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men Heren, daß der Kabinettsrat sich auf die Abwertung des Franken geeinigt habe. Der Finanz- Minister hat feststellen können, daß umfang- reiche Börsenmanöver eingeleitet worden seien, bereits bei der Eröffnung der Börse hätten ausgedehnte Verkaufsaufträge für französische Staatsrenten Vorgelegen.

Wechsel in der Führung des SG.- Hauptamtes der Heichsführung-GE>.

Berlin, 17. Mai. (DNB.) Der Chef des SS.- Hauptamtes, SS.-Gruppenführer W i t t j e , hat aus gesundheitlichen Gründen den Reichsführer-SS. um Enthebung von seinem Amt gebeten. Der Reichsführer-SS. hat diesem Wunsche Rechnung getragen und zum Nachfolger den bisherigen Füh­rer des SS.-Oberabfchnittes Rhein, SS.-Gruppen- fuhrer Heißmeyer ernannt. Der Reichsführer- SS. würdigte die Verdienste des aus feinem Amt scheidenden Gruppenführers, den er bis zur Wieder­herstellung seiner Gesundheit zu seiner beson­

deren Verfügung stellte. Er habe dem Grup­penführer Wittje schon vor Monaten immer wieder Schonung anempfohlen, da er gesehen habe, daß dieser sich in seiner Arbeit übernahm. Wenn er jetzt schweren Herzens der Bitte um Enthebung von seiner Stellung doch nachgeben müsse, so mit dem Wunsch, daß er in absehbarer Zeit wieder voll zur Verfügung stehen würde.

Nummernzwang für Anhänger.

Berlin, 17. Mai. (DNB.) Der Reichs- und preußische Verkehrsminister gibt seine Absicht be­kannt, auch fürAnhänger das vom Kraftfahr­zeug her bekannte Nummernschild vorzuschreiben. Es genügt, daß die Polizeinummer des Kraftwagens auch am Anhänger an­gebracht wird. Soll der Anhänger hinter Der- schiedenen Kraftfahrzeugen mitgeführt werden, muß die Nummer allerdings ausgewechselt werden. Der Minister erwartet, daß Verkehrstreibende bereits jetzt, ehe der Nummernzwang eingeführt wird, die Bestimmungen freiwillig durchführen.

Wiedersehen mit dem Ort an der Mainbrücke, an dem der Führer am 23. September 1933 mit den WortenDeutsche Arbeiter an das Werk!" die erste Schaufel Sand hob. Wiedersehen mit dem Schauplatz des ersten Spatenstichs, der für seinen Teil half, den Fluch der Arbeitslosigkeit zu beseitigen. 93 000 deutsche Arbeiter stehen jetzt auf den Autobahnstrecken in Lohn und Brot. Rund 150 000 Arbeiter in Steinbruch, und Brückenbau­betrieben kommen dazu.

Von Frankfurt am Main bis nach Darmstadt, auf einer Strecke von 23 Kilometer, ist die erste Reichsautobahn vollendet, lieber Mannheim führt sie weiter nach Heidelberg. Da schließt sich wieder Der Kreis: Der Anschluß cm die großen Südost- und Nordwestlinien ist hergestellt. Bald werden die Straßen Adolf Hitlers, woher man auch kom­men, wohin man auch fahren mag, ganz Deutsch­land durchziehen. Es gibt wohl keine Vergleiche, um dis Reize einer Fahrt durch das Waldidyll zwischen Frankfurt und Darmstadt dem Leser pla­stisch nahezubringen. Weder die Avus Berlins noch die Strecke KölnBonn lassen sich als Bei­spiels anführen. Ueberzeugend und erhebend zu­gleich ist die grandiose Einpassung der Straße in das Landschaftsbild; trotz der ungewöhnlichen Breite ist keine langweilige Rennstrecke entstanden. In keinem Augenblick wirkt die Straße öde, dem Schönheitsempfinden ist weitgehend Rechnung ge­tragen. Auch auf dieser Waldstrecke wird dem Rei­senden dann und wann ein freier Blick in die Landschaft gewährt. Vorsommerzauber liegt über der Straße: Es blüht und grünt ringsum. Eben sind wir an der großartigen Mainbrücke, einem Meisterwerk deutscher Architektur, vorübergesaust. Wer kann die Herrlichkeit schildern frei ist die Bahn mir drücken Den Gashebel selbst ein­mal fahren, über diese Straße, nur das überzeugt und öffnet ganz das Verständnis für diese monu­mentalen Straßen des Dritten Reiches.

