Ausgabe 
18.9.1935
 
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Ur. 218 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch. |8. September 1935

Aus der Provinzialhauptstadt.

Fischweid.

Schrill unterbricht der Wecker die Stille der Nacht. Es ist 2.30 Uhr morgens. Müde und schlaf­trunken fährt man hoch, aber die Gewißheit:Heute geht es zur Fischweid?" läßt alle Müdigkeit ver­gessen und die verlockende Regung,nur noch fünf Minuten!" im Keime ersticken. Schnell ist man marschfähig, denn in kluger Voraussicht etwa ein« tretender Schwierigkeiten, die ein Aufstehen zu so ungewöhnlich früher Stunde mit sich bringen könnte, wurde der Rucksack vorsorglich bereits am Abend vorher gepackt. Ein kleiner Imbiß, dann mit kühnen Schwung aufs Rad und in die kalte Morgenluft hinaus. Angenehm und erfrischend wirkt die Kühle der Nacht und läßt bald auch die verstecktesten Reste von Müdigkeit verschwinden. Mit wachen Sinnen geht es durch den jungen Morgen und in raschem Tempo gleitet das Rad die Landstraße entlang. Ka­leidoskopartig, in abwechslungsreichen Bildern bietet ich die Landschaft dem Auge dar. lieber den tau­rischen Wiesen lagert ein feiner Dunst, leise wiegen ich die fruchtschweren Halme der Kornfelder im Morgenwind, so daß es wie ein weites, wogendes Meer erscheint. Feuchter Erdgeruch entströmt dem schweren Mutterboden und mischt sich mit dem Harz und Tannenduft, den der Morgenwind vom nahen Wald herüberträgt. Matt blinken noch einige Sterne am Himmel, fahlgelb beginnt es bereits im Osten zu dämmern und vertraut führt eine Ricke ihre bei­den Kitzen zum nächsten Haferschlag, lieber weiße Kiesel murmelt im Wiesengrund ein Bach. Müm­melmann, der alte Hase, der die Menschen kennt, macht erschreckt einen Kegel, da er den Radfahrer erblickt, und hoppelt eilig seiner Sasse zu.

Inzwischen ist man an Ort und Stelle angelangt. Langsam, in rosige Dunstschleier gehüllt, entsteigt den Kämmen der Berge der glühende Sonnenball. Schnell wird das Angelgerät fertig gemacht, gefähr­lich blinkt der Dreischlag an dem Borfach, dann noch ein Köderfisch daran und rasch in gleitenden Win­dungen durcheilt der Fisch mit den gefährlichen Spitzen die Flut. Schmerzlich drückt der starke Haken unter der Rückenflosse, darum geht des Fi­sches ganzes Trachten dabin, nach dem Binsen­dickicht, dem Gewirre der Blattpflanzen zu entkom­men, denn hier glaubt er dem brennenden Schmerz entrinnen zu können. Aber unbarmherzig dirigiert ihn die führende Schnur dahin, wo der alte Hecht im tiefen alten Gumpen steht.

Schlau und gerissen ist der Bursche, er kennt die Tücke der Menschen, und viele Jahre ist es ihm ge­lungen, ihren Listen zu entgehen. Aber heute ist er seinen Vorsätzen untreu geworden, gar zu verlockend ist die dicke halbpfündige Mähne, die schlängelnd gerade auf ihn zusteuert. Zu spät hat sie den un­erbittlichen Feind erkannt, eilends versucht sie zu fliehen, aber schneller ist der graue Tod. Gierig fassen die spitzen Zähne zu und im unersättlichen Rachen verschwindet der Fisch Doch halt, was ist das, etwas Spitzes bohrt sich in seinen Schlund und dann ein Ruck, fest sitzt der Haken.

