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Die Gießener und oberhessische SA. in Frankfurt

10 Lahre Stahlhelm in Gießen

aus:

weisen. Wie wir alten Soldaten durch ein hartes Erleben und durch die Erkenntnis von der Nichtig­keit aller Äußerlichkeiten wortkarg und schlicht geworden sind, so wollen wir auch diesen Tag im Gedenken an unsere vor dem Feind gebliebenen Brüder würdig, aber geräuschlos begehen.

Uns alle Hal deutscher Solbatengeist und un- erlöschllch nachwirkendes Fronterleben zu einer großen Familie mit unlösbaren Klammern zu- fammengefchweißt, in der es keine Unterschiede von Stand, Rang und Glaubensbekenntnis gibt, in der der Wert des Einzelnen nur durch Charakter, Ehrgefühl. Kameradschaft und Treue bestimmt wird.

Nach der Vorbeifahrt des Führers versammelten sich die Gießener SA.-Kameraden an geeigneter Stelle auf der Landstraße, um hier durch Laut- precher die Uebertragung der Reden bei der Ein­weihungsfeier zu hören. Dann gab es eine kurze ^Äld^?arauf^ wurde erneut beiderseits der Land- traße das Ehrenspalier aufgestellt, da der Führer nachmittags auf der Rückfahrt von Darmstadt nach Frankfurt wiederum das Aufmarschgebiet passierte. Wahrend dieser Wartezeit gingen leider noch mehr» mals kräftige Regenschauer nieder, bei denen die SA.-Kameraden und die große Menschenmenge er­neut tüchtig durchnäßt wurden. Immer wieder kam dann aber die Sonne zum Vorschein, so daß man den Trocknungsprozeß auf der Landstraße an-1 ui schließen konnte. Hierbei war es recht spaßig an-1

Eingang finden. Nach demVater unser" spielte die KapelleIch hatt' einen Kameraden", während sich die Fahnen senkten. Damit fand der Gottesdienst seinen Abschluß. Anschließend wurde

die Weihe der Fahnen

der Ortsgruppen Daubringen, Lich, Nieder-Gemün- den, Watzenborn-Steinberg, Butzbach, Grünberg und Holzheim durch den Landesführer General von Mayer, vorgenommen. Dieser richtete ernste Mahnworte an die Fahnenträger und verpflichtete sie auf den Führer.

Hierauf fand die Begrüßung der Gäste und Ka­meraden durch den kommissarischen Ortsgruppen­führer Weltmann (Gießen) statt. Er begrüßte insbesondere die Offiziere der Garnison Gießen, so­wie Se. Magnifizenz den Rektor der Landesuniver­sität. Er bedauerte, daß der Standortälteste und Kommandeur der Garnison durch dienstliche Gründe am Erscheinen verhindert sei, ebenso Kreisdirek­tor und Kreisleiter Klo st ermann und Ober­bürgermeister Ritter infolge Krankheit.

Oer Landesführer Hessen, General von Mayer,

Die Ortsgruppe GießendesNS. Deut­schen Frontkämpferbundes (Stahl­hel m) feierte am Samstag ihr zehnjähriges Be­stehen. Um 17.45 Uhr fand der Abmarsch der Orts­gruppe mit Fahnen unter Vorantritt des Spiel­mannzugs und der Musikabteilung vom Stahlhelm­heim aus statt. Der Zug ging durch die Kaiser­allee, Gartenstraße, Neuenweg, Seltersweg zum Hindenburgwall. Hier fand, gegenüber der Plock- straße, ein

Vorbeimarsch vor dem Landesführer, General von Mayer, Kassel,

statt. Von hier bewegte sich der Zug durch die Bismarckstraße zum Schiffenberger Weg nach dem Schiffenberg. Leider setzte bereits bei der Auf­stellung des Zuges Regen ein, der erst auf dem Wege zum Schisfenberg nachließ. Trotzdem hatten sich in den Straßen, die der Zug passierte, beson­ders in der Nähe des Vorbeimarsches, zahlreiche Volksgenossen eingefunden. Auch der Autoverkehr nach Dem Schiffenberg war recht lebhaft.