Straßenbautechniker und Landschaftsanwälte wir­ken bei diesem großen Werk zusammen. Schaffen die einen dem Kraftverkehr die technisch vollkom­mene Fahrbahn, so haben die anderen die Aufgabe, diese in ihrer Ausgestaltung der Landschaft anzu­passen. Denn entscheidender Leitgedanke für den Bau ist die Unterordnung des technischen Zweckes unter die Rücksicht auf die deutsche Landschaft. Wer über die Straßen Adolf Hitlers fährt, soll nicht nur auf einer technisch vollendeten Straße fahren, sondern es soll sich ihm das ewig wech­selnde Bild der herrlichen deutschen Landschaft und des Wirkens und Lebens der Menschen in ihr er­schließen. Straße und Landschaft werden harmo­nisch zusammenklingen, werden ein begeisterndes Kunstwerk vollkommener Schönheit sein.

Gtahlhelm-Wohlfahrislotterie.

Der Nationalsozialistische Deutsche Frontkämpfer- Bund (Stahlhelm) veranstaltet eine 2. Stahlhelm- Wohlfahrtslotterie, deren Reinertrag ausschließlich für die Verwirklichung der hohen kulturellen, wirt­schaftlichen und insbesondere der sozialen Ziele des Bundes bestimmt ist; weiter sollen die durch die Lotterie gewonnenen Mittel zugunsten der bedürftigen und k r ie g s b e s ch ä d i g t e n Kameraden verwendet werden. Die Lotterie, die durch den Reichs- und preußischen Innen-

Auf Adolf Hitlers Straßen.

Ein Fahrtbericht von der ersten Reichsautobahnstrecke.

Von Herbert Seehofer-Wagner.

Ein kleiner Lattenzaun säumt den Platz, auf dem der Führer stand. Die Lore Sand, die in einem feierlichen Akt gekippt und vom Führer aus­einandergebreitet wurde, hat man sorgfältig wieder zusammengeschaufelt. Sie wird später in dem Böschungskegel der Mainbrücke eingelagert, eine Gedenktafel am Hügel wird die Besucher an den ersten Spatenstich erinnern. Für alle Zeiten, wenn sicy erfüllt hat, was der Führer an dieser Stelle sprach:Und ehe wieder Jahre vergehen, soll ein Riesenwerk zeugen von unserem Dienst, unse­rem Fleiß, unserer Fähigkeit und unserer Ent­schlußkraft!"

Ich werde auf einer Fähre über den Main ge­rudert und habe Gelegenheit, die wuchtigen Bogen der 290 Meter langen Brücke der Autobahn zu betrachten. Während von einem Ufer her noch ganze Wagenladungen Betonmischung angefahren und in die gefräßigen Riesenfundamente versenkt werden, verkleidet man die andere Seite schon mit dem schmückenden hellen Granit. Aus dem Oden­wald und dem Fichtelgebirge kommt er; hohe Kräne tragen ihn Stück für Stück an die Bau­stelle heran. Millimeterhaft genau wird er dem Bauwerk eingepaßt. Hoch vom schwenkenden Kran flattert fröhlich unsere Fahne, und es ist, als wollte sie erzählen, daß diese Straße auch den notleidenden Steinbruchgebieten Arbeit gibt.

Ueberhaupt muß man sich einhämmern, um die ganze Größe des gewaltigen Projekts des Führers zu verstehen, daß die Arbeit auf den Strecken weit über die Grenzen der Straßen hinaus ihre Kreise zieht. Zahllose Wirtschaftsgruppen des deutschen Volkes erhalten dadurch Arbeit und Verdienst und befruchten ihrerseits wieder durch erhöhte Konsum­kraft die Gesamtwirtschaft. Man mußt nicht nur die Arbeit und den Umsatz auf der Baustelle selbst in Rechnung stellen dahinter stehen, um nur ein knappes Beispiel zu geben, die Lieferanten der Baustoffe, der Werkzeuge und Maschinen. Ein großer Kreislauf kommt in Gang. Vierhundert Millionen Mark, die jährlich von der national­sozialistischen Regierung für den Bau der Auto­bahnen zur Verfügung gestellt werden, rollen durch die Volkswirtschaft.

