Hr. 298 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Zamstag, 2l. Dezember (935
Dritter Reichsbemfswettkampf.
Oie Wettkampftage.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Wintersonnenrvenoe.
Wie die mächtigen Eichenbäume, die Jahrhunderte überdauerten, ihre Wurzeln tief in das Erdreich senkten und dort nicht nur Nahrung, sondern auch den sicheren Halt fanden, so sind unsere Volksmärchen und -Sagen mit der deutschen öeele verwurzelt und verwachsen. In ihnen steckt altnordisch^ Weltanschauung, germanische Religion. Im Mittelpunkt stand das Licht, die Sonne. Die im Norden wohnenden Germanen waren ja von dem Himmelslicht ganz und gar abhängig. Ein Jahr ohne Sonne gab ihnen nur eine Mißernte. Ihr zogen sie nach, südlichen Ländern zu.
Und ist es heute nicht mehr so, daß wir uns alle nach dem sehnen, was wir nicht besitzen? Und wenn unsere Wünsche voll und ganz in Erfüllung gehen, dann verlieren wir uns, wir werden satt und vergessen unser Lebensziel. Genau so erging es auch den Germanen, die nach dem Süden zogen und dort im Vollgenuß der sonnigen Landschaft und des blauen Himmels zugrunde gingen. Erft in der nördlichen Sonne konnte das eigentliche nordische Wesen gedeihen. Die Sonne wurde hier zum Symbol.
Hier im Norden wurden die Sommer- und Wintersonnenwendfeste gefeiert. Die äußeren Zeichen waren das Sonnenrad und das Hakenkreuz. In Sagen und Märchen wurde die Sonne in mancherlei Gestalt als Llchtspenderin verwoben. Die Sehnsucht nach dem Licht, nach dem Guten, erfüllte die Herzen der Heldengestalten. Wie Tag und Nacht miteinander ringen, so kämpften einst Riesen gegen die Sonne. Sie wollten das Menschenland dem Untergang entgegensühren und verbannten die Sonne. Der Uchte Sonnengott Baldur mußte sterben. Aber die guten Götter mit Wotan an der Spitze kämpften gegen die Riesen. Wilde Stürme brausten über die Erde. Alles, was welk und mürbe war, wurde abgerissen, was faul war, brach zusammen und mußte vergehen. Im Kampfe aber bestanden die Götter. Das Böse mußte unterliegen.
Tief im Herzen besaßen unsere Vorfahren den Glauben an das Gute, an den Sieg des Lebens. Da stehen die Gestalten der uns vertrauten alten Volksmärchen vor uns: Rotkäppchen, Dornröschen, Aschenputtel und viele, viele andere. Auch sie erlagen vorübergehend im Kampfe gegen die bösen Mächte, aber um so herrlicher war ihre Wiederkehr. Für hundert Tage verschwindet die Sonne in den nordischen Ländern, und hundert Jahre mußte Dornröschen schlafen, bis es vom Königssohn erweckt wurde. Der Tag siegte über die Nacht, das Gute über das Böse. Das kleine Rotkäppchen, das Sinnbild des Hellen, Lustigen, wird vom Wolf verschluckt, Siegfried muß mit dem giftigen Drachen kämpfen ...
In der Unschuld und Reinheit des Kindes sehen wir das Gute verkörpert. Auch den bösen Wolf schaut das Rotkäppchen mit reinen, gütigen Augen an. Für es gibt es keine bösen Wesen. Siegfried steht auch so vor uns. In seiner kindlichen Leichtgläubigkeit ahnt er nicht die geheime Tücke der Feinde. Und an diesem Glauben geht der Held zugrunde. Ist es uns Deutschen nicht oft so ergangen? Immer bereit, den andern zu helfen, sie zu stützen und zu fördern und zum Dank ernteten wir dann Verrat und Untreue. Unser deutsches Wesen, unser Sehnen treten uns am reinsten in den Volksmärchen und in den Heldensagen entgegen. Sie sind die Spiegelbilder unserer Seele.
Und ebenso verstehen wir voll und ganz die Sehnsucht unserer Vorfahren nach der Sonne, verstehen die Freude, die sie empfanden, wenn die Sonne wieder mit dem Aufstieg begann. Nun war der Kampf der Riesen und Götter entschieden. Wohl lag die Natur noch im tiefen Winterschlafs, aber tief innen pulste schon das neue Leben. Es ging dem Frühling zu. Die Tage wurden länger, die Sonne blieb Siegerin. Baldur kehrte wieder.
