dadurch aus dem allgemeinen Rahmen herausgetreten fein, Deutschland namentlich genannt und dem Rat somit die Rolle eines Gerichtshofes zuerteilt habe. Die Annahme dieses Teiles würde die Versöhnungsaufgabe des Völkerbundsrates beinträchtigen. Er könne daher seine Zustimmung zu der Entschließung nur dann geben, wenn dieser Teil eine entsprechende Aenderung erfahren. So aber sei ihm das nicht möglich.
Ser Vertreter Portugals erklärte, daß zwar die Förderung der kollektiven Sicherheit in Europa nur dann möglich sei, wenn ein Vertragsbruch unmöglich gemacht werde, daß er aber dem Beschluß von Sanktionen sehr skeptisch gegenüberstehe. Besonders Maßnahmen wirtschaftlicher Art träfen oft beide Teile und verlören daher den Charakter einer Strafe. Im übrigen gehöre Portugal zu den Staaten, die es begrüßen würden, wenn gewisse Länder, die durch ihre Bedeutung einen wichtigen Platz in der europäischen Friedensorganisation einzunehmen berufen seien, zum Völkerbund zurückkehrten.
Der türkische Außenmini st er erklärte, daß eingegangene Verpflichtungen gehalten werden müßten und die Türkei deshalb der En t - schließung zustimme. Als Ratspräsident stelle er den Entschließungsentwurf nunmehr zur A b st i m m u n g.
Die Abstimmung.
Annahme der Entschließung bei Stimmenthaltung Dänemarks.
Es meldete sich der dänische Außenminister Munch erneut zu Wort und brachte zum Ausdruck, daß ihm die Ablehnung der von ihm vorgeschlagenen Aenderungen dazu bestimmen müßte, sich bei der Abstimmung seiner Stimme zu enthalten. Er gab jedoch der Hoffnung Ausdruck, daß die Entschließung dennoch das Ziel erreichen würde, zu der so notwendigen Befriedung Europas beizutragen und zu einem Uebereinkommen aller Großmächte zu führen. Litwinow erklärte, daß er der Be
schränkung der Bestimmungen gegen Vertragsbruch aufEuropa nicht zustimmen.könne. Solche Maßnahmen müßten auch auf die übrigen Weltteile ausgedehnt werden, da sonst der Eindruck entstehe, daß die außereuropäischen Verträge ohne weiteres verletzt werden dürften. Der englische Außenminister Sir John Simon erklärte dazu in ziemlich scharfem Ton, daß es nicht Sache der Ratsenschließung sei, die Aufgaben des einzusetzenden Ausschusses zu beschränken. Die besondere Erwähnung Europas in der Entschließung sei vollkommen erklärlich durch die Bedeutung, die die hier aufgeworfene Frage in erster Linie für Europa habe. Er könne einer Aenderung der Entschließung im Sinne der Wünsche Litwinows daher nicht z u st i m m e n. Durch eine Erweiterung würde die Entschließung ihrer Kraft und Wirkung verlieren. Ziemlich erregt fügte er hinzu, man befinde sich hier vor einem praktischen Problem, das eine praktische Lösung verlange und das nicht mit leeren Formeln in ein so erweitertes Gebiet getragen werden könne, daß es daran wirkungslos zerschelle. Kurz vor 13.30 Uhr wurde die von Frankreich, England und Italien eingebrachte Entschließung vom Völkerbundsrat bei Stimmenthaltung Dänemarks angenommen.
Der französische Außenminister erklärte nach der Abstimmung, der Rat habe seine Verantwortlichkeiten übernommen. Er habe den Vertragsbruch ausdrücklich verurteilt. Er habe nun die angenehme Pflicht, dem Rat im Namen Frankreichs für die Erfüllung feiner Aufgaben zu danken. Einem unruhigen Europa werde Frankreich weiter feine Hilfe zur Sicherung des Friedens leihen. Durch Taten, wie die in Rom, London und Strefa beschlossenen, werde Frankreich weiter dem Frieden dienen.
