Kl 295 Dritter Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Mittwoch, (8. Dezember (935
Aus der Provinzialhauptsiadt.
Kamerad Kalender.
Wer hat zu Hause nicht einen Kalender hängen oder stehen! Wessen Blick fällt jetzt nicht öfters täglich auf diesen Kalender, weil er so dünn geworden ist, daß man fast schon das letzte Blatt steht! Ein Jahr ist bald zu Ende! An jedem Tag im Jahre hat man ein Blatt dieses Kalenders abgerissen und ist mit hochgespannten Erwartungen m den neuen Tag geschritten, der dann oft so mancherlei Enttäuschungen brachte. v
Der Dezember ist so recht der Kalendermonat. Fast jeder kauft seinen Kalender fürs kommende Jahr in diesem Monat, denn man kann und soll ja nicht warten, bis das neue Jahr schon hereingebrochen ist. Am Neujahrstag soll der neue, dickbäuchige Kalender schon strahlend und optimistisch an der Wand hängen, mit seinen 365 Blättern, von denen man anfangs meint, sie würden gar nicht zu Ende gehen können.
Nirgends auf der Welt erfreut sich der Kalender in seinen mannigfachsten Arten und Abwandlungen solcher Beliebtheit wie in Deutschland. In unzähligen Formen wird er herqestellt, in allen möglichen Formaten. Da gibt es Riesenkalender mit Blättern vom Durchmesser eines Quadratmeters für Bank- und Geschäftshäuser, neben Miniaturkalendern, so winzig, daß man sie in das Portemonnaie eines kleinen Damenhandtäschchens stecken kann.
Zu unterscheiden sind zunächst die eigentlichen Abreißkalender von den Kalenderbüchern. Der Geschäftskalender wieder wird auch in Puch- und Heftform für alle möglichen Zwecke und 'Geschäftszweige hergestellt mit allen möglichen wichtigen Beigaben, meist solche statistischen Inhalts, die sich oft zum Nachschlagen recht wertvoll erweisen. Dann die Notakalender, mit Platz für Eintragungen aller Art. Ihnen gesellen sich die Bilder- und Kunstdruckkalender zu, vielfach auf bestimmte Landschaften abgestimmt, auf einzelne deutsche Gaue oder das ganze Reich, ferner die Literatur-, die Musik- und Kunstkalender und die vielen religiösen nicht zu vergessen, die oft künstlerisch ausgezeichnet gemacht sind.
Etwas anderes stellen die Kalenderbücher vor, die bisweilen auf eine vielhundertjährige Tradition zurückblicken. Eine breite Schicht von Menschen hält mit Treue an diesen Kalenderbüchern fett, bei denen das Kalendarium nur einen geringen Bruchteil des Umfanaes ausmacht. Der Rest ist belehrenden und unterhaltenden Inhalts. Biele von diesen Lesekalendern sind mit außerordentlichem Geschick gemacht, dem Ergebnis einer oft hundertiährigen Erfahrung. Den Abnehmerkreis dieser Bücher stellt meist die Landbevölkerung
Schon aus dieser kurzen Aufzählung kann man ermessen, welche wirtschaftliche Rolle der Kalender jeder Ausführung svielt. Er wird in all feinen Arten und Formen in vielen Millionen Eromvlaren herqestellt und verkauft, und daß solche Riesennuslagen natürlich nicht erst im De^rnder heraestellt werden können, leuchtet ein. Die Druckzeit für den neuen Kalender b-ginnt daher meist schon im Sommer, vor all-m für die Abr«>iß- und die G"schäfts- kalender. roähri’nh iene Kalenderbiicher. die einen ausführlichen Nü-ebsick auf da? veraanaene 5Zabr brinaen die ^rn^l-guna mnaHrhff m-üt hinausschieben müllen Svätestens Mitte.Der-mber mutt ober olles fertig fein fonll betteht die Gefahr, daß man nicht mehr ins Geschäft kommt
Tageskalender für Mittwoch.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.30 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum; 16 bis 17 Uhr und 20 bis 21 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — NSKOV., Ortsgruppe Gießen: 20 Uhr im Cafe Leib gemeinsam mit „Kraft durch Freude" Weihnachtsfeier. — Stadttheater: 15 bis 18 Uhr „Der kleine Muck", 19.30 bis 22.30 Uhr: „Der Waffenschmied". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die blonde Carmen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Gefangene des Königs". — Turmhaus am Brand-
Ortsgruppe Gießen-Ost der 7!GV.
bei Abfertigen der Weihnachtspakete.
