Ausgabe 
20.5.1935
 
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Die zum Tode verteilten Memelländer vom litauischen Staats­präsidenten zu lebenslänglichem Zuchthausbegnadigt". Deutschland will keine Gnade, sondern fordert Wiedergutmachung des Justizmordes.

Kowno, 18. Mai (D31B.) Die Litauische Tele­graphenagentur meldet: Der Staatspräsident hat durch einen Akt vom 18. Mai 1935 aus eige­ner Initiative die Todes st rasen des Kriegsgerichtes gegen Walter Priest, Ewald Voll, Emil Lepa und Heinrich Wannagat in lebens­längliches Zuchthaus umgewandelt mit den Folgen der §§ 28, 29, 1 und 30 des Straf­gesetzes, wobei für die ersten drei die Beschlagnahme des Vermögens zugunsten des Staates bestehen bleibt. Die betreffenden Paragraphen beziehen sich auf die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.

*

Der Gnadenakt des litauischen Staatspräsidenten vermag an der Tatsache nichts zu ändern, daß sich einer der neuen Staaten von Gnaden des Ver­sailler Sckandvertrags mit einem Verbrechen gegen die Rechtsauffassung der gan­zen zivilisierten Welt belastet hat, wie es zynischer gar nicht vorstellbar ist. Die englischen Gutachter waren zu der Auffassung gelangt, daß es sich bei den Gerüchten um die Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes im Memelgebiet um eine Angelegenheit gehandelt hat, die in England kaum zu einem Verfahren Anlaß ge­geben hätte. Der Sachverhalt ist also klar: die Regierung in Kowno will Menschen einzig d a r - u m für ihr ganzes Leben in den Kerker sperren, ihr hab und Gut beschlagnahmen und sie bürgerlich ehrlos machen, weil sie in der Liebe zu ihrem angestammten Volkstum nicht wankend wurden und sich zu dieser Liebe offen bekannten. Die durch den Versailler Vertrag geschaffenen Minderheiten außer­halb der Reichsgrenzen sind gewiß an Schikanen und an grausamer Behandlung allerhand gewöhnt, aber die Tragödie der Memeldeutschen übersteigt nun hoch das Maß dessen, was vorstellbar war und erträglich ist.

Vor einiger Zeit haben sich die Signatar­mächte des Memelstatuts, nachdem sie lange Zeit den Dingen ungehindert ihren Lauf gelassen haben, veranlaßt gesehen, die Kownoer Regierung auf ihre Verpflichtung hinzuweisen, die Bestimmungen des Statutes einzuhalten. Man hätte daraufhin anneh­men müssen, daß die Litauer nun etwas vorsich­tiger würden und daß das Obertribunal in Kowno das erstinstanzliche Urteil a u f h e b e n würde. Der Spruch, den die Richter in der litauischen Offiziers­uniform gefällt haben, und der in keiner Weise von dem Willen zum Recht, sondern allein von einem wahnsinnigen haß gegen das Deutschtum diktiert ist, bedeutet im Grunde auch einen Fau st schlag ins Gesicht der Signatarmächte, mögen die Regierungen in London, Paris und Rom das nun so empfinden oder nicht. Es mag ihnen heute im Hinblick auf den östlichen Paktplan peinlich und unangenehm er­

scheinen, wenn Deutschland Litauen unter keinen Umständen in eine regionale Abmachung mit ein­bezogen sehen will. Aber sie tragen selbst die Schuld, weil sie sich von einer solchen Zwer­genregierung über ein Jahrzehnt lang haben auf der Rase tanzen lassen, bis es schließlich dahin ge­kommen ist, wo wir heute stehen, daß nämlich das Memelstatut bis auf den letzten Rest seines völker­rechtlichen Inhalts entleert worden ist, bis die Deutschen in einem Gebiet, das der Völkerbund unter seinen Schutz genommen hat, vogelfrei geworden sind.