Mackensens Besuch in Ltngarn.

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Generalfeldmarschall von Mackensen legt auf dem deutschen Heldenfriedhof einen Kranz nieder.» Links (in Zivil): der Sohn des Feldmarschalls, der deutsche Gesandte in Budapest von Mackensen.

Budapest, 17. Mai. (DNB.) Den Höhepunkt des Aufenthaltes des Generalfeldmarschalls von Mackensen in Ungarn bildete der Besuch in der alten Krönunasstadt Stuhlweißenburg bei den Mackensen-Husar en Nr. 10, deren Ehrenchef der Generalfeldmarschall seit dem Welt­kriege ist. Der Feldmarschall begab sich zunächst zu Dem für den Reichspräsidenten v. Hin d e n - bürg errichteten Denkmal, vor dem er einige Minuten entblößten Hauptes in stiller Andacht ver­weilte. Er besuchte dann das Kriegerdenkmal des Regiments, das seinen Namen trägt. Der letzte Kommandeur des Regiments, Oberst v. T o e p k e, wies darauf hin, daß Mackensen für Ungarn das Symbol des großen gemeinsamen Kampfes der deutschen und der ungarischen Armee für die Ehre und Sicherheit des Vaterlandes fei. Der Feldmar­schall legte vor dem Denkmal einen Kranz nieder und nahm unter den Klängen der deutschen und der ungarischen Nationalhymne den Vorbeimarsch der alten Frontkämpfer des Mackensen-Husaren-Regi-

ments entgegen. Der Jubel wollte kein Ende neh­men, als Mackensen in straffer militärischer Hal- tung die aufgestellten Formationen der Angehörigen des Husaren-Regiments abschritt. Anschließend fand ein vom Obergespan Grafen Szechenyi zu Ehren des Feldmarschalls veranstaltetes Essen statt, bei dem Innenminister von Kozma den Feld­marschall feierte. Mackensen schilderte die große Schlacht von Limannowa, in der unter feinem Kommando ungarische Truppen eingesetzt wurden und die die Grundlage für den großen entscheiden­den Durchbruchssieg bei Gorlice schuf. Mit warmen Worten gedachte dabei der Generalfeldmarschall der Generale A r z und Conrad v. Hötzendorfß Die Ausführungen des Feldmarschalls wurden mit unbeschreiblichem Jubel ausgenommen. Zu Ehren des Feldmarschalls findet heute abend eine Gala- oper statt, an der der Reichsverwes e r mit seinem Gefolge, sämtliche Erzherzöge, die Re­gierung, die Militär- und Zivilbehörden erscheinen.

Minister genehmigt worden ist, besteht aus 800 000 Losen zum Preise von 50 Pfg. Jedem Los ist ein Kunstblatt (Bilder des Führers Adolf Hitler und des Bundesführers Franz Seldte) beigegeben. Die Ziehung findet am 8. Juli 1935 bei der Lotte­rie-Geschäftsstelle des NS. Deutschen Frontkämpfer-Bundes (Stahlhelm), Frankfurt a. M., Kaiserstraße 24, statt. Der Hauptgewinn be­trägt 20000 RM., die Prämie, die auf die zuletzt einzeln gezogene Losnummer mit einem Gewinn von 10 RM. und höher fällt, 8000 RM., so daß der mögliche Höchstgewinn 28 000 RM. wäre. Die Lose werden durch die Ortsgruppen und Dienststel­len des Bundes an Kameraden, Freunde und Gön­ner des Bundes vertrieben.

Wetterbericht

des Reichswetterdienstes. Ausgabeort Frankfurt.

