lk.22' Erstes Blatt
Samstag, 2'. September 1935
185. Jahrgang
Gießener Anzeiger
ier beklemmend wie die ersten Herbstnebel, die sich der dem See lagern. Die Behandlung des A b e s -
i n i e n k o n s l i k t s ist zu einem Punkt gelangt,
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England hegt wenig Hoffnung
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partes das Erscheinen starker britischer Seestreitkräfte auf der Reede von Alexandrien und die Verstärkung der britischen Garnisonen im Lande als willkommenen Schutz vor Ueberraschungen, denen es sich von Italien ausgesetzt glaubt. Auch Italiens langjähriges Werben um Sympathien in der arabischen Staatenwelt am Ostufer des Roten Meeres hat offensichtlich Schiffbruch erlitten. Die britischem Einfluß unterworfenen arabischen Mächte.Irak und Transjordanien, die Araber des britischen Mandatslandes Palästina wie die von der britischen Vormundschaft gelösten unabhängigen arabischen Reiche Hedschas und Jemen haben dem Regus von Abessinien ihre Sympathie bezeugt und ihren Untertanen jede Unterstützung des italienischen Unternehmens untersagt. Aus Indien wie aus Südafrika wird eine ähnliche Stimmung gemeldet. In Japan haben Nationalisten dem ersten konsularischen Vertreter Abessiniens einen begeisterten Empfang bereitet, die Regierung betont zwar ihre Neutralität, aber sie ist an der Aufrechterhaltung der offenen Tür in Abessinien lebhaft interessiert. Schließlich machen britische Blätter auch schon Andeutungen über eine Fühlungnahme in Ankara. Die Türkei hat mit Italien noch eine alte Rechnung zu begleichen, die der kleinasiatischen Küste vorgelagerten italienischen Jnselbesitzungen sind den Türken von jeher unbequem. Schon eine Schließung der Dardanellen für die Oelzufuhr aus dem Kaukasusgebiet könnte im Verein mit einer Sperre Gibraltars, Adens und Haifas, des Endpunkts der Oelleitung aus dem Mossulgebiet, den Italienern bei der Versorgung ihrer Flotte erhebliche Schwierigkeiten machen.
Man sieht, wie zögernd und unentschlossen die britische Politik während der ersten Monate des Abessinienkonflikts oft genug auch zu fein schien, so hat England doch im Stillen die Zeit genutzt und auf dem politischen Schachbrett sehr sorgfältig seine Figuren gestellt. London ist bereit, das Spiel kann beginnen. Vielleicht ist die Zusammenziehung der britischen Flotte im Mittelmeer und die Instandsetzung der Seefestungen Gibraltar und Malta für den Kriegsfall bereits der Eröffnungszug. Jedenfalls empfindet man es in Italien so und tatsächlich ist die Lage kritisch genug, um befürchten zu müssen, daß irgendwo die Kanonen losgehen, bevor Rom oder London sich dessen versehen, und aus einem kolonialen Konflikt, aus als Druckmittel gedachten Sanktionen wird ein Krieg zweier europäischer Großmächte, der nach einem Wort Mussolinis die ganze Landkarte ändern könnte. Der Duce empfindet mit seinem Volke außerordentlich bitter den Widerstand, den England, seiner traditionellen Freundschaft zum Trotz, den italienischen Ansprüchen auf Abessinien entgegenstellt. Der Ernst der Lage kann auch in Rom nicht verkannt werden, wenn man auch vorerst noch geneigt sein mag,
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Aucb „News Chronicle" ist der Ansicht, daß zu Hoffnungen auf irgendeine Aenderung der italienischen Politik kein Anlaß bestehe. Es sei anzunehmen, daß Mussolini dem französischen Botschafter mitgeteilt habe, er denke nicht daran, seine afrikanischen Pläne aufzugeben. Auch der britische Botschafter in Rom, der den Duce zur Annahme der Völkerbunds-Vorschläge gedrängt habe, habe einen pessimistischen Eindruck erhalten.