„Was die lustigen Engelein im Holle-Stübchen zu Weihnachten treiben" zur Aufführung. Die Spielleitung hat die Verfasserin des Märchenspieles, Frau Johanna Zimmer-Korschus, die rhythmische Bewegungsgestaltung übernahm Frau Erna Schumann. Auf die heutige Anzeige sei hingewiesen.
Wer
DieWeihnachtsplakettefürdasDHW. wird in der Zeil vom 17. bis 19. Dezember durch die
vor Beginn des Verkaufs der Polizeidirektion unter Angabe der vorhandenen Mengen und näherer Be-
deulfche Jugend verkauft. Sammlung liegt in den Jugend, die mit allen Donnerstag und Freitag,
Die Durchführung der Händen der Hitler- ihren Formationen am nachmittags, in alten
Orten des Kreises Gießen jedem deutschen Volksgenossen die Deihnachksplakette anbieten wird. Am Samstag sammeln dann alle deutschen Schüler und Schülerinnen.
Die Weihnachtsplakette ist ein Erzeugnis deutscher Heimarbeiter aus dem Erzgebirge, die durch die Anfertigung dieser Plakette schon feit Monaten Arbeit und Vrot gefunden haben. Jeder deutsche Volksgenosse hat durch den Erwerb eines solchen Abzeichens diesen ärmsten Vevölkerungs- schichten geholfen, ein wenn auch bescheidenes Weihnachtsfest begehen zu können. Weiterhin kommt der Aeberschuß aus dem Verkauf dieser Plaketten wiederum dem WHW. zugute und hilft unverschuldete Not lindern.
Wit dieser Straßensammlung erreicht die Sammeltätigkeit in diesem Jahre ihren Abschluß und Höhepunkt. Alle müssen zusammen stehen und nochmal-, ein Scherflein in die Sammelbüchse werfen, um den Kampf gegen hunger und Kälte siegreich zu gestalten.
Keiner darf sich ausfchließen!
Wie bei schweren Wontagearbeiken oder bei unserer Wehrmacht, wenn es gilt, unter Anspannung aller Kräfte das gesteckte Ziel zu erreichen, so müssen wir alle uns nochmal zurufen: „hau ruck" oder „zu g l e i ch". Dann wird der Erfolg nicht auf
Anmeldung und Verkauf von Feuerwerkskörpern
Feuerwerkskörper feilhalten will, hat dies
Der Führer
an die deutsche Jugend:
Ihr müßt alles vermeiden, was dem Deutschland der Vergangenheit den Stempel des Unedlen aufprägte. Ihr müht vor allem in eurer Jugend lernen, etwas zu vermeiden, dessen ihr euch im späteren Leben sonst nur noch schwer entwöhnen könnt: Ihr müht den Geist der großen Gemeinschaft wie er euch in der Kindheit eigen ist, pflegen, müht ihn niemals mehr von euch lassen, auf dah ihr einst als Erwachsene nicht wie in den Zeiten der Vergangenheit in Klassen, Stände usw. auseinanderfallt, sondern einst in der Zukunft im grohen das seid, was ihr im kleinen in eurer Jugend wart: eine Gemeinschaft deutscher Menschen, die deutsche Volksgemeinschaft. Sie beruht auf euch, ihr seid dereinst ihre Träger, und ihr müht in der Jugend lernen, diese Träger zu sein.
In vielen Jahrhunderten wurde das ersehnt, was heute Wirklichkeit geworden ist, und ihr habt das Glück, mit in diese Zeit hineinzuwachsen. Die Nation erwartet von euch, meine deutschen Jungen, dah ihr dieser grohen Zeit würdig seid. Und das erwartet vor allem auch jenes Deutschland, das einst auch unermehliche Opfer gebracht hat für den Bestand des Reiches und das Sein unserer deutschen Nation, dieses alte Deutschland, das einst Blut über Blut bringen muhte, um uns und euch überhaupt den Weg in die Zukunft freizuhalten.
