Ausgabe 
19.7.1935
 
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Ur. !66 Erster Blatt

185. Jahrgang

8rettag.19.Zuli 1935

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Gegen den politischen Katholizismus.

Klare Scheidung zwischen Religion und Politik./Ein Erlaß des Ministerpräsidenten Göring,

Auf dem Wege zur Nation haben alle politischen Parteien in Deutschland daran glauben müssen: Auf der Rechten, in der Mitte und auf der Linken, also ohne jede Rücksicht auf die parlamentarische Geo­graphie. Auch das Zentrum, als Partei des politischen Katholizismus, mußte sich auflösen, nach­dem es über 60 Jahre lang unheilvoll genug ge­wirkt hatte. Es hatte auch keine politische Partei gegeben, die wandlungsfähiger war als das Zen­trum. Schon in der Vorkriegszeit gab sich das Zentrum zwar als die politische und parlamenta­rische Vertretung der Katholiken in Deutschland, ober wenn es darauf ankam, pfiff das Zentrum nicht nur auf die katholische Kirche, sondern auch auf das Oberhaupt dieser Kirche, auf den Papst in Rom. Wie es 1887 geschah, als Papst Leo XIII. dem Reichskanzler Bürst Bismarck dafür gefällig sein wollte, daß dieser den Kulturkampf abgebrochen hatte. Fürst Bismarck brauchte für die Militärvor­lage im Reichstag eine Mehrheit, die sich damals ohne das Zentrum nicht bilden ließ. Papst Leo XIII. ließ dem Zentrumsführer W i n d h o r ft mitteilen, daß Zentrum solle den Fürsten Bismarck unterstützen. Windhorst lehnte ab. Fürst Bismarck mußte den Reichstag auflösen, um eine Mehrheit für die Militäroorlage zu erhalten, ohne die die militärische Sicherheit des Reiches gefährdet war.

Die Nachfolger Windhorsts haben die Spuren des Meisters nicht verlassen. Gerade das Zen­trum war ja immer der Tummelplatz für ehrgeizige Streber, so konnte ein Mensch wie Erzberger der Führer des Zentrums werden. Es ist auch noch in Erinnerung, daß das Zentrum im November­staat mit den Marxisten gemeinsam dies Gebilde trug, wobei es für das Zentrum die Hauptsache war, überall Vorteile für den politischen Katho­lizismus undseine Anhänger" herauszuholen. Auf die katholische Kirche oder gar auf die katholische Religion kam es nicht an, denn für beide hatte das politische Zentrum nichts übrig. So mächtig und einflußreich das Zentrum auch im November­staat war, so reichte doch beides nicht aus, um irgend etwas von Reichswegen gegen die Gott­losenbewegung zu tun. Das konnte das Zentrum auch nicht gut wagen, denn es war ja selbst im Bunde mit dem gottes- und religions­feindlichen Marxismus

Die Gefahr einer bolschewistischen Revolution hat Adolf Hitler von uns abgewendet. Was sie für die christlichen Kirchen bedeutet hätte, das zeigt das russische Beispiel. Im Lande der Sowjets gilt das Bekenntnis zur Kirche als ein Ausdruck staatsfeind­licher Gesinnung. Gottlosigkeit ist den kommunisti­schen Parteimitgliedern zur Pflicht gemacht. Der Führer hat den Kirchen in Deutschland die Freiheit der Betätigung gerettet. Der nationalsozialistische Staat ist darüber hinaus in religiösen Dingen nicht gleichgültig. Das nationalsozialistische Parteipro­gramm, das die weltanschauliche Grundlage dieses Staates darstellt, enthält das ausdrückliche Bekenntnis zum positiven Christen- tum. Aus diesen Tatsachen darf der national­sozialistische Staat nun aber auch das unein­geschränkte Recht ableiten, die Kirchen aus ihren wahren Aufgabenkreis zu be­schränken und jeden Uebergrisf aufs politische Gebiet zu unterbinden, zumal wenn solche lieber» griffe mehr ober weniger versteckt gegen Grund- aussassungen dieses Staates gerichtet sind.