So kann es nicht weitergehen und so wird es nicht weitergehen. Glauben denn Macdonald, Si­mon und Eden wirklich, daß wir in einen Völker­

bund zurückkehren könnten, der so etwas geschehen läßt? Merken sie nicht, was sie hier für einen Er- plosionsherd entstehen lassen? Können sie die deutsche Haltung gegenüber Litauen nicht begreifen und wollen sie nicht, ehe es endgültig zu spät ist, etwas Ernsthaftes da^u beitragen, um solcher Rechtsschande und Kulturschande ein Ende zu be­reiten? In England spricht man so viel von not­wendigen deutschen Beiträgen zur kollektiven Frie­denssicherung. hier hat einmal England eine Ge­legenheit, seinerseits einen Beitrag für den Frieden zu liefern, in dem es einer größenwahnsinnig ge­wordenen Zwergenregierung die Lunte aus den Fingern schlägt, mit der diese über dem europä­ischen Pulverfaß fuchtelt.

Ml Gnade, sondern Recht.

Berliner preffestimmen zur Umwandlung der Todesstrafen.

Berlin, 19. Mai. (DRV.) Zu der Begnadi­gung der vier zum Tode verurteilten Memelländer zu lebenslänglichem Zuchthaus schreibt der23 ö l- kische Beobachter": Es galt ein von haß diktiertes Urteil aufzuheben und damit zu doku­mentieren, daß man in Litauen gewillt ist, der Ge­rechtigkeit Genüge zu tun, also eine Handlung zu vollziehen, die die dazu berufenen Gerichtsinstanzen auszuführen einfach unterlassen hatten Durch den Gnadenakt des litauischen Staatspräsidenten ist den Verurteilten das Leben geschenkt worden, aber das Unrecht nicht gesühnt worden, das die li­tauische Justiz an den deut sch en Me ° melländern begangen hat, indem sie sie hinter die Kerkermauern der litauischen Zucht­häuser verbannte. Und das wäre das Entscheidende gewesen. Es ist im ganzen Verlauf des Prozesses den litauischen Staatanwälten nicht gelungen, den zu ZuchthausBegnadeten"' und Verurteilten das Verbrechen nachzuweisen, dessen sie angeklagt und für schuldig erkannt worden sind. Und so schafft der Gnadenakt das Schandurteil nicht aus der Welt, das vielleicht nur etwas ge­mildert wurde, und befreit die unschuldigen Opfer nicht aus den Fesseln der litauischen Terror­justiz. Solange das Urteil nicht kassiert ist, ist auch das begangene Unrecht nicht beseitigt. Und so kann es nur eine Forderung geben: Gebt die Ge­fangenen frei und laßt Gerechtigkeit wal­ten, denn sie erfüllen heute in den litauischen Zuchthäusern nicht Sühne für ein Verbrechen, son­dern sind die Opfer politischen Terrors.

DieG e r tn a n i a" schreibt: Venn man dem Schritt des Staatsprädenten den Anstrich eines Gnadenaktes" zu geben versucht, so ist dem ent­gegenzuhalten, daß die Angeklagten, die ein Gna­dengesuch bekanntlich ausdrücklich abgelehnt haben,

nach dem in aller Welt herrschenden Recht A n - spruch auf ein Urteil der Gerechtigkeit hatten. DieBegnadigung" durch die litauischen Machthaber kann die Einschätzung der Rechtslage und die Stellungnahme zu dem gesamten Prozeß­verfahren und zu dem ungeheuerlichen Urteil in keiner Weife verändern. Die Ang st vor unab­sehbaren Konsequenzen und die Hoffnung, aus einer Verlegenheit herauszukommen, die die Folge dieses ganzen auf Grund fadenscheiniger und unbewiesener Anklagen geführten Prozesses ist, hat zweifellos die Kownoer Regierung diesen Ausweg wählen lassen.

Der ,Lokalanzeiger" sagt u. a.: Litauen hat sich gehütet, die Todesurteile vollstrecken zu las­sen. Von Gnade kann keine Rede sein. Nicht Gnade war von den Machthabern in Kowno zu fordern, sondern Recht und diese Forderung bleibt bestehen. Die Strafen bleiben das, was man in zivilisierten Staaten einen Justizmord nennt. Das deutsche Volk wird nicht nachlassen, die W i e° derherstellung des Rechts int Memelland zu fordern und von den Garantiemächten zu ver­langen, daß sie dort ihrer Pflicht gemäß Zustände schaffen, auf deren Grundlage auch der empörende Prozeß gegen Unschuldige aufgerollt werden kann mit dem Ziel, ihnen die Freiheit zu geben, die man ihnen rauben will. DieBerliner Börsen­zeitung" schreibt: Die Spitze wurde zwar einem sadistischen Triumph im letzten Moment abgebogen. Dabei darf es aber nicht bleiben. Der Verpflichtung der an diesem Spiel Mitverantwort­lichen, der Signatarmächte, die sie bisher so leicht­sinnig außer acht ließen, besteht weiterhin. Das Verbrechen, welches sie mittelbar der Zivilisation angedeihen lassen, muß von ihnen bereinigt werden.