Da schickten sie ihre Boten aus und luden ihre Genossen ein, sich auf Bergeshöhe zu versammeln,
Die Wettkampftage für die verschiedenen Wettkampfgruppen beim Reichsberufswettkampf sind nunmehr endgültig festgelegt. Wir geben nachstehend die Verteilung der Wettkampftage bekannt:
Sonntag, 2. Februar 1936: Appell aller Wettkampfteilnehmer.
Montag, 3. Februar 1936: Wettkampfgruppen: Eisen und Metall (Industrie), Handel.
Mittwoch, 5. Februar 1936: Wettkampfgruppen: Friseure, Eisen und Metall (Feinmetall), Verkehr und öffentliche Betriebe, Bau, Hausgehilfen.
Freitag, 7. Februar 1936: Wettkampfgruppen: Eisen und Metall (Handwerk), Leder, alle Mädel von Eisen- und Metallgruppen.
Das Einigungsamt für Wettbewerbsstreitigkeiten beim Rheinisch-Mainischen Industrie- und Handelstag, Sitz Frankfurt a. M., hat, der „Rhein-Ma.ini- schen Wirtschafts-Zeitung" zufolge, folgenden gutachtlichen Spruch erlassen:
„Jede Ankündigung einer Zugabe ist schlechthin verboten und stellt sich als ein Verstoß gegen das Zugabegeseh dar, selbst wenn die Gewährung der Zugabe nach den 23e- stimmungen dieses Gesetzes an sich erlaubt ist."
In der Begründung wird ausgeführt, daß die Ankündigung einer erlaubten Zugabe in dem Zugabegesetz zwar ausdrücklich erwähnt, jedoch die Einschränkung gemacht werde, daß die Zugabe nicht als unentgeltlich gewährt bezeichnet und daß auch nicht „sonstwie" der Eindruck der Unentgeltlichkeit erweckt werden dürfe. Diese gesetzliche Bestimmung habe zu widersprechenden Urteilen geführt. Einzelne Gerichte haben sich auf den Standpunkt gestellt, daß die Ankündigung erlaubt sei, wenn sie nicht den ausdrücklichen Hinweis darauf enthalte, daß die Zugabe unentgeltlich sei Diese Auffassung werde jedoch dem Wortlaut des Gesetzes nicht gerecht, das auch die „sonstwie"-Ankündigung verboten hat. Andere Entscheidungen gehen dahin, daß der Eindruck der Unentgeltlichkeit auch nicht indirekt erweckt wer-
um dort beim flammenden Holzstoß das Wiederaufsteigen der Sonne zu feiern. Die Feuerräder rollten zu Tal, und überall brannten die Höhenfeuer. Mit Freudensprüngen wurde das Feuer umtanzt, die Fackeln wurden daran entzündet und die Glut hinab in die Häuser der Täler getragen. Auch hier sollte das neue Feuer ein Zeichen der Freude sein. Es durfte nun nicht mehr verlöschen mährend des ganzen Jahres. In die Herzen der Menschen zog wieder Freude ein, denn es ging ja wieder dem Frühling entgegen, dem neuen Lichte zu.
So war die Wintersonnenwende unserer Vorfahren ein großes feierliches Erlebnis. Für sie war dieses Fest eine neue Hoffnung, ein Aufblick zur Sonne.
Auch uns soll die Wintersonnenwende zum inneren Erlebnis werden. Es soll ein Fest der Erinnerung, der Einkehr sein. Zurückblickend gedenken wir unserer Vorfahren und ihres starken Glaubens. Aber es soll nicht nur ein Tag des Gedenkens fein. Wir wollen — wie unsere Vorfahren — nie die Zuversicht und den Glauben an den Sieg des Guten im Leben verlieren.
Zum Himmel soll'n die Flammen schlagen, unfern Glauben zu den Sternen tragen. Trotz Nacht und Leid, — Wendezeit!
Volk, du bist befreit! (Engelkes.)
Sonntag, 9. Februar 1936: Wettkampfgruppe: Gesundheit, Bergbau.
Dienstag, 11. Februar 1936: Wettkampfgruppen: Näh,1tand': Bekleidung, Holz, Chemie, Stein und Erde, Gaststätten.
Donnerstag, 13. Febr. 1936: Wettkampfgruppen: Nahrung, Genuß, Druck, Papier, Freie Berufe (einschließlich Kindergärtnerinnen).
