Nr. 42 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, fy.Zebruar (935
Von der Lholerazange bis zum Kabelbaum.
3<n Reiche des Generalpostmeisters von Stephan.
Jährlich 100000 Besucher!
Start zum Besuch des Reichspo st museums vom Nollendorfplatz in, Berlin. Zusätzliche Ausrüstung: ein steifer Grog; denn es ist kalt und regnerisch. Mit Windeseile umschiffen wir das Kap der Bülowstraßenecke, winden uns durch die zahllosen Verkehrsschleusen der Potsdamer Straße, geraten in den Großschiffahrtsweg des Potsdamer Platzes und werden schließlich vom Verkehrsstrom an der Ecke Leipziger Straße/Mauerstraße an Land geworfen. Hier sind wir richtig: Reichspostmuseum
Rur der Eckbau ist dem eigentlichen Museum Vorbehalten; die übrigen Teile des großen Gebäudes sind vom Reichspostministerium in Anspruch genommen. In dem monumental durchgebildeten Innern sind die Räume um den durch drei Geschosse emporreichenden Lichthof gruppiert. Hoch oben, auf den Säulen, sechs Figuren aus dem Verkehrsleben: Landbriefträger und Postillon, Telegraphist und Telegraphenarbeiter, Schmied und Seemann. Inmitten des Lichthofes das Marmorstandbild des 1897 verstorbenen Staatssekretärs Dr. v. Stephan, den das Volk als den Generalpostmeister kennt. Ihm zu Füßen große Modelle des neuesten Verkehrsmittels, des Zeppelins, dessen Eingliederung in den Postbetrieb urkundlich auf seine, des Generalpostmeisters, Initiative zurückgeführt werden kann.
Das Reichspostmuseum, eine Schöpfung Stephans, wie so überaus vieles auf postalischem Gebiete, war bei seiner Gründung in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das erste feiner Art in der Welt. In einer ganzen Unzahl von Ländern wurden inzwischen nach deutschem Muster ähnliche Institute errichtet, mit denen ein reger Austausch von Sammlungsstücken unterhalten wird. Vor sechzig Jahren bestand ursprünglich nur die Absicht, eine Reihe von Postbetriebsgegenständen zu Studienzwecken aufzustellen. Aber schon bald wurde der kleine Rahmen gesprengt: es entstand eine fast lückenlose Sammlung zur Geschichte des Verkehrswesens vom grauen Altertum bis in die jüngste Zeit. Jährlich werden über 10 0 0 0 0 Besucher gezählt. Neben sachverständigen Führungen gibt es täglich Filmvorführungen aus dem Verkehrswesen.
3m Banne der „Mauritius".
Den Bummel durch die weiten und lichten Säle unternahmen wir unter persönlicher Assistenz des Museumsdirektors. Programmäßig die erste Frage: Was kann man als das große Zug stück Ihres Museums bezeichnen? Es ist bald heraus: die großartige Briefmarkensammlung, deren 60 000 Katalognummern in einem besonderen Saale untergebracht sind, wo sie hinter Glas und Rabmen in Drehsäulen übersichtlich und wie „zum Mitnehmen" geordnet, das helle Entzücken der Philatelisten erwecken. Innerhalb dieser einzigartigen Briefmarkensammlung, die zu den ersten der W"lt gehört, aber noch eine kleine, nein, eine große Sensation: die unbestreitbare Glanznummer des Ganzen, der in die Wand eingelassene, sorgfältig verschlossene und behütete Tresor, in der die kostbaren Marken aus Mauritius, Bri- tisch-Guayana und Hawai aufbewahrt werden; wenige Stückchen bunten Papiers nur, die emen Gesamtwert von einer runden halben Million darstellen. Unter ihnen „die" Mauritius, für jeden Briefmarkensammler ein Begriff; eine Marke, die auf einem Brief nur dreimal in der ganzen Welt vertreten ist und die allein auf einen Liebhaberwert von 100 000 R M. geschätzt wird. Feierlich und ein wenig verdutzt umstehen wir mit noch einigen Museumsbesuchern das kleine Wunder, das durch eine zentimeterdicke Glasplatte gegen unerbetene Zudringlichkeit geschützt ist.
Allerlei Raritäten.
