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Frankreich, ein Thema, das gerade jetzt wieder die uralte Diskussion dieser europäischen Schicksals­frage von neuem belebt hat. Daß von jenseits des Rheins ehrlichere und sachlichere Stimmen herübertönen, daß man sogar bitter die Folgen der Erbfeindtheorie" beklagt, Die Ausnutzung und In­rechnungstellung diesesunüberbrückbaren" Gegen­satzes für mitunter recht zweifelhafte Geschäfte, daß man die Fessel des Russenbündnisses als einer ausdrücklichen Rückversicherung Moskaus gegen eine deutsch-französische 23er« ständigung zu spüren beginnt, die Einholung der bolschewistischen Erlaubnis für ein Gespräch mit Berlin als unwürdige Schmach empfindet, das alles soll als Symptom gewiß nicht unterschätzt wer­den. Aber die politischen und historischen Ver­säumnisse von 15 Jahren haben allzuviel Wider­stände aufgetürmt und psychologischen Ballast hin­terlassen, als daß die Lösung und Befreiung aus der alten Betrachtungsweise so ohne weiteres mög­lich märe, selbst bei einem höheren Maß von gutem Willen.

Daran fehlt es aber auch heute noch. Denn es ist ein Zeichen schlechten Willens, wenn in der fran­zösischen Presse die Pflicht zum Mißtrauen gegen Deutschland proklamiert roirt), weil es sich vom Völkerbunde zurückgezogen und der kollektiven Zusammenarbeit versagt habe. Diese Verdrehung von Ursache und Wirkung ist um so schlimmer, als sie dann wiederum den Vorwand für all die Vorkehrungen liefern soll, die der fran­zösischen Nachkriegspolitik das Gepräge geben. Deutschland ist durchaus zu jeder wirklichen Zusam­menarbeit bereit; wenn sie bisher, was Frankreich anbetrifft, nicht möglich war, so deshalb, weil die französische Konzeption der internationalen Zusam­menarbeit dem Geist wahrer Kollektivität wider­sprach, denn sie fand ihren Sinn und ihre Erfül­lung in ihrer ausgesprochen antideutschen Tendenz. Solange man den pflichtgemäßen deutschen Wider­spruch gegen dieses Zerrbild der Kollektivität als Absage an die Idee der Zusammenarbeit überhaupt auslegt, oder einen deutsch-französischen Ausgleich von der Anerkennung dieser Versailler Vorstellungs­welt Frankreichs abhängig macht, solange wird sich die Kluft eben nicht schließen lassen.

Es ist deshalb auch abwegig, wenn derMotin" meint, diefranzösische Annäherungspolitik an Europa weist lediglich die Lücke Deutschland auf", es sei mit anderen Worten nur der man­gelnde Wille Deutschlands, der die Schließung dieser Lücke verhindere. Denn die ganze Anlage der französischen Kontinentalpolitik ist derart, daß sie von vornherein auf diese Lücke abzielt, näm­lich auf die Isolierung des Reiches. Mit der ein­fachen Ableugnung jeder Einkreisungsabsicht ist es angesichts der vielfachen Militärbündnisse nicht ge­tan; diese Separatabkommen werfen im Gegenteil höchstens die Frage nach ihrer Vereinbarkeit mit der Idee der Kollektivität auf.

Nun gilt es bei unserem westlichen Nachbarn als ausgemacht, daß das Reich sich Frankreich nur nähere, um sich im Westen den Rücken und im Osten die Handlungsfreiheit zu sichern für allerlei abenteuerliche und unfriedliche Vorhaben. Um des Friedens willen und aus seiner europäischen Ver­antwortung heraus dürfe deshalb Frankreich nie allein Deutschland als Gesprächspartner gegenüber« treten, sondern nur im Bunde und im Einverständ­nis mit feinen schutzbedürftigen Freunden. Das ist eine angesichts der durch die Tat bewiesenen deut­schen Friedenspolitik ebenso unfaire wie groteske Unterstellung. Sie läßt um so mehr an dem guten Willen der französischen Politik zweifeln, als dieser Verdacht von einer Seite kommt, die auf Grund ihrer Taten den gegen Deutschland erhobenen Vor­wurf wahrlich selbst in erster Linie verdient hat. Meint man, uns wirklich glauben machen zu kön­nen, daß die ganze diplomatische und militärische Einkreisungspolitik Frankreichs nur den Sinn habe, ein deutsch-französisches Gespräch zu ermöglichen? Ist es nicht vielmehr so, daß der Quai d'Orsay sich hier eine bequeme Möglichkeit geschaffen hat, eine Politik der Isolierung Deutschlands zu betreiben und gleichzeitig vor der Welt als derjenige aufzu­treten, der durchaus guten und verständigungs­bereiten Willens ist?