Großer"

ahlsieg

der Gudetendeutschen Partei Henleins.

Lieber zwei Drittel der deutschen Stimmen auf sich vereinigt. Vermutlich stärkste Partei im tschechoslowakischen Parlament.

Prag, 20. Mai. (DNB. Funkspruch.) Nach den bis Montag früh amtlich bekanntgegebenen Ergeb­nissen aus 26 politischen Bezirken mit tschechis-cherMehrheitin Böhmen und Mäh­ren erhielten die

Tschechischen Sozialdemokraten 109 000 (110 000)

Tschechischen Nationalsozialisten 78 000 (92 000)

Tschechischen Kommunisten 75 000 (70 000)

Gewerbepartei 64 000 (44 000)

Tschechischen Faschisten 34 000

und ebenso die Tschechische Oppositionelle Vereini­gung, während die einzelnen Gruppen 1929 ein* schließlich der Faschisten nur 33 000 Stimmen erhalten haben. Die Tschechische Rechtsopposition, be­stehend aus Faschisten und Nationaler Vereinigung, hat sich also verdoppelt.

Aus den bis zur gleichen Zeit bekannt gewor­denen Wahlergebnissen in 15 deutschen politischen Bezirken aus Böhmen und Währen ergibt sich, daß hier im Gegensatz zum tschechischen Gebiet auch die k o m m u n i st e n bedeutende vertu st e erlitten. Die So­zialdemokraten verloren etwa die Hälfte, die Lhristlich-Sozialen und der Bund der Landwirte weit mehr als die Hälfte ihrer Stimmen. In diesen Bezirken konnte die Su­detendeutsche Partei Konrad Hen­leins über Zweidrittel aller abge­gebenen deutschen Stimmen auf sich vereinigen.

Von größtem Interesse sind die Wahlen im poli­tischen Bezirk hultschin, der einen bedeutenden Teil des in Versailles an die Tschechoslowakei ab­getretenen sogenannten hultschiner Ländchens um­schließt. Bei den letzten Wahlen im Jahre 1929 er­hielten die deutschen Sozialdemokraten 2591, jetzt 218 Stimmen: der Bund der Landwirte 173, jetzt 35 Stimmen; die deutschen Christlich-Sozialen 4503, jetzt 1171 Stimmen: die beiden 1933 aufgelösten völkischen deutschen Parteien zusam­men 5476. Diesmal erhielt die Sudenten­deutsche Partei Konrad Henleins 15342 Stimmen und außerdem noch der Sudetendeutsche Wahlblock 162 Stimmen. Die tschechischen Parteien erhielten 1929 zusammen 10 725 und am Sonntag nur 8119 Stimmen.

Der deutsche Anteil an der Wählerzahl ist da­mit von 54 auf 67,6 v. h. gestiegen. Die Deutschen im hullschiner Ländchen erlang­ten über Zweidrittelmehrheit. Bekanntlich war nach der amtlichen tschechoslowakischen Statistik das Ländchen hultschin in der Mehrheit sla­wisch. 3n der Stadt hultschin allein erhielten die Deutschen 1825, die Tschechen 880 Stim­men. Auch hier erlangten die Deutschen somit die Zweidrittelmehrheit. Unter den deutschen Stimmen befinden sich 86 v. h. der Sudeten- deutfchen Partei Konrad Henleins.

