nu66 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
8rettag,l9.Zull 1955
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gang in die Felder.
Der Tag erwacht. Aus grauem Wolkendunst kämpft sich die Sonne hervor und verspricht einen klaren Tag. Tau liegt auf Gräsern und Blüten.
Ein neuer Arbeitstag ist angebrochen, ein Tag, der doppelt zählt an Arbeit in der schweren Erntezeit! Die Gerste ist eingefahren, schon wartet der Roggen aus den Schnitt. Ja, ist es denn wirklich schon so weit? Kaum hat die Bäuerin den Ueber- gang gespurt vom grünen Wachsen zur goldgelben Reife.
heute wird der Roggen gemäht. Der Bauer fährt aufs Feld mit den Mägden und Töchtern. Und auch die Kleinen fahren mit. Ferienglück! Aus der Stadt hat sich ein kleiner Ferienbesuch dazugefunden Run hat das Mädel schon ganz dicke rote Backen bekommen, und wie sie da barfuß und braunge- brant neben dem Knecht auf dem Bretterwaqen sitzt, da könnte man sie schon für eine richtige ge- sunde Bauerndirn halten. Rasch, steckt ihnen die Bäuerin noch ihr Frühstück zu, dann sieht sie dem Wagen nach, wie er vom Hofe fährt und geht schnell ins Haus. Der Mittag ist rascher da, als sie es sich wünscht bei der vielen Arbeit, die bis dahin geschafft sein mutz.
Am Nachmittag packt sie in einen großen Korb die Schnitten und gießt Kaffee in die große blaue Kanne. Seit Jahren ist es schon so, daß sie beim Roggenschnitt den Leuten die Vesper aufs Feld bringt. Dann bespricht sie mit dem Bauern den Stand der Ernte, rafft selber mal ein paar Garben Roggen ab und gönnt es sich auch, einen Augenblick om Feldrain zu sitzen und über die Felder zu sehen. Im Schatten einer Erle schenkt sie den Leuten den Kaffee ein, verteilt die Schnitten und macht dem Streit der Kinder um die beste Schnitte ein handgreifliches Ende. Und wenn die Leute dann wieder bei der Arbeit sind, dann sitzt sie noch einen Augenblick im Schatten der Erle allein. Sie läßt den Blick weit über die fruchtbare Ebene gleiten, bis dahin, wo in der Ferne die Berge blauen. Und sie sieht in diesem Augenblick nicht nur den Stand des Weizens auf diesem und den Stand des Hafers auf jenem Felde, sondern sie freut sich am Spiel der Farben, am fahlen Gelb des Roggens, das sich abhebt vom üppigen Grün der Rüben, und sie blickt in den Himmel über sich, in dem eine Lerche trillert. Selten genug sieht sie so die Heimat. Und sie ver- steht es auf einmal, was die Jungen hinaustreibt, wenn sie am Sonntag über die Felder und durch die ichattigen Wälder wandern. Die Heimat erleben, sie einmal so schauen, wie sie es gerade auch tut, nicht mmer nur vom Standpunkte der Arbeit aus, das ist der tiefe Sinn dieser Wanderungen, der vielen noch nicht aufgegangen ist, wenn sie meinen, daß Landmenschen sowieso immer draußen sind, daß sie »lso nicht noch am Sonntag „herumzuziehen" brauchen.
Wind weht vom Westen her, in schimmernden Wellen streicht er über die reifen Kornfelder und trägt einen herben Geruch dieser Reife zu ihr Heriber. Die Bäuerin steht auf, räumt das Geschirr in !>en Korb und geht dann dem Dorf zu. Ihr Schritt ist wieder eilig, denn die Arbeit wartet, aber doch gluckt sie hier und da an den Feldrändern eine weiße Marguerite oder den leuchtend roten Mohn und fib >rig glänzende Gräser. Ein froher Feldstrauß grüßt Väter in der Wohnstube und spricht von dem Gang dmrch die Felder. M. O.
Oie Reichsbahn als Bindeglied zwischen Stadt und Land.
Die Eröffnung der Nürnberger Reichsbahnaus- iitelluna „100 Jahre deutsche Eisenbahn" !»ildet den Auftakt für eine Anzahl von Veranstal- umgen im Jubiläumsjahr unserer deutschen Eisen-
Oie Hurra blüht...
