Ausgabe 
21.9.1935
 
Einzelbild herunterladen

lk.22' Erstes Blatt

Samstag, 2'. September 1935

185. Jahrgang

Gießener Anzeiger

ier beklemmend wie die ersten Herbstnebel, die sich der dem See lagern. Die Behandlung des A b e s -

i n i e n k o n s l i k t s ist zu einem Punkt gelangt,

-

England hegt wenig Hoffnung

o

c

3

1

3 h

2 D

0

(f) a

2 c

3

l c

* Ö

3^

g 5 o TI -2

53 £3

iS

'S

»c «

partes das Erscheinen starker britischer Seestreit­kräfte auf der Reede von Alexandrien und die Ver­stärkung der britischen Garnisonen im Lande als willkommenen Schutz vor Ueberraschungen, denen es sich von Italien ausgesetzt glaubt. Auch Italiens langjähriges Werben um Sympathien in der ara­bischen Staatenwelt am Ostufer des Roten Meeres hat offensichtlich Schiffbruch erlitten. Die britischem Einfluß unterworfenen arabischen Mächte.Irak und Transjordanien, die Araber des briti­schen Mandatslandes Palästina wie die von der britischen Vormundschaft gelösten unabhängigen arabi­schen Reiche Hedschas und Jemen haben dem Regus von Abessinien ihre Sympathie bezeugt und ihren Untertanen jede Unterstützung des italienischen Unternehmens untersagt. Aus Indien wie aus Südafrika wird eine ähnliche Stimmung ge­meldet. In Japan haben Nationalisten dem ersten konsularischen Vertreter Abessiniens einen begeister­ten Empfang bereitet, die Regierung betont zwar ihre Neutralität, aber sie ist an der Aufrechterhal­tung der offenen Tür in Abessinien lebhaft inter­essiert. Schließlich machen britische Blätter auch schon Andeutungen über eine Fühlungnahme in An­kara. Die Türkei hat mit Italien noch eine alte Rechnung zu begleichen, die der kleinasiatischen Küste vorgelagerten italienischen Jnselbesitzungen sind den Türken von jeher unbequem. Schon eine Schließung der Dardanellen für die Oelzufuhr aus dem Kaukasusgebiet könnte im Verein mit einer Sperre Gibraltars, Adens und Haifas, des End­punkts der Oelleitung aus dem Mossulgebiet, den Italienern bei der Versorgung ihrer Flotte erheb­liche Schwierigkeiten machen.

Man sieht, wie zögernd und unentschlossen die britische Politik während der ersten Monate des Abessinienkonflikts oft genug auch zu fein schien, so hat England doch im Stillen die Zeit genutzt und auf dem politischen Schachbrett sehr sorgfältig seine Figuren gestellt. London ist bereit, das Spiel kann beginnen. Vielleicht ist die Zusammenziehung der britischen Flotte im Mittelmeer und die In­standsetzung der Seefestungen Gibraltar und Malta für den Kriegsfall bereits der Eröffnungszug. Je­denfalls empfindet man es in Italien so und tat­sächlich ist die Lage kritisch genug, um befürchten zu müssen, daß irgendwo die Kanonen losgehen, bevor Rom oder London sich dessen versehen, und aus einem kolonialen Konflikt, aus als Druckmittel gedachten Sanktionen wird ein Krieg zweier euro­päischer Großmächte, der nach einem Wort Mus­solinis die ganze Landkarte ändern könnte. Der Duce empfindet mit seinem Volke außerordentlich bitter den Widerstand, den England, seiner traditio­nellen Freundschaft zum Trotz, den italienischen Ansprüchen auf Abessinien entgegenstellt. Der Ernst der Lage kann auch in Rom nicht verkannt wer­den, wenn man auch vorerst noch geneigt sein mag,

von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt

5» 3 ~

5 3 3 ®

&3

*5 s* 35 |I Ö

Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8'/,Uhr des Vormittags

Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text»

Mit 4 Beilagen RM.1.95 Ohne Illustrierte e 1.80 Zustellgebühr.. * -.25 Auch bei Nichterscheinen

« °A' 2-d? i

=0 ?C1 ks

2.®

H c

S

° Ö

? Ä - SV r » V

l » 6

AucbNews Chronicle" ist der Ansicht, daß zu Hoffnungen auf irgendeine Aenderung der italieni­schen Politik kein Anlaß bestehe. Es sei anzuneh­men, daß Mussolini dem französischen Botschafter mitgeteilt habe, er denke nicht daran, seine afrikanischen Pläne aufzugeben. Auch der britische Botschafter in Rom, der den Duce zur Annahme der Völkerbunds-Vorschläge gedrängt habe, habe einen pessimistischen Eindruck erhalten.