Wäre es nicht europäischer gedacht, anstatt sich auf solche diplomatischen Finessen zu verlassen, eine ehrliche und loyale Politik zu trei­ben? Alles Raffinement hat den Aufstieg Deutsch­lands nicht hindern können. Daß er sich gegen Frankreichs Willen vollziehen mußte, daß die fran­zösische Politik heute deshalb über dieversäumten Gelegenheiten" klagen muß und von dem zuneh­menden Zweifel an der Richtigkeit ihres Weges ge­

drängt wird, das alles markiert das enorme Aus­maß ihrer historischen Schuld. In souveräner Un­abhängigkeit und Stärke, aber auch in loyaler Bereitschaft steht heute das Reich der Welt und Frankreich gegenüber. Erst wenn Frankreich auf­hört, der zuletzt doch vergebliche Vollstrecker des Versailler Unrechtes zu fein und sein zu wollen.

erst wenn es bereit ist, der Idee des wirk­lichen Rechtes der Völkergemeinschaft zum Siege zu verhelfen, wird sich die Brücke schla­gen lassen, wird ein Problem gelöst werden können, das nach den treffenden Worten einer französischen Zeitung durch die Jahrhunderte hindurch Ruinen und Tränen gesät hat.

Der erste Tag der Sanktionen.

Oie Botschaften Frankreichs und Englands in Rom unter militärischem Schuft.

Rom, 18. Nov. (DNB.) Italien hat aus Anlaß des heutigen Sanktionsbeginns die Fahnen gehißt als einmütiges Bekenntnis seiner ent­schlossenen Gegenwehr gegen die sanktionsführenden Staaten. In ganz Rom herrscht ungewöhnliche Be­wegung. Ganze Straßenzüge gleichen einem Heer­lager. Ueberall auf den Straßen sieht man Militär. Schon in den frühen Morgenstunden veranstalteten Studenten eine Razzia gegen alles, was noch fremde Spuren trägt. Sämtliche Zugangsstraßen der Piazza di Spagna, an der sich d a s englische Konsulat und eine große englische Apotheke be­finden, waren von 4 bis 6 dichten Reihen feld­marschmäßig ausgerüsteter Grenadiere und 23er« saglieri mit aufgepflanztem Seitengewehr ab ge­sperrt. Nahe der englischen Botschaft sind Truppen bereitgestellt. An der französischen Botschaft hat man nach vielen Jahren erstmals ebenfalls Militär bereitgestellt, das aller­dings in den Höfen der umliegenden Häuser ver­borgen gehalten wird. Allein in dem Hof des gegenüberliegenden Palastes steht eine ganze Kom­panie bereit. 7,5-Zentimeter-Geschütze wurden in der Nähe der englischen Botschaft auf- gestellt. Der Tag ist aber ohne Zwischenfälle ver­laufen. Die Polizei schritt an verschiedenen Stellen gegen die Demonstranten ein. Es sollen etwa 20 bis 30 Studenten festgenommen roorben sein. Trotz­dem sind die Truppen nicht zurückgezogen worden.

