Einzelbild herunterladen

Nr. 272 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag, 21 November |955

Aus der Provinzialhauptstadt.

Tag der Hausmusik.

Im Jahre 1932 wurde der Tag der Hausmusik ersten. Male begangen mit dem Ziel, in allen -llolkskrelsen für eine eigene Musikbetätigung zu werben. Wenn auch seitdem viele Menschen für öie Hausmusik gewonnen wurden, so mag es doch noch einige geben, die nicht ganz den Sinn und Zweck dieser großen Werbung einsehen. Sie halten diese leicht für Gedanken von Idealisten und Phan­tasten. Dem ist aber nicht so: Auch der Staat hat großes Interesse an der musikalischen Eigenbetäti- gung des Volkes. Obenan steht für ihn das Ziel, deutsche Kultur, die durch Jahrhunderte hindurch an wegweisender Stelle stand, in ihrer ganzen Bedeu­tung und Tragkraft zu erhalten und zu stärken.

Die großen Kulturvermittler des Staates Schule, völkisches Erziehungswesen und öffentliches kulturelles Leben in Konzertbetrieb und Rundfunk - vermögen ihre Aufgabe nur in beschränktem Maße zu erfüllen. Die Schule kann z. B. mit der em- oder zweimal wöchentlich stattfindenden Musik- stunde gerade nur Anregungen auf dem Gebiete des Volksliedgesanges und guter Chormufik vermit- tetn. In den völkischen Jugendgruppen wird auch vorwiegend der Gesang, wenig die Jnftrumental- mustk, gepflegt werden, wenn auch hier die Mög. lichkeit zum Erlernen des Spiels eines Instruments, etwa Blockflöte, Laute, Signalhorn, gegeben ist. Der Konzert- und Rundfunkbetrieb endlich ist zu einseitig auf das Hören von Musik eingestellt. Mu­sik will aber nicht nur gehört werden. Ein eigent­lich persönliches Verhältnis erhält nur der zu ihr, der sich um sie mit eigener Tatkraft, mit Gestal­tungswillen und mit Liebe bemüht hat. Das pro­duktive Nachschaffen erst macht die Musik zu einer wahren Herzensangelegenheit. Hierzu soll die Haus­musik verhelfen, d. h. die Musik, die im Heim und m der Familie getrieben wird. Frühzeitig muß hier mit dem Unterricht auf irgendeinem Instrument, und sei es das kleinste, bescheidenste, begonnen werden.

Auch eine wirtschaftliche Seite gilt es noch zu be­achten: Viele Menschen verdienen sich ihr Brot durch das Erteilen von Musikunterricht, viele sind in der Jnstrumentenindustrie beschäftigt. Wir müssen ihnen mit unserem Kulturwillen ihre Arbeitsstellen erhal­ten und nach Möglichkeit noch vermehren. Die Auswirkungen bei mangelnden Aufträgen find be­sonders in der Industrie schwer tragbar. 'Ihre Leistungsfähigkeit, die ihr gerade im Ausland zahlreiche Kunden sichert, würde zwangsläufig ab­nehmen und damit auch der Verkauf nach dem Aus­land Nachlassen. Hierdurch würden viele Devisen, über deren Bedeutsanikeit für die deutsche Wirt­schaftslage heute wohl bei niemandem mehr Un­kenntnis herrscht, für uns verloren gehen. Wie hoch die Summen find, möge daraus ersichtlich sein, daß z. B. von Januar bis Juli 1935 über K Mil­lionen RM. durch den Verkauf von Musikinstrumen­ten der deutschen Wirtschaft in Devisen zugeführt werden konnten. Auch das Papier- und Noten­druckgewerbe ist mit einem nicht unbeträchtlichen Teil am deutschen Wirtschaftsleben beteiligt.

Kulturelle , und wirtschaftliche Ueberlegungen führen dazu, in der Werbung für die Hausmusik mehr zu sehen als nur Pläne einiger Musikbefliffe- ner. Möge deshalb der Ruf, Hausmusik zu trei­ben, nicht vergeblich sein!

Dornoii en

Tageskalender für Donnerstag.