Das Blatt berichtet, daß die französischbritische Flottenzusammenarbeit bereits praktische Formen annehme, indem französische Schiffe im Kanal jene britischen (Ein* heften ersetzen, die im M i t t e l m e e r benötigt werden. Im übrigen wird ausdrücklich gegen ausländische Presseberichte Einspruch erhoben, in denen von einem Streit zwischen England und Italien gesprochen wird. Es handele sich nicht um ein italienisch-englisches Problem, sondern um ein Problem zwischen Italien und dem Völkerbund. So schreibt die „Times": „Als Mitglied dieser großen internationalen Organisation und als Unterstützer der Völkerbundsgrundsätze hat England endgültig seinen Standpunkt gegen eine Politikdes Angriffes eingenommen." „Daily Mail" schreibt: „Die Tatsache, daß die englische Regierung sich auf feiten des Völkerbundes gestellt hat, rechtfertigt nicht die ausländischen Berichte, daß England ein plötzliches und isoliertes Vorgehen einschlagen könnte. Eine unabhängige Intervention Englands kommt nicht in Frag e."
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Will Italien weiterverhandeln?
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nahmen bei Laval decken wollen, indem er sich sogar erboten habe, sozusagen passiv zu bleiben (zum mindesten gegenüber Frankreich), wenn nur finanzielle und wirtschaftliche Maßnahmen gegen Italien ergriffen werden würden. Die britische Diplomatie suche Laval dazu, zu bestimmen, gegenüber Mussolini ke i n e Verpflichtungen zu übernehmen, die gemeinsame militärische Sühnemahnahmen ausschließen. Laval scheine sich Rom gegenüber g e w e i g e r t zu haben, Frankreich festzulegen. Frankreich könne nicht ewig zwischen zwei Stühlen sitze y. Frankreich müsse aber natürlich die Lage ausnützen, um von England formelle Versicherungen für den Fall einer Gleichgewichts st örung in Mitteleuropa zu erlangen.
he italienische Presse vorerst noch gute Miene zum tiöfen Spiel machen muß, um die Franzosen nicht rnllends von sich zu stoßen. Von Paris aus wird t n Italienern gut zugeredet, den Konflikt mit Eng- l:,nd und dem Völkerbund doch nicht auf die Spitze zu treiben, aber das Echo aus Rom ist wenig hoff- mmgsfreudig, so daß sich die Franzosen darauf gehißt machen müssen, in wenigen Wochen bei ihrem Dtort genommen zu werden. Laval hat immerhin Qis der prekären Situation herauszuschlagen verficht, was herauszuschlagen war. Er hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, von England das feierliche Versprechen zu erhalten, daß es im Falle von kriegerischen Verwicklungen auf dem europäischen fcmtinent sich ohne Einschränkung an Sanktionen c gen den Angreifer beteiligen werde, womit wenig- f:t°ns durch die Hintertür Englands Mitwirkung cm Ostpakt und am Donauabkommen erreicht wor- fcn wäre. Aber England scheint erneut erklärt zu Huben, daß es über seine im Völkerbundsvertrag mb im Locarnopakt übernommenen Verpflichtun- g-n nicht hinausgehen könne und sich von konti- rmtal-europäischen Dingen überhaupt zurückziehen v^erde, wenn Frankreich den Völkerbund im Stich lchse. Diese Warnung hat die Franzosen nachdenk- lth gemacht, und den Ausschlag für Lavals Schwen- I.ing in Genf dürfte die innerpolitische Rücksicht cüf die französische Linke gegeben haben, deren Opponenten Herriot und Paul-Boncour selber in s OTenf nach dem Rechten sehen und in dem Pakt
tw Rom keineswegs einen hinreichenden Ersatz \ fjr die britische Freundschaft erblicken.
