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schen Kulturkreis doch auch em großer Teil der Schweiz, Oesterreich und, geschichtlich gesehen, auch die Niederlande gehören, geradezu von einem Kult des Persönlichen, von einer Vorherrschaft individualistischer Neigungen im deutschen Kulturkreis sprechen.
Der Reiz deutschen Wesens und deutschen Kulturwillens, denen sich auch das Ausland jahrhunderte- lang aufgeschlossen gezeigt hat und von denen es ausgiebig befruchtet worden ist, liegt, auf eine kurze Formel gebracht, im faustischen Drang des deutschen Menschen, in seinem Streben nach allseitiger Vervollkommnung im Glauben an ein Uebermenschen- tum. Uns „treibt die Gärung in die Ferne". Nur ein noch jugendliches Volk kann diesen dornenvollen Lebensweg verfolgen.
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bedachte, daß der Mantel schließlich nicht allein war. Es stak jemand in ihm: ein Mann, der ihn völlig ausfüllte. Vor allem die Schultern traten wuchtig hervor. Der Mantel schien seit jeher dafür geschaffen zu sein, von diesem Manne getragen zu werden, hingegen erweckte der Mann nicht den Eindruck, daß er dafür geschaffen wäre, durch diese Straße zu gehen, gelegentlich an einem Schaufenster stehen zu bleiben und neidvoll zuzusehen, wie andere Männer mit minder breiten Schultern ihrer Arbeit nachgingen. Jedenfalls sprach das etwas stopplige Gesicht über dem Krimmerkragen deutlich seine Ab- > neraung dagegen aus, einen so sturmerprobten
Mantel untätig durch die Straßen zu tragen.
Das war ein kleiner Trost für meine Enttäuschung. Lieber märe es mir gewesen, ich hätte den alten grauen Mantel wiedergetroffen in einem furchtbaren Schneesturm, vorne, gegen den Wind gestellt, dampfend vor Freude, seinem menschlichen Kameraden die Kalte vom Leibe zu halten. Aber zuversichtlich blinzelt mir der Krimmer zu, es würde schon werden, man sei ja schon auf den Marsch und — drei Motten noch mal! — das sei doch die Hauptsache.
Und er hat recht behalten, der alte Freund. Er kannte ja auch weit länger als ich die Welt mit allen ihren flauen Zeiten und steifen Stürmen. Er hat recht behalten, denn er ist tapfer weiter marschiert mit seinem neuen Kameraden, dem Mann, der ihn völlig ausfüllte. Und sie sind beide aus der Etappe nach vorne gekommen, in Wind und Wetter, zu Dienst und Arbeit. Ich weiß es genau, denn ich habe ihn vor kurzem zum zweiten Male wieder- gesehen.
Diesmal rief er mir schon von weitem den Will- kommensgruß entgegen. Hoch über der Straße, auf dem Anhänger eines Kohlenwagens, thronte er. Da es recht kalt war an diesem Morgen, hatte der Mann, der ihn trug, den Krimmer hochgeschlagen. So konnte ich zwar das pelzige Gesicht nicht sehen, das auf so persönliche Art einige Haare gelassen hatte, aber unverkennbar und einmalig war die Haltung, mit der der Mantel da oben hingewuchtet war, die breiten gepolsterten Schultern gegen den Wind gestellt, in allen Nähten von Kampfeslust geladen.
Groß war die Wiedersehensfreude, aber kurz. Denn: „Was denkst du, mein Lieber", sagte der Mantel. „Wir haben keine Zeit, hier lange Zwiesprache zu halten. Wir müssen weiter. Wir haben noch viel zu tun. Auf ein ander Mal also!" Und schon fuhr er davon. Er streckte die Aermel aus. Wollte er mir mummten? Aber nein, er war schon
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Zeitschriften.
