Ur. 194 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 21. August 1955
Lunge deutsche Nation.
Soldat und Träumer.
Ein Vater schreibt seinem Sohn.
Von Hans Kranke, Heilbronn
Mein lieber Junges
Es hat mich so sehr gefreut, daß Du im schönen und lebhaften Treiben Deines Lagerlebens, das Dich mit Deinen Kameraden draußen in unserer gesegneten Heimat im Zelte vereinigt, doch noch Zeit gefunden hast, an Deinen Vater zu schreiben und ich habe mit Dir alles durchlebt, was euch angesichts der Natur, im harten Dienst Eurer Aufgabe und vor den unsterblichen Denkmalen der Vergangenheit bewegt. Wie schön ist es, daß die deutsche Jugend, der anzugehören Du stolz sein mußt und auch stolz bist, so stark und entschlossen die Worte und Befehle ihrer Führer befolgt und dabei aus eigenem, urgeborenem Drange die Pfade geht, die zur Größe und Kultur des Volkes führen.
In all diese Freude will ich nun nicht etwa einen Tropfen philiströsen oder mäklerischen Unmutes gießen, denn Du weißt selbst, wie nahe wir uns sind, und ich habe es ja soeben gelesen, daß ich in Deinen Augen auch jung geblieben sei; ich will vielmehr Dich auf eine Stimme Hinweisen, die ihr jungen Kämpfer im Schalle Eurer Schritte überhört, auf einen leisen Klang der Güte und Rücksichtnahme, nicht etwa auf uns Aeltere, sondern auf einige Eurer eigenen Kameraden.
Es ist mir nämlich neulich aufgefallen, daß in Deiner Schar, die Du mir kürzlich mit funkelnden Augen vorstelltest, ein Junge ist, den ihr ein wenig rücksichtslos übergingt, zur Seite drängtet, nur weil er in seiner Brille und in seinem linkischen und wie es schien bedrückten Wesen nicht jener schon äußerlich sichtbaren Zucht und jenem Jdealbilde entsprach, das Ihr Euch von einem deutschen Jungen gemacht habt.
Ich mußte an dieses Knabengesicht merkwürdigerweise denken, als ich zur gleichen Stunde von jener Ehrung las, die der greise Erfinder des Fernsehens, Nipkow, durch den Propagandaminister erfuhr, jener Mann also, auf dessen tn jungen Jahren gemachten Erfindung sich nun ein neuer noch unübersehbarer Zweig der Technik entwickeln soll, der eines Tages — wie das Fernhören — allen Volksgenossen gehören soll. Male Dir doch einmal das aus: nach fünfzig Jahren eines im Verborgenen geführten Erfinderdaseins, nach einem Leben also voller Arbeit, Mühsal, Enttäuschungen und Bedrohungen, nach unendlichen Fehlschlägen und niemals erfüllten Erwartungen, empfängt dieser Mann jetzt im hohen Alter den Lohn seiner Arbeit. Als andere junge Menschen sich, wie es in jener Zeit üblich war, den Vergnügungen aller Art Hingaben, oder zu zweien und dreien wanderten, als sie sich an dem sogenannten bürgerlichen Glück weideten, da hat er in verbissener und verdoppelter Energie über seinem Werk gesessen, das nun (welch hoher herrlicher Lohn!) seinem Volke in den Schoß fällt.
Wenn ich nun an die scheuen Augen Deines kleinen Kameraden zurückdenke, so ist mir fast, als ob hinter diesen braunen Sternen etwas wie eine denkerische oder träumerische Welt lagere. Ich sehe diesen Kopf über irgendeiner schwierigen Bastelei, über einem Buche, über die Stelle eines Dichters gebeugt, und es erscheint mir fast wichtiger, daß er b äs tut, als daß ihm gelänge, mit der gleichen Schnelligkeit die 100 Meter zurückzulegen oder den Speer so weit wie sein jugendlicher Führer zu werfen. Kein Wort darüber, daß er auch in Euere Kameradschaft gehört, daß er Seite an Serie nut euch allen marschieren muß! Aber ich mochte den Ton verlagern und sagen: er lebt in Eurer Kameradschaft, das aber heißt mir: sucht auch ihn zu verstehen, suchtnachseinertiefstenund
seiner wichtigsten Kraft! Und wenn ich mich m diesem einen Falle täusche, so gilt er vielleicht für einen anderen unter Euch; aber Du hast mich, mein Junge, ja längst verstanden und weißt was ich sagen will.