Die h i t l e r - J u g e n d sammelt vom
NSDAP., Gießen-Nord.
Abteilung Hilfskasse.
Die rückständigen Hilfskassenbeiträge für das erste Vierteljahr 1936 der Angehörigen der SA.- Formationen im Bereiche der Ortsgruppe Gießen« Nord können nur noch heute, Mittwoch, 18. Dezember, in der Zeit von 20.30 bis 22 Uhr auf der Geschäftsstelle, Walltorstraße, bezahlt werden. Wer nicht bezahlt, wird bei der Hilfskasse abgemeldet. Kassenstunden der Hilfskasse erst wieder ab 6. Januar 1936 jeden Montag- und Mittwochabend.
Die HL -Fahne über dem Lyzeum.
An dem hiesigen Lyzeum und der Frauenschuls wurde in feierlicher Weise die Fahne der Hitler- Jugend gehißt.
Der Schulleiter, Oberstudiendirektor Schel« Horn, gab einen kurzen Rückblick über die Entwicklung der Bewegung und den Anteil der deutschen Jugend an ihr. Er wies auf den Wunsch des Führers hin, daß alle jungen deutschen Menschen sich in der deutschen Staatsjugend zujammenfinden sollen, in der es keinen Unterschied zwischen arm und reich, hochgebildet und weniger gebildet, zwischen evangelisch und katholisch gibt und die nur das eine Ziel hat, deutsche Menschen zu erziehen, die sich voll und ganz für ihr Volk und Vaterland einsetzen.
Nach einem von der Führerinnenklasse vorgetragenen Lied und einem Sprechchor sprach die Unter» gauführerin Ruth Fabian in eindringlichen Worten nochmals zu der Jugend und wies auf die Aufgaben und Ziele der Staatsjugend hin.
Mit dem Sieg-Heil auf den Führer und dem Lied der HI. „Vorwärts, vorwärts" schloß die Feier.
Der Ladenschluß am Heiligabend.
Von der Polizeidirektion Gießen wird uns mitgeteilt: Am 24. Dezember dürfen offene Verkaufsstellen nur bis 17 Uhr geöffnet sein. Eine Ausnahme besteht lediglich für Verkaufsstellen, die ausschließlich oder überwiegend Lebensmittel, Genußmittel oder Blumen verkaufen. Derartige Verkaufsstellen dürfen bis um 18 Uhr für den geschäftlichen Verkehr offengehalten werden. Die beim Ladenschluß schon anwesenden Kunden dürfen noch bedient werden. Die Vorschriften gelten auch für Verkaufsstellen von Konsum- und ähnlichen Vereinen, für solche auf Eisenbahngelände und für das gewerbsmäßige Feilbieten außerhalb offener Verkaufsstellen. Sie gelten nicht für Apotheken, für den Marktverkehr und den Handel mit Christbäumen und den Verkauf von Waren aus selbsttätigen Verkaufseinrichtungen (Warenautomaten), die von dem Inhaber einer zum dauernden Betrieb eingerichteten offenen Verkaufsstelle in räumlichem Zufam- : menhang mit dieser aufgestellt und in denen nur Waren feilgeboten werden, die auch in der offenen 1 Verkaufsstelle selbst geführt werden.
529 Familien der Ortsgruppe Gießen - Ost sind der Bitte der NSV.-Walter nachgekommen und haben Weihnachtswunschzettel aus dem Kreise Hanau angenommen und Pakete auf der Geschäftsstelle abgeliefert, die im Bilde bei ihrer Tätigkeit gezeigt wird. Durch diese Spenden haben sie bewiesen, daß ihnen der Nationalsozialismus kein Lippenbekenntnis ist, sondern durch Opfern zum Ausdruck gebracht wird.
(Aufnahme: Hagemann, Gießen).
Die deutsche Lugend verkauft die Weihnachtsplakette des WHW
sich warten lassen.
19. bis 22. Dezember für das D h W.!
platz: 17 bis 19 Uhr: Weihnachtsausstellung oberhessischer Künstler.
Stadttheater Gießen.
