Ausgabe 
19.12.1935
 
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Nr. 296 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, (9. Dezember (935

Venesch zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt.

Außenminister für unentbehrlich betrachtete, erhob sich mancher Einwand gegen seine Wahl zum Nach­folger Masaryks. In der Tat ist Benesch als einer der Gründer der Kleinen Entente, als einflußreicher

2-k a g 18. Dez. (DNB.) Die N a t i o n a l v e r - fammlung wählte Dr. Ed. Benesch im ersten Wahlgang mit 340 Stimmen zum Präsiden­ten der Tschechoslowakischen Repu­blik. Insgesamt wurden 442 Stimmzettel abge= geben, davon waren 76 leer. Die amtliche Auszäh­lung ergab 440 abgegebene gültige Stimmen. Da­von lauteten auf Dr. Benesch 340, auf Dr. Nemec 24; 76 Stimmzettel waren leer. Die Mehrheit, die Dr. Benesch schon im ersten Wahlgang erhielt, war überraschend. Die 76 leeren Stimmzettel stammen von der Sudetendeutschen Par­tei, von den Ungarn und den tschechischen Faschisten. Die 24 Stimmen für den Gegenkan­didaten Dr. Beneschs, Dr. Nemec, waren von der Tschechischen Nationalvereinigung ab­gegeben worden.

Kurz nach 11.15 Uhr kündigten 21 Kanonenschüsse an, daß die Wahl des neuen Präsidenten der Re­publik vollzogen war. lieber Stadt und Burg krei­sten zwei Flugzeuggeschwader, bestehend aus neun schweren Bombenflugzeugen. Gleichzeitig wurde über alle tschechoslowakischen Rundfunksender das Ergebnis der Wahl bekanntgegeben. Auf dem Ge­bäude des Wladislaw-Saales wurde die Staats­flagge gehißt. Die Burgwache leistete die militäri­sche Ehrenbezeugung, und die Militärkapelle into­nierte die Staatshymne.

Der alte Wladislaw-Saal der Prager Burg, der Schauplatz vieler böhmischer Königswahlen im Mit­telalter und der letzten Wahl des Staatspräsidenten Masaryk im Jahre 1924 bot mit den gotischen Wöl­bungen und festlich geschmückten Tribünen ein stim­mungsvolles Bild. Er war bis auf das letzte Plätz­

chen gefüllt. Unter den dunkel gekleideten Zuschauern leuchteten die farbigen Soutanen der katholischen Geistlichkeit, die Uniformen der Generale und Mili­tärattaches hervor. Die Rektoren der Prager Hoch­schulen waren in ihrer Amtstracht mit der Rektoren­kette erschienen.

Während der Präsident des Abgeordnetenhauses Mal.ypetr als Vorsitzender der Nationalver? fammlung ehrende Worte an Masaryk richtete, hatte sich die Versammlung von ihren Plätzen erhoben. Als das Ergebnis verkündet wurde, standen die Anwesenden ebenfalls auf und brachten stürmische Beifalls - und Hochrufe auf Dr. Benesch aus. Die Ablegung des Ge­löbnisses des neugewählten Staatspräsidenten er­folgte dann unter größter Aufmerksamkeit.

Auf dem Burgplatz hatten Militär in Parade, die Prager Bürgerwache mit ihren charakteristi­schen Bärenmützen, Abordnungen der Sokoln, der tschechischen National-Sozialistischen Freiheits­wache, der tschechischen Pfadfinder und anderer Vereine Aufstellung genommen. Dr. Benesch, bei seinem Erscheinen von stürmischem Jubel empfangen, schritt die Front der Ehrenkompanie ab und begab sich hierauf zu einem Besuch Masaryks nach Schloß Lana. Dr. Benesch hat den Vorsitzenden der Regierung Dr. H o d z a neuerdings zum Vorsitzenden der Regierung er­nannt und ihn gleichzeitig mit der Leitung des Ministeriums des Aeußeren be­traut. Die übrigen Mitglieder der bisherigen Re­gierung werden gleichzeitig neu in ihre bis­herigen Aemter berufen.

Bon Masaryk zu Benesch.