Aber auch sonst gibt es genug bedeutsame und wichtige Dinge. Da ist der Telegraphenapparat, mit
dem die beiden Göttinger Gelehrten Gauß und Weber bereits im Jahre 1833 die erste elektrische Nachrichtenübermittlung der Welt zwischen der Sternwarte und ihrem physikalischen Kabinett vorgenommen haben. Da sind die Versuchsapparate, mit denen Philipp Reis in den Jahren 1861 bis 1863 seine ersten Fernsprechversuche gemacht hat; er, wie die beiden Göttinger Vorläufer derjenigen ausländischen Gelehrten, die nach ihnen als Erfinder der Telegraphie und des Telephons gefeiert wurden. Auch der Braunsche Knallfunkenfender, der erste Funkentelegraph, den wir kennen, ist im Original zu sehen. Und drum herum ein reiches und interessantes Material aus aller Herren Länder; vom neuzeitlichen Fernsehapparat bis zu den Nachrichtensystemen der alten Aegypter.
Damit die Kuriosität nicht fehle: die „Cholera- zange" und der „Kabelbaum"; das eine Stück ein primitiver Schutz des Postbeamten, der vor hundert Jahren während einer furchtbaren Choleraepidemie die „verdächtigen" Briefe feiner Kunden buchstäblich mit der Zange, einem langstieligen Holzinstrument, anfaßt, um sie zur Desinfektion weiterzugeben. Der Kabelbaum, ein kuri
oses Gebilde aus einem mehr als 400paarigen Tiefseekabel, das in die jüngste Zeit der Entwicklung des Nachrichtenwesens hineinführt und einen verwirrenden Blick tun läßt in das Präzisionswerk der Technik, die einen störungsfreien Kabelbetrieb über tausend Kilometer gewährleistet.
Das Museum wird eine neue „Zugnummer" erhalten, wenn erst einmal der Plan durchgeführt fein wird, hier der Oeffentlichkeit täglich eine moderne Fernfehanlage zum gefälligen Gebrauch vorzuführen. Nach Lage der Dinge wird das wohl nicht mehr allzu lange dauern.
Die Große Deutsche Lustschutz- Ausstellung in Frankfurt.
LPD. Frankfurt a. M., 18. Febr. Die Große Deutsche Luftschutzausstellung, die mehrere Wochen mit größtem Erfolg in Stuttgart gezeigt wurde, ist jetzt in Frankfurt eingetroffen. Sie wird in den nächsten Tagen aufgebaut und am 26. Februar von Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger eröffnet worden. Ihr Besuch ist überaus lohnend. Man gewinnt einen ausgezeichneten Einblick in die infolge der Entwicklung der Flugzeugwaffe drohenden Gefahren. Noch wichtiger ist, daß die Ausstellung den Besucher in eindrucksvoller 2Irt mit den weitgehenden Möglichkeiten des Schutzes der Zivilbevölkerung vertraut macht.
Die Odenwälder Elfenbein-Rosette.
LPD. Erbach, 18. Febr. Die Arbeiten an der Herstellung der Elfenbein-Rosette aus dem Odenwald, die für die Winterhilfesammlung im Monat März bestimmt ist, gehen ihrem Abschluß entgegen. Insgesamt wurden 12 Millionen Elfenbeinblumen hergestellt. Der Rohstoff, der aus Kunstharz besteht, stammt aus fünf chemischen Fabriken Insgesamt waren 1200 Elfenbeinschnitzer, Elfen- beindreher, Heimarbeiter, Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen mit der Herstellung beschäftigt.
Wegen Hochverrats verurteilt.
LPD. Darmstadt, 18. Febr. Der Strafsenat des Hessischen Oberlandesgerichts verhandelte gegen die 32jährige Ehefrau Marie Blank aus Darmstadt, den 28jährigen Peter Schmitt aus Bickenbach, den 33jährigen Johann K e i d e l und bert 27jährigen Konrad A h l aus Darmstadt wegen Hochverrats. Die Angeklagten trafen sich öfters an verschiedenen Punkten in Darmstadt und auswärts, um die Rote Hilfe neu auszubauen. Der Strafsenat verurteilte die Blank zu 3 Jahren Zuchthaus 5 Jahren Ehrverlust, Schmitt zu 3 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus, 5 Jahren Ehrverlust, Keidel zu 1 Jahr Gefängnis und sprach Ahl mangels Beweises frei.
