Nr.M Erstes Blatt
185. Jahrgang
Dienstag. 21. Mai 1935
Erfchemr tög Ltd), außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimattm Bild • DieScholle
Monats-Bezugspreis:
Mit 4 Beilagen NM. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr .. „ - 25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt zxernsprechanschlüffe
Bitter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Gießen
Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686
Metzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Druck und Verlag: vrühl'sche Universttatr Such- und Zteindruckerei R. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftrahe 7
Annahme von Anzeigen für die Miltagsnummer bis8'/,Uhr des Dormittags
Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf.. für Textanzeigen von 70mm Breite 60Npf.,Platzvorschrift oder schwieriger Satz 25°/0 mehr
Ermäßigte Grundpreise:
Stellen-, Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf., Familienanzeigen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche AnzeigenbRpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Oer Abessinienkonflikt bringt den Völkerbund in die Zwickmühle.
Abessinien fordert einen Ratsbeschluß.
Ein Telegramm des Kaisers.
Genf, 21. Mai. (DNB.) Der Kaiser von Abessinien hat sich in einem Telegramm an den Generalsekretär des Völkerbundes gewandt und gebeten, das Telegramm in der Sitzung des Völkerbundsrats zu verlesen. In dem Telegramm heißt es:
In der Zeit nach dem Zwischenfall von Ual-Ual hat Italien mit allen in der Diplomatie bekannten Mitteln versucht, sich seinen internationalen Verpflichtungen zu entziehen und eine unparteiische Prüfung der Meinungsverschiedenheiten zu verhindern, die leider zwischen ihm und uns entstanden sind. Es hat versucht, durch Drohungen von Abessinien Wiedergutmachungen und Entschuldigungen für Verstöße zu erlangen, die es g a r n i ch t b e g a n g e n hat und das, zumal offenkundig ist, daß Italien einen wesentlichen Teil des abessinischen Gebietes rechtswidrig besetzt hält. Italien hat letzthin einen Propagandafeldzug eröffnet, um die von ihm durchgeführte Besetzung abessinischen Gebiets als eine Kulturaufgabe zu rechtfertigen und seinen Angriff und seine Begehrlichkeit gegenüber unserem Volk als eine Behandlung hinzustellen, wie fie einem Barbarenvolke zukomme.
Bei der gegenwärtigen Einstellung Italiens ist eine Verständigung auf diplomatischem Dege durch Einsetzung eines wirklich unparteiischen Schiedsverfahrens nicht möglich und wird es nicht sein. Mr haben jeden Zusammenstoß an der Grenze vermieden und uns sogar mit der Errichtung einer vorläufigen neutralen Zone einverstanden erklärt, die ganz auf unserem Gebiet liegt Das altes haben wir getan, obwohl die Kriegsvorbereitungen unseres Nachbarn und die Herausforderungen an unserer Grenze an hi eilen. Mr verlangen ent- schieden, daß der Rat für die Erledigung sorgt und daß er den militärischen Maßnahmen Italiens, die unzutreffenderweise als „defensiv" hingestettt werden, Einhalt gebietet. Falls Italien die schiedsgerichtliche Auslegung des Vertrages vom 16. Mai 1908 und die Behandlung aller Zwischenfälle, die sich seit dem 23. November in der Nähe der Grenze zwischen Abessinien und Somaliland ereignet haben, a b l e h n e n sollte, dann verlangen wir vom Völkerbund den Beschluß, daß er sich selb st mit dem Streitfall befaßt und auf Grund des Artikels 15 des Paktes zu einer Untersuchung und restlosen Prüfung schreitet.
Sie englische Vermittlung.
Bor einemBesuch des englischenBotschafters bei Mussolini.
London, 21. Mai (DNB. Funkspruch). Aus Rom wird gemeldet, daß der britische Botschafter Sir Eric Drummond am Montagnachmittag aus London zurückgekehrt ist, und sofort um eine Unterred ung mit Mussolini gebeten hat. Die englischen Pressevertreter erwarten, daß der Botschafter am Dienstag Mussolini von dem Standpunkt seiner Regierung in der abessinischen Frage unterrichten werde. Gut unterrichtete italienische Kreise erklärten es aber für unwahrscheinlich, daß die italienische Regierung mit der Ernennung französischer und amerikanischer Rechtsgelehrter als Vertreter Abessiniens in dem Versöhnungsausschuß einverstanden sein werde.
Aus der Suche nach einer rettenden Formel.
Londoner Pressestimmen zum Telegramm des Kaisers.
