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bereit sind, haben sich 409 351 Bergarbeiter für und 29 215 gegen einen Streik ausgesprochen. Das Ergebnis der Abstimmung wird in der Presse mit Sorge, aber nicht mit Befürchtung besprochen. Man ist der Ansicht, daß die Arbeiterführer selbst kei­nen übereilten Schritt tun wollen, und große Anstrengungen machen werden, um einen Bergarbeiterstreik zu verhindern. DieTimes" zeigt eine gewisse Unruhe, da die bisherige Taktik der Bergarbeiterführer die gleiche sei wie 1925/26 und da auch der Gewerkschaftskongreß vor zwei Monaten wie schon damals denweitestgehen­den B e i st a n d" versprochen habe. Das Blatt drückt die Hoffnung aus, daß die weitere Entwicklung nicht mehr nach dem Vorbild von 1926 erfolge. Da­mals war vom Gewerkschaftskongreß im Interesse der Bergleute der General st reik erklärt worden.

Zwischenfall

im Königsmör-er-prozeß.

Der Verteidiger von der Anwaltsliste gestrichen.

Paris, 19. Nov. (DNB.) Im Königsmörder- Prozeß in Aix-en-Provence kam es zu einem Zwi­schenfall. Der Verteidiger der drei angeklagten Kroaten, Rechtsanwalt D e s b o n s, hatte einen Zwischenantrag eingebracht, den der Staatsanwalt als Manöver bezeichnete. Als der Gerichts­schreiber den Antrag verlesen wollte, stellte er fest, daß Desbons versäumt hatte, unter den Antrag seine Unterschrift zu setzen. Diese Feststellung brachte den Anwalt in so große Wut, daß er mit der Faust auf den Tisch schlug. Der Staatsanwalt rief dazwischen:Das ist die Weiterentwicklung eines Manövers, das ich als verdächtig bezeichne!" Rechts­anwalt Desbons entgegnete daraus:Das ist also die republikanische Rechtspflege!" Darauf beantragte der Staatsanwalt den Aus­schluß des Rechtsanwalts Desbons. Dieser rief aus:Ich bin Sohn eines richterlichen Beamten. Man will mir meine Lebensmöglichkeit nehmen. Ich habe keine Familie mehr. Man macht mir meine Unabhängigkeit zum Vorwurf, auch daß ich der Freund der Kroaten und Mazedonier bin." Rechts­anwalt Desbons schloß mit Angriffen gegen gewisse Anwälte, Richter und Parlamentarier.

Obwohl der Vorsitzende der Anwaltskammer an die Milde des Gerichts appellierte, wurde dem An­trag des Staatsanwalts stattgegeben und Desbons aus der Anwaltsliste gestrichen. Desbons wurde durch einen Gendarmerieoffizier aus dem Schwurgerichtssaal gewiesen. Die drei Kroaten werden nunmehr von dem Vorsitzenden der Anwaltskammmer von Aix-en-Provence von amtswegen verteidigt. Sie erklärten aber, sie würden ohne den Beistand ihres alten Anwalts Desbons nicht sprechen, drohten mit dem Hungerstreik und machten beleidigende Aeußerun- gen für die jugoslawische Regierung. Der Offizial­verteidiger sagte zu, daß er die Angeklagten auch gegen ihren Willen verteidigen wolle. Er müsse jedoch erst die Akten kennenlernen. Das Gericht er­klärte sich darauf zu einer Unterbrechung des Pro­zesses bis Donnerstagnachmittag bereit.