Orkan über Deutschland.
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21m Samstag und Sonntag wütete über ganz Deutschland ein Sturm, der stellenweise die außerordentliche Windstärke 12 erreichte und allerorts großen Schaden anrichtete. Von diesen Verwüstungen sind hier einige Beispiele zusammengestellt worden. — Oben links: Die Nordsee überflutet in der Nähe von Hamburg einen Uferkai und unterspült ein Eisenbahngleis. — Daneben: In Berlin wurde eine Dampframme vom Sturm in die Spree geschleudert. — Unten links: Ein in der Reichshauptstadt vom Sturm zerstörtes Dach, bei dessen Aufräumung von einem zusammenbrechenden Schornstein ein Feuerwehrmann getötet und drei schwer verletzt wurden. — Daneben: In die Schutzmauer der Nordseeinsel Borkum wurde von der wütenden Brandung ein Loch von 100 Meter Länge und 30 Meter Tiefe gerissen.
„Abschiedswalzer".
Lichtspielhaus.
Es gibt so oiele Walzer im deutschen Film, aber dieser Walzer und dieser Film sind von besonderer An, weil hier das musikalische Motiv weder als süßer Schlager noch als oberflächliches und unverbindliches Ornament behandelt, sondern zu einem inneren und wesenswichtigen Element der Handlung ausgestaltet wurde dergestalt, daß Bild und Klang, Vorgang und Melodie zu einer organischen Einheit miteinander verschmelzen. Das kurze Leben de--- berühmten polnischen Komponisten Chopin (1810 bis 1849) bot, rein biographisch wie ästhetisch betrachtet, dem nachgestaltenden Bearbeiter (Ernst Marischka) in seinen Tatbeständen, ohne daß Phantasie oder schriftstellerische Freiheit zu korrigieren oder nachzuhelfen brauchten, alle Anregungen für eine romantische Ballade oder eine musikalische Romanze, wie man es nun nennen mochte. Der Aufstieg des jungen Genies aus dem Warschauer Konservatorium zum Gipfel des Ruhms m den Salons und Konzertsälen von Paris; ferne echte und tiefe Neigung zu feiner jungen Landsmännin Constantine; der Ausbruch bes pohufdjen Aufftanbes und die Flucht nach Wien; die entscheidende Begegnung mit Liszt und George Sand - dies sind die wesentlichen Elemente der Handlung, die sich zu einem leidenschaftlich bewegten, von Melodie und Gefühl getragenen Gesamtbilde vereinigen. Die Chopinsche Musik, Po onasie, Walzer. Phantasie — Bearbeitung und musikalische Lestung. Alois M e l i ch a r — gibt der Szene natürlich von vornherein ihr spezifisches Gewicht, Haltung> und inneren Auftrieb, sie stellte aber zug eich! auch an die oußermusikalischen Bestandteile dieses Films; be deutende Anforderungen, denn em MißverhalttiiS zwischen dieser Musik und einer unzulänglichen Handlung, Spielführung oder Darstellung wurde ein mehr als peinliches Ergebnis gezeitigt haben Der Regisseur Geza von Bolvary, der ferne Begabung des öfteren vor freilich minder ansprucys- vollen Aufgaben beweisen konnte, hat die 'M Drehbuch liegenden Schwierigkeiten erkannt und die Erwartungen, die ein geschmackvolles Publikum an feine Arbeit stellen mußte, nicht enttäuscht: er bat sich in Stil und Gefühlslage jener Zeit vor hundert Jahren hineingelebt und sie in der Tat lebendig zu machen verstanden; ihm gelang jene oben angedeutete Verschmelzung der klanglichen und bildhaften Elemente der Fabel ausgezeichnet: besonders eindringlich in der Szene des ersten großen Pariser Konzertes unmittelbar nach dem Warschauer Auf