Das blühende Yucca-Feld. (Aufnahme: Vogt-Gießen.)
In dem südlichen Teil unserer Gießener Gemarkung, nahe bei dem Throm'schen Garten ist seit einigen Jahren ein Acker mit einer fremdartig anmutenden, in unsere Felder gar nickt recht passenden Pflanze ausgestellt. Ein Schopf langer starrer spitzer Blätter, an deren Ränder weißliche oder bräunliche Fäden herabhänaen, bilden einen Halbstrauch, aus dem sich zur*Blütezeit ein etwa 80 Zentimeter hoher Schaft mit rispigen Trauben gelblich-weißer Blüten erhebt. Es ist die Virgi« nische Palmlilie Yucca filamentosa, deren prächtige Blütenstände zurzeit die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen. Die vorhandenen 27 Palmlilienarten gehören zur Familie der Liliengewächse und bewohnen das südliche Nordamerika und Zentralamerika. In milden Gegenden Deutschlands hält die hier zu Versuchszwecken an
gepflanzte Yucca filamentosa auch im Wilster im Freien aus, was auch bei der hiesigen Pflanzung der Fall ist. Als Zierpflanze sieht man diese Palmlilie bei uns in Deutschland häufig, besonders im Süden unseres Vaterlandes schmückt sie Ziergärten und Friedhöfe. Schon vor Jahren wurde die Anpflanzung von Yucca filamentosa zur Fasergewinnung angeregt. Ob ihre Kultur zu dem gewünschten Erfolg führt, werden die im Gange befindlichen Versuche festzustellen haben. Die Bestäubung der Blüten erfolgt in der Heimat der Palmlilie durch Vermittlung einer Motte, die bei uns fehlt. Zur Erreichung der Befruchtung müssen die Blüten der in der Kultur befindlichen Pflanzen künstlich bestäubt werden. Naturfreunden ist ein Besuch der zur Zeit in Blüte stehenden interessanten Yucca-Pflan- zung zu empfehlen.
bahnen. Diese haben sich im Laufe des Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Lebensnerven des deutschen Volkslebens entwickelt, der für alle Beoölkerungsfchichten von mehr oder minder großer Bedeutung ist.
Vom Standpunkt der deutfchen Landwirtschaft aus gesehen, haben die deutschen Eisenbahnen bedeutsame Aufgaben als Bindeglied zwischen Stadt und Land, aber auch beim Schutz gegen ausländische Ueberfremdung zu erfüllen gehabt. Die Tatsache, daß im deutschen Eisenbahnwesen frühzeitig staatliche Einflüsse zur Wirkung kamen, hat dieses Verkehrsmittel als Faktor einer nationalen Wirtschaftspolitik stets in den Vordergrund treten lassen, wie es Friedrich List, der Vorkämpfer für die deutsche Einheit, schon vor mehr als hundert Jahren betont hatte. In dem Maße, wie die Getreideeinfuhr aus den neu erschlossenen überseeischen Agrargebieten sowie den alten europäischen Kornkammern und die Einfuhr
von Obst, Gemüse, Südfrüchten, Milch, Eiern, Ge- stügel und Fleisch aus Uebersee und den europäischen Ländern ^unahm, erlangte das Beförderungsproblem auch innerhalb der deutschen Landwirtschaft eine immer stärker werdende Beachtung. Die Baupolitik der großen Eisenbahnnetze hat diesem Gesichtspunkt in vollem Maße Rechnung getragen.
Während in manchen Ländern die Eisenbahnen in Ueberspannung privatwirtschaftlicher Gedankenrichtung nur die sogenannten guten Linien bauten, so daß die Eisenbahn fast nur den reichen, durch höchste Fruchtbarkeit, Bodenschätze oder günstige Verkehrslage gekennzeichneten Gebieten zugute kam, wurden in Deutschland planmäßig auch die armen Gebiete, also die Gebiete, die nur von der Land- und Forstwirtschaft leben müssen, in das Hauptbahnnetz einbezogen. Außerdem wurde eine Fülle von Nebenbahnen und von Kleinbahnen geschaffen. Dabei stand es von vornherein fest, daß fast alle diese Bahnen keine unmitelbare Rente abwarfen
und vielfach nickt einmal ihre Betriebskosten decken konnten. Aber trotzdem wurden sie gebaut und hinsichtlich Fahrplan und Tarif möglichst pfleglich behandelt in der bewußten Absicht, hierdurch die deutsche Land- und For st wirtschaft zu unter st ütze n.
