Nr. <66 Zweites Blatt
GiehenerAnzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Freitag, ly.Zuli 1955
Das Opfer der Königin Luise.
Zu ihrem 125. Todestage am 19.3uli.
Von Or. Hermann Oreyhaus
In den letzten Jahrzehnten hat die Geschichtsforschung ihr Lebensbild in aller Klarheit zeichnen können. Paul Bailleu schuf durch eine Reihe von Vorarbeiten sowie durch die große Biographie, die ich m zweiter und dritter Ausgabe herausgeben durfte, die Grundlagen dazu. Briessammlunqen sowie die Veröffentlichung der Aufzeichnungen des Königs über „Leben und Sterben der Königin Luise' gaben mir im Verein mit eigenen Studien über die Stellung der Königin in der Literatur
Die berühmte Marmorstatue von I. G. S ch a d o w, die die damalige Kronprinzessin Luise mit ihrer Schwester Friederike, der späteren Königin von Hannover, darstellt. (Scherl-M.)
ihrer Zeit Gelegenheit, in einer neuen Biographie die von Bailleu gelegten Grundlinien zu vertiefen und zu erweitern. Immer mehr konnte der Gedanke verfestigt werden, daß die Königin Luise keine politische Frau im üblichen Sinne war. Trotzdem hat sie in hohem Grade politisch gewirkt. Um dies zu erkennen, muh man die Bahnen nur quellenmäßiger Erkenntnis etwas verlassen. Immerhin bleiben sie Ausgangspunkt, wenn man sich ins Gebiet des Psychologischen begibt und versucht, von hier aus das letzte Geheimnis ihrer Wirkung zu ergründen.
Festzustellen ist zunächst, daß die Königin Luise keineswegs eine philosophisch veranlagte Natur war, wenn sie sich auch gern von ihrer Umgebung mit den geistigen Strömungen ihrer Zeit bekannt machen ließ. Im ganzen blieben aber alle diese
Dinge Außenbezirke ihres geistigen Lebens. Ihr ganzes Dasein war Impuls, ein Erleben ihres Jchs — wie ihrer Umwelt in dem Sinne naiv, wie ihn Schiller in seiner Abhandluna über naive und sentimentalische Dichtung bezeichnet: „Unbekannt mit den Regeln, den Krücken der Schwach- heit und den Zuchtmeistern der Verkehrtheit, bloß von der Natur oder dem Instinkt, seinem schützenden Engel, geleitet, geht es (das wahre Genie) ruhig und sicher durch alle Schlingen des falschen Geschmackes, in welchen, wenn es nicht so klug ist, sie schon von weitem zu vermeiden, das Nichtgenie unausbleiblich verstrickt wird. Nur dem Genie ist es gegeben, außerhalb des Bekannten noch immer zu Hause' zu sein und die Natur zu erweitern, ohne über sie hinaus zu gehen." Diese Kennzeichnung deckt sich mit Aeußerungen der Königin Luise, wenn sie behauptet, „daß ein reines Herz keiner Philosophie bedürfe" oder: „Ueber Pflichten gegen Gott, gegen die Menschen und sich selbst, über Pflichten als Gattin und Mutter, über häusliche und öffentliche Angelegenheiten, darüber zu debattieren, war unglaublich, denn, sagte ich mir, es ist nur ein Weg, glücklich zu werden, nämlich der, der Stimme seines Gefühls, seines Herzens zu folgen".
Wer war liebenswürdiger als diese jugendliche Herrscherin, die schon im Alter von einundzwanzig Jahren auf einen Thron berufen wurde? Wie keine zuvor, hat diese Königin die Herzen aller Preußen für sich gewonnen. Es gab niemanden, der nicht die unbegrenzte Fortsetzung dieses Glückes gewünscht hätte. Und doch zerbrach es, noch ehe es das erste Jahrzehnt gefüllt. Luise kam auf der Flucht in den Osten ihres Reiches das Gefühl eines tragischen Schicksals an, als sie das Lied des Harfners aus Goethes „Wilhelm Meister" in ein Taschenbuch schrieb und darüber bittere Tränen vergoß. Sie suhlte, was es bedeutet: „Denn alle Schuld rächt sich auf Erden". Offen bekannte sie dem Vater ihre Schuld in den Worten: „Wir sind eingeschlafen auf Den Lorbeeren Friedrichs des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns." Allein aus solcher Erkenntnis heraus in königlicher Kühnheit den Kampf gegen das Schicksal aufzunehmen, diesen Ausweg vermied sie. Sie blieb Frau und Mutter und Überlieh den Männern das Feld. Sie fühlte einen anderen Beruf, der zwar jud)t nach dramatischer Spannung greift, der aber deshalb nicht weniger heroisch ist: den Weg des persönlichen Opfers!