— Der Bergsteiger. Herausgegeben D. u. Oe. Alpenverein, Verlag F. Bruckmann München. Mit dem Dezemberheft tritt die
reichsdeutsche Schriftleitung erstmals vor ihren Leserkreis. In den Kreis der bisherigen Mitarbeiter wurden neue Namen gewonnen, lieber die Bezwingung der Nordwand an der Westl. Zinne berichtet Hans Hintermeier. Ein überaus kühnes Husarenstück — aber sympathischer wird manchem Leser Ferdinand Keyfels Neujahrsbesteigung der Kalt- wasserkarspitze sein. Diese Verbindung von Skilauf und Bergsteigen, allein und abseits von Mode- gegend und Modegewand, ist zünftiger Winteralpinismus. Bei der Schilderung „Allein auf dem Montblanc" von Ludwig Steinauer fesselt die schlichte Einfachheit der Erzählung. In fernes Bergland führt uns Dr. Karl Wien mit einer fesselnd geschriebenen Besteigung des 5000 Meter hohen Mount Kenia im abessinischen Grenzgebiet. Zutiefst erschüttert die Erzählung „Begegnung auf dec Brennerbahn" von Wilhelm Schmidtbonn. Fritz Schmitt erzählt das Schicksal eines Skiläufers, der vor der rettenden Hütte erfriert, weil [einen froststarren Händen der Hüttenschlüssel entfällt und im grundlosen Schnee versinkt.
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Weihnachten in der deutschen Dichtung Don Jörg Wickram bis Peter Rosegger.
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gar nicht erwarten. Dieser echte Herzenston lebt auch in seinen Dichtungen, wo er, wie im „Q uin - t u 5 Fixlein" und den „F l e g c l j a h r e n", des Festes gedenkt. Ein besonderes Denkmal hat er ihm zum Schluß der reizenden Idylle vom „Jubel- senior" in der Appendix „Meine C h r i st n a ch t" errichtet. Aus dem Licht des brennenden Baumes und den Feierklängen der Chriftnachtmusik schwingt dort ein Geist zu erhabenen Visionen von Gott und Ewigkeit auf. Zu gleicher Zeit legte ein anderer Kinderfreund, Johann Peter Hebel echte Christfreude in seine Dichtung. Ein kleines, inhaltsschweres Büchlein „Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch" erschien im Jahre 1803. Friedrich Schleiermacher hat in diesem viel zu wenig bekannten Jugendwerk die Ehrfurcht und Weihe dargestellt, mit der in der Zeit der Romantik Weihnachten umgeben war. Es ist in Goetheschem Prosastil geschrieben, und stellt Feier und Bescherung, wie sie zu Anfang des 10. Jahrhunderts in einem guten Bürgerhause üblich waren, in dichterischer Sprache dar. Erzählungen und Betrachtungen schließen sich an, und das Fest wird als „die herrlichste Anerkennung der unmittelbaren Vereinigung des Göttlichen mit dem Kindlichen" gedeutet.
Nun ist das Weihnachtsfest von romantischer Märchenkunst umrahmt. Im „Nußknacker und M a u s e k ö n i g" glibt E. T. A. Hoffmann das unerreichte Vorbild: er malt zuerst die fieberhafte Spannung der Kinder im Dunkeln, ihre Verzückung bei der lichterhellen Bescherung und läßt dann aus den erregten kleinen Gehirnen sich einen phantastischen Spielzeugspuk mit unheimlicher Lebendigkeit entwickeln. Auch für die gespenstische Stimmung des „Meister Floh" ist die Weihnachtsbescherung des kleinen Peregrinus Tyß der geniale Auftakt, der aus der Wirklichkeit ins Reich der Träume führt. Viele haben danach diesen „realen Märchenton" angeschlagen, keiner aber, ihn mit der gleichen Kraft gemeistert wie der dämonische Kammer- gerichtsrat. Romantische Novellenkunst bemächtigt sich des Motivs auch in dem „W eihnachts- abend" von Ludwig T i e ck mit seiner vorzüglichen, auch kulturgeschichtlich wertvollen Schilderung des Berliner Weihnachtsmarktes. Das hier behandelte Thema, wie der verlorene Sohn in Reichtum und Glück am heiligen Abend zu der armen Mutter heimkehrt, wird bann oft ein ab« gewandelter Vorwurf für rührselige Weibnachts» geschichten. Karl von Holtet z. B. kann sich air nicht genug darin tun, immer wieder beim nachtsfeste die Gegensätze von Elend und un r- hofftem Glück, von unschuldigem Frohsinn und M sehnsüchtigen Reue verdorbener Menschen einander gegenüberzustellen.
