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Kl 295 Dritter Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Mittwoch, (8. Dezember (935

Aus der Provinzialhauptsiadt.

Kamerad Kalender.

Wer hat zu Hause nicht einen Kalender hängen oder stehen! Wessen Blick fällt jetzt nicht öfters täg­lich auf diesen Kalender, weil er so dünn geworden ist, daß man fast schon das letzte Blatt steht! Ein Jahr ist bald zu Ende! An jedem Tag im Jahre hat man ein Blatt dieses Kalenders abgerissen und ist mit hochgespannten Erwartungen m den neuen Tag geschritten, der dann oft so mancherlei Enttäuschun­gen brachte. v

Der Dezember ist so recht der Kalendermonat. Fast jeder kauft seinen Kalender fürs kommende Jahr in diesem Monat, denn man kann und soll ja nicht warten, bis das neue Jahr schon hereingebrochen ist. Am Neujahrstag soll der neue, dickbäuchige Kalen­der schon strahlend und optimistisch an der Wand hängen, mit seinen 365 Blättern, von denen man anfangs meint, sie würden gar nicht zu Ende gehen können.

Nirgends auf der Welt erfreut sich der Kalender in seinen mannigfachsten Arten und Abwandlungen solcher Beliebtheit wie in Deutschland. In unzähli­gen Formen wird er herqestellt, in allen möglichen Formaten. Da gibt es Riesenkalender mit Blättern vom Durchmesser eines Quadratmeters für Bank- und Geschäftshäuser, neben Miniaturkalendern, so winzig, daß man sie in das Portemonnaie eines kleinen Damenhandtäschchens stecken kann.

Zu unterscheiden sind zunächst die eigentlichen Ab­reißkalender von den Kalenderbüchern. Der Ge­schäftskalender wieder wird auch in Puch- und Heft­form für alle möglichen Zwecke und 'Geschäftszweige hergestellt mit allen möglichen wichtigen Beigaben, meist solche statistischen Inhalts, die sich oft zum Nachschlagen recht wertvoll erweisen. Dann die Notakalender, mit Platz für Eintragungen aller Art. Ihnen gesellen sich die Bilder- und Kunstdruckkalen­der zu, vielfach auf bestimmte Landschaften abge­stimmt, auf einzelne deutsche Gaue oder das ganze Reich, ferner die Literatur-, die Musik- und Kunst­kalender und die vielen religiösen nicht zu vergessen, die oft künstlerisch ausgezeichnet gemacht sind.

Etwas anderes stellen die Kalenderbücher vor, die bisweilen auf eine vielhundertjährige Tradition zu­rückblicken. Eine breite Schicht von Menschen hält mit Treue an diesen Kalenderbüchern fett, bei denen das Kalendarium nur einen geringen Bruchteil des Umfanaes ausmacht. Der Rest ist belehrenden und unterhaltenden Inhalts. Biele von diesen Lesekalen­dern sind mit außerordentlichem Geschick gemacht, dem Ergebnis einer oft hundertiährigen Erfahrung. Den Abnehmerkreis dieser Bücher stellt meist die Landbevölkerung

Schon aus dieser kurzen Aufzählung kann man ermessen, welche wirtschaftliche Rolle der Kalender jeder Ausführung svielt. Er wird in all feinen Arten und Formen in vielen Millionen Eromvlaren herqestellt und verkauft, und daß solche Riesennus­lagen natürlich nicht erst im De^rnder heraestellt werden können, leuchtet ein. Die Druckzeit für den neuen Kalender b-ginnt daher meist schon im Som­mer, vor all-m für die Abr«>- und die G"schäfts- kalender. roährinh iene Kalenderbiicher. die einen ausführlichen-ebsick auf da? veraanaene 5Zabr brinaen die ^rn^l-guna mnaHrhff m-üt hinausschie­ben müllen Svätestens Mitte.Der-mber mutt ober olles fertig fein fonll betteht die Gefahr, daß man nicht mehr ins Geschäft kommt

Tageskalender für Mittwoch.