Das Blatt berichtet, daß die französisch­britische Flottenzusammenarbeit be­reits praktische Formen annehme, indem französische Schiffe im Kanal jene britischen (Ein* heften ersetzen, die im M i t t e l m e e r be­nötigt werden. Im übrigen wird ausdrücklich gegen ausländische Presseberichte Einspruch erhoben, in denen von einem Streit zwischen England und Italien gesprochen wird. Es handele sich nicht um ein italienisch-englisches Problem, sondern um ein Problem zwischen Italien und dem Völkerbund. So schreibt dieTimes":Als Mitglied dieser großen internationalen Organisation und als Unterstützer der Völkerbundsgrundsätze hat England endgültig seinen Standpunkt gegen eine Politikdes Angriffes eingenommen." Daily Mail" schreibt:Die Tatsache, daß die eng­lische Regierung sich auf feiten des Völkerbundes gestellt hat, rechtfertigt nicht die ausländischen Be­richte, daß England ein plötzliches und isoliertes Vorgehen einschlagen könnte. Eine unabhän­gige Intervention Englands kommt nicht in Frag e."

Z * 3

-> 0 T

3 *

H

§

Will Italien weiterverhandeln?

BotfchasterempfanginRom-HeuteItatiensAntwortaufdieVorschlägedesKünferausschuffes

je ü

.Hsg.-

nahmen bei Laval decken wollen, indem er sich so­gar erboten habe, sozusagen passiv zu blei­ben (zum mindesten gegenüber Frankreich), wenn nur finanzielle und wirtschaftliche Maßnahmen gegen Italien ergriffen werden würden. Die britische Diplomatie suche Laval dazu, zu bestimmen, gegenüber Mussolini ke i n e Ver­pflichtungen zu übernehmen, die gemeinsame militärische Sühnemahnahmen ausschließen. Laval scheine sich Rom gegenüber g e w e i g e r t zu haben, Frankreich festzulegen. Frankreich könne nicht ewig zwischen zwei Stühlen sitze y. Frankreich müsse aber natürlich die Lage ausnützen, um von England formelle Versicherungen für den Fall einer Gleichgewichts st örung in Mitteleuropa zu erlangen.

he italienische Presse vorerst noch gute Miene zum tiöfen Spiel machen muß, um die Franzosen nicht rnllends von sich zu stoßen. Von Paris aus wird t n Italienern gut zugeredet, den Konflikt mit Eng- l:,nd und dem Völkerbund doch nicht auf die Spitze zu treiben, aber das Echo aus Rom ist wenig hoff- mmgsfreudig, so daß sich die Franzosen darauf ge­hißt machen müssen, in wenigen Wochen bei ihrem Dtort genommen zu werden. Laval hat immerhin Qis der prekären Situation herauszuschlagen ver­ficht, was herauszuschlagen war. Er hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, von England das feier­liche Versprechen zu erhalten, daß es im Falle von kriegerischen Verwicklungen auf dem europäischen fcmtinent sich ohne Einschränkung an Sanktionen c gen den Angreifer beteiligen werde, womit wenig- f:t°ns durch die Hintertür Englands Mitwirkung cm Ostpakt und am Donauabkommen erreicht wor- fcn wäre. Aber England scheint erneut erklärt zu Huben, daß es über seine im Völkerbundsvertrag mb im Locarnopakt übernommenen Verpflichtun- g-n nicht hinausgehen könne und sich von konti- rmtal-europäischen Dingen überhaupt zurückziehen v^erde, wenn Frankreich den Völkerbund im Stich lchse. Diese Warnung hat die Franzosen nachdenk- lth gemacht, und den Ausschlag für Lavals Schwen- I.ing in Genf dürfte die innerpolitische Rücksicht cüf die französische Linke gegeben haben, deren Opponenten Herriot und Paul-Boncour selber in s OTenf nach dem Rechten sehen und in dem Pakt

tw Rom keineswegs einen hinreichenden Ersatz \ fjr die britische Freundschaft erblicken.