London, 21. Mai. (DRB. Funkspruch.) Das Telegramm des Kaisers von Abessinien an den Völkerbundsrat wird von der Presse an hervorragender Stelle veröffentlicht. „Morning Post" vermutet, daß der Völkerbundsrat sich bemühen werde, die ganze Streitfrage beiseite zu schieben, um Mussolini und die Heißsporne unter seinen Anhängern zu beschwichtigen. Mussolini sei aber entschlossen, entweder auf Kosten Ab essi- niens oder auf Ko st en des Völker- bundes oorzugehen. Alles hänge jetzt davon ab, ob sich eine Formel finden lasse, die den Ausbruch von Feindseligkeiten verhindere, Italien im Völkerbund halte und es diesem ermöglichen würde, sein Gesicht zu wahren. Nach dem Telegramm des abessinischen Herrschers scheint dies schwierig, wenn nicht unmöglich zu sein. Wenn der Völkerbundsrat es wieder einmal ablehne, die Verantwortung zu übernehmen, dann würde er einen Verlust an Ansehen erleiden, der nicht bemäntelt werden könnte. Die Lage sei klar. Die abessinische Regierung habe den Völkerbund angerufen; ob Abessinien im Recht oder Unrecht sei, darüber werde noch zu reden sein.
Wenn aber der Völkerbund aus Ang st vor Mussolini es ablehne, die Sache zu erörtern, dann werde es sehr schwierig sein, in Zukunft irgendwelches Vertrauen in den internationalen Apparat zu setzen, der durch den Versailler Vertrag geschaffen wurde.
„Times" meldet aus Genf, die Bemühungen um Schlichtung des Streites zwischen Italien und Abessinien gingen hauptsächlich von der britischen Abordnung aus. Man habe großes Mitgefühl mit Italien wegen der Hindernisse, die italienische Missionen bei ihren Versuchen, Handelsbeziehungen mit Abessinien anzuknüpfen, in den Weg gelegt worden seien. Andererseits sei man aber der Meinung, daß diese Obstruktion die Maßnahmen der italienischen Regierung nicht recht- fertige, man glaube, daß letztere vielleicht noch wahrnehmen werde, daß sie die Schwierigkeiten einer draufgängerischen Politik in einem Lande wie Abessinien erheblich unterschätzt habe.
Einzige Hoffnung bleibt die Regenzeit.
Paris, 21. Mai (DRB. Funkspruch). Die Genfer Verhandlungen über den italienisch - abessinischen Streitfall werden von der Pariser Presse als sehr heikel bezeichnet. „Matin" sieht die einzige Rettung in der Regenzeit, die in Abessinien bis September dauert und die jede militärische Operation unmöglich macht. Man hoffe, daß diese Regenzeit genüge, um den Unterhändlern die Möglichkeit einer Verstän- b i g u n g zu geben. — „Petit Parisien" weist darauf hin, daß die Hoffnungen, die man ursprünglich auf eine neue Vertagung der Angelegenheit setzte, stark vermindert seien. Man könne auf alle Fälle damit rechnen, daß Laval und Eden alles aufbieten würden, um den Streitfall zu schlichten.
Alfred Rosenberg Gast der ausländischen presse.
Berlin, 21. Mai. (DNB.) Der „Verein der ausländischen Presse" hatte Reichsleiter Rosenberg zu einem Frühstück im Hotel Adlon geladen. Der Vorsitzende Louis L o ch n e r , begrüßte den Chef des Außenpolitischen Amtes. Für ihn und feine Berufskollegen fei es nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler nicht immer leicht gewesen, das Ausland über die Vorgänge in Deutschland zu unterrichten. Aber es fei ja die Aufgabe des Journalisten, sich feine Informationsquellen zu erschließen. Reichsleiter Rosenberg hat sich von Anfang an bemüht, einen lebendigen Konnex zwischen der Auslandpresse und den Führern des neuen Reiches herzustellen."