!Dem geschickten Auftreten des britischen Staats- stkretärs Sir Samuel Hoare vor der Dölkerbunds- oirfammlung ist es auch gelungen, die ohnehin jeder Störung des Weltfriedens schon aus wirtschaftlichen Gründen heftig wiederstrebenden kleineren Iiächte zu einer lückenlosen Front für die Verteilung des Völkerbundes zusammenzuschließen. Auch
1 fr» Vereinigten Staaten bekunden ihre Li)mpathie mit Englands Bemühungen um die kufrechterhaltung des Friedens. Und wenn auch Staatssekretär Hüll verkündet, daß sein Land un- bedingte Neutralität wahren werde, so kommen doch 9.15 Washington imnHr wieder ernste Mahnungen $jr Achtung des Kellogg-Paktes, der sowohl Italien as Abessinien als Unterzeichner den Krieg als Mit-
Rom, 20. Sept. (DNB.) Nach einer ersten Überprüfung der Vorschläge des Fünferausschusses hat Mussolini am Freitagnachmittag den französischen Botschafter Chambrun und Staatssekretär S u v i ch den englischen Botschafter Sir Eric Drummond empfangen. Die Antwort des auf Samstag angesetzten Ministerrates dürfte mit Bemerkungen verknüpft sein, die ihrerseits den Gegen st and weiterer Beratungen des Fünferausschusses bilden könnten. Im Hinblick auf diese Möglichkeit wird der größte Wert auf die Feststellung gelegt, daß die militärische Aktion Italiens in Ostafrika, die als Vorbeugungsmaßnahme gedacht sei, nicht über den Charakter ähnlicher kolonialer Maßnahmen hinausgehen soll, wie sie wiederholt in anderen Kolonialabschnitten durchgeführt worden seien und wie man sie unter Einsetzung von Tanks und anderen modernen Kriegswaffen zur Zeit an der nordindischen Grenze erlebe. Auf keinen Fall werde Italien eine Initiative ergreifen, die den italienisch-abessinischen Konflikt auf Europa ausdehnen und den europäischen Kontinent in kriegerische Verwicklungen ziehen könnte.
„Gazzetta del Popola" seht den Pressefeldzug gegen England fort. Wenn Italien an sich die Absicht gehabt hätte, so schreibt das Turiner Blatt, die Vorschläge des Fünfer-Ausschusses anzunehmen, so sei sicher, daß' es dies jetzt aus Gründen der Würde und des Prestiges nicht tun könne. Die Drohungen durch die Zusammenziehung von englischen Kriegsschiffen im Wittelmeer und im Roten Weer machten Italien die Annahme jedes derartigen Ver- miltlungsvoxschlages unmöglich. Wan sehe nicht jemandem das Wesser an die Gurgel, mit dem man zu einem ehrenvollen Abkommen gelangen möchte.
Paris glaubt an eine taktische Schwenkung Mussolinis.
In Paris wagt man nicht an eine wirkliche Entspannung zu glauben, hält aber die Möglichkeit des Weiteroerhandelns nicht für ausgeschlossen. „Petit Parisien" meldet, in Rom bezeichne man d i e „e r ft e Form" der Fünfervorschläge als unannehmbar. Mussolini habe den französischen Botschafter bereits von dem Inhalt der italienischen Antwort verständigt, so daß der französische Ministerrat am Samstagvormittag
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Zwischen Krieg und Frieden.
Hinter dem granfriofen (Ereignis des Nürnberger Parteitags der Freiheit verschwand für uns Deutsche fast Zwei Wochen lang das Getriebe der Weltpolitik im trüben Dunst der Genfer Luft. Die politische Ltmosphäre in der Völkerbundsstadt ist nicht weni-
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die britischen Kriegsvorbereitungen als Bluff zu nehmen, dem gegenüber man nur fest bleiben müsse, um feine Forderungen durchzusetzen. In London mag man ähnlich denken, daß Mussolini es nicht auf einen europäischen Krieg ankommen lassen werde. Die Gefahr ist eben nur die, daß beide Parteien den Streit soweit treiben, bis zu aller Ueberraschung plötzlich aus einem Bluff blutiger Ernst wird. Ohnehin haben schon beide Mächte sich so festgelegt, daß eine Einigung den größten Schwierigkeiten begegnet.