Die Feier auf dem Schiffenberg, der mit Fahnen und Grün geschmückt war, begann mit einem

Gottesdienst,

der durch einen Choral der Stahlhelmkapelle:Wir treten zum Beten" eingeleitet wurde. Als evang. Geistlicher sprach Pfarrer i. R. Kalbhenn, Gie­ßen. Er gedachte des Tages der Gründung der Ortsgruppe des NSD.-Frontkämpferbundes (Stahl­helm), insbesondere der Männer, die nach dem gro­ßen Weltkrieg zur Fahne des Stahlhelms geeilt wa­ren, um wieder aufzubauen. Erfolgreiche Aufbau­arbeit fei aber nur möglich im Geiste der Gottes­furcht und Zucht. Nach Gebet und dem Choral: Großer Gott wir loben Dich" sprach der katholische Geistliche, Pfarrer Dr. H e m m e s, Gießen. Er betonte, daß jeder gerechtdenkende Mensch, der Zeuge des großen Völkerringens gewesen fei, Ehr­furcht vor den Leistungen des Frontsoldaten haben müsse. Es sei Aufgabe jedes Frontkämpfers, den Geist der Gottesfurcht wachzuhalten. Gerechtigkeit, Tugend, Mäßigung und Ordnung feien die Grund­pfeiler jedes Staates. Es fei Aufgabe des Front­kämpfers, mitzuhelfen, daß diese Begriffe überall

Bei der gestrigen Einweihung der Reichsauto­bahnstrecke FrankfurtDarmstadt hatte im Verband der SA.-Gruppe Hessen auch die oberhessische SA., darunter die SA.-Kameraden der aktiven und der Reserve-Standarte 116 sowie der SA. -Landwehr 116, einen besonderen Auftrag zu erfüllen. Den SA.-Kameraden aus Gie- ßen und den übrigen Teilen Oberhessens oblag die Pflicht, auf einer langen Strecke, etwa vom Frank- furter Stadion ab bis zur Stätte der Feierlichkeiten, beiderseits der Landstraße das Ehrenspalier für den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, sowie für die Mitglieder der Reichsregierung, viele füh­rende Männer der Partei und des öffentlichen Lebens zu stellen.

Die Gießener und die oberhefsifche SA. mußten bei der Erfüllung ihrer Aufgabe erhebliche Strapa­zen auf sich nehmen. Die SA.-Männer waren von der Nacht zum Sonntag bis in der letzten Nacht zum Montag rund 24 Stunden auf den Beinen, zum Teil auf dem Bahntransport, zum Teil auf der Landstraße in wiederholten anhaltenden Regenfällen stehend, zum Teil auch auf dem Marsch nach Niederrad, um sich dort nach dem Abschluß ihrer Aufgabe zu erfrischen und dann in der letzten Nacht beim Rückmarsch von Niederrad nach Goldstein, von wo aus die Rückfahrt mit leider bei der erheblichen Nachtkälte von der Reichsbahn nicht geheizten Son­derzügen erfolgen mußte.

Bereits in der Nacht zum Sonntag wurden die Gießener Stürme auf dem Marsch von ihren Sammelpunkten zum Bahnhof ziemlich angefeuchtet, da es um Mitternacht und auch während der fol­genden Stunden, als die SA.-Männer unterwegs waren, andauernd regnete. Dieser ersten Dusche folgte, als die Sonderzüge mit den Gießener SA.- Kameraden von 3 Uhr bis etwa 4.15 Uhr auf dem Bahnhof Goldstein eintrafen, sofort eine zweite anhaltende Dusche in Gestalt eines anständigen Landregens, bei der die vom Bahnhof Goldstein nach der Sporthalle beim Stadion marschierenden Sturmkolonnen von obenher reichlich bewässert wurden, während sie zugleich in den schon ziemlich ausgetretenen Waldwegen die blankgeputzten Stte- fel reichlich mit Frankfurter Dreck einschmieren konnten. Vom Sammelpunkt, der Sporthalle, wurde dann der Marsch zur Befehlsstelle der Standarte 116 angetreten, wo Verpflegung empfangen wurde, die in Gestalt von Brötchen und einigen Land­jägern (bekanntlich die harten und flachen Würst­chen) wiederum bei anhaltendem Regenwetter im Walde verzehrt wurde. Dann ging es an die Auf­stellung des Ehrenspaliers und die damit verbun­dene Absperrung, eine Aufgabe, die in der Zeit von 6 bis 7 Uhr gelöst wurde. Von 7 Uhr ab stand, immer noch im Regen, das Spalier in der oben­erwähnten Aufstellung und dann von anderen SA.- Formattonen die Reichsautobahnstrecke entlang bis Darmstadt.

