Ur. 115 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 18. Mai 1935
Japan und der Islam.
Von Otto Corbach.
Die Sowjet-Diplomatie soll neuerdings ihre weltrevolutionäre Sendung den westeuropäischen Freunden zuliebe und der Zugehörigkeit Rußlands zum Völkerbunde zu Ehren abgeschworen haben. Aber macht sie nicht bloß aus der Not eine Tugend, wenn sie z. B. zurzeit darauf verzichtet, „Asien gegen Europa aufzuwiegeln"?
Eine ernsthafte Gefahr bedeutete die b o l s ch e- wistische Propaganda in China für die westlichen Kolonialmächte früher dadurch, daß sie die nationalen Leidenschaften, die fremdenfeindlichen Stimmungen und die aufreizenden Wirkungen üppiger abendländischer Lebensformen bei den chinesischen Volksmasfen für sich arbeiten zu lassen wußte. Davon kann heute wenig mehr die Rede fein. Die japanisch-allasiatische Propaganda versteht das viel besser. „Es ist lehrreich zu beobachten", meinte der Pariser „Temps" kürzlich, „daß in dem Augenblick, wo die Sowjetregierung darauf verzichtet, Asien gegen Europa aufzuwiegeln, Japan diese Politik für eigene Rechnung übernimmt."
Soweit es den Japanern dabei ehrlich darum zu tun ist, den Völkern Asiens eine vom abendländischen Kulturkreise unabhängige Entwicklung zu sichern, kann man den westlichen Kolonialmächten nur raten, sich damit beizeiten abzufinden Sie haben durch die Art und Weise, wie sie im Weltkriege ihre kolonialen Hilfsquellen mißbrauchten, zum mindesten im Fernen Osten ihren Anspruch auf die führende Rolle verwirkt. Sie können froh sein, wenn sie ihre Machtstellungen in anderen Weltgegenden gegen japanische imperialistische Bestrebungen dauernd zu behaupten vermögen.
Viel gefährlicher als die Förderung nationaler Freiheitsbestrebungen durch die japanische Propaganda kann ihnen dabei deren wachsender Einfluß auf die religiösen Empfindungen in der Welt des Islams werden. Unter den russischen Emigranten, die im Laufe der bolschewistischen Revolution in der japanischen Machtsphäre Zuflucht suchten, befanden sich viele Mohammedaner, die besonders in der Mandschurei die zu- vorkommenste Hilfsbereitschaft fanden. Ein Emigrant aus Turkestan wurde Professor an der Militärschule in Mukden, mohammedanische Moscheen wurden errichtet in Tokio, Kobe, Charbin, Mukden und Dairen auf Grundstücken, die den mohammedanischen Gemeinden großmütig von japanischen Behörden überlassen wurden. Lehrer- und Lehrerinnen-Seml- nare wurden gegründet, aus denen heute jährlich 'twa 300 Lehrkräfte hervorgehen, die meist an den -Schulen mohammedanischer Gemeinden in Man- üschukuo unterrichten. Die Einweihung einer neuen Moschee in Kobe im Oktober 1934 gab der japanischen Presse Anlaß zu lebhaften Bekundungen freundschaftlicher Empfindungen gegenüber dem Islam unter dem Stichwort: „Die schintoistischen Priester reichen den mohammedanischen die Bruderhand!" Fast gleichzeitig erschien die erste Nummer einer Zeitschrift für Anhänger des Islam „Der japanische Informator", die das Erscheinen einer in der japanischen Staatsdruckerei hergestellten neuen Zeitschrift zur Förderung der Handelsbeziehungen zwischen Japan und den mohammedanischen Ländern ankündigte.