Die römische Presse äußert sich zum Beginn des Wirtschaftskrieges mit großer Verbitterung. Das halbamtlicheGiornale d ' I t a I i a" betont den harten Ernst des neuen wirtschaftlichen und politi­schen Krieges gegen Italien, der in der Geschichte der zivilisierten Welt beispiellos dastehe. Italien wisse, daß sich der Kampf noch weiter verschlechtern könne. Mit klaren Augen sehe es alle die verschie­denartigen Kräfte und die nationale Eigensucht imperialistischer Staaten, die sich in ihrer Sanktions­wut zusammengeschlossen hätten. Es wisse, daß diese Kräfte auch weiterhin am Werke sind, um das letzte Zögern der neutral gebliebenen Staaten zu über­winden und um den Belagerungsring noch fester und unerbittlicher um Ita­lien zu schließen. Es wisse auch, daß die Or- aanifatoren der Belagerung die bestialische Erpres­sermaschine noch schärfer anziehen wollen, da sie mit den ersten Erfolgen nicht zufrieden seien. Italien vertraue aufdas Gewissen, das in immer größeren Kreisen der zivilisierten Welt zu schlagen beginne. Vor allem aber vertraue es a u f seine eigene geistige und moralische Kraft und auf seine produktive und organisatorische Lei­stungsfähigkeit.

Oie Sicherung der italienischen Oelbestände.

Mailand, 19. Nov. (DNB. Funkspruch.) Das Korpvrativnsministerium ist ermächtigt, sämtliche Inhaber von Mineralöllagern zu verpflichten, einen £) e I d o r r a t von 70 vom Hundert des Rauminhalts aller L a g e r b e h ä l t e r von mehr als 5 0 0 Kubikmeter ständig zu halten. Die Mineralöllager haben innerhalb von zehn Tagen nähere Angaben über das Fassungs­vermögen ihrer Oelbehälter, deren Verbrauchszweck und die höchstzulässige Einlagerungsmenge zu machen.

Noch keine Sperre des französisch­italienischen Handelsverkehrs.

Paris, 19. Nov. (DNB. Funkspruch.) Der erste Tag der Sühnemaßnahmen gegen Italien trug an der französischen Grenze im Süden feine allzu ern­sten Formen. Die französischen Zollbehörden von Mentone und Nizza waren amtlich noch nicht im Besitz der erst im Amtsblatt vom Dienstag erschei­nenden Notverordnung und die Tatsache, daß nach französischem Gesetz eine Maßnahme e r ft vier- undzwanzig Stunden nach der amtlichen Bekanntmachung in Kraft tritt, läßt auch für den

Dienstag eine strenge Durchführung der zur In­kraftsetzung der Sühnemaßnahmen von Frankreich erlassenen Notverordnungen nicht erwarten. In Nizza und Mentone wurden im Laufe des Montag große Mengen Fleisch- und Wurst- waren sowie Südfrüchte gehandelt. In Marseille luden ebenfalls mehrere italienische Dampfer und Segler für Frankreich ober Italien bestimmte Waren aus ober ein.

Hirtenbriefe italienischer Vischöfe gegen die Sanktionen.

Rom, 19.Nov. (DNB. Funkspruch.) Die Erz­bischöfe von Messina u n b Brindisi haben Hirtenbriefe gegen die Sühnemaßnahmen er­lassen, die in der Schärfe des Tones parteiamtlichen Erklärungen nicht nachstehen. So heißt es im Hir­tenbrief an die Gläubigen von Brindisi u. a.:Am 18. d. M. nahmen die Sanktionen ihren Anfang, die der kalte Egoismus und die Anma­ßung Englands gegen jeben Grunb - fatz ber Gerechtigkeit und Gleichheit zum Schaden unseres Vaterlandes gewollt haben, um einen halbbarbarischen Sklavenkönig, der Unter­drücker seines Volkes ist, zu unterstützen. Wir wer­den dem Vaterlande jetzt Gold geben, damit es die riesigen Kosten tragen kann, um die Zivilisation in die Gegenden zu bringen, wo bis jetzt Sklaverei und Barbarei herrschten. Damit ahmen wir die alten Römer nach, die alles für das Vaterland opferten."

Auch der Erzbischof von Messina ermahnt seine Gläubigen, reichlich Gold zu spenden. Gerade Mes­sina, das so oft von Erdbeben heimgesucht wurde und durch die Förderung des Staates wiederaufge­baut werden konnte, habe jetzt dem Vaterland eine große Dankesschuld abzutragen. In dem Hirtenbrief heißt es sodann:Der gegenwärtige Augenblick ist keiner der glücklichsten für unser Va­terland. Man will unsere vitalen Lebens­interessen hemmen und den seit langen Jah­ren beschrittenen, aufwärts führenden Weg Italiens, das Mutter und Wiege der lateinischen Kultur ist, sperren. Haltet daher den nationalen Geist hoch; unterstützt und helft den Familien unserer kämp­fenden Soldaten, befleißigt euch ber Sparsamkeit auf allen Gebieten, besonders in eurem häuslichen Verbrauch."