Im weiteren Verlause des Vormittags machte den ziemlich durch Regen bewässerten SA.-Kamera­den ein unangenehm kalter Wind noch mancherlei zu schaffen. Dazu kamen wiederholte neue Regen­fälle, so daß schon dadurch allein der Dienst der SA.-Männer für ihren obersten SA.-Führer aller­lei Anforderungen stellte, denen sich die Kameraden im Braunhemd aber gerne unterzogen. Im Laufe der Vormittagsstunden erfuhr der Dienst der SA. Stürme dadurch eine interessante Abwechslung, daß sich vor den Augen der spalierbildenden SA.-Män­ner der rege flutende Verkehr der gewaltig großen schaulustigen Menge abspielte, die zu Fuß, mit Sonderzügen der Reichsbahn, mit Tausenden von Personen- und Lastautos, oder auch auf Fahr­rädern, ja sogar zum Teil mit Kinderwagen und mit Kind und Kegel herbeiströmten, um Zeugen des denkwürdigen Ereignisses zu werden. Gegen 12.30 Uhr kam für unsere Gießener und oberhessische SA. der erste Höhepunkt des Tages: die Vorbeifahrt des Führers und feiner Begleiter. Leider ging ausgerechnet in diesen Minuten wieder ein anstän-

zusehen, wie die Männlein und Weiblein zu damp­fen anfingen, da unter der Einwirkung der starken Sonnenstrahlen das Wasser in den Kleidern rasck zu verdunsten an fing, die Herrlichkeit wurde jedoch immer wieder durch eine neue wässerige Liebesgabe von oben abgelost. Dennoch wurde die Stellung stramm gehalten, bis gegen 16 Uhr der Führer mit seiner Begleitung auf der Rückfahrt nach Frankfurt erneut passiert war und noch einmal den herzlichen Gruß der großen Menschenmenge hatte entgegennehmen können. Mit dieser Spatter- bildung war die Aufgabe der SA. erfüllt.

Nun marschierten einige Stürme, während sich auf der Landstraße ein riesiger Rückmarschverkehr abspielte, zum Teil nach Niederrad, um sich dort in Gastwirtschaften bei Speis und Trank und kame­radschaftlicher Geselligkeit von der Anstrenaung des Tages zu erholen. Da die Sonderzüge für die Rück­fahrt erst vom späten Abend bis etwa gegen 0.30 Uhr planmäßig gefahren wurden, war die Warte­zeit für die SA.-Kameraden für die Heimkehr aus­giebig, so daß bei dem kameradschaftlichen Zu­sammensein mancherlei Unterhaltung möglich war. Dann ging es in der Nacht nach Goldstein zuruck, hier wurde noch einmal kurzer Stehkonvent beim Warten vor dem Bahnhofsgebäude abgehalten und dann ging's wie gesagt leider im recht kalten Zug für den sich die SA.-Kameraden mit man­cherleianerkennenden" Worten bei der Reichs­bahn bedankten nach Gießen bzw. Oberhessen |un6 der preußischen Nachbarschaft zurück.

biger Regenguß mit starken Hagelgraupeln ver­mischt nieder, so daß den beiderseits der Landstraße tehenden SA.-Männern und der stattlichen Menschen­menge der Regen und die Graupeln ins Gesicht gepeitscht wurden und dadurch die Sicht eine beson­dere Erschwerung erfuhr. Der Führer hatte im ersten Auto rechts neben dem Wagenlenker Platz genommen, in vielen weiteren Wagen sah man bann bie große Zahl feiner Begleiter, u. a. Reichs- minifter Dr. Frick, Reichsminister Dr. Goeb­bels, Reichswehrminister von Blomberg usw.

sprach jo bann und führte u. a. folgendes

Dieser Tag soll für euch ein Tag stolzer Erinne­rung, aber auch ernster Selbstbesinnung sein. Ich bin gekommen, um meine Verbundenheit mit dem Gau Oberhessen des NS.-Deutschen Frontkämpfer- Bundes vor euch und der Oeffentlichkeit zu be=

Auch mir wollen uns den Wahlspruch unseres un- vergeßlichen Führer aus dem Weltkriege:Die Treue ist das Mark der Ehre" zur Richtschnur un- eres Tuns und Denkens nehmen!