Diese gemeinwirtschaftliche Baupolitik wurde unterstützt durch zahlreiche Maßnahmen bau-, betriebe- und verkehrstechniscker Natur, die auf die schnelle, pünktliche und billige Beförderung der hochwertigen, aber oftmals schnell verderblichen Erzeugnisse des heimischen Land- und Gartenbaues in die Stadt abzielten. Gerade heute, wo wir weitgehend auf die Versorgung aus eigener Scholle angewiesen sind, müssen wir erkennen, daß die deutsche Reichsbahn eine der wesentlichsten technischen Voraussetzungen dafür schastt, daß der Bauer sicheren Absatz, der Städter aber gute frtscheNahrungs- mittel erhält.
Deutsche Arbeitsfront.
Jl$(S. „Arafl durch Freude".
Urlaubszug Lübecker-Bucht vom 20. bis 27. Juli.
Die Fahrkarten zu obiger Fahrt können in den Dienststunden auf dem Büro, Schanzenstraße 18 II, Zimmer 8, abgeholt werden. Der Zug fährt in Gie- Den ab 22.55 Uhr. Die Rückfahrt erfolgt am 27 Juli abends von Hamburg um 22.17 Ühr, so daß die Teilnehmer am 28. Juli um 6.56 Uhr wieder in Gießen eintreffen.
Für eine Nordseefahrt am 27. Juli sind noch -Plätze frei. Anmeldungen hierfür werden von der Geschäftsstelle Gießen, Schanzenstrahe 18, entgegengenommen.
Sonderzug zum Autorennen um den Preis von Deutschland am 28.Juli auf dem Nürburgring. Zu diesem Zuge gehen in den letzten Tagen die Meldungen derart zahlreich ein, daß wir alle Interessenten bitten, sich möglichst umgehend schriftlich anzumelden ober den Fahrpreis einschl. Eintrittspreis ab Gießen in Höhe von fünf Mark sofort zu bezahlen. (Schriftliche Anmeldungen sind bindend.)
Amt für Verufserziehung.
Die Kurzschrift - Vereinigung veranstaltet Samstag, 20. Juli, im Garten des Restaurants „Karlsruhe" einen Kameradschaftsabend. Gäste sind willkommen!
Sportturse „Straft durch Freude".
Achtung!
Verlegung von Sportkurfen!
Während der Schulferien werden folgende Kurse in die Turnhalle der Schillerschule, Schillerstraße, verlegt:
Donnerstags von 20 bis 21, Donnerstags von 21 bis 22 Uhr, Fröhliche Gymnastik und Spiele nur für Frauen: Freitags von 20 bis 21 Uhr, Allgemeine Körperschule für Frauen und Männer.
Das neue Vierteljahresfportprogramm ist eingetroffen und kann auf dem Sportamt, Schanzenstraße 18, abgeholt werden. Der Sportamts-Stütz- pnnkt Gießen hat bisher folgende Kurse ausgestellt:
Fröhliche Gymnastik und Spiele.
Nur für Frauen.
Donnerstag von 20 bis 21 Uhr, Schillerschule, für Jüngere,- Donnerstag von 21 bis 22 Uhr, Schiller- schule, für Aeltere: Freitags von 20.30 bis 21.30 Uhr, Lollar, Kantinengebäude der Firma Buderus.
Leichlathlelik.
Für Frauen und Männer gemeinsam.
Samstags von 17 bis 19 Uhr. Universitätssportplatz am Kugelberg. Obige Kurse sind offene Kurse. Eintritt ist jederzeit möglich. Für folgende geschlossene Kurse ist vorherige Anmeldung auf dem Sportamt erforderlich.
Wir fanden ineinander.
Roman von Klothilde v. Stegmann
Urheberrechtschutz: Fünf-Türme Verlag Halle (S.) t Fortsetzung Nachdruck verboten!