Reichsleiter Rosenberg wies darauf hin, daß die nationalsozialistische Revolution anfänglich weder in ihren Zielen noch in ihren Beweggründen verstanden werden konnte. Die Freiheit des Geistes sei keine Frage nach dem „frei wovon", sondern nach dem „frei ro o f ü r". So habe die nationalsozialistische Bewegung auch das Prinzip
der religiösen Toleranz auf ihr Banner geschrieben. Wenn heute in Deutschland zu den beiden alten Konfessionen noch die eine oder die andere Bewegung hinzugekommen ist, so habe der Staat und die Bewegung nicht das Recht, mit machtpolitischen Mitteln einzugreifen. „Wenn einige unserer Gegner bestraft wurden, so sind diese Härten verhältnismäßig gering, wenn man sie mit den Härten vergleicht, die andere Revolutionen begangen haben. Man muß versuchen zu verstehen, daß seitens der nationalsozialistischen Bewegung kein böser Wille oorliegt, sondern allein der leidenschaftliche Versuch, Deutschland neu z u ge ft alten und ihm jene Form zu geben, die seinem Wesen gemäß ist, man muß Deutschlands Friedenswillen anerkennen. Friede ist für uns keine Redensart, sondern Notwendigkeit unserer inneren Problematik. Wir sind der Ueberzeugung, daß die Macht in der tiefen Achtung aller Völker voreinander liegt*
Göring mit Laval im Gespräch.
Scherl-Bildmaterndienst
X
if
> - w
::
Nach den Beisetzungsfeierlichkeiten in Krakau trafen der preußische Ministerpräsident General Göring und der französische Außenminister L a v a l zu einer längeren Unterhaltung zusammen. — Unser Bild zeigt die beiden Staatsmänner im Gespräch.
Ein Besuch bei Außenminister Beck.
Warschau, 20. Mai (Poln. Telegr.-Ag.). Der preußische Ministerpräsident Göring traf auf der Durchreise von Krakau nach Berlin am Sonntag zu einem kurzen Aufenthalt i n Warschau ein. Ministerpräsident Göring besichtigte die Sehenswürdigkeiten der Stadt und nahm dann an einem vom Deutschen Botschafter v o n M o l t k e zu seinen Ehren veranstalteten Frühstück teil. Im Laufe des Nachmittags stattete der Ministerpräsident dem pol- nifchen Außenminier Beck einen Besuch ab. Um 22 Uhr verließ Ministerpräsident Göring Warschau. Zu seinem Abschied hatten sich Außenminister Beck und andere Persönlichkeiten am Bahnhof eingefunden.
Ministerpräsident Göring empfing vorher die Warschauer Vertreter der deutschen Presse. Er wies
auf den tiefen Eindruck hin, den die Trauerfeiern auf ihn gemacht hätten. Besonders habe es ihn als Soldat ergriffen, als die Armee an ihrem toten Marschall auf demselben Platz vorbeizog, an dem er früher oft die Parade abnahm. Er habe sich gefreut, in Warschau wie in Krakau das große Interesse und die Sympathien zu beobachten, denen seine Entsendung durch den Führer begegnet sei. Ministerpräsident Göring sind, wie schon gemeldet wurde, in Krakau laute Sympathiekundgebungen aus der Menschenmenge dargebracht worden, als er nach einem Besuch das Palais Potocki verließ. Ministerpräsident Göring erklärte, daß er feine Rückreise über Warschau genommen habe, um hier mit einigen Herren zusammenzutreffen, mit denen er bei seinem Jagdausflug im Januar zusammen war. Selbstverständlich habe er seinen Aufenthalt in War
schau benutzt, um dem Außenmini st er Beck einen Besuch abzustatten und ihm persönlich das Beileid Deutschlands und des Führers auszusprechen und ihm für die Aufnahme in Polen zu danken.
*
Dem Reichswehrmini st er ist folgendes Danktelegramm zugegangen: „Aufs tiefste bewegt vom Ausdruck der Teilnahme, die Ew. Exzellenz mir aus Anlaß des für Polen so schweren Verlustes übermittelt haben, bitte ich Sie, Herr General, den aufrichtigsten Dank der polnischen Armee entgegenzunehmen.
Gez, Rydz-Smigly, Generalinspekteur der polnischen Armee."
Sieg der Volksgemeinschaft. Die Sudetendeutsche Front größte Partei der Tschechoslowakei.
Von unserem Prager XXX-Miiarbeiier.
Das sudetendeutsche Volk hat bei den Sonntagswahlen zum Prager Parlament in so eindeutiger Weise gesprochen, daß man seine Stimme nicht nur in Prag, sondern in der ganzen Welt vernehmen wird. Aus einer jahrelangen politischen Zersplitterung in sieben Parteien und Parteichen hat es sich mit imponierender Wucht losgerissen und der „Sudetendeutschen Heimatfront", die noch im letzten Augenblick ihren Namen auf Grund einer Anordnung aus Prag in „Sudetendeutsche Partei" umwandeln mußte, zu einem Millione n- Sieg der Einigkeit verholfen.