Der Völkerbundsrat hat dann in geheimer Sitzung den Ausschuß ernannt, der sich nach der Entschließung mit der Prüfung der Frage der Sanktionen gegen zukünftige Vertragsbrüche befassen soll. Der Ausschuß wird aus Vertretern folgender 13 Staaten bestehen: England, Kanada, Chile, Spanien, Frankreich, Ungarn, Italien, Holland, Polen, Portugal, Türkei, Sowjetrußland und Südslawien. Der Ausschuß soll dem im Mai zu seiner ordentlichen Tagung zusammentretenden Völkerbundsrat Bericht erstatten. Im übrigen hat der Rat den Beginn der ordentlichen Maitagung vom 13. Mai auf den 20. Mai verschoben.
Der Völkerbund
als Vasis der sowjetrussifthen Weltrevolution.
Das doppelzüngige Spiel der sowjetrussischen Außenpolitik.
Berlin, 18. April. (DNB.) Unter den Ueberschriften „Genf als Plattform des Weltbolschewismus" — „Der Völkerbund im Dienste des Politbüros" nimmt der „Völkische B e o b a ch - t e r" ausführlich Stellung zu der Entschließung des Dölkerbundsrates. Die Annahme des ebenso provozierenden wie lügenhaften sog. Stresaer Ent- fchließungsentwurfs durch den Dölkerbundsrat spricht erneut das eindeutige Urteil über dieses Gremium, das feit feiner Gründung ausschließlich dazu gedient hat, dem „sacro egoismo" der Genfer Hauptmächte den Mantel angeblicher Menschheitsinteressen umzuhängen. Insofern bietet die Sitzung des Völkerbundsrates nichts Neues. Sie liefert lediglich dem deutschen Volk wiederum den schlagenden Beweis, wie recht Deutschland daran tat, seine Mitgliedschaft an dieser Institution zu kündigen. Die europäische Politik ist aber mit dem heutigen Tage „um eine neue Schuldlüge bereichert" worden. Das Bild der Genfer Abstimmung bietet nichts Neues. Neu dürfte lediglich für die europäische Politik die Tatsache sein, daß die dort versammelten europäischen Staaten sich ihre Stellungnahme in großen Zügen von dem Außenmini st er des Bolschewismus als Hauptredner formulieren ließen. Wenn Litwinow in Genf gewissermaßen als Wortführer der Völkerbundspolitik aufgetreten ist, so dürfte es lediglich von Interesse fein, einzelne Hintergründe zu beleuchten, die die Richtung der Moskauer Außenpolitik bestimmen.
Es seien hier einige Sähe aus dem Beschluß des Politbüros vom 3. April 1935 mitgeteilt, die uns auf besonderem Wege zugehen. Darin heißt es wörtlich: „Das Politbüro WKPB. teilt in vollem Umfang den Standpunkt des Genossen Stalin, daß das Sy st em der Garanti e p a k t e der Sicherheit und gegenseitigen Hilfeleistung für die Sowjetunion in feiner, Weise einen Selb st zweck darstellt, denn der bewaffnete Zusammenstoß zwischen den imperialistischen Gruppierungen in Europa und in Asien bestimmt keineswegs eine automatische aktive Einmischung der UdSSR, in den Krieg voraus, kann sich aber unter gewissen Umständen als die erste Etappe der Reakti
vierung der revolutionären Weltbewegung unter dem Banner der Dritten Internationale erweisen."
Herr Stalin spielte also auch in dieser Sitzung des Politbüros wieder mit der bolschewistischen Lieb- lingsidee der Weltrevolution unter Führung der Dritten Internationale. Und er kennzeichnete in recht offenherziger Weife das Geschrei der Sowjetpolitik über eine angebliche Bedrohung und die Notwendigkeit eines Ostpaktes als reines Täuschungsmanöver.
