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Nr 270 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Montag, 18. November (955

Das vierte Siegel "

Als Agent des britischen Geheimdienstes im zaristischen Rußland während des Weltkrieges. - Aus den Erinnerungen des Außenministers Sir Samuel Hoare.

Der britische Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Sir Samuel Hoare war in den Jah­ren der russischen Revolution als Leiter des briti­schen militärischen Geheimdienstes in Rußland tätig und hat Erinnerungen an diese interessante Zeit in einem BuchDas vierte Siegel" niedergelegt, dessen

(Scherl-Bilderdienst-M.)

deutsche Uebersetzung soeben im Nibelungen-Verlag G. m. b. H. Berlin erscheint. Wir werden einige Abschnitte aus diesem überaus fesselnden Memoiren­werk veröffentlichen. Heute bringen wir als Ein­leitung dieser Aufsatzreihe eine biographische Skizze des Verfassers aus der Feder eines langjährigen Beobachters des politischen Lebens in England.

Wer ist Sir Samuel Hoare?

Von George Popoff.

Sir Samuel Hoare ist bisher von der Presse und Oeffentlichkeit keineswegs in dem Maße beachtet worden, wie er es verdient. Sein Wesen ist ruhig und zurückhaltend. Seine gesamte politische Tätig­keit spielte sich im Stillen, unbemerkt ab. Sein von der großen Oeffentlichkeit unbemerkt gebliebenes, aber auf erstaunlich vielen Gebieten verlaufenes Leben ist über alle Maßen interessant gewesen Sein bisheriges Schaffen und Wirken ist, selbst falls es heute abgeschlossen werden sollte, bereits ein sehr bedeutendes Werk und ohne Zweifel als ein bleiben­der Beitrag zur Geschichte des modernen Britischen Reiches zu bewerten. Es war vor allem drei, für England außerordentlich wichtigen Aufgaben gewid­met: dem Studium des Problems Rußland, dem Ausbau der britischen Flugmacht und der Aus­arbeitung der Verfassung Indiens. Mit der Uebernahme des Außenministerpostens beginnt ein neuer, man könnte fast sagensynthetischer" d. h. die Erfahrungen seiner bisherigen Tätigkeit aus­wertender Abschnitt in Sir Samuel Hoares Leben.

Sir Samuel Hoare ist am 24. Februar 1880 ge­boren und steht somit zur Zeit im 56. Lebens- fahre. Er entstammt einer der ältesten Bankiers­familien Englands und ist von Jugend an im Geiste der Solidität und des Konservatismus der Lon­doner City erzogen worden. Aber das nicht allein: die Hoares waren außerdem seit urdenklichen Zeiten Quäke r", und auch von mütterlicher Seite stimmt Sir Samuel von zwei alten Quäkerfamilien, den Gorneys und den Frys, ab. Diese beiden Tat­sachen müssen bei Beurteilung des Charakters des neuen Chefs des Foreign Office vor allem im Auge behalten werden. Denn in allem, was Sir Samuel sagt und tut, zeigt sich heute noch einerseits dre Vor­sicht und Gründlichkeit des Bankiers und anderer­seits der philanthropische und humanitäre Geist des

Quäkers. Der junge Sam erhielt die übliche Erzie­hung der herrschenden Klasse: zuerst Harrow, dann Oxford. Er errangfirst honours", d. h. er promovierte summa cum laude, wie er über­haupt- st e t s der E r st e gewesen war und st e t s alles gewußt" hatte.

Mit einer so einseitigen Charakteristik ist indessen sein vielseitiges und problematisches Wesen keines­wegs erschöpft. Reben Allwissenheit und Pedanterie Zeigte sich bei ihm stets auch eine starke Abenteurer- tust und ein ausgesprochener Schneid. Er war nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in den sportlichen Spielen erster und gehörte in Oxford zu denBlues". Er war ein ausgezeichne­ter Boxer und Ruderer und ist heute ein guter Schlittschuhläufer und mutiger Flieger. Er liebte es, viel zu reisen und war, trotz äußerlicher Zag­heit und Schüchternheit, wenn nötig, stets zu ent­schlossenem und raschem Handeln fähig.