Der bisherige Präsident der tschechoslowakischen Republik T. G. Masaryk hat in seiner Rück­trittserklärung u. a. bemerkt:Ich möchte Ihnen gern sagen,- daß ich Dr. Benesch zu meinem Nachfolger empfehle, mit dem ich gearbeitet habe und den ich kenne." Masaryk und Benesch haben in der Tat an der Schaffung und dem Ausbau des tschechoslowakischen Staates entscheidend zusammen­gearbeitet. An Lebensjahren recht verschieden eine volle Generationsspanne trennt den fünfzig­jährigen Benesch von dem sechsundachtzigjährigen Masaryk gleichen sie sich doch in ihrem Lebens­gange und in ihren persönlichen Schicksalen. M a - saryk entstammte ärmlichen Verhältnissen, sein slowakischer Vater war herrschaftlicher Kutscher, seine Mutter war eine Deutsche. Benesch, der Abstam­mung nach reiner Tscheche, hat seine Heimat in einem kleinen tschechischen Landort; auch ihm ist es nur unter schwierigen Verhältnissen möglich ge­wesen, die akademische Laufbahn einzufchlagen. Nach fleißigem Studium in Paris und Berlin wurde Benesch Dozent in Prag, die Schriften und Lehren des Philosophen Masaryk hatten einen starken Eindruck auf ihn gemacht. Immerhin kann gesagt werden, daß dieser noch auf dem Boden der älteren bürgerlichen Auffassung stand, während Be­nesch sich starker von den marxistischen Strömungen tragen ließ, die in der russischen Revolution von 1905 ihren Ausdruck fanden und in denen die deutsch-feindliche Tendenz nicht an letzter Stelle stand. Benesch selbst schildert in feinem Lebensgong, daß er Frankreich liebte, daß ihm England durch seine Kraft imponierte, daß ihn aber das Deutsch­land der Vorkriegszeit zur inneren Ablehnung ver­anlaßte.Ich söhnte mich mit Deutschland erst beim Studium der deutschen Philosophie und Li­teratur aus. Erst in der Heimat arbeitete ich mich bewußt und konsequent zur objektiven und unvor­eingenommenen Beurteilung Deutschlands und sei­ner Kultur durch." Daß der junge Politiker ein Feind des Habsburger Staates war, versteht sich von selber. Er bekennt, daß die Erziehung diese Einstellung schon seit feiner Jugend systematisch aus­gebildet hatte.

Der Weltkrieg schloß die aktivistischen Kreise des

tschechischen Volkes eng zusammen. Während die Truppen an der Front standen, bildete sich um Ma­saryk, Benesch, Kramarsch und andere eine Gruppe von Männern, die entschlossen war, die Gunst der Zeit zu nutzen. Benesch sagt, daß er nach dem Eintritt Englands in den Krieg über feinen Aus­gang nicht zweifelhaft gewesen sei. Im Dezember 1915 es find jetzt Jahre her ging M a - saryk ins Ausland, um dort die Propaganda gegen Oesterreich-Ungarn aufzunehmen. Er über­gab die Weisungen für die Taktik der tschechischen Bewegung in der Heimat Eduard Benesch. Ma­saryk ging zuerst nach der Schweiz und nach Frankreich, später hat er insbesondere in A m.e - r i f a gearbeitet, um die dorthin gewanderten Tschechen in Nationalkomitees zu organisieren und die Einigung mit den Slowaken durchzuführen. Diese Gruppen im Ausland wurden die ersten An­fänge der eigenen nationalen Vertretung, sie wirk­ten nicht nur propagandistisch, sondern brachten auch die ersten Gelder für diesen Zweck auf. In Böhmen wurde eine Geheimorganisation geschaffen, die mit den ausländischen Komitees in Verkündung stand.