Wir wollen den Gndan."

Anhaltende Erregung in Aegypten.

Kairo, 18. Nov. (DNB.) In Kairo wurden zahlreiche Autobusse ber englischen Autobusgesell- schaft mit Steinen beworfen und beschä­digt. Die Witwe des verstorbenen Nationalhelden Zaglul Pascha hielt vom Balkon des Volks­hauses aus eine von der Menge mit Begeisterung aufgenommene Ansprache. In allen Versammlungen schworen die Demonstranten,bis zum Tode für die Befreiung Aegyptens vom eng­lischen Joch zu kämpfen". In Alexandrien mar­schierten Hunderte von Polizisten durch die Haupt­straßen und riefenNieder mit Hoare, mir wollen den Sudan". Auch in Assiut und Mi- nia kam es zu kleineren Unruhen. Die englischen Pressemeldungen berichtet über eine verschärfte italienische Propaganda unter den Aegyptern.

Oer Prozeß gegen die Mörder König Alexanders.

In Aix-en-Prvoence begann der Prozeß gegen die wegen Mittäterschaft an der Ermordung des Königs von Jugoslawien und des französischen Außenministers Barthou angeklagten drei Kro­aten Raytsch, Mo Kralj und Pospischil. Das Ge­richtsgebäude wird von einem starken Aufgebot Mobiler Garde zu Fuß und zu Pferde bewacht. Ueberall sind Schranken und Drahtzäune errichtet

und nur ein sehr enger Weg ist für die Inhaber ber Eintrittskarten freigelaffen. Das Innere des Ge- richtsgebäubes gleicht einem wahren Heerlager. Die Verhanblungsbauer wird auf acht bis vierzehn Tage geschätzt. Da bie Angeklagten kein Wort fran- zosisch sprechen, muß jedes Wort übersetzt werben. Frankreichs steigende Rüstungen.

Paris, 18. Nov. (DNB.) Der Bericht des rabt* kalsozialistischen Slbgeorbneten Archambaub über die Heeresausgaben 1936 weist die Ausgaben für diesen Zweck mit insgesamt 6952 Millionen Francs aus. 1935 beliefen sich die Heeresausgaben aus 7122 Millionen Francs. Die Verminderung für 1936 ist aber nur scheinbar, denn durch die Auswirkung der Notverordnungen sind im-Haushalt für 1935 etwa 530 Millionen e i n g e f p a r t worden, so daß also die Ausgaben für 1936 im Endergebnis um 360 Millionen Francs höher fein werden als die des Vorjahres.

Im Anschluß an fantastische Angaben über die deutsche Heeresstärke erklärt der Bericht, daß die Bestände der französischen Streitkräfteunge­fähr nur 654000 Mann einschließlich ber Offiziere und Mannschaften in ben Kolonien" be­trügen. Im einzelnen setzte sich bie französische Hee- resmacht zusammen aus 368000 Mann zur Ver­teidigung des Mutterlandes einschließlich 30 000 Mann Reserve, 73 000 Mann bewegliche, also stets und überall einsatzbereite Streit­kräfte, 213 000 Mann überseeische Trup­pen, insgesamt 654 000 Mann. Der Bericht schließt daraus, daß derdeutschen Masse" nur 338 000 Mann (also bie 30 000 Mann Reservisten abge­zogen) entgegengestellt werden könnten, unb sagt, wie könnte man unter biefen Umständen den Rü­stungsstand Frankreichs übertrieben schätzen, der dazu bestimmt sei, seine zahlenmäßige Un« terlegenheit in Bezug auf feinen Gegner im Osten auszugleichen.

Noch keine Klärung im Memelgebiet.