Es bedurfte wieder einer Vertiefung und innerer Beseelung, die unserem eigentlichen „Dichter der Weihnacht" zu danken war. Für Hebbel ist das Christfest der hellste Schein in dunklen Jugendtagen, der beste Trost in den Qualen seiner Kampfzeit, die reinste Freude seiner Reifeepoche gewesen. Mit höchster Meisterschaft hat er das Fest in sein Epos „Mutter und Kind" verwoben, wo es wie eine lichte Spur die ersten Gesänge durchzieht. Adalbert Stifter in einer Novelle „Der Weihnachtsabend" und Hermann Kurz in seinem „W eihnachtsfund" boten klassische Weih-
Kraft darstellt, das ausgesprochen antidemokratisch und daher dem liberalen Westen unsympathisch, weil unverständlich ist. Daß es an Eigenwilligkeit, Freiheitsdrang, Individualismus und an dem Drang, feine Persönlichkeit zur Geltung zu bringen, im deutschen Kulturkreis nicht gefehlt hat, das beweist die Vorliebe, mit der alles Eigenartige, ja Absonderliche bei uns allenthalben bisher gepflegt worden ist. Das bezeugt vor allem die Reformation, die doch eine Auflehnung, eine große Protestbewegung gegen herkömmliche und geheiligte Autoritäten und Gewalten gewesen ist, beweisen ferner die unzähligen weltanschaulichen Richtungen und Meinungsstreitigkeiten, die auf religiösem, politischem und literarischem Gebiet bislang zu beobachten waren. Man kann daher, besonders wenn man berücksichtigt, daß zum deut-
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Entsprechend der Vielgestaltigkeit des deutschen Volkes finden wir aber, daß die gekennzeichnete Mentalität nicht allenthalben gleich stark vertreten ist: im Norden, in der Mitte und im Osten ist sie viel stärker ausgeprägt, als im Süden und im Westen des deutschen Siedlungs- und Kulturgebiets. Da wo die Landschaft lacht und der Wein gedeiht, ist es „besser", viel besser bestellt in bezug auf den oft übersteigerten Ernst unserer Welt- und Lebensanschauungen, dort sind die Menschen im allgemeinen auch liebenswürdiger und Umgänglicher.
Der physiognomistischen Prägung des deutschen Menschen entsprechen eine Reihe von geistig-seelischen Eigenschaften und Kräften, die uns ganz besonders auszeichnen. Kein anderes Volk besitzt wohl in höherem Maße die Fähigkeit, über Probleme nachzudenken und auf der Suche nach Erkenntnissen so tief zu schürfen, wie das deutsche Volk. Das ist die bekannte „deutsche Gründlichkeit", der aber leider die Fähigkeit, die Gedanken in gefälliger Form darzustellen, nicht immer zur Seite steht. Viel- mehr hat jede Formgebung bei uns mit einer gewissen Schwerfälligkeit zu ringen, die demjenigen, der auf klare und eindeutige Formulierung der Gedanken den entscheidenden Wert legt, wie beispielsweise der Franzose, unbekannt ist. Diese Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit, mit Fleiß gepaart, hat uns bekanntlich auf wissenschaftlichem und auf wirtschaftlichem Gebiet große Erfolge eingebracht und eine eigentümliche Verflechtung von wissenschaftlicher Forschung und wirtschaftlicher Auswertung dieser Forschungsergebnisse gezeitigt.