!Dem geschickten Auftreten des britischen Staats- stkretärs Sir Samuel Hoare vor der Dölkerbunds- oirfammlung ist es auch gelungen, die ohnehin jeder Störung des Weltfriedens schon aus wirtschaftlichen Gründen heftig wiederstrebenden kleineren Iiächte zu einer lückenlosen Front für die Vertei­lung des Völkerbundes zusammenzuschließen. Auch

1 fr» Vereinigten Staaten bekunden ihre Li)mpathie mit Englands Bemühungen um die kufrechterhaltung des Friedens. Und wenn auch Staatssekretär Hüll verkündet, daß sein Land un- bedingte Neutralität wahren werde, so kommen doch 9.15 Washington imnHr wieder ernste Mahnungen $jr Achtung des Kellogg-Paktes, der sowohl Italien as Abessinien als Unterzeichner den Krieg als Mit-

Rom, 20. Sept. (DNB.) Nach einer ersten Überprüfung der Vorschläge des Fünferausschusses hat Mussolini am Freitagnachmittag den fran­zösischen Botschafter Chambrun und Staats­sekretär S u v i ch den englischen Botschafter Sir Eric Drummond empfangen. Die Antwort des auf Samstag angesetzten Ministerrates dürfte mit Bemerkungen verknüpft sein, die ihrer­seits den Gegen st and weiterer Bera­tungen des Fünferausschusses bilden könnten. Im Hinblick auf diese Möglichkeit wird der größte Wert auf die Feststellung gelegt, daß die militärische Aktion Italiens in Ostafrika, die als Vorbeugungsmaßnahme gedacht sei, nicht über den Charakter ähnlicher kolonialer Maßnahmen hinausgehen soll, wie sie wiederholt in anderen Kolonialab­schnitten durchgeführt worden seien und wie man sie unter Einsetzung von Tanks und ande­ren modernen Kriegswaffen zur Zeit an der nordindischen Grenze erlebe. Auf kei­nen Fall werde Italien eine Initiative ergreifen, die den italienisch-abessinischen Konflikt auf Eu­ropa ausdehnen und den europäischen Konti­nent in kriegerische Verwicklungen ziehen könnte.

Gazzetta del Popola" seht den Presse­feldzug gegen England fort. Wenn Italien an sich die Absicht gehabt hätte, so schreibt das Turiner Blatt, die Vorschläge des Fünfer-Ausschusses an­zunehmen, so sei sicher, daß' es dies jetzt aus Gründen der Würde und des Prestiges nicht tun könne. Die Drohungen durch die Zu­sammenziehung von englischen Kriegsschiffen im Wittelmeer und im Roten Weer machten Italien die Annahme jedes derartigen Ver- miltlungsvoxschlages unmöglich. Wan sehe nicht jemandem das Wesser an die Gurgel, mit dem man zu einem ehrenvollen Abkommen gelangen möchte.

Paris glaubt an eine taktische Schwenkung Mussolinis.

In Paris wagt man nicht an eine wirkliche Ent­spannung zu glauben, hält aber die Möglich­keit des Weiteroerhandelns nicht für ausgeschlossen.Petit Parisien" meldet, in Rom bezeichne man d i ee r ft e Form" der Fünfer­vorschläge als unannehmbar. Mussolini habe den französischen Botschafter bereits von dem In­halt der italienischen Antwort verständigt, so daß der französische Ministerrat am Samstagvormittag

2-^g- 3 °'crJ

Zwischen Krieg und Frieden.

Hinter dem granfriofen (Ereignis des Nürnberger Parteitags der Freiheit verschwand für uns Deutsche fast Zwei Wochen lang das Getriebe der Weltpolitik im trüben Dunst der Genfer Luft. Die politische Ltmosphäre in der Völkerbundsstadt ist nicht weni-

Erschetm täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle Monats Bezugspreis:

die britischen Kriegsvorbereitungen als Bluff zu nehmen, dem gegenüber man nur fest bleiben müsse, um feine Forderungen durchzusetzen. In London mag man ähnlich denken, daß Mussolini es nicht auf einen europäischen Krieg ankommen lassen werde. Die Gefahr ist eben nur die, daß beide Parteien den Streit soweit treiben, bis zu aller Ueberraschung plötzlich aus einem Bluff blutiger Ernst wird. Ohnehin haben schon beide Mächte sich so festgelegt, daß eine Einigung den größten Schwierigkeiten begegnet.