Memel, 18. Nov. (DNB.) Der Präsident des Memelländischen Landtages B a l d s z u s , der sich für die Annahme des vom Gouverneur an ihn er­gangenen Auftraaes zur Bildung des Direktoriums von vornherein Bedenkzeit erbeten hatte, hat sich gezwungen gesehen, dem Gouverneur den Auf­trag zurückzugeben. Die Einheitsliste hält eine Anzahl Kandidaten für den Posten des Vor­sitzenden des Direktoriums bereit, die der Gouver­neur, wie aus feiner bisherigen Taktik hervorgeht, zu umgehen trachtet. Daß sich der soeben er­nannte Präsident des Landtages zu diesem Verfah­ren nicht zur Verfügung stellen konnte, bedarf kei­ner weiteren Begründung. Die Einheitsliste muß vielmehr darauf bestehen, daß ihren Wünschen als dem ausschlaggebenden Mehrheitsfaktor im Landtag entsprochen wird. Landtagspräsident Baldszus hat dah^r bei seiner endgültigen Ab­lehnung betont, daß die von der Einheitsliste ge­machten Vorschläge nunmehr endlich ihre Be­rücksichtigung finden müssen.

Oie Ermordung des polnischen Innenministers p eracki vor Gericht.

Vor dem Warschauer Bezirksgericht begann ber Prozeß gegen 12 ukrainische Studenten, die ber staatsfeinblichen ukrainischen nationalen Geheimorganisation angehörten unb angeflagt sinb, den Anschlag gegen den polnischen Innenmi­nister P i e r a ck i im Juni 1934 mit vorbereitet bzw. dem Mörder zur Flucht verholfen zu haben. Die An­geklagten beantworteten alle Fragen nach ihren Per­sonalien geflissentlich nur in ukrainischer Sprache und lehnten es ab, polnisch zu sprechen. Ein Antrag auf Heranziehung eines Dolmetschers wurde abgelehnt. Der Gerichtsvorsitzende erklärte, daß er bie Beantwortung ber Fragen in ukrainischer Sprache als Ausdruck dafür werten werde, daß bie Angeklagten nichts aussagen wollen.

Keine Ursprungszeugnisse für die Ein­fuhr nach England.

Berlin, 18. Nov. (DNB.) Wie bereits gemel­det, hat bie Reichsregierung bei ber Königlich Bri­tischen Regierung Vorstellungen erhoben

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Seltersweg 67 Teleph on 3170

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Gießener Gtadttheaier.

Tanz-Gastspiel: Palncca.

Vor sieben Jahren haben wir die Palucca zum ersten Male in Gießen tanzen sehen: bas war, im Gesamteindruck, ein außerordentliches Erlebnis. Ihre Entwicklung von 1928 bis heute zu formu­lieren, wird auf Grund einer Vergleichung der zweimal zwei Stunden, damals und gestern kaum möglich fein. Vielleicht kann man jagen, sie l)abt damals abstrakter getanzt, absoluter; es scheint uns, wenn wir versuchen, das Erinnerungsbild ein wenig zu rekonstruieren, daß die Musik heute mehr Ausgangspunkt und Thema zugleich für ihren Tanz bedeutet, während das Notenblatt des Begleiters damals nur jo etwas wie ein Linienblatt der Choreographie bildete. Mit dieser Rückkehr zum Programm, wenn man es recht verstehen will, scheint die strenge, nirgends durchbrochene Form aufgelockert und weicher geworden zu sein; Be­wegung und Rhythmus fließender und gelöster. Ob darin unbedingt eine Steigerung der Ausdrucks­möglichkeiten beschlossen liegt, wagen wir nach die­sem immerhin flüchtigen Eindruck nicht zu ent­scheiden. Daß bas Gesamtbild vor sieben Jahren einheitlicher und überzeugender war, glauben wir allerdings sagen zu dürfen.

Sie begann mit Albeniz, den auch Kreutzberg tanzte.Cordoba" wirkte, als Vorspiel nicht übel gewählt, wie eine technische Improvisation; in deren Mittelpunkt als Zentralfigur und Leitmotiv ein kurzer Sprungschritt nach rückwärts; das Ganze spielerisch-überlegen, aber im Technischen dennoch völlig beherrscht, überlegen und durchkonstruiert.