DAF., Abteilung für Arbeitsführung und Be­rufserziehung: 18 Uhr in der Arbeitsschule der DAF. Lehrgang für Hochfrequenztechnik. NSG. Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele (nur für Frauen) im Lyzeum: 21 bis 22 Uhr Reiten, Reit­schule Schömbs. Gloria-Palast, Seltersweg: Liselotte von der Pfalz". Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße:Das Mädchen vom Moorhof". Orts- mufikerfchaft Gießen: 20 Uhr in der Neuen Aula der Universität Vorspiel von Hausmusik.

Zum Tag der deutschen Hausmusik.

^ute begeht das deutsche Volk den Tag der deutschen Hausmusik. Gerade in der deutschen Familie spielt seit altersher die Musik eine große Rolle. Sie vereinigt die Hausbewohner und läßt ihnen in genußreichen Stunden die Schönheit der deutschen Musik erstehen. Auch ohne teure Instrumente läßt sich' wie dieses Bild zeigt, ein schönes Konzert veranstalten. (Deutsche Presse-Photo-Zentrale-M.)

General von Lettow-Dorbeck spricht in Gießen.

Am 9. Dezember wird General von Lettow- Vordeck wie man uns schreibt im Frauen­bund der Deutschen Kolonialgesellschaft über seine Erlebnisse während des Weltkrieges und über die Bedeutung unserer Kolonien sprechen. Es steht außer Zweifel, daß die Kolonialfrage schon aus Gründen der Rohstoffversorgung und Produktions­verbilligung für Deutschlands Zukunft unendlich wichtig ist. Sieks von neuem müssen wir weitesten Schichten des deutschen Volkes die Wichtigkeit dieser Fragen vor Augen halten General von Lettow- Vordeck wird uns über alle kolonialen Belange eingehend berichten

Hitler-Jugend Unterbann 1/116.

Der Unterbann 1/116 einschließlich Marine-Hitler- Jugend tritt am Freitag, 22. November, pünkt­lich 19.45 Uhr auf deiy Brandplaß an. Die Gefolg­schaften 1, 2, 3 und 4/116 führen ihre Gefolgschafts- Fahnen mit

IiGLB

Abt. höhere Schute.

Die Deutschkundliche Fachschaft hält ihre nächste Sitzung Freitag, 22. November, um 16 Uhr, in der Oberrealschule ab. Gäste willkommen.

Dr Kiefer, Fachschaftsleiter.

Oie Imniatrikulationsifnst

für das Wintersemester 1935/36.

Reichserziehungsminister R u ft gibt folgendes bekannt:

Die Jmmatrikulationsfrift des jetzt beginnenden Wintersemesters 1935/36 läuft an allen Hochschulen im Reich bis Montag, 25. November 1935 einschließ­lich. Nach diesem Tage sind nachträgliche Aufnah­men von Studenten und Studentinnen verboten. Bis zu diesem Tage haben sich alle Studierenden in der Organisationsstelle ihres Hochschulsekretariats

aus den Ferien zurückzumelden, oder ihre Beur­laubung zu beantragen, soweit dies nicht bereits ge­schehen ist. Wer dies versäumt, wird gestrichen: eine Anrechnung dieses Semesters kann dann nicht stattfinden. Bei Wiederaufnahme des Studiums im nächsten Sommersemester muß in solchen Fällen eine Neu-Immatrikulation beantragt werden. Kann bis zum 25. November 1935 die Immatrikulation oder Beurlaubung nicht persönlich beantragt wer­den, so ist bis zu diesem Tage ein schriftliches Ge­such an die Hochschuloerwaltung einzureichen, über das der Rektor entscheidet.

Oie Annahme von Beamtenanwärtern.

Die Landesregierung hat allen Behörden und Körperschaften des öffentlichen Rechts den nach­stehenden Erlaß des Reichs- und preußischen Mini­sters des Innern vom 1. November 1935 über die Bedingungen für die Annahme von Beamtenan­wärtern zur Kenntnis gebracht:

Nach dem geltenden Recht darf nur Beamter werden, wer die Gewähr dafür bietet, daß er jeder­zeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintritt. Zur Verwirklichung des nationalsozialisti­schen Staatsgedankens ist es erforderlich, daß in Zukunft diejenigen, die Beamte werden wollen, schon von Jugend auf in nationalsozialistischer Welt­anschauung erzogen worden sind. Der Führer und Reichskanzler wird bestimmen, in welcher Weise diese Schulung zu erfolgen hat. Bis zum Erlaß dieser Bestimmung durch den Führer und Reichs­kanzler ist zu fordern, daß Bewerber um Beamten­stellen, die nach dem 31. Dezember 1935 das sech­zehnte Lebensjahr vollenden, mit Erfolg der Hitler- Jugend angehört haben.