Der Fünfer-Ausschuß, in dem unter dem Vorsitz des Spaniers Madariaga neben Laval und Eden noch Polen und die Türkei vertreten waren, hat neue Vorschläge für eine Befriedigung der ita­lienischen Ansprüche in Abessinien ausgearbeitet und sie nach Rom und Addis Abeba weitergeleitet. Die Vorschläge blieben zwar geheim und die Ant­worten der Parteien sind auch noch nicht erteilt, aber aus Rom ist bereits eine glatte Ablehnung angekündigt worden. Aloisi hat es trotz Lavals dringender Bitten gar nicht gewagt, ohne Auffor­derung Mussolinis zur Berichterstattung nach Rom zu fahren, weil er wohl befürchten mochte, daß man ihn nicht wieder nach Genf zurückkehren lassen werde. Der Duce hat die in den Vorschlägen des Fünfer-Ausschusses als an Italien abzutretende Ge­biete vorgesehenen Provinzen empört als elende Wüstenstriche bezeichnet, von denen Italien ohnehin schon genug besitze. Auch das Völkerbundsregime, dem man Abessinien unterstellen will, würde na­türlich den italienischen Wünschen in keiner Weise gerecht werden. Mussolini hat bitter bemerkt, daß man den zweihunderttausend italienischen Soldaten, die in Ostafrika auf die Erlaubnis warten, kriege­rische Lorbeeren zu pflücken und die Schmach von Adua auszutilgen, wohl erzählen wolle, sie hätten einen Spaziergang gemacht. Das beleuchtet, wie sehr das Prestige des Regimes bei dem bevor­stehenden Feldzug bereits weitgehend engagiert ist und daß es fast unmöglich sein wird, Italien dazu zu bewegen, ohne einen militärischen (Er* folg den Rückzug anzutreten, auch wenn man seinen Wünschen nach politischer Beherrschung des Landes weiter entgegenkommen wollte als das Pariser An­gebot und die Genfer Vorschläge es anscheinend getan haben. Aber grabe das scheint England unter allen Umständen und gegebenenfalls mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Die Dinge stehen tatsächlich auf des Messers Schneide. Viel­leicht läßt sich ein Aufschub weitergreifender Ent­scheidungen erreichen, wenn der Völkerbund Sank­tionen beschließt, die England gestatten, das Gesicht zu wahren. Aber der Punkt wird bald erreicht sein, wo die britischen Interessen kein weiteres Zuwarten erlauben. Wird dann Mussolini mit sich reden lassen?

London, 21. Sept. (DNB. Funkspruch.) Die englische Morgenpresse mißt den diplomatischen Be- sprechungen in Rom beträchtliche Bedeutung bei. Laval habe den Duce gebeten, auf Grund der Vor­schläge des Fünfer-Ausschusses weitere Be­mühungen zur Regelung des Konfliktes zu er­möglichen. Die Blätter glauben, daß die Entwick­lung der Lage vorläufig noch keinen Anlaß zu optimistischen Hoffnungen biete. Die britische Abordnung wisse nichts von einem Mei­nungswechsel in Rom. Das Gerücht, Italien würde seine zusätzlichen Streitkräfte aus Libyen zurück­ziehen, wenn England seine Verstärkung im Mittel­meere rückgängig machen würde, würde England niemals veranlassen können, einen derartigen Vor­schlag anzunehmen. Von Italien sei eine (Erörterung neuer Derhandlungsgrundlagen außerhalb von Genf vorgeschlagen worden. Frankreich stimme jedoch mit England in der Ansicht überein, daß der Zeitpunkt für einen solchen Schritt längft vor­über sei. Alles, was man jetzt von Italien ver­lange, fei eine Erklärung, daß es die Vor­schläge des Fünfer-Ausschusses als Verhandlungsgrundlage annehme und solange diese Verhandlungen vor sich gingen, a u f kriegerische Maßnahmen verzichte. Die Berichte aus Rom ließen jedoch vermuten, daß die Bedingungen Mussolini völlig unannehm­bar sein würden.Daily Herald" meldet, daß der Duce anscheinend zur Zeit noch keine wirkliche An­nahme der Fünfer-Vorschläge plane, sondern ledig­lich ein neues Verzögerungsmanöver.