Da weiß er, daß er gefangen ist. Wütend peitscht die Schwanzflosse des alten Kämpen die aufgewühlte Flut. Sekundenlang wird der mächtige, weiße Leib sichtbar. Zitternd vor Aufregung verfolgt der Mann mit der Angelrute am Ufer jede Bewegung des Fisches. Schnell gibt er Schnur, denn mächtig zieht der Hecht davon. Dann holt er ihn wieder heran. Widerwillig folgt der Fisch dem Zuge, denn schmer­zend sitzt der Haken, aber sobald er in die Nähe des

Der Lustschuh-Hauswart.

Der Reichsluftschutzbund, Landesgruppe Hessen« Rheinland-Süd, teilt mit:

Es wird nicht lange dauern, und er ist uns allen ebenso vertraut, wie der Briefträger und die Zeitungsfrau.

Jeder wird begreifen lernen, daß es in An­kunft ohne den Luftschuhhauswart nicht geht, und alle werden vertrauensvoll zu ihm auf- blicken, weil er auf Grund seiner beim Reichs­luftschuhbund erhaltenen Ausbildung der an­erkannte Führer einer kleineren oder größeren Gemeinschaft von Hausbewohnern ist.

Viele Volksgenossen wissen längst, wie notwendig und verantwortungsvoll sein Amt ist, aber es gibt immer noch viele, die sich keinen rechten Begriff machen können, weil sie bisher abseits standen.

Nicht jeder kann Luftschutzhauswart werden. Schwache, energielose Menschen passen für dieses Amt nicht. Aber tatkräftige, entschlossene Männer oder Frauen, die Freundlichkeit mit Festigkeit zu verbinden wissen, die Achtung und Ansehen ge­nießen, sind die richtigen Amtsträger des RLB. Sie allein bieten die Gewähr, daß die für die Sicherung eines Hauses gegen Angriffe aus der Luft notwendigen Vorbereitungen sachgemäß und gründlich getroffen und die Widerstände, die sich gegen alles Neue und deshalb zunächst Ungewohnte erheben, rasch hinweggeräumt werden.

Der Luftschuhhauswart muß alle im Hause wohnenden Volksgenossen kennen. Aus ihnen muß er sich geeignete Helfer suchen, er muh

wissen, wer im Ernstfall besonderer pflege und Aufmerksamkeit bedarf, kurz er muh wie ein üompanieführer über alle seine Leute und ihre Verhältnisse Bescheid wissen. Er ist ver- pflichtet, eine Wohnungsbesichligung vorzuneh­men und überall seine wünsche zur Geltung zu bringen. Er ist in gutem Sinne der Haus­vater. Lr muh der Hausfrau sagen können, wie eine Wohnung verdunkelt, die Fenster gegen Spengwirkung, die Lebensmittel gegen Gift­kampfstoffe gesichert werden. Er muh ihr die Notwendigkeit der Dachboden - Entrümpelung vor Augen führen und immer wieder die Er­richtung des Schuhraumes zur Pflicht machen. Er darf nicht ruhen und rasten, bis er alle Hausbewohner von dem Zwang zur Selbst­hilfe überzeugt hat. Er wird stets von neuem für seine Ueberzeugung eintreten und kämpfen müssen, weil die ihm anvertrauten Volks­genossen einer ständig wirkenden Führung be­dürfen.

Durch die Kraft seiner Persönlichkeit muß der Luftschutzhauswart die Hausbewohner im national­sozialistischen Geist zu einer abwehrbereiten Ge- meinschaft zusammenfassen, ihnen den Willen zu gemeinsamer vorbereitender Arbeit einimpfen und ihnen die Gewißheit vermitteln, daß jeder einzelne in Abwandlung eines alten Sprichwortes seiner Sicherheit Schmied ist.