Der Fünfer-Ausschuß, in dem unter dem Vorsitz des Spaniers Madariaga neben Laval und Eden noch Polen und die Türkei vertreten waren, hat neue Vorschläge für eine Befriedigung der italienischen Ansprüche in Abessinien ausgearbeitet und sie nach Rom und Addis Abeba weitergeleitet. Die Vorschläge blieben zwar geheim und die Antworten der Parteien sind auch noch nicht erteilt, aber aus Rom ist bereits eine glatte Ablehnung angekündigt worden. Aloisi hat es trotz Lavals dringender Bitten gar nicht gewagt, ohne Aufforderung Mussolinis zur Berichterstattung nach Rom zu fahren, weil er wohl befürchten mochte, daß man ihn nicht wieder nach Genf zurückkehren lassen werde. Der Duce hat die in den Vorschlägen des Fünfer-Ausschusses als an Italien abzutretende Gebiete vorgesehenen Provinzen empört als elende Wüstenstriche bezeichnet, von denen Italien ohnehin schon genug besitze. Auch das Völkerbundsregime, dem man Abessinien unterstellen will, würde natürlich den italienischen Wünschen in keiner Weise gerecht werden. Mussolini hat bitter bemerkt, daß man den zweihunderttausend italienischen Soldaten, die in Ostafrika auf die Erlaubnis warten, kriegerische Lorbeeren zu pflücken und die Schmach von Adua auszutilgen, wohl erzählen wolle, sie hätten einen Spaziergang gemacht. Das beleuchtet, wie sehr das Prestige des Regimes bei dem bevorstehenden Feldzug bereits weitgehend engagiert ist und daß es fast unmöglich sein wird, Italien dazu zu bewegen, ohne einen militärischen (Er* folg den Rückzug anzutreten, auch wenn man seinen Wünschen nach politischer Beherrschung des Landes weiter entgegenkommen wollte als das Pariser Angebot und die Genfer Vorschläge es anscheinend getan haben. Aber grabe das scheint England unter allen Umständen und gegebenenfalls mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Die Dinge stehen tatsächlich auf des Messers Schneide. Vielleicht läßt sich ein Aufschub weitergreifender Entscheidungen erreichen, wenn der Völkerbund Sanktionen beschließt, die England gestatten, das Gesicht zu wahren. Aber der Punkt wird bald erreicht sein, wo die britischen Interessen kein weiteres Zuwarten erlauben. Wird dann Mussolini mit sich reden lassen?
London, 21. Sept. (DNB. Funkspruch.) Die englische Morgenpresse mißt den diplomatischen Be- sprechungen in Rom beträchtliche Bedeutung bei. Laval habe den Duce gebeten, auf Grund der Vorschläge des Fünfer-Ausschusses weitere Bemühungen zur Regelung des Konfliktes zu ermöglichen. Die Blätter glauben, daß die Entwicklung der Lage vorläufig noch keinen Anlaß zu optimistischen Hoffnungen biete. Die britische Abordnung wisse nichts von einem Meinungswechsel in Rom. Das Gerücht, Italien würde seine zusätzlichen Streitkräfte aus Libyen zurückziehen, wenn England seine Verstärkung im Mittelmeere rückgängig machen würde, würde England niemals veranlassen können, einen derartigen Vorschlag anzunehmen. Von Italien sei eine (Erörterung neuer Derhandlungsgrundlagen außerhalb von Genf vorgeschlagen worden. Frankreich stimme jedoch mit England in der Ansicht überein, daß der Zeitpunkt für einen solchen Schritt längft vorüber sei. Alles, was man jetzt von Italien verlange, fei eine Erklärung, daß es die Vorschläge des Fünfer-Ausschusses als Verhandlungsgrundlage annehme und solange diese Verhandlungen vor sich gingen, a u f kriegerische Maßnahmen verzichte. Die Berichte aus Rom ließen jedoch vermuten, daß die Bedingungen Mussolini völlig unannehmbar sein würden. „Daily Herald" meldet, daß der Duce anscheinend zur Zeit noch keine wirkliche Annahme der Fünfer-Vorschläge plane, sondern lediglich ein neues Verzögerungsmanöver.