Der Gedanke des Opfers taucht in der Königin auf, schon ehe ihr das größte Opfer ihres Lebens, die Begegnung mit Napoleon in Tilsit, nahegelegt worden war. Die Friedensverhandlungen kamen nicht recht vom Fleck, da die Wünsche des Zaren Alexander, die auf die möglichste Erhaltung Preußens abzielten, von Napoleon nicht die erwartete Anerkennung fanden. Damals schrieb die Königin an den Zaren von Memel aus die bezeichnenden Worte: „Meine Gesundheit ist etwas gestört durch all diese Unruhe; das ist gleichgültig, wenn Sie und der König allem widerstehen. Ich bin ein so unwichtiges Wesen; mag ich erliegen, wenn nur der König gerettet wird, wenn nur meine Kinder ein Los, eine Zukunft haben, wenn nur der König unabhängig, glücklich lebt: wie glücklich wäre ich, für all das ein Opfer zu fein" Während Luise diese Zeilen in Memel schrieb, wurde in Tilsit im Kreise Napoleons wie in der Umgebung des preußischen und russischen Herrschers erwogen, die Königin zur Erleichterung der Verhandlungen nach Tilsit zu bitten. Und wirklich kamen am 6. und 7. Juli 1807 die denkwürdigen Begegnungen zwischen
Napoleon und Luise zustande, die für die Königin groar einen Sieg bedeuteten —- Napoleon unterließ hinfort in seiner Presse die ehrenkränkenden Schmähungen gegen sie — die aber Preußen keinen Vorteil brachten, wenigstens keinen unmittelbaren. Der sogenannte Frieden von Tilsit hat immer als einer der härtesten Friedensschlüsse der Geschichte gegolten.. bis er 1919 von dem Vertrag von Versailles erheblich übertroffen wurde.
Der Gedanke „Opfer und Aufopferung ist mein Leben", wie Luise an ihren Vater schreibt, beherrscht die letzten Lebensjahre. Das zeigt eine Erwägung, die sie anstellte, als Napoleon 1810 unter den Fürstentöchtern Europas nach einer Gemahlin suchte und diese in der Habsburgerin Marie Luise fand. Da bemerkt die Königin Luise in einem Brief an ihren Vater: „Gott sei ewig gelobt, daß meine Tochter tot zur Welt kam", (es handelt sich um ihr erstes Kind), „die wäre jetzt im sechzehnten Jahre ... Denken Sie sich's nur recht lebhaft, wenn wir in diese Versuchung gekommen wären! Auf einer Seite alle Empfindungen, die dem Menschen natürlich sind, die dem mütterlichen Herzen so natürlich sind. Diese hätten unaufhörlich geschrien — Nein! tue diese Untat nicht, mache dein Kind nicht zeitlich, vielleicht auch ewig unglücklich. Und wieder auf der andern Seite, sechs Millionen Untertanen, die mit einem Ja aus Jammer, Elend, Tränen statt Brot in eine glückliche Lage gekommen wären durch ein einziges Geschöpf, das leidend sich opferte." Wenn etwas, dann kennzeichnet dieser Hingabewille die Königin Luise. Er ist der Ausfluß eines Frauentums, wie es Goethe in feiner „Iphigenie" gestaltet hat.
Es war an der letzten Feier ihres Geburtstages am 10. März 1810. Tags zuvor waren die unerhörten Tributforderungen Napoleons bekannt geworden. Die Lage erschien verzweifelt. Da griff die Königin in den Gang der Verhandlungen. Bereits auf ihrer Geburtstagsfeier begann sie mit ihren
Bemühungen. Sie erläutert ungewollt das herrliche Sonett, das ihr Heinrich von Kleist vortragen durfte, in dessen Schluß es heißt:
„Dein Haus scheint wie von Strahlen mir umschimmert;
Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert;
Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht!"
