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Samstag, 19. Gitober 1935
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen,
Nr. 2^5 Zweites Blatt
a. M.
Aufnahme E. S)afe,
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" dachte, wieviel Räusche mögen in den langen Jahrhunderten durch Dürkheims Gassen geschleppt und in seinen alten Häuschen ausgeschlafen worden sein Die Weinstöcke umarmen mit grüner Inbrunst die Häuser, als sollte es bedeuten: Wir lassen euch nicht! Rein, sie lassen die Häuser nicht. Einen fröhlichen Zweig hängen sie noch über die Tur, schwer und reich an blauen Trauben. Em gastliches Symbol der Natur: Hier ist die Erde Herrin, die Mutter Natur, die feurige Sonne Wohltäterin und Freundin aller Winzer und Weinbauern. Die helle Straße nimmt mich und den leichten Vormittagswind der durch die Gassen rennt, mit hinaus in sonnenglänziges Land, an die Lehne der Hügel hin.
Mich lockte das Wemland der Pfalz, lieber dem Rhein stand Nebelgewölk, doch gegen die Ferne hin, wo sich der Höhenzug der Haardt erhob, war leises Blau ausgegossen, das einen heiteren Mittag verhieß.
In E l l e r st a d t bereits strömte die schimmernde Laubflut der Weingärten bis ins Rüben- und Kartoffelland. Die Weinfelder und Weingärten färbten ich herbstgelb und leicht laubrot, Übertupft von den milden Flammen des Herbstes. Riesige Starenschwärme erhoben sich, schwärzliche Schleiergespinste, die in der Luft schwebten. Eine geflügelte Armee von Beerendieben sauste zwischen die Stöcke nieder und verkrallte sich ins Rebenlaub. Auch Krähen ernteten schwerfällig, bis ein greller Schuß die Plünderer aus ihrer Schwelgerei herauspeitschte und zu anderen Lagen trieb.
Die Berge laufen in einer anmutig geschwungenen, melodisch hingesteigerten Linie und sie blicken mit grünen Waldhäuptern und Sonnenblitzen auf Bad Dürkheim herab, wo man sich sowohl in kräftigen Weinen, als auch in stärkenden Wassern baden kann. Der Wein wächst mitten herein in die Stadt, er ist hier ganz zu Hause. Ueberall zwischen den Häusern blumenreiche Gärten, Obstbäume, Rebenlauben, Weingehänge. Durch die enge Hauptstraße rollen die schwergeschirrten Weinfuhrwerke. Die großen Fässer sind gefüllt, die Achsen knarren, die Fuhrleute machen fröhliche Gesichter. Sie duften nach Traubensaft, Zehnuhrschoppen und Pfeifenqualm. Aus den Kellern dunstet es säuerlich. Der Most dampft in der Finsternis.
Ich schlage mich durch'enge, winklige Gassen, wo uralte Häuschen stehn. Unter den Torbögen werden Fässer gesäubert, Kufen mit Wasser ausgeschwappt und dunkle Bütten rein geschwenkt. Aus allen Kellerluken, die weit aufgetan sind, quillt der Dunst des Herbstes.
Ein buckliges, krummes Gäßchen klettere ich empor Es hat einen wunderschönen Namen: S t r a u ch e l g a s s e. In dieser Bezeichnung ist die ganze Lustigkeit des neuen und des alten Weins enthalten. Mondschein ist dabei und die Vorstellung eines späten, friedlichen Weinfreundes, der mit langem Schatten durch die Gasse torkelt...
dem Goethe geschrieben hat:
„Setze mir nicht, du Grobian, Mir den Krug so derb vor die Nase! Wer mir Wein bringt, sehe mich freundlich Sonst trübt sich der Elfer im Glase ..."
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Besser freilich, als am Korken zu riechen, ist es, am Glase zu riechen und dann zu trinken und hin und wieder die spielenden Lichter zu betrachten, die sich in der grüngoldenen Flut bilden. Dabei kann man stundenlang allein bleiben und allerlei merkwürdige Gedanken hegen. Der alte Herr hier zum Beispiel, dem es gerade schmeckt, mag sich daran erinnern, daß sie bei seiner Taufe, was ja nun schon eine beträchtliche Weile her ist, wie die Fa- milienüberlif'ferung berichtet, eine letzte, schon arg verstaubte Flasche von jenem berühmten Kometenwein aus dem Jahre 1811 getrunken haben, von
Wir kennen ihn gor nicht, den alten Herrn, wissen weder, wie er heißt, noch wo er wohnt, aber er gefällt uns gut, und wir glauben, daß dies ein Mann fei, mit dein man ein verständiges Wort reden kann, der zu erzählen und auch zuzuhören versteht, der Sinn für Humor und Sinn für die Schönheiten und kleinen Freuden des Lebens hat. . Wir möchten wohl einmal einen Abend lang mit ihm zusammen in einem ruhigen und gemütlichen Winkel hinter einer guten Flasche vor Anker gehn, und mir glauben, daß wir für diesen Abend nicht übel untergebracht wären ...