Menschen kommt, geht er erneut mit ungebrochener Kraft stromabwärts 30 Meter, 40 Meter, sausend läuft die Rolle ab, dann steht sie wieder still. Vor­sichtig versucht der Mann mit der Angelrute den Fisch aus dem Bereich der Schlingpflanzen zu bringen. Er weiß, gerät er da hinein, ist er für ihn verloren. Wieder und immer wieder drillt er den Fisch gegen den Strom, aber zu groß ist die Lebens­kraft des Recken. Näher und näher kommt er dem rettenden Pflanzengewirre und jetzt fitzt er fest. Wü­tend wischt sich der Mann den Schweiß von der Stirne, aber noch gibt er den Kamps nicht auf. Fester zieht er an der Schnur, bedenklich biegt sich die Spitze der Rute, aber der Hecht rührt sich nicht Doch listenreich wie Odysseus ist der Mann. Wäh­rend er den Fisch im Auge behält, steigt ein Anderer ins Boot. Im großen Bogen umfährt er den Ort, an dem der Fisch vermutlich steht, von hinten rudert er in das Blattgewirre und richtig, tobend fährt der Hecht hinaus ins freie Wasser. Jetzt ist gewonnenes Spiel.

Noch eine halbe Stunde dauert der Kampf, dann ist das Schicksal des Fisches besiegelt. Müde und kraftlos werden seine Bewegungen, immer matter läuft die Schnur ab, um gleich darauf wieder um so fester angezogen zu werden und endlich taucht aus dem Wasser das riesenhafte Maul des Fisches auf. Blitzschnell greift der Landungshaken unter die Kie­men und mit mächtigem Schwünge fliegt der Fisch auf bas Land. Das Leben eines Raubritters der Tiefe ist zu Ende. Friedlich liegt der Gumben wie­der da, nichts verrät das Drama, das sich eben hier abgespielt hat.

Der Fischer geht noch nicht nach Hause. Er greift

zur dünnen Angelrute mit dem kleinen Haken. Weißfische will er fangen. Ein bis zwei Körner weichen, gequollenen Weizens werden als Köder an dem Haken befestigt, wie Wassertropfen prasselt eine Handvoll Körner auf den Wasserspiegel, wäh­rend in sausendem Schwünge die Angelschnur mit dem spitzen Häkchen in der Strömung niederfällt. Gierig schießt bas bicke Rotauge barauf zu, um gleich mit kurzem Anhieb in hohem Bogen auf bas feste Lanb zu fliegen Rasch mehrt sich bie Beute.

Langsam sinkt ber Abenb nieber, kühler weht der Wind über das Wasser, und wie Kulissen Gottes heben sich düster die Wälder vom Horizonte ab. In der freundlichen Stube des Gasthauses am Wasser sitzen noch lange die Fischer und spinnen ein Garn, bis die sinkende Nacht sie zur Heimfahrt mahnt.

Ortsgruppe (Hießeu-Aord.

Abt. hilfskasse.

Bezahlung ber hilfskassenbeiträge für bas letzte Vierteljahr 1935.

Am Donnerstag, 19. September, und Freitag, 20. September, in der Zeit von 20 bis 22.30 Uhr zahlen alle SA.-, RSA.-, NSKK.-, Reiter- und Marine-SA.- usw. Angehörige, die nicht Partei­genossen sind, den Hilfskassenbeitrag für das 4. Vier­teljahr 1935 im Cafä Leib, Walltorstraße.

Wer an diesen beiden Abenden nicht bezahlt, wirb in München bei ber Hilfskasse abgemelbet. Auch wer­den die Hilfskassenbeiträge vorher nicht ange­nommen.

Rückkehr des Feldzeichens der Standarte 116.

Am gestrigen Dienstag traf mit dem Abend­schnellzug von Frankfurt her, aus Nürnberg kom­mend, das Feldzeichen der SA.-Stan­darte 116 in Gießen ein. Zum Empfang war ein Ehrensturm mit dem Musikzug und dem Spiel­mannszug unserer Gießener SA. am Bahnhof auf­marschiert. Das Feldzeichen der Standarte wurde beim Herausbringen aus dem Bahnhofsgebäude von der Musik mit den Klängen des Präsentier­marsches, von dem Ehrensturm in strammer mili­tärischer Haltung und von der Bevölkerung mit dem deutschen Gruß begrüßt. Hierauf wurde die Stan­darte von dem Ehrensturm unter Vorantritt der Musik duch die Bahnhofstraße, Liebigstraße, Frank­furter Straße, Seltersweg, Sonnenstraße und Brandplatz zum Standartengebäude gebracht, wo­bei dem Feldzeichen unterwegs der ehrerbietige Gruß der Bevölkerung dargebracht wurde. Nach dem Ausmasch des Sturmes vor dem Standarten­gebäude wurde das Feldzeichen unter den Klängen des Präsentiermarsches zum Fahnensaal getragen.