Im September 1915 floh auch Benesch ins Ausland. Ein befreundeter Militärarzt half ihm bei Asch über die Grenze. An der Schweizer Grenze gab es eine mehrere Stunden dauernde aufregende Durchsuchung, dann war der neutrale Boden er­reicht. Paris und London waren die Zentral­stellen der Agitation. Masaryk war der Leiter, Benesch der Sekretär des National-Ausschusses. Mit allen Mitteln suchte man die öffentliche Meinung in den Staaten der Entente zu beeinflussen, Ein­gang bei Politikern und Militärs zu finden. Die Gründung tschechischer Legionen durch Ueberläufer an der russischen Front wirkte im Sinne der Unabhängigkeitsbewegung. Wenn sich die mili­tärische Lage bei den Staaten der Entente ver­schlechterte, setzte diese ihre Hoffnung um so stärker auf den inneren Zerfall Oesterreichs. Polen und Südslawien arbeiteten in derselben Richtung. So gelang im Laufe der Zeit bei der Entente die An­erkennung der Tschechen als einer kriegführenden Macht. Im Sommer 1918

proklamierte der Nationalrat die Selbständig­keit eines tschechoslowakischen Staates von Paris aus. Einige Monate später hatten Masaryk und Benesch das Ziel erreicht, nach dem Zusammenbruch des alten Oesterreich kehrten sie als Führer ihrer N a t i o n in die Heimat zurück.

Benesch hatte sich inzwischen derart mit den außenpolitischen Männern vertraut gemacht, daß er der gegebene Außenmini st er des neuen Staates wurde, dessen Stellung auch durch die in- nerpolitischen Schwankungen der Tschechoslowakei nicht berührt wurde. Gerade weil man ihn als

Kenner des Genfer Kräftespiels, als Förderer der französisch-sowjetrussischen Annäherung außenpoli­tisch stark festgelegt. So energisch auch Benesch jederzeit für die Befreiung des tschechoslowakischen Volkes eingetreten ist, sodiplomatisch" hat er das Problem der deutschen Minderheitsfrage an­gepackt. Er hat oft so getan, als ob für ihn ein solches Problem überhaupt nicht existiere^ Hoffen wir, daß der Staatspräsident dieser bren­nenden Frage größeres Wohlwollen entgegen« bringen wird als der Außenminister.

Deutsche Weihnacht in Aegypten.

Erinnerungen eines ehemaligen Ausländsdeutschen.

Von Dr. Alfred Kaufmann, Gießen.

Das deutsche Weihnachtsfest im Ausland hat einen ganz besonderen Klang. Wenn je die Auslanddeut­schen draußen über den Weltmeeren sich ganz eng mit der Fernen Heimat verbunden fühlen, so ist es gerade zur Weihnachtszeit; denn Weihnachten ist das deutscheste der Feste, von dem kein deutsches Herz lassen kann. Alles, was mit diesem weihevollen Fest verbunden ist, führt zurück zur Heimat, zu Elternhaus und Kindheit, wo wir zum ersten Male in heiliger Ergriffenheit ins Licht des Chriftbaums schauten, zum Heimatdorf und Heimatglockenklang, zu Lied und Brauchtum, mit dem das deutsche Ge­müt in so überreicher Fülle dies einzigartige Fest mitten im falten Winter ausgestaltet hat.

So ist es natürlich, daß wir gerade im Aus­land, im Nebeneinander verschiedener Nationen, Sprachen, Rassen, Religionen, Weihnachten mit be­sonderer Liebe und besonders gehobener Stimmung Jahr für Jahr gefeiert haben. Christliches Fest deutsches Fest: das schloß'sich aufs engste zusammen. Wohl paßten die deutschen Weihnachsklänge van Schnee und Eis wenig zu der palmengeschmückten Landschaft, zum warmen Sonnenhimmel, die uns umgaben. Aber was tat's? Die Herzen aller Deut­schen waren auf Weihnachten eingestellt.