Der Umgang mit Menschen ist für den in sich gekehrten Deutschen, in der Regel, keine Angelegenheit, der er sich mit Lust und Liebe hinzugeben pflegt: er ist ihm auch nicht ein Bedürfnis und m der Regel durchaus keine Erholung oder Zerstreuung, sondern eher eine Anstrengung. Wenn unsereins „in Gesellschaft geht", dann hat er wohl den Wunsch, unterhalten zu werden, ist aber von sich aus wenig geneigt, zur Unterhaltung möglichst viel beizutragen. Das kommt zum Teil daher, daß wir alles, was in zwangloser Aussprache gesagt wird, viel zu ernst zu nehmen pflegen, wodurch unwillkürlich Hemmungen entstehen und unsere natür-
Wiedersehen mit einem alten Mantel.
Von Frank Leberecht.
Es ist jetzt genau ein Jahr her, daß ich mich von jenem alten Mantel getrennt habe. Lange Jahre waren wir gut miteinander ausgekommen und der Abschied fiel mir recht schwer. Es war ein ehrwürdiges Erostück. Man findet selten ein Bekleidungsstück mit solchem Charakter. Ja, einen Charakter besaß mein alter Mantel. Er war so treu seiner Art, daß er sich nie änderte. Mochten die Moden kommen und gehen, es kümmerte ihn wenig, sein Krimmerkragen blieb eben Krimmer; er wurde nie unmodern. Ich glaube, er ist in den letzten fünfzig Jahren niemals modern gewesen. Der Mantel war jedenfalls von Ursprung an ein Kleidungsstück, das nicht der Eitelkeit, der Putzsucht und anderen Untugenden der Menschen zu dienen bestimmt war, sondern einzig und allein ihrem Bedürfnis nach Wärme, Treue und Kameradschaft.
Es waren da sonderbare schräageschnittene Taschen an ihm, bequem zum Einschlupfen fröstelnder Hände. Sie waren so groß, daß ich als Junge mit dem ganzen Arm darin verschwand, wollte ich meines Vaters lose Groschen aus ihrer Tiefe angeln. Auf den Schultern hatte der Mantel eine Versteifung, die wie eine Mantille oder Pelerine wirkte. Sein graugrüner derbflauschiger Stoff, fein breiter Krimmerkragen, der auf eine höchst persönliche Art einige Haare gelassen hatte, seine schweren, eisern gezwirnten Knöpfe, von denen nach meiner Erinnerung niemals ein einziger lose geworden ist — all dies und noch mancher unbeschreiblicher Zug gab meinem Mantel sozusagen ein Gesicht, das unverkennbare und einmale Gesicht eines lieben alten Freundes.
So habe ich mich keineswegs leichten Herzens von ihm getrennt. Wenn ich recht bedenke, was es sogar der alte Mantel selbst, der den Anlaß dazu gab. Da blies nämlich eine Trompete auf der Straße. Auf einem Krümperwagen standen Soldaten und sammelten aus den Häufern warme Sachen, Munition im Kampf gegen den kalten Winter.
Ich machte meinen Kleiderschrank auf, nahm einen Sweater heraus, den ich zur Sammlung neben wollte und wollte die Tür wieder schließen. Aber es ging nicht, etwas drängelte sich dazwischen. Der Mantel, der alte Mantel! Hatte er das Trompetensignal gehört? Seine feldgraue hohe Gestalt schob sich gebieterisch in die Schranktür, sein Krim- metbarl hing mir vorwurfsvoll «llgcgeu.
liche Verschlossenheit noch gesteigert wird. Wenn es uns auch nicht leicht fällt, von Mensch zu Mensch Anschluß zu gewinnen, so sind wir — haben sich die Gemüter erst einmal gesunden — von großer Beständigkeit in unseren Neigungen und Sympathien. Freundschaft als lebenslängliches Treueverhältnis ist in Deutschland eine sehr häufige Erscheinung und sicherlich weit öfter anzutreffen als unter romanischen oder slawischen Völkern.