Der auf der Anwaltsliste gestrichene Vertei­diger erklärte dem Vertreter des Journal, man habe seinen Ausschluß vollzogen, weil man ver­hindern wollte, daß er über eine andere Ver­schwörung gegen König Alexander von Jugo­slawien im Juli des vergangenen Jahres spreche. Man habe vermeiden wollen, daß er die Gründe für das Fehlen eines ausreichenden Ordnungsdienstes in Marseille bei der Lan­dung des Königs erkläre. Man habe ihn am Reden hindern wollen, weil man wußte, daß er geheime Tatsachen auf Grund von diplomatischen Schrift­stücken darlegen würde, deren Echtheit nicht ange­zweifelt werden könne. In Paris hätten Mitglieder ausländischer Parteien ihm zweimal 400000 Francs angeboten, wenn er während des Prozesses zwei oder drei Fragen aufrollen werde, die keine rechtliche Bedeutung hätten,die aber einen Feldzug der öffentlichen Meinung entfesseln würden, besonders im Auslande,, um den A u s - bruch des nächsten Krieges zu fördern". Desbons behauptet ferner, er habe zwei balka­nische Gesandte empfangen und sei, nachdem er es abgelehnt hatte, ihre Vorschläge anzunehmen, darauf aufmerksam gemacht worden, daß er in dem Prozeß nicht werde auftreten können. Man habe ihm mit dem Tode gedroht, daher sei er während der ersten beiden Tage des Prozesses durch zwei Beamte der Sicherheitspolizei bewacht worden.

Abessiniens Aufmarsch ist beendet.

Ein Frontbericht aus dem Hauptquartier von Addis Abeba.

Von unserem I.A.Sch.-Berichierstaiier.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Addis Abeba, 4.November 1935.

Wenn man den Aufmarsch der abessinischen Ar­meen und die Mobilisation Aethiopiens mit denen der Italiener vergleichen will, so ist das von vorn­herein ein grundsätzlicher Fehler. Italien moblli- sierte bereits seit Anfang dieses Jahres und begann den Aufmarsch an den abessinischen Grenzen von beiden Kolonien aus. Italien standen Eisenbahnen, Schiffe, zum Teil gute Straßen, ein ungeheurer Automobilpark und sonstige Mittel aller Art zur Mobilisation zur Verfügung. Trotzdem dauerte der Aufmarsch der italienischen Armeen in Eritrea und Somaliland volle 10 Monate. Abessinien hatte nur.zum Schutze seiner Grenzen im Frühjahr dieses Jahres einige Formationen bereitgestellt, ohne aber auch nur im entferntetesten an eine Mobilmachung au denken. Der Kaiser rechnete bis zum letzten Augenblick immer noch mit einer friedlichen Lösung des Konfliktes und war derzeit auch bereit, Zuge­ständnisse zu machen. Als die Italiener jedoch am 2. Oktober unter Artilleriefeuer mit Tanks, Flug-, zeugen, Infanterie, Kavallerie und Genietruppen den Mareb (Grenzfluß zwischen Eritrea und Abes­sinien) überschritten und somit in abessinisches Ge­biet eindrangen, sah sich Kaiser Haile Selassie L gezwungen, im Interesse der Landesverteidigung die Mobilmachung zu proklamieren, die am 3. Oktober erfolgte.

Mobilmachung in Abessinien ohne Telephon, Eisenbahnen, Presse, Wehrkreiskommandos, Bezirks­ämter und ähnliches in Europa unentbehrliche Mit­tel erfordert ein ganz anderes System und be­deutend längere Zeit, als jede Mobilmachung in irgendeinem modernen Staate, wo Eisenbahnen, Chausseen, Autostraßen und moderne Mittel zur Verfügung stehen. Am Morgen des 3. Oktober er­dröhnte die uralte geheiligte Kriegstrommel Kaiser Meneliks II., die zum letzten Male im italienisch­abessinischen Kriege von 1896 Abessinien zum Kampf gerufen hatte. Die Trommel ist der Tele­graph Abessiniens. Von Ort zu Ort, von Provinz zu Provinz setzte sich das Trommelgedröhne fort und hallte über das ganze Land. Seit Wochen tref­fen nun Heerhaufen, bewaffnet mit Gewehren mo­dernster und ältester Konstruktion, vereinzelt auch mit Maschinengewehren, und ausgerüstet mit Pfer­den, Maultieren und Verpflegung in Addis Abeba ein. Zu Hunderttausenden durchzogen und umlager­ten sie Addis Abeba. Von Addis Abeba aus mar­schieren sie dann auf Karawanenstraßen, über Berg­hänge, tiefe Täler, Schluchten, über Flußbetten und endlose Steppe in die Grenzgebiete und Bergstel­lungen, die ihnen der Kaiser befahl. Manche Trup­penteile, die den Nomadenstämmen zugehören, füh­ren auch Frauen und Kinder mit sich. Wochen und Wochen dauern diese Märsche, denn die Grenzen im Norden, Osten und im Süden sind fast alle 800 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Wochen marschierten die Truppen, um nach Addis Abeba zu kommen, und Wochen marschieren sie, um an die bedrohte Grenze zu gelangen. Darum hat die abessinische Heeresleitung sich bisher noch in keine größere Schlacht eingelassen! Nun aber wer­den die Armeen die anbefohlenen Stellen bezogen haben, und jetzt erst wird für Abessinien der Krieg beginnen ...