stand. Chopin spielt, im Innersten erregt und aufgewühlt von der soeben erhaltenen, alarmierenden Nachricht aus seiner Heimat, vor einem erlesenen Publikum; das ganze geistige Paris jener Zeit befindet sich unter den Zuhörern: Victor Hugo, Balzac, Dumas, in einer Loge der Lyriker Müsset an der Seite von George Sand ... Chopin beginnt mit einem zarten Menuett von Mozart und geht dann unvermittelt in eine stürmische Phantasie über, in der sich das freiheitlich-kriegerische Pathos des jungen polnischen Aufstandes mit visionärer Gewalt zu spiegeln scheint. Wie dies im Film sinnfällig gemacht' wird, gehört zu den eindringlichsten Leistungen der Regie, welche ihre reichen materiellen Mittel überaus sicher und kultiviert verwaltet; man kann das auch an anderen Szenen, von mehr lyrischem, stimmungsmäßigem, bildhaftem oder gesellschaftlichem Charakter mit Genugtuung beobachten. (Wer den tränenvollen Ausklang des Ganzen, der das Titelmotiv wiederholt und verstärkt, als gefühlsmäßig überbetont empfindet, muß doch bedenken, daß ein volles Jahrhundert zwischen jener und unserer Zeit liegt, und daß freilich inzwischen mehr als nur das Kostüm einen entscheidenden Gestalt- wandel durchgemacht hat.) Bolvary hat auch mit einer sehr sicheren Hand ein feinfühlig zusammenspielendes, persönlich abgeftuftes Ensemble ausgewählt: Wolfgang Liebeneiner gibt den Chopin, und wir finden, daß er für die Rolle ungemein geeignet ist: er hat das Aeußere, er hat das musikalische Temperament, den nationalen Elan, Empfindsamkeit, Schwärmerei und Leidenschaft eines liebenden Herzens; wir haben diesen jungen Schauspieler kaum je so sicher, hingegeben und doch beherrscht am Werk gesehen. Hanna Waag ist die Constantine Gladkowska und sie scheint uns hier die Linie fortzuführen, die sie mit einer früheren, ähnlichen Rolle („Musik im Blut") begonnen hat: eine zarte, sehr anmutige und ganz und gar lyrische Erscheinung, dem Kostüm wie der Gefühlslage jener Zeit entsprechend, verhalten und verinnerlicht im Ausdruck. Sibylle Schmitz, hier wie damals ihre Gegenspielerin und ihr Gegenbild, gibt die George Sand: eine elegante, geistreiche und kapriziöse Dame, wahrscheinlich viel hübscher als das berühmte Modell, in der Männertracht so ungezwungen rare im Biedermeierkostüm; übrigens wurde in der Darstellung mit Takt und Geschick alles vermieden, was das Bild der Sand öfters empfindlich getrübt und entstellt hat. Eine prächtige, mit Wärme und Güte, mit Gemüt und Humor lebendig und plastisch gerundete Gestalt ist der Professor Elsner des Wiener Komikers Romanowsky. Gustav Waldau, Henckels, Hans Schlenk, Julia Serda,
Albert Hörrmann und Erna M o r e n a sind in kleineren Aufgaben mit Anerkennung zu nennen.—
Im Beiprogramm interessiert vor allem die Ankündigung des Films „Hohe Schule" mit Rudolf
Forster. —r—
„Jemandem aufs Dach steigen."
Wie Jakob Grimm in den „Rechtsaltertümern" mitteilt, war es ein alter deutscher Rechtsbrauch, dem Manne, der sich seines Weibes nicht erwehren konnte, im wahren Sinne des Wortes auf das Dach zu steigen, ihm den First einzuhauen und das Dach von oben bis unten herabzureißen. So lieft man z. B. folgende Bestimmung aus den „Blankenberger Statuten" vom Jahre 1594: „Ist ein man so weibisch, daß er sich von seinem eigenen Weide raufen, schlagen und schelten läßt und solches nicht eifert und klaget, der soll des raths beide stadt- knechte mit müllen gewand kleiden, oder da ers nicht vermag, mit Gefängnis gestraft und ihm hierüber das Dach auf feinem Hause abgehoben werden." Durch das Dachabdecken wurde symbolisch zum Ausdruck gebracht, daß ein Mann, der Schläge seitens seiner Frau geduldig hinnahm, nicht würdig sei, ein Obdach zu haben. Um dieser Bestrafung einen besonderen Eindruck zu verleihen, wurde sie meistens am letzten Fastnachtstage oder am Aschermittwoch vollstreckt, auf den in früherer Zeit die Fastnachtsbelustigungen oft ausgedehnt