Wir feierten die Weihnachtstage mit einer Innig­keit, wie sie selbst in der Heimat selten ist, in der Deutschen Schule, wo unsere Kinder den ganzen Dezember hindurch die alten lieben heimat­lichen Weihnachtslieder übten und dann am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien kleine Theater­stücke vor versammeltem Elternkreis aufführten mit Darstellungen aus der deutschen Märchenwelt ober den heiligen Weihenächten der alten Germanen. Wir feierten es in unserer am Meeresufer gelegenen trauten Kirche im Festgottesdienst der Gemeinde und bei einer weihnachtlichen Abendfeier mit den Kleinen des Kindergottesdienstes, die freudig ihre Sprüche und Lieder zum Preis des Christfestes auf­sagten. Wir feierten es in unserem deutschen Dia - konissenhospital, wo das Evangelium der Weihnacht dem Kreis der um den Lichterbaum und den reichen Gabentisch versammelten Kranken aus allen Ländern und Völkern in vier Sprachen, deutsch, englisch, französisch und arabisch verkündet wurde. Wir feierten es im deutschen Frauen- verein, von dem die Armen der Kolonie, beson­ders die einsamen Frauen und Mädchen beschert wurden und ihre sorgsam vorbereiteten Gaben ent­weder bei dieser Feier selbst erhielten oder von der Gemeindeschwester ins Haus gebracht bekamen. Wir feierten es auf den im Hafen liegenden deutschen Schiffen; jedes Jahr hatten wir die Freude des Besuchs eines deutschen Kriegsschiffs im Hafen von Alexandrien, und Handelsschiffe der Deutschen Levantelinie oder anderer Schiffsgesellschaften kehr­ten auch meist zur Weihnachtszeit bei uns ein. Wir brachten den wetterharten Männern von der See aus Sammlungen in der deutschen Kolonie Körbe von Liebesgaben aller Art, Fässer voll Bier und Wein, die als Zeichen des weihnachtlichen Gedenkens der Landsleute im Land am Nil freudig aufgenom­men wurden. Wie herrlich war es, wenn der Ge­

sangStille Nacht" undO du fröhliche" von Bord der Schiffe über die nächtliche Wasserfläche des Alexandriner Hafens hinüberklang zum lichtüber-i säten Küstensaum der ägyptischen Großstadt!

Wir feierten Weihnachten auch für die deutschen Brüder von der Landstraße", die früher in großer Zahl, Anfänger auf der abenteuerlichen schiefen Ebene und richtige Stromer, die Länder des Orients durchzogen. Von überall, aus den armseli­gen Kneipen und Asylen der internationalen Hafen­stadt, kamen sie zusammen in den festlichen Saal der Deutschen Schule, sangen in Erinnerung an die fern dahintenliegende Heimat und bessere Tage ihres Le­bens in Ergriffenheit die alten, vielleicht feit vielen Jahren nie mehr gehörten Weihnachtslieder und empfingen gerührt die von warmer Liebe für diese ärmsten Landsleute zeugenden Gaben. Gar mancher, dessen weiteren Lebensweg wir verfolgen konnten, empfing dabei einen Lichtstrahl in sein Herz, der neuen Lebensmut entfachte und Kraft gab zur Rück­kehr in ein geordnetes Dasein. Manchen jungen Mann, der wegen irgendeines leichtsinnigen Streichs, eines Streits im Elternhaus, einer Liebesgeschichte und dergleichen die Heimat verlassen und in der Fremde die Not des Lebens reichlich erfahren, man­chen deutschen Deserteur von der französischen Frem­denlegion, der bei der Durchfahrt durch den Suez­kanal dem Truppentransportdampfer entflohen, konnten wir durch die Vermittlung unseres Deut­schen Hilfsvereins den bekümmerten Eltern in der Heimat wieder zuführen. Wir feierten Weihnachten aber selbstverständlich auch in der deutschen Familie; viele Familien boten dabei allein­stehenden jungen Deutschen Gastfreundschaft, und alle anderen aus unserer internationalen Umwelt wuß­ten: das istdas deutsche Fest"!