1 100 000 Mann marschierender, bewaffneter Krie­ger ist das Ergebnis eine in einem Monat durchge­führten Mobilmachung. Fast 450 000 Mann wür­den an die Nordfront entsandt. Oberbefehlshaber ist hier Ras S e y o u m für den westlichen Ab­schnitt, Ras Kassa leitet die Operationen rechts anschließend. 350 000 Mann marschierten an die Südfront. Ihr Oberbefehlshaber ist Dedjasmatsch N a s s i b u, fein Hauptquartier ist Djidjiga. Die übrigen Truppen sind Reserve. 100 000 Mann da­von liegen in der Umgebung von Addis Abeba.

Die bisherigen Kämpfe, sowohl an der Nordfront wie auch im Süden, wurden von abessinischer Seite nur mit Nachhuten und Einzelabteilungen geführt. Eine groß angelegte Schlacht gegen den an Kriegs­material weit überlegenen Gegner konnte die abes­sinische Armee noch nicht wagen, bevor der Auf­marsch vollendet war. Selbst die großen verlust­reichen Kämpfe um Adua, Akfum und Adigrat wur­

den von abessinischer Seite mit nur verhältnismäßig kleinen Kräften geführt. Trotzdem die Italiener im Adua-Abschnitt drei kriegsstarke Divisionen ansetz­ten, gelang es ihnen innerhalb des ersten Kriegs­monats nicht, weiter als 45 Kilometer an der Nord­front in Abessinien einzudringen. Und selbst dieser Fronteinbruch geschah nur in einer Frontlänge von etwa 150 Kilometer im Gebiet zwischen Aksum und Adigrat. Westlich vom Takazzefluß hat bisher kein italienischer Soldat abessinisches Gebiet betreten.

An der Südfront beschränkten sich die Italiener fast ausschließlich auf Fliegerangriffe mit Bomben­abwürfen und MG.-Feuer. An der Ogadenfront führt die Frontlinie zum.Teil bis 175 Kilometer tief in abessinisches Gebiet. Diese Fronttiefe wurde aber von italienischer Seite nicht durch Kampf­handlungen erreicht, sondern entstand durch die im Oktober vergangenen Jahres vorgenommene B e - etzung Ual-Uals, das etwa 150 Kilometer jen­seits der 1908 festgelegten Grenzen zwischen Jtalie- nisch-Somaliland und dem Kaiserreich Abessinien in Abessinien liegt. Heute find Ual-Ual und das östliche Nachbardorf Wardair die Flugaeugbasen zweier italienischer Bombenstaffeln Der Somali­armee General Grazianis. Seit Wochen überschütten diese Staffeln die kleinen Ortschaften an der Süd­front, angefangen bei Ado über Gerlogubi, Gora- Hai, dann südlich im Sichelbogen bis zum größeren Ort Dolo, wo die Grenzen Abessiniens, der britischen Kolonie Kenya und Jtalienisch-Somalilandes Zu­sammenstößen, mit Bomben ohne aber militä­rische Gewinne zu erzielen. Alle diese Abwürfe galten abessinischen Rundhütten, Tickuls genannt, -die von den Männern verlassen waren. Insbesondere aber war das Hauptziel der Angriffe die abessini­schen Feld-Funk st ationen, um somit die Verbindung mit dem Hauptquartier abzuschneiden und dieses im Ungewissen über die Frontvorgänge ZU lassen.