Das nämlich, daß neben Eurer spontanen jugendlichen Kraft, neben Eurer Sprengung aller lästigen Schalen und Verkrustungen, neben Eurem stolzen Ich- und Menschenbewußtsein, leise wehend Der Geist marschiert, daß zu den leiblich Starken auch die getreten sind, die, von Gott dazu ausersehen, träumen, denken und planen müssen, die deshalb stiller, vielleicht gar schüchtern oder absonderlich sind, die Ihr aber nicht zurücksetzen dürft, sondern denen Ihr durch eine Doppelte Liebe beweisen müßt, daß sie in der guten Hülle allgemeinen Vertrauens gehen und daß ihr die ersten sein wollt und sein werdet, die für ihre Erfindung, ihr Lied, ihren Gesang, ihr Werk die Heimstätte finden werden, ja, daß Ihr bereit sein wollt, für s i e zu kämpfen, damit sie nicht fünfzig Jahre lang, wie jener alte Erfinder, auf den Widerklang aus ihrem Volke zu warten haben!
Dazu freilich gehört sehr viel Wissen um die Tiefen der menschlichen Seele und noch mehr Unbestechlichkeit vor dem menschlichen Charakter! Und diese beiden zu lernen, dazu seid Ihr ja insbesondere in diesen Lagern beisammen, und Dir, der Du ein kleiner Führer bist, ist es auferlegt, mit
spähenden Augen zu suchen und nicht zuzulafsen, daß einem zarten Geiste Wunden geschlagen werden. Ich möchte Dir den Fingerzeig geben, daß immer das Werk und seine innere Haltung sowie der Charakter seines Schöpfers entscheiden. Nicht jedes kleine Machwerk, jede fade Reimerei ist ein Gedicht — das weißt Du ja; es muß im Strome unserer großen ewigdeutschen Melodie schwingen und muß auch Euere Seelen rühren, es muß „Ja" sagen und über die Stunde zur Ewigkeit weisen.
Wie sonst auch gerne habe ich das alles mit der Zeit verglichen, die ich jung war und mit den feldgrauen Kameraden im Graben lag. Auch dort draußen gab es zarte und vom Schicksal auserlesene Naturen (wir wissen nicht, welche Genies^ für ihr Vaterland starben), und es war nichts schöner und ergreifender, zu sehen als wie gerade sie erkannt wurden und von den härteren und rauheren „Krie- aern", wenn sie nun den Mund öffneten und diesen, dem Leben näheren Kameraden redeten von einem Traum, von einem Gesicht, von einem Gleichnis, wenn sie ein Lied anstimmten oder aus ihrer Seele kündeten. Und das mag wieder so sein! Deshalb möchte ich Dich mahnen, nicht an dem träumerischen Auge und der verdunkelten Stirne Deines braunen Kameraden vorüberzugehen, sondern ihm zu helfen, damit er reden kann ober bilden: euch allen, uns allen zur Freude!
Auslanddeutsche Zungen beim Führer eingeladen.
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Einige auslandsdeutfche Jungen, die vorn Hochlandlager Lengries zu einem Besuch nach Nürnberg gekommen waren, wurden vom Führer zum Abendessen eingeladen. Diese Stunden wurden den Jungen zu einem Erlebnis, das wohl unauslöschlich in ihrem Gedächtnis haften wird. — (Preffe-Jllustrationen Hoffmann-M.)__________________________________
Sport beim SDR.
Dom Bund Deutscher Mädel Obergau 13 Hessen- Nassau, Wiesbaden, wird uns geschrieben:
„Eure körperliche Ertüchtigung ist Ncriw- nalsozialismus, ausgerichtet auf Jahrhunderte!" Hans Schemm
Dies Wort ist uns Vermächtnis geworden, es wird immer über unserer gesamten körperlichen Er* ziehungsarbeit stehen, als Ansporn und als ernste Verpflichtung.
Wenn wir BDM.-Mädel aus Hessen-Nassau in der nächsten Zeit immer wieder aus unseren Sportabenden erzählen, van unseren frohen Spielen draußen auf dem Sportplatz berichten, und wenn wir endlich am 1. September auf unserem Sporttag in der Praxis etwas aus unserer Arbeit zeigen, dann wird auch da immer, unausgesprochen, dies Wort am Anfang stehen, weil es in sich Ziel und Weg birgt.
Nicht für den einzelnen ist der Sport da, nicht für eine kleine Gruppe zur eigenen Freude. Unsere Körperertüchtigung baut in die Zukunft und für dis Zukunft.
Der nachstehende Bericht soll einmal aus einer unserer Sportstunden draußen auf dem Sportplatz berichten.