In verhältnismäßig jungem Alter heiratete er Lady Maud L y g o n, eine Tochter des sechsten Earl of Beauchamp. Seine politische Laufbahn begann er früh und war bereits mit 25 Jahren Privatsekretär des Ministers für Kolonien und mit 29 Jahren konservativer Parlamentsabgeordneter für den Stadtteil Chelsea. Im Laufe mehrerer Jahre war er auch Mitglied des Londoner Graf­schaftsrates und beschäftigte sich viel mit Erziehungs­fragen, Wohnproblemen und kirchlichen Dingen. Doch eine hervorragende, wenn auch äußerlich we­nig bemerkte Rolle in der britischen Politik begann er erst zu spielen, als er kurz nach Ausbruch des Krieges in besonderer Mission nach Rußland entsandt wurde.

Die Geschichte dieses russischen Abenteuers Sir Samuel Hoares ist für die Beurteilung seines Cha­rakters und seiner politischen Denkungsart sehr aufschlußreich und soll daher etwas eingehender behandelt werden. Bei Ausbruch des Krieges trat Sir Samuel Hoare in das Norfolk Peomanry Regi­ment ein, doch Anfang 1915 erkrankte er ernstlich und wurde für kriegsuntauglich erklärt Die Monate der Rekonvaleszenz verwandte er darauf, sich mit der russischen Sprache vertraut zu machen und erlernte diese auch hierin willensstark und beharrlich, wie in allem nach einigen Mona­ten fast bis zur Vollkommenheit. Hiervon hörte Lord K i t ch e n e r gerade zu einer Zeit, als er einen geeigneten Mann zur Organisierung des britischen militärischen Geheim­dienstes in Rußland brauchte, und beauf­tragte Sir Samuel Hoare mit dieser heiklen und verantwortungsvollen Mission.

In Rußland verweilte Sir Samuel im ganzen fast drei Jahre, er besuchte öfters die Fronten, durchreiste das Land kreuz und quer und lernte es in der Tat ausgezeichnet kennen. Ja, er kannte das damalige Rußland ohne Zweifel besser, als der bri­tische Botschafter, Sir George Buchanan, dessen Bewegungsfreiheit natürlich eine wesentlich begrenz- tere war. Und die an die Londoner Regierung ab­gesandten Situationsberichte des britischen Bot­schafters über die wahre Lage in Rußland während des Krieges gingen fast ausschließlich auf das Jn- formationsmaterral zurück, das ihm Sir Samuel Hoare und dessen zahlreiche Unteragenten lieferten.

Sir Samuel hatte in Rußland, wie das für einen Mann in seiner Position nur natürlich war, ausge- gezeichnete Beziehungen zu allen Kreisen der Be­völkerung. Doch besondere Freundschaft unterhielt er zu denjenigen Kreisen, die in Rasputin und der Hofclique die Wurzel alles Hebels sahen. Als Rasputin ermordet wurde, erfuhr Sir Samuel Hoare, dessen Pflicht es war, über alles in Ruß­land vor sich Gehende auf dem Laufenden zu sein, von diesem wichtigen Ereignis als e r st e r der in

Rußland lebenden Engländer und machte hiervon entsprechenden Gebrauch. Diese Tatsache ließ das Gerücht von seiner angeblichen Beteiligung bei der Beseitigung desheiligen Teufels" aufkommen; und es wurde "so stark, daß der britische Botschafter sich genötigt sah, eigens wegen dieses Gerüchtes beim Zaren vorzusprechen und ihn von der Halt­losigkeit desselben zu überzeugen. Nach Ausbruch der bolschewistischen Revolution kehrte er nach Eng­land zurück und wurde vorübergehend stellvertreten­der Oberkommissar des Völkerbundes für die russi­schen Flüchtlinge. Seit jener Zeit stand und steht er heute noch den russischen Emigrantenkreisen Lon­dons ziemlich nahe.