Bemerkenswert ist, daß die Italiener an der N o r d s r o n t jeden Geländegewinn durch Graben­anlagen, Stacheldraht und sonstige Befestigungen sichern und gleichzeitig große Materialtransporte, speziell Wasser, nachführen. An der Südfront wird nicht geschanzt: es wäre auch eine Sysiphus- Arbeit, sich in der endlosen Ogadenwüste einzugrü­ben, denn der Flugsand würde bald wieder alles nivellieren. An der Nordo st front versuchen die Italiener, Straßen über Straßen, natürlich nicht im europäischen Sinne, zu bauen, die darauf hindeuten, daß man auch von dieser Seite aus größere Unter­nehmungen vorhat. Selbst eine Flugzeugbasis wurde in den letzten Oktobertagen in Älalgeri angelegt. Dieser Frontabschnitt ist säst ebenso gefahrvoll wie die Südfront, da die Danakil-Wüste fast völlig was­serlos ist, die vereinzelten Seen überaus salzhaltig sind und die wenigen Brunnen von den Kriegern des Massarai-Stammes zerstört, und wo das nicht gelang, restlos versalzen oder vergiftet wurden.

Das ist die Frontlage und ist der Stand der Auf­marschbewegungen der abessinischen Armee in den ersten Novembertagen, einen Monat nach Beginn der Feindseligkeiten. Abessiniens Armee erwartet nun den Befehl des Kaisers zum Gegenangriff.

Frontflua des Kaisers.

Die Abessinier melden Ausdehnung der Kämpfe.

Addis Abeba, 20. Nov. (DNB.) Nach den in Addis Abeba vorliegenden Meldungen nehmen die Kämpfe in der Gheralta-Provinz, in Tembien und im Scire-Gebiet immer größeren Umfang an. Die Vormarschbewegung der Italiener soll da- durch stark behindert worden sein. Aus. zuverlässiger Quelle verlautet, daß ungefähr 10 000 Mann abes­sinischer Truppen in einzelnen Abteilungen an dem Kleinkrieg in den vorgenannten Gebieten beteiligt fein sollen. Ein italienischer Versuch, am W e b i Schebeli vorzustoßen, wurde abgewiesen. Südlich von Makalle sind am Dienstag und am Mittwoch größere italienische Bombengeschwa­der erschienen, die versuchten, durch Bomben­abwurf den noch nicht vollendeten Aufmarsch der abessinischen Truvpen zu stören. Der Kaiser hat sich am Dienstag im Flugzeug an die

Front begeben. Das Ziel seiner Reise ist unbe­kannt. Es heißt, daß er sich an die Nordfront nach Dessie begeben habe, um Die strategische Lage zu überprüfen. Gerüchte wollen aber auch von einem Zusammentreffen mit General Nassidu in Dschi- dschiga wissen.

Italienische Säüberungsattion an der Aordsront.

Asmara, 20.Nov. (DNB. Funkspruch.) Zwei italienische Kolonnen stießen bei Makalle und H a u s s i e n vor, um die Hochebene von Tembien, in der Truppen des Ras Seyoum stehen, zu umgehen. In der Nacht zum 18. Novem­

ber stieß eine Kcwalleneeskadron auf eine abessi­nische Abteilung, die zurückgeworfen wurde. Ditz abessinischen Verluste scheinen groß zu sein. Auf tta- lienischer Seite fiel der Rittmeister Rinalüi, einige Reiter wurden verwundet. Dem italienischen Haupt­quartier werden abessinische Truppen im Anmarsch auf Schelikot südlich von Makalle gemeldet. Sie haben anscheinend die Absicht, die ita­lienische Front bei Makalle und Dolo anzugreifen. Im Gebiet von Gundi wurden keine weiteren abef- sinischen Streitkräfte mehr gesichtet. Es ist unklar, ob sich die Abessinier verstreut oder Schlupfwinkel in dem unübersichtlichen Gelände bezogen haben. Ein italienisches Flugzeug, das bei Haussien notlanden mußte, hatte einige Verwundete an Bord.

Aegypten und die Mittelmeerkrisis.

Englands militärische Vorbereitungen in Aegypten.