NSG.Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.30 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum; 16 bis 17 Uhr und 20 bis 21 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. NSKOV., Ortsgruppe Gießen: 20 Uhr im Cafe Leib gemeinsam mitKraft durch Freude" Weihnachts­feier. Stadttheater: 15 bis 18 UhrDer kleine Muck", 19.30 bis 22.30 Uhr:Der Waffenschmied". Gloria-Palast, Seltersweg:Die blonde Car­men". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Ge­fangene des Königs". Turmhaus am Brand-

Ortsgruppe Gießen-Ost der 7!GV.

bei Abfertigen der Weihnachtspakete.

Was die lustigen Engelein im Holle-Stübchen zu Weihnachten treiben" zur Aufführung. Die Spiel­leitung hat die Verfasserin des Märchenspieles, Frau Johanna Zimmer-Korschus, die rhythmische Bewegungsgestaltung übernahm Frau Erna Schu­mann. Auf die heutige Anzeige sei hingewiesen.

Wer

DieWeihnachtsplakettefürdasDHW. wird in der Zeil vom 17. bis 19. Dezember durch die

vor Beginn des Verkaufs der Polizeidirektion unter Angabe der vorhandenen Mengen und näherer Be-

deulfche Jugend verkauft. Sammlung liegt in den Jugend, die mit allen Donnerstag und Freitag,

Die Durchführung der Händen der Hitler- ihren Formationen am nachmittags, in alten

Orten des Kreises Gießen jedem deutschen Volksgenossen die Deihnachksplakette anbieten wird. Am Samstag sammeln dann alle deutschen Schüler und Schülerinnen.

Die Weihnachtsplakette ist ein Erzeugnis deutscher Heimarbeiter aus dem Erzgebirge, die durch die Anfertigung dieser Plakette schon feit Monaten Arbeit und Vrot gefunden haben. Jeder deut­sche Volksgenosse hat durch den Erwerb eines solchen Abzeichens diesen ärmsten Vevölkerungs- schichten geholfen, ein wenn auch bescheidenes Weih­nachtsfest begehen zu können. Weiterhin kommt der Aeberschuß aus dem Verkauf dieser Plaketten wieder­um dem WHW. zugute und hilft unverschuldete Not lindern.

Wit dieser Straßensammlung erreicht die Sammel­tätigkeit in diesem Jahre ihren Abschluß und Höhe­punkt. Alle müssen zusammen stehen und nochmal-, ein Scherflein in die Sammelbüchse werfen, um den Kampf gegen hunger und Kälte siegreich zu gestalten.

Keiner darf sich ausfchließen!

Wie bei schweren Wontagearbeiken oder bei unserer Wehrmacht, wenn es gilt, unter Anspan­nung aller Kräfte das gesteckte Ziel zu erreichen, so müssen wir alle uns nochmal zurufen:hau ruck" oderzu g l e i ch". Dann wird der Erfolg nicht auf

Anmeldung und Verkauf von Feuerwerkskörpern

Feuerwerkskörper feilhalten will, hat dies

Der Führer

an die deutsche Jugend:

Ihr müßt alles vermeiden, was dem Deutschland der Vergangenheit den Stempel des Unedlen auf­prägte. Ihr müht vor allem in eurer Jugend lernen, etwas zu vermeiden, dessen ihr euch im späteren Leben sonst nur noch schwer entwöhnen könnt: Ihr müht den Geist der großen Gemeinschaft wie er euch in der Kindheit eigen ist, pflegen, müht ihn niemals mehr von euch lassen, auf dah ihr einst als Erwachsene nicht wie in den Zeiten der Ver­gangenheit in Klassen, Stände usw. auseinanderfallt, sondern einst in der Zukunft im grohen das seid, was ihr im kleinen in eurer Jugend wart: eine Gemeinschaft deutscher Menschen, die deutsche Volksgemeinschaft. Sie beruht auf euch, ihr seid dereinst ihre Träger, und ihr müht in der Jugend lernen, diese Träger zu sein.

In vielen Jahrhunderten wurde das ersehnt, was heute Wirklichkeit geworden ist, und ihr habt das Glück, mit in diese Zeit hineinzuwachsen. Die Nation erwartet von euch, meine deutschen Jungen, dah ihr dieser grohen Zeit würdig seid. Und das erwartet vor allem auch jenes Deutschland, das einst auch unermehliche Opfer gebracht hat für den Bestand des Reiches und das Sein unserer deutschen Nation, dieses alte Deutschland, das einst Blut über Blut bringen muhte, um uns und euch überhaupt den Weg in die Zukunft freizuhalten.