In der großen Zeit deutschen Aufstiegs zu Ehre, Freiheit und Wohlstand, der am 16. Marz durch die ungeheure Tat des Führ er s die Zu­rückgewinnung der Wehrhoheit und Wiedereinfüh­rung der allgemeinen Wehrpflicht, seine Krönung erfuhr, ist es wohl angebracht, sich einmal ein Bild von den Zuständen zu machen, die vor zehn Jahren, als die Ortsgruppe Gießen ge­gründet wurde, herrschten. In jener Zeit der Ge- innungslosigkeit, hündischer Unterwerfung, rück- ichtsloser Selbstsucht und nationaler Ehrlosigkeit war die Gründung eine tapfere und selbst­bewußte Tat.

Es war die Absage an den undeulschen Staat von Weimar, an den knochenerweichenden Pa­zifismus, an moralische Unsauberkeit, an jüdi­schen handlergeist.

Ihr schriebt auf eure Fahnen bie Losung des Stahl­helm:Ehre, Freiheit, Wehrwille, Frontsozialis­mus", und ihr alten Kämpfer fei dieser Losung treu geblieben und seid unbeirrt durch Anfeindung, wirtschaftliche Nachteile und Verleumdung schwei­gend und fest euren Weg gegangen. Das war aber nur möglich, weil ihr Führer hattet, die euch auf diesen Weg der Selbstlosigkeit und Entsagung vor­angingen. Ich erfülle hier eine Ehrenpflicht, wenn ich dem früheren Gauführer Dr. Dehner und dem früheren Ortsgruppenführer Oberstleutnant L o p p e den Dank des Landesamtes ausspreche für ihr selbstloses und opfervolles Wirken im Bunde. Friedrich der Große hat einmal gesagt, daß es für ihn nur zwei sein ganzes Leben bestim­mende Begriffe gäbe:Ehre und Vaterland". Die Ehre sei ein ganz persönlicher Begriff, über die nur bas eigene Gewissen Schiebsrichter sein könne und sonst niemanb. Das Glück unb bie Größe bes Vater- lanbes aber sei ihm Richtschnur bei allen Hand­lungen. Ich glaube, daß diese großen Gedanken des großen Königs, dem der Führer am 21. März 1933 an seiner Gruft als dem heroischsten aller Führer Preußens huldigte, auch heute noch Gültigkeit habe. Wer ihnen folgt, wird niemals fehlgehen. Und nun meine Kameraden noch einige Worte für die Zukunft. Ich weiß, daß es auch heute nicht leicht ist, Stahlhelmer zu fein, denn niemand wird be­streiten können, daß, wer zur Stahlhelmfahne steht, bewußt auf Vorteile aller Art verzichtet. Aber Kameraden, das soll uns nicht anfechten', denn

wir haben die stolze Gewißheit, daß der Führer und Reichskanzler zu unserem Bundesführer und feinen Frontkämpfern unbedingtes Ber- , trauen hat.

Er hat diesem Vertrauen und seiner Verbundenheit nut uns wiederholt, am schönsten bei der Stahl­helmführertagung in Hannover am 27.9.1933, wo wir ihm zum ersten Male Auge in Auge gegen- überstanden, Ausdruck gegeben mit den Worten: Mit innerer Freude und Bewegung bin ich zu dieser Tagung gekommen, die genau wie Nürnberg für mich nichts anderes ist, als das feierliche Be­kenntnis zu dem Gelöbnis ber Treue unb Gemein­schaft. Wir kämpfen nun gemeinsam für bieses neue Reich." Unb ber Führer hat in seiner ritterlichen Weise bie Verbienste bes Stahlhelm um bie Vor­bereitung ber nationalsozialistischen Revolution in ber Umgrünbungsurtunbe vom 28. 3. 1934 boku- mentiert. Es ist fein Zufall, baß biefe Anerkennung bes NS.-Frontkämpferbunbes aus bem Munde bes Mannes kommt, von bem bas Fronterlebnis so besonbers tief ausgenommen würbe, daß er es zur Grunblage seiner großen Bewegung machte.

Kameraden, dieses Vertrauen des Führers legt uns ernsteste Verpflichtung auf und bindet uns unlöslich mH ihm. wenn jemand unter uns fein sollte, dem das Bekenntnis zum Führer nur Lippenbekenntnis, nicht aber Herzenssache sein sollte, so gehört er nicht in unsere Reihen. Ich

JÜM.H H....