Die blanken Speerspitzen blitzen und blinken in der Sonne, die hell und leuchtend auf dem großen Sportplätze liegt. Wir stehen mit der Sonne im Rücken, vor uns liegt das weite Sportfeld. In einer langausgezogenen Linie stehen wir, jede zwei Schritte von der anderen entfernt. Ein Kommando! Fest verlegen wir die Last des Körpers auf das Standbein. Das Speerende berührt noch leicht den Boden, ganz gestrafft und angespannt ist jeder Muskel des Körpers, jetzt wieder ein Kommando, wir werfen leicht, und im Schwung fliegt der Speer über den Kopf in saufendem Bogen, bis er viele Schritte von uns entfernt den Boden mit der blinkenden Spitze berührt, und der Schwung hat uns mit- gerissen, und fest und sicher geben wir ihm mit dem Blick die Richtung. Dann laufen wir und holen den Speer zurück, und wieder straffen wir den Körper und setzen zum neuen Schwung an.
Viel lieben hat es erfordert, bis mir mit unserem Speer vertraut geworden sind, bis wir überhaupt erst fühlten, daß es nicht geht, einen Speer zu werfen, ohne daß man ganz dabei ist, mit jedem Muskel den Schwung mitfühlt, jede Sehne an» spannt und den Blick fest und zielsicher dem Speer den Weg weisen läßt.
Jetzt stehen wir wieder in einer Linie, unsere Speerenden berühren leicht federnd den Boden, Schwung, und weit fliegen sie erst hoch im Bogen, als wollten sie in den blitzblauen Himmel fliegen und die weißen Zirruswölkchen aufspießen, und bann plötzlich, wie magnetisch von der Erde angezogen, sausen sie herunter, bis die blanke Spitze sich in den Boden einbohrt und wir sie wiederholen.
Wir sind müde geworden, und der Schwung wird matter, den ganzen Nachmittag sind wir schon draußen auf dem Sportplatz mit unseren Speeren. Jetzt spießen wir die Speere in den weichen Boden der Wiese drüben, immer einer ein Stück vom andern entfernt, gerade so weit, daß man noch durchschlüpfen kann. In zwei Abteilungen treten wir oben am Sportplatz an, und nun gibt’s noch einen luftigen Lauf durch die aufgefpießten Speere. Wehe, wenn einer bei der Eile und dem schnellen Lauf umkippt, und wir haben sie doch alle nur ganz leicht aufgespießt, damit die Spitze nicht beschädigt wird. „Denkt mal, es wären aufgespießte scharfe Schwerter", sagt Inge, „wißt 'Ihr, die Ritter haben doch früher oft zwischen den Schwertern getanzt, die durften sie auch nicht berühren, fönst gab's Blut."
Unsere Abteilung hat gewonnen, nicht ein einziger Speer ist umgefallen. Ehe wir heimgehen, schleudern wir alle noch einmal weit und kräftig unsere Speere und freuen uns schon auf den nächsten Sportabend.
Spülen, schrubben, zimmern...!
Ein Iungmädel erzählt.
Was ist denn heute nur los? Männer, Frauen und Kinder stecken verwundert die Köpfe aus den Fenstern. Unten ziehen wir Jungmadel mit groben und kleinen, wackligen und stabilen Handwagen über das holprige Straßenpflaster. Jedesmal, wenn sich ein leerer und ein hochbepackter Wagen treffen, gibt es ein hastiges Hin- und Herrufen, und fedes- mal fährt dann der leere Wagen in noch größerer Eile als bisher davon. n r ,
Es ist aber auch eine wichtige Aufgabe, Die uns Jungmädeln übertragen worden ist. Fast aus federn zweiten Haus kehren wir mit „eroberten Singen zurück: alte Bänke, Tische, drei halbe Kuchen- schränke, dazu alte Kaffeekannen, Tassen, Teller, Gabeln und Messer-----Wohin wollt ihr denn nur
Damit?" Und wohl schon zum hundertsten Mal an diesem Tag geben wir bereitroilhgft Auskunft: „Wir wollen unser neues Landheim draußen, eine halbe Stunde vor der Stadt, einrichten!" .-'Nein, was wollt ihr? Ein ganzes Landheim emrichten? Ein wenig ungläubig schütteln die Alten die Kopfe, aber dann holen sie doch ein Stück nach dem anderen vom Boden und aus den alten braunen Schranken.