Die Kirchen müßten es im Grunde dankbar be­grüßen, wenn ihre Diener zur vollen Konzentration auf ihre religiösen Ausgaben und priesterlichen Pflichten gezwungen werden, weil dadurch auch ver­hindert wird, daß in den Herzen der Gläubigen Konflikte geschaffen werden. Der Erlaß, den jetzt der preußische Ministerpräsident General Göring veröffentlicht hat, stellt denn auch mit Befriedigung fest, daß der größere Teil der kirchlichen Oberen es verurteilt, wenn untere Geistliche sich aufs poli­tische Gebiet begeben, daß sie aber anscheinend ge­gen gewisse Teile des Klerus, dessen Treiben sie verurteilen, machtlos seien. Der höhere Klerus muß also dem Ministerpräsidenten Göring zu Dank ver^ pflichtet sein, wenn er nun nach dieser Richtung mit aller Entschlossenheit die ihm verfügbaren Macht­mittel einsetzt. Es wird gewiß nicht immer ganz leicht sein, die Grenzen zwischen seelsorgerischer und politischer Betätigung scharf zu ziehen. Dessen ist sich auch General Göring bewußt, wenn er die unteren Verwaltungsstellen anweist, ihre Macht­mittelmit aller Besonnenheit" anzuwenden. Der Staat denkt nicht an einen Kultur- kampf, er will auch den Anschein eines Kultur­kampfes vermeiden.

Es ist interessant zu erfahren, daß es sich bei den Geistlichen, gegen die sich dieser Erlaß wendet, fast durchweg um solche handelt, die vor der Machtergrei­fung politische Funktionäre des Zen­trums waren. Daraus ergibt sich, daß ihre Aus­fälle und Entgleisungen keineswegs auf seelsorge­rische und religiöse Antriebe zurückzuführen sind, sondern einem gekränkten politischen Ehrgeiz ent­springen. Das Zentrum mußte nach der Eroberung der politischen Macht durch den Nationalsozialmus von der Bildfläche verschwinden. Das war ein Se­gen für das deutsche Volk, denn der politische Par­teiklüngel war eine der Ursachen, die das deutsche Volk in der Vergangenheit daran gehindert hatten, eine einige, freie und große Nation zu werden. Das politische Zentrum hat auch ohne alle Schwie­rigkeiten die Segel gestrichen, denn es fühlte ganz deutlich, daß es eine harte und starke Faust war, die das Steuerruder des Reiches ergriffen hatte.

Hier gab es nur ein Sichfügen. Aber feit einiger Zeit ist beobachtet worden, wie alte Zentumsleute vorsichtig versuchten, vor allem über Jugendverbände und Gesellenverbände, den verlorenen polischen Ein­fluß wiederzugewinnen. Beichtstuhl und Kanzel wur­den von einzelnen politischen Fanatikern im Prie­sterrock erneut zu dem Versuch mißbraucht, die Ein­heit des Volkes zu erschüttern. Merken diese Leute,

die in so taktloser Weise Formeln und Symbole des neuen Deutschland in den kirchlichen Bereich tragen, gar nicht, wie sie sich am Geist wahrer Religion versündigen und wie sehr sie ihre Gläubigen, statt ihnen zu helfen und sie zu trösten, in ihres Herzens Ruhe bedrängen und schädigen? Der Erlaß Gö­rings wird geeignet sein, verblendeten und gewissen­losen Hetzern die Augen zu öffnen.

Gegen den Mißbrauch geistlicher Autorität W politischen Zwecken.