tel für die Lösung internationaler Streitfälle untersagt. Schließlich hat Englands Politik in Genf auch daheim die Stimmen der Krittk zum Schweigen gebracht. Auf der äußersten Rechten hat Lord Roth- ermeres „Daily Mail" sich zu dem alten britischen Grundsatz bekannt: „Recht oder Unrecht, zuerst das Vaterland". Damit stellen sich auch die ultrakonservativen Kreise, die für den Völkerbund nicht nur als Ideologie, sondern auch als brauchbares Instrument britischer Politik bisher wenig übrig gehabt haben, da sie unnütze Verwicklungen Englands in europäische Streitigkeiten befürchteten, in dem Augenblick hinter die Regierung, wo auch ihnen Lebensinteressen des Britischen Reiches bedroht erscheinen. Mit der entgegengesetzten Begründung, daß nämlich England das Völkerbundsideal und den Weltfrieden verteidigen müsse, zollen Liberale und Arbeiterpartei der Politik Hoares und Edens enthusiastisch Beifall, ja gerade die erklärten Pazifisten fordern die schärfsten Sanktionen. Freilich einige Männer der älteren Generation in den Reihen der Arbeiterpartei wie Lord Ponsonby, Sir Stafford Cripps und Lansdury sehen den Bruch zwischen Theorie und Praxis, aber ihr Veto wird kaum den die Regierunaspolitik stützenden Kurs der Arbeiterpartei zu beeinflussen vermögen.
So steht England, auf eine einheitliche Meinung in der Heimat gestützt, von Frankreich — wenn auch nur zögernd — gefolgt, von den kleineren Mächten des Völkerbundes eifrig bestärkt dank einer überaus geschickten Politik in denkbar günstigster Ausgangsstellung, die noch erheblich verbessert wird durch das Echo lauter Empörung, das Italiens Vorgehen gegen Abessinien in der ganzen farbigen Welt von Kairo, Mekka und Bagdad bis nach Tokio gefunden hat. Die Zeiten ändern sich, das Britische Reich, das in allen Erdteilen mehrfarbige Völker sich einverleibt hat als jede andere Weltmacht aller Geschichtsepochen, steht heute in der Gloriole des Verteidigers der Freiheit des letzten unabhängigen Staats farbiger Raffe in Afrika. Aegypten, auf dessen gespanntes Verhältnis zur englischen Schutzmacht — durch eine rücksichtslose Behandlung während eines halben Jahrhunderts wohl begründet — die italienische Propaganda große Hoffnungen gesetzt hatte, fühlt sich durch Italiens Anspruch auf Abessinien geradezu in eine Zange genommen. Die italienischen Truppenverstärkungen in Libyen, die Rom als vorbeugende Maßnahme gegen etwa wach werdende Rachegelüste der nach jahrelangem opfervollem Kolonialkrieg vor den Italienern auf ägyptisches Gebiet ausgewichenen Senussii hinstellt, empfindet man in Kairo als italienische Drohung, der Durchfahrt, italienischer Militärtransporte durch den Suez-Kanal und dem Ueberfliegen ägyptischen Gebiets keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen. So fühlt Aegypten vielleicht zum ersten Male in seiner Geschichte seit den Tagen Nelsons und Bona-