Den gleichen Stempel der Besinnlichkeit und Nachdenklichkeit trägt unsere schöne Literatur. Der Deutsche — immer ganz allgemein gesprochen — ist kein Mensch, der aus natürlicher Lebensfreude geneigt wäre, zu scherzen, zu lachen und zu „verlachen". Daher ist Humor in unserer Literatur wenig, die Satire so gut wie gar nicht vertreten. Kein zweites Volk hat auf musikalischem Gebiet so viel an Werten geschaffen wie bas deutsche und bas durchaus in Uebereinftimmung mit ber ernsten, tatkräftigen unb schöpferischen beutschen Wesensart. An I. S. Bach, > Mozart, Beethoven und Franz Schubert wird die Menschheit noch zu einer Zeit zehren, wenn alle nichtdeutschen Komponisten — mit Ausnahme vielleicht von Chopin, der Feinfühlende wohl immer begeistern wird — nur noch, allenfalls, kunstgeschichtliche Bedeutung oder Liebhaberwert haben werden. Und so lange noch Opern gegeben werden, wird Richard Wagner die Bühne beherrrschen. In der Musik findet deutsches Wesen seinen tiefsten und allgemein - menschlichen Ausdruck. Unsere musikalischen Schöpfungen sind der unvergänglichste Beitrag zur allgemein menschlichen Kultur. Im Hinblick z. B. auf Mozart kann auch niemand behaupten, deutsch sei gleichbedeutend mit schwerfällig und derb.
Wie rein empfindend und zartfühlend wir, trotz unverkennbarer natürlicher Derbheit sein können, das verrät auch die deutsche Lyrik, vor allem unser Volkslied, das an Empfindungswärme und Innigkeit der Dichtung anderer Völker keinesfalls nachsteht. Dabei ist auffallend, eine wie große Rolle in unserer Dichtung b e r Wald spielt. Im Walde scheint die deutsche Seele beheimatet zu fein. Vergegenwärtigt man sich das Wesen des Waldes, wie wir es empfinden (Waldeinsamkeit, Waldweben usw.), so eröffnen sich sehr aufschlußreiche Einblicke in die deutsche Gefühlswelt (Faust I. „Wald und
Merkwürdigerweise hat man uns in der außenpolitischen Debatte nicht selten Unehrlichkeit unb mangelhafte Wahrheitsliebe oorgeworfen. Nichts ist abwegiger unb böswilliger als bas! Gerabe bem Deutschen mangelt es an ber Fähigkeit, eine Maske zu tragen unb ben üblichen „cant" vorzubringen. Just hierin zeigt sich ber gerabezu grobschlächtige Zug bes beutschen Wesens, bas mangelhafte Ver- ftänbnis für feinere Methoben ber Menschendehand- lung. bas nur zu oft fehlenbe Fingerspitzengefühl unb bie Neigung zu einem — in politicis ganz abwegigen — Wahrheitsfanatismus. Es mangelt uns an fein profilierten Menschen, unb wo sie auftreten, da wirb ihnen nur oft ßeifetreterei unb Schwäche vorgeworfen. Der typische Deutsche ist auf bie Dauer gar nicht fähig, seine Gefühle unb Absichten zu verbergen.