Karla zuckte peinlich berührt zusammen. Warum ührte Jutta diese alte Geschichte auf? Sie hatte niemals begriffen, wieso Dietrich sich mit Jutta von Bergfelde hatte verloben können. Hätte sie len Jugendfreund in der Zwischenzeit gesprochen, sie hätte ihn vielleicht darüber befragt. Dietrich nnb Jutta — sie hatte bie beiden einfach nicht zu- □mmen denken können. Ordentlich befreit war sie cewesen, als sie in Wiesbaden hörte, es sei zwi- chen Dietrich und Jutta zum Bruch gekommen, ülber daß Jutta sich jetzt rühmte, Dietrich den Laufpaß gegeben zu haben, das tat Karla weh.
„Und das weiter?" fragte sie. „Ich begreife richt, warum du mir von diesen längst vergangenen Dingen sprichst!"
„Weil doch Dietrich jetzt unbedingt innerhalb eines Jahres eine Frau haben muß. Bei mir hat tr fein Glück. Das weiß er. Wir hatten gerade >orhin eine Aussprache, in der er nochmals ver- lichte, mich zu gewinnen. Aber ich liebe ihn nicht, ir ging ganz verzweifelt von mir."
„Armer Dietrich!" sagte Karla leise vor sich hin.
Jutta beobachtete sie lauernd:
„Es scheint dir ja sehr nahe zu gehen. Siehst du, und darum habe ich über die Geschichte mit dir gesprochen. Vielleicht würdest du eine Frau für lietrid) wissen? Denn daß er heiraten wird, um bie Erbschaft nicht zu verlieren, ist jo Har."
Carla erhob sich. Zorn stand in ihrem sanften, flirten Gesicht.
' „Wenn du mit deinen hinterhältigen Worten mich rreinft, dann trifft mich das nicht, Jutta. Ich yöchte dir nur das eine sagen: „Ich halte es für ausgeschlossen, daß Dietrich ohne Liebe heiratet." Jutta lachte grell auf:
„Er wird es! Verlaß dich drauf! Innerhalb eines Jahres ist er verheiratet. Auch ohne Liebe' ter schöne Besitz hier ist ihm mehr wert als Liebe zik einer Frau. Na, und irgendein Mädel wird sich doch finden, das stoh ist, Gräfin von Veltheim zu werden." r „
„Willst du bitte klingeln? Der Diener soll mir meinen Mantel bringen!" sagte Karla kurz.
„Ich dachte, du würdest bleiben, bis Dietrich kcmmt."
„Nein, danke. Ich möchte heim."
Karla drückte selbst auf den Klingelknopf, der mben ihr an der Wand befestigt war:
„Meinen Mantel, bitte!" sagte sie zu dem Diener. Und geben Sie bitte meiner Freundin Bescheid — Mir fahren."
„,Das gnädige Fräulein toartei wnfcn im Auto! meldete der Diener.
„Ach, du bist nicht allein?" fragte Jutta
„Nein!" antwortete Karla kurz.. Sie hatte nicht die geringste Lust, jetzt nach diesem Erlebnis irgend etwas von Marlen zu sagen. Der Auftritt mit Jutta hatte sie im tiefsten aufgewühlt. In welcken Abgrund von Schlechtigkeit und Bosheit hatte sie da geblickt? Gottlob, daß Dietrich vor dieser Frau bewahrt worden war!
Selbst wenn er ohne Liebe heiraten würde, er könnte es nicht schlimmer treffen, als tpenn er mit Jutta eine Ehe eingegangen wäre.
Sie brachte es nicht über sich, Dietrich auch nur einen Gruß durch Jutta bestellen zu lassen, oie wollte ihn morgen anrufen. Vielleicht würde er herüberkommen. Nach Veltheim setzte sie feiirn Fuß mehr, solange Jutta im Hause war.
„Leb wohl, Jutta!"
Sie streckte der ehemaligen Pensionsoenossin nicht einmal die Hand hin. Sie hatte das Gefühl, als erniedrigte sie sich selbst, wenn r!* Jutta nur anrührte.-
Jutta sah ihr mit einem rachsüchtigen Läckeln nach. Sie hatte ihrer Wut und ihrem Zorn wenigstens etwas Luft gemacht. Sie haßte Karla, wie sie Dietrich haßte und alles, was zu ihm gehörte.