Roman von Charlotte Preuzel.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (©.).

26 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Ich muß weit ausholen, Frau Liane, wenn ick daraus rechnen will, daß Sie mich verstehen , sagte Ernst ruhig.Sie wissen vielleicht noch nicht, daß wir in Charlottenburg aufwuchsen. Dort waren wir Nachbarskinder. Das Miethaus, in dem seine Eltern wohnten, grenzte an das kleine Haus, das meiner Mutter gehörte, das sie nach dem Tode meines Vaters, der bald nach meiner Geburt starb, allein bewohnte. Sie bezog eine kleine Pension, besaß auch etwas flüssiges Geld, das uns gestattete, ein sorgenfreies Leden zu füh­ren. Ich war ein stilles Kind, kam nie auf die Straße, fürchtete auch die Kinder draußen und wurde darum wohl von ihnen gehänselt. Einmal nun überfielen sie mich hinterrücks. Da nahte sich mir Fred als Retter; sein Gerechtigkeitsgefühl em­pörte sich, als er sah, wie drei mich allein über­fallen hatten. Von jenem Tage an datiert unsere Freundschaft. Wir kamen zusammen zur Schule. Meine Mutter wurde kränklich, Freds Eltern nah- men sick meiner an. Als sie bald darauf starb, hatte icy schon ein zweites Heim gefunden. Freds Eltern nahmen mich bei sich auf. Freds Vater wurde mein Vormund. Er verkaufte das kleine Haus meiner Mutter gut. Der Platz war ja wert­voll geworden, da sich Charlottenburg immer mehr vergrößerte. Ich wurde wie das zweite Kind ge­halten. Ja, Frau Morland war zu mir oft herz­licher und weicher als zu Fred. Sie sah an ihm immer nur Fehler, wollte mit Gewalt fein Tempera­ment zügeln. Herr Morland war viel liebevoller und gütiger als sie.

Ich erinnere mich noch deutlich des furchtbaren Schreckens, als Freds Vater tot ins Haus gebracht wurde. Um das Geschäft zu retten, hatte er sich in Spekulationen eingelassen, die fehlgeschlaaen waren. In seiner Verzweiflung gab er sich selbst den Tod. Seine Hinterbliebenen blieben in großer Not zurück. Selten habe ich solchen Jammer ge­sehen, wie Fred ihn an der Leiche seines Vaters zeigte. Er war tagelang wie von Sinnen. Frau Morland war schneller gefaßt. Sie fand sich mit den Tatsachen ab, gab die große Wohnung auf, beschränkte sich auf bas Notwendigste, versuchte den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn selbst zu verdienen. Allerdings muß auch sie schwer unter dem Schlage gelitten haben, sie wurde noch strenger und kälter. Sie scheute keine Arbeit, machte halbe Nächte hindurch Handarbeiten, nähte, bis sie oft vor Müdigkeit umfiel. Ach, ich weiß nur zu aut, daß das wenigs Geld, das sie dem Kmstzatz

diesen oft ganz erhielt, Mutter und Sohn vor der größten Not schützte. Dabei blieb sie freundlich und fürsorglich zu mir; nie hätte ich etwas entbeh­ren müssen, was sie ihrem Sohn wie selbstverständ­lich versagte. Sie besorgte die besten Kleider für mich, ich bekam das beste Essen. Heimlich habe ich Fred oft die besten Bissen zugesteckt. Die Mutter hätte es nicht erfahren dürfen, sie hätte sich maß­los darüber erregt. Fred vergalt mir die Liebe, indem er mich in Der Schule mit den besten Kräften förderte. Ihm fiel ja alles so leicht zu, was ich mir habe schwer erkämpfen müssen. Unsere Freund­schaft blühte weiter, wir waren aufeinander an­gewiesen, mußten uns gegenseitig helfen.