Wir feierten Weihnacht auch nach Möglichkeit mit den im ägyptischen Land einzeln zerstreuten deut­schen Familien, denen ihre Einsamkeit in der frem­den Welt gerade zu diesem Fest besonders zum Be­wußtsein kam. Jedes Jahr machte ich in den Tagen nach Weihnachten eine Rundfahrt durch das Nilde 11a, um da und dort in arabischen Dörfern und kleinen Städten die Landsleute zu besuchen und ihnen einen Festgruß von unserer Kolonie in Alexandrien zu bringen. Wie war man überall als Bote der Heimat willkommen und als Gast gefeiert! Dann saßen wir am milden Abend mit der Familie unter den Palmen, schauten über die grünenden Felder und die Kanäle mit ihren langsam dahin- ziehenden malerischen Segelbooten in das herrliche Farbenspiel des ägyptischen Abendhimmels, waren fröhlich zusammen in Weihnachtsfreude und rede­ten von der fernen winterlichen Heimat und allem was uns als Deutsche hier in diesem Land anging. Eine kurze Festpause gönnte sich jeder dieser im Berufsleben so angestrengt arbeitenden Menschen. Wohltuend breitete sich der Lichtglanz der deutschen Weihnacht über alle, auch die Einsamsten in der Diaspora.

Ueberall, wo wir Weihnachten feierten, brannte auch der deutsche Christbaum, keine Ersatzbäume, sondern richtige Tannen aus dem deutschen

Weihnachten im allen Haus.

r*Dti Isolde Frey, z. z. Äuenos Aires.

In der Nacht ist Schnee gefallen und hat die Häuser und Straßen der Kleinstadt in einen winter­lichen Mantel eingehüllt. Am Ende der weißbe­schneiten Gasse steht dunkel und trutzig das alte Steinhaus und schaut stolz auf die bürgerlichen Fachwerkhäuser herab. Gerade fällt krachend sein Tor zu, und laut jubelnd über den Schnee stehen die Jüngsten des Hauses, zwei Buben, auf der Straße. Ein Trupp Schulmädchen, der vorbei­kommt, wird übermütig mit Schneeballen bombar­diert, und dann gehts einträchtig zur Schule. Stolz und froh, aber auch etwas bang sieht ihnen die Mutter nach. Denn gestern hat sie Weihnachtsgebäck gemacht, und der Vater hat ihr mit den beiden bis in die späte Nacht hinein beim Ausstechen der Plätzchen geholfen. So find die Kinder heute in der Schule sicher unaufmerksam und verschlafen.

Ja, sonst war das etwas anderes. Da waren die zwei Aeltesten, dieGroßen", noch zu Hause, die jetzt in der Hauptstadt sich ausbilden. Mutter ver­mißt sie überall, besonders die Tochter, die ihr sonst bei allen Weihnachtsvorbereitungen half. Doch es muß auch so gehen. Die größte Freude an Weih­nachten wird es für sie fein, ihre vier Kinder zu Hause zu haben.

Ja, ein paar Tage nach und dann sind sie alle wieder zusammen im alten Nest. Die kalte Win­ter lüft stört sie in ihren Gedanken. Schnell schließt sie die klirrenden Butzenscheibenfenster und begibt sich in die Küche, von wo ein weihnachtlicher Duft sich über Diele und Treppenhaus bis in alle Räume verbreitet.

Die Tage vor Weihnachten fliegen unter Vor­bereitungen zum Fest vorbei; denn, ist auch das Geld knapp und bedrücken Zukunftssorgen die Eltern, an Weihnachten werden solche Dinge in den Hintergrund geschoben.

Inzwischen sind auch die Großen eingetroffen. All die schönen, weihnachtlich geschmückten Läden in der Stadt konnten ihnen keine Weihnachtsstim­mung bringen; doch bei der Ankunst am kleinen Bahnhof, als sie in die frohen Augen der Ge­schwister blickten, zog sofort Weihnachtsfreude in ihre Herzen ein. Auf dem Weg nach Hause ver­trauten die Buben den größeren Geschwistern ihre Heimlichkeiten an und befragten sie über diese und jene Ueberraschung, die sie in Ihrem Zimmer ver­steckt hielten. Weder Vater noch Mutter durften bei Todesstrafe" dieses Zimmer betreten.

Nun waren sie unter Plaudern und dem Be­grüßen der vielen Bekannten in der Kleinstadt zu Hause angekommen und umarmten stürmisch, doch etwas flüchtig, die Eltern. Flüchtig, weil man mit den Gedanken schon wieder bei den eigenen Weih­nachtssorgen war.