In Zukunft sind deshalb nur solche Bewerber um Beamtenstellen anzunehmen, die dieser Bedingung entsprechen oder aus der Wehrmacht als Offiziere oder als Soldaten mit Versorgungsberechtigung entlassen sind.

Sollte aus besonderen Gründen einem Bewerber die Teilnahme an der nationalsozialistischen Schu­

lung der Jugend oder die Zugehörigkeit zur Hitler- Jugend nicht möglich gewesen sein, so kann eine Ausnahme zugelassen werden; sie bedarf meiner Zustimmung im Einvernehmen mit dem Stellver­treter des Führers.

Polizeistunde beachten!

Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Wir haben Anlaß, auf die ordnungsmäßige Einhaltung der Polizeistunde nachdrücklichst hinzuweisen. Die Polizei­stunde ist einheitlich für das ganze Land Hessen und somit auch für die Stadt Gießen auf 1 Uhr nachts festgesetzt. Nach dieser Zeit dürfen Speisen und Getränke von Wirten an die Gäste nicht mehr verabreicht werden. Tun sie es doch, so machen sie sich strafbar. Auch die Gäste machen sich strafbar, wenn sie vom Wirt auf die Feierabendstunde auf­merksam gemacht die Gaststätten nicht alsbald verlassen. Wir glauben, daß dieser kurze Hinweis genügt, um nicht mehr in so häufigen Fällen, wie in letzter Zeit, gegen die Wirte und Gäste, die die gesetzliche Feierstunde überschreiten, einschreiten zn müssen. In Ausnahmefällen kann auf Antrag des Wirtes von der Polizeidirektion die Feierabend- ftunbe gegen Entrichtung des hierfür im Hessischen Urkundenstempelgesetz festgesetzten Stempelbetrages in Höhe von 6 Mark verlängert werden.

Anmeldung zum Wehrstammblott

Die Polizeidirektion Gießen veröffentlicht in un­serem heutigen Blatte einen Aufruf zur Anmeldung der Jahrgänge 1913 und 1916 zum Wehrstammblatt. Die Meldepflichtigen seien auf die Bekanntmachung besonders hingewiesen.

Koloniale Werbekundgebungen.

Im Rahmen der im ganzen Reiche veranstalteten kolonialen Werbek«ndgebungen finden auch in Gie­ßen zwei dieser Kundgebungen statt, und zwar eine am morgigen Freitag für die Hitler-Jugend, den BDM. utzd die Koloniale Arbeitsgemeinschaft, die andere am kommenden Samstag für die gesamte Gießener Bevölkerung. In den Kundgebungen spricht der Gründer und Leiter der Jugendbewegung von Deutsch-Südwestafrika Kurt Bütow.

Wissenschaft im Dienst am deutschen Volk.

Die beulfdie Rrbeitofront n.5.=demeihf(haftKraft öunh freude

Der nächste Vortrag dieser Reihe findet am 25. November, um 20 Uhr, im Hörsaal des Kunst­wissenschaftlichen Instituts, Ludwigstraße 34, statt. Es spricht Professor Dr. Hoffmann über:Lei­stungssteigerung und Nervensystem".

koloniale Kundgebung.

Am Samstag, 23. November, 20.15 Uhr, in der Neuen Aula der Universität, unter Beteiligung der HI., BDM., Arbeitsdienst, Musikzug des SA.- Marinesturms und der Kolonialen Arbeitsgemein­schaft Gießen. Es spricht P g. Kurt Bütow (Gründer und Führer der deutschen Jugendbewe­gung in Süd-West-Afrika) über d i e deutsche Koloniasorderung. Unkostenbeitrag 20 Pf. Karten find auf der K r e i s d i e n st st e l l e, Schan­zenstraße 18 erhältlich.