Winierhilfswerk 1935/36.

Ortsgruppe Gietzen-Mitte.

Unter stützungsanträge für das WHW. 1935/36 der Volksgenossen aus den Straßen:

1. Neuenweg, Weidengasse, Kaplansgasse, Mai­gasse, Ludwigstraße können nur am 17.9., von 15 bis 18 und von 20 bis 22 Uhr auf der Ge­schäftsstelle, Kaplansgasse 18, bestellt werden.

2. Erlengasse, Kreuzplatz, Katharinengasse, Wolken- ?lasse, Löwengasse, Teufelslustgärtchen, Bleich-

trahe am 18.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.

3. Seltersweg, Plockstraße, Hindenburgwall, Bahn­hofstraße, Grabenstraße, Hinter der Westanlage, Löberstraße am 19.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.

4. Neustadt, Horst-Wessel-Wall, Mühlstraße, Bruch- straße, Goethestraße am 20.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.

5. Schanzenstraße, Tiefenweg, Sandgafse, Ritter­gasse, In Löbers Hof, Marktstraße, Mäusburg, Wagengasse, Marktplatz, Alicenstraße, Bismarck- straße am 21.9., von 15 bis 18 Uhr und von 20 bis 22 Uhr.

Mietbücher, Quittungskarten und alle sonstigen Unterlagen über die Einkommensverhältnisse sind vorzulegen.

Der Ortsgruppenamtsleiter.

Deutsche Arbeitsfront.

Orts- und Vetriebswanderwarte von Gießen, Lollar und Heuchelheim.

Am Sonntag, 22. September, findet eine Wande­rung nach dem Dünsberg statt. Treffpunkt ist in Bieber am Bahnhof. Abfahrt mit der Biebertalbahn in Gießen ab 8.20 Uhr (Sonntagskarte 0,80 RM.)

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5o

NIVEA

mild, leicht schäumend.

ganz wundervoll im Geschmack

Nachdruck verboten!

23 Fortsetzung

Zu jedem komm! einmal das Gliilk ZRoman von Ellen Kulm

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)

Meinen Sie denn, daß Sie sich dazu eignen würde?"

Ach, ich glaube bestimmt. Was die Frau Müller ist, die ist des Lobes voll. Sie ist so tüchtig und so häuslich. Die Dame muß schon entschuldigen: wie ich die Dame zuerst sah, weil Sie halt so ele­gant sind, dachte ich, Sie wären wohl vom Theater, und Sie wollten das Fräulein von Tanner für das Theater. Aber sie wird froh fein, wenn sie was Reelles bekommt. Sie taugt halt gar nicht für diese Singerei, und die Müller sagt, das arme Fräu­lein macht es nur, weil sie nichts anderes bekommt."

Shirley brannte vor Erregung.

So! Ja, das kann ich mir denken! Aber wo ist sie denn eigentlich jetzt?"

Die Frau überlegte einen Augenblick.

Na, ich weiß es selbst nicht. Die Müller hat es mir nie gesagt, obwohl sie sie dort schon mal gehört hat. Aber sie sagt, es ist nicht viel daran. Na, halt in irgendeinem von den vielen Kabaretts in Mün­chen drin Und da singt sie jeden Abend ein paar Lieder."

Und Sie wissen nicht, wo es ist?"

Leider nein! Damit kann ich nicht dienen!"