In der Nachkriegszeit spielte Sir Samuel Hoare beim Sturz des Lloyd Georgeschen Koalitionskabi­netts und beim Hinübergleiten der Macht zuerst zu Bonar Law und dann zu Stanley Baldwin eine Rolle, die von größter Bedeutung war. Im Som­mer 1922 erregten gewisse, bei der am Geburtstag des Königs üblichen Verteilung von Orden und Würden unterlaufene Uebelftänbe das Mißfallen der Oeffentlichkeit und weiter Kreise der Konser­vativen. Sir Samuel machte sich im Parlament zum Wortführer dieser Stimmung, und seine Kri­tik war gerade wegen ihrer Sachlichkeit und Mäßi­gung so vernichtend, daß sie die Position der Koali­tionsregierung erschütterte. Unter der Führung von Sir Samuel Hoare trat die große Mehrzahl der Konservativen zur Regierung in Gegensatz. Einen Tage von dem historischen Carlton-Club-Meeting im Oktober 1922, auf welchem Stanley Baldwin das Ende der Koalitionsregierung herbeiführte, versam­melte Sir Samuel in seinem Hause über hundert konservative Parlamentsabgeordnete und bewog diese zur Unter st ützung Baldwins.

In der hiernach gebildeten rein-konservativen Re­gierung wurde Sir Samuel Hoare M i n i st e r für Lu f t sch i f f a h r t, und es begann ein neuer, an Erfolgen reicher Abschnitt seines Lebens. Bei Uebernahme seines neuen Amtes befand sich das Luftwesen Englands noch ganz in Anfängen. Sir Samuel machte sich ohne Verzug an die Arbeit. Er verstand es, für feine Pläne die Unterstützung des Schätzamtes, des Empire-Verteidigungs-Komi- tees und der City zu gewinnen. England begann unter feiner Aegide mit einem bewußten Ausbau nicht nur des militärischen, sondern auch des zi­vilen Flugwesens. Nach dem kurzen La- bour-Jnterregnum übernahm Sir Samuel Hoare abermals das gleiche Amt. Er widmete sich der ihm übertragenen Aufgabe mit Einsetzen aller sei­

ner Kräfte. Er selbst unternahm mehrere Fern­flüge nach den baltischen Staaten, nach dem Nahen Orient und sogar nach Indien. Und als er bei der zweiten Machtübernahme Labours sein Amt nieder­legen mußte, da wurde auch von den Gegnern an­erkannt, daß Sir Samuel Hoare während der vier Jahre seiner Amtstätigkeit Außerordentliches ge­leistet und die Grundlage zur heute so wichtigen englischen Luftwaffe gelegt hatte.