Sinb wir nun eigentlich Einspänner (Individua- listen) ober Gemeinschaftsmenschen? Wir sinb bei» b e s. Das Preußentum, bas bei ber Formung bes neuzeitlichen Deutschen eine große Rolle gespielt hat, zeigt bie Tendenz, den Einzelnen dem Ganzen unterzuordnen, ihn einzugliedern und jedes eigenbrötlerische Herausprellen aus der Reihe zu unterbinden. Das ist nicht, wie man behauptet hat, gleichbedeutend mit einer subalternen Gesinnung. Obwohl letztere recht leicht aufkommen kann, gehört sie doch nicht zum Wesen des Preußentums, vielmehr beruht bas „Gehorchen unb Befehlen" auf einer Gesinnung, bie sich aus ber kolonisatorisch-ordensmäßigen unb militärischen Entstehungsgeschichte Preußens erklärt. Der geschichtliche Werbegang, in Derbinbung mit einer bei ber Kolonisation erfolgten Auslese einerseits, und einem starken Gefühl für gestaffelte Verantwortlichkeit und natürliche, rassenmäßige Ungleichheit der Menschen, — die aber alle im Dienst einer gemeinsamen Sache stehen —, andererseits, haben ben preußischen Menschen erzeugt unb großgezogen.
Niemals barf verkannt werben, baß ber preußische Geist ein hervorragenb organisierenbes unb diszipli- nierenbes Ferment, eine Quelle ber Stärke unb ber
Mein Gott, ich hatte ihn vergessen! Ihn, ber ! nach ben Schlachten bes Lebens, nach Winterfeld- zügen mit Schnee unb Kälte verlangte, hatte ich bem Schranke überantwortet. Mottenpulvergeweiht hing ber alte Recke untätig am Riegel. Es war eine Schanbe! Ich hätte ihn doch wieder einmal anziehen müssen, im Schneetreiben, bei strengem Frost, vorne auf der Straßenbahn, natürlich vorne, gegen den Sturm gestellt. Nun, ich würde das nächstens besorgen, nahm ich mir vor, schob den grauen Kameraden etwas zurück und schloß die Tür.
„Schuft!" scholl es da plötzlich aus dem Schrank- innern. Ganz deutlich „Schuft". Ein kurzer peitschender Laut, zwischen wütend gepreßten Zähnen hervorgestoßen. Ich lauschte, aber weiter drangen keine Schmähworte aus dem Schrank. Doch es war mir, als hätte jemand gegen die Tür geschlagen. Zaghaft machte ich sie auf. Da fiel er mir entgegen, mit feinem riesigen, Wärme verheißenden Flausch fiel er aus dem Schrank, der alte Mantel. Natürlich, ber Aufhänger war gerissen. Welche Kraft gehörte dazu, wie mußte ber Alte sich angestrengt haben! Einfach ben Aufhänger abgerissen. Nun, bas war deutlich. Man hätte ein Tor fein müssen, wollte man die Wünsche des würdigen alten Herrn noch länger mißverstehen. Es verlangte ihn nach draußen, zur Trompete da unten; er wollte nicht dann und wann spazieren geführt werden, in einen sinnvollen Dienst wollte er, hinaus in Wind und Wetter.
Einen so bestimmt geäußerten Willen konnte ich mich nicht widersetzen. Es gab kein Zurück mehr, noch dazu ohne Aufhänger; es gab nur ein Vorwärts zur Trompete. Sweater und Mantel, Freunde geworden in der unverdienten Schrank-Etappe, traten gemeinsam den Marsch an zum Kampf gegen die Kälte. Ein kurzer männlicher Abschied — bann trennten sich unsere Wege.
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Was aus bem Sweater geworben ist, kann ich nicht sagen. Obwohl er mir sozusagen immer näher am Herzen gelegen, weiß ich von seinem Schicksal nichts. Den Mantel hingegen, habe ich roiederge- sehen. Ein Vierteljahr etwa, nachbem ich ihn aus meinem Dienst entlassen hatte, sah ich ihn langsam bie Straße entlang kommen. Zuerst fiel mir natürlich ber Krimmerkragen ins Auge, ber auf eine so persönliche Art einige Haare gelassen, baß er einem menschlichen bärtigen Gesicht, nicht unähnlich schien. Als ich bes weiteren der Schulterversteifung gewahr wurde, dieser bewußten Mantille ober Pelerine, da war es mir ganz klar: er unb kein anderer.