Infolge der in der Nacht zum Samstag einge­tretenen Aufheiterung kam es gerade innerhalb

unseres Gebietes noch einmal zu verbreiteten Strahlungsfrösten, im übrigen Deutschland, ebenso in Frankreich, fallen dagegen bei meist bedecktem Himmel vielerorts Niederschläge. Auch kann man mit dem Auskommen unbeständigen Wetters rech­nen. Die Witterung ist nach wie vor für die Jah­reszeit zu kühl.

Wetteraussichten für Sonntag: Ver­änderlich, überwiegend bewölkt, zeitweilig Nieder­schläge bei meist nördlichen und östlichen Winden.

Wetteraussichten für Montag: Noch immer unbeständiges veränderliches Wetter, bewölkt, leichte Wärmezunahme.

Lufttemperaturen am 17. Mai: mittags 8,7 Grad Celsius, abends 5 Grad; am 18. Mai: morgens 4 Grad. Maximum 10 Grad, Minimum1,6 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 17. Mai: abends 11,9 Grad; am 18. Mai: morgens 7,7 Grad Celsius. Sonnenscheindauer 1,7 Stunden.

MibockundMiduttiliMlichen

Von Mara Mägander.

Im Hofbräuhaus zu München fließt der Maibock; schwer, dunkel und süß ist das Bier, das man am liebsten im sonnigen Hofe, um ein Faß herum ge­schart, trinkt. Es schmeckt zwar droben im Festsaal auch recht gut; aber drunten ists haltzünftiger". Der galante Ehegatte schenkt seiner lieben Frau den Maibuschen und rückt ihr den Makkrug näher; denn gar die Frauen mögen den Bock so gerne! Laut und vernehmlich spielt die Blasmusik das Lied von der Münchener Gemütlichkeit, und es gibt keinen einzigen unter den froyen Zechern, Der daran zweifelt, an der Gemütlichkeit in der Stadt des alten Peter.

Frische Radi! Mair^ttiche!" Etwas Besseres und Bekömmlicheres gibt es nicht zum Bier. Das fesche Mädel in der hübschen Tracht wird ihre frühlings­frische Ware reißend los.

Der Hofbräuhaus-Maitrank ist dunkel; er ist noch nicht erblondet wie andere Münchner Biere, fon- dem der alten Tradition treu geblieben. Früher gab es nämlich in München kaum ein Helles Bier.

Trotzdem ist auch der Helle Maibock köstlich im Geschmack, nur eben ein wenig degeneriert. Auch er hat seine Freunde. Denn jeder echte Münchner trinkt sein Bier, schwört auf fein Bier, und wenn er Löwenbräu für gut befindet, bringt ihn kein Mensch ins Hosbräuhaus. Wir haben noch Grund- sätze, Gott fei Dank!

Zur Zeit, da der Maibock süffig durch die durstige Kehle rinnt, ist rings um den Mariahilfplatz die bunte Budenstadt der Maidult gewachsen. Die blü­henden Bäume geben den windschiefen Verkaufs­ständen einen Schimmer von Romantik. Besonders in der Straße, in der die Kastanien einen grünen Laubengang bilden und eine milde, versöhnliche Dämmerung über verschossenen Altwarenkram brei­ten. In diesem weichen Licht glänzt das Holz des wurmstichigen Mahagonischrankes in neuer Schön­heit auf und das Silber in den Vitrinen blinkt wie ehemals, als es noch reichbestellte Tafeln schmückte. Ein Stück Vergangenheit verklingt wie die Melodie einer alten Spieluhr.

In der Gasse nebenan regiert des Lebens Prosa. Hier streiten Steckerlfische, warme Würstchen, tür­kischer Honig und Kletzenbrot um die Gunst des Publikums. Dom Glückshafen trägt soeben ein Glücklicher einen pfundsamen Regulator heim, und am Spitzenstand dreht ein altef witziger Rheinländer mit verwirrender Geschwindigkeit den Münchne­rinnen fein« zarte Ware an. Die «.Billigen Jakobe"

preisen mit viel Stimmaufwand nichtige Dinge an, und Quacksalber wissen von der Kraft ihrer Allheil­mittel zu überzeugen.