Sie ist nicht nur selbst zu jedem Opfer bereit gewesen, durch ihr Beispiel hat sie auch den Opferwillen im Volk entzündet und damit die Voraussetzung für die Befreiung geschaffen. Als Luise im Sommer 1810 in Hohenzieritz in der Blüte ihres Frauentums einem tückischen Leiden zum Opfer fiel, da schien das kein Schicksalsschlag zu sein, ein solcher Tod konnte nur ein Opfer bedeuten: ein Opfer der Fremdherrschaft, das das schuldige Volk entsühnte, aber auch zum Befreiungskampf verpflichtete. Von diesem Eindruck ist selbst Goethe ergriffen worden, wenn er in feinem Festspiel „Des Epime- nides Erwachen", die Gestalt der Hoffnung als eine Verkörperung der Königin Luise betrachtet wissen will und ihr die Worte in den Mund legt:
„Denn wie ich bin, so bin ich auch beständig. Nie der Verzweiflung geb' ich mich dahin;
Ich mildre Schmerz, das höchste Glück vollend ich; Weiblich gestaltet, bin ich männlich kühn.
Das Leben selbst ist nur durch mich lebendig, Ja über's Grab kann ich's hinüberziehn, Und wenn sie mich sogar als Asche sammeln, So müssen sie auch meinen Namen stammeln."
Durch ihren Opfergeist hat die Königin Luise die Seele des deutschen Volkes gewonnen. In ihm liegt eine zeugende Kraft. Sie darf auch heute noch wirken. Der hundertfünfundzwanzigste Todestag der Königin ist eine stille, eindringliche Mahnung.
6teuererieid)teriingen für LohnsteuerpsWige.
In Ergänzung des neuen Einkommensteuergesetzes vom 16. Oktober 1934, das auch die Lohnsteuer regelt, sind in jüngster Zeit Erlasse und Verordnungen ergangen, die für viele Lohnsteuerpflichtige, also für Beamte, Angestellte und Arbeiter Erleichterungen bringen. Diese Ermäßigungen der Lohnsteuer geschehen aus Billigkeitsgründen, die nachstehend nur angedeutet werden können. Es ist jedem Steuerpflichtigen der Anspruch auf die Steuerermäßigungen zu haben glaubt, zu raten, sich die Lohnsteuerkarte von seinem Betriebsführer aushändigen zu lassen, um sie mit einem entsprechenden Antrag beim Finanzamt seines Wohnsitzes einzureichen. Diese Anträge müssen möglichst sofort gestellt werden, da die Steuerermäßigung erst vom Zeitpunkt der Antragstellung an gilt und eine rückwirkende Ermäßigung nicht statt- finbet.
Es wird viele Lohn- und Gehaltsempfänger geben, die auf Grund der bisherigen Vorschriften keine Ermäßigung der Lohnsteuer erhalten konnten, aber jetzt eine Ermäßigung zusteht. Ebenso wird vielen auf Grund der neuen Vorschriften eine höhere Ermäßigung als nach den bisher maßgeblichen Vorschriften zugebilligt werden können.
Nur auf Antrag hat das Finanzamt des Wohnsitzes des Gefolgschaftsmitgliedes, wenn besondere wirtschaftliche Verhältnisse die steuerliche Lei- stungssähigkeit des Steuerpflichtigen wesentlich beeinträchtigen, einen nach Ermessen zu bestimmenden Betrag steuerfrei zu lassen und auf der Steuerkarte zu vermerken. Als Verhältnisse dieser Art gelten insbesondere
außergewöhnliche Belastungen durch Unterhalt oder Erziehung
einschließlich Berufsausbildung der Kinder, durch gesetzliche oder sittliche Verpflichtungen gegenüber Angehörigen, auch wenn diese nicht zum Haushalt
des Berufstätigen zählen, durch Krankheit, Körperverletzung, Verschuldung, Unglücksfälle ober durch befonbere Aufwenbungen, bie einer Witwe mit minderjährigen Kindern infolge ihrer Erwerbsfähigkeit für ben Haushalt erwachsen unb Angehörige im Sinne biefer Vorschriften sinb:
1. Der Verlobte, 2. ber Ehegate, auch wenn bie Ehe nicht mehr besteht, 3. Verwanbte in geraber Linie unb Verwanbte zweiten unb britten Grabes in ber Seitenlinie, 4. Verschwägerte in geraber Linie unb Verschwägerte zweiten Grabes in ber Seitenlinie, 5. burch Annahme an Kinbesstatt in geraber Linie Derbunbene, 6. Pflegeeltern unb Pflegekinber.