Berlin, 17. Juli. (DNB.) Der Amtliche Preu­ßische Pressedienst teilt mit: Der preußische Mini­sterpräsident und Ches der Geheimen Staatspolizei General Göring hat in einem Erlaß an d i e Oberpräsidenten und Regierungs­präsidenten sich mit der ablehnenden Haltung gewisser Kreise des katho­lischen Klerus gegen den Nationalsozialismus und seine Einrichtungen befaßt. In bewußter Ver­kennung der außerordentlichen Leistungen des nationalsozialistischen Staates und im Gegensatz zu der bereitwilligen Anerkennung, die ihm das gesamte Volk für seine erfolgreichen Anstrengungen auf allen ßebensgebieten zollt, glaubt eine Anzahl katholischer Geistlicher immer noch, die ihnen an« vertrauten Volksgenossen an der nationalsozialisti­schem Idee irre machen zu sollen, nur weil sie ihren politischen Einfluß schwinden sehen.

Der Ministerpräsident lehnt die Entfesse­lung eines Kulturkampfes gegen die katholische Kirche nach wie vor auf das Be­stimmteste ab. Er hält es aber für unbedingt notwendig, mit aller Energie gegen diejenigen Bestrebungen vorzugehen, die von dem politi­schen Katholizismus her dem nationalsozialisti­schen Staate im Kampfe entgegentreten. Dem­gemäß hat er, um dem Treiben solcher anti- nationalsozialistischen katholischen Geistlichkeit, deren Einstellung und Haltung immer noch in der Gedankenwelt der ehemaligen Zen­trumspartei wurzelt, ein Ende zu bereiten, die Staatsbehörden angewiesen, mit allen geseh- lichen Mitteln gegen solche Mitglieder des Klerus vorzugehen, die die Autori­tät ihrer geistlichen Stellung zu politischen

Zwecken mißbrauchen.

Der Erlaß führt unter anderem aus:

Die Linie der Staatsführung in der Behandlung des politischen Katholizismus ist eindeutig und klar vorgezeichnet. Der nationalsozialistische Staat g e - währleistet .die Unversehrtheit der christlichen und damit auch der katholi­schen Kirche; er gewährt ihr und ihren reli­giösen Einrichtungen seinen Schutz. Die Zeiten, in denen der Wille und die Macht des Staates nicht hinreichte, die Kirche vor den zersetzenden Einflüssen der G o t t l o s e n b e w e g u n g wirksam zu schützen, sind vorüber. Für die Kirche entfällt damit jede Veranlassung, über das Gebiet religiöser Betätigung hinaus poli­tische Einflüsse aufrechtzuerhalten ober von neuem anzustreben. Sie darf daher weder Gott an- rufen gegen diesen Staat, eine Ungeheuerlichkeit, die wir in offener und versteckter Form allsonntäglich erleben, noch darf sie eigene politische Kräfte unter der fadenscheinigen Begründung organisieren, sie müsse vom Staat her drohende Gefahren abwehren.

Wir dulden Bestrebungen nicht, deren Träger früher das Zentrum war. Wir bekämpfen sie, auch wenn sie unter dem Deckmantel religiöser Betätigung in Er­scheinung treten; wir bekämpfen sie um so ent­schiedener, je mehr sie sich in hinterhältige und verlegene Formen kleiden.

Dazu gehört es, wenn Kleriker, die sich mit der politischen Totalität des Nationalsozialismus nicht abfinden wollen, in letzter Zeit mehr und mehr die Ausdrucksformen, Wortprägungen und Symbole des nationalsozialistischen Kampfes auf ihren angeb­lichenKampf" übertragen. Sie wenden jedem Volksgenossen in Fleisch und Blut übergegangene Abkürzungen wie HI. aufHerz-Jesu-Jugend", BdM. aufBund der Marienmädchen" und Ab­wandlung des Deutschen Grußes auf Jesus Christus an. Sie verleiten die ihnen zur religiösen Betreuung anoertrauten Volksgenossen bis zu scheinheiligen Ausrufen wie:Unser himmlischer Führer Jesus Christus, Treu Heil!" Von der Kanzel setzen sie staatliche Einrichtungen und Maßnahmen ohne Scheu herab. In manchen Landesteilen vergeht fast kein Sonntag, an dem nicht die religöse Ergriffen­heit des Gottesdienstes zur Vorlesung sogenannter Kanzelerklärungen" über rein politische Dinge mißbraucht wird. Die kirchlichen Oberen sind nach dem von ihnen geschworenen Bischofseid der Re­gierung Achtung schuldig und verpflichtet, sie auch vom Klerus achten zu lassen. Nach ihren Erklärungen verurteilen sie auch das geschilderte Treiben," anscheinend sind sie aber gegen ge­wisse Teile des Klerus machtlos. Da alle Warnungen nur zu einem Mißbrauch der bis­herigen Nachsicht geführt haben, erwartet der Mini­sterpräsident nunmehr von allen Strafverfolgungs­behörden, daß sie die ganze Härte der be­