Die h i t l e r - J u g e n d sammelt vom

NSDAP., Gießen-Nord.

Abteilung Hilfskasse.

Die rückständigen Hilfskassenbeiträge für das erste Vierteljahr 1936 der Angehörigen der SA.- Formationen im Bereiche der Ortsgruppe Gießen« Nord können nur noch heute, Mittwoch, 18. Dezember, in der Zeit von 20.30 bis 22 Uhr auf der Geschäftsstelle, Walltorstraße, bezahlt werden. Wer nicht bezahlt, wird bei der Hilfskasse abgemeldet. Kassenstunden der Hilfskasse erst wieder ab 6. Januar 1936 jeden Montag- und Mittwochabend.

Die HL -Fahne über dem Lyzeum.

An dem hiesigen Lyzeum und der Frauenschuls wurde in feierlicher Weise die Fahne der Hitler- Jugend gehißt.

Der Schulleiter, Oberstudiendirektor Schel« Horn, gab einen kurzen Rückblick über die Ent­wicklung der Bewegung und den Anteil der deut­schen Jugend an ihr. Er wies auf den Wunsch des Führers hin, daß alle jungen deutschen Menschen sich in der deutschen Staatsjugend zujammenfinden sollen, in der es keinen Unterschied zwischen arm und reich, hochgebildet und weniger gebildet, zwi­schen evangelisch und katholisch gibt und die nur das eine Ziel hat, deutsche Menschen zu erziehen, die sich voll und ganz für ihr Volk und Vaterland einsetzen.

Nach einem von der Führerinnenklasse vorgetra­genen Lied und einem Sprechchor sprach die Unter» gauführerin Ruth Fabian in eindringlichen Worten nochmals zu der Jugend und wies auf die Aufgaben und Ziele der Staatsjugend hin.

Mit dem Sieg-Heil auf den Führer und dem Lied der HI.Vorwärts, vorwärts" schloß die Feier.

Der Ladenschluß am Heiligabend.

Von der Polizeidirektion Gießen wird uns mit­geteilt: Am 24. Dezember dürfen offene Verkaufs­stellen nur bis 17 Uhr geöffnet sein. Eine Aus­nahme besteht lediglich für Verkaufsstellen, die aus­schließlich oder überwiegend Lebensmittel, Genuß­mittel oder Blumen verkaufen. Derartige Verkaufs­stellen dürfen bis um 18 Uhr für den geschäftlichen Verkehr offengehalten werden. Die beim Laden­schluß schon anwesenden Kunden dürfen noch be­dient werden. Die Vorschriften gelten auch für Ver­kaufsstellen von Konsum- und ähnlichen Vereinen, für solche auf Eisenbahngelände und für das ge­werbsmäßige Feilbieten außerhalb offener Ver­kaufsstellen. Sie gelten nicht für Apotheken, für den Marktverkehr und den Handel mit Christbäumen und den Verkauf von Waren aus selbsttätigen Ver­kaufseinrichtungen (Warenautomaten), die von dem Inhaber einer zum dauernden Betrieb eingerichte­ten offenen Verkaufsstelle in räumlichem Zufam- : menhang mit dieser aufgestellt und in denen nur Waren feilgeboten werden, die auch in der offenen 1 Verkaufsstelle selbst geführt werden.

529 Familien der Orts­gruppe Gießen - Ost sind der Bitte der NSV.-Wal­ter nachgekommen und haben Weihnachtswunsch­zettel aus dem Kreise Hanau angenommen und Pakete auf der Geschäfts­stelle abgeliefert, die im Bilde bei ihrer Tätigkeit gezeigt wird. Durch diese Spenden haben sie be­wiesen, daß ihnen der Nationalsozialismus kein Lippenbekenntnis ist, son­dern durch Opfern zum Ausdruck gebracht wird.

(Aufnahme: Hagemann, Gießen).

Die deutsche Lugend verkauft die Weihnachtsplakette des WHW

sich warten lassen.

19. bis 22. Dezember für das D h W.!

platz: 17 bis 19 Uhr: Weihnachtsausstellung ober­hessischer Künstler.

Stadttheater Gießen.