Von unserem vH.-Äerichierstatier.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Kairo, Mitte November 1935.

Wenn es für Europa heute auch noch andere Probleme geben mag, so kennt Aegypten, kennen seine Oesfentlichkeit, seine Presse und vor allem seine politisch interessierten Kreise heute fein anderes Thema alsdie M i t t e l m e e r k r i s e". Es ist ja auch wohl selbstverständlich, daß Aegypten, in dessen Hoheitsgebiet der Suezkanal liegt, und dessen Bereich die Linie Rom Maffaua unterbricht, bei militärischen Zusammenstößen ganz besonders in Mitleidenschaft gezogen werden wurde.

Die Außenpolitik Aegyptens kann praktisch keine anderen Ziele verfolgen als die seines Beschützers und Verbündeten, England. Trotz seiner no­minellen Unabhängigkeit ist Aegypten durch die in der Unabhängigkeitserklärung .enthaltenen Klauseln praktisch an Groß-Britannien geschmiedet. Es würde sich selbst keinen Dienst erweisen, wenn es im Augenblick versuchen wollte, diese Bindung zu lö­sen. Abgesehen von der Gewißheit, daß England unter den gegenwärtigen Umständen sich einer sol­chen Lösung widersetzen würde, wird auch von allen maßgebenden Persönlichkeiten Aegyptens anerkannt, daß die politische Verbundenheit mit England heute den wirtschaftlichen und politischen Interessen Aegyptens dient. Man ist sich wohl darüber klar, daß ein Aegypten ohne Anleh­nung an die starke britische Macht aus den außen­politischen Sorgen siehe Abessinien nicht mehr herauskommen würde.

So erlebt man es denn heute, daß England auf ägyptischem Boden militärische Vorberei­tungen trifft, wie sie Ägypten wohl noch nie ge­sehen hat, nach Kräften Unterstützt von ägyptischen Behörden. In Alexandrien liegen 45 Einheiten der britischen Flotte, die Zahl der zur ständigen Be­setzung Aegyptens gehörenden Truppen ist bis heute etwa verdoppelt. Wenn man Engländer fragt, wozu diese Rüstungen sein sollen, so erhält man die Antwort, es ständen 80 000 Mann regu­lärer italienischer Truppen an der ägyptischen Grenze in Tripolis, und diese offensichtliche Bedrohung Aegyptens erfordere Sicherungsmaßnahmen. Wenn man Italiener fragt, warum sie in Tripolis eine genau so große Zahl von Truppen konzentrieren, so lautet die Ant­wort, Italien müsse bereit fein und sich schützen gegenüber ben ungeheueren Rüstun­gen Englands in Aegypten. Sie klettern also beide aneinander hoch und würden wohl beide schon in den Wolken verschwunden sein, wenn die Wirklichkeit nicht doch etwas anders läge, gewisser­maßen weniger friedlich, als dieses beiderseits be­tonte Sicherungsbedürfnis.

Die gegenwärtigen Verhältnisse hier und die po­litischen Maßnahmen lassen den Schluß zu, daß England unter allen Umständen einer Vergrößerung des italienischen Ostafrikagebietes einen Riegel vor­schieben will. Es sieht offenbar in der Einverleibung Abessiniens in Italiens Kolonialreich eine so große Verstärkung der Machtposition einer anderen Groß­macht auf Englands Weg nach Indien und Ostasien, daß es diese Einverleibung im Interesse der eigenen Machtstellung verhindern zu müssen glaubt. Die kriegerischen Vorbereitungen Englands in Aegypten zeigen aber deutlich, daß man es Abessinien doch nicht recht zutraut, sich selb st und ohne fremde Hilfe gegen Italien verteidigen zu kön­nen. Und auch das zweite Hindernis auf dem ita­lienischen Wege nach Addis Abeba, die wirt­schaftlichen Sühnemaßnahmen des Völ­kerbundes, sind offensichtlich nach ^Englands Ansicht für Italien möglicherweise zu überwinden. Denn: wozu britische Rüstungen, wenn die Wirtschafts­sanktionen bestimmt wirksam wären. England sieht daher wohl die Notwendigkeit voraus, daß es selbst vielleicht erhält es vom Völkerbund hierzu den Auftrag wird eingreifen müssen, um seine Wünsche zu erzwingen. An den Ernst der italieni­schen Drohung der 80 000 Mann in Libyen glaubt man hier nicht recht, das heißt, man hält sie nur dann für eine Drohung, wenn England mit Gewalt feinen Willen durchzusetzen versuchen würde. Zwi­schen der libyschen Grenze und dem Nildelta liegen 6 0 0 Kilometer wasserlose Wüste, denn die wenigen für einzelne Beduinen, aber nicht für eine Truppe ausreichenden Wasserlöcher sind leicht zu vergiften oder unbrauchbar zu machen. Auch ohne die geringste militärische Gegenwirkung ist die lieber« Windung dieser Wüstenstrecke für jede Truppe eine Leistung, die außerordentlicher Vorbereitungen be­darf. Sie wiegt mehr als eine Verteidigungsarmee.