Inzwischen hatte die japanische Regierung Sonder-Gesandtschaften nach Afghanistan, Iran, dem Irak und Aegypten abgeschickt. Die für Afghani st an bestimmte Gesandtschaft wurde geführt von einem gewissen Tanaka, einem japanischen Notabeln, der zum Islam übergetreten war. Ein anderer „Bekehrer" führte die nach Aegypten abgegangene Gesandtschaft an; er hatte seinen ursprünglichen altadelig - japanischen Namen Ohara mit Abu Bekr vertauscht. Der Turkestaner Mohammed Muschin Jioban Oglu verfaßte einen Kommentar zum Koran in japanischer Sprache und übersetzte die arabischen Werke Sahibs ins Japanische. Ein anderer in Mandschukuo lebender Muselmann, Mohammed el Saccaf, begab sich im Auftrage der japanischen Regierung nach dem Hedschas. Weitere japanische Sendboten tauchten in Palästina und Syrien auf. Ueberall wurden junge Mohammedaner aufgefordert, an japanischen Hochschulen zu studieren, welchem Rufe bisher etwa 1500 Studierende gefolgt sein sollen. Auf japanische Anregung schickten die Ulemas von Damaskus eine religiöse Gesandtschaft nach Japan, um die Gründung einer „Orientalischen Union gegen die Werbearbeit des Okzidents" in die Wege zu leiten.
Viel wichtiger und bedenklicher als all diese Anzeichen lebhafter geistiger Beeinflussung der Anhänger des Islam ist die Wirksamkeit, womit d e r japanische Industrialismus den so vorbereiteten Boden für seine Zwecke zu bearbeiten weiß Die abendländischen Kolonialmächte haben mit ihren industriefeudalen Verfahrungsweisen bei der Auswertung von Eroberungen die Möglichkeiten des Absatzes ihrer industriellen Erzeugnisse in kolonialen Gebieten mit eigener Hand zerrüttet. Es sind die R ü ck w i r k u n g e n d l e s e s R a u b - baus die nunmehr ihre eigenen Produktivkräfte in großem Umfange lahmlegen Und wahrend der Leerlauf eines großen Teils ihrer Maschinerie, der erzwungene Müßiggang vieler Millionen williger Arbeitskräfte, das Brachliegenlassen weiter fruchtbarer Gebiete, die trotzdem noch notwendig bleibende Vernichtung großer unverkäuflicher Vorräte usw. alle Fortschritte techiiischer „Rationalisierung mehr als wettmacht, entwickeln die Javaner unbekümmert eine neue „W erkstätte der W e l t , die unter schonungsloser Ausnutzung aller solcher Verlegenheiten abendländischer Industrieländer beispiellos massenhaft Waren zu so wohlfeilen Preisen hcrstelle, daß sie von farbigen Menschen trotz ihrer durch „weiße" Kolonialherrschaft so stark herabgedrückten Kaufkraft erworben werden können, soweit es ihnen diese Kolonialherrschaft, natürlich auf Kokten ihrer ..Beliebtheit", nicht durch zollpolitische und andere Maßnahmen unmöglich macht.
Lieber liefern Engländer und Franzosen aus ihren kolonialen Gebieten den Japanern Rohstoffe zu Spottpreisen, zu denen sie sie für ihre eigenen industriellen Zwecke gar nicht erwerben können, da sie den Erzeugern irgendwie dazu verhelfen müssen, auf ihre Kosten zu kommen, als daß sie Deutschland die Wiedererlangung auch nur eines kleinen Bruchteils seines ehemaligen Kolonialgebiets gönnten, und lieber wenden die Amerikaner jährlich Unsummen auf, um. Farmer dafür zu entschädiaen, einen Teil ihrer Anbaufläche brach liegen lassen, als daß sie mit überflüssigen $orräten Einwandererheere aus der alten Welt in Nahrung und Tätigkeit
Etretszüge im Mittelmeer.
Von Dr. paul Rohrbach*
bis 3000 Mann von Italien nach Erythräa, leider darunter auch viele Soldaten aus Südtirol, die dem hiesigen Klima absolut nicht standhalten können. Von Tripolis wurden 10 000 Askaris hier gelandet. Die Straßen und Plätze von
VI.
Moskaus Politik in der Levante.
R o m , Mai 1935.