stehenden Bestimmungen in Anwen­dung bringen.

Der Erlaß führt dann die zahlreichen Fälle auf, in denen Kleriker ihren staatsfeindlichen Einfluß geltend zu machen versucht haben und legt dar, wie diesem Gebaren zu begegnen ist. Grundsätzlich wird festgestellt, daß von den Geistlichen, soweit sie namentlich im Religionsunterricht imStaats­dienst tätig sind, verlangt werden muß, daß sie sich nicht nur während des Unterrichts jeder nega­tiven Einstellung gegenüber dem Nationalsozialis­mus zu enthalten haben, sondern daß sie darüber hinaus, wie alle anderen Staatsdiener, für den nationalsozialistischen Staat positiv e i n 3 u t r e t e n haben, sich also mit ihrer ganzen Persönlichkeit rückhaltlos hinter ihn stellen müssen. Nur dann könne der Nationalsozialismus den Geist­lichen die religiöse Miterziehung der Jugend an­vertrauen.

Der Ministerpräsident stellt ferner fest, daß die sogenannten konfessionellen katho­lischen Jugendverbände sich immer mehr von ihrer ausschließlich religiösen Betäti­gung entfernen. Wenn nicht eine vollständige Umstellung hierin eintritt, sind die Verbände als politische anzusehen und zu ver­bieten. Das Tragen von Uniformen und alle volkssportliche Betätigung ist ausschließlich der Staatsjugend und den anderen Gliederungen der Partei Vorbehalten.

Der Ministerpräsident macht es allen Staatsbe­hörden zur Pflicht, die aufgezeigten Mißstände ent­schieden zu unterbinden, sich dabei aber dre ganzen Schwere der Verantwortung bei der Anwendung der gesetzlich gegebenen Handhaben bewußt zu sein. Die Macht des nationalsozialistischen Staates ge­statte es, die aufgezeigten Mittel mit aller Be­sonnenheit anzuwenden; daß er mit der ka­tholischen Kirche grundsätzlich in friedlichen und geordneten Verhältnissen leben will, hat er durch den Abschluß des Konkorda- t e s deutlich genug bewiesen. Im übrigen müßten die Entscheidungen von der Uebereinftimmung mit dem Empfinden der Volksgemeinschaft, die sich bas Gefühl für Recht unb Unrecht rein bewahrt hat, getragen fein. Dann werben auch biejenigen, gegen bie sich bie im Interesse ber Staatsführung notroenbigen Maßnahmen richten, in ben Augen bes Volkes nimmermehr alsMärtyrer" angesehen werben.

Der Gottesglauben und die Religion der katho­lischen Volksgenossen wird nicht angetastet, wir überlassen der katholischen genau so wie der evangelischen Kirche die völlige Frei­heit des Glaubens und der Lehre. Politisch aber ist nur eine Staatsauf­fassung in Deutschland vorhanden und denkbar: Die nationalsozialistische

Idee.

Wir wollen keinen Kulturkampf, da wir nur ben politischen Kampf kennen; in diesem aber waren unb bleiben wir siegreich. Zu biefem ©runbgebanfen betont ber Ministerpräsident, baß ber politische Katholizismus burch eine positive national- s o z i a l4 st i s ch e Aufbaupolitik überrounben werben muß, wobei er auf bie befonbers wichtige Rolle hinweist, bie bie HI. im weltanschaulichen Ringen um bie Jugenb spielt. Der Ministerpräsibent macht beshalb allen Behörben bie nachbrück- lichste Förberung ber HI. zur Pflicht.