3n einem anderen Teil des Beschlusses des Politbüros wird erklärt, daß das Büro zu dem einmütigen Schluß gekommen fei, „daß das grundlegende und zentrale Problem für die Parteiführung die Erhaltung der international-politischen Positionen der Sowjetunion bleibt, da die Erhaltung dieser Positionen unter den Bedingungen des gegenwärtigen Augenblicks die unumgängliche Voraussetzung der Lebensgewährleistung der kommunistischen Bewegung ist."
Diese beiden Zitate aus Moskau dürften genügen, um die Haltung der Sowjetunion auch in Genf klar und eindeutig zu beleuchten. Die Erhaltung der international-politischen Positionen der Sowjetunion sieht Litwinow bei der derzeitigen Mächtekonstellation am besten dadurch gewährleistet, daß er sich an dem Theater des Genfer Völkerbundes beteiligt, über das er sich im Innern als Außenkommiffar der bolschewistischen Weltrevolution zweifellos höchstlichst luftig macht. Die Erhaltung dieser Positionen selbst aber dient nach dem weiteren Geständnis der Moskauer Gewalthaber lediglich dazu, eine neue Basis für die W e i t e r t r e i b u n g der W e l t r e v o l u t i o n zu schaffen. Die Genfer Ratsmächte befinden sich also in einer ihrer würdigen Gesellschaft. Deutschland hat zu diesem Genfer Schauspiel und zu der Physiognomie dieses Völkerbundrates nichts mehr zu sagen. Der Völkerbund hat sich mit feiner heutigen Tagung selbst die stärkste Ohrfeige gegeben. Er hat sich als Tribüne des Pariser Militarismus und der Moskauer Bolschewisierung selbst endgültig als Institution einer europäischen Politik ausgeschaltet.
Der Völkerbund seines letzten Prestiges beraubt.
Heuchlerische Sophistik und Faustrecht im unversöhnlichen Kamps mit der Gerechtigkeit.
Vernichtendes Urteil schwedischer Blätter.
Die nordischen Länder mit Munch solidarisch.
Stockholm, 17. April. (DNB.) Die meisten schwedischen Blätter unterstreichen mit Genugtuung und Befriedigung die mannhafte Haltung des dänischen Außenministers Munch in Gens, der sich als Sprecher der nordischen Länder der französischen Erklärung gegen Deutschland widersetzt habe. Durchweg bringen die Blätter hierbei zum Ausdruck,, daß es den nordischen Ländern vor allen Dingen um d i e Stellung des Völkerundes gehe, der durch die Politik der Großmächte, insbesondere Frankreichs, zu einem Instrument deren politischer M a chti nte r e f se n h e r a b ge w ürd igt und mißbraucht worden sei. Nach „N y a D a g- ligt Allehanda" fei der Völkerbund von einer allgemeinen Organisation zur Aufrechterhaltung des Friedens zu einer einseitigen politischen Machtgruppierung umgewandelt worden. Das Urteil über den deutschen „Vertragsbruch" sei ein Urteil über den Völkerbund, der ein Areopag für den Ausgleich von internationalen Interessengegensätzen sein
soll. Diese Versailler Methoden hätten dem Völkerbund den letzten Re st seines Presti- ges geraubt. Ankläger und Richter hätten von derselben Tribüne gesprochen, wobei der Angeklagte nicht einmal eingeladen worden sei, sich zu verteidigen. Es habe sich diesmal weder um Recht noch um Gleichheit gehandelt. Was in Genf geschehen sei, das sei der Aufbau eines gegen Deutschland gerichteten Allianzsy- st e m e s gewesen. Das habe nichts mehr mit den internationalen Rechtsgrundsätzen zu tun. Das Verhalten der Großmächte in der Abrüstungsfrage, insbesondere im Hinblick auf Deutschland, charakterisiert das Blatt mit dem bekannten biblischen Spruch vom Splitter und dem Balken im Auge.
Fast dieselben Gedanken werden auch im „21 f t o n- Habet" vertreten. Die französische Erklärung habe keinen anderen Zweck, als mit heuchlerischer Sophistik die demütigenden