Die steuerliche Leistungsfähigkeit ist nur bann beeinträchtigt, wenn bei einem Lohn- ober Gehaltsempfänger besondere wirtschaftliche Verhältnisse vorliegen, die ihm schwerere Belastungen auferlegen, als andere mit gleichem Einkommen unb Ber- mögensverhältnifsen unb gleichem Familienstanb im allgemeinen zu tragen haben. Die Tatsache, baß bas Einkommen niebrig ist unb baß eine größere Zahl von Kinbern unterhalten unb erzogen werben muß, kann für sich allein zu ber Gewährung eines steuerfreien Betrags nicht führen.
Die Voraussetzung für bie Anwenbung biefer Bestimmungen wird in ber Regel gegeben fein, wenn bie Belastung bei einem Jahreseinkommen bis zu 5000 Mark bei Steuerpflichtigen ohne Kinber 10 v. H., mit ein ober zwei Kinbern 8 o. H. unb mit mehr als zwei Kinbern 6 v. H. beträgt.
Außergewöhnliche Belastungen sind insbesondere folgende:
1. der Unterhalt eines Kindes erfordert größere Aufwendungen als bei der überwiegenden Mehrzahl der Steuerpflichtigen gleichen Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Es ist dabei belanglos, ob das Kind minderjährig
August piepmuul
23on Ulrich (Sander.
Gleich links vom Dünenweg, dicht an den Booten, daß er morgens kaum zwanzig Schritt bis an das Wasser zu gehen hat, da wohnt August Scharping, den sie „August Piepmuul" nennen, weil er Tag und Nacht nicht die Pfeife aus dem Munde kriegt. Sie gehört bei ihm zum Gesicht, auch wenn sie keineswegs immer im Gange ist. Sie steht ihm auch gut, als Abschluß zu der etwas lang geratenen und geraden Nase, und als Gegengewicht gegen die kleine, kecke Fliege an der Unterlippe. Es ist ihm übrigens einmal passiert, daß er sich in der Bahn ein paar Zähne mit der Pfeife aus dem Munde schlug, als er plötzlich nach Enten sehen wollte und das Fenster geschlossen war.
Viele Zähne hatte er sowieso nicht. Aber beißen konnte er wie ein Iltis. Einmal ist er auch beinahe ertrunken, weil ihm bie Pfeife beim Angellegen in bie See gefallen war unb er sie schnell noch greifen wollte. Er fiel aus bem Boot, unb Friedrich Jonas hat ihn mit vieler Mühe unb Not noch wieder binnenbords bekommen, denn August war schon im Absacken. Einmal hat er sich im Dunkeln auch die Pfeife an der Stalltür in den Rachen gejagt, daß er dachte, nun müsse er Feuer speien. Es gehört eine gewisse Ruhe und Freundlichkeit dazu, immer einen Knösel im Munde zu tragen, auch wenn man nicht ein Fitzelchen Tabak mehr im Hause und kein Geld hat, sich welchen zu kaufen. Stets lustig und vergnügt, immer geschäftig, unverdrossen und hilfsbereit ist August Piepmuul seinem schweren Gewerbe nachgegangen. Er war darum überall gern gesehen und wurde seine Fische chnell los. Auch war er sehr geschickt und konnte ich alles selbst machen, was heute beinahe schon elten geworden ist, wo es für jeden Jux einen Konzern gibt. Es ist dann auch meist danach.
Einmal wollten die anderen ihm einen Schabernack spielen und hatten ihm heimlich Pulver in die Pfeife gestopft, als er sie einen Augenblick beiseite gelegt hatte. „Dunderwettschock!" hat er gerufen, als die Pfeife hochgegangen war, „Dunderwettschock! Juch waar ick!" war mit versengten Augenlidern und halb geblendet, schwarz angelaufen und hitzig vor Zorn 'wie ein Teufel auf die anderen losgegangen und hatte sich mit ihnen ziemlich ernsthaft geschlagen. Einmal hatten sie ihm auch Harzer Käse an das Mundstück geschmiert; er hat es aber nicht gemerkt, sich nur gewundert, daß ihm der Tabak heute so süß schmeckte. Heiraten, das wollte er nicht. Mit den Langhaarigen hatte er nicht viel im Sinn, obwohl ihn manche ganz gern mochten Gr blieb lieber bei seinen Ettern. Dann aber bat
er eines Tages doch dran glauben müssen. Erna Olson gewann sein Herz dadurch, daß sie ihm die Prunkpfeife ihres verstorbenen Vaters schenkte, mit Bernsteinmundstück und einem geschnitzten Meerschaumkopf. Der Vater hatte sie von einem Badegast geschenkt bekommen, dessen Tochter er einmal aus dem Wasser geholt hatte.