Von Ergebnissen aus sudetendeutschen Städten liegen weiter folgende vor: In Rei­ch e n b e r g wurden insgesamt 25 067 Stimmen ab­gegeben. Die deutschen Parteien erhielten 21468, die tschechischen Parteien 3599 Stimmen. Von den deutschen Stimmen entfielen 17 497 auf die Sude* tendeutfche Partei, das sind insgesamt 81,4 v. h. aller abgegebenen de uts chen Stim­men. In Leitmeritz wurden insgesamt 7488 deutsche Stimmen abgegeben, wovon 6316 ober 84,4 v. h. auf die Sudetendeutsche Partei entfielen. In Gablonz wurden insgesamt 18 491 deutsche Stimmen abgegeben. Davon entfielen 16 781 oder 90,7 v. h. auf die Sudetendeutsche Partei. In Eger wurden abgegeben 16 916 Stimmen. Davon erhielten die Deutschen 15 697 und die Tschechen 1219. Don den deutschen Stimmen wurden 11522 für die Sudetendeutsche Partei abgegeben, das sind 7 3,4 v. h. aller deutschen Stimmen. In K o m o t a u stimmten 21 465 Wähler ab, darunter Deutsche 18 760, Tschechen 2705. Die Sudetendeutsche Partei erhielt 13061 oder 74 v. h. aller deut­schen Stimmen. Aehnliche Ergebnisse liegen aus anderen Städten vor.

*

Nach den bisher eingelaufenen Nachrichten dürfte die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins von rund 70 deutschen Mandaten (unter 200 Mandaten des Abgeordnetenhauses insgesamt) etwa 45 bis 49 Mandate erringen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie stärkste Partei im tschechoslowakischen Parlament überhaupt wird, wenn die tschechische Agrarpartei, die bisher die stärkste Partei war, nicht in der Slowakei größere Erfolge errungen hat. Es ist der Sudetendeutschen Partei der Einbruch in die marxistische Front vollständig gelungen. Kommu­nisten und Sozialdemokraten sind auf die Hälfte ihrer Stimmenzahl von 1929 zurückgegan­gen. Bedeutende Verluste erlitten überall auch die Christlich-Sozialen, die dem früheren reichsdeutschen Zentrum entsprechen. Besonders schwer ist die Niederlage der deutschen Regierungs­partei des Bundes der Landwirte. Die Stellung seines bisherigen Vertreters in der Ne­gierung, des Ministers Spina, ist schwer erschüt­tert. Es ist dem Bund der Landwirte nicht gelun­gen, die nach dem Wahlgesetz erforderlichen Voraus­setzungen für die Erlangung eines Grundmandates zu erreichen.

Von den tschechischen Parteien haben die t s ch e- chischen Agrarier Verluste in Böhmen und Karpathen-Rußland durch Gewinne in Mähren wettmachen können. Die tschechischen So­zialdemokraten haben sich behauptet, wäh­rend die tschechischen Nationalsoziali­sten (Benesch-Partei). stark verlieren. Die tsche­chische rechtsoppositionelle Nationale Verei­nigung wird jedenfalls stärker in das Parlament zurückkehren. Die tschechischen Faschisten konnten in dem slowakischen Wahlkreis Tümau

20 000 Stimmen und damit die zur Erlangung von Mandaten nötige Grundzahl in einem Wahl­kreis erreichen.

Große Freudenkundgebungen der deutschen Bevölkerung werden aus allen sudetendeutschen Städten gemeldet. Eine begei­sterte Menge durchzieht singend die festlich beleuch­teten Straßen. Konrad Henlein, dem Füh­rer der Sudetendeutschen Partei, der sich mit seinen Mitarbeitern in Eger befindet, wurden riesige Kundgebungen bereitet.

Das Wahlergebnis in Prag

Prag, 20. Mai. (DNB. Funkspruch.) In Prag wurden insgesamt 507 210 Stimmen (43? 097) ab­gegeben. Davon erhielten von den tschechi­schen Parteien die

Ischen Agrarier

17 009

Ischen Sozialdemokraten 79 773

69 762

140 107

(106 422)

Von den deutschen Parteien erhielten:

10 589

(2 772)

Zuwachs der

nalen Vereinig der Partei des Dr. B

tei in Prag geworden ist.

29 767

36 501

4 801

4135

(3 483) (11 668)

(1 955)

3 348

467

1528 2 322

u n g , die nunmehr an Stelle enesch d i e stärkste Par-

Sozialdemokraten

Bunde der Landwirte Christlich-Soziale Sudetenoeutscher Wahlblock Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins

Tschechischen Nationalsozialisten 107 200 Kommunisten

Das Ergebnis bestätigt den Tschechischen Oppositionellen Natio

(17 519) (68 101) (117 317)

(50 004)

(24 549) (21 989)

Tschechische Katholische Volks­partei

Tschechische Gewerbepartei Tschechische Faschisten Tschechische Beamtenpartei Tschechische Nationale Ver­einigung

Oberst Lawrence gestorben.