Wir kennen ihn gar nicht, aber wir grüßen ihn im Stillen und sagen „Zum Wohle!", und wir können uns vorstellen, daß so ähnlich wie dieser jener selige Reisende ausgeschaut hat, dem der Dichter Rudolf G. B i n d i n g auf der Heimreise von riner ..Moselfahrt aus Liebeskummer" im Zuge be- g-mn"t ift: der faß ihm gegenüber im Abteil, ein stiller Mann sprach kein Wort, schaute nur hinaus in Sie Landschaft und zog von Zeit zu Zeit verstohlen einen Korken aus der Westentasche, in Er- ’nnerung versunken, selig lächelnd, um ein Weilchen fromm daran zu riechen ...
Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte Don Ernst v. Niebelschüh.
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vorüber und taucht hinunter in die würzige Kühle des Bremer Ratskellers, und als er da nach einer guten Weile wieder zum Vorschein kommt, meint er, das muß nicht mit rechten Dingen zuaehen, denn der Mond steht am Himmel, und ruhig fließet der Rhein, und drüben liegt Bacharach mit der gotischen Werner-Kapelle darüber, und unten im „Alten kurkölnischen Saal" sind alle Fenster erleuchtet ..
Jetzt, denkt sich der alte Herr, ist es Zeit, daß ich heimgehe. Und während er bedächtig heimgeht, muß er sich auf einmal verstellen, wenn man allen Wein, den er fo bis jetzt in seinem Leben getrunken hat, zusammenlaufen (affen könnte, was das wohl
Aber da sind nicht nur Menschengesichter, alte And junge, nahe und ferne, runzlige und rosige, da tun sich auch, wenn die Lichter so spielen im schräg gehaltenen Glase, die Landschaften auf in all ihrer Fülle, Schönheit und Köstlichkeit, und der alte Herr muß daran denken, wo er schon überall gewesen ist in seinem Leben, und bekommt auf einmal Heimweh und Lust, wieder dort zu sein, wo der Wein vor ihm als Traube am Rebstock hing, oder wo er yor Jahren seinen Wein getrunken hat, fern von hier auch in Deutschland, aber nicht allein, sondern mit'drei oder vier guten Freunden oder mit einem Mädcken zu zweit. Das mag in Oestrich gewesen fein im Rheingau oder in Bernkastel oder in Mosel- Lrn und auf einmal sieht er sich so ganz m Gedanken auf der Würzburger Mainbrucke stehen unter der snächtigen Gestalt des festigen Man. dann geht er mit Lächeln am steinernen Roland
Der Elfer hatte es übrigens bekanntlich in . , und ist auch noch ein rundes Jahrhundert später ein erlesener und kostbarer Jahrgang gewesen. Wohl dem Manne, der noch ein paar Flaschen da- 4)on in seinem Keller hat. Er wird sie zu schätzen wissen und wird vielleicht wiederum zur Taufe feines Enkelchens eine oder zwei davon heraufholen, und wenn es auch kein Kometenwein ist, so stammt er doch aus einem gesegneten Sommer und Weinherbst in Deutschland und ist wert, bei einem besonderen und feierlichen Anlaß getrunken zu werden, an einem Tage, an dem man den Blick i vom Vergangenen ins Zukünftige schweifen laßt und. wieder zurück ins Gewesene, von Kindtaufe zu Kindtaufe, vom Enkel zum Urgroßvater, vom Elfer zum Elser, und dazwischen liegt ein ganzes Leben voller Arbeit und Liebe, mit Glück gesegnet, mit Trauer beladen, mit Wiegenliedern, Hochzeitsglocken und Grabgesang... Der alte Herr ist ganz nachdenklich geworden, und während er wieder einen Schluck tut, blickt er zurück und sieht viele Gesichter und Gestalten an sich vorüberziehen, Männer, Frauen und Kinder, die Lebenden und die Toten. Und an die, welche seinem Herzen am nächsten stehen oder einmal gestanden haben, denkt er am längsten und trinkt ihnen im stillen zu.