Samstag, 15. Februar 1936: Textil.
Mit Ausnahme der Wettkampfgruppen „Eisen und Metall" kämpfen die Mädels aller Wettkampfgruppen an den allgemein festgesetzten Wettkampftagen. . p
Leitung Berufswettkampf Kreis Gießen
Dr. Richard Schmidt, Kreisjugendwalter.
den dürfe. Diese Entscheidungen haben zur Folge gehabt, daß die Ankündigungen in einer besonders ausgeklügelten Form erlassen werden, so daß sie zwar eine Zugabe anpreisen, jedoch den Eindruck der Unentgeltlichkeit nach Möglichkeit vermeiden. Demgegenüber hat sich das Frankfurter Einigungsamt für Wettbewerbsftreitigkeiten auf den Standpunkt gestellt, daß es sich in der ^rage der Ankündigung von Zugaben um einen Widerspruch im Gesetz handelt, der mit den üblichen Mitteln der juristischen Interpretation nicht beseitigt werden kann. Selbst wenn die Ankündigung lediglich lauten würde: „Zugabe — ein Luftballon", so würde dadurch „sonstwie" der Eindruck der Unentgeltlichkeit erweckt werden, weil die Unentgeltlichkeit mit dem Begriff der Zugabe untrennbar verbunden ist. Da also aus den einzelnen Bestimmungen des Gesetzes selbst nicht einwandfrei hervorgeht, ob die Ankündigung der Zugabe erlaubt oder verboten ist, so kann die Frage nur aus dem Sinn und Zweck des ganzen Gesetzes entschieden werden. Das Zugabegesetz' trägt offensichtlich den Charakter eines Kompromißgefetzes, feine Tendenz geht aber dahin, das Zugabewesen nach Möglichkeit zu beschränken. Die Auslegung des Gesetzes kann daher nur eine einschränkende sein und muß dazu führen, daß jede Ankündigung einer an sich erlaubten Zugabe schlechthin verboten ist.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 22 Uhr Wintersonnenwende-Feier am Hölzernborn bet Daubrin- gen, Treffpunkt 19.45 Uhr Ecke Marburger Straße- Wiefecker Weg. — Stadttheater: 15,30 bis 18.30 Uhr „Der kleine Muck". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Mazurka". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Schwarze Rosen". — Spielvereinigung 1900: 20.30 Uhr in der Stadt Wetzlar" Familienahend. — Turmhaus am Brandplatz: 17 bis 19 Uhr Weihnachtsausstellung oberhessischer Künstler. —
Tageskalender für Sonntag.
NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Nord: 19 Uhr Weihnachtsfeier im Cafe Leib; Ortsgruppe Gießen- Süd: 18.45: Weihnachtsfeier im. Studentenhaus: Ortsgruppe Gießen-Oft: 19 Uhr im großen Hörsaal der Universität Weihnachtsfeier. — BDM., Standort Gießen: 20.30 Uhr Wintersonnenwende-Feier am Bismarck-Turm. — NSG. „Kraft durch Freude": Skifahrt nach Breungeshain, Abfahrt 7 Uhr am Ludwigsplatz. — Stadttheater: 15 bis 18 Uhr „Der kleine Muck"; 19 bis 21.15 Uhr „Holzappel". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Mazurka". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Schwarze Rosen". — Turmhaus, am Brandplatz: 11 bis 13 Uhr Weihnachtsausstellung oberhessischer Künstler.
Stadttheater Gießen.
Heute, von 15.30 bis 18.30 Uhr, das reizende Weihnachtsmärchen „Der kleine Muck" von W. Burg» graf. Leitung Karl V o l ck. Die Vorstellung ist außer Abonnement.
Der Weihnachts-Spielplan des Gießener Stadttheaters.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Sonntag, 22. Dezember, von 15 bis 18 Uhr, außer Abonnement das Weihnachtsmärchen: „Der kleine Muck" von W. Burggraf. Spielleitung: Karl V o l ck. Von 19 bis 21.15 Uhr zum letzten Mal das Volksftück „Holzappel" von H. A. Weber. Spielleitung: Der Intendant. Kleine Preise. Außer Abonnement. — Am Dienstag, 24. Dezember, bleibt das Theater geschlossen! — Am 1. Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember, der große Opernerfolg: „Der Waffenschmied", Komische Oper von Lortzing. Mu-
Die Aktion der HZ.
heule, Samstag, dritter Tag! Winterfonnwend ist heute!