Der Weg des Sudetendeutschtums war in den letzten Jahrzehnten besonders hart. Es verlor nach dem Weltkriege sein Selbstbeftimmungsrecht und wurde ohne Volksbefragung der Tschechoslowakei zugeteilt, obwohl diese 3,5 Millionen Deutschen ihre Stimme in sehr eindrucksvoller Weise erhoben hatten. Innerhalb der Tschechoslowakei verlor es eine politische Position nach der anderen. Seine Selb st Verwaltung wurde vernichtet, sein Schulwesen verelendet, Hunderttausende Hektar des Bodens beschlagnahmt, Zehntausende Beamte aus ihren Stellungen gedrängt und entlassen, die Industrie verlor ihre Absatzgebiete und die Landwirtschaft ging zugrunde. In den Gebieten von Asch und Eger bis Reichenberg und Troppau, die einst zu den reichsten Bezirken Oesterreichs zählten, herrscht eine Arbeitslosigkeit wie kaum noch irgendwo in Europa.
Die politische Zersplitterung des Sudetendeutschtums in sieben Parteien machte eine Zielsetzung aus eigener Kraft unmöglich. Immer wieder zerstörte der Parteiegoismus die Bildung einer gemeinsamen Abwehrfront, immer wieder vernichtete der Marxismus die Hoffnung auf innere Geschlossenheit. Erst seit 1929 begann die DNSAP., d i e sudetendeutsche nationalsozialistische Arbeiterpartei, große Massen an sich zu ziehen, die erkannten, daß es auf dem Wege der Parteienzersplitterung nicht mehr weitergehe. Aber ehe diese Einigungsbewegung der Massen zum Schlage gegen das Parteiensystem ausholen konnte, löste die Prager Regierung die Partei auf, verhaftete zahllose Führer und Unterführer der Bewegung und versetzte das Sudetendeutschtum in einen Zustand politischer Erregung, der bis in die tiefsten Tiefen dieses Volkes ging. Seit 1933 befand sich das Sudetendeutschtum in einer Erregung, die durch die beispiellose Wirtschaftsnot nur noch gesteigert wurde, so daß man Explosionen befürchten mußte.
Dazu kam, daß wohl keine andere Gruppe einen solchen politischen Druck auszuhalten hatte, wie das Sudetendeutschtum. Prag war ja nach der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus im Reiche das Absteigequartier und die Hetzzentrale der Emigranten und Marxisten geworden. Hier erschien der „G e - aen-Angriff" und der „Neue V o r w ä r t s", hier gab Otto Strasser feine „S chwarze Front" heraus, hier etablierte sich ein Lügennest, das nur noch verstärkt wurde, als die österreichischen Marxisten im Jahre 1934 in hellen Scharen nach Böhmen und. Mähren flüchteten und von hier aus versuchten, ihre Hetzereien weiterzutreiben. Hunderte sozialdemokratische und kommunistische Agitatoren waren auf dieses treue Grenzlandvolk losgelassen worden, Flugblätter und Zeitungen mit einem Inhalt, dessen man sich als Deutscher schämen mußte, wurden durch Monate und Jahre verbreitet, eine sozialdemokratische Partei, die mit den schäbigsten Mitteln der Denunziation und der Beschimpfungen arbeitete, ergoß die Schmutzfluten ihrer Verleumdungen über das Sudetendeutschtum und ging zum Schlüsse mit blutigem Terror gegen die antimarxistische Partei Konrad Henleins vor.
Das Sudetendeutschtum hat auch d i e se Belastungsprobe glänzend bestanden. Mit 70 und 80 v.H. hat es sich zu der Idee der Volksgemeinschaft bekannt und hat sich aus der inneren Zerrissenheit zu einer imponierenden Macht zusammengeschlossen. Es hat den Marxismus ebenso eindeutig abgelehnt, wie die kirchliche Zerrissenheit, es hat die Splitterparteien ebenso vernichtet, wie es jenen Parteien eine beispiellose Niederlage verabreichte, die durch Jahre hindurch bedingungslos in den Prager Re- gierungen mitmachten und in keiner Weise versucht hatten, die wirtschaftliche Not des Sudetendeutscy» tums zu wenden und es aus feiner nationalen Not zu befreien. Die Niederlage des Bundes der Landwirte, mit feinem Minister Spina an der Spitze spricht da. eine deutliche Sprache.
Was wird in der Tschechoslowakei geschehen? Der Führer der „Sudetendeutschen Partei", die