Unsere Wege trennten sich erst, als Fred in die Lehre kam. Er war daraus angewiesen, bald Geld zu verdienen. Und wie er in der Schule einer der besten gewesen, so bestand er die Lehre vorzüglich, rückte schnell aufwärts. Die Mutter war vor den dringendsten Sorgen geschützt, Fred verdiente für seine jungen Jahre wirklich sehr gut. Ich studierte Musikgeschichte in Berlin, nahm bei berühmten Meistern Unterricht in verschiedenen Instrumenten. Einmal hatte ich das Glück, daß ein von mir kom­poniertes Lied in einer Liedersammlung aufgenom­men wurde. Wir feierten diesen Erfolg mit einer Reise nach Italien. Wie oft habe ich diese Reise verwünscht, denn in Venedig erfüllte sich Freds Schicksal. Er lernte dort eine arme Gesellschafterin kennen, der er bald rettungslos verfallen war."

Ernste machte eine Pause. Er sah zu der jungen Frau hin. Liane sah noch immer so, den Ober­körper Dorgebeugt, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände auf den Kieen gefaltet. Sie rührte sich nicht, ihr Blick blieb unverwandt auf ihm ruhen.

Ich werde Ihnen nicht zu sagen brauchen, wer die Frau war, die in sein Leben trat. Kitty war schon, voll Scharm, voll sprühenden Lebens. Bis dahin hatte es das Leben nicht allzu gut mit ihr gemeint. Sie hatte nie Liebe tennengelernt. Es war kein Wunder, daß sie Freds Liebe aus vollem Herzen erwiderte. Er dünkte sich unermeßlich reich in dem Besitz ihrer Liebe. Tage verlebten die bei­den in Venedig, wie sie schöner wohl nicht gedacht werden können. Als wir zurück mußten, nahm Fred sie mit. Wie hätte er sich auch von ihr tren­nen können! Kitty sollte sich in Berlin eine Stellung suchen, aus Berlin durfte sie nicht mehr heraus. Es sollte nichts werden mit Kittys neuer Stellung. Sie war von der alten Dame, bei der sie als Ge­sellschafterin gewesen, fristlos entlasten worden; viel- leickt war das der Grund, warum sie keine Stelle meyr fand, vielleicht lag ihr aber auch nicht viel daran. Sie hatte ja auch genug in Berlin zu tun, immer für den Geliebten da zu sein, den ganzen Tag auf ihn zu warten, sich für ihn zu schmücken. Fred hatte keine ruhige Minute mehr, er war nur glücklich bei ihr; mit ihr genoß er alles, was die Gcchstaht b& An d-m £q$e, da ajjsMz

frei kommen, der auf feinem Namen ruht,'

Brotgebers des Kommerzienrats Marckart. Fred ft'

Ichontt sitz auch W» M Ären Name» nicht

(Fortsetzung

Er ahnte nicht, daß sie längst ihre eigenen Pläne hatte und diese hartnäckig verfolgte. Sie erreichte ihr Ziel. Gerade in dem Augenblick, als Fred sich an der Kasse vergriff, wurde sie die Braut feines

wurde, daß ihr Verhältnis nicht ohne Folgen geblie­ben war, gab Kittn es ganz auf, eine Stellung zu suchen; auch Fred hätte Die Geliebte in keiner Stel­lung mehr sehen können."

Liane machte eine Bewegung. Ernst hörte, wie ein zitternder Seufzer ihrer Brust entfuhr. Sie wandte bas Antlitz von ihm ab.

Welche Gefühle mußten sie bewegen? Konnte sie ertragen, was sie noch weiter hören würde? Nun aber war der erste Schritt getan, nun mußte sie alles erfahren.

Fred umgab die Geliebte mit aller Sorgfalt. Alle Schatten aus ihrem Leden wollte er bannen; nur Freude wollte sie um sich sehen, nur Glanz. Er hätte sie natürlich sofort zu seiner Frau gemacht, aber Frau Morland widersetzte sich einer Heirat energisch. Ihre Einwände waren durchaus richtig. Er war noch viel zu jung, um zu heiraten; er sollte vorwärtsstreben, es erst zu einigem Ansehen bringen und dann eine Frau nehmen, die fein Leben auch finanziell sicherstellte. Fred wagte nichts von Kitty zu sagen. Wie hätte er sie auch heiraten können? Er wußte schon lange nicht mehr, woher er das Geld nehmen sollte. Kittys kleine Hände nämlich verstanden mehr auszugeben, als er verdienen konnte. Ich erlebte diese Zeit nicht mit. Ich hatte Lust bekommen, mir die Welt anzusehen, hielt mich in München auf, hörte in dieser Zeit sehr wenig von Fred.