England betrauert einen Nationalhelden.

London, 19. Mai. (DNB.) Oberst Lawrence, der vor einigen Tagen in der Grafschaft Dorset mit seinem Kräftrad verunglückte und seitdem bewußtlos im Militärhospital lag, ist am Sonntagvormittag kurz nach 8 Uhr gestorben. Die Leiche Law­rences wurde in die englische Flagge eingehüllt und vor dem Altar in der Totenkapelle des Lazaretts in Wool aufgebahrt Sein Tod wurde dem eng­lischen König und Dem König von Irak telegraphisch mitgeteilt.

Das englische Volk betrauert in Lawrence einen Mann von vorbildlicher Pflichterfül­lung, Uneigennützigkeit und Aufopferung und reiht ihn als beinahe mythische Gestalt unter die englischen Nationalhelden ein. General Sir John Hamilton widmet ihm folgenden Nach­ruf:Lawrence war ein Mann, wie man ihn unter 50 Millionen nicht mehr findet. In einem Zeitalter, wo es keine heiligen mehr gibt, verleiht der Soldat, der in völliger Uneigennützigkeit für nichts Greif- bares ober Materielles alles aufs Spiel setzt, dem Menschenleben einen höheren Sinn". Lawrence war seinerzeit in aller Welt alsder ungekrönte König" Arabiens bekannt. Zu Beginn dss Welt­krieges war er als Unteroffizier dem englischen Ge­heimdienst und dem arabischen Büro in Aegypten zugeteilt worden. Auf Grund seiner strategischen

Gaben' und feiner starken Persönlichkeit gelang es ihm, im Laufe des englischen Palästina-Feldzuges zum Führer der irregulären arabischen Streitkräfte aufzusteigen, die sich gegen die Türken erhoben.

Seine allerdings nicht völlig unumstrittenen Lei­stungen werden als ein entscheidender Faktor in der englischen Kriegsführung im nahen Osten betrachtet. Sie gipfelten in seinem Einzug in Damaskus an der Spitze arabischer Stämme. Nach dem Weltkrieg war die Tätigkeit Lawrences stets von einem Schleier des Geheimnisses umgeben. Er trat zunächst als gemeiner Soldat in das königliche Tankkorps ein und wurde später unter dem Namen Roß" der englischen Luftfahrt als einfacher Me­chaniker zugeteilt. Seine Identität wurde jedoch bald entdeckt und später legte er sich den Namen Shaw zu. Während seiner ganzen Dienstzeit in der Luftflotte blieb Shaw gemeiner Mechaniker und soll eine Beförderung stets abgelehnt haben. Bekannt ist jedoch, daß er oft zu wichtigen Versuchen zuge­zogen wurde. So führte er im letzten Jahre eines der neuen dick gepanzerten und sehr schnellen Mo­torboote, die von der Luftflotte zu Bombardierungs­versuchen benützt wurden. Im März d. I. trat Lawrence aus der königlichen Luftflotte aus und zog sich in fein Landhaus in Moreton zurück. Seine Lieblingsbeschäftigung war der Motorrad­sport, dem er jetzt zum Opfer fiel.

Schreckliches Flugzeugunglück in der Sowjetunion.

GroßflugzeugMaxirnGorki" brennend ab­gestürzt. 48 Menschsn ums Leben gekommen

Moskau, 18.Mai. (DRV.) Das größte Flugi zeug der Sowjetunion,M a x i m Gorki", das über 70 Personen an Bord nehmen kann, ist einer Katastrophe zum Opfer gefallen. Das Flugzeug startete mit einer anderen Maschine im Schlepp. Kurz nach dem Start unternahm der Führer des geschleppten Flugzeuges, Saschin, trotz des Verbotes der sowjetrussischen Luftfahrt­behörden mehrere Luftkunststücke, hierbei stieß er mit dem FlugzeugMaxim Gorki" zusammen. Beide Maschinen stürzten ab. Elf Personen der Besatzung und sechsunddreihig Fluggäste fanden den Tod. Auch der Flugzeugführer Saschin kam ums Leben. Insgesamt haben bei der Katastrophe 48 Personen das Leben eingebüßt.