no es deutlich wird, daß aus Genf schwerlich die stösung zu erwarten sein wird, die schon die direk- tn Besprechungen der interessierten Großmächte in (Saris nicht haben zustanüebringen können. Wie stifte es auch anders sein? England hat nach Ablehnung seiner Pariser Vorschläge darauf befunden, den Völkerbund ftatutsmaßig mit dem Ä besstnienkonstikt zu befassen. Es war der einzige pog, um Frankreich, das wie der Esel zwischen pei Heubündeln zwischen der britischen und der iolienischen Freundschaft hin- und herpendelte, an Vinem Dölkerdundsportepee zu fassen und es zur k ntscheidung zu zwingen, ob es die fünfzehn Jahre ■fang von seinen Staatsmännern angebeteten Sbeale Ist kollektiven Verteidigung des Friedens gegen ftien Angreifer verleugnen wolle, um feine Freundschaft mit Italien nicht preisgeben zu müssen, oder tb ihm die moralische Rettung des Völkerbundes int) die Zusammenarbeit mit England bei der Er- httung des europäischen Status quo wichtiger sei. , f nglanb hat ferner auf den Weg nach Genf gelängt, weil es hier auf sichere Unterstützung seiner ms.'Bewahrung des Friedens und Achtung der faternationalen Kriegsächtungspakte hinzielenden
olitik durch die vielen kleinen Mächte zählen lennte, denen der Völkerbund nicht nur als Ideal, f ndern als handgreifliches Instrument ihrer eige- i2tt Sicherheit am Herzen liegt. Schließlich konnte (mglanb hoffen, mit dem Ingangsetzen des Dölker- Unfosapparats einmal bie öffentliche Mei - iung des Auslands, soweit sie der britischen (iinstellung gegen die ostafrikanischen Wünsche Jta- l=ns eigensüchtige Beweggründe unterstellte, dahin zu ^richtigen, daß die Erhaltung des Friedens unter iwoi Mitgliedern des Völkerbundes das einzige
1 jiiel der englischen Bemühungen sei, und zum cidern die Völkerbundsideologen im eigenen Lands, die im wesentlichen den oppositionellen Gruppen der Liberalen und der Läbour- prtei angehören, vor den Regierungswagen zu s annen, zumal da England, wie schon so oft in H Geschichte des britischen Imperialismus, auch jftzt wieder das Glück hat, daß Englands Rolle als Verteidiger der Friedens- und Freiheitsideale der Menschheit sich vortrefflich mit der Vertretung der tefonberen Interessen des britischen Weltreichs ver- rmigen läßt.
Die Entwicklung, die der Abessinienkonflikt in Genf »nommen hat, hat bis jetzt wenigstens die briti- ;je Politik in allen drei Punkten vollauf gerecht- rrtigt. Frankreich hat nach langem Zögern rib Ausweichen in Genf Stellung bezogen. Laval jnt in feiner kurzen Rede vor der Dölkerbundsver- j: mmlung erklärt, daß Frankreich, wenn es im Ubeffinienfonflitt zum Kriege kommen sollte, f e i n e Verpflichtungen gegen den Völker- tiu nb erfüllen werde. Freilich sucht die franzö- si che Diplomatie diese Verpflichtung auf wirtschaftliche Sanktionen denkbar geringen Umfangs gegen I n Friedensbrecher, also den italienischen Freund,' in beschränken, aber Frankreichs Bekenntnis jum liöl kerb und sstatut empfindet man in Italien doch c-5 Verrat an der Entente von Rom, wenn auch
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bereits in voller Kenntnis der Sachlage beraten könne.
„Echo de Paris" glaubt, wenn Italien jetzt verhandlungsbereit fein sollte, so sei das möglicherweise eine rein taktischeSchwenkung in seiner Haltung, da vielleicht die militärischen Sachverständigen bremsen, seitdem nicht mehr Abessinien, sondern England im Vordergrund der Besorgnisse stehe. Mussolini habe angenommen, daß die englische Regierung Sühnemaßnahmen nur gemeinsam mit anderen Mächten anwenden würde, und daß sie gemeinsame Sühnemaßnahmen militärischer Art bei den anderen Regierungen nicht durchsetzen würde. Daher habe sich Mussolini gegen die Anwendung gemeinsamer militärischer Sühnemah-