*

Die Programme für die Winterfahrten und Fahr­ten ins Wintersportgebiet sind eingetroffen und sind auf der Kreisgeschäftsstelle Gießen, Schanzen- straße 18, für 10 Pf. erhältlich.

SportamtKrast durch $reut>e".

Verlegung von Sportkurfen am Donnerstag!

Die beiden Kurse für Fröhliche Gymnastik und Spiele müssen am Donnerstag einmal aus dem

Körting-Radio

Liebeserklärung an einMniment

Von Hedwig Aauharl

Meine Laute ist mein treuester, mein verständnis­vollster Freund. Sie wird nie versagen, jeder Stim­mung wird sie den Ausdruck geben, für den Worte zu arm sind Sie wird mich trösten, wenn ich mut­los bin, und sie wird für meine Freude den ein­zigen Ton finden, in dem der ganze Jubel aufkliygt, der mich erfüllt.

Aber ich mußte mir ihre Freundschaft anfangs erringen. Sie war ein wenig spröde, wie alle wert­vollen und dauerhaften Dinge im Leben. Sie for- berte, daß ich mich eingehend und ernsthaft mit ihr befaßte. Hätte ich es bei den bißchen gelegentlichen Geklimper belassen, mit dem ich ihre Bekanntschaft zu machen begann, so wäre ich ihr niemals näher­gekommen. Sie hätte mich vielleicht sogar geärgert: Boshafterweise wären in aller Stille, während sie unbenutzt an der Wand hing, ihre Saite gesprun­gen, oder sie hätte sich einfach nicht stimmen lassen o sie war erfinderisch darin, es dem schwer zu machen, der sie zu leicht nahm

Sobald sie aber merken konnte, daß ich mich be­mühte, ihrem Wesen auf den Grund zu gehen, daß ich ihre Freundschaft suchte, war sie mir gewonnen. Nun erschloß sie mir langsam, Stunde um Stunde sich steigernd, ihren wahren wundervollen Ton. tote ließ mich das Geheimnis erraten, in dem ihre oft staunend schon verspürte Macht ruht: Daß fie mir den Umweg der Sprache erspart und fedes Gefühl sogleich und in feiner herrlichen Ursprünglichkeit her­aussingt Sie befreit mich von der bump auf mir lastender Trauer, die sie in eine harmonische Klage aufzulösen vermag es ist, als meinte sie für mich die Tränen, die ich selbst nicht meinen kann. Bin ich aber erst glücklich, dann treibt es mich bei­nahe noch mehr zu ihr, ich kann es kaum ermarten, in ihrem freudigen Gesang meine Seligkeit zu er« kennen Sie erlebt alles mit, was ich erlebe ia durch sie erst erlebe ich es in feiner ganzen Tiefe, in feinem unendlichen Reichtum. Darum sage ich mit einer großen Zärtlichkeit, wenn ich von ihr spreche: Meine Laute.

Und so werden andre mit dem gleichen zärtlichen Lächeln sagen: Meine Flöte, mein Cello mem gutes altes Klavier! Sie sind lebendiger als viele Menschen, unsre stummen Freunde, die erst unser eigenes Empfinden zum Tonen bringt.

Denn ihr glaubt doch nicht etwa, daß sie reden, wenn irgendwer versucht, sie so ganz nebenbei, m einer fluchtigen Laune zum Klingen zu bringen. Ach da kennt ihr sie schlecht. Sie sind nicht so leicht zugänglich. Natürlich geben fie Tone von sich, wie

manches arme Klavier, das in irgendeinem Ver­einszimmer steht, stöhnt gequält unter den Händen eines Gastes, der sich plötzlich an längst vergangene Tage erinnert und bas schöne Lieb vom Püppchen herunterpaukt, baß bie Pebale krachen. Es klingt erbärmlich, unb nachdem sich unser Pianist ge­nügend blamiert hat, wirft er demlächerlichen Kasten" einen verachtungsvollen Blick zu unb be­hauptet, es fei überhaupt nicht mehr zu brauchen, total verstimmt.