Und noch einmal sollte eine Pfeife m sein Leben eingreifen. Eines Morgens fand August Piepmuul eine wunderschöne Bruyerepfeife am Strande, die offenbar verloren worden war. Er lieferte sie auf dem Badebüro ab, kam mit dem Besitzer in ein Gespräch und verstand sich mit ihm so gut, daß er ihm eine Hypothek zum Hausbau gab und weiter nichts an Zinsen haben wollte, als in jedem Sommer sechs Wochen mit seiner Familie bei August Piepmuul wohnen. Nun konnte er auch von Den Eltern los; die Pfeifen hatten ihm zu Frau und Haus verhalfen, Piepmuul ist ein glücklicher Mensch geworden
Zwanzig gegen Einen.
Kriminalskizze von Peter Eyk
Hätte man nicht gewußt, an welchem Platz tn Zimmer 222 des Polizeipräsidiums der Kriminalkommissar Schmidt zu fitzen pflegte, und wo sich der Stuhl des Angeklagten befand, dann hätte man leicht auf den Gedanken kommen können, daß dieser Verhaftete hier, der so elegant und schnittig aussah wie der Jdealdetektiv aus einem erfolgreichen Kriminalroman, der bekannte Beamte sei, während Schmidt selbst eher den Eindruck eines treuherzigen Opfers 'der Justiz machte. Aber dieser Beamte mit den gutmütigen Augen war um so gefährlicher, als er von den smarten Jungens seiner dienstlichen Bekanntschaften nicht für ganz voll genommen wurde. Er sah ja auch z u gutmütig aus.
„Herr Kommissar, ich bin unschuldig — bin vollkommen unschuldig!"
„Aber daran zweifelt ja niemand, mein lieber Primel! Es ist mir selbst unangenehm, daß ich diesen zwanzig Anzeigen hier nachgehen muß. Da hat nämlich ein Mann, dessen Personalbeschreibung leider auf Sie paßt, Zimmer in guten Pensionen gemietet und hat den Pensionspreis regelmäßig für eine Woche im voraus gezahlt. Bis hierhin finde ich die Sache sehr ehrenwert, denn ich pflege das nicht zu tun. Nur hat aber dann der fragliche junge Mann jede Wirtin sofort mit zehn Mark in einen weit entfernten Delikatessenladen geschickt, weil er angeblich nur dort zu kaufen pflegte, und bann in ihrer Abwesenheit die Wohnung ausgeräumt und die Wertsachen fortgeschafft. Stets ist ein großer
Schaden entstanden und stets fehlte der neue Mieter."
Der Kommissar lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fuhr nach kurzer Pause fort:
Aber das geht Sie ja alles nichts an, Herr Primel, ich will auch nicht persönlich werden, ich sage ja nur: es wird behauptet, daß dieser Pensionsdieb aussah wie Sie!"
„Aber das ist doch absurd, Herr Kommissar, ich habe eine einwandfreie Vergangenheit, bin ein ehrlicher Kaufmann, mein Vater war Sanitätsrat, mein Großvater kommandierender General — ich würde es niemals fertig bringen, eine Dame auf diese unanständige Art hereinzulegen!"
„Bin fest überzeugt, Herr Primel. Fest über« Zeugt!"
„Na also! Dann darf ich Sie wohl jetzt bitten, aus dem Präsidium entlassen zu werden!"
„Aber selbstverständlich, Herr Primel, sofort. Nur müssen Sie mir noch eine kleine Rechtfertigung vor den geschädigten Damen verschaffen. Sie sehen doch den Vorhang hier neben mir? Hinter diesem Vorhang befindet' sich eine Tür zum Nebenzimmer und dort sitzen nun diese zwanzig Damen. Ich möchte Sie also nur bitten, durch jenes Zimmer hinauszugehen. Da Sie den Damen ja vollkommen unbekannt sind, ist der Fall damit erledigt und Ihre Unschuld erwiesen!