In der folgenden Zeit wird das alte Haus in feiner ehrwürdigen Ruhe sehr gestört durch die Ge­schäftigkeit seiner Bewohner. Niemand kann mehr ein Zimmer betreten, ohne von einer erschreckten Stimme laut hinausgebrüllt zu werden. Ja, es will fast scheinen, aus der glücklichen Familie fei ein Haufen kämpfender Feinde geworden. Blickt man aber in die frohen Gesichter, so wird man eines Besseren belehrt.

Schließlich ist es wirklich Heiliger Abend, und in der dunklen, schmalen Kemenate hat sich erwar­tungsvoll die Familie versammelt. Aus einem Nach­barhause bringen die Töne eines Weihnachtsliedes zu ihnen und senken ein Gefühl von Verbundensein und Gemeinschaft mit vielen Tausenden von Men­schen in ihre Herzen, und auch sie fangen an zu fingen. Die schönen, altbekannten, lieben Lieder er­füllen den Raum, und während ihres Singens öffnet der Vater die Türe zu dem Weihnachts­zimmer. Welch ein Weihnachtszimmer: der Saal mit der wundervollen Stuckdecke, dem alten, grünen Kachelofen und den vielen Fensternischen in den dicken Mauern. Vor den verschlossenen Türen des Erkers steht nun der große Tannenbaum, dessen Kerzen den festlichen Raum mit Licht erfüllen.

Schweigend und feierlich, wie die Ahnenbilder an der Wand, treten die Bewohner des alten Hauses ein und gehen auf den Baum zu. Und im An- schauen des Weihnachtsbaumes kommen ihnen Worte der Liebe, Worte, die als schöne Erinnerung auf lange Zeit in ihren Herzen nachhallen werden. Glückliche Augen sehen sich aus Gesichtern an, die vorn Kerzenschein des Lichterbaumes bestrahlt sind. Sie brauchen sich nicht zu fragen, warum Weih­nachten das schönste Fest im Jahre ist, denn für sie ist es ein Symbol gegenseitiger Liebe. Nur in Gedanken daran haben sie einander Ueberraschun- gen bereitet, die nun auf geschmückten Tischen aus- gebreitet sind.

Draußen fällt leise und weich Schneeflocke auf Schneeflocke herab, vorbei an den festlich erleuchte­ten Fenstern des Saales, aus denen der laute Jubel der Kinder bringt. Auf den wehrhaften Mauern, ben Zacken bes Giebels unb bem alten Ziehbrun­nen im Hof häuft sich ber Schnee, unb die Stille Her Nacht senkt sich herab auf bie kleine Stadt.

Wieviel Hugenotten-Abkömmlinge gibt es noch in Deutschland?

Dor einigen Monaten wurde in den deutschen Hugenottengemeinden die 250. Wiederkehr des Tages gefeiert, an dem der Große Kurfürst mit feinem Edikt von Potsdam die französischen Glau­bensflüchtlinge in seine Lande rief und ihnen eine neue Heimat anbot. Viele Zeitungen haben aus Anlaß dieser Feiern ihren Lesern ein Stück Ge­schichte näher gebracht, das vielfach in Vergessenheit geraten war. Die Hugenotten, Waldenser und Wal­lonen, die infolge der Aufhebung des Ediktes von Nantes nach Deutschland geflüchtet waren, sind treue und brave Staatsbürger des Deutschen Reiches geworden und haben von ihrem Ursprungslande lediglich noch den Namen, lieber die Zahl der hier eingewanderten Flüchtlinge gehen die Ansichten weit auseinander. Man schätzt den Verlust, den das Frankreich Ludwigs XIV. durch die Auswande­rung erlitten haben soll, auf mancher Seite bis auf 800 000 Personen. England, Holland, die Schweiz und Amerika hatten sich ebenfalls der Hugenotten angenommen und auch in diesen Ländern trifft man heute noch Nachkommen von ihnen. Allein nach Brandenburg-Preußen sollen etwa 25 000 Refugies gekommen sein. Wenn man bedenkt, daß Berlin mit seinen etwa 22 000 Einwohnern im Jahre 1697 rund 4300 Refugies beherbergte, bann kann man sich eine Vorstellung baoon machen, wel­chen Einfluß biefe Zugewanberten auf bas gesamte Geistes- unb Wirtschaftsleben ausüben mußten. Es wäre interessant, einmal festzustellen, ob die Zahl ber Hugenotten mit ber Bevölkerungszunahme Deutschlands Schritt gehalten hat ober ob im Laufe ber Jahre ein Rückgang eingetreten ist, ber viel­leicht zu erklären wäre burch ein lleberroiegen weib­licher Hugenotten, bie burch Verheiratung mit einem Deutschen gewissermaßen einen Ahnenschwund bar­stellen. Von ben seinerzeit gegrünbeten 200 Huge­nottenkolonien bestehen heute nicht mehr sehr viele als jelbftänbige Gemeinben. Die Jubiläumsfeiern haben aber doch gezeigt, baß bas Gemeinbeleben recht rege ist unb manch ein Hugenottenabkömmling hat auch eine weite Reife nicht gescheut, um roieber einmal an einem Koloniefest teilnehmen zu können. Hugenotten leben heute im ganzen Reiche zerstreut. Wie viele mögen es noch fein? Wer sich zu ihnen rechnet, senbe seine Anschrift mit einer kurzen An­gabe barüber, wo seine Vorfahren einmal in Deutschland ihre erste Nieberlassung hatten, an ben Bibliothekar des Deutschen Hugenotten-Dereins,