Aus Veranlassung des Ehefs der russischen Luft­flotte, Tkaschew, wurde ein Ausschuß, bestehend aus Vertretern der russischen Militär- und Zivil­luftfahrt, der politischen Polizei und anderer Be­hörden, eingesetzt, um die Ursache des Un­glücks derMaxim Gorki" festzustellen. Die Ermittlungen haben ergeben, daß das Unglück lediglich auf den Flugzeugführer Safchin zurück­zuführen ist, der mit seinem Apparat denMaxim Gorki" rammle. Der Zusammenprall war so stark, daß dieMaxim Gorki" sich mehreremale über­schlug. Ihr linker Flügel riß vom Rumpf ab. Die Untersuchung ergab weiter, daß bas Großflugzeug in Brand geriet und daß sich mehrere Explo­sionen ereigneten. Die Feuerwehr des Moskauer Zentralflugplahes konnte nicht mehr helfen. Die Sowjetregierung hat beschlossen, alle Toten der Katastrophe auf Staatskosten zu beerdigen. Außerdem wurde den Hinterbliebenen eine staat­liche Pension ausgesetzt.

Der Stolz des sowjetrussischen Flugzeugbaues.

Zu dem Absturz des Großflugzeuges, bei dem auch sechs Kinder ums Leben kamen, werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Das GroßflugzeugMaxim Gorki" führte über Moskau Rundflüge aus. In der Nähe des Dorfes Wsech- swjatskoje hatten sich besonders ausgewäylte Beleg­schaftsgruppen mehrerer Betriebe versammelt, um einen Rundflug zu machen. Als 40 fog. Udarniki durch überdurchschnittliche Leistungen ausgezeichnete Arbeiter des großen Institutes für Flugzeugbau Zagi" eintrafen, wurde ihnen, da sie am Bau des Flugzeuges selbst beteiligt waren, der Vorrang ge­lassen. Nach Beendigung des Rundfluges näherte sich das Großflugzeug bereits dem Landungsplatz, als das Unglück eintrat.

DerMaxim Gorki" wurde im Frühjahr 1934 nach Plänen des bekanntesten sowjetrussischen Flug­zeugerbauers T u p o l e w fertiggestellt. Er hatte acht Motoren von insgesamt 7000 PS. Die Rumpf­länge betrug 35 Meter, die Flügelspanne 64 Meter. Man bezeichnete es als Agitationsflugzeug. Es hatte eine kleine Druckerei an Bord, ferner ein photo­mechanisches Laboratorium und verfügte über Sende- und Lautsprecheranlagen. DerMaxim Gorki" war der höchste Stolz des sowjetrussischen Flugzeugbaues.

EinnochgrößererMaxzmGorki" wird gebaut.

In ganz Sowjetrußland hat die Katastrophe größte Erschütterung ausgelöst. Es ist das schwerste Flugzeugunglück, das sich bisher in der Sowjetunion ereignet hat. In der Presse werden zahlreiche Beileidstelegramme veröffentlicht. Auch Mitglieder des Diplomatischen Korps haben dem tellvertretenden Außenkommissar K r e st i n s k i ihr Beileid ausgesprochen. In einem Zeitungsartikel schreibt der Kommandeur der Flugzeugstaffel, der derMaxim Gorki" angehörte, man werde sich trotz dieses Verlustes nicht ergeben, man werde sich nicht von der Trauer übermannen lassen. Es werde vielmehr dafür gesorgt werden, daß sofort mit dem Bau eines neuen, noch größeren M axim - Gorki"- Flugzeuges begonnen werde.

Das Beileid des Auslandes.

Die Leichen der 48 Opfer, die zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt sind, wurden im Städtischen Krematorium aufgebahrt. Aus aller Welt treffen Beileidskundgebungen ein. Die meisten der in Moskau beglaubigten diploma­tischen Vertreter, darunter der deutsche Botschafter Graf Schulenburg, haben im Außenkommis- ariat ihr Beileid ausgesprochen. Die Moskauer Be­völkerung nimmt schweigend Abschied von den Opfern des furchtbaren Unglücks. In vielen Städten haben bereits Gedächtnisfeiern für die Verunglück­ten stattgefunden. In Ansprachen bekannter Flieger und Militärs wurde besonders hervorgehoben, daß der Verlust des Flugzeuges eher zu verschmerzen ei, als der Verlust so vieler Mitglieder des hervor­ragend geschulten Flugbaupersonals.