Es gibt dann eine solide Straße mit Ständen, die von dauerhaften Wollsachen für Männlein und Weiblein angefüllt sind und in denen man sehr billig ein Paar feste Schuhe haben kann. Ein noch gut aussehender Frack träumt von verflossenen Zei­ten und scheint gekränkt, daß die stabile Arbeitshose viel rascher einen Liebhaber findet

Auf dem Geschirrmarkt stehen die lustigen bunten Bauerntöpfe neben sehr vornehmen Kaffeekannen, und winzige Porzellanfiguren finden begeisterte Käuferinnen.

Helles Kinderjauchzen und ein verwirrendes Durcheinander in allen Tonarten quiekender Dreh­orgeln lockt uns dorthin, wo für die Kinder erst der Zauber der Maidult beginnt. Sie sitzen mit verträumtem Lächeln, im weißen Kleid, das Krän- zerl im Haar, in prachtvollen Karossen und lassen sich drehen, bis ihnen schwindlig wird.

Wir Erwachsenen aber setzen uns, bewaffnet mit einem Stück köstlich frischen Kletzenbrotes in die Russische Schaukel . Es geht sehr langsam auf­wärts, und wir können von unserer luftigen Höhe aus das wunderbare Stadtbild so recht genießen.

Oer postmichel.

Von Nikolaus Schwarzkops.

Der Briefträger ward genannt der Postmichel und wohnte gegenüber vom Pfarrhaus in einem Hüttchen, das fast kleiner war als er. Die beiden Porzellanschellen aber, die an dem geschindelten Giebel in starken Eisenhaken saßen, verbanden ihn, wie er sagte, mit der ganzen Welt. Er konnte, wenn er wollte, Gespräche, der der Kaiser führte, belauschen, er konnte, wenn er wollte, den Groß­herzog anrufen, allein, das glaubten ihm selbst die Kinder kaum. Ein Schild hing über den Schellen: Kaiserlich Deutsche Reichspost, Nebenstelle. Also ein wenig neben dran war der Michel doch hingesetzt.

Wenn ich draußen im Feld an der Landstraße die beiden Drähte brummen hörte und das Ohr an die Holzstangen legte, ich hörte da allerlei, war andere Kinder nicht hörten, und ich war vielleicht das einzige Kind, das dem Postmichel glaubte.

Der Postmichel tarn jeden Morgen zwischen zehn und halb elf Uhr in die Schule, dem Lehrer etwas zu bringen. Man hörte ihn schon auf der Straße, denn er schritt wie ein richtiger Soldat mit schwer genagelten Stiefeln einher. Er klopfte, der Lehrer öffnete, und dann blies der Mchel, der stets eine

Zigarre rauchen mußte, einen Mundvoll seines Qualms in die Schulstube herein.

Alle Liebschaften waren ihm bekannt, alle Feind­schaften, alle beginnenden Prozesse: er wußte, wo jeder einzelne, der aus Urberach stammte, draußen in der Welt wohnte, die Straßen wußte er, die Hausnummern, wieviel Kinder der einzelne hatte, was für eine Frau, in was für Verhältnissen er lebte. Seine Kenntnis reichte bis über die See, und wenn einer ausgewandert mar, wußte der Michel warum, und er wußte, wohin. Er wußte das besser als der Staatsanwalt. Als meine Tante auswanderte und einen armen Sohn hinterließ, wußte er, welche tieferen Gründe die Tante zu diesem schrecklichen Schritt veranlaßt hatten.

Er konnte nicht nur telephonieren, er konnte auch telegraphieren, und die messingenen Apparate tickten Tag und Nacht auf seinem Tisch, ein Zeichen, daß in der großen Welt immer etwas vor sich ging. Nur ein Mann war im Dorf, der die Geheimschrift des Funks lesen konnte er! Seine ungeheure Neugierde ließ ihn bis tief in die Nacht über den Zeitungen und Zeitschriften sitzen, die er andern Tags auszutragen hatte, und dem Bienenzüchter, derPapiere" befaß, rief er schon von weitem den Stand der Börse zu. Er konnte das getrost tun, denn außer diesen beiden Männern kümmerte sich im Dorf niemand um die Börse.

Zu uns ins Erbseneck kam der Postmichel oft, denn mein Vater schickte, wenn er weit in der Welt pflasterte, alle vierzehn Tage seinen Lohn heim. Dann zeilte der Michel die Taler auf unseren Wachstuchtisch nebeneinander, die Mutter zählte sie, indem sie mit zwei Fingern je zwei ein wenig weiterschob, nach, und bann, wenn alles stimmte, bekam der Michel fünf Pfennig geschenkt.