Wenn man den Charakter der augenblicklichen politischen Atmosphäre in Italien richtig deutet, so soll, nicht zuletzt unter dem Einfluß Englands, im Laufe des Sommers den europäischen Fragen ihre Schärfe so weit wie möglich genommen werden, weil im Herbst, mit dem Aufhören der Regenzeit, der abessinische Feldzug in vollem Ernst beginnen soll. Bis dahin ist es wünschenswert, Rückenfreiheit in Europa zu schaffen. Dabei entwickelt sich aber hinter den Kulissen die Frage „Was will Rußland?" zu einem immer komplizierteren Problem der Weltlage. Man muß ihr auch vom italienischen Boden aus verstärkte Aufmerksamkeit zuwenden, zumal Frankreich, der neue große Freund Italiens, unter der Einwirkung Englands in dem eben abgeschlossenen Pakt mit Rußland von den ursprünglich verfolgten Tendenzen ein deutliches Stück zurückgewichen ist.
Kurz vor dem französisch-russischen Abschluß brachte die „Times" einen bedeutsamen Bericht ihres Pariser Korrespondenten, der auffallend, fast wörtlich, in dieselbe Richtung wies, wie die auch in der deutschen Presse bekanntgewordenen Bedenken eines französischen Generalstabsoffiziers gegen die militärische Zweckmäßigkeit eines gar zu engen französisch-russischen Bündnisses: Auf dem Prinzip strikter Gegenseitigkeit beruhend könne ein solches nur zum Nachteil Frankreichs ausschlagen, das im Ernstfall alles zu bieten und nichts zu empfangen habe! Aus dem stark verklausulierten Text des Ausführungsprotokolls zu dem Pakt vom 3. Mai ist zu erkennen, daß die anfangs von Rußland geforderte automatische und sofortige Funktion der militärischen Hilfeleistung gegen den „Angreifer" jetzt durch die Einschaltung des Locarnopakts und des Völkerbundes beseitigt ist. Das ist das Werk Englands. Um aber das russische Bedürfnis nach Rückendeckung in Europa ganz zu verstehen, muß man den weit ausgreifenden verborgenen Pfaden der im Kreml verfolgten Politik näher nachgehen. Erst dann wird man die Voraussetzungen ihres Verhaltens in Europa erkennen.
Die ursprüngliche Politik Sowjetrußlands hat zwei große, enttäuschende Mißerfolge zu buchen. Im Zeitalter Lenins und Trotzkis war es die Idee des Moskauer Illusionisten, erstens d i e kommunistische Weltrevolution in Europa auszubreiten, und zweitens Asien, vor allem China, dadurch zu erobern, daß man die kommunistische Parole mit der anderen verband: den asiatischen Völkern Rußlands Hilfe zur Befreiung vom europäischen Imperialismus und Kapitalismus anzubieten. Mit beidem ist Moskau gescheitert. China ist noch nicht ganz aufgegeben; die Unruhen im Süden, mit denen die sogenannte Zentralregierung in Nanking nicht fertig werden kann, tragen zwar mehr eine kommunistische Kappe, als daß sie bewußt kommunistische Ideen im Sinne Moskaus verfolgen, aber sie genießen doch dessen aktive Sympathie, ebenso wie die „indonesischen" Tendenzen in Juna-Java, die sich gegen das bollön- dische Regime richten. Diese fernasiatischen Gebiete liegen jedoch zurzeit mehr an der Peripherie der Moskauer Politik. In China sind die Japaner die stärkeren Gegenspieler, und Japan gegenüber zieht man es im Kreml vor, sich einstweilen zu ducken.
Anders steht es mit dem planmäßig aufgenommenen Gedanken — auch er knüpft an übereilte.