Heute von 15—18 Uhr das Weihnachtsmärchen „Der kleine Muck" von W. Burggraf. Spielleitung: Karl V o l ck. Außer Abonnement. Von 19.30 bis 22.30 Uhr der Opernerfolg „Der Waffenschmied"
von Lortzing. Die Partie des Grafen Liebenau singt Gustav Bley. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Heinz Weiser. 12. Mittwoch-Abonnement.
Weihnachts-Wärchenspiel im Gloria-Palast.
Am morgigen Donnerstag gelangt im Gloria- Palast ein Weihnachts-Märchenspiel unter dem Titel
NIVEA
mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack
Gießener Gtaditheaier.
Giuseppe Berdi: „Maskenball".
Das tragische Schicksal König Gustavs III. von ; Schweden, der im März 1792 einer Verschwörung zum Opfer gefallen war, hatte schon einmal den Stoff für eine Oper von Auber abgegeben. Auf der , Suche nach einem Opernbuch faßte Verdi den Plan, S c r i b e s Libretto „Gustav III. von Schweden" als Oper zu vertonen. Die Uedersetzung bzw. die Einrichtung des Textbuches hatte der römische Advokat Antonio S o m m a übernommen; der Briefwechsel zwischen Verdi und Somma läßt uns genaue Einblicke tun in die starke Anteilnahme Verdis an der Ausgestaltung des Textbuches; namentlich schlägt Verdi für den Text bestimmte, treffend wirksame Ausdrücke vor und macht auch Vorschläge für die Abänderung von Versen.
Anfangs des Jahres 1858 sollte mit der Einstudierung des Werkes am San Carlo-Theater in Neapel begonnen werden. Die Entwicklung der politischen Verhältnisse, insbesonders das in diese Zeit fallende Attentat Orsinis auf Napoleon III., bewog die Zensurbehörde, tief einschneidende Veränderungen am Textbuche vorzunehmen, denen Verdi auf keinen Fall zustimmen wollte. Die Zurückziehung der Oper verfehlte feine Wirkung auf die Theaterbesucher nicht; immer schärfer traten sich die Parteien gegenüber, da gelang es Verdi, mit seiner Partitur Neapel zu verlassen. In Rom versucht es der Impresario Jaccovacci, die Oper am Apollo-Theater aufzuführen. Obwohl man dort „in Prosa" „Gustav III." gestattet hatte, forderte man dort von Verdi die Umwandlung des Königs in einen Gouverneur von Boston und verlegte somit den Schauplatz der Szene von Europa fort. Die letzten textlichen Umarbeitungen führte dann Piave durch. Der Erfolg der Oper stellte Verdi in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit; über dreißigmal wurde er am Schluß hervorgerufen.
Die klare übersichtliche Handlung der Oper gibt mit ihren scharf kontrastierenden Szenen bei der Wahrsagerin, am Hochgericht und dem glanzvollen Maskenfest dem Komponisten reiche Gelegenheit zur Erregung und Entfaltung seiner Schaffenskraft. Heber das Dreigestirn „Rigoletto", „Troubadour" und „Traviata" hinaus, die sich mit ihrer Musik an der Szene entzünden, zeigen sich besonders im „Maskenball" die Ansätze zu einer neuen Entwicklung und Durchbildung des Opernstiles, die dann weiterhin zur „Aida" und zum „Othello" hinfüh- Ycn: eine enge Verknüpfung des musikalischen Impulses mit dem dramatischen Geschehen, die sich sowohl in der charakteristischen Durchbildung des
Thematttchen wie auch durch die Auswertung desl Orchesterkolorits und einer stellenweise polyphon j fundierten Schreibart erweist.