Seit der im Herbst 1931 erfolgten Bildung der Nationalen Regierung hat Sir Samuel Hoare das Amt des Staatssekretärs für Indien innegehabt. Auch hier bewährte er sich voll und ganz. Bei der Ausarbeitung der neuen Verfas­sung für Indien hat er eine ungeheure, ein Ein­gehen in tausend und aber tausend Einzelheiten er­fordernde Arbeit, eine wahre Herkulesarbeit ge­leistet und, wenn nicht alle Anzeichen trügen, im Verein mit den anderen an der Ausarbeitung des Verfaffungsentwurfes beteiligt gewesenen Staats­männern ein Werk geschaffen, das Indien einer besseren und sickeren Zukunft entgegenführen und ich für England gewiß als von bleibendem ge- chichtlichen Wert erweisen wird. Bei den im Zu» ammenhang mit diesem Werk erforderlich gewese­nen zahlreichen und oft überaus delikaten Verhand­lungen mit Vertretern der verschiedenen Rassen, Religionen und Parteien bezeugte Sir Samuel Takt und außergewöhnliches diplomatisches Geschick. Dieser Umstand spielte bei seiner Ernennung zum Außenminister gewiß eine wichtige Rolle. Nicht minder entscheidend dürfte jedoch auch feine intime, während zahlreicher Reisen gewonnene Kenntnis der europäischen Dinge und seine für einen Engländer ganz seltene Sprach- begabung gewesen fein. Sir Samuel Hoare spricht französisch, deutsch, italienisch und russisch fließend und hat eine gute Kenntnis einer Reihe anderer Sprachen. Nach seiner Rückkehr aus Ruß­land und vor Wiederaufnahme feiner Tätigkeit im House of Commons stand er während des letzten Kriegsjahres auch dem britischen militärischen Geheimdienst in Italien vor und machte sich hier nicht nur mit der italienischen Sprache ver­traut, sondern erwarb sich auch eine unmittelbare und gründliche Kenntnis der heute in der Politik Europas eine so große Rolle spielenden italienischen Grenzprobleme. Im Verfolg feiner Bemühungen um Unterbringung der russischen Flüchtlinge bereifte er fast ganz Europa und lernte vor allem Deutsch­land und Osteuropa gut kennen.

Die Tragödie der k. u. k. Armee

von Wilhelm Heye, Generaloberst und et)em. Chef der Heeresleitung.

Das Landwehrkorps Woyrsch stand an der Nahtstelle der deutschen und der österreichi­schen Front, focht also als erster Verband Schulter an Schulter mit unseren Bundes­genossen. Der Generalstabschef dieses Korps, der damalige Oberstleutnant Heye, später erster Mitarbeiter Ludendorffs in der OHL. und in der Nachkriegszeit Chef der Heeres­leitung, tritt soeben mit dem ersten Band seiner Kriegserinnerungen unter dem Titel Die Geschichte des Landwehrkorps im Welt­krieg 1914/18" (Verlag Will). Gottl. Korn, Breslau. Ganzleinen 6,80 Mark) an die Oeffentlichkeit. Der folgende Auszug offenbart die strategischen Schwierigkeiten im Osten.

Zur Zeit der letzten Jahrhundertwende trug an der preußischen Kriegsakademie in Berlin Professor Schiemann viele Jahre lang Geschichte vor. Viele Hunderte von Offizieren, die später im Welt­kriege in verantwortungsvollen Stellungen tätig waren, haben Schiemann aufmerksam gelauscht und besonders seine fesselnden Darlegungen in sich aus­genommen, sowohl über den in Rußland als

auch über den drohenden Zerfall des öster­reichisch-ungarischen Nationalitäten­staates, sobald der alte Kaiser Franz Joseph die Augen für immer schließen würde. Schiemann sah, wie wir später auch, in einem solchen Schicksal Oesterreich-Ungarns eine unaufhaltsame und natür­liche geschichtliche Entwicklung, der entgegenzuarbei­ten nicht nur völlig zwecklos, sondern auch schädlich war im Interesse des ganzen geschichtlichen Wer­dens lebenskräftiger, raffereiner Neustaaten. Daher war es nicht verwunderlich, daß viele deutsche Offi­ziere, als der Weltkrieg Oesterreich-Ungarn und Deutschland auf derselben Seite sand, mit vorge­faßten Meinungen gegen Oesterreich- Ungarn in den Krieg eintraten und, wenn auch unbewußt, und ungewollt, viel dazu beigetragen haben mögen, nur das Trennende zwischen den sich im Frieden innerlich durchaus fremd gebliebenen Bundesgenossen zu stärken

Als ich 1910 Ches der Abteilung Illb (Nachrichten­abteilung) des Großen Generalstabes wurde, habe ich öfters vor dem österreichisch-ungarischen General­stabschef General Frhr. Conrad v. Hötzen- b o r f in Wien gestanden und ihm vorgetragen;

Gießener Konzertverein.

Liederabend Gustav Bley.