Merkwürbig: eine Stunde später kommt die kleine Tochter des Gastwirts schüchtern herein, dreht ein bißchen den Klavierstuhl hinauf unb beginnt leise ein altes Mellüett zu spielen, bas sie in ber Kla- üierftunbe gelernt hat. Sie kann es noch nicht rich­tig, und sie traut sich nicht recht, ganz laut zu spielen, man könnte es drüben am Schanktisch hören. Aber unter ihren behutsamen kleinen Fin­gern wird das alte Klavier lebendig, es bekommt einen süßen, zarten Ton, den es vorher nicht hatte, unb mag es ein wenig verstimmt fein, so hört man hoch gleich, baß es jetzt erst wirklich zu reben be­ginnt, in ber Sprache des Kinbes. bas sich langsam in bas Geheimnis ber Musik hineinzutasten be­ginnt. Ja, es ist eben sein Klavier, unb ihm allein gibt es sich zu erkennen

Wer gewöhnt ist, mit guten unb ehrfürchtigen Hänben an ein Instrument heranzugehen, wird auch ein fremdes bald gewinnen Es ist wie bei edlen Tieren: sie spüren genau, wer sie liebt, und lassen sich nicht von jedem streicheln Eine Liebe, bie voll Achtung unb Hingabe ist, gehört dazu, bie flingenben Freunbe sich ganz unb für immer zu er­werben. Dafür erweisen sie sich dankbar: sie be­schenken mit der köstlichsten aller Gaben mit dem Glück, sich befreien zu können durch erlösende Har­monie

Die Stadt des Doktors Eisenbarth

Von 6nvl Baader

Mitten im Herzen Deutschlands, am Zusammen­fluß von Fulda und Werra, von prächtigen Wäl­dern umrahmt, liegtH a n n o v e r s ch - M ü n - d e n", die Stadt, in welcher ber zu feiner Zeit welt­berühmte Doktor Eisenbarth bie letzten Jahre seines abenteuerlichen Lebens verbrachte.

Alexander von Humboldt, der Weitgereiste, zählte Münden zu den fielen schönsten Städten ber Erbe. Das ist ein großes Wort. Wer auf rascher Durchreise bie etwa 12 000 Einwohner zählende Stabt von ber Eisenbahn aus schaut, sieht neue Sieblungen an ben Hängen rings um bie Stabt, sieht das hohe Welfenschloß emporragen, aus

dem Stadtbild, sieht die Forstakabemie, unb mo- berne Fabrikanlagen ba unb bort. Wer Münben kennenlernen, erleben will, wie Humbolbt es tat, muß beschaulich hier verweilen.

Vom oberen Werratal her bin ich nach Münben bekommen. Eine blumen- unb gartenreiche Straße führt vom Bahnhof zur Stadt. Doch läßt man sich vor dem Eintritt in die Altstadt gern dazu ver­locken, durch ben zu einem schattigen Park ver- roanbelten alten Friebhos zu schreiten. Am Ranb bes Parkes erhebt sich ber hoheHagelturm", ein Wahrzeichen ber Stabt. Unversehens stehen mir vor Mündens imposantestem Bauwerk, bem Schloß, einem stolzen Renaissance-Bau. Viele Jahrhunderte war es Sitz ber Herzöge von Braunschweig-Lüne­burg. Nunmehr wirb bas Gebäube als Museum verwenbet. Außer einer heimatgeschichtlichen unb volkskunblichen Abteilung birgt bas Museum eine reiche Sammlung von Werken bes in Münben be­heimateten beutfrfvn Bilbhauers Gustav Eber- lein (1847 bis 1926)

Vom Schloß kommen wir zur Altstabt. Der Geist, aus bem diese lieben alten Fachwerkhäuser unb schönen Kirchen geschaffen würben, ist uns innerlich nahe. Wer Hildesbeim unb Dinkelsbühl liebt, wirb sich auch für All-Münden begeistern. Unweit der prächtigen St.-Blasius-Kirche steht basKü­sterhaus", Münbens ältestes Fachwerkhaus. Am Markt ist bas ,Tillyhaus", in welchem ber große General 1626 sein Hauptquartier aufgeschlaqen hatte. Durch eigenartige Schnitzereien unb Male­reien überraschen uns bie Münbener Fachwerk­häuser.