Aber Sie könnten doch mal die Frau Müller fragen?! Sie dürfen nur nicht verraten, für wen Sie es wissen wollen. Ich komme, mir die Antwort holen. Ich möchte doch erst einmal das Fräulein hören, was sie für Lieder vorträgt, bevor ich sie in mein Haus aufnehme. Also kann ich mich auf Sie ver­lassen?"

Dabei ließ sie ein Geldstück in die Hand der Frau gleiten.

Dem konnte die biedere Hausbesorgerin nicht widerstehen.

Wenn ich es herausbekomme, sollen Sie es be­stimmt erfahren. Ist ja nichts Schlechtes. Don irgend etwas müssen wir doch alle leben."

Shirley verabschiedete sich. Die bedrückend heiße Luft benahm ihr nach allen Aufregungen dieses Tages den Atem. Aber nun wußte sie roengftens etwas, und bald würde sie mehr wissen. Sie trium­phierte schon jetzt, wenn sie an Gerling dachte.

Als sie ins Hotel zurückkehrte, begegnete sie ihm in der Halle. Sie wollte mit einem Lächeln, als wäre nichts vorgefallen, auf ihn zugehen, doch er machte eine knappe Verbeugung und wollte sie oorbeilaffen. Das war zu viel für Shirley.

Sie trat hastig dicht an ihn heran und sagte:

Sie sollen sehen, wie ich an Ihrem Schicksal Anteil nehme, Herr von Gerling! Ich kann Ihnen bereits jetzt mitteilen, warum Fräulein von Tan­ner des Abends immer solche Eile hat. Sie tritt täglich in einem kleinen zweitklassigen Kabarett auf.

Gerling erblaßte.

Wie können Sie so etwas behaupten? Können Sie den Namen dieses dieses Unternehmens nennen?"

Leider nein!"

Nun, dann ..." Achselzuckend wollte er weiter­gehen. Doch sie ließ ihn nicht fort.

Ich werde Ihnen sehr bald den Namen dieses Lokals nennen, lieber Herr von Gerling? Nur Ge- duld! Vielleicht schon morgen. Inzwischen würde ich Ihnen aber einmal empfehlen, Fräulein von Tanner aufzufordern, einen Abend mit Ihnen zu

Rechts war die Tür des Hausmeisters. Sie klopfte an. Eine verdrießliche Frau öffnete und fragte kurz nach ihren Wünschen.

Shirley zog etwas Geld aus der Tasche und reichte es der Frau.

Wohnt hier ein Fräulein Tanner?"

Sie meinen wohl Frau von Tanner mit ihrer Tochter. Ist hier. Im dritten Stock bei Frau Müller."

Die erste Enttäuschung. Evi von Tanner wohnte also mit ihrer Mutter zusammen.

Die Frau stand in der Tür und sah Shirley nicht gerade freundlich an. Sie schien zu erwar­ten, daß sie nach Erhalt der Auskunft sie nun nicht länger stören werde.

Aber Shirley gab so schnell nicht auf. Sie zog hastig ein Markstück aus der Tasche und spielte damit, um der Frau anzudeuten, daß sie sie an« ständig entlohnen wolle.

Lassen Sie mich einen Augenblick eintreten, liebe Frau..." .

Dabei verzog sich Shirleys empfindliches Nas­chen, als sie das Zimmer betrat, das von Seifen« geruch und vom Geruch nasser Wäsche ganz erfüllt war. Hastig zog sie ihr Taschentuch, das stets mit Kölnisch Wasser getränkt war, und preßte es an die Stirn.

,^Jch fühle mich heute nicht ganz wohl", sagte sie dabei,und Sie müssen mir erlauben, mich einen Augenblick zu setzen. So, jetzt ist es schon besser. Können Sie mir eigentlich etwas über die Tanners sagen?"

Was meint die Dame denn?" Fast feindselig sah die Frau sie an.

Ach Gott, so allerhand wie lange sie hier sind, mit wem sie verkehren..."