Dann die Serenata, sanft, lächelnd, mit wellen- hafter Schwingung, mehr oben als unten getanzt, eine kleine Ausdrucksstudie in Weinrot, noch in der heiteren Verhaltenheit eine fabelhafte Körperbe­herrschung verratend, welche die Bravourstücke ber rhythmischen Gymnastik mühelos, gleichsam neben­bei in die Figur einbezieht.

Von den dreiBagatellen" (Casella) bezeugte der hüpfende Rhythmus des Caprizioso zwar den völligen Einklang mit ber Musik, zugleich aber auch die souveräne Unabhängigkeit echter tänzerischer Er­

findung vom Begleiter ober vom Instrument. Die Siziliana setzte die angeschlagene Linie fort; der Galopp zum Schluß, betontins Parkett" ge= tanzt,fiel dagegen merklich ab unb beeinträchtigte für unser Empfinden die Wirkung der ganzen Gruppe.

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Dann etwas völlig Anderes: alte Meister; das Adagio von Cvrelli im strengen, langfließenden schwarzen Gewand, in Zickzacklinien ruhig, groß- zügia und raumfüllend ausgeschritten, steigerte sich zu bestechend geformter und gelöster Bewegung. Dann kam ein bezauberndes Allegretto von Coupe- rin; das lichtblaue Kostüm völlig eingestimmt auf ben Charakter des Tanzes, der sehr leicht, sehr an­mutig und sehr einfach wirkte, nicht so ausge­sprochen raumgreifend wie der vorhergehende, mehr in der Vertikalachse betont, aber eben vollkommen und schlackenfrei als Tanz an sich, ohne technisches Beiwerk und Problem. Der erste Höhepunkt dieses Abends.

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Mit Schwung" hieß der folgende Tanz, aus­holend in Körpergebärde und stürmischem Tempo, aber eigentlich nur in der begrifflich andeutenden Benennung an jene wundervollen Tänze vor sieben Jahren erinnernd, welche ganz einfachLeicht" oderFern" oderIn leichter Bewegung" hießen ... unb biese Begriffe tatsächlich in Bewegung unb sinnliche Vorstellung umsetzten.

Dann eine heitere, schon an bie Groteske strei- fenbe Zugabe, ein Bravourstück körperlicher Be­herrschung unb Ausbrucksmöglichkeiten, eine Ab- wanblung von Detailbewegungen, temperament­volles Spiel mit Hanb, Arm, Bein unb Rumpf; eine Nummer, bie wahre Beifallsstürme entfesselte, zu der man aber daheim, wenn ber Sturm sich gelegt hat, ben berühmten Aufsatz über das Marionetten­theater von Heinrich von Kleist lesen sollte, in wel­chem viel Grundsätzliches über die Kunst des Tanzes und des Tänzers enthalten ist, womit man sich auch heute noch auseinandersetzen muß.

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Nach der Pause zunächst die beiden Phantasien von Granados. Die Arabeske erwies sich als eine vollkommen gerundete Figur von edler Linienfüh­rung, besonders vom rechten Arm her akzentuiert, mit ganz flüchtigen Anklängen an ägyptische Bewe-

gungsmotioe. DasSpiel" hinwiederum wirkte als eine anmutige, heitere, ja herzliche Kunstübung, ganz hingegeben an bie Erschöpfung eines alten, einfachen unb allgemeinmenschlichen Themas, an einen Begriff aber ohne begriffliche ober kon­struktive Enge, sonbern mit Leben, Bewegung unb Glieberspiel bis zum Rand gefüllt.

Von benDunklen Klängen" blieb basTriste" von Schwinghammer (ber als Begleiter am Flügel wirkte) auf ein Minbestmaß an Bewegung be­schränkt; biefer Tanz vollzog sich gewissermaßen auf drei Ebenen: im Stehen, im Kauern, im Knien; sehr eindrucksvoll, wie ein Stück Plastik, aber boch schon vom eigentlichen Tanz, ber nun einmal von der Schwingung ober Bewegung lebt, entfernt. (Gleichzeitig würbe hier ein allgemeineres Problem erkennbar, wie weit nämlich ber Gesichtsausbruck des Tänzers oder ber Tanzenden in den Gesamt­körperausdruck miteinbezogen werden dürfe; dies scheint uns eine Stilfrage von grundsätzlicher Be­deutung zu sein.)