Sie soll auch die Tlotwende fein! Gebt! Schenkt! Opfert!
sikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Heinz Weiser. Dauer von 19 bis 22 Uhr. Außer Abonnement. — Am 2. Weihnachtsfeiertag, 26. Dezember, außer Abonnement, von 15 bis 18 Uhr das Weihnachtsmärchen: „Der kleine Muck" von W. Burggraf. Spielleitung: Karl V o l ck. Von 19 bis 21.30 Uhr zum ersten Mal die neue Operette „Die Tanzgräfin" von R. Stoltz. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Spielleitung: Paul Wrede. Tänze: Thery Schultheis. Außer Abonnement. — Am 3. Weihnachtsfeiertag, 27. Dezember, von 15 bis 18 Uhr, außer Abonnement das Weihnachtsmärchen: „Der kleine Muck" von W. Burggraf. Spielleitung: Karl V o l ck. 3. Weihnachtsfeiertag, 27. Dezember, außer Abonnement von 19.30 bis 22.30 Uhr Verdis Meifteroper: „Maskenball". Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Der Intendant. — Sonntag, 29. Dezember, zum letzten Mal das Weihnachtsmärchen: „Der kleine Muck" v. W. Burggraf. Spielleitung: Karl D o l ck. Außer Abonnement. Dauer von 15 bis 18 Uhr. Von 19 bis 21.30 Uhr der Overettenfchlager: „Die Tanzgräfin" von R. Stoltz. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Spielleitung: Paul Wrede. Tänze: Thery Schultheis. Außer Abonnement.
Die 51. Sendung vom Reichsfender Köln.
Man schreibt uns: Der frohe Samstagnachmittag, den wir feit Wochen im Rundfunk-Programm vermissen, wird am heutigen Samstag, 16 Uhr, vom Reichssender Köln wieder ausgenommen. Bis auf weiteres folgen nun wieder die frohen Samsta'g- nachmittage von Köln. Die heutige Sendung als letzte in diesem Jahre wird auf alle deutschen Reichssender übertragen. Aber nicht genug damit für die Stadt Gießen. Am 13. Januar 1936 wird der Wunsch aller Gießener Volksgenossen in Erfüllung neben, die drei lustigen Gesellen vom Reichssender Köln in der Volkshalle zu Gießen zu sehen. Wir verweisen auf die heutige Anzeige.
deutsche Rrbcifsfront
Ar ? jl.9.=bemeih((haft >,Kraft Durch freubc"
Wintersonnenwende-Feier.
Heute, Samstag, 21. Dezember, um 22 Uhr, veranstalten wir eine Wintersonnenwende- Fe i e r am Hölzernborn bei Saubringen. Die Feier wird umrahmt voy Darbietungen der SA.-Kapelle
Verbot der Ankündigung von Zugaben.
Zwei neue Filme zu Weihnachten.
Lichtspielhaus: „Schwarze Rosen".
Den durchschnittlichen Kinobesucher wird dieser Film vermutlich in erster Linie um deswillen interessieren, weil in ihm Lilian Harvey nach langer Abwesenheit wieder nach Deutschland zurückkehrt. Doch ist der Film als solcher wertvoll genug, um eingehender besprochen zu werden als die früheren Filme der Harvey. Er spielt um das Jahr 1900, als das finnische Volk einen verzweifelten Kampf um feine nationale Selbständigkeit gegen das mächtige Rußland zu führen gezwungen war. Man erlebt hier einen Ausschnitt aus diesem Kampf im Schicksal einer kleinen Gruppe finnischer Aktivisten, die sich, unterdrückt, bespitzelt, verfolgt, von Kosaken gejagt, mit einer erbitterten Energie gegen den überhand nehmenden Einfluß des russischen Gouvernements zur Wehr setzen und insgeheim für die Freiheit ihres Landes werben. Die Handlung — Drehbuch: Curt I. Braun, Walter Supper, Paul Martin — fetzt gleich mit einem dramatischen Akzent ein: Ueberfall der kleinen finnischen Gruppe, die sich in einer einsam gelegenen Mühle zusammengefunden hat, durch einen Kosakenpulk; kurzes Gefecht und wilde Flucht. Einer der Fliehenden, Erkki Collin, gerät verwundet in das Haus der russischen Tänzerin Marina Feodorowna; die findet ihn, verbirgt und verbindet ihn, lenkt die Verfolger von ihm ab und steht, nach ein paar Tagen, auf Tod und Leben an feiner Seite — weil sie ihn liebt. Gefährliche, verfängliche, erregende Situation, zumal der mächtige