Wie in vielen Bühnenwerken Verdis ist auch hier die Baritonrolle Träger des tragischen Konfliktes, in diesem Falle der Privatsekretär des Gouverneurs, Ren6. Seinem Herren treu ergeben, wird er durch vermeintlich begründete Eifersucht zu dessen Mörder; diesem Wandel gibt Verdi besonders in zwei typischen Arien Ausdruck. Je nach der Beziehung zu der Zentralgestalt geben sich die einzelnen Personen mit mehr oder minder charakterlich betonten Werten. Der Gouverneur Richard als Tenor Hebt Ren6s Frau, aber er unterscheidet sich doch stark durch feine Ehrenhaftigkeit von der Person des Herzogs im Rigoletto; wenngleich ihn der Konflikt zwischen Frauenliebe und Freundestreue innerlich schwanken läßt; Amelia, Renes Gattin, will sich um jeden Preis ihrem Gatten treu erhalten und die in ihr erwachte Liebe zu Richard mit allen Mitteln unterdrücken; so werden ihre Szenen sowohl bei der Wahrsagerin als auch am Hochgericht zu Bekenntnissen einer schwer ringenden Frauenseele, die dann, als ihr der Tod droht, von tiefstem Schmerz der Mutterliebe zu ihrem Sohn erfüllt ist. Oskar, der Page des Gouverneurs, wird so zu einer typischen Operngestalt, der Verdi mehr objektive Musik zuteilt als innerstes subjektives Erleben. Die Verschworenen, die dem Gouverneur nach dem Leben trachten, werden durch die Musik grell in ihrem finsteren Innern beleuchtet. Das Dämonische, schicksalhaft Drohende findet seine Verkörperung in -der Wahrsagerin Ulrica.
Schon das Vorspiel stellt das polyphone Der- schwörerthema mit dem ersten Liebesgesang des Gouverneurs gegenüber und führt so in das weitere Geschehen symbolisch hinein. Die Einleitung zu der Wahrsagungsszene fängt schon mit ihren ersten Tönen das Unheimliche, Erschauernde des Milieus ein. Zu ganz besonderer Größe aber erhebt sich Verdi in der Liebesszene zwischen Amelia und Richard am Hochgericht.
Aber nicht nur die Sologesänge und die musikalische Gegenüberstellung der Hauptpersonen, sondern ganz besonders auch die großen Ensembles erweisen die nie versagende Charakterisierungsgabe Verdis, ohne dabei die Geschlossenheit des musikalischen Gesamteindrucks aufzugeben. So stehen sich beispielsweise nach Ulricas Todesverkündung für den Gouverneur gegenüber: Richard, der sie als Posse und Scherz mit einer tänzelnden, ironischen Melodie : abweist; Ulrica, die beteuert, daß ihre Worte „fein - Wahn" sind, der Page Oskar, innerlich vom : Schrecken bestürzt, die Verschwörer, die durch diese , Prophezeiung ihren Plan vereitelt glauben, dazu
als Untergrund der unheimlich erregte Chor des Volkes.
Wie bei allen Opern Verdis, so auch beim „Maskenball", liegt die Entscheidung für das Gelingen der Aufführung zum großen Teil bei den Sängern. Nicht allein, daß Verdi hohe Anforderungen an den Stimmumfang stellt und zur Beherrschung seiner Kantilene Stimmen voraussetzt, die den Belkanto sich zu eigen gemacht haben, sondern bei ihm werden die einzelnen Stimmgattungen gleichsam zu Charaktertypen, und damit legt er das'höchste Maß an die Durchbildung der Gesangsstimmen. Somit mußte die hiesige Aufführung des „Maskenball" zum Prüfstein der Gesangskräfte des Gießener Stadttheaters werden. Abgesehen von geringfügigen Ungleichmäßigkeiten zeigte die Gesamtleistung einen sehr beachtlichen Hochstand.
Als Rene war Gustav Bley vollkommen von seiner Aufgabe erfüllt. Er wußte die dramatischen Akzente der Darstellung mit Wucht zu betonen, dabei konnte er seine reichen Stimmittel, der Situation gemäß einsetzen. Sein dunkel timbrierter Bariton schuf besonders in den beiden Arien musikalische Höhepunkte, mit bewunderungswürdiger Expansion in einer für den Bariton schwierigen Höhenlage.
Der Richard Heinz Weisers war in seinen dramatischen Bedingungen wohl durchdacht. Seine heldisch gefärbte Stimme war siegreich durch- schlaaend in der Höhe des Affektes; nur in der Kantilene wäre eine noch größere Nachgiebigkeit im Ausfvinnen des Tones zu wünschen gewesen. Den stärksten Eindruck hatte man von ihm in der Liebesszene des zweiten Aktes, deren leidenschaftliches Aufwallen feine Fähigkeiten zu vollem Einsatz wachrief.
Amelia war bei Helene Wacker von echtem hinaebungsvollem und doch wieder vornehm sich zurückhaltendem Frauentum getragen. Klangschön und in schwebender Weichheit war die Stelle in der Wahrsagerszene: „Ach, laß mich nicht erliegen." Die inneren Kämpfe im schuldbewußten Bekennen der Liebe zu Richard wurden eindringlich durch seelisches Mitaehen und seinem Widersch-in im innerlich bewegten sympathischen Stimmklang. Die reiche Skala der Empfindungen des dritten Aktes vom durchdringenden mütterlichen Abschiedsschmerz bis zur Verzweiflung in ihrer Szene mit Richard wurde glaubhaft nahe durch Gebärde und Bereitschaft des gesanglichen Könnens.
Die Wahrsagerszenen stehen und fallen mit dem dämonischen Schwergewicht der Darstellerin der Ulrica. Emmy Hagemann vermochte die Sphäre des Unheimlichen voll einzufangen und die einzelnen Züge auch in der Körperhaltung lebensnah herauszustellen. Ihr dunkler, breit geschwungener
melodischer Bogen, ihr starker musikalischer Impuls spiegelten in der Beschwörungsvision inneres Erregtsein erschöpfend wieder. Als Kontrastfigur war temperamentvoll bei eingehender Berücksichtigung der charakterisierenden melodischen Form Friedel F o r n a l l a z, mit treffender Mimik das Stimmliche stützend, ja mit den diesmaligen Eindrücken weit ihre früheren Leistungen übertreffend mit frappierender, aber doch überzeugender Bewußtheit im Auftreten und in der gesanglichen Leistung.
Das Verschwörerpaar, schon äußerlich durch seine Abseitsstellung gekennzeichnet, war besonders durch Wilhelm Greil (Samuel) mit akzentuiertem Stimmkönn'en geführt, das namentlich im Ausgang des zweiten Aktes gespannte Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihm zur Seite war Heinz B e ch st e i n (Tom) im gleichen Sinne bemüht. Dem Matrosen Silvana war Karl Tank stimmlich wie darstellerisch bewußter Gestalter. Ebenso fügte sich Gerhard Frickhoeffer mit der Rolle des Richters dem Ganzen ein.
Das Orchester unter Paul Walter stand vor der bisher größten Aufgabe der diesjährigen Spielzeit, die glücklich gemeistert wurde. Nachgebend folgte es dem Diriaenten in jeder Regung vom stärksten klanglichen Akzent bis zum satten Pianissimo, als vornehmlicher Träger d-s rhythmischen Elementes an jeher Stelle bemüht, den Forderungen des Werkes musikalisch wie technisch gerecht zu werden; die Chore, vortrefflich in den einzelnen soli- stiscb-'n Leistungen, waren reich in der klanglichen Entfaltung wie in der stimmungsgebundenen Abge- tontheit und dem pointierten Verschwörerspott im imeifen Aufzuae Die einzelnen Sr-nenbilder (Karl Löffler) am Hochgericht, bei der Wahrsagerin und das Maskentreiben verstärkten die Auswirkungskraft der Verdischen Musik. Ebenso bedeutsamen Anteil daran trug die Führung der Beleuchtung (L"dwig Keim).
Das Ganze aber entwickelte sich mit innerer Spannung, augenblicksnaher Lebendigkeit und dramatischer Klarheit durch die Spielleitung des Intendanten Hermann Schultze-Griesheim; denn eine führende Hand war ständig im Fortgang der Handlung zu spuren. So war die Los-Szene mit der spannenden Schwüle unheimlichen Drohens ge« sättigt, und im letzten Bild prallten die Kontraste zwischen tänzerischer Fröhlichkeit und Todesahnen hart erschütternd aufeinander.
Durch das Zusammenwirken aller beteiligten Kräfte in einem großen Willen geeint, wurde der „Maskenball" zu einer Aufführung, die für Gießen sicherlich den Höhepunkt der bisherigen Opernspielzeit bedeutet. Das bezeugte der reiche Beifall der Hörer, der alle Mitschaffenden, insbesondere auch I den Intendanten, hervorri^ [)r, H,