Als meine Mutter sechzig Jahre alt war, wollte ich, der ich unterdesien gewaltig in die Welt ge­wachsen war, ihr telephonisch meinen Glückwunsch sagen. Meine Mutter aber hatte noch nie tele­phoniert und erschrak, als sie zur Post gerufen wurde. Sie nimmt den Hörer ans Ohr, hört etwas, versteht aber nicht, ich spüre, wie aufgeregt sie ist und denke, da hast du ja was Schönes angerichtet! Ich höre, wie der Hörer hinfällt, ich höre gar einen verhaltenen Schrei, und endlich meldet sich der Pvst- michel. Er sagt, daß meine Mutter nichts verstehen könne, was denn eigentlich Schreckliches geschehen sei . ach so!, er lacht, der Michel, ich lache, und ich höre nun auch deutlich die Stimme meiner Mutter; nebendran höre ich den Michel sagen:Wie ckann man nur auch solche Dummheiten machen!" Und dann sagt meine Mutter wieder ganz deutlich: Du böser Bub!" Und zwei Tage später be­

komme ich einen Brief von meiner Mutter, den konnte ich mir hinter den Spiegel stecken, wie man so sagt. Das war der schönste Liebesbrief, den ich je bekommen habe.

Heute lebt der Postmichel in meiner Stadt. Seine Tochter hat einen Eisenbahner geheiratet, der hier am Hauptbahnhof dicht neben dem Direktor steht. Der Michel stapft mit der Zigarre im Mund tagaus, tagein durch die Straßen, als wenn er noch im Dienst wäre, und wenn er zu mir kommt, höre ich seinen scharfen Schritt schon von weitem. Wir sitzen oft beisammen, trinken eins, rauchen miteinander und schwatzen das Urderacher Blaue vom Himmel herunter. Oft hängen wir miteinander am Telephon, und wenn das Postfräulein nicht wüßte, wer da miteinander plaudert, hätten wir schon oft Strafe zahlen müssen. Der Michel lebt im Ruhestand, im wohlverdienten, aber es ist noch mehr Unruhe in ihm als Ruhe. Wenn er schreiben könnte, wäre es gut für ihn und mich, denn dann müßte er die lebende Chronik meines Dorfes, was er fo schön zu erzählen weiß, niederschreiben. Aber er kann nur aussprechen, was fein noch junges Herz bewegt, und ich hebe das alles getreulich auf. Wenn er bei mir ist, ist mein ganzes Dorf bei mir, alle dörflichen Leidenschaften, alle Freundschaften, alle Männer, alle Frauen, alle Nachkommenschaften, in denen die alten Dinge neu erstehen, denn die Men­schen an sich ändern sich kaum, was einmal in den Seelen sitzt, das sitzt fest und vererbt sich, hat bis­weilen nur eine Maske auf oder gar eine Toga auf der bäuerischen Schulter; die Häuser sehe ich, die Gassen, die alten Bäume, die Brunnen, den Kirchturm und den Herrn Pfarrer, der sich gleich dem lieben Gott auch kaum ändert; die ganze Ge­markung wird durchwandert, Nußbäume sind größer geworden, Wegraine, an denen Heckenrosen blühten, sind noch überblüht, die Wälder stehen noch wie früher, die Schornsteine der Häfner qualmen noch, der Bahndamm in den Bruchwiesen ist noch nicht eingerutscht, der Untermüller läßt das Wasser laufen und mahlt elektrisch, und das ganze Dors ist elektrisch erhellt, so daß die Liebespärchen Mühe haben, sich verborgen zu halten, und die beiden Drähte mit den Porzellanschellen stecken am Haus des Wirts. Das Schönste am Postmichel ist aber, daß er mir die Mundart der Heimat geläufig hält und den ganzen Herzschlag der Heimat.

Hochschulnocknchten.

Der Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den seitherigen Rektor der Uni­versität M ä r b u r g, Professor Dr. Max Baur, erneut zum Rektor ernannt.