Jedenfalls vermittelt die Art der britischen mili­tärischen Vorbereitungen in Aegypten die Auf­fassung, daß England mit einem Zusammenstoß rechnet. Nicht nur die Verstärkung der britischen Besatzungstruppen auf jetzt etwa 20 000 Mann oder die Entsendung einer größeren Flottenmacht in den Hafen von Alexandrien oder die zahlen­mäßige Vermehrung der britischen Kriegsflugzeuge auf jetzt schätzungsweise 400 Stück find Der Grund dazu, sondern mehr die kleineren Maßnahmen, die eben gerade deshalb, weil sie nicht so wichtig sind, den Ernst der Lage unterstreichen. Es handelt sich eben um eine gründliche Vorbereitung auf den Kriegsfall! Das Mieten des größten Hotels Alexan­driens und fein Umbau zu einem Lazarett, die An­lage eines großen Gefangenenlagers in der Sand- wüste des Sinai, die Besetzung der Alexandriner Hafenverwaltung mit briüschen Marineoffizieren, die Versorgung der ägypttschen Eisenbahn mit Kohle und Material auf zwei Jahre hinaus, der be­schleunigte Ausbau der Wüstenstrecke KairoAle­xandrien für militärische Bedürfnisse, die Anlage von Flugzeugabwehrstellunaen am Hafen von Mersa Matruch, am großen Nilstaudamm bei Assuan und bei Heluan, die Entsendung von Tank­kompanien an die libysche Grenze, die Vorbereitung der Einziehung ägyptischer Reservisten für die ägyptische Armee, Üig Verstärkung der ägyptischen

Truppen im Sudan und viele andere Dinge mehr veranschaulichen das in aller Deutlichkeit. Denn wozu brauche man Lazarette und Gefangenenlager, fragt eine hiesige arabische Zeitung, wenn man keine Verwundeten und Gefangenen erwarte?

Die Protestbewegung.

Kairo, 20. Nov. (DNB.) Der Ministerrat hat beschlossen, die Zwischenfälle zu untersuchen, bei denen drei Studenten durch Schüsse der Polizei meöergeftrecft wurden. Der Ministerpräsident hat ein Schießverbot für d i e Polizei erlassen. Die Direktoren aller arabischen Blätter haben beschlossen, ihre Zeitungen am Donnerstag nicht erscheinen zu lassen, um damit gegen die Haltung des ägyptischen Kabinetts gegenüber der englischen Politik und gegen das Ausnahmegesetz für die Presse zu protestieren. Am Donners­tag sollen auch alle ägyptischen Läden und Büros geschlossen bleiben. Die ägyptischen Anwälte werden vor den gemischten Gerichtshöfen nicht erscheinen.

In einer neuen Erklärung des Ministerpräsidenten wird festgestellt, daß das ägyptische Kabinett nicht zurücktreten werde, da ein Rücktritt unter den gegenwärtigen Umständen die Flucht bedeuten würde. Die in Alexandrien zusammengezogenen bri­tischen Flottenetnheiten werden am Donnerstag i n See gehen, um Manöver abzuhalten. Der bri­tische Oberkommissar, der ägyptische Mi­nisterpräsident und die übrigen Mitglieder des Kabinetts werden den Uebungen bei­wohnen

Wiederaufnahme der diploma- iWen Vefprechungen.