Für uns wird das Landheim ein richtiges Mar- chenfchloß. Seit einem Jahr hat das große Fachwerkhaus leergeftanben, bis wir es entdeckt haben. Nach langen Verhandlungen und mühsamen Schreibereien ist es uns jetzt zur Benutzung überlassen
Vorläufig sind dort nur Räume mit häßlichen, in Fetzen herabhängenden Tapeten, mit grauschwar- zen Decken und schmutzigen Fußböden, auf denen Der Kehricht sich bereits in allen Ecken gesammelt hat. Wir Jungmädel haben eine andere Vorstellung von unserem Landheim. Sauber, hell und licht muß es sein vor den Fenstern müssen bunte Vorhänge hängen, in der Ecke muß ein runder Tisch stehen, um den wir uns zum Heimabend versammeln. Nur das Material, Bretter in allen Längen und Breiten, Kisten und Kästen, Farbe und Leim Nagel und Hammer, Stoff für Vorhänge und Tischdecken mus- sen wir erst beschaffen, um uns daraus unsere Heimeinrichtung zu zimmern, ganz so, rote sie unterer Art entspricht. Jede hat sich schon einen bestimmten Gegenstand vorgenommen, den he für „unser" Heim Herstellen will. ,.
Diese Gedanken und Plane begleiten un schon den ganzen Tag, während rotr uns schon Die noti-
gen Sachen „organisieren". Jedesmal, wenn mir mit unseren neuen Errungenschaften in den Hof einbiegen, kommen uns die Zurückgebliebenen entgegen und lassen Aufwischeimer, Besen und Farbtopf im Stich. Erst müssen wir zusammen kritisch ans Auspacken gehen.
Zwei Zimmer und die Küche haben wir nun im Laufe der Zeit fertigbekommen. Die Wände der Räume sind bis zur Hälfte mit braunem und blauem Rupfen bespannt. Als Abschluß dient ein Strohzopf oder eine naturfarbene Leiste, die uns der Tischler geschenkt hat. Decke und Fußboden erstrahlen in ihren ursprünglichen Farben, Haken und Bänke sind frisch gestrichen, und in der Küche sind Leisten für Handtücher, Wischtücher und Abwaschtücher angebracht.
Wir sind alle mächtig stolz auf unser neues Heim. Das schönste aber ist doch, daß wir alles selbst zurechtgezimmert und gekleistert haben. Doch das verstehen Außenstehende wohl nicht, das muß man selbst erlebt haben. —
Am nächsten Sonntag wollen wir zum erstenmal unsere Eltern und Bekannten 'einlaben, uns hier draußen zu besuchen. Sie sollen sich selbst davon überzeugen, daß wir alle unsere Pläne wirklich durchgeführt haben, obgleich viele von ihnen uns nur lächelnd zuhörten, als wir zum erstenmal davon erzählten. ®
Unser Kätzchen stellt sich vor. !
Ein liebes, sonniges Kind der Natur, ein Stückchen heiteres Leben. All die sorgenvollen Gedanken, all den Kummer empfindet man nicht mehr, wenn man diesem lieben Lebewesen in seine verschmitzten Aeuglein blickt und seinen putzigen Spielen zuschaut. Schon morgens in aller Frühe meldet es sich m feinem Nachtquartier; und immer sitzt die alte Katzenmutter vor der Türe und miaut in einem, wenn auch tieferen und erfahrungsreicheren Tone ihrem Jungen zu. Was mögen sich Die beiden wohl alles zu erzählen haben?
Aber sobald ich mich den beiden nähere, flüchtet die Alte, um am nächsten Morgen, vielleicht die ganze Nacht schon, vor der Türe zu sitzen und mit ihrem Jungen Zwiesprache zu halten - Dann, kaum öffne ich die sperrende Ture, springt das liebe Grauchen in der lachenden Morgensonne fröhlich umher und auf einmal fallt es ihm em, daß es ja noch nicht gefrühstückt hat. Schnell, mit zier
lichen Sätzen, sucht es sein bereitstehendes Milch- Schüsselchen auf, um sich zu laben. Den ganzen Tag über ist es überall dabei, und wo etwas zu naschen ist, läßt es sein silberhelles Stirnrnchen ertönen. Aber wenn wir in den Garten gehen, und es nur die Gartentüre knarren hort, ist es wie der Blitz hinter uns her. Hier in der Natur in unserem Garten mit den vielen Verstecken in Büschen und Bäumen, da fühlt es sich am wohlsten, da ist fein Revier. An jedem Baume setzt es zum Klettern an; aber ach, dazu ist es doch noch zu schwach. Die kleinen Krallen halten noch nicht den immer ooll- genaschten Balg, lieber jeden Grashalm schreitet es mit weit ausholenden Schritten. So putzig sieht es aus, wenn dieses drollige Tierchen, vorsichtig, als ob es einen dieser Grashalme zerbrechen könnte, über den Rasen, der fast so hoch wie der kleine Strolch selber ist, hinwegstolziert. Und dann, wenn wir uns wieder dem Hause zuwenden, ist es gleich wieder hinter uns her.