Gouverneur, erbittertster Gegner der Finnen und also auch des Geliebten, Marina mit hartnäckiger Leidenschaft umwirbt. Das Motiv und die Situation find nicht neu — wir haben Aehnliches erlebt im „Hotel Stadt Lemberg" und in den „Abenteuern eines jungen Herrn in Polen" —, der Verdienst dieses Films (Spielleitung: Paul Martin) ist aber, daß die Liebesgeschichte das leidenschaftlich nationale Thema nicht verdeckt und überspielt, sondern im Gegenteil darin aufgeht, sich immer tiefer und zuletzt schicksalhaft darin verstrickt. Das ist alles von der Regie mit sicherem Blick und festem Griff erfaßt; der Film strotzt von Handlung, Spannung und handgreiflich theatralischer Wirkung; dabei bleibt Zeit genug, die Liebesszenen gefühlvoll und stimmungsvoll auszuspielen. Aber man hat es vermieden, die Episode im Sinne des großen Publikums „gut" ausgehen zu lassen, was an sich möglich gewesen wäre. Der Schluß erinnert vielmehr an die „Wunderbare Lüge der Nina Petrowna"; das ist ein tödliches Ende auch hier, aber im Aus
klang triumphiert dennoch die freiheitlich-nationale Idee, welche die Handlung innerlich antreibt und beflügelt. Was nun die Rolle der Harvey angeht, so ist sie, wir sagten es schon, ganz ernsthaft und ernstgemeint, und es ist aller Ehren wert, wie sie sich damit abfindet, obwohl freilich das tänzerische Element überzeugender gestaltet wird als die bedingungslose Hingabe und Opferung. Auch
Lilian H a r v e y als Marina Feodorowna. (Ufa-M.) Fritsch bewährt sich im liebergang von Operette und Lustspiel ins seriöse Fach durchaus; er spielt sauber, knapp, männlich und gefaßt, stellenweise nicht ohne trockenen Humor. Sehr gut trifft Willy Birgel (wir lernten ihn in „Barcarole" kennen) den geschmeidig-gefährlichen, diplomatisch-brutalen Charakter des Gouverneurs. — (Ufa.)
Gloria-Palast: „Mazurka".
Wie die Harvey in den „Schwarzen Rosen" (der Titel ist übrigens nicht gerade charakteristisch) — so kehrt Pola Negri in „Mazurka" nach jahrelanger Abwesenheit zum deutschen Film zuruck, und diese „Mazurka" ist, als Film an sich, wertvoller noch als jener, ein filmisches Kunstwerk wahrhaftig von hohem Reiz, heroorgegangen aus der empfind
lichen Hand eines unserer begabtesten Regisseure. Willi F o r st, der als Liebhaber, Bonvivant und Operettenkomiker begann, hat als Spielleiter von „Maskerade" bis „Mazurka" einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. „Mazurka" — ein Filmschauspiel, geschrieben von Hans R a m e a u , komponiert und musikalisch bearbeitet von Peter Kreu- d e r, gebaut und ausgestattet von Hermann Warm und Karl H a a rf e r. Der Film „schöpft fein Geschehen aus dem Aktenmaterial eines Prozesses, der im Jahre 1930 in einer europäischen Hauptstadt Aufsehen erregte." Wir können uns, im Augenblick, an diesen Prozeß nicht erinnern, und wir wissen nicht, um welche europäische Hauptstadt es sich handelt; das Programm verweigert (absichtlich) nähere Auskünfte und die übliche Inhaltsangabe. Es ist auch nicht wichtig, die aktenmäßigen Grundlagen zu kennen, und man vermißt keineswegs irgendwelche Andeutungen oder Einzelheiten. Hier fesselt, erregt und erschüttert der Fall an sich, ein menschliches Schicksal, ein grundsätzliches Problem. Im Mittelpunkt der mit Handlung und Spannung gesättigten Fabel steht die Gerichtsverhandlung gegen eine Frau. Die Frau hat einen Mann erschossen — fein überlegter Mord, sondern Totschlag im Affekt; bas Gericht spricht am Ende ein mildes und von psychologischem Verständnis zeugendes Urteil. Das Entscheidende ist aber nichi die Verhandlung und der Urteilsspruch (io wirksam dergleichen stets, wenigstens auf der Bühne und auf der Leinwand, zu sein pflegt) — sondern das Geständnis der Angeklagten, welches die