Da kann ich Ihnen nicht viel sagen. Sind erst zwei Monate hier. Recht brave Leute. Frau Müller läßt nichts auf sie kommen. Stille Leute, die pünktlich ihre Miete bezahlen. Und ob sie Be­kannte haben, weiß ich nun auch nicht. Es kommt nie jemand nach ihnen fragen. Sie sind die erste. Interessieren Sie sich vielleicht für das Fräulein? Wollen Sie sie vielleicht engagieren?"

Shirley horchte gespannt auf.

Ja, das war eigentlich meine Absicht, und des­wegen wollte ich erst mal im Hause etwas über sie hören. So eine Hausmeisterin kennt doch ihre Mieter. Die hat doch einen Blick dafür."

Die Frau rieb die Hände in ihrer Schürze und lächelte. Auch sie war Schmeicheleien nicht unzu- gänglich, besonders wenn auch noch klingende Münze hinterher winkte.

Und wenn ich fragen darf: Wofür wollen Sie benrt das Fräulein? Vielleicht als Gesellschafterin?"

verbringen. Es kommt darauf an, ob es möglich fein wird."

Sie lachte kurz und höhnisch auf, denn sie sah, daß sie gut gezielt hatte. Was sie jetzt gesagt hatte, würde seine Wirkung haben, das wußte sie.

Und tatsächlich Gerling konnte den Gedanken an Shirleys Mitteilung nicht von sich abschütteln. Es war ohne Zweifel merkwürdig, daß Evi jeden Abend solche Eile hatte, pünktlich nach Hause zu kommen. Sie sagte zwar, sie müßte zu ihrem Mütterchen. Aber würde die ihr wirklich nicht ver­zeihen, wenn sie sich einmal ein wenig verspätete? Und dann sie war allem Anschein nach ein voll­kommen vermögensloses Mädchen, aber sie schien doch keinen Beruf zu haben, der sie am Tage in Anspruch nahm...

Gerling war in den alten, strengen Ansichten er­zogen und war jahrelang fortgewesen. Er konnte sich gar nicht leicht an den Gedanken gewöhnen, daß ein Mädchen aus gutem Hause, von feiner Wesensart in einem Kabarett auftreten sollte.

Und dann das Schlimmste war doch, daß Evi von Tanner roenns Wahrheit war, was Frau Preston sagte gar so ein Geheimnis daraus machte. Warum tat sie das? Es hätte ihn sehr betrübt, zu wissen, datz sie in einem Nachtlokal auf­trat, aber noch schlimmer war es, daß sie es so ängstlich hütete. Wer konnte wissen, was sie dort tat? Ob sie tanzte ober vielleicht gar anstößige Lie­der oortrug?

Gerling schüttelte sich bei dem Gedanken. Dieses feine, unschuldige Mädchen, vor dem er nicht ge­wagt hätte, das leiseste, zweideutige Wort auszu­sprechen?

Nein, er mußte Gewißheit haben. Hätte ihm Shirley das Kabarett genannt, er wäre sofort hin- gestürzt. So aber blieb ihm nichts übrig, als bis spät in die Nacht in seinem Zimmer zu grübeln.

Zuletzt ertrug er es nicht mehr. Er hatte sich vorgenommen, sich mit Eva von Tanner auszu­sprechen. Ihr offen zu erzählen, welch heiliger Schwur ihn an Monika von Jnnemann band! Sollten sich dann ihre Wege trennen müssen, so würde sie doch wissen, daß er niemals leichtfertig mit ihr gespielt hatte?

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und griff nach einem Blatt Papier.

Mein hochverehrtes gnädiges Fräulein?

Ich bin genötigt, Ihnen zu schreiben, da ich heute leider gar keine Gelegenheit hatte, mit Ihnen zu sprechen, und ich es nicht wage. Sie in der Wohnung Ihrer Frau Mutter aufzusuchen, um Ihren Ruf zu wahren.