Heute von 1518 Uhr das Weihnachtsmärchen Der kleine Muck" von W. Burggraf. Spielleitung: Karl V o l ck. Außer Abonnement. Von 19.30 bis 22.30 Uhr der OpernerfolgDer Waffenschmied"

von Lortzing. Die Partie des Grafen Liebenau singt Gustav Bley. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Heinz Weiser. 12. Mittwoch-Abonnement.

Weihnachts-Wärchenspiel im Gloria-Palast.

Am morgigen Donnerstag gelangt im Gloria- Palast ein Weihnachts-Märchenspiel unter dem Titel

NIVEA

mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack

Gießener Gtaditheaier.

Giuseppe Berdi:Maskenball".

Das tragische Schicksal König Gustavs III. von ; Schweden, der im März 1792 einer Verschwörung zum Opfer gefallen war, hatte schon einmal den Stoff für eine Oper von Auber abgegeben. Auf der , Suche nach einem Opernbuch faßte Verdi den Plan, S c r i b e s LibrettoGustav III. von Schwe­den" als Oper zu vertonen. Die Uedersetzung bzw. die Einrichtung des Textbuches hatte der römische Advokat Antonio S o m m a übernommen; der Brief­wechsel zwischen Verdi und Somma läßt uns ge­naue Einblicke tun in die starke Anteilnahme Ver­dis an der Ausgestaltung des Textbuches; nament­lich schlägt Verdi für den Text bestimmte, treffend wirksame Ausdrücke vor und macht auch Vorschläge für die Abänderung von Versen.

Anfangs des Jahres 1858 sollte mit der Ein­studierung des Werkes am San Carlo-Theater in Neapel begonnen werden. Die Entwicklung der politischen Verhältnisse, insbesonders das in diese Zeit fallende Attentat Orsinis auf Napoleon III., bewog die Zensurbehörde, tief einschneidende Ver­änderungen am Textbuche vorzunehmen, denen Verdi auf keinen Fall zustimmen wollte. Die Zu­rückziehung der Oper verfehlte feine Wirkung auf die Theaterbesucher nicht; immer schärfer traten sich die Parteien gegenüber, da gelang es Verdi, mit seiner Partitur Neapel zu verlassen. In Rom versucht es der Impresario Jaccovacci, die Oper am Apollo-Theater aufzuführen. Obwohl man dortin Prosa"Gustav III." gestattet hatte, forderte man dort von Verdi die Umwandlung des Königs in einen Gouverneur von Boston und ver­legte somit den Schauplatz der Szene von Europa fort. Die letzten textlichen Umarbeitungen führte dann Piave durch. Der Erfolg der Oper stellte Verdi in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerk­samkeit; über dreißigmal wurde er am Schluß hervorgerufen.

Die klare übersichtliche Handlung der Oper gibt mit ihren scharf kontrastierenden Szenen bei der Wahrsagerin, am Hochgericht und dem glanzvollen Maskenfest dem Komponisten reiche Gelegenheit zur Erregung und Entfaltung seiner Schaffenskraft. Heber das DreigestirnRigoletto",Troubadour" undTraviata" hinaus, die sich mit ihrer Musik an der Szene entzünden, zeigen sich besonders im Maskenball" die Ansätze zu einer neuen Entwick­lung und Durchbildung des Opernstiles, die dann weiterhin zurAida" und zumOthello" hinfüh- Ycn: eine enge Verknüpfung des musikalischen Im­pulses mit dem dramatischen Geschehen, die sich so­wohl in der charakteristischen Durchbildung des

Thematttchen wie auch durch die Auswertung desl Orchesterkolorits und einer stellenweise polyphon j fundierten Schreibart erweist.