5. Kapitel.
Unten tm Wagen faß Marlen. Ganz eng in die Ecke gedrückt faß sie, den Mantel eng um sich gezogen. Und doch zitierte sie. Aber es war nicht Kälte, sondern die Empörung über das, was sie, ohne zu wollen, mit angehört hatte. Die Auseinandersetzung zwischen Jutta und Karla war von Juttas Seite zuletzt so laut geführt worden, daß Marlen wohl oder übel jedes Wort hatte verstehen müssen.
Sie konnte sich von diesem Eindruck nicht befreien. Was hatte sie da hören müssen? Dietrich Veltheim war ihr durch Juttas Erzählungen als ein Jdealmensch erschienen. Und dieser Dietrich hatte einen Menschen, wie diese Jutta von Bergfelde geliebt? Sie hatte Jutta ja niemals vor sich gesehen, wußte von ihr nur durch Karlas Schilderungen Marlen war ein Mensch, der von anderen Menschen immer das Beste glaubte, einer von denen, die selbst mit eigenen Augen sehen wollen, ehe sie urteilten. Doch nun hatte sie ja mit eigenen Ohren gehört. Ein Mädchen, das so häßlich und hämisch von seinem früheren Verlobten sprechen, das so beleidigend gegen Karla sein konnte, war ein schlechter Charakter.
Und von ihr hatte sich Dietrich umgarnen lassen? Und damit nicht genug. Jutta behauptete auch noch, Dietrich Veltheim würde, nur um sich das Erbe nicht entgegen zu lassen, ein ungeliebtes Mädchen heiraten. Wie schrecklich war bas alles! Welche Enttäuschung auch für Karla, die in dem Jugendfreund das Beste und Liebste sah!
Marlen zitterte vor Empörung und Entsetzen. Sie faßte sich mühsam, als jetzt durch das hell- erleuchtete Portal des Schlosses Karla kam.
Karla ging langsam mit gesenktem Kopf. Ihr Gesicht sah traurig aus. Sie hatte offenbar die Auseinandersetzung mit Jutta von Bergfelde noch nicht überwunden. Schnell stieg Marlen aus, ging Karla entgegen, faßte sie sorglich unter.
„Komm, Liebes!" sagte sie zärtlich und geleitete die Freundin in den Wagen.
Karla sprach kein Wort, bis der Chauffeur sorglich die Decken um die beiden jungen Mädchen gelegt und den Schlag geschlossen.hatte. Aber dann brach sie plötzlich in Tränen aus.
„Aber Karla! Liebe Karla!" Marlen umfaßte die Freundin zärtlich. „Was ist denn nur?"
„Ach nichts, Marlen!" Karlo bemühte sich, ihre Tränen zu unterdrücken. Sie konnte um alles in der Welt Marlen nicht sagen, was sie da oben erlebt hatte. Hoffentlich hatte Marlen nichts gehört.
„Du bist doch schon lange unten?" fragte sie Marlen.
Marlen begriff, was in der Freundin vorging. Offenbar schämte sich Karla für Jutta und Dietrich bei dem Gedanken, Marlen hätte das Gespräch da oben mit angehört.
„Ich bin bald heruntergekommen, als ich dich im Nebenzimmer sprechen hörte."
Marlen wurde ob der Notlüge rot. Aber besser, nicht die Wahrheit sagen, als zuzugeben, daß man dieses Benehmen Juttas von Bergfelde und die häßlichen Verdächtigungen gegenüber Korlas Jugendfreund Dietrich mit angehört hatte.
Allmählich beruhigte sich Korla. Daß Marlen nicht Zeugin dieser Unterredung gewesen, machte ihr alles etwas leichter. Aber es wollte kein fröhliches Gespräch wie sonst zwischen den beiden Freundinnen aufkommen. Schweigend, mit geschlossenen Augen, saß Karla in der Ecke des Wagens. Sie sah bloß und ermüdet aus. Marlen wagte es nicht, sie zu stören. Sie selbst war ja in ihren Gedanken immer noch bei dem Erlebnis von vorhin. Schweigend kamen die beiden jungen Mäd^en in Karlas Vaterhaus wieder an. Sie fanden niemand zu Haufe vor. Hauptmann Weckenroth, Karlos Vater, war zu einem Herrenabend bei einem befreundeten Gutsbesitzer gebeten.