Zusammenfassung der Zuständigkeiten des Reiches und Preußens in Kirchenanaeseaenßeiten.

Berlin, 18. Juli. (DNB.) Im Reichsgesehblatt Teil I Nr. 80 vom 18. Juli wird folgender Erlaß veröffenllicht::

Auf den Reichsmini st ex ohne Geschäfts­bereich K e r r l gingen die bisher im Reichs­und Preußischen Ministerium des In­nern sowie im Reichs - und Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Er­ziehung und Volksbildung bearbeiteten kirchlichen Angelegenheiten über.

Wegen der Ausführung dieses Erlasses treffen die beteiligten Reichs- und preußischen Mi­nister nähere Be st immun g.

Berlin, den 16. Juli 1935.

Der Führer und Reichskanzler:

A d o l f h i l l e r.

Kultur und Ernährung.

Von Professor Or. Karl A exander v. Ty-zka.

Schon vor mehr als 100 Jahren hat ber franzö­sische Philosoph Brillat-Savarin in seinem bamals vielgelesenen WerkDie Physiologie des Ge­schmacks" ben Satz aufgestellt:Das Schicksal ber Nationen hängt von ihrer Ernährung ab". Die­ser Ausspruch hat sich bewahrheitet. Die Völker, bie wirtschaftlich, kulturell unb zivilisatorisch an erster Stelle stehen, weisen auch bie beste Ernährung auf. Dieser Zusammenhang zwischen Kultur und Ernährung spiegelt sich sehr anschaulich auf einer Landkarte wieder, in ber man biese beiben Faktoren einträgt. Dann zeigt sich, wie parallel mit fteigenber wirtschaftlicher unb bamit kultureller unb zivilisa­torischer Entwicklung bie Ernährung besser unb ge­haltvoller wirb. Gehen wir nämlich von ber Mitte Europas, etwa bem 20. Längengrab östlich von Greenwich aus, bem Meribian, ber Ostpreußen, Po­len, bie Tschechoslowakei, Ungarn unb Jugoslawien je etwa in ber Mitte schneidet, so wirb bie Ernäh­rung nach Westen zu immer reicher an Fleisch unb anberen tierischen Erzeugnissen, fetthaltiger unb ber Zuckeroerbrauch steigt. Dagegen wirb nach Osten zu bie Ernährung immer ärmer an biefen qualitativ wertvollen Nahrungsmitteln, immer stär­ker wirb ber Anteil pflanzlicher Nahrungsmittel, immer geringer ber Fleischverbrauch, sowie ber Fett- unb Zuckergehalt ber Nahrung.

Einige Zahlen, bie ich meinen Untersuchungen über bie Ernährung ber Völker ber Welt entnehme, mögen bies illustrieren. Aus 1000 ber Gesamtkalo­rien kommen in Polen 220 animalische, b. h. tie­rische Probukte, in Italien 263, in Deutschland) 324, in Frankreich 330, in Englänb 335, in ben Ver­einigten Staaten von Amerika 413; bagegen in Rußlanb nur 200, in Ostasien sogar nur 36 bis 50. Der Fleischverbrauch allein zeigt folgenbe Skala: Polen 110 pro Mille ber Gesamtkalorien, Italien 125, Deutschland 155, Englanb 201, Vereinigte Staaten 215, bagegen Rußlanb 105, Ostasien nur 3. Unb bie gleiche Tenbenz zeigt auch ber Fett- und der Zuckeranteil der Nahrung: Auf 1000 Kalorien entfallen Fette in Polen 210, in Italien 234, in Deutschland 282, in England 324, in den Vereinigten Staaten 373; dagegen in Rußland knapp 200, in Ostasien 63. Und Zucker: Polen 41, Italien 48, Deutschland 78, England 138, Vereinigte Staaten 167, dagegen Rußland 38, Ostasien 23.