Schon war ich im Begriff, ihm vor Wiedersehens- fxeube träftifl auf dis Schulter zu klopfen, als ich
Wie sind wir?
Versuch einer Selbstdarstellung.
Von Or. Roderich von Llngern-Sternberg.
Vielgestaltigkeit ist der Grundzug, der an Widersprüchen reichen deutschen Wesensart. Das muß jedem Beobachter schon bei einer flüchtigen Bekanntschaft mit bem beutschen Kulturkreis auffallen. Sicherlich ist bas bunte Mosaik von Anlagen unb Eigenschaften ein Ergebnis ber zahlreichen im deutschen Volk vertretenen Rassen, der Verschiedenheit der Umwelt (Landschaft, Klima) und bes geschichtlichen Werbegangs ber einzelnen deutschen Stämme. Diese Vielgestaltigkeit unb scheinbare Gegensätzlichkeit hat bas Ausland immer roieber vor ein Rätsel gestellt unb ihm bas Ver- ftänbnis beutschen Wesens unendlich erschwert. Hinzu kommt noch, daß das Gesicht des deutschen Menschen im Laufe des geschichtlichen Werdegangs sich anscheinend von Grund auf geändert hat: die Ansicht beispielsweise, bie man sich im Laufe der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vom Deutschen der Zeit „der Dichter unb Denker" gebilbet hatte, stimmte gar nicht überein mit bem Einbruch ben ber neuzeitliche Deutsche, ber Vertreter ber Wilhelminischen Aera, auf den ausländischen Beobachter gemacht hat.
Jedes Verständnis für bas Wesen eines Menschen ober eines Volkes muß von seiner äußeren Erscheinung, seiner Physiognomie ausgehen. Das typische Gesicht bes deutschen Menschen zeigt, im Vergleich zu ben Gesichtern anberer Völker, auch der 'uns nahverwanbten skanbinaoischen unb angelsächsischen Stämme, einen hohen Grab geistiger Konzentration unb Anspannung, eine ernste, herbe, in sich gekehrte, grüblerische unb zugleich tatbereite geistig-seelische Grundhaltung. Für bas Komische unb Scherzhafte fehlt meist jede nachhaltige Empfänglichkeit. Diese geistig-seelische Haltung ist zugleich unsere Stärke und unsere Schwäche, roie, denn überhaupt jede Art ihre entsprechenbe „Unart" hat, unb jebe grunblegenbe Eigenschaft — notwendigerweise — positive unb negative Auswirkungen zei-
roieber im Dienst. Aus dem Aermel ragte ein Signalstab in bie Luft unb bebeutete, daß ber Kohlenzug um bie nächste Ecke biegen wollte. Um biefe Ecke sah ich den alten Mantel entschwinden. Auf-
Ein Fest, das schon bei feinem Herannahen alle Kinderherzen höher schlagen läßt, unb seine wundersamen Bilder in ihre Träume senkt, sollte es nicht auch ins Herz der Dichter bringen unb sie zur Verherrlichung seiner Wunber bewegen? Wenn biete Frage nicht burch eine Fülle von Weih - nachtsbichtungen beantwortet wirb, sonbern in ber Dichtung nur verstreut verhältnismäßig selten bas Weihnachtsmotiv angeschlagen ist, so ist ber Grunb wohl barin zu suchen, bah an biesem Fest bie Gedanken der Großen in die Kindheit zurückschweifen unb sie selbstvergessen bort verweilen. .....