tel für die Lösung internationaler Streitfälle unter­sagt. Schließlich hat Englands Politik in Genf auch daheim die Stimmen der Krittk zum Schweigen gebracht. Auf der äußersten Rechten hat Lord Roth- ermeresDaily Mail" sich zu dem alten britischen Grundsatz bekannt:Recht oder Unrecht, zuerst das Vaterland". Damit stellen sich auch die ultrakonser­vativen Kreise, die für den Völkerbund nicht nur als Ideologie, sondern auch als brauchbares In­strument britischer Politik bisher wenig übrig ge­habt haben, da sie unnütze Verwicklungen Englands in europäische Streitigkeiten befürchteten, in dem Augenblick hinter die Regierung, wo auch ihnen Lebensinteressen des Britischen Reiches bedroht er­scheinen. Mit der entgegengesetzten Begründung, daß nämlich England das Völkerbundsideal und den Weltfrieden verteidigen müsse, zollen Liberale und Arbeiterpartei der Politik Hoares und Edens enthusiastisch Beifall, ja gerade die erklärten Pazi­fisten fordern die schärfsten Sanktionen. Freilich einige Männer der älteren Generation in den Rei­hen der Arbeiterpartei wie Lord Ponsonby, Sir Stafford Cripps und Lansdury sehen den Bruch zwischen Theorie und Praxis, aber ihr Veto wird kaum den die Regierunaspolitik stützenden Kurs der Arbeiterpartei zu beeinflussen vermögen.

So steht England, auf eine einheitliche Meinung in der Heimat gestützt, von Frankreich wenn auch nur zögernd gefolgt, von den kleineren Mächten des Völkerbundes eifrig bestärkt dank einer über­aus geschickten Politik in denkbar günstigster Aus­gangsstellung, die noch erheblich verbessert wird durch das Echo lauter Empörung, das Italiens Vor­gehen gegen Abessinien in der ganzen farbigen Welt von Kairo, Mekka und Bagdad bis nach Tokio gefunden hat. Die Zeiten ändern sich, das Britische Reich, das in allen Erdteilen mehrfarbige Völker sich einverleibt hat als jede andere Weltmacht aller Geschichtsepochen, steht heute in der Gloriole des Verteidigers der Freiheit des letzten unabhängi­gen Staats farbiger Raffe in Afrika. Aegypten, auf dessen gespanntes Verhältnis zur englischen Schutzmacht durch eine rücksichtslose Behandlung während eines halben Jahrhunderts wohl begründet die italienische Propaganda große Hoffnungen gesetzt hatte, fühlt sich durch Italiens Anspruch auf Abessinien geradezu in eine Zange genommen. Die italienischen Truppenverstärkungen in Libyen, die Rom als vorbeugende Maßnahme gegen etwa wach werdende Rachegelüste der nach jahrelangem opfervollem Kolonialkrieg vor den Italienern auf ägyptisches Gebiet ausgewichenen Senussii hinstellt, empfindet man in Kairo als italienische Drohung, der Durchfahrt, italienischer Militärtransporte durch den Suez-Kanal und dem Ueberfliegen ägyptischen Gebiets keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen. So fühlt Aegypten vielleicht zum ersten Male in seiner Geschichte seit den Tagen Nelsons und Bona-

no es deutlich wird, daß aus Genf schwerlich die stösung zu erwarten sein wird, die schon die direk- tn Besprechungen der interessierten Großmächte in (Saris nicht haben zustanüebringen können. Wie stifte es auch anders sein? England hat nach Ablehnung seiner Pariser Vorschläge darauf be­funden, den Völkerbund ftatutsmaßig mit dem Ä besstnienkonstikt zu befassen. Es war der einzige pog, um Frankreich, das wie der Esel zwischen pei Heubündeln zwischen der britischen und der iolienischen Freundschaft hin- und herpendelte, an Vinem Dölkerdundsportepee zu fassen und es zur k ntscheidung zu zwingen, ob es die fünfzehn Jahre fang von seinen Staatsmännern angebeteten Sbeale Ist kollektiven Verteidigung des Friedens gegen ftien Angreifer verleugnen wolle, um feine Freund­schaft mit Italien nicht preisgeben zu müssen, oder tb ihm die moralische Rettung des Völkerbundes int) die Zusammenarbeit mit England bei der Er- httung des europäischen Status quo wichtiger sei. , f nglanb hat ferner auf den Weg nach Genf ge­längt, weil es hier auf sichere Unterstützung seiner ms.'Bewahrung des Friedens und Achtung der faternationalen Kriegsächtungspakte hinzielenden