Doch nein! — Unterwegs hält es sich immer ein klein wenig auf. Da ist in dem betonierten Gartenpfad ein kleines, kreisrundes Loch, in das das Regenwaffer abläuft. Hierüber kommt das Kätzchen nicht hinweg. Mit komischen Gebärden kommt es angesprungen, und flugs hat es beide Pfötchen in dem Loch, als ob dort ein Mäuschen zu haschen wäre. Vielleicht, nein sicher wird dieses Spiel noch einmal Ernst des Katzenlebens werden. Dann hält es eine Maus in seinen Krallen; aber dafür ist es noch viel zu klein, selber noch nicht viel großer als ein Mäuschen.
Gestern beschlossen wir, dem Grauchen einen Namen zu geben und nannten es „Mohrchen". Geschwind, als ob es unsere Rede verstanden hätte, kam es beim Rufen dieses Namens angesprungen. Ich weiß nicht, hatte es dem kleinen Kätzchen die Endsilbe „chen" angetan, ober ist es tatsächlich schon so gescheit und erriet unsere Wünsche. Aber ich nehme lieber das erste an, denn bislang war es ja auch schon in der allseitigen Liebe, die ihm entgegengebracht wurde, nur mit zärtlichen Namen, die alle mit der Endsilbe „chen" endeten, gerufen worden. Daher wird wohl das schnelle Verständnis gekommen sein. Wohl hat Mohrchen kein sehr hübsches Fell, aber dafür eine fo goldige Seele, daß es noch viel schöner ist als eine herrliche Angora- Katze.
Es ist ja auch unser Mohrchen!
Albert K l i n k e l, Lollar.
Einer ans der Schar.
Im Grunde genommen ist er noch ein unbeschriebenes Blatt in der Schar, der Knolle. Aber so oder so: Knolle ist ein Kerl, mit dem man Pferde stehlen gehen kann.
Er hat ein fast kreisrundes, über und über mit Sommersprossen besätes Gesicht. Vorn auf feinem borstigen Kugelkopf hat er gerade noch fo viel rotschimmernde Haare stehen lassen, um sich einen strammen Scheitel ziehen zu können. Mitunter, und meistens dann, wenn es nicht sein soll, haben aber seine Haare die weniger angenehme Eigenschaft, sich widerspenstig hochzustellen, weshalb er sie auch dann und wann mal mit Rahma-Buttergleich oder, wenn er Glück bei seinem Bruder hat, mit wohlriechender Pomade einbalsamiert.
Er ist das Herz der Schar. Er durchpulst alles mit seinem biederen Humor; denn Humor hat er, und was für einen! Vor dem kann sich der beste Kölner Stimmungshumorist bestimmt verkriechen. Wie oft haben wir in den ekligsten Situationen gesteckt, haben beim Geländespiel gefroren, auf Fahrt ein Loch im Magen gehabt vor Kohldampf, und beim Gepäckmarsch in glühender Sonne geschwitzt, daß man Hemd und Hose ausdrücken konnte -r- aber es hatten nur drei, vier Worte von Knolle genügt, um den Kältesten zum Lachen zu bringen und um die Hungrigen und Müden froh zu stimmen.
Alles was recht ist, der Knolle ist für Reinheit, Ordnung und — Sparsamkeit. Und gerade mit dem letzten, das muß man ihm lassen, versteht er sich gut. Deshalb hat man ihn auch zum Geldverwalter gemacht, weil er jeden Groschen lieber hundertmal hin und her dreht, als ihn so ohne weiteres auszugeben. Er entwickelt dann lieber sein fabelhaft ausgebildetes Organisationstalent, und man kann hundert gegen eins weiten, daß er andern Tages mit dem benötigten Material und einer ganz selbstverständlichen Miene angetrudelt kommt, ohne einen Pfennig ausgegeben zu haben. Ein wahres Genie ist der Knolle auf diesem Gebiet. Aus Zentnern uralter Zeitschriften macht er glatt einen Fünfzigmarkfchein. Allen Ernstes; denn er hat es sogar schon gemacht. Vielleicht ist es auch nur seine Ueberlegenheit uns gegenüber, die ihn so anzüglich macht, und alles in allem: Knolle ist ein Kerl, der zu uns vaßt, wie der Topf zum Deckel.
F. J.Tripp.