Die Eindrücke, die man von Gustav Bley ge­legentlich der Aufführung von MozartsCosi fan tutte" gewonnen gatte, weckten berechtigte Erwar­tungen für feinen Liederabend. Diese Hoffnungen wurden nicht enttäuscht, sondern bei weitem über­troffen. Denn hier vermochte sich Gustav Vley in der Vielseitigkeit seiner sängerischen Fähigkeiten

zu entfalten.

Eine Umschau unter den Baritonstimmen der Gegenwart läßt, abgesehen von nur wenigen Pro­minenten, unter der großen Zahl doch nur emen kleinen Kreis wirklich geeigneter und befähigter Kräfte erkennen. Entweder fehlt es am Stimmum­fang; bei ergiebiger Höhe versagt die Tiefe oder auch umgekehrt; aber selbst wo die Natur Hohe verliehen hat, gelingt es nicht oft, sie S" erhal­ten und musikalischen Zwecken gefügig nutzbar zu machen. Was beispielsweise für den Tenor eme Ueberganqslage zur Hohe darstellt, soll für ben Bariton eine' Domäne gesanglicher Ausbruckskrast und stimmliche Höhepunkte sein.

Wenn man dann Stimmen begegnet wie der von Gustav Bley, so hat man seine Freude an dem gesunden baritonalen Klang. Hier ist keme Derfal schung und Einengung der Naturwerte festzustellen Eine günstige Resonanzveranlagung laßt den gesät tigten^Grundton mit leuchtendem Glanz der Ober- töne umstrahlen. Und so hort man bei ihm die echt baritonale Mischung des Hell-Dunkels. Der für emen Bariton sehr beträchtliche Stimmumfang spricht ver­hältnismäßig leicht an (L o e w e : Nöck). Unb so er­scheinen die einzelnen Lagen seines Organes im klanglichen Ausgleich. Dieser versetzt ihn nun wie­derum in die Lage, schwierige Koloraturan orberun- qen wie etwa in CarissimisVittor,a voll zu erfüllen und den weiten melodischen Bogen zu span­nen, wie imNock" und in S ch u b e r t sGany­med". Hier gibt ihm eine bewußte und sorgfältig ge­pflegte Oekonomie des Atems die beste Hilfe.

Die Behandlung der dynamischen Verhältnisse ist überaus durchentwickelt. Wie er ben Ton auszu- fninnen vermag, bas lehrte ber Eingang ber Vor- !?nn«fnlne H äN b e 1 sGare selve. Ebenso aber

ber Behandlung des Textes erreichte er die SSL L.L"»

Text. Stets finb Sprache unb musikalische Einklei- bung in hohem Grade miteinander verschmolzen.

Diesen günstigen stimmlichen Qualitäten vereint sich eine besondere musikalische Begabung. Und erst dadurch wird bei Gustav B l e y das stimmliche Kön­nen zu wertvoller Münze geschmiedet. Niemals hat man bei ihm das Gefühl, als stelle sich ber Sänger einseitig in ben Vordergrund; stets wird man bei ihm die Einheitlichkeit feststellen können; nie arbeitet Gustav Bley mit billigen Effekten ober mit reiße­rischen ©ebärben, wie man sie oft bemerken kann, wenn Bühnensänger auf das Konzertpodium steigen. Bei jeder Gabe erscheint er von einer in sich ge­schlossenen Stimmung durchdrungen unb von hier aus läßt er nun jene gestaltenden Kräfte wirksam werden, die ihm von ber Bühne her äußerst nahe­liegen, bie er aber niemals im Liebe äußerlich zur Schau trägt.