Wie in vielen Bühnenwerken Verdis ist auch hier die Baritonrolle Träger des tragischen Konfliktes, in diesem Falle der Privatsekretär des Gouver­neurs, Ren6. Seinem Herren treu ergeben, wird er durch vermeintlich begründete Eifersucht zu des­sen Mörder; diesem Wandel gibt Verdi besonders in zwei typischen Arien Ausdruck. Je nach der Be­ziehung zu der Zentralgestalt geben sich die einzel­nen Personen mit mehr oder minder charakterlich betonten Werten. Der Gouverneur Richard als Te­nor Hebt Ren6s Frau, aber er unterscheidet sich doch stark durch feine Ehrenhaftigkeit von der Per­son des Herzogs im Rigoletto; wenngleich ihn der Konflikt zwischen Frauenliebe und Freundestreue innerlich schwanken läßt; Amelia, Renes Gattin, will sich um jeden Preis ihrem Gatten treu erhalten und die in ihr erwachte Liebe zu Richard mit allen Mitteln unterdrücken; so werden ihre Szenen so­wohl bei der Wahrsagerin als auch am Hochgericht zu Bekenntnissen einer schwer ringenden Frauen­seele, die dann, als ihr der Tod droht, von tiefstem Schmerz der Mutterliebe zu ihrem Sohn erfüllt ist. Oskar, der Page des Gouverneurs, wird so zu einer typischen Operngestalt, der Verdi mehr objektive Musik zuteilt als innerstes subjektives Erleben. Die Verschworenen, die dem Gouverneur nach dem Leben trachten, werden durch die Musik grell in ihrem finsteren Innern beleuchtet. Das Dä­monische, schicksalhaft Drohende findet seine Verkör­perung in -der Wahrsagerin Ulrica.

Schon das Vorspiel stellt das polyphone Der- schwörerthema mit dem ersten Liebesgesang des Gouverneurs gegenüber und führt so in das weitere Geschehen symbolisch hinein. Die Einleitung zu der Wahrsagungsszene fängt schon mit ihren ersten Tönen das Unheimliche, Erschauernde des Milieus ein. Zu ganz besonderer Größe aber erhebt sich Verdi in der Liebesszene zwischen Amelia und Richard am Hochgericht.

Aber nicht nur die Sologesänge und die musika­lische Gegenüberstellung der Hauptpersonen, sondern ganz besonders auch die großen Ensembles erweisen die nie versagende Charakterisierungsgabe Verdis, ohne dabei die Geschlossenheit des musikalischen Ge­samteindrucks aufzugeben. So stehen sich beispiels­weise nach Ulricas Todesverkündung für den Gouverneur gegenüber: Richard, der sie als Posse und Scherz mit einer tänzelnden, ironischen Melodie : abweist; Ulrica, die beteuert, daß ihre Wortefein - Wahn" sind, der Page Oskar, innerlich vom : Schrecken bestürzt, die Verschwörer, die durch diese , Prophezeiung ihren Plan vereitelt glauben, dazu

als Untergrund der unheimlich erregte Chor des Volkes.

Wie bei allen Opern Verdis, so auch beimMas­kenball", liegt die Entscheidung für das Gelingen der Aufführung zum großen Teil bei den Sängern. Nicht allein, daß Verdi hohe Anforderungen an den Stimmumfang stellt und zur Beherrschung seiner Kantilene Stimmen voraussetzt, die den Belkanto sich zu eigen gemacht haben, sondern bei ihm wer­den die einzelnen Stimmgattungen gleichsam zu Charaktertypen, und damit legt er das'höchste Maß an die Durchbildung der Gesangsstimmen. Somit mußte die hiesige Aufführung desMaskenball" zum Prüfstein der Gesangskräfte des Gießener Stadttheaters werden. Abgesehen von geringfügigen Ungleichmäßigkeiten zeigte die Gesamtleistung einen sehr beachtlichen Hochstand.

Als Rene war Gustav Bley vollkommen von seiner Aufgabe erfüllt. Er wußte die dramatischen Akzente der Darstellung mit Wucht zu betonen, dabei konnte er seine reichen Stimmittel, der Situa­tion gemäß einsetzen. Sein dunkel timbrierter Bariton schuf besonders in den beiden Arien musi­kalische Höhepunkte, mit bewunderungswürdiger Expansion in einer für den Bariton schwierigen Höhenlage.

Der Richard Heinz Weisers war in seinen dramatischen Bedingungen wohl durchdacht. Seine heldisch gefärbte Stimme war siegreich durch- schlaaend in der Höhe des Affektes; nur in der Kantilene wäre eine noch größere Nachgiebigkeit im Ausfvinnen des Tones zu wünschen gewesen. Den stärksten Eindruck hatte man von ihm in der Liebesszene des zweiten Aktes, deren leidenschaft­liches Aufwallen feine Fähigkeiten zu vollem Ein­satz wachrief.