Geht man den Ursachen des Zusammenhangs zwischen Kultur und Ernährung nach, so wird offen­bar, daß hier der Arbeitsweise und Be­schäftigung der Volker eine ausschlag­gebende Bedeutung zukommt. Volker, deren Ange­hörige in der überwiegenden Mehrzahl i n d e r Ur­produktion, der Land- und Forstwirtschaft, be­schäftigt sind, die also schwere körperliche Arbeit zu verrichten haben, ernähren sich vorwiegend mit pflanzlichen Erzeugnissen; ihre Kost weist einen sehr hohen Verbrauch an Vege- tabilien auf, ist aber arm an Fleisch und Fett. Mit zunehmender Industrialisierung tre­ten jedoch immer mehr die pflanzlichen Nahrungs­mittel zurück, dagegen basiert die Ernährung in stär­kerem Maße auf tierischen Erzeugnissen, Fleisch wird bevorzugt, die Kost wird fetthaltiger und der Zuckerverbrauch steigt. Man kann in dieser Hinsicht geradezu von einer Gesetzmäßigkeit sprechen. Je stärker ein Land durch-industrialisiert ist, in je höherem Maße die menschliche Arbeitskraft durch die Maschine ersetzt ist, je größer der Anteil der Bevölkerung, der eine mehr sitzende und stehende Lebensweise in Büros, Kontoren ober Maschinen­sälen hat, befto größer ist auch ber Anteil anima­lischer Nahrungsmittel unb desto fettreicher ist die Kost.

Das ist kein Zufall und auch keine Laune des Geschmacks, sondern ist phvsiologiscb be­dingt durch die veränderte Arbeits- und Lebens­weise. Der schwer körperlich arbeitende Mensch kann feinen notwendigen Bedarf an Eiweiß ein Nähr­stoff, der dem Körper den lebenswichtigen Stickstoff zuführt, in der Hauptsache durch pflanzliche Nah­rungsmittel decken. Die große Menge Nahrungs­mittel, die er aufnimmt, liefert ihm das notwendige Eiweiß. Der überwiegend geistig tätige Arbeiter ist aber infolge feiner mehr sitzenden oder stehenden Lebensweise nicht imstande, eine so große Menge Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, da er nicht ge­nügend Gelegenheit hat, durch Muskeltätigkeit sich auszuarbeiten"; und der sonntägliche Sport, so be­grüßenswert er auch ist, ist doch nur ein recht küm­merlicher Ersatz. Sein Eiweißbedarf ist da­gegen infolge feiner geistigen, Nerven beanspruchen­den Tätigkeit ein besonders ft a r f e r. Er ist daher gezwungen, sich eine Kost zu wählen, die bei einer geringeren Menge Nahrungsmittel viel bio­logisch hochwertiges Eiweiß enthält; er muß also außer pflanzlichen Nahrungsmitteln auch Fleisch und andere tierische Erzeugnisse, wie Butter, Eier, Käse in ausreichender Menge zu sich nehmen, wenn er sich gesund und leistungsfähig er­halten will.

Denn die tierischen Nahrungsmittel enthalten nicht nur verhältnismäßig viel mehr Eiweiß als die pflanzlichen, sondern das tierische Eiweiß ist auch biologisch hochwertiger. Um z. B. 100 Gramm Ei­weiß täglich aufzunehmen, gebraucht man nur 500 Kalorien Fleisch, dagegen 5000 Kalorien Kartoffel, also zehnmal soviel. Zu den überwiegend geistig tätigen Personen gehören aber in den modernen Industriestaaten, in unserem Vaterlande, wie auch in England, Holland und den Vereinigten Staaten nicht nur die Gelehrten und Forscher, sondern auch das Heer der Büro- und Kontorangestellten und ebenfalls die größte Mehrzahl der Industriearbei­ter, denen die Maschine die schwere körperliche Ar­beit abgenommen hat und ihnen eine beaufsich-