* Vergleiche den letzten Bericht in Nr. 109 vom 11. Mai 1935
damals noch nicht zur Reife gekommene Pläne der Leninschen Zeit an — mit den drei noch unabhängigen islamischen Staaten Asiens, der T ü r k e i, I r a n und Afghani st an, in enge Beziehungen zu kommen. Ich habe in Konstantinopel bestätigt gehört, daß die Sowjetregierung es sich erhebliches Geld kosten läßt, der Türkei russisches Kriegsmaterial zu liefern und ihr Textilfabriken und metallurgische Anlagen zu bauen. Natürlich fehlt dabei auch der übliche Austausch „kultureller Werte" nicht. Der Ghasi Mustafa Kemal, dessen Bedürfnis nach Anerkennung seiner Leistungen bekannt ist, wird mit den entsprechenden Ausdrücken gefeiert, und man gibt ihm zu verstehen, daß im Kreml nicht nur uneigennützige politische Ratschläge zu haben sind, sondern auch Geld, mit dem die europäischen Finanzmächte zurückhalten — eine Anspielung auf die Schwierigkeiten der Türkei bei der Finanzierung ihrer strategischen Bahnbauten.
Botschafter Sowjetrußlands in Angora ist kürzlich ein Mann geworden, der sich noch zur Zeit Lenins als Spezialist für die asiatische Politik entwickelte, und dessen kaukasische Herkunft auch Stalin sympathisch ist, der Tatar K a r a ch a n. Ursprünglich Mohammedaner (jetzt gibt es ja offiziell keine Religion mehr in der Sowjetunion), des Türkischen und Persischen mächtig und ein Kenner des orientalischen Geistes von Grund auf, hat er die Aufgabe, zunächst den Ghasi und danach die Beherrscher Irans und Afghanistans für einen Asiatischen Pakt unter russisch-türkischer Führung zu gewinnen.
Im Orient laufen jetzt zwei große geistige Bewegungen parallel, die innerlich von einander unabhängig sind, ja selbst in einem gewissen Gegensatz zu einander stehen, aber doch in dieselbe Richtung wirken. Die eine ist die Regeneration des Islams, die, mit starkem politischen Einschlag, von dem Beherrscher Arabiens, Ibn Saud, geführt wird. In der Persönlichkeit Ibn Sauds verkörpert sich zugleich der panarabische Gedanke, aber in Verbindung mit Automobilen, Maschinengewehren und drahtloser Telegraphie. Auch an seinem Hofe ist der Sowjetgesandte eine wichtige Persönlichkeit, als Ratgeber und Erläute- rer der internationalen Politik im Sinne Moskaus.
Die andere Bewegung richtet sich gegen die politische und wirtschaftliche Ausbeutung der Länder des Orients durch die europäischen „Kapitalisten und Imperialisten". Ihre Parole ist Unabhängigkeit von europäischer Vormund- s ch a f t auf allen Gebieten, und ihr Fahnenträger ist der Ghasi Mustafa Kemal. Dieser türkische Held, Atatürk ist sein zweiter ehrender Beiname, ist nur national orientiert, den Religionsgesetzen des Islam hat er den Krieg angesagt, soweit sie der Modernisierung der Türkei in materiellem, technischem und geistigem Sinne, entgegenstehen, aber Europa gegenüber können der islamische, der arabische und der türkische Gedanke trotz aller Verschiedenheiten Zusammengehen, und auch die national-persische Politik Risa Chan Pehlevis kann sich leicht in den Bündnisgedanken einfügen.
Auf der anderen Seite greift die enge Bundes- genoffenfchaft Moskaus bis nach der fowjetmäßig organisierten Republik der inneren Mongolei. Soll diese große asiatische Politik gedeihen, so braucht Moskau Frieden mit Japan, dem es vielleicht noch mehr Opfer wird bringen müssen, als nur die ostchinesische Bahn, und „Sicherheit" in Europa. In Lodnon, in Paris und in Rom wird man nicht ganz unorientiert über diese Zusammenhänge sein. Rußland, ob zarisch oder bolschewistisch, kann eine andere als expansive Politik nicht machen.