Ein Blick auf bas Programm erweist ben hohen innerlichen Ernst unb bas starke Verantwortungs­bewußtsein, mit bem Gustav Bley an seine Auf­gabe herantritt. Nicht eine von ben Arien, bie ihm von Bühnenerfolgen her naheliegen könnten, findet hier Platz, ja, nicht einmal die ständig auf den Vortragsfolgen sich wiederholenden sogenannten er­folgreichen Nummern kehren hier wieder, sondern Gustav Bley geht seine eigenen Wege unb holt hervor, was ein geschäftstüchtiger Konzertbetrieb beiseite liegen ließ. Wenn er sich beispielsweise Beethovens LieberzyklusAn bie ferne Ge­liebte" zur Aufgabe stellte, so legte er in ber Ent­wicklung seiner geftaltenben Kräfte bie Bestätigung für feine Fähigkeiten ab. Wie er bie Vielfältigkeiten ber Stimmungen in ber Folge bes Textes nach- empfanb und jeder Regung das ihr Zukommende gab wie er ebenso dem Leichten, Bewegten folgte, wie er den Steigerungen hohes Ausmaß verlieh und den Schluß in höchstem Affekt gipfeln ließ, das spricht für ihn als Konzertfänger. Weiche, tiefe Stimmungsgebundenheit erschloß er in Schu­bertsNachtstück"; befreiend war der Ausklang von SchubertsGanymed". .. all-liebender Va­ter " Von starkem dramatischen Erleben zeugten derPrometheus" undDer Sänger" von Hugo ^Diese Geschlossenheit der Gesamtleistung läßt den­noch einige Wünsche im Interesse des Sängers wach werden. Wenn sich auch die Behandlung der Stimmhöhe als durchaus beherrscht und burchge- bilbet gab, so war sie doch nicht immer gleichmäßig. Zeitweilig neigt Gustav Bley dazu, in der Höhe bie Vokale übermäßig abzubunkeln unb beeinträch­tigt bamit bas Klangliche. Daß es sich nur um Ein- -elfälle hanbelt, wie imPrometheus" ober am Schluß bes Beethoven-Zyklus, bas lehrten bte Höhenlagen ber Arien, ber Schluß imGanymeb" unb ganz befonbers die Hohenakzente tmSänger"

von Hugo Wolf, die bewundernd aufhorchen lie­ßen. Ebenso dürste er der Kultur des Piano in bezug auf feine Tragfähigkeit noch besondere Auf­merksamkeit zuwenden.

Professor Dr. Temesvary war dem Konzert­geber helfender Gefährte am Erfolg. Die Ueber- gänge im Beethoven-Zyklus durchdrang er mit feinstem Ausdrucksempfinden, und besonder in den Balladen untermalte er mit eindringender Musikali­tät unb Feinsinn.

Die Konzertbesucher zollten dem Gebotenen vollste Anerkennung. Anhaltender Beifall nötigte dem Konzertgeber SchubertsMufenfohn" ab.

Zufriedene und Unzufriedene.

Das letzte Haus ber freundlichen Stadtrand­siedlung einer märkischen Stadt bewohnen zwei Familien. Schillers unb Knobels. Beiber Wohnun­gen finb gleich groß. Unten liegen Wohnstube, Küche unb Waschküche, oben zwei geräumige, helle Zimmer unb barüber ein kleiner Baben. Zu je­her Wohnung gehört ein Stück Garten.

Schillers unb Knobels finb gute Nachbarn, aber sehr verschiedenartige Menfchen. Schillers, bie kinber- reichste Familie ber Stadt, haben sieben Jungen unb ein Möbel. Max verläßt Ostern als erster seiner Geschwister die Schule. Im Sommer ver­diente ber Vater bei freier Arbeit wöchentlich 25 Mark. Jetzt hat er als Notstanbsarbeiter 18 Mark Verbienst in ber Woche.Natürlich muß bie Frau beinahe eine Rechenkünstlerin sein", meint Mut­ter Schiller, als wir sie fragen, wie sie auskommt. Die Männer wiirbigen bas manchmal gar nicht ge­nug. Jetzt hilft uns ja aber auch bas WHW. Zu Weihnachten haben wir u. a. eine Gans bekom­men, eine elfpfünbige. Wie haben wir uns gefreut! Aber glücklich sind wir auf jeden Fall, selbst wenn wir mal nicht so viel bekommen. Unsere Kinder sind brav unb eines immer hübscher als bas andere."