wurden. In einem aus der Gegend von Mainz stammenden Amtsbericht vom 8. März 1666 wird eine derartige Erekution folgendermaßen beschrieben: „Es ist ein aller Gebrauch hierumb in der Nachbarschaft, falß etroan ein Frauw ihren Mann schlagen sollte, daß alle des Fleckens oder Dorffs, worin das Factum geschehen, angrenzende Gemärker sichs annehmen; doch würdt die fach vff den letzten Faßnachttag oder Eschermittwoch als ein recht Faßnachtspiehl ver- fparet, da denn alle Gemärker, nachdem sie sich 8 ober 14 Tag zuvor angemeldet, Jung und Alt, so Lust dazu haben, sich versammeln, mit Trommeln, Pfeiffen und fliegenden Fahnen zu Pferd und zu Fuß dem Orth zuziehen, wo das Factum geschehen, vor dem Flecken sich anmelden, und etliche aus ihren mittlen zu dem schulthesen schicken, welche ihre Anklag wieder den geschlagenen Mann thun, auch zugleich ihre Zeugen, so sie deswegen haben, vorstellen, nachdem nuhn selbige angehöret, und aus- fündig gemacht worden, daß die Frau den Mann geschlagen, würdt ihnen der Einzug in die Flecken gegönnt, da sie dann also baldt sich alle sambdt vor "des geschlagenen mans Hauh versammeln, das
Hauß umbringen, undt falls der Mann sich mit ihnen nicht vergleichet undt abfindet, schlagen sie Leitern ahn, steigen auf das Dach, hauwen ihmS die Fürst ein undt reißen das Dach bis vff die vierte Latt von oben ahn ab, vergleicht er sich aber, so ziehen sie wieder ohne Verletzung des Hauses ab, falß aber der Beweiß nicht kann geführt werden, müssen sie unverrichteter fach wieder abziehen ..." Merkwürdigerweise hat unsere Sprache die Erinnerung an diesen alten Brauch in den Redensarten „Jemanden aufs Dach steigen" oder „Jemandem auf dem Dache fein" bis zum heutiges Tage, wenn auch in veränderter und abgeblaßter Bedeutung, bewahrt.
Die Geschichte vom alten Tom.
Eine schmerzlich-heitere Liebesgeschichte besonderer Art findet in der englischen Oeffentlichkeit allgemeine Teilnahme. Der Liebhaber ist ein dreiundsechzig Jahre alter Schäfer namens Tom Briggs aus Harborough in der Grafschaft Leicestershire, der sich während vieler Jahre stillen und zuverlässigen Wächterdienstes bei seiner Herde achtzig ganze Pfund, also einen Betrag von etwa tausend Mark erspart hatte, um in diesen Tagen ein fröhliches Hochzeitsfest feiern zu können. Nach dem Tod seiner ersten Frau hat Tom über zehn Jahre lang für sich allein gehaust und allwöchentlich ein kleines Geldstück von feinem kargen Wochenlohn beiseite gelegt, um einmal Ada Driver heimführen zu können, die er lieb gewonnen hatte. Nun endlich war der Betrag groß genug, um den beiden eine Hochzeit mit Einrichtung und Hochzeitsreise zu ermöglichen, und Tag und Stunde der Eheschließung wurden festgesetzt. Da entdeckte der alte Tom eines Morgens, daß ihm ein Dieb in der Nacht fein ganzes gespartes Geld, das er in einem Zigarrenkistchen aufbewahrte, gestohlen hatte. Die Suche nach dem Dieb war vergebens. Aber der alte Tom ließ sich dadurch nicht beirren, er sagte mit der Weisheit und Gelassenheit, die ihm sein Tagewerk verleiht: „Wir werden heiraten, was auch immer geschehen möge, und wenn wir keinen Heller besitzen." Und Ada Driver, eine freundliche braunäugige Frau, versicherte lächelnd: „Wir werden heiraten, als wenn nichts geschehen wäre. Denn der Diebstahl beweist ja nur, daß Tom jemanden braucht, der sich um ihn kümmert und ihm die Sorgen um das Wenige, was er besitzt, abnimmt!" So wird denn eine Hochzeit gefeiert werden, an der zwar nicht soviel Gäste teilnehmen werden wie an der des Herzogs von Kent; aber ebensoviel gute Wünsche werden die beiden Alten in ihr gemeinsames Leben begleiten,