Die Damen sind natürlich etwas erregt, aber das braucht Sie ja tn keiner Weise zu berühren! Und mir nehmen Sie bitte den kleinen Umweg nicht übel!"
Herr Primel stand auf, war sehr weiß im Gesicht geworden und schlenkerte unentschlossen mit den Armen. Seine Blicke gingen zwischen dem Vorhang und dem Kommissar hin und her Schließlich sagte er ziemlich kleinlaut:
„Wenn Sie durchaus daraus bestehen, daß ich durch dieses Zimmer hinausgehen soll, Herr Kommissar, möchte ich doch lieber ein Geständnis oblegen." —
„Na, also, mein junger Freund, ich stelle mir das für Sie auch bedeutend harmloser vor, denn ein Monn gegen zwanzig betrogene Frauen, das hätte doch immerhin gefährlich werden können!"
Nachdem Herr Primel #ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, sollte er von einem Beamten in das Polizeigefängnis zurückgeführt werden. Da rief ihn der Kommissar noch einmal zurück und sagte, indem er den Vorhang hochhob:
„Nur der Ordnung wegen, mein Lieber, möchte ich Ihnen sagen, daß hinter diesem Vorhang gar keine Tür ist! Diesmal sind Sie reingefallen!"
Herr Primel fand erst in seiner Zelle die Sprache wieder!
«-Alles hört auf mein Kommando
Das Einzige, was an diesem hübschen und lustigen Film Dorbeigeraten ist, ist der Titel: er macht einen auf etwas anders gespannt, als man hinterher zu sehen bekommt. Der Inhalt ist an sich nichts Besonderes, aber die Art, wie der Film (Produktion: ABC.; nach einer Idee von Dr. Ernst D e • g e n e r von W. F. F i ch e l s ch e r) gedreht ist und gespielt wird, ist erfreulich und unterhaltsam. Es handelt sich um das Schicksal eines Theaterstückes, das mit dem Schicksal eines jungen Liebespaares auf eine verzwickte und vergnügte Weise verbunden ist. Was die beschwingte und begabte Regie von Georg Z o ch zu leisten vermag, sieht man z. B. daran, wie sie das optische Motiv eines Rummelplatzes filmisch auswertet, oder wie sie dem immer dankbaren Kulissenbetrieb, der hier eine ziemliche Rolle spielt, zu Leibe geht. Adele S a n d r o ck als Neuberin wirkt diesmal gar nicht komisch um jeden Preis, sondern angenehm menschlich, dabei auch sprachlich, worauf einmal hingewiefen werden sollte, vorbildlich diszipliniert. Dann ist da Marianne Hoppe, ganz famos, junge Liebhaberin mit Temperament, mit Herz und Heiterkeit. Liebeneiner ist ihr Partner, sehr eingefühlt in die Aufgabe, die sich ihm hier bietet. Georg Alexander in einer Daterrolle, etwas überraschend, aber gepflegt und elegant wie stets. — Walter Meißner hat eine liebenswürdige Musik dazu geschrieben. Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus. Im Beiprogramm: ein Schwank und ein Kulturfilm mit interessanten Aufnahmen von einer deutschen Ceylon-Expedition. Die Wochenschau kennen wir schon.
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Hochschulnachnchten.
Der Dozent für Zahnheilknnde an der Frankfurter medizinischen Fakultät Dr. med. Hermann Groß hat die Berufung auf eine Gastprofessur an der Kaiserlichen Zahnärztlichen Akademie in Tokio angenommen
Der Dozent der Physiologie Dr. Emil Lehn- a r tz an der Universität Frankfurt hat von Der Rvckefeller-Stiftung ein Stipendium zur wissenschaftlichen Arbeit im Ausland erhalten und ist für das Wintersemester 1935/36 beurlaubt worden, um in London im National Institute for Medical Research und im University College zu arbeiten.
Professor Dr. Jürgen Harms, Ordinarius für Zoologie und vergleichende Anatomie an der Universität Tübingen, hat einen Ruf als Nach- folger von Professor Plate an der Universität Jena angenommen.