Massaua gleichen Pionierparks. Stacheldraht, Drahtverhauschrauben, Stollenhölzer, Wellbleche, Zement, Wasserröhren und Kleinbahnmaterial sind in großen Massen aufgestapelt. Tage und Nächte lang rollen Autokolonnen das Material i n s Oberland. Die Autos werden vorzugsweise von Amerika geliefert, es find in der Regel neueste Typen von Ford und Chevrolet. Italienische Fabrikate sind kaum darunter. Wagen, die mit dem Dampfer eintreffen, werden gleich nach dem Ausladen am Kai mit Material bepackt und auf den Weg nach Asmara geschickt, wo sich der Sitz des Gouverneurs befindet. Die Straßen find sehr schlecht. Schwere Beschädigungen des Wagenmaterials find keine Seltenheit. In diesen Tagen bevölkern schon etwa 75 Lastwagen aller Art die in Massaua eingerichtete Reparaturwerkstatt. Am besten scheint sich B ü \ f i n g » N S U zu bewähren, der für schwer st e Transporte Verwendung findet.
Litauens Herausforderung.
Stimmen aus Ostpreußen.
Die „Preußische Zeitung" schreibt unter der Ueberschrift „Protest" u. a.: Wochen hat die Folter gedauert, auf die man unsere deutschen Brüder im Memelland gespannt hat. Wochen hindurch haben sie in tiefsten und finsteren Kerkern des litauischen Staates zubringen müssen, um heute ein Urteil bestätigt zu erhalten, das i n der Weltgeschichte ohne B e i s p i e l da- steht. Wir hoffen mit den Angeklagten, daß - man sich in Kowno noch in letzter Stunde besinnt. Heftiger denn je fühlt sich das deutsche Volk in dieser Stunde mit seinen Brüdern im gequälten Memellande verbunden. Mitverantwortlich für das Schicksal des Memellandes sind die Mächte, die am 17. Mai 1934 durch die Unterzeichnung des Autonomiestatutes die Garanten des Me- mellandes wurden. Sollte das Urteil der Kow- noer Machthaber vollstreckt werden, dann kommt das Blut der hier zum Tode verurteilten Memelländer mit auf das Haupt der Memelsignatare. Immer wieder ist das Problem des europäischen Friedens in den letzten Monaten Gegenstand und Mittelpunkt der internationalen Gespräche gewesen. Will die Welt, wollen die Großmächte beweisen, daß es ihnen ernst ist um die Erhaltung des europäischen Friedens, dann mögen sie in dieser Stunde beweisen, daß sie nicht gewillt sind, ein Unrecht geschehen zu lassen, das mit den Memelländern dem ganzen deutschen Volk geschieht.
Die „Königsberger Allgemeine Zei- t u n g" führt aus: Wir stellen an Europa die Frage, ob in einem solchen Augenblick eine falsche und kalte Formaljuristik siegen soll, wie sie sich in dem Urteil des litauischen Obertribunals auszuleben dünkt, oder ob es heute nicht um mehr geht — nämlich um d i e Rettung des Friedens und der Gerechtigkeit überhaupt. Bor allem erheben wir in dieser Stunde unsere Stimme» um die Unterzeichnermächte des Memel« st a t u t s an ihre Pflichten zu ermahnen. Können sie zugeben, wie hier alle Ausgleichsbemühungen mit einem Schlage vernichtet werden sollen? Es ist eine Stunde, in der die verantwortlichen Staaten Europas, die mittelbar oder unmittelbar an diesem Urteil beteiligt sind, sich darauf besinnen müssen, daß sie mehr zu tun haben als diplomatische Formeln zu erfüllen, in der sie sich darüber klar sein müssen, daß sie für das Schicksal der Volker verantwortlich sind.
Ersie englische Stimmen.
setzen, mit denen in den menschenleeren oder -armen Gegenden der Länder der Neuen Welt vernünftig organisierte kaufkräftige moderne Gemeinwesen ins Leben gerufen werden können.
Braucht man sich bei solchem weltpolitischem Unverstand darüber zu wundern, daß sich Japan unversehens die geistigen Kräfte des Islam dienstbar zu machen weiß, dessen Anhänger gerade in den Gebieten Mittel-Asiens, des nahen Ostens und Nordafrikas überwiegen, die für die künftige Herrschaft über Asien wie über Afrika von ausschlaggebender strategischer Bedeutung sind?
Die Kabinettsumbildung in England.
Wird Eden Außenminister?
London, 17. Mai. (DNB.) Reuter berichtet, daß die Aenderungen im Kabinett wahrscheinlich vor oder während der Pfingstpause in die Tat umgesetzt werden würden. Es würde keine Ueberraschung bedeuten, wenn Macdonald und Baldwin ihre Posten tauschen würden. Das Gerede über einen Rücktritt Simons als Außenminister könne als unbegründet abgetan werden. Dagegen erwarte man einen Wech - fei im Luftfahrtmini st erium, das gegenwärtig Lord Londonderry innehat. Außerdem sei es nicht ausgeschlossen, daß die derzeitigen Leiter des Kolonialministeriums (Sir Philipp Cun- l i f f e - L i st e r) und des Innenministeriums (Sir John Gilmour) in den Peer st and erhoben würden. Die Struktur der nationalen Regierung werde hierdurch nicht berührt werden. Die zunehmende Besserung in Handel und Wandel führt Reuter als Grund für die Neigung der Regierung an, die Neuwahlen nicht mehr auf die lange Bank zu schieben. Viel hänge von dem Ergebnis der Besprechungen des Kabinetts mit Lloyd George ab. Wenn die Unterstützung Lloyd Georges gesichert werden könne, sei damit zu rechnen, daß die liberale Wählerschaft, die sich bisher mangels einer zugkräftigen Führung der Stimme enthalten habe, sich der Regierung anschließen werde.
„Daily Mai l" meint, die geplanten Aenderungen seien am Freitag zwischen Baldwin und Macdonald besprochen worden. Als wahrscheinlicher Nachfolger für Außenminister Simon wird der Lordsiegelbewahrer Eden genannt. Zweifel bestehen noch darüber, ob Macdonald schon im Sommer den Posten des Ministerpräsidenten an Baldwin abgeben ober ob er vorher noch als Haupt der Nationalrcgierung in die Wahlen gehen werde. „Daily Herold" glaubt,' daß zunächst das A u ßenmini°
st erium neubesetzt werde, während mit einer allgemeinen Umbildung des Kabinetts erst nach den Neuwahlen, die bestimmt im Oktober statt- finben, zu rechnen fei.
Eden soll im Abefsinien- Konsliki vermitteln.
Lonbon, 18. Mai. (DNB. Funkspruch.) Lord- siegelbewahrer Eben reift heute nach Genf ob. Er soll sich bemühen, b e n kriegerischen A d - sichten Italiens zwar entgegenzutre- t e n, aber gleichzeitig zuvermeiben, baß Italien aus b e m Völkerbunb getrieben werden könnte. Der abessinisch-italienische Streitfall wird voraussichtlich erst Mitte der nächsten Woche vom Völkerbundsrat behandelt werden. Der Großsiegelbewahrer wird bis dahin Besprechungen mit den Vertretern Frankreichs und Italiens führen. „Mor- ning Post" berichtet, daß nur durch eine V e r- ftänbigung zwischen den brei Mächten eine Spaltung im Völkerbunb oermieben werben könne. Eben werde sein äußerstes tun, eine solche Verständigung zu erzielen, bevor sich der Völkerbundsrat mit dem Fall beschäftige. Eden habe in der Vergangenheit beträchtliche Erfolge in der Ueberbrückung gefährlicher Situationen erzielt, und man setze in der gegenwärtigen Krise große Hoffnungen auf seine Geschicklichkeit
Dos Blatt stellt dann die offenbar aus italienischer Quelle stammende und längst widerlegte Behauptung von einer moralischen und materiellen Unterstützung der Abessinier durch Deutschland auf und leitet aus dieser haltlosen Behauptung eine Berechtigung der italienischen „Vorsichtsmaßnahmen" ab. Das erste Ziel der italienischen Streitkräfte sei es, ein starkes Verteidigungssystem längs der von Italien beanspruchten Grenzlinie zu errichten und dann die beiden italienischen Kolonien Erythräa und Jtalienisch-Somoliland zu verbinden. Dies würde den Bau einer Eisenbahnlinie erforderlich machen, zu welchem Zwecke Italien einen Gebietsstreifen auf der abessinischen Seite der Grenzen von Britisch- und FranzösischSomoliland besetzen müßte.
Mffam ein Heerlaaer.
Massaua (Erythräa), 17. Mai. (DNB.) Massaua gleicht einem Heerlager. Der kleine Hofen ist überfüllt von Truppentransporten und Frachtschiffen, die Kriegsmaterial aller Art in ungeheuren Mengen löschen. Oft liegen aus Italien eintreffenöe Schiffe tagelang außerhalb des Hafens auf Reede, da keine Möglichkeit besteht, im Hofen vor Anker bzw. an den Kai zu gehen, um Ladung zu löschen. Trotz alledem laufen täglich neue Truppen- ' t rans1 p ot t e ein. Fast immer bringen sie 2000
London, 18. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die englische Presse berichtet, vorläufig ohne eigene Stellungnahme, über die Bestätigung der Urteile im Memelländer Prozeß. Es wird jedoch zum Ausdruck gebracht, daß der Beschluß des obersten litauischen Gerichtshofes zu neuen Spannungen zwischen Deutschland und Litauen führen könne. Die „Times" meldet aus Riga, die Bestätigung des Urteils durch den obersten Gerichtshof habe bei denjenigen, die Litauen wohlwollten, und die einen versöhnlichen Schritt zur Beilegung des Memelstreits erwarteten, Enttäuschung hervorgerufen. Es fei allerdings so gut wie sicher, daß die Todesurteile nicht ausgeführt würden. Präsident Smetana könne als kluger Staatsmann die Todesurteile abändern, ohne das übermäßig betonte Ansehen Litauens zu opfern. In der Tat würde eine großzügige Geste zugunsten der Verurteilten einen großen Teil der neuerdings verlorengegangenen Sympathie für Litauen unter den freundschaftlichen ausländischen Beobachtern wieder Herstellen. Wenn aber eine solche Geste nicht aus- geübt werde, ober wenn sie sich lediglich auf die Todesurteile erstrecken würde, dann bestehe keine Aussicht aus eine Erleichterung der Spannung an der deutsch-litauischen Grenze und im Memelland.
Die presse der Gudeiendeuischen Partei vor der Wahl mundtot gemacht.
Prag, 17. Mai. (DNB.) Am vorletzten Tage vor den Wahlen hat die tschechoslowakische Zensurbehörde das Erscheinen der Presse der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins unmöglich gemacht. Das Hauptblatt der Partei, die „Rundschau" in Asch, ist beschlagnahmt worden. Die gesamte Auslage in Höhe der bereits ausgedruckten 46 000 Stück wurde in Lastwagen weggefahren. Auch eine einseitige Sonderausgabe der „Rundschau", die die Schriftleitung herauszubringen versuchte, wurde beschlagnahmt. Von der Zensurbehörde wurde die in Prag erscheinende „W a h l z e i t u n g" der Sudetendeutschen Partei ebenfalls beschlagnahmt, so daß es dieser Partei im letzten Augenblick unmöglich gemacht ist, auf die Angriffe der Gegner zu antworten.
Börsenmanvver
um den 5ran)ösiscden Franken.
P a r i 5, 17. Mai. (DNB.) Die Pariser Börse stand unter dem Eindruck der Gerüchte von einer bevorstehenden Abwertung des Franken. Sie wirkten sich vor allem auf die Kurse der französischen S^aatsrenten katastrophal aus, so daß der Finanzminister sich genötigt sah, die Behauptungen zu de»