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Auf der Trauvenstraße des Herbstes
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Oktober-Phantasie bei einem Glase Wein.
„Der Winzer Schutzherr Kilian beschert uns etwas Feines ..."
Jetzt ist die Zeit, denkt sich der alte Herr, wo die blauen Rauchschwaden vom Kartoffelfeuer über die Felder und aus den Schrebergärten wehen, wo am Abend der Ofen wieder bullert, wo die Nüsse reif sind und die braunglänzenden Kastanien so appetitlich aus ihrer grünstachligen Hülle herausgucken und von den Buben aus dem gelben Herbstlaub hervorgestochert werden .. gerade die richtige Zeit, um mit Verstand und Bedacht und Genuß und in der Weisheit des Alters einen edlen Schoppen zu trin- tcn. Dabei ist es an manchen Tagen noch so einladend warm und freundlich unterm Oktoberhim- mel, daß man getrost einen Schluck im Freien riskieren kann. Gerade die richtige Zeit, denkt er sich, Öen Blick in der Weinkarte spazieren zu führen und sich an den bunten, romantischen und poesievollen Namen im Vorgeschmack zu ergötzen, die man da mit Preis und Jahrgang reinlich verzeichnet findet. „Winkler Hasensprung" liest der alte Herr und zwinkert behaglich, „Niersteiner Fuchsloch Spätlese", „Oppenheimer Sackträger", „Ellenzer Goldbäum- chen", „Cröver Paradies" und „Wehlener Sonnenuhr" — die nehm ich, denkt er und schmunzelt ganz listig, weil ihm dabei einfällt, daß er auch schon ebenso berühmte, jedoch bedeutend weniger poesie- volle Namen auf der Weinkarte gelesen hat. (Viel- Leicht trinkt er aber nur einen offenen Schoppen oder vielleicht einen Patenwein — „Nehmest die, wo des Bündche um de Hals hat", sagt das freundliche, rosige Wirtsmädel, und die muß es ja wissen.) j Seht ihn euch an, den alten Herrn, wie er da isitzt, wie er mit sorgsamen Fingern das Glas zum 'Munde führt, wie er vor Andacht und Hingabe ganz kleine Augen bekommt, wie er mit der Kennerschaft des erfahrenen Mannes erst die Blume wittert, wie er dann vorsichtig kostet und schmeckt, wie er den ersten Schluck im Munde rollen läßt und ihn nach der Weise der Wissenden kauend genießt . . bos ist der Richtige, schmeckt er mit Befriedigung und tut einen volleren Zug. — das labt Zunge und Gaumen, stillt den Durst, macht ein fröhliches Herz, weckt viele Erinnerungen und gute Gedanken ..
die sanft und langmütig hinunterreichen in den Horizont. Aus ihren Kuppen blaut da und dort Wald. Aber der Wald hat hier wenig Recht, denn der Weinstock hat die Hügel genommen, sich ausgebreitet und dieser Landschaft einen festlichen Zug verliehen.
Mitten durch lauter Weingärten zieht diese Straße, die Dürkheim mit Wochenheim, Forst, Deidesheim und Neustadt a. d. Haardt verbindet, lauter Orten, die aus den Strömen des Weins ihr Leben und ihren Unterhalt schöpfen. Eine einzige Traubenftraße, festlich, herbstreich, von Sonne beschirmt, besäumt von Weinlaub, behängt mit Traubenglück. In den Weinbergen nah und weit tönt Lachen der blaublusigen Winzer und Winzermädchen, die sich zu den Reben niederbücken. Zwischen den Pfaden laufen bedächtig die Männer mit den Bütten, die ihre Traubenladung in die weiten Maischkufen schütten und einer zerstampft mit dem Maischstock die grünen Traubenberge. Der Atem derSonne weht über die abfallenden Flanken der Hügel und die Breiten der Weinäcker, und noch immer kocht Süßigkeit aus der pfälzischen Erde empor in die Beeren.
In all diesen Orten loht die Flamme des Weines, indes der Herbst sein Rotlaub über die Häuser zusammenschüttet. Der Wein fließt von den Bergen. Man hat die angenehmste Vorstellung, wenn man bei Forst im Weinberg eines Weingutsbesitzers den schönen funkelnden Namen „Goldbächle" lieft. Es sind Goldbäche ...