Viel gelöster, fließender unb mehr in ben Raum hinein projiziert wirkte bieElegie" (in violettem Samt), obwohl auch diese Figur von einem statua­rischen Ruhepunkt aus entwickelt wurde und dahin zurückkehrte.

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Der zweite Gipfel des ganzen Programms war derRofenkavalier"-Walzer: ein beseelter Walzer, wenn es gestattet ist, diesen Ausdruck zu brauchen, wunderbar leicht, gelöst und schwebend, turmhoch über der billigen, konventionellen und geistlosen Dutzendware der unzähligen Bühnenwalzer, die ber Mensch in seinem langen Leben zu sehen bekommt. Es mar, ganz einfach, eine Freude unb ein Genuß, unb bamit hätte bas Programm abschließen sollen, denn weder die folgende Dolksmelodie (Allegro con brio) noch die zweite Zugabe reichten im mindesten an diesen Eindruck heran.

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Victor Schwinghammer begleitete am Flü­gel: außerordentlich gepflegt und feinfühlig. Das Haus war, wenn wir recht gesehen haben, nahezu ausoerfauft, der Beifall sehr herzlich.

hth.

Insekten als Schauspieler.

Kann schon die merkwürdige Fähigkeit der Tiere, besonders der Insekten, ihre Ähnlichkeit mit ihrer Umgebung dazu auszunutzen, um einem Feinde zu entgehen, oder eine Beute zu erhaschen, mit dem Wesen des Schauspielers verglichen werden, so gibt es nach den Beobachtungen namhafter Naturfor­scher eine Reihe von Insekten, die man geradezu als geschickte Komödianten bezeichnen kann, die vor und mit anderen Tieren ein bald grausiges, bald lustiges Schauspiel aufführen. Die ihnen von der Natur verliehene Gabe der Schutzfärbung nutzen manche Schmetterlinge so raffiniert aus, daß sie auch das schärfste Auge täuschen. Da ist der Schönspinner, ein Schmetterling, der Indien unb die tropischen Gegenden der Alten Welt bewohnt. Er ist eins der jchönsten, aber auch der geschicktesten Lebewesen, die man kennt. Seine Flügel sind mit leuchtenden Flecken geschmückt, die sich von einem lebhaften Grund abheben. Er weiß wohl, daß Vo­gelschnäbel und Menschenhände ihn wegen dieses Schmuckes leicht fassen können. Deshalb wendet er einen Trick an, sobald er irgendeine Gefahr be­furchtet: er setzt sich auf ein trockenes Blatt und schließt die Flügel fest, so daß ihre leuchtenden Spuren nicht sichtbar sind und er vollständig mit der Vegetation verschmilzt. So bleibt er stunden­lang ohne die geringste Bewegung, ohne daß ihn auch nur ein Zittern feines Rüssels oder seiner klei­nen Fühlhörner verrät. Er empfindet das geringste Geräusch in seiner Umgebung und stellt 'sich tot, da er sich dann sicher weiß. Ist die Gefahr vorüber, dann wagt er es, einen anderen Schutzort zu fuchen, aber auch dabei ist er höchst vorsichtig. Er läßt sich zunächst wie ein trockenes Blatt zur Erde fallen^ und bleibt so einige Minuten unbeweglich ober überläßt sich dem Wind, der ihn einige Schritt weit fortträgt. Er führt seine Rolle so glänzend durch, daß es äußerst schwer ist, ihn zu fangen. Die Gottesanbeterin" ist ebenfalls höchst geschickt. Wenn sie sich auf einer grünen oder gelblichen Pflanze niederläßt, deren Farbe mit der ihren ganz genau übereinstimmt, dann sucht sie sich eine be­sonders sonnige Stelle aus, weil das Helle Licht die Illusion noch verstärkt. Sie führt ihre Rolle so vor­trefflich durch, daß sie ihre Beute ohne die geringste Bewegung zu packen weiß.

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