innere Begründung der Tat gibt und zugleich die Handlung in ihrer Vorgeschichte nach rückwärts aufrollt. (Wir erlebten neulich eine ganz ähnliche Technik im „Grünen Domino".) Die Frau ist in einer sorglosen Stunde, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, durch die Skrupellosigkeit eines Mannes um das Glück ihres Lebens gebracht worden, hat Gatten und Tochter verloren, findet nach Jahren durch Zufall jenen Mann wieder und schießt ihn nieder, — nicht um (viel zu spät) ihre Rache an ihm zu nehmen, sondern um Glück und Seelenfrieden der ahnungslosen Tochter zu retten, die sie zur gleichen Stunde wiedergesehen, wenn auch nicht wiedergefunden hat. Das ist der Umriß einer Fabel, die, wie in allen Filmen von F o r st, viel Geschmack und Feingefühl erfordert, wenn sie nicht zur billigen Kolportage abgleiten sollen. Aber Forst zeigt auch hier, was er an künstlerischen und menschlichen Werten und Wirkungen zu gestalten vermag. Ausgezeichnet gelingt ihm das Doppelspiel, das Neben- und Nacheinander der Handlung, die auf zwei sich überschneidenden Ebenen verläuft; von ungemeiner Lebendigkeit und Dramatik auch
das erregende Hin und Her der Verhandlung im Spiel und Gegenspiel von Anklage und Verteidigung, von Beweisaufnahme und Geständnis. Durch das äußere Bild aber, durch das Sensationelle, das „Aufsehen Erregende" des Themas hindurch bringt die Regie ms Innere, ins Menschliche vor unb legt die untergrünbigen seelischen Triebkräfte ber Begebenheit frei. Was F o r st als Spielleiter zu leisten vermag, sieht man auch an Einzelheiten: an ber sinnfälligen Ueberbriirfung zeitlicher Intervallen; an ber optischen Schilberung eines Rausch- zustandes, in bem sich bie Netzhauteinbrücke verwirren, sich zu überstürzen unb zu verschwimmen beginnen; auch an ber Akzentuierung unb rhythmischen Auflockerung ber Hanblung burch bas musikalische Leitmotiv „Mazurka", bas bem Film seinen Namen gab. Die einzige für unser Gefühl schwache Stelle ist ber Schluß: ber Film hätte mit ben letzten Worten im Gerichtssaal, bie ben „Fall" endgültig zu ben Akten legen, abbrechen sollen. Eine Steigerung mit äußerlichen Wirkungen, wie sie hier versucht wurde, war, wie uns scheint, weder notwendig noch überhaupt möglich. — Pola Negri haben mir vor Jahren zuletzt, noch stumm, im „Hotel Stadt Lemberg" gesehen. Ihre große Gestaltungskraft ist geblieben. Schon ber erste Auftritt, ihr Lied auf ber Bühne, zeugt von einer be= stechenden Ueberlegenheit unb Beherrschung ihrer (übrigens auch gesanglich bebeutenben) Mittel. Der Kampf, ben sie zu kämpfen hat als Frau unb als Mutter, offenbart bann erst bie leidenschaftliche Kraft, bie jeelische Ausdrucks- unb Hingabefähigkeit, bereu sie fähig ist. So wirb bie Wiederbegegnung nach langer Zeit zu einem wirklichen Erlebnis. Neben der Negri eine junge, bisher ganz unbekannte Darstellerin: Jngeborg Theek, bie in manchen Augenblicken oerblüffenb an bie Garbo erinnert unb schauspielerisch durch bie gesammelte, wache und gleichsam sprungbereite Spannung ihres Gefühls sich neben berühmten Kollegen behauptet und durchsetzt. Albrecht Schoenhals, in einer geschickt entwickelten Doppelrolle, geht hier endlich einmal, offenbar unter der feinnervigen Führung der Retzie, richtig aus sich heraus und gibt feinen Mann in klaren und scharfen Umrissen. Kayßler als Vorsitzender des Gerichts beherrscht ein paar kurze Szenen durch die menschliche Wärme und die sprachliche Kunst seiner gereiften Gestaltung. Sehr überzeugend Paul Hartmann und Franziska K i n z (in einer Mutterrolle;) Schaufuß , Karchow, Jürgensen und die junge Inge L i ft seien ferner hervorgehoben. Und auch der Kameramann Constantin Tschet soll hier nicht unerwähnt bleiben. — (Rota.) —r—