So ist Frau Schiller. Sie ist dankbar für alles. Für alles, was ibr der liebe Gott gegeben hat und alles, was bas WHW. ihr geben kann. Sie benkt nicht baran, etwas zu forbern. Die Amtswalter werben sie schon nicht vergessen!

Familie Knobel zählt sechs Köpfe. Seit 1933 hat Vater Knobel ununterbrochen Arbeit, zur Zeit wie Nachbar Schiller als Notstanbsarbeiter. Auch Knobels werben vom WHW. bebacht. Aber Fa­milie Knobel ist niemals zufrieben. Sie erhält immer unb von allem zu wenig. Die Lebensrnittel finb nicht gut, bie Kohlen nicht reichlich, bie Klei­dung nicht schön genug. Statt zu danken, nörgelt sie. Es ist schon so, daß nicht die Gabe allein, son­

dern ber Empfänger erst bem Geschenk ben rich­tigen Wert gibt...

(Aus der Broschüre:kleine Begebenheiten einer großen Sache".)

Der Hexerischwanz.

Im Königlichen Schauspielhaus in Dresden gab es einmal denFaust" als Festvorstellung, in der zum erstenmal die Walpurgisnacht ungestrichen ge­geben wurde. Der Charakterspieler Alfred W i e n e spielte den Mephisto. Die Ausstattung war überaus prächtig, das gesamte Ballett war für die ver­schiedenen Geister aufgeboten worden, und eine raffinierte Maschinerie sorgte dafür, daß der ganze Spuk schnell genug verschwinden konnte. Nach der eigentlichen Walpurgisnacht sollte Wiene als Mephisto auf einem Knochenthron allein auf der Szene sitzen. Alles ging glatt. Das Licht erlosch rechtzeitig, die Ballethexen huschten von der Bühne, Versatzstücke verschwanden in der Versenkung, der Knochenthron kam heraus, und Alfied Wiene setzte sich in Positur.

Jeden Augenblick konnte bas Licht roieber an­gehen, ba sah Wiene plötzlich neben sich eine junge Hexe, bie verzweifelt ihre Ballettbewegungen fort­setzte, statt abzugehen. Wütenb stieß er zwischen ben Zähnen hervor:

Abgehen, schnell!"

Ich kann nicht", kam es kläglich zurück.

Warum nicht?"

M einSchwanzist in berVersenkung f e ft g e f l e m m t."

Reiß ihn ab, feste, los!"

Das arme Mädchen machte verzweifelte Anstren­gungen, aber ber Schwanz beftanb aus einer bitten topiralfeber, bie nicht kaputtging, unb war so gut angenäht, baß einfach nichts zu machen war.

Wiene zittert vor Aufregung. Wenn jetzt bas Licht angeht ... nicht auszubenken ... Da hort er ein Reißen hinter sich, unb im nächsten Augenblick Der» fchwinbet ein Schleier in ber Kulisse. Erleichtert atmet ber Mime auf, unb ba geht auch schon bas Licht an. Aber über bie ersten Worte kommt er nicht hinaus.

Zuerst horte er ein leises Kichern aus bem Zu­schauerraum, bas rasch zu einem unterbrückten Lachen anwuchs Aengstlich schielte Mephisto zur Seite, ob sich noch eine Hexe verfangen hätte. Aber es war viel schlimmer. Aus ber Versenkung ragte ein meterlanger Schwanz senkrecht in bie Hohe, unb an seinem Enbe wehte ein Stück Schleier wie eine Fahne langsam hin unb her. Der Zweck ber Spi­ralseber war erreicht. Wiene aber verzichtete auf seine schönen Sätze, benn bie Zuschauer waren nicht mehr zu halten, selbst als ber Vorhang bie peinliche Szene mltleibig zubsckte. F. Ae.