Amelia war bei Helene Wacker von echtem hinaebungsvollem und doch wieder vornehm sich zurückhaltendem Frauentum getragen. Klangschön und in schwebender Weichheit war die Stelle in der Wahrsagerszene:Ach, laß mich nicht erliegen." Die inneren Kämpfe im schuldbewußten Bekennen der Liebe zu Richard wurden eindringlich durch seelisches Mitaehen und seinem Widersch-in im in­nerlich bewegten sympathischen Stimmklang. Die reiche Skala der Empfindungen des dritten Aktes vom durchdringenden mütterlichen Abschiedsschmerz bis zur Verzweiflung in ihrer Szene mit Richard wurde glaubhaft nahe durch Gebärde und Bereit­schaft des gesanglichen Könnens.

Die Wahrsagerszenen stehen und fallen mit dem dämonischen Schwergewicht der Darstellerin der Ulrica. Emmy Hagemann vermochte die Sphäre des Unheimlichen voll einzufangen und die einzel­nen Züge auch in der Körperhaltung lebensnah herauszustellen. Ihr dunkler, breit geschwungener

melodischer Bogen, ihr starker musikalischer Impuls spiegelten in der Beschwörungsvision inneres Er­regtsein erschöpfend wieder. Als Kontrastfigur war temperamentvoll bei eingehender Berücksichtigung der charakterisierenden melodischen Form Friedel F o r n a l l a z, mit treffender Mimik das Stimm­liche stützend, ja mit den diesmaligen Eindrücken weit ihre früheren Leistungen übertreffend mit frappierender, aber doch überzeugender Bewußt­heit im Auftreten und in der gesanglichen Leistung.

Das Verschwörerpaar, schon äußerlich durch seine Abseitsstellung gekennzeichnet, war besonders durch Wilhelm Greil (Samuel) mit akzentuiertem Stimmkönn'en geführt, das namentlich im Ausgang des zweiten Aktes gespannte Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihm zur Seite war Heinz B e ch st e i n (Tom) im gleichen Sinne bemüht. Dem Matrosen Silvana war Karl Tank stimmlich wie darstelle­risch bewußter Gestalter. Ebenso fügte sich Gerhard Frickhoeffer mit der Rolle des Richters dem Ganzen ein.

Das Orchester unter Paul Walter stand vor der bisher größten Aufgabe der diesjährigen Spiel­zeit, die glücklich gemeistert wurde. Nachgebend folgte es dem Diriaenten in jeder Regung vom stärk­sten klanglichen Akzent bis zum satten Pianissimo, als vornehmlicher Träger d-s rhythmischen Ele­mentes an jeher Stelle bemüht, den Forderungen des Werkes musikalisch wie technisch gerecht zu wer­den; die Chore, vortrefflich in den einzelnen soli- stiscb-'n Leistungen, waren reich in der klanglichen Entfaltung wie in der stimmungsgebundenen Abge- tontheit und dem pointierten Verschwörerspott im imeifen Aufzuae Die einzelnen Sr-nenbilder (Karl Löffler) am Hochgericht, bei der Wahrsagerin und das Maskentreiben verstärkten die Auswirkungs­kraft der Verdischen Musik. Ebenso bedeutsamen Anteil daran trug die Führung der Beleuchtung (L"dwig Keim).

Das Ganze aber entwickelte sich mit innerer Spannung, augenblicksnaher Lebendigkeit und dra­matischer Klarheit durch die Spielleitung des Inten­danten Hermann Schultze-Griesheim; denn eine führende Hand war ständig im Fortgang der Handlung zu spuren. So war die Los-Szene mit der spannenden Schwüle unheimlichen Drohens ge« sättigt, und im letzten Bild prallten die Kontraste zwischen tänzerischer Fröhlichkeit und Todesahnen hart erschütternd aufeinander.

Durch das Zusammenwirken aller beteiligten Kräfte in einem großen Willen geeint, wurde der Maskenball" zu einer Aufführung, die für Gießen sicherlich den Höhepunkt der bisherigen Opernspiel­zeit bedeutet. Das bezeugte der reiche Beifall der Hörer, der alle Mitschaffenden, insbesondere auch I den Intendanten, hervorri^ [)r, H,