olitik durch die vielen kleinen Mächte zählen lennte, denen der Völkerbund nicht nur als Ideal, f ndern als handgreifliches Instrument ihrer eige- i2tt Sicherheit am Herzen liegt. Schließlich konnte (mglanb hoffen, mit dem Ingangsetzen des Dölker- Unfosapparats einmal bie öffentliche Mei - iung des Auslands, soweit sie der britischen (iinstellung gegen die ostafrikanischen Wünsche Jta- l=ns eigensüchtige Beweggründe unterstellte, dahin zu ^richtigen, daß die Erhaltung des Friedens unter iwoi Mitgliedern des Völkerbundes das einzige

1 jiiel der englischen Bemühungen sei, und zum cidern die Völkerbundsideologen im eigenen Lands, die im wesentlichen den oppo­sitionellen Gruppen der Liberalen und der Läbour- prtei angehören, vor den Regierungswagen zu s annen, zumal da England, wie schon so oft in H Geschichte des britischen Imperialismus, auch jftzt wieder das Glück hat, daß Englands Rolle als Verteidiger der Friedens- und Freiheitsideale der Menschheit sich vortrefflich mit der Vertretung der tefonberen Interessen des britischen Weltreichs ver- rmigen läßt.

Die Entwicklung, die der Abessinienkonflikt in Genf »nommen hat, hat bis jetzt wenigstens die briti- ;je Politik in allen drei Punkten vollauf gerecht- rrtigt. Frankreich hat nach langem Zögern rib Ausweichen in Genf Stellung bezogen. Laval jnt in feiner kurzen Rede vor der Dölkerbundsver- j: mmlung erklärt, daß Frankreich, wenn es im Ubeffinienfonflitt zum Kriege kommen sollte, f e i n e Verpflichtungen gegen den Völker- tiu nb erfüllen werde. Freilich sucht die franzö- si che Diplomatie diese Verpflichtung auf wirtschaft­liche Sanktionen denkbar geringen Umfangs gegen I n Friedensbrecher, also den italienischen Freund,' in beschränken, aber Frankreichs Bekenntnis jum liöl kerb und sstatut empfindet man in Italien doch c-5 Verrat an der Entente von Rom, wenn auch

'M Wj

1 2 2 <

anzeigen oonTÖmm Breite 60 Rpf.»Platzoorschrift oder schwieriger Satz 25°/n mehr

Ermäßigte Grundpreise:

SS» General-Anzeiger sm Gbechessen WZ

' DöftfAerffontO* behördliche Anzeigen 6Rpf.

znmm-rtam mein'116m Dtflfc uttbVerlag: vrühl'sche UniverfitStrvuch- und SteindruSerei «.Lange in Stehen.Schrtstleitung und SeschSflrftelle: Schulstrahe? M-ng-nabichiüsieStllff-is

bereits in voller Kenntnis der Sachlage beraten könne.

Echo de Paris" glaubt, wenn Italien jetzt ver­handlungsbereit fein sollte, so sei das möglicher­weise eine rein taktischeSchwenkung in seiner Haltung, da vielleicht die militäri­schen Sachverständigen bremsen, seit­dem nicht mehr Abessinien, sondern England im Vordergrund der Besorgnisse stehe. Mussolini habe angenommen, daß die englische Regierung Sühne­maßnahmen nur gemeinsam mit ande­ren Mächten anwenden würde, und daß sie ge­meinsame Sühnemaßnahmen militärischer Art bei den anderen Regierungen nicht durch­setzen würde. Daher habe sich Mussolini gegen die Anwendung gemeinsamer militärischer Sühnemah-