Herrn Richarb Fouquet, Berlin-Friedenau, Rubensstraße 45. Es soll versucht werden, möglichst viele Abkömmlinge zu erfassen und im Deutschen Hugenotten-Verein zu sammeln. In seiner über 40 Jahre währenden Tätigkeit hat dieser Verein durch seine Geschichtsforschungen, die in feinen Ge­schichtsblättern niedergelegt sind, viel zum Ver­ständnis und zur Vertiefung bes Hugenottentums beigetragen. Auch Familienforscher finben in ben Geschichtsblättern ost reiches Material.

Hochschulnachrichten.

Der Dozent unb Stubienrat Dr. phil. habil. Lud- wig Zimmermann in Marburg ist beauf­tragt worben, ab sofort bie in ber philosophischen Fakultät ber Universität Erlangen burch bas Ableben bes Professors Brandt freigeworbene Professur für neuere unb neueste Geschichte einst­weilen vertretungsweise zu übernehmen.

Geh. Rat. Professor Dr. Joh. Hoops, Ordina- rius für englische Philologie an ber Universität Heibelberg, ist von ber Königlichen Sozietät ber Wissenschaft in Upsala zum orbentlichen Dtitglieb ernannt worben.

Der planmäßige a. o. Professor für neuere beut« sche Literatur an ber Universität Heibelberg, Professor Dr. Rudolf F a h r n e r , ist für bas Wintersemester 1935/36 infolge einer Erkrankung von seinem Lehramt beurlaubt worben. Als Ver­treter Professor Fahrners übernimmt ber Orbina- rius für beutsche Sprache an ber Technischen Hoch­schule Stuttgart, Professor Dr. Hermann Pongs, bie Vorlesungen an ber Universität Heidelberg.

Der ordentliche Professor für Agrikulturchemie an der Universität Jena, Dr. Hans Wieß- mann, Direktor der landwirtschaftlichen Ver­suchsstation, ist im Alter von 47 Jahren g e ft o r ben. Professor Wießmann, ber feit zwei Jahren ber Universität Jena angehört, hatte sich in Aus­übung seines Berufes eine Lungenentzünbung zu- gezogen, bie jetzt feinen Tob herbeiführte. Seit bem i. Oktober 1934 war Professor Wießmann erster Vorsitzenber bes Verbanbes Deutscher Lanbwirt- schaftlicher Versuchsanstalten unb Obmann ber Reichsarbeitsgemeinschaft lanbwirtschaftlicher Chemie. Auf ber Tagung ber Internationalen Bobenkunb- lichen Gesellschaft, bie kürzlich in ber englischen Universitätsstabt Oxforb ffattfanb, würbe er zum Generalsekretär der Kommission für Bodenphysik ernannt