Da kam plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Him­mel ein Telegramm von ihm. Er bat dringend um Geld. Ich reifte sofort nach Berlin, fand die Mut­ter in furchtbarer Aufregung. Fred hatte sich an der Kasse seines Chefs vergriffen, er war verhaftet."

War es nicht, als ob Liane Ausammengezuckt war? Standhaft hielt sie den Kopf abgewandt. In der Dämmerung konnte Ernst nur die Umrisse ihrer Ge­stalt erblicken. Er schwieg lange, endlich begann er wieder:

,Lch erfuhr auch erst jetzt von dem Kinde. Fred gestand es mir, was er bis dahin seiner Mutter verschwiegen hatte. Ich fand es bei Kittys Zim­mervermieterin, die junge Mutter war selbst nicht mehr dort. Sie hatte sich nie darum gekümmert, hatte nach der Geburt weiter verschwendet, war spazierengegangen, hatte in Kaffeehäusern herumge­sessen. Sie fand es ganz in der Ordnung, daß Fred für sie sorgte. Als er ihr Vorhaltungen gemacht hatte, war es zum offenen Bruch gekommen. Allein Fred versuchte immer wieder, sie für sich zu gewin­nen, machte ihr Geschenke, kam Immer tiefer in Schulden.

in die Verhandlungen; sie aber rührte keinen Fin- aer, um den Mann zu retten, der ihr alles geopfert hatte. Sicher wäre es doch für sie ein leichtes ge­wesen, den Kommerzienrat zu bitten, die Anzeige zu unterlassen. Fred wurde eine Bewährungsfrist bewilligt, und dann überstürzten sich die Ereignisse. Der Krieg brach aus. Er zog als einer der ersten ins Feld?

Liane rührte sich nicht. Was mochte in ihr vor­gehen? Wie mochte sie leiden? War nun das Ge­fürchtete geschehen? War sie Fred verloren? Na­menlose Angst erfaßte ihn plötzlich. War ihre Liebe nicht stark genug, zu verzeihen?

Da klang ihre Stimme rauh, fast unverständlich: Und was wurde aus dem Kinde?"

Ernst antwortete nicht sofort. Grenzenloses Er­staunen machte der Angst in seinem Herzen Platz. Weiter hatte sie nichts zu sagen? Weiter wußte sie kein Wort?

Kitty hat sich niemals um das Kind gekümmert", antwortete er mit schwankender Stimme.Es blieb bei den Leuten, die es zuerst versorgt. Der Mutter Fred konnten die Geschehnisse nicht verborgen blei­ben, sie wandte sich ganz von dem Sohn; auch als er ins Feld zog, hatte sie keinen Gruß für ihn. Nach mehr als zwei Jahren habe ich ihn ihr wieder Angeführt. Als ihn das Eiserne Kreuz Erster Klasse schmückte, verzieh sie, nahm sie sogar das Kind zu sich, das es bei den fremden Leuten nicht Aum besten gehabt hatte. Von da an gehörte Freds ganzes Leben nur seiner Mutter und seiner Tochter. Er hatte treu für beide gesorgt, hat ihnen vor einigen Jahren unweit von Heidelberg ein Haus gekauft, machte es so möglich, sie häufig besuchen zu kön­nen. Um des Kindes willen schuf er sich hier einen Wirkungskreis, hoffte die Vergangenheit begraben zu können."

Wieder wurde es still im Zimmer. Kein Laut kam von Lianes Lippen, sie saß noch immer stumm unb steif auf ihrem Stuhl. Mit einem Male aber ging ein jäher Ruck durch ihren Körper. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich.

Ernst stand hastig auf und trat zu ihr.Liebe, kleine Frau Liane, haben Sie Verständnis! Kein Mensch kann so vermessen sein, au behaupten, an Freds Stelle nicht genau so gehandelt zu haben wie er. Nur die Liebe hat ihn zu der Tat ver­anlaßt. Wie er gelitten, können Sie nicht ermessen. Das Erlebnis hat aus ihm einen anderen Men­schen gemacht. Er ist hart geworden und schroff aoer er hat fertiggebracht, was ihm vorschwebtsi sich emporjuarbeiten, seinen Mitmenschen Achtung abzuzwingen. Nun greifen die Schatten ber Ver­gangenheit roieber tief in sein Leben. Sollte diese Vergangenheit wieder lebendig werden, ist sein Le­ben verwirkt. Er wird nie wieder von dem Makel