In Deidesheim tut sich die Weinlandschaft noch festlicher auf und umschließt diese kleine hübsch- gelegene Stadt üppig und liebevoll. Zwischen den Häusern, an Gärten schüttelte mir der Wind zum Gruße reife Mandeln aus den Mandelbäumchen — und so hatte ich gleich eine Nuß zu knacken. Die Weinfuhren nahmen kein Ende. In allen Gassen ächzten die Wagen. Ich lief hinter den Bauern und Fässern her und stand plötzlich im geräumigen Hof des Deidesheimer Winzervereins, dem ältesten Winzerverein der Pfalz, wie mir ein Traubenfahrer auf gut Pfälzisch versicherte. In der Kelterhalle des Win- zervereins hatten große hydraulische Eisenkeltern tüchtig zu tun, um Herr 3U werden über die vielen Traubenkufen, die ihren Inhalt in die großen Kelterwannen ergossen hatten. In Bächen rauschte der Traubenmost aus den Blechschnauzen der Keltern in weite Bottiche. Armdicke Schläuche saugten den Most aus den Bottichen hinunter in die große Kellerei.
In langen Galerien lagern da unten Die hohen kühlen Fässer bis hinein in die hinteren Gewölbe. Mystisch redet und raunt die Stimme des Weines. Ein verworrener Chor der Traubengeister poltert in den gewaltigen Fässern. Ich lege mein Ohr an eine Daubenwand: drinnen pulsiert das feurige Blut. Die Mutterwärme des Sommers, der Sonne und der Erde kocht das künftige flüssige Gold. Die unterirdische Schwarzkunst des Kellers und feines
Die landläufige Meinung, daß die schönen K ü n st e am besten im Schatten des Oelbaums gedeihen und der rauhe Kriegsgott den Musen und Grazien nicht sonderlich günftia sei, kann sich auf eine lange Tradition berufen. Aber ist sie richtig? Gibt es nicht auch Beispiele genug in der Kulturgeschichte der Menschheit, die zu beweisen scheinen, daß Kunst und Krieg, so wenig man ihnen eine dauerhafte Ehe prophezeien mochte, durchaus keine absoluten Gegensätze darstellen? Daß sie sich zuweilen sogar ganz ausgezeichnet vertragen? Dies ist jedenfalls der Stand- punkt des italienischen Dichters M a r i n e 11 i, der als der Begründer des Futurismus schon einmal mit großer Leidenschaft für den Krieg in Libyen eingetreten ist, weil er im Kriege das erregende und bewegende Prinzip erblickt, das seiner Meinung nach die Kunst brauche, um hinter dem Leben nicht zurückzubleiben. Marinetti also, der Wert darauf legt, daß die Welt von ihm Notiz nehme, hat sich vor kurzem in die afrikanische Armee e i n r e i h e n lasten, nicht ohne bei seiner Abfahrt einen flammenden Aufruf an die gesamte Künstlerschaft Italiens zu richten, in dem er diese zur Teilnahme an der Niederwerfung Abessiniens feierlich auffordert. In diesem Manifest erklärt er den Krieg als den „wahren Inspirator der Dichter und Künstler".
Somit wäre also der Oelbaum seiner seit unvordenklichen Zeiten innegehabten Vorrechtsstellung durch einen Federstrich Marinettis enthoben; er ist sozusagen fristlos entlassen, und die neun Musen, die sich auf Raffaels vatikanischem Fresko noch so gemütlich auf dem Parnaß tummeln, mögen nebst Anhang zusehen, wo sie bleiben. Aber, wie schon angebeutet: ganz so grotesk, wie diese Verpflanzung des Musenhaines vor die Kanonenmündungen aus- sicht, ist sie eben doch nicht. Sie ist sogar, von Marinetti aus gesehen, ganz konsequent. Der Fute- rismus verlangt ja von der Kunst nicht Statik, sondern Dynamik, nicht Harmonie und Schönheit im Sinne des klastischen Ideals, sondern im Gegenteil d i e Bewegung des Fanatismus, das Exzentrische, die Atomzertrümmerung um ihrer selbst willen. Und man muß es dem Kriege schon lassen — dynamisch ist er. Und zertrümmern tut er auch! Die Logik Marinettis ist also gar nicht so ohne, zumal jein Futurismus infolge Nahrungsmangels schon bedenklich aus der Mode gekommen war und eines äußeren Auftriebes dringend bedurfte.
Aus England kam jüngst eine galante Nachricht. In einer medizinischen Zeitschrift wurde nämlich von einer vor kurzem in den Vereinigten Staaten durchgeführten Untersuchung berichtet, in der man den Jntelligenzgrad bei durchschni11 - l i ch begabten Kindern festzustellen bemüht war, um zu sehen, ob der Geschlechtsunter- schied auch das Gehirn und dessen Tätigkeit beeinflußt. Bei diesen Jntelligenzprüfungen nun, deren Opfer 500 Kinder normal veranlagter, aber auch geistig besonders hochstehender Eltern waren, wurde herausgefunden, daß die Mädchen gegenüber . den Knaben ein um etwa 20 Prozent höheres ■ Jntelligenzniveau aufweisen. Zum Trost der Herren der Schöpfung sei aber verraten, daß unter der männlichen Jugend mehr große Einzelbegabungen (freilich auch mehr außergewöhn- : lief) Minderbegabte) heranwachsen, als unter den ■ Mädchen, die jedoch angeblich über eine bessere : Durchschnittsbegabung verfügen.
Gegen das Verfahren selbst ist nichts einzuwenden, i sobald es sich seiner natürlichen Begrenztheit bewußt bleibt und nicht bloß mit schematischen Frage- : bogen arbeitet. Ob man auf diesem Wege, der die • späteren Einwirkungen und Erleuchtungen in der i Entwicklung naturgemäß ganz außer acht lassen i muß, überhaupt zu einem entscheidenden Urteil ge« > langen kann, erjcheint uns allerdings als höchst zweifelhaft, besonders da solche Jntelligenzprüfun- i gen mit dem Vorhandensein einer „Normal"-Jnte(-
Kellermeisters hat etwas Geheimnisvolles: der Vorgang des siedenden, keimenden und schwellenden Weines ist das Gleichnis der Verwandlung.
Auf einer Leiter klettere ich an einem der rumorenden Fässer empor: oben im Spundloch sitzt ein Ventil von Steingut, das die Gärdünste entweichen läßt. Ein warmer Gasstoß rauscht ins Gesicht, so daß ich zurückfahre, lieber die Fässer ergießen sich die Schwaden der Kohlensäure, die am Boden des Kellers zusammenrinnen und von einem elektrischen Sauger weggeschlürft werden.
Ein solcher Keller kann seine sechshunderttausend Liter fassen. Das ist ein ganzer See, auf dem man mit einem Boot herumruoern konnte. Diese Fluten sind aber gewiß nur ein Teil der Deidesheimer Weinströme.
Der Kellermeister sagte mir einen weinfeuchten Vers von Scheffel, der „Weinkehle" auf „Lein- höhle" zu reimen wußte, und als ich denn einen Schluck „Leinhöhle" getan hatte, war ich mir darüber klar, daß Scheffel kein schlechter Kenner war. Ich war nun bald auch davon überzeugt, daß der Deidesheimer „H e r r g o 11 s a ck e r" für Leute aus Askalon kein übler Ruheplatz ist. Aber das beste Nirwana für Weintrinker schien doch die Deidesheimer „Maushöhle" zu sein: wer dahin fährt, Der- gißt die Welt.
Da es aber noch andere Weine auf dieser Welt gibt, tauchte ich aus dem kühlen Reich der Fässer wieder empor ins Herbstlicht und durchschlenderte kreuz und quer das weingesegnete Städtchen. Singende Winzerinnen mit weißen Kopftüchern kamen mit Weidenkörben, darin sie Trauben trugen, aus ihren Weinbergen. Und sie gingen alle durch einen alten Hof, über dem auf einem Schild der Name einer Bank geschrieben stand. Im Hof der Bank hielten viele mit Fässern beladene Fuhrwerke. Und blaugeschürzte Küfer waren damit beschäftigt, sie zu entleeren, Trauben zu keltern, Most abzufangen, Fässer, Weine, Mädchen, Trauben und Küfer schienen der Bank zu gehören. Und so sagte ich mir: diese da, Schutzgeist der Weinberge, haben ihr Kapital verflüssigt! Sie haben Reben gepflanzt und Trauben geschnitten. Mögen sie Gold ernten ...
für ein großmächtiges Faß voll würde. Da muß er ja lächeln, denn die Vorstellung erheitert ihn sehr. Aber als er dann vor seiner Haustür steht, ist er wieder ernst geworden, denn es ist ihm auch dabei eingefallen, wieviel Sorge und saure Arbeit sich um dieses Faß gemüht hat, um dieses Faß und um jedes Faß in ganz Deutschland Jahr für Jahr... und daß die, welche Den Wein trinken, nicht bloß an sich selber denken sollen beim Trinken, sondern auch an jene, welche den Weinberg gepflanzt und gepflegt, die Traube gepflückt und gekeltert haben; und daß es ein weiter und mühseliger Weg gewesen ist vom Rebstock im Wingert bis zur Flasche und zum Glas auf dem freundlich gedeckten Tisch.
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