In ber Lange Straße, eine ber schönsten Alt­straßen, steht das E i s e n b a r t h - H a u s. Lebens­wahr, angetan mit ber großen Perücke, in ben Hänben ein mebizinisches Instrument, steht Meister Eisenbarth ba. Die Inschrift am Bilbwerk lautet:

In biefem Hause wirkte unb starb

Doktor Eisenbarth

Es war besser als sein Rus 16611727

Geboren zu Vichtach in Nieberbayern, erlernte Eisenbarth zu Bamberg bie Chirurgie. Als Markt­arzt zog er in Norbbeutschlanb von Stabt zu Stabt. Angetan mit rotem Mantel, auf bem Kopfe Pe­rücke unb Dreimaster, in ber Hanb den Stock, pries er überall seine Kunst:Ich bin der berühmte Ei­senbarth Ich heile Blindheit, Melancholie, Schlag­fluß, Schwindel, Wahnsinn, Wassersucht, Mutter­male und Kröpfe, setze künstliche Augen und neue Zähne ein .." 1703 ließ sich Eisenbarth in Magde­burg, 1710 in Hannover nieder. Nachdem er 1716 einen preußischen Obersten durch eine Operation von einem schweren Augenleiden befreit hatte,

wurde Eisenbarth von König Friedrich Wilhelm I. von Preußen zumKönigl. Preuß. Rat unb Hof- okulisten" ernannt.

Vom Eisenbarth-Haus roanbern wir burch schöne alte Gassen zur Kirche St. Aegibii, wo sich des be­rühmten Heilkünstlers Grabstein befindet. Wir ent­ziffern bie Inschrift:

Allhier ruhet in Gott

Der Weilanb hochedle hocherfahrene weltberühmte Herr Joh. Anbreas Eisenbarth,

königl. großbritannischer und furfürftl. braunschweig. lüneburgischer privilegierter Landarzt,

wie auch königl. preußischer Rat und Hofoculisi von Magdeburg

Geboren Anno 1661 Gestorben 1727 den 11. November.

Aetatis 66 Jahr.

Am Marktplatz besuchen wir das Rathaus, gleich dem Schloß ein vornehmer Renaissance-Bau, mit Blumen herrlich geschmückt. In der Rathaushalle erzählen uns farbenprächtige Gemälde von ber Ge­schichte ber Stabt. Auf einem der Bilder bemerken wir den Herrn Rat Goethe, wie er in schmucker Kutscht in die Stadt Münden Einzug hält. Vom Starrsinn der Münbener Schiffer legt bie Tatsache Zeugnis ab, baß sie bas erste Papinsche Dampfschiff, bas im Nähre 1707 ohne Er­laubnis ber Münbener Schiffer auf ber Weser fuhr, in Trümmer schlugen unb bie Trümmer auf bem Markt öffentlich versteigerten.

Vom Rathaus gelangen wir zumTanzwerber"; bas ist bie Lanbspitze, bei ber sich Fulda unb Werra vereinigen. Ein Kastanienbaum beschattet ben Weserstem", auf bem wir folgenben Vers lesen:

Wo Werra sich unb Fulba küssen, Sie ihren Namen büßen müssen. Und hier entsteht durch diesen Kuß Deutsch bis zum Meer der Weserfluß.

Ein Personendampfer landet soeben. Von Ha­meln und Corvey her kommt er. Wen lockt es nicht, eine Weserfahrt zu unternehmen. Binnen kurzer Zeit ist der große Dampfer mit Passagieren wieder gefüllt. Er tritt die Rückfahrt nach Hameln an

Gegen Abend steigen wir durch schöne Wälder empor zurTilly-Schanze", von ber aus Tilly am Pfingsttag 1626 bie Stabt beschoß. Hier genie­ßen wir bas Allerschönste, was Münden bieten kann. Gruppen von warmroten alten steilen Zie­geldächern scharen sich so wundervoll um den Turm ber St.-Blasius-Kirche, baß wir bas nie vergessen können. Wir werben nicht müde, hinunterzuschauen auf das Wunder ber alten wald- und flußumrahm­ten Stadt. Hier verstehen wir, warum Alexander von Humboldt diese Stadt so sehr liebte.