Paris, 21. Nov. (DNB. Funkspr.) Die diplo- matischen Besprechungen zur Beilegung des italie­nisch-abessinischen Streitfalls werden heute in Pa­ris wieder aufgenommen.Oeuvre" glaubt zu wissen, daß nicht nur der englische Sachverständige Peterson in Paris eintreffen wird, sondern auch ein italienischer Sachver ständiger. Bei­de werden gemeinsam mit dem französischen Sach­verständigen Saint-Quentin die Grundlage für eine Regelung suchen. Das Blatt glaubt, daß Petersons Vorschläge denen ähnlich fein werden, die er bereits vor drei Wochen in Paris Dorgetragen habe, denen aber damals sogar die englische Regierung wenig Wichtigkeit beigelegt habe.

Le Jour" läßt sich aus London melden, daß die Besprechungen des englischen und des französischen Sachverständigen sichim Rahmen des Völ­kerbundes" halten werden. Zwar scheine es, daß im Augenblick weder Laval noch die englische Regierung einen genauen.Plan für eine Regelung hätten, doch hoffe man in London, bald eine an­nehmbare Grundlage für eine Aussprache zu finden.

Iudenfeindliche Gtudenten-Kund- gebungen in Budapest und Warschau.

Budapest, 19. Nor>. (DNB.) An der Buda. Pefter Universität und der Technischen Hochschule kam es zu judenfeindlichen Kundgebungen der Stu­dentenschaft. Von der christlichen Studentenorgani- sation waren 100 schwarze Holzkreuze, ähnlich wie in anderen ungarischen Hochschulen, in den ein­zelnen Hörsälen angebracht. Als jüdische Studenten sich in spöttisch abfälligem Ton über die Anbringung der Kreuze ergingen, forderte die christliche Studen- tengruppe die jüdischen Studenten auf, urwerzüg- lich den Hörsaal zu verlassen. Da die jüdischen Studenten sich weigerten, entstand eine heftige Schlägerei. Auf Anordnung des Rektors wur­den die Vorlesungen eingestellt und die Schließung der Philosophischen Fakultät für zwei Tage ange­ordnet. In der Technischen Hochschule fand eine Versammlung der Studentenschaft statt, in der ge­fordert wurde, daß der christliche Charakter der Hochschule durch die Anbringung von Kreuzen in den Hörsälen vor der Oeffentlichkeit zum Ausdruck komme. Die Forderung der Studenten wurde vom Rektor und der Professorenschaft warm unterstützt.

Judenfeindliche Studentenunruhen, .die vor eini­gen Tagen zur vorläufigen Einstellung der Vor­lesungen an der Warschauer Technischen Hochschule geführt haben, haben nach Zusam­menstößen in der Warschauer Universität und in der Handelshochschule die Rektoren dieser beiden Lehranstalten veranlaßt, bis auf weite­res auch diese Hochschulen zu schließen. Gruppen polnischer Studenten zogen mit dem Rufe:Nieder mit den Juden" durch die Straßen. Auch aus Lemberg werden judenfeindliche Kundgebungen gemeldet.

Li amsche Winkelzüge im MemelceSiet.

Memel, 20. Nov. (DNB.) Der Präsident des Memelländischen Landtages Baldszus hat sich nunmehr auf Drängen seiner Fraktion bereit erklärt, die Bildung des Direktoriums des Memelgebietes zu übernehmen. Nachdem so der Bildung eines Memeldirektoriums, das des ein­mütigen Vertrauens der Landtagsmehrheit sicher sein kann, nichts mehr im Wege zu stehen schien, wurde vom Gouverneur Kurkauskas das Ansinnen gestellt, einen Litauer in das Direkto­rium zu nehmen. Dieses Ansinnen wurde ab- gelehnt. Kurkauskas erklärte hierauf, sich die weitere Entscheidung vorbehalten und zur Rück­sprache nach Kowno reifen zu wollen.