„Ich glaube, für dich wäre es am besten, Karla, du legtest dich gleich zu Bett", meinte Marlen. Sie sah mit Besorgnis das abgespannte Gesicht der Freundin, über das es hin und wieder schmerzlich zuckte.
Karla nickte. Sie fühlte sich wirklich sehr ermüdet. Außerdem schmerzten sie Schulter und Bein wieder heftig. Seelische Aufregungen wirkten immer auf ihr körperliches Befinden ungünstig ein.
„Weißt du was, Karlo", schlug Marlen vor, „du nimmst jetzt ein heißes Bad. Das Abendbrot bringe ich dir ans Bett, und wir machen uns noch ein gemütliches Plauderstündchen. Ich sage der Mamsell Bescheid."
Karla nickte. Plötzlich umschlang sie Marlen und lehnte ihre Wange an die der Freundin:
„Wenn ich dich nicht hätte, Marlen, würde ich doch manchmal schrecklich, schrecklich einsam sein. Ach, ich darf gar nicht daran denken, daß du wieder von hier fortgehen willst."
Aber als ein Schatten über Marlens klares Gesicht flog, sagte Karla schnell:
„Ich bin doch ein richtiger Egoist, Marlen. Ich weiß ja, du möchtest dir wieder eine Existenz gründen, und ich begreife das ja. Habe keine Sorge, wenn es so weit ist, bann bin ich die erste, die sagt: Geh und baue dir dein eigenes Leben auf!, so schwer es mir auch wird."
„Run, noch ist es nicht so weit, Karla, Du weißt ja: vorläufig bin ich euch nur zu dankbar, daß ich bei euch unterfchlupfen konnte nach dem Zusammenbruch des Sanatoriums in Wiesbaden. Und nun nicht mehr lange herumgestanden. Liebes. Schnell ins Bad und dann ausruhen!"
Während Karla sich im Badezimmer entkleidete, dachte sie wieder einmal über den Beginn ihrer Freundschaft mit Marken nach. In dem Wiesbadener Sanatorium hatten sie sich kennengelernt, in dem Karla zur Kur weilte.
Das Sanatorium war bekannt durch feine sorgsame, ärztliche Leitung und dem modernen, schönen Sanatoriumsbau inmitten eines herrlichen Parkes. Der eine Teil des Parkes war waldartig angelegt. Der andere bestand aus unendlich weiten Rasenflächen mit Staudenbeeten, Rosenbosketts und einer Fülle herbstlicher Blumen. Daran schloß sich der Obstgarten und das Gewächshaus.
Karla liebte es, schon am frühen Morgen eine Wanderung durch den Park zu machen, wenn die anderen Patienten des Sanatoriums noch schliefen. Sie war nie glücklicher als in der Natur. Dort vergaß sie ihre Schmerzen, ihre Einsamkeit und gab sich ganz dem Zauber von Himmel, Sonne, Erde und Blühen hin. Sie durchstreifte den Park und die Gartenanlagen des Sanatoriums nach allen Richtungen. Bei diesen Wanderungen hatte sie Marlen kennengelernt.
Marlen war als Gärtnerin in dem Sanatorium angestellt. Karla sah sie zum ersten Male, als sie gerade inmitten eines blühenden Staudenbeetes stand und sorglich die verblühten Blumen von den frischen sonderte.
Karla war das klare, feine Gesicht der jungen Gärtnerin aufgefallen, und sie hatte ein Gespräch mit ihr begonnen. Freimütig erzählte Marlen auf Karlas Fragen von ihrem Werdegang. Sie war auf einer Frauenschule am Rhein zur Gärtnerin ausgebildet worden und hatte nun yier ihre erste Stelle. Ihr Vater war als Offizier im Felde gefallen, als Marlen noch klein war. Die Mutter war ihm bald nachgefolgt. Marlens kleines Vermögen war für die Ausbildung draufgegangen, und sie war glücklich, so schnell hier eine erste Stelle gesunden zu haben. (Fortsetzung folgt.)