Um so kostbarer aber sind die verhältnismäßig wenigen Weihnachtsgeschichten, in denen uns die Dichter in diese innerste Kammer ihres Herzens einlassen. Zunächst blühte die Weihnachtspoesie in ben schönen Mysterien unb Volksspielen unb ben alten Weihnachtsliebern, von benen viele auch noch bis in unsere Tage lebenbig geblieben sind. Dann hören wir in dem Roman des Jörg Wickram vom Weihnachtsfest; in dem ,,K n a b e n s p i e g e l", ben „guten unb bösen Nachbarn", im Gedicht vom „irreitenben Pilger" sitzen Eltern unb Kinber in der Christnacht beieinander, um in ber Bibel zu lesen unb alte Weihnachtslieder zu singen. Und Hans Sachs findet in seinen . Weihnachtsspielen Klänge inniger Beschaulichkeit und Herzensheiterkeit. Aber noch steht das Weihnachtsfest, wir werden es heute feiern, nicht im Mittelpunkt der Dichtungen.
In der Folgezeit sind die Weihnachtsdichtungen noch seltener, unb aus ber Klassik liegen nur einige Zeugnisse bichterischer Christnachtbotschaften vor. Man wirb verwunbert fragen, ob benn Goethe und Sch>iller, Matthias Claudius und Voß nicht auch Weihnachten gefeiert haben. Aus ihren Tagebuchaufzeicynungen unb aus ben Berichten ihrer Freunbe wissen wir wohl, baß sie bem Fest nicht gleichgültig gegenüberftanben, aber wie schwach ist Der Schein, ber bavon in ihre Dichtung fällt! Was bebeutet es, baß ber Weihnachtsbaum im „W erther" erwähnt unb in einem Alters- gedicht Goethes spielerisch besungen wirb, unb baß bas Fest hin unb roieber zart burch die „Volksmärchen" des M u \ ä u s und die Betrachtungen des Wandsbecker Boten von Matthias Claudius huscht. Ganz anders aber ist die Weihnachtskunde aus dem Leben und Dichten des „siebenten Klasfi- lers". Jean Paul dürfte man mit Fug und Recht den ersten deutschen „Dichter der Weihnacht" nennen. Es war fein Hauptfest, in das er stets „den Heiligenschein des bescherenden Christkindchens warf", wie seine Tochter erzählt. Schon Tage vorher brachte er wohl Stücke Marzipan mit nach Hause unb sagte: „Heut, ihr Kinber, ging ich in ben Garten hinaus, unb roie ich ben Himmel ansehe, kommt eine rosenrote Wolke gezogen, unb ba sitzt bas Christkinbchen barauf unb sagt mir, weil ihr heut so gut gewesen feib, so wolle es auch euch etwas schicken. Ober wenn bie Kleinen in ber finstern Stube auf einem Kanapee hockten, rief er plötzlich: „Habt ihr nichts gehört? Das Christkinbchen war's!" unb langte aus bem Fenster Süßigkeiten herein. Unter feinem großen Mantel schleppte er heimlich bie schönsten Sachen herbei, unb am heiligen Abenb freute er sich wie ein Kinb auf bie Bescherung unb konnte sie
Stereoskopische Filme von den Olympiakämpfen.
Eine wichtige Neuerung, bie gemeinsam mit bet Physikalisch-Technischen Reichsanstalt zustandege» bracht wurde, wird bei den im nächsten Jahre stattfindenden Olympiakämpfen jeder Art von Fehlentscheidungen am Ziel wirksam begegnen. Es handelt sich um eine Schmalfilmaufnahmeapparatur, mit der die Herstellung von stereoskopischen Zeitlupenaufnahmen möglich ist. Der stereoskopische Film gibt von ber jeweiligen Situation ein so zweifelfreies Bild, baß Mißverständnisse und Mißgriffe ohne weiteres ausgeschaltet werden.
recht und stolz fuhr der sturmerprobte Geselle den Schlachtfeldern der Arbeit entgegen. Grau und unverwüstlich, trotzend den Moden und der Vergänglichkeit war er wieder eingereiht in die Front Werktags. Ich war noch nie so stolz auf ihn wesen roie in diesem Augenblick.