Ich bitte Sie, mir die Möglichkeit zu geben, mit Ihnen allein zu sprechen. Ich muß Sie sprechen, Evi von Tanner, ich muß Sie in Ruhe sprechen und Ihnen offen und ehrlich die Wahr- heit bekennen! Und dazu bedarf es feines Zeu­gen! Sie dürfen mir vertrauen, Evi von Tanner! Wenn ich Sie um den morgigen Abend bitte, so dürfen Sie keine leichtfertigen Wünsche ver- muten. Es wird Ihnen sicher gelingen, von Ihrer Frau Mutter Urlaub für wenige Stunden zu erhalten. Tun Sie es für mich. Nur dies eine Mal! Ich habe Ihnen so viel zu sagen. Ach, dürfte ich Ihnen doch das eine sagen, daß ich Tag

und Nacht an Sie denke, daß ich Sie liebe, Evi, teure, heißgeliebte Evi...

Gerling warf die Feder fort und zerriß das Blatt. So durfte er nicht schreiben, er, den ein Schwur an eine andere band.

Er nahm ein neues Blatt.

Hochverehrtes gnädiges Fräulein!

Ich bin genötigt, Ihnen zu schreiben, da ich Sie heute nicht allein sprechen konnte, und es nicht wage, die Wohnung Ihrer Frau Mutter zu betreten, um Ihren Ruf nicht zu schädigen.

Doch ich muß Sie sprechen. Vieles muß zwi­schen uns geklärt werden; ich muß Ihnen man­ches sagen, ohne Zögern... Ich hoffe. Sie ver­trauen mir. Ich muß den Abend wählen, da ich am Tage dringende Besprechungen habe be­treffs meiner zukünftigen Arbeit.

Ich werde Sie am Abend um sieben Uhr an der Ecke der ... straße mit meinem Wagen er­warten und werde Sie um zehn Uhr wieder nach Hause bringen.

Ich bitte Sie, es zu ermöglichen; wenn es nicht anders geht, gebrauchen Sie doch für dieses eine Mal eine Notlüge Ihrer Frau Mutter gegen­über. Sie tun ein gutes Werk an einem Men­schen, der diese Aussprache braucht, um durch ein offenes Bekenntnis feine seelische Ruhe wie­derzufinden. Ich bitte um keine Antwort. Ich erwarte Sie!

Ihr zu tiefst ergebener

Friedrich Freiherr von Gerling.

Er siegelte den Bries und warf sich auf fein Lager, doch ohne Schlaf zu finden. Am Morgen übergab er einem Laufjungen des Hotels den Brief und schärfte ihm ein, nicht auf Antwort zu warten. Er sollte ihn nur abgeben und sofort gehen. So geschah es auch. Frau Müller selbst übernahm den Brief und trug ihn nicht ohne große Neugierde in das Zimmer ihrer Mieterinnen.

Evi von Tanner erblaßte, als sie den Brief er­hielt. Sie kannte Gerlings Schrift nicht, und doch wußte sie, fühlte sie es konnte nur von ihm sein.

Sie preßte den Brief an sich. Dabei fühlte sie die neugierigen Augen Frau Müllers, die forschen­den der Mutter auf sich gerichtet. Nein, hier konnte sie den Brief nicht öffnen. Sie steckte ihn hastig in die Tasche.

Er ist, glaube ich, von einem Kollegen, der mich an eine Probe mahnen will, die für heute vormittag angesetzt ist. Aber ich hätte auch so nicht vergessen. Und nun muß ich sehr eilen, um fort zu kommen."

Hastig strich sie sich das Haar unter die Mütze und eilte davon.

Kopfschüttelnd sah ihr die Mutter nach.

Ich weiß nicht, was mit meinem kleinen Mäd­chen los ist?"

Frau Müller lächelte.

Na, vieleicht ist sie verliebt, das Fräulein Evchen. Ich war genau so in ihrem Alter, damals hab' ich immer meinen seligen Müller heimlich getrof­fen. Jefsas, wenn das mein Vater gewußt hätte, wo der Müller doch noch gar nichts war, damals ... Aber ganz genau, wie die Evchen war ich. Immer ... Jetzt muß ich mich aber eilen." Und schon war sie draußen (Forts, folgt.)