Nr. 295 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, (8. Dezember (935
Wehr und Waffen.
ahm hm Welt.
Mit Genehmigung des Verlages Gerhard Stalling, Oldenburg i. O./Verlin, veröffentlichen wir aus dem hier schon besprochenen neuen Werke von Generalleutnant a. D. Horst von Metzsch: „Schlummernde Wehrkräfte" nachstehenden Abschnitt.
Man wird in den philosophischen Vorlesungen der Vorkriegszeit sehr lange, wenn nicht überhaupt vergeblich blättern müssen, um Gedankengänge zu entdecken, daß auch der Kriegsgott seine kriegerischen Sterblichen braucht, wenn seine Fackel das Freudenfeuer des Sieges statt Scheiterhaufen anzünden soll. Die deutsche Gelehrtenwelt orientiert sich an dem scharfen Schnitt, der damals das Militär vom Zivil, den Fachmann vom Laien, den Humanisten vom Kadetten trennte, und vergaß so die lebendige deutsche Zukunft über der toten Zunft! Wenn diese aber nicht Wehrbklder zeichnet, in denen man seine eigene Nation marschieren sieht, sondern nur philosophisch-wissenschaftliche Bauplätze abgrenzt, deren „Betreten Unbefugten verboten" ist, dann stehen die Beckmesser auf dem Katheder, aber nur die Walther im wirklichen Leben. Der Name Clausewitz gehört also irgendwie in jede deutsche philosophische Lehre. Es gibt keine, wenigstens keine fruchtbare, in der das eine oder andere Element des Krieges nicht irgendwo, und sei es auch nur beispielhaft, vergleichend und erläuternd, seinen gelegentlichen Platz finden könnte. Es gibt kein Denken über unser Verhältnis zum All, über das Naturalistische oder Jdealistifche in uns und in diesem All, über das Absolute oder Relative in aller Geistigkeitund über dasHypothetische oder Konkrete in aller Endlichkeit, in das nicht der soldatische Mensch mit seiner kämpferischen Qual irgendwie eingeschaltet werden müßte, wenn nicht Tintenfischzüge schließlich nur eine abstrakte Beute liefern sollen, in der jeder kompakte, das will sagen: fester Bestand fehlt, auf dem Menschen mit gesundem Verstände Fuß fassen können, wenn sie das wollen.
Und das wollen, mehr oder weniger, alle! Sie wollen eine Philosophie der Untermauerung des gesunden tätigen Lebens mit all seinem Meßbaren und Unwägbaren. Sie wollen sehen, daß wissenschaftliche Werte auch ihren Daseinswert haben. Aber ablehnen sollten wir subjektiv liebhaberische Denktürme aus Gedankengängen wie geschichtete Brezeln, die der Hammerschlag eines einzigen Ereignisses in Stücke schlägt. Ewigkeitswerte haben, soweit wir sie begreifen können, eine einfache Struktur, und überall, wo Philosophen etwas anderes als die uns Sterblichen allein faßbare großartige Einfachheit suchten oder ihr gar Neues anzuhängen versuchten, sind nur Arabesken oder Grotesken entstanden, sind Ornamente, ist Unterhaltung geliefert worden, die an den Fundamenten, an der Untermauerung unseres Volkstums nicht das geringste ändern, also so überflüssig für seine Wahrung und Mehrung sind, wie die spielerische Türmchen am Berliner Dom. So sieht nämlich das zusätzliche Denken einer entbehrlichen, nur um ihrer selbst willen vorhandenen Philosophie etwas aus. Die fruchtbare Philosophie hat das klare Ebenmaß der Schloßkuppel. Sie zwingt den, der überhaupt für dergleichen empfänglich ist, zum Denken. Die Verschnörkelungen des anderen Baus stören das Denken. Zum soldatischen Denken gehört Sinn für Ebenmaß im wehrhaften Aufbau der Nation, und es ist gleichgültig, ob man sich die Vergleiche für dieses Ebenmaß bei architektonischen oder — dem Kapitel gemäß — bei philosophischen Erkenntnissen sucht. Wenn nur der soldatische Sinn dafür überhaupt da
ist, daß die Waffe geadelt sein will. Daß zu der Welt des Degens eine edle Welt des Denkens gehört, und daß Philosophen in der soldatischen Welt ebenso willkommen sind wie Goethe in den Lagern von Dalrny oder Leibniz in der Bibliothek manches Soldaten. Nicht nur zum Condottiere der Renaissance, auch zum Feldherrn des zwanzigsten Jahrhunderts, nicht nur zu Alexander dem Großen, auch zu Gustav Adolf, nicht nur zu der Erneuerung Preußens nach Jena, auch zur Erneuerung Deutschlands nach Versailles gehört der Denker neben den Krieger, die Studierstube zur Kasernenstube, Faust neben die Fäuste! Hippolyte Ta ine, der Historiker der französischen Revolution von 1789, spottet freilich über die Verbindung l’idee et l’ep^e und findet, damit habe man Frankreich lange genug genarrt. Das mag sein. Die französische Philosophie hat es immer verstanden, ihre Erkenntnisse für wertvoll genug zu halten, um andere Völker bewaffnet
damit zu beglücken. Auf diesem netten Umwege hat Frankreich sich manches Stück urdeutschen Landes einzuverleiben verstanden. (Vgl. Moltke: Die westliche Grenzfrage.) Aber inzwischen hat es einen Weltkrieg gegeben, der allen Auftlärungsplunder zerstäubte und klarlegte, daß wir nicht bei Voltaire oder Rousseau, sondern bei Eckehart und Fichte in die Lehre zu gehen haben, damit wir erkennen, warum wir alle, Mann wie Frau, soldatisch denken und fühlen müssen, um als Volkstum zu bestehen. Ohne Geist kann sich kein Dolkskörper formen, aber es darf kein Fremdgeist sein, wenn sich nicht Fremdkörper bilden sollen. Eine soldatische Gemeinschaft, die sich eine Wehrkultur schafft, wird solche Fremdkörper abstoßen. Eine philosophische Geistesherrschaft, die anmaßlich genug ist, sich selbst für wichtiger zu halten als die Lebensnotwendigkeiten der Nation, wird dem Volkskörper nicht nur Fremdstoffe, sondern Krankheitskeime zuführen.
Silber aus dem Argoimerwald.
Der Hexenkeff el am Lharmesbach
Durch die elenden Baumstümpfe, die an den Hängen des Charmesbachtals stehengeblieben waren, faucht der Wintersturm. In langgezogenen Tönen orgelt er um das zackige Massiv des „Storchnestes". Schneeflocken wirbeln hernieder und decken die Erde mit flauschigem Weiß. Doch von der beschaulichen Ruhe des winterlichen Waldes ist nichts zu spüren. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt die einst so stillen Täler. Zwischen den Schneeflocken jaulen zentnerschwere Eisenklötze in steilen Bahnen. Mit sinnloser Gewalt bohren sie sich in den schon tausendfach zerpflügten Waldboden. Die Erde windet sich unter fürchterlichen Detonationen. In mächtigen Fontänen spritzt sie unausgesetzt zum grau verhängten Himmel empor. Erdfetzen, Steinbrocken und zerrissene Baumstümpfe heulen durch die Luft.
Schon seit Wochen tobt hier ein mörderischer Nahkampf. Bei Tag und Nacht, an Sonn- und Feiertagen zerpflügen schwere und allerschwerste Minen den Boden. Drei erbitterte Gegner liegen sich hier gegenüber; ein schwerer französischer Minenwerfer am Nordhang des Tales, ein schweres deutsches MG. schräg gegenüber am Südhang und ein schwerer deutscher Minenwerfer ebenfalls am Nordhang. Kaum hundert Meter liegen die drei voneinander, aber nichts ist zu sehen. Kein Lebewesen zeigt die Stelle, wo sie stehen, und kein Rauchwölkchen kündet, daß hier Menschen in finsteren Löchern hausen.
Wie von Geisterhand geleitet, geht der Kampf ohne Unterbrechung weiter. In der Regel beginnt es unten an der Sandsackmauer des Charmesbachtals. Solange der Franzmann die deutschen Passanten an dieser Mauer unbehelligt läßt, ist alles ruhig. Wenn er aber schießt, dann setzt sich das Räderwerk der Kriegsmaschine in Bewegung. Mit lebhaftem Jnfanteriefeuer und erbitterten Händgrana- tenkämpfen fängt es im Tale an. Das schwere deutsche MG. hat dann die Aufgabe, die französischen Anmarschwege von dem Dorfe la Harare zur Stellung im Charmesbachtal zu sperren. Dank seiner ausgezeichneten Lage kann es die französischen Laufgräben wirkungsvoll bestreichen. Schießt es aber, um die bedrängten Kameraden im Tale zu entlasten, dann tritt der französische Minenwerfer in Tätigkeit. Kaum haben seine ersten Minen in der Nähe des deutschen MG.s den Boden zerpflügt, da steht auch schon die deutsche Werfermannschaft an ihrem Geschütz. In Hemdärmeln wuchten die Wackeren die dicken Zentnerminen aus ihrem Stollen, in Hemdärmeln laden sie und in Hemdärmeln feuern sie ab. Dann spritzen die Erdfontänen beim franzö
sischen Werfer, dann orgeln die Eisenfetzen in Gemeinschaft mit Steinbrocken und gefrorenen Erdschollen empor, und bald brodelt und giftet es in diesem Stellungsdreieck wie in einem Hexenkessel. In maßloser Wut schwenkt dann allemal der Franzmann um und stürzt sich immer und immer wieder auf diesen für ihn unsichtbaren Gegner, der so empfindlich zu treffen weiß.
So liegen sich dann die beiden Werfermannschaften in den Haaren. Und während die Werfer bellen und die Explosionen der Minen die letzten Reste des Waldes in alle Winde zerstreuen, fegt die Geschoß- garbe des deutschen MG.s in die feindlichen Laufgräben. Aber nicht lange darf das deutsche MG. ungestraft seine schwere Pflicht tun. Ein Telephonanruf eilt durch den französischen Draht nach rückwärts, eine eigens dafür bereitstehende Mannschaft stürzt an die Geschütze und feuert, was die Rohre hergeben, in das nur allzugut bekannte Planquadrat. Doch auch diese Batterie ist nur ein kleines Rad in der furchtbaren Kriegsmaschine. Schon bei der ersten feindlichen „Lage" springt der deutsche Artilleriebeobachter aus seinem Drahtbett im tiefen Stollen. Ein harmonisches „Tüt ... tütüt" alarmiert die Bedienungsmannschaften der deutschen Batterien, und kaum sind einige Sekunden vergangen, da rast ein fürchterlicher Feuerorkan durch die engen Täler des zerschmetterten Waldes. Dann zischen die Leuchtkugeln in allen Farben in die Höhe und beleuchten die über und über in Qualm und Rauch gehüllte Landschaft mit einem phantastischen Lichte.
Im gleichen Moment wird es in den Stollen lebendig. Rußige Gestalten stürzen die Stufen empor, die Laufgräben füllen sich, und bald stehen sie auf den Bänken des Kampfgrabens, die Handgranate wurfbereit in den Händen. Aber der Feind zeigt sich nicht. Er schießt sein übliches Tagesprogramm herunter und macht Schichtwechsel, wenn es Abend wird.
Um diese Zeit flaut dann der Kampf etwas ab. Ueberall ertönt das Geräusch der Hacken und Schaufeln. Die Gräben werden ausgebessert, das Wasser wird ausgeschöpft, Sandsäcke werden gefüllt und neue Deckungen erbaut. In den tiefen Stollen wühlt die Spitzhacke in kreidigem Fels. Immer weiter bringt sie in den Boden ein, immer näher rücken sich die Gegner tief unter der Erde. Man horcht sich gegenseitig ab, man berechnet die Entfernung des gegnerischen Stollens nach der Stärke des Schalles, man sucht einander zu überraschen und zu vernichten.
Eines Tages wird man bann die Sprengstoffe bringen, wird sie in Säcken häufen, wird die eigene
Stellung vorsichtig räumen und einen Funken in die unterirdische Sprengkammer senden. Millionen von Atmosphären werden frei, der Fels reißt klaftertief auf, die Erde öffnet sich, viele Hunderte von Kubikmeter an Steinen und Erde erfüllen die Luft, prasseln hernieder und senken sich lastend und schwer auf zerschmetterte Leiber.
Noch ist der letzte Stein nicht gefallen, da stürzen auch schon die Stoßtrupps in den rauchenden Trichter. Handgranaten krachen, Maschinengewehre knattern, Leuchtkugeln zischen hoch, und der Kampf beginnt von neuem. Wieder schuften die Werfer an ihren Geschützen, wieder greifen die Batterien ein, und wiederum verwandelt sich das enge Tal in einen rauchenden und brodelnden Hexenkessel.
So geht es Tag um Tag, wochen- und monatelang in einem fort. Und wenn sich die Dunkelheit auf die entweihte Natur herniedersenkt, dann erschallt in den Stollen der Reservestellung ernst und schwermütig das Lied vom Argonnerwald: „Ar- gonnerwald, Argonnerwald, ein stiller Friedhof wirst du bald!". P. Ni ess.
Ersatzreserve.
Von Major (E.) Matlhaei, Kommandeur des ErganzungsdaiaillonsNr. 18, Blankenburg a. ß.
Soeben ist, herausgegeben von Major des Generalstabes Edgar Röhricht, das Jahrbuch des deutschen Heeres 1 9 3 6" (Verlag von Breitkopf und Härtel in Leipzig) erschienen. Namhafte Sachbearbeiter des Ministeriums und der verschiedensten Waffengattungen geben Bericht über den Stand der augenblicklichen Wehrhaft- machung des deutschen Volkes. Fragen der Eignung und Ausbildung, des Werdeganges des Offiziersanwärters, des Dienstes auf dem Truppenübungsplatz und der Ersatzreserve werden ebenso anschaulich behandelt, wie die Tätigkeit des Soldaten bei den einzelnen Truppenteilen. Die nachstehenden Darlegungen des Majors Matthaei sind diesem Werke entnommen.
Der Ersatzreservist ist heute etwas anderes, als jener der Vorkriegszeit. Damals zählte man dazu jene, im Vergleich zur Jetztzeit vielleicht nicht durchweg gesündesten und kräftigsten überzähligen Männer Deutschlands, die keine Verwendung im aktiven Dienst und darum auch eine Erfüllung ihrer Wehrpflicht nicht mehr finden konnten. Die knappen Mittel des Reiches, ja auch politische und parteipolitische Gründe ließen die volle Ausschöpfung der Wehrkraft des deutschen Volkes nicht äu.
Und bitter erinnert man sich hier der besonders von General Ludendorff nie vergessenen und nie verwundenen Tatsache, daß das Fehlen jener zwei Armeekorps im Westen, für die gerade er jahrelang im Frieden erbittert gekämpft hatte, schließlich den unseligen Ausgang der Marneschlacht mit verschuldete. Denn wenn man die zahlreich vorhandenen Ersatzreservisten im Frieden hätte ausbilden können, dann waren wohl die Truppen vorhanden, mit denen man im Westen den Sieg erringen konnte. Doch es ist heute nicht mehr Zeit, diese Entscheidung des Schicksals zu erörtern.
In ihrer Wirkung aber liegt die militärische Notwendigkeit der Ersatzreservisten inbegriffen, jener Soldaten, die dringend gebraucht roeroen, wenn die Zeit es einmal verlangen sollte. So also hängen jedenfalls Name und Begriff der Ersatzreserve, wenn auch nur im negativen Sinne, mit einer geschichtlich entscheidenden Stunde Deutschlands zusammen.
Heute ist der Ersatzreservist wieder auferstanden.
Aettuten im Sattel.
Von Oberstleutnant a. O. Benary.
Reiten ist fein Handwerk! Reiten ist eine Kunst!" Zum Künstler, also auch zum Reiter muß man ge- boren sein. Aber auch der Reiter muß wie jeher Künstler das Handwerkszeug seiner Kunst beherrschen, muß einen dornenvollen, arbeitsreichen Weg gehen, bis er das Letzte, das Höchste in seiner Kunst leistet.
Meister im Sattel werden immer seltener in unseren Tagen des Kraftwagens und des Flugzeuges. Wir treffen sie nur hier und da im Rund des Zirkus, auf dem Viereck der Turnierhalle, auf den Reitwegen draußen vor den Toren. Mit den Jahren ist immer mehr das Heer, die Kavallerie und ihre Waffenschule in Hannover die Hochburg deut- scher Reiterei geworden. Auch sie ist gefährdet. Denn es kommen die Neunmalweisen und erklären: „Wenn ihr nun einmal wider alle Vernunft noch an den berittenen Truppen, an der Kavallerie sesthaltet, bann verschwendet wenigstens keine unnütze Zeit auf reiterliche Feinheiten und Schönheiten, sondern betrachtet das Pferd lediglich als Transportmittel und begnügt euch, Pferd und Reiter soweit zu fördern, daß sie die ihnen anoertrauten leichten und schweren Waffen an den Ort zu bringen vermögen, wo sie zur Wirkung gelangen sollen." Wir können als begeisterte Kavalleristen, aber auch als neuzeitlich denkende Soldaten nur erwidern: „Mit einer berittenen Infanterie, einem schlecht reitenden Schützen auf einem mangelhaft durchgerittenen Pferde ist uns nicht gedient. Wir befürchten, daß sie die ihnen an- vertrauten Waffen nicht auf den befohlenen Platz bringen werden, oder daß, — wenn es ihnen wider Erwarten doch gelingen sollte — der Reiter körperlich überanstrengt, also zum Wasfengebrauch ungeeignet an fein Ziel gelangt, das Pferd, übermäßig in Anspruch genommen, rascher verbraucht wird als es seinem Wert nach geboten ist.
Wir brauchen Reiter und Pferde, die unter denkbarer Schonung ihrer Kräfte jeder an sie ge st eilten Anforderung n a d) f o m m e n , brauchen Reiter, die fähig sind, Pferde und Pferde, die fähig sind, Reiter auszubilden. Wir sehen im Pferde nicht die tote Maschine, öie man, wie es einem beliebt, in Gebrauch nehmen ober in die Ecke stellen kann, sondern den lebendigen Waffenkameraden, in den man sich em'fühlen, den man mit liebevollem Verständnis behandeln muß, wenn man von ihm verlangt, daß er in Not und Gefahr treu zu einem steht. Darum halten wir Soldaten des Reichsheeres die Zeit, die wir auf die Ausbildung und Erziehung unserer
Reiter und Pferde verwenden, nicht für verloren, wenn wir uns auch mit Generaloberst von Seeckt klar sind, daß der Kavallerist von heute m e h r s e i n muß als ein bloßer Reiter, daß er darüber hinaus als Schütze, als Pionier, als Fernsprecher und Funker seinen Mann zu stehen hat. Vor allem zu Beginn der Ausbildung, im Rekrutenhalbjahr, muß sie vorhanden sein: denn ist einmal die reiterliche Grundlage verpfuscht, ist alle Mühe und Sorgfalt, die sich Reitlehrer und Reitschüler in späteren Jahren geben, umsonst.
Besser reiterlich vorgebildet als in unseren Leutnantsjahren, kommt ein Teil der Rekruten heute in die Kaserne. Die ländlichen Reit- und Fahrvereine und ihre Nachfolger, die Reiterstürme der SA., haben da zweifellos ersprießliche Arbeit geleistet. Aber mancher ländliche Reitlehrer ist auch Irrwege gegangen und allen den Schlossern, Schneidern, Sattlern und sonstigen Stadtbewohnern, die man — selbst die Schreiber eingeschlossen — gar nicht ungern unter den Rekruten sieht, war bisher das Pferd „ein wildes Tier, das dem Menschen nachdem Leben trachtet". Mit ihnen allen muß der Reitlehrer rechnen und darum mit seinem Unterricht von vorne beginnen.
Seine Arbeit hat schon lange vor dem Eintreffen der Rekruten eingesetzt. Reiten lernen kann man nicht auf stumpfen, verbrauchten Böcken, sondern aus frischen, schwungvoll vorwärtsgehenden Pferden. Das wissen Schwadrons- und Batterieführer recht wohl, und suchen danach die geeigneten Pferde für die Rekruten aus. Aber diese Pferde sind durch bas Manöver aus der Form gekommen. Der Reitlehrer muß sie unter geschickten Reitern nacharbeiten, an das Gehen mit Ausbindezügel wieder gewöhnen lassen.
Der Rekrut kommt am ersten Tage seiner D i e n st z e i t in den Stall, auf das Pferd. Wohl ist es nützlich und empfehlenswert, ihn zum Reit- bienft burch Leibesübungen vorzubereiten, wohl können schlechte Kopfhaltung, steife Schultern, steife Knie, Hanb-, Fuß- und Hüftgelenke, hohles und schlappes Kreuz durch zweckentsprechende Hebungen gelockert bzw. gekräftigt werden. Wohl ist der Sitz tm allgemeinen auf dem Uebungspferb, auf einem Tonnengestell, zu verbessern, ist das mühelose Aufsitzen am hochgestellten Uebungspferb zu erlernen. Aber all diese Üebungen gehen dem Reitdienst nicht voran, sondern parallel. Das Pferd ist das Lebenselement des Reiters. Also macht man ihn gleich mit ihm vertraut; denn man will, daß er es beherrschen soll.
Aber man hütet sich ebenso, das Vertrauen, das jeder junge begeisterte Reiter, wie es unsere Rekruten doch sind, dem Pferde und dem Reiten entgegenbringt, gleich zu Beginn durch übertriebene Anforde
rungen zu erschüttern. Es ist eine veraltete, törichte Auffassung, daß man erst dann ein rechter Reiter ist, wenn man sich etliche Male von seinem Pferde getrennt hat. Beim Herunterfallen läuft der Reiter nur Gefahr, daß er die Nerven verliert ober sich verletzt, und bann für ben Reitunterricht für einige Zeit ausfällt. Die gleiche Gefahr besteht, wenn der Reitlehrer am Anfang zu lange Trab- und Galoppreprisen einlegt oder nicht auf den richtigen Sitz der Bekleidung achtet, so daß die Schüler sich wundreiben.
Man kann auch ohne übertriebenes „Scheuchen" die Rekruten zu frischen, dreisten Reitern erziehen. Wieviel prächtige Voltigierübungen am stehenden und galoppierenden Pferde gibt es nicht, die Herz und Nerven der Rekruten stählen, ihre Geschicklichkeit und Gewandtheit heben. Ich nenne nur: Auf- und Abspringen in den Spreiz- und Quersitz, Abspringen aus dem Spreizsitz mit gestreckten Beinen nach vorwärts, Abspringen durch Ueberschlag nach vorwärts der inneren Schulter des Pferdes. Schere vorwärts und rückwärts, Knien und Stehen auf dem Pferde.
Das erste Gebot für den jungen Reiter bleibt Losgelassenheit, Gewinnung' des Gleichgewichtes! Die militärische Form kommt dann später von selbst. Mindestens sechs Wochen bekommt der junge Reiter daher keinen Bügel auf den Fuß und nur selten die Zügel in die Hand. Die Bügel bleiben im Stall und die Zügel der Trense liegen geknotet auf dem Pferdehals. Der Rekrut soll erst lernen, mit tiefem Knie losgelassen auf dem vorgeschobenen breiten Gesäß zu sitzen. Man setzt ihn erst im Halten und im Schritt zurecht. Man geht aber bald zum Trabe und Galopp über. Dazwischen wird man immer wieder Schrittreiten und die in der Reitvorschrift vorgesehenen Freiübungen zu Pferde (diese später auch im Trabe und Galopp vornehmen lassen oder durch Ballspielen, Mütze hochwerfen) die Reiter unabhängig vom Sitz machen. Verliert bei den ersten Versuchen der Reiter den Halt, so beläßt man ihm ruhig Sattelknopf und Mähne als Rettungsanker. Es wird grundsätzlich nur im „Rührt euch" geritten. Das einst so beliebte „Fußexerzieren zu Pferde" ist verpönt. Täglich wird mindestens anderthalb Stunden geritten. Reitpausen werden zum Instruieren über Reiten und den Dienst als Meldereiter ausgenutzt.
Die Zügel bekommt der Reiter erst in die Hand, wenn er durch einen völlig gefestigten Sitz sich im Gleichgewicht halten kann. Auch hier erzwingt man nicht vorn ersten Augenblick an die vorschriftsmäßige Haltung von Arm und Hand, vertraut, daß sie sich einfteüt, wenn Schulter-, Ellenbogen- und Handgelenk so losgelassen sind, daß die Hände bei jeder Bewegung des Maules mitgehen können und immer dieselbe leichte Anlehnung erhalten.
Almählich erfolgt dann das Erlernen der Hilfen, wobei dem Rekruten von Beginn an ein« gehämmert wird, daß den Schenkel- und Gewichtshilfen eine wichtigere Rolle zufällt als den Zügelhilfen. Es folgen die Erlernung des Tempos, der Parade, des Reitens in Stellung, der Wendungen, der Volten, des Zirkeloerkleinerns und -vergrößerns, des schulgerechten Angaloppierens und noch vieler anderer Üebungen. Längst sind die Ausbildungszügel fortgefallen, bald nach Weihnachten wird die Trense durch die Kandare ersetzt, wird begonnen, das Pferd zu versammeln, in abgekürzten Gängen zu reiten. Das Springen macht den Rekruten schon lange keine Beschwerden mehr. Man hat schon am zweiten, dritten Tag ihre Pferde über die am Boden liegende Stange treten lassen, hat dann die Abteilung über die hochgelegene Stange geschickt und im Sprunggarten mit Mauer, Koppelrick, Hürde und Graben vertraut gemacht. Jetzt saust sie am Schluß jeder Stunden mit Hüften fest unter dem Gesang des schönen Liedes durch ihn hindurch: „Fall ich runter, bin ich tot, werd ich mit Musik begraben!" Aber er fällt nicht herunter oder tut er es doch, ist der Sand weich, und außerdem weiß er: „Kopf einziehen, Knochen anziehen, sich vom Pferd wegrollen, da kann so leicht nichts passieren." Auch den Säbel hat der Rekrute in die Hand bekommen, hat in ihm Stiche und Deckungen, die ihm zu Fuß eingedrillt sind, zu Pferde geübt, galoppiert in der Auslage an dem Hiebgerät vorüber und strahlt, wenn er mit einem wohlgezielten Rechtshieb den Strohkopf herunterschlägt.
Ganz verfehlt wäre es gewesen, wenn der Reitlehrer die ganze Ausbildungszeit am offenen Reitviereck ober gar an der geschloffenen Reitbahn, die der Rekrut überhaupt nur selten zu sehen bekommt, geklebt hätte. Nein, sobald seine Zöglinge einigermaßen ihres Pferdes Herr waren, ist er mit ihnen ins Gelände gegangen, hat er sie auf sich allein gestellt, sie quer über den Exerzierplatz, durch das Stangenholz, später über die Kommissionshindernisse, ober eine Wegehecke, einen Wiesengraben geschickt. Denn er weiß, so erhält und fördert er bie Reiterpassion, bie im Staube ber Reitbahn leicht zu ersticken broht.
Mit bem Nahen bes Frühlings naht auch ber Schlußpunkt ber Rekrutenausbilbung: bie Kan- barenbesichtigung. Aber ber Reitlehrer unb seine Schüler sehen ihr voll Vertrauen entgegen. Sie wirb genau so gut auslaufen, wie bie Sitz- und Trensenbesichtigung, bie Vorgesetzten werben loben, „er" wirb sich eine bessere „Pulle" im Kasino leisten unb „sie" werben stolz sein, jetzt enb- lich als ganze Reiter unb wahre Kavalleristen fühlen zu bürfen.


