohl dem U-Boot naturgemäß in den für die deutsche Kriegsmarine ausschließlich in Betracht kommenden europäischen Gewässern eine besondere Bedeutung zukommt.
Dor einer lebensbedrohenden Unterlegenheil gegenüber andern Seemächten schützt Deutschland die Gewißheit, daß Großbritannien seine Seegeltung unter allen Umständen behaupten wird und damit durch das vereinbarte Stärkeyerhältm- der
Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte (Biegener Familienblätter Heimat tm Bild • Die Scholle Monatr-Vezugrpreir:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte . 1.80 Zustellgebühr .. , - 25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt »sernspkechanschlüffe mnter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach- richten- Anzeiger Gießen
Siebener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen


