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zusammengezogen. Insgesamt sind zwischen Gibral­tar und Aden, dem britischen Flottenstützpunkt am Ausgang des Roten Meeres zum Indischen Ozean 14 4 Schiffseinheiten versammelt, 28 davon liegen vor Alexandrien, 20 längs der Küste von Palästina, 6 im Kanal von Suez, 20 vor Aden, 70 vor Gibraltar. Dauernd treffen noch weitere Ver­stärkungen ein. So sind gestern Teile der Hei­mat f l o t t e, und zwar die britischen Schlacht­schiffeH o o d" (das größte Schlachtschiff der Welt) undR e n o w n", ferner das zweite Kreuzergeschwader und die 6. Z e r st ö r e r- Flottille (insgesamt 16 Schiffe) in Gibraltar ein- aetroffen. Aus Weihaiwei, dem britischen Flotten­stützpunkt in Ostasien, ist ein Kreuzer in beschleu­nigter Fahrt nach dem Westen unterwegs. Auf den kleinen Inseln vor dem Akaba-Golf im RotenMeer werden überall Depots für die Ver­sorgung der Schiffe angelegt, und um die Verbin­dung dorthin aufrechtzuerhalten, werden die Straßen auf der Sinaihalbinsel ausgebessert und Wasser­stellen angelegt. In Alexandrien macht sich be­reits eine heftige Steigerung der Lebens­mittelpreise bemerkbar. Aus Malta kehren Hunderte von englischen Frauen und Kindern, zum großen Teil Angehörige der auf der Insel lebenden englischen Truppen nach England zurück.

In den griechischen Häfen häufen sich die der griechischen Regierung nicht immer willkom­menen Besuche englischer und italienischer Kriegs­schiffe. Auf den Inseln des italienischen Dode­kanes ist eine fieberhafte Tätigkeit an den Be­festigungen und der Anlage von Kohlen- und Oel- lagern und eine scharfe politische Ueberwachung der Bevölkerung und des Seeverkehrs zu verzeichnen. Die Stellung Griechenlands als Mittelpunkt dieses bedrohlichen Aufmarsches wird zum besonderen Problem des Landes, das innerpolitisch gleichzeitig mit der schweren Frage eines Wechsels der Staats­form belastet ist.

In Aegypten, für das ein kommender Krieg eine noch stärkere Gefahr bedeutet, liquidieren die wohlhabenderen Teile der starken italienischen Ko­lonie ihren Besitz, indes die italienische Propaganda eine eifrige Tätigkeit gegen Englands Stellung im Lande entfaltet. Die ägyptisch-libysche Grenze wird von den Italienern durch vorge­schobene Posten und Drahtverhaue gesperrt, und die italienischen Besatzungen in Tripolis und der Cyrenaika werden auf Kriegsfuß gebracht.

Alle diese Anzeichen sprechen dafür, daß die Ar­beit der Diplomaten in Genf von den beteiligten Regierungen und ihren militärisch verantwortlichen Beratern nicht mehr als aussichtsvoll angesehen werden und daß man sich auf alle Möglich­keiten vorbereitet. Gewiß sind es vorläufig nurSicherungsmaßnahmen", aber man weiß aus der Entstehungsgeschichte aller Kriege, daß es im­mer so anfängt und daß in diesen Vorbereitungen an sich schon die Gefahr und die Begünstigung des Ausbruches liegt.Die Gewehre werden von selbst losgehen", sagte Mussolini von der Lage in Abes­sinien. Dasselbe kann man auch von Kriegsschiffen sagen.

Lustmanöver über Malta

London, 19. Sept. (DRB. Funkspruch.) lieber Malta haben in der Nacht zum Donnerstag die angekündigten Luftmanöver stattgefunden. Die Hauptstadt La Valetta 'war in Dunkelheit ge­hüllt. Das Flugzeug-MutterschiffCourageous" griff die Insel an. Starke Scheinwerfer suchten den Himmel nach denfeindlichen" Flugzeugen ab. Generalmajor Andrew M c C u l l o ch , Befehls­haber der 52. Division, reist am Freitag von Eng­land ab, um den Oberbefehl über die britischen Truppen auf Malta zu über­nehmen. Er ist 59 Jahre alt und ist im Burenkrieg und im Weltkrieg ausgezeichnet worden.

England hat den Hafen von Gibraltar geschloffen.

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Der südliche Eingang in den Admiralitätshafen von Gibraltar wurde durch ein künstliches Hindernis gesperrt. Die Einfahrt ist verboten. Dieses interessante Luftbild gibt einen Ueberblick über Gibraltar. Im Hintergrund der berühmte Fels von Gibraltar, rechts die Hafenanlagen, vorn die Stadt Gibraltar. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Können Sanktionen einen Krieg verhindern?

Als auf der Konferenz van S t r e f a jener Beschluß gefaßt wurde, der die angeblich einsei­tige Aufhebung vertraglicher Ver­pflichtungen durch Deutschland feststellte und verurteilte, wurde bekanntlich auch eine Kom­mission eingesetzt, die die im Völkerbundsstatut nur ganz allgemein bestimmte Verhängung von Sanktionsmaßnahmen näher unter­suchen und vor allem nach der wirtschaftlichen Seite auf ihre' wirkliche Durchführbarkeit und Wirksamkeit prüfen sollte. Auf Grund dieser Untersuchungen soll­ten dann nach dem Beschluß von Stresa bei künftigen Vertragsverletzungen wirtschaftliche Sanktionen durchgeführt werden. Die Arbeit dieser Kommission hat damals wenig Beachtung gefunden, weil sie ja selbst nach dem Willen der Stresamächte nicht rückwirkend für Deutschland in Betracht kamen und weil andere Sanktionsfälle in weitem Felde zu liegen schienen. Da die Frage wirt­schaftlicher Sanktionen jetzt im Verlauf des italie­nisch-abessinischen Konflikts und durch die politische Stellungnahme Englands in greifbare Nähe gerückt ist, erhalten jedoch die von jener Dreizehner-Kom­mission ausgesprochenen Ansichten eine aktuelle Be­deutung.

Der Bericht der Kommission, der vor einigen Mo- naten erstattet wurde, ist, um es vorweg zu sagen, mehr eine Feststelluing der Schwierig­keiten, auf welche in der Praxis die Verhängung solcher Sanktionen stoßen würde, als eine genaue Umreißung dessen, was eintretenden Falles wirksam geschehen könnte. Als Ziel der Verhängung von Sanktionen bezeichnen es die Sachverständigen der Kommission, daß die Versorgung des unberech- tigt kriegführenden Staates mit allen Waren ver­hindert werden müsse, die zur Herstellung von Waffen und Kriegsmaterial, aber auch ganz allgemein zur Vorbereitung und Führung des Krieges nötig sind, die zur Ernährung der Zivilbevölkerung des betreffenden Landes nötigen Produkte sollen jedoch

nicht unter diese Sperre fallen. Schon hier würde sich in der Praxis die große Schwierig­keit einer genauen Unterscheidung ergeben, denn schließlich ist auch die ausreichende Ernährung der Zivilbevölkerung Mittel und Voraussetzung für die Führung eines Krieges. Ferner sollen durch die Sanktionen die Ausfuhren aus dem kriegfüh­renden Lande unterbunden und finan­zielle Maßnahmen getroffen werden, die eine län­gere Fortführung des Krieges verhindern oder er­schweren. Die Kommission stellt fest, daß eine wirk- same Zusammenarbeit der an den Sanktionen be­teiligten Länder n u r d u r cht e ch n i s ch e Sach - verständige" ermöglicht werden könnte, daß man also einen großen internationalen bürokra­tischen Apparat aufziehen müßte, um aus dem allgemeinen und wohlklingenden Wort Sanktionen ein tatsächliches Instrument der Völkerbundspolitik zu machen.

Ganz besonders skeptisch spricht sich die Kommis­sion über die Möglichkeit finanzieller Maß­nahmen aus, da diese so umfassend sein müßten, daß sie nicht nur das Wirtschaftsleben des betroffe­nen Landes mit Einschluß der Zivilde- v ö l k e r u n g auf das schwerste stören, sondern daß sie auch auf die Wirtschaft der die Sanktionen ocr- hängenden Länder empfindlich zurückwirken würde. Außerdem machen die Sachverständigen darauf aufmerksam, daß gerade die wirksamsten finanziellen Maßregeln, wie das Verbot von Kre­ditoperationen oder Anleihen leicht umgangen werden können. Ebenso ist die gänzliche Verhinde­rung der Einfuhr, wie schon die Erfahrungen des Weltkrieges zeigten, nur dann möglich, wenn sich alle Staaten daran beteiligen würden, was prak­tisch fast undenkbar ist, da ja nicht alle Länder dem Völkerbund angehören und durch ihn verpflichtet sind. Aber auch, wenn dies der Fall wäre, erfor­dert die heimliche Versorgung des kriegführenden Landes mit den notwendigen Stoffen und Waren eine so komplizierte Kontrollorganisation, daß an

einer praktischen Durchführbarkeit gezweifelt wer­den muß, ganz abgesehen davon, daß sich wahr­scheinlich die beteiligten Länder selbst gegen die er­forderlichen weitgehenden staatlichen Eingriffe in ihrem Handel und in ihrer Industrie zur Wehr setzen würden.

Wie aus Genf berichtet wird, ist die Sanktions­frage in den letzten Tagen dort Gegenstand ver­traulicher Besprechungen gewesen, bei denen zwei­fellos der Bericht der Kommission als Grundlage gedient hat. Man wird bei den sehr skeptischen Er­gebnissen, zu denen der Bericht gekommen ist, kaum annehmen können, daß die Sanktionen im weiteren Verlauf des abefsinischen Konflikts eine große Rolle spielen werden. Wenn man sich wirklich zu solchen wirtschaftlichen Maßnahmen entschließen sollte, so werden sie den Krieg nicht verhindern, seine Füh­rung vielleicht erschweren, aber nicht unmög­lich machen. Die Dölkerbundssatzung wird sich wohl auch in diesem Punkte als reine Theorie er­weisen, und übrig bleiben wird nur die Alternative, entweder den Krieg zu dulden, oder ihn durch Krieg zu bekämpfen.

Was sollen die Truppen- verstärkungen in Libyen?

London, 19. Sept. (DNB. Funkspruch.) Reuter läßt sich aus Rom berichten, daß die Gründe für die Verstärkung der italienischen Trup­pen in Libyendurch zwei motorisierte Divisionen zweifacher Art seien. Erstens solle dadurch Vorsorge gegen die Gefahr eines neuen Aufstandes der kriegerischen Senussi-Stämme getroffen werden. Der zweite Grund, an den in Rom gedacht werde, sei die mögliche Gefährdung Aegyptens. Im Falle von Feindseligkeiten (zwischen Italien und England, die Schriftleitung) würde eine starke Streitmacht, die aus der Cyrenaika nach Osten in Richtung auf das Gebiet des Suezkanals voraehen würde, eine der wichtigsten Verbin­dungslinien des britischen Reiches bedrohen. In Rom glaube man, daß d i e bloße Gefahr einer solchen Bewegung eine heilsame Wirkung auf Staatsmänner haben müßte, die gegenwärtig an Sühnemaß­nahmen gegen Italien dächten.

lieber die strategische Lage an der Grenze zwi­schen Italienisch-Nordafrika und Aegypten sagt der Berichterstatter noch: Vor drei Wochen versprach Mussolini in Bozen dem Generalgouverneur von Libyen, Marschall Balbo, Verstärkungen. Es wird aber nicht geglaubt, daß diese weit über 10 000 Mann Hinausgeyen. Die italienischen Truppen sind in der Hauptsache an der Grenze zwischen den heiligen Stätten Jarabud und Kufra zusammen- gezogen. Zwischen ihnen und Aegypten befindet sich längs der Grenze eine dreifache, zum Teil elektrisch geladene Stacheldraht- Sperre, die von General Graziani errichtet wurde, um den ägyptischen Waffenschmuggel für die Senussi zu verhindern.

Aus guter Quelle verlautet, daß, falls Italien zur Vergeltung britischer Sühnemaßnahmen Eng­land in Aegypten oder Palästina anzugreifen ver­suche, die englische Regierung in der Türkei einen bereitwilligen und tatfräfti- ?,en Verbündeten finden werde, der eine erst- lassige Armee zu diesem Zweck dem Völkerbund zur Verfügung stellen würde. Die Türkei wünsche, oaß sich Italien von den Dodekanes- Inseln entferne, wo die italienischen Streit­kräfte sowohl die Türkei als auch die Küste Palä­stinas bedrohten.

Zurüstungen auf dem Kriegsschauplatz.

Paris, 18. Sept. (DNB.) Die Pariser Blätter veröffentlichen ausführliche Berichte über die mili­tärischen Vorbereitungen Italiens und Abessiniens, Nach den Berichten verfügt die abessinische Armee zur Zeit über 500 000 Gewehre und 125 000 000 Patronen, ferner über 200 Maschinen­gewehre mit höchstens 10 000 Schuß pro Gewehr. Temps" meldet, daß das gesamte Gebiet zwischen Asmara, der Hauptstadt von Eritrea im Norden Abessiniens und der abessinischen Grenze von ita­lienischen Truppen stark besetzt ist. Der Bau der nach der Grenze hin verlaufenden Straßen sei beendet. Eine Linie von Befestigungen, die nach den Namen von Offizieren, die in der Schlacht bei Adua 1896 gefallen sind, benannt werde, schließe das Feldlager ab. Von diesen Linien bis zur abessinischen Grenze würde die Bewachung durch eingeborene Kontingente unter der Führung italie­nischer Offiziere ausgeübt. Auf der anderen Seite der Grenze seien die Abessinier mit der Anlage einer Verteidigungslinie beschäftigt. Wachtposten seien auf den Gipfeln der Berge aufgestellt und hätten Befehl, große Feuer an­zuzünden, sobald eine Veranlassung vorliege, die Truppen zu alarmieren.

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Mailand, 19. Sept. (DNB. Funkspr.) Auf dem Dampferßombarbia" haben in der Nacht zum Donnerstag die letzten Abteilungen der Division Cosseria, nämlich drei Infanterie-Bataillone, eine Ersatz-Kompanie, eine Abteilung Carabinieri und Sanitätspersonal, im ganzen 121 Offiziere und 3600 Soldaten, Genua verlassen. Auf derLom- bardia" hat sich auch das Divisionskom­mando eingeschifft. Aus Triest sind ebenfalls 350 Soldaten, hauptsächlich Artilleristen, nach Ost­afrika in See gegangen.

Die Finanzierung des Afrika-Feldzugs

Innere Anleihe und Steuererhöhungen.

R o m, 18. Sept. (DNB.) Der Ministerrat beschloß die Auflegung einer inneren Anleihe, deren Ertrag für die Verteidigung der italienischen Kolonien bereitgestellt wird. Die Anleihe wird zum Zinssatz von 5 v. H. und zum Kurs von 95 ausge- migt. Die Regierung hoffe, mit diesen Maßnahmen zu erwartenden Unterbilanz im laufenden Rech­nungsjahr d i e Erhöhung der Umsatzsteuer und der Vermögens st euer sowie eine E r - 0 9 u n g des Tarifes der Eisenbahn- und Lastkraftwagentransporte geneh­migt.

Die Regierung hoffe, mit diesen Maßnahmen jctjon im laufenden Rechnungsjahr den Fehlbetrag derart herabsetzen zu können, daß der Voranschlag für das neue Rechnungsjahr 1936/37 ausgegli­chen vorgelegt werden kann. Die von der Bsvölke- ci!n?-^^!clTigten Opfer könnten bei verringerter Arbeitslosigkeit und Wiederbelebung von Industrie, und Landwirtschaft gefordert werden. Der nächste Ministerrat wird am Samstag zur (Stellung- na^me zu den Genfer Derhandlungsergebnissen zu­sammentreten.

England vor der Wahl.

Wenn der Duce aus der Ablehnung der Vor- schlüge, mit denen der Genfer Fünfer-Ausschuß das Skelett der Pariser Angebote umkleidet hat, die kriegerischen Folgerungen zieht, so wird das Wort wahr, das vor einiger Zeit im englischen Parlament geprägt wurde. Dann steht die britische Po- litik tatsächlich vor der schwierigsten Entscheidung seit 1914.

Die weichen und elastischen Methoden, mit denen die britische Diplomatie seit dem Abschluß der Friedensverträge operierte und mit denen sie bisher jeder entscheidenden Stellungnahme auszuweickjen wußte, hat Mussolini offenbar zu Fehlschlüs - s e n über die Haltung verleitet, die England in jedem Fall einnehmen muß, wenn es sich um Le­bensinteressen des Empire handelt. Er hat ferner übersehen, daß ein kriegerisches Vor­gehen gegen Abessinien gleichzeitig gegen zwei Grundauffassungen gerichtet ist, deren eine, die i m p e r i a l i st i s ch e, den konser­vativen Nationalisten, der andere, die Völker* bundliche, den pazifistischen Liberalen und Ar« beiterparteilern heilig ist. Diese grundsätzlichen Auffassungen greifen zwar im parteipolitischen Le­ben Englands hinüber und herüber. Der Völker­bundsgedanke hat angesichts der Strukturwandlung im Empire, die die Sicherung der Macht nicht mehr in allen Fällen durch die maritimen und militäri­schen Mittel des Mutterlandes allein verbürgt er­scheinen lassen, für die neue britische Außenpolitik eine sehr realpolitische Bedeutung, die den modernen Konservativen durchaus bewutzt ist. Wenn es also wohl auch nicht ganz zutref­fend ist, wenn es so hingestellt wird, als ob der Kampf für die Prinzipien der Liga und für die Autorität von Genf pure Heuchelei wäre, so werden doch die idealistischen Gesichtspunkte, die von Eng­land auf der Genfer Bühne vorgetragen werden, auch an dieser Stelle stark von den realpolitischen Beweggründen überschattet.

Jedenfalls aber liegen die Dinge nun so, daß sich alle politischen Richtungen in England an einem entscheidenden Punkt ihrer Grundauffassung durch die Pläne Mussolinis ernstlich bedroht fühlen. Das mußte eine seltene Geschlossenheit in der englischen öffentlichen Meinung zur Folge haben, wie fie ein­heitlicher kaum vorstellbar ist, und diese Entscylossen« heit versteift sich nach allen Berichten aus England von Tag zu Tag. Die englische Regierung scheint in der Tat innerpolitisch auch dann nicht das Geringste besorgen zu müssen, wenn sie so weitgehende Ent­scheidungen trifft, daß die Gefahr des offenen Kon­flikts zwischen europäischen Mächten heraufbeschwo­ren wird. Die Hoffnung, daß dieenglische Deka­denz" sich nicht zu durchgreifenden Taten werde auf­raffen können, eine in der italienischen Presse immer wieder vorgetragene Auffassung, könnte schließlich doch sich als eine ganz verhängnisvolle Illusion er­weisen.

Den besonderen Zusammenhängen zwischen den außenpolitischen Notwendigkeiten Englands und der gegenwärtigen innenpolitischen Lage kommt darum im Moment eine entscheidende Be­deutung zu, weil in England Neuwahlen vor der Tür stehen. Das Inselreich steht somit im doppelten Sinne vor der Wahl. Die Oppositionspar­teien haben sich von Beginn an, teils aus grund­sätzlichen, teils aus taktischen Erwägungen, mit hef­tiger Leidenschaft für hie restlose Anwen­dung der Völkerbundsbestimmungen gegen ein angreifendes Italien eingesetzt. Sie dürf­ten allerdings jetzt etwas das Gefühl haben, innen­politisch in eine Sackgasse geraten zu sein. Die Regie­rung hat die Sanktionsforderung zu ihrer eigenen gemacht, und nun zeigt sich, daß hinter dieser Drohung die Gefahr eines europäischen Krieges lauert. Soweit haben die pazifistischen Liberalen und die Arbeiterpartei- ler vielleicht nicht gedacht, daß auf den von ihnen befürworteten Wegen eine so furchtbare Möglich­keit auftauchen könnte. Jetzt können ihnen ihre innenpolitischen Gegner vorhalten, daß sie um des Völkerbundes oder um Abessiniens willen einen europäischen Krieg nicht scheuen, daß sie sich aber in ihre pazifistische Ideologie hüllen, wenn es allein um englische Interessen geht.

Der Führer der englischen Arbeiterpartei im Oberhaus Lord Ponsonby ist zurückgetre­ten, da er ebenso wie der oberste Parteiführer Sans bürg die Anwendung von Gewalt unter allen Umständen verurteilt, während die übrigen Parteiführer die Ergreifung militärischer Sühne- maßnahmen unter dem Völkerbund unterstützen. Der Rücktritt Lord Ponsonbys hat in den Kreisen der Arbeiterpartei beträchtliches Aufsehen hervor­gerufen. Aber die Dinge mögen nun weiterhin verlaufen wie sie wollen, auch die Oppositionspar­teien können nun auf keinen Fall mehr zurück, ohne besorgen zu müssen, daß sie innen­politisch allen Boden unter den Füßen verlieren.

Darüber aber weiß man ebensowenig wie über Mussolinis letzte Pläne Bescheid, wie weit gege­benenfalls das Kabinett Baldwin selbst zu gehen bereit ist. Die starke Konzentration englischer Flot­teneinheiten im Mittelmeer, ihre Verstärkung durch die größten Schlachtschiffe aus anderen Meeren so­wie die Vorbereitungen in Gibraltar und auf Malta darf man gewiß nicht als leere Demonstrationen betrachten. Es wird allerdings auch nicht damit zu rechnen fein, daß England feine Machtmittel in dem gleichen Augenblick einfetzt, in dem italienische Trup­pen die abessinische Grenze überschreiten. England will ja, daß Sanktionen kollektiv beschlossen und durchgeführt werden. Zunächst wird also die Völkerbundsmaschinerie weiter spielen müssen. Sie könnte allerdings schon von dem Ar­tikel 11 ausgehen, der bereits im Falle der Kriegsdrohung die Bundesmitglieder zu allen Maßregeln zur wirksamen Erhaltung des Friedens" verpflichtet. Wenn F r a n k r e i ch nach seinem Verhalten im Fünfer-Ausschuß zu schließen dieWahl zwischenRom und London tatsächlich getroffen zu haben scheint, so ist damit noch nichts darüber gesagt, wie weit Laval nun mitgehen will. Keinesfalls dürfte er zunächst für mehr als nur wirtschaftliche Sanktionen zu haben fern. Dann wird England wahrscheinlich abwarten, ob Mussolini nach militärischen Anfangserfolgen, etwa nach der Einnahme von Adua, sein Prestige als gerettet ansieht und sich bann wieder bereit fin-

L °m grünen Tisch zu verhandeln. Sollte das aber md)t der Fall sein, so steht England vor der Frage, ob es eine der schwersten diplomatischen Niederlagen und gleichzeitig den Angriff auf ein lebenswichtiges Zentrum des Empire stillschweigend hinnehmen ober ein Ultimatum stellen und bei Nichterfüllung seinen Schlachtschiffen den Befehl zum Feuern geoen soll.

Mehrtägige Pause in Gens

London, 19. Sept. (DNB. Funkspr.) Wie die Blätter aus Genf berichten, wird jetzt nach Uebergabe des Dermittlungsplanes des Fünfer-' Ausschusses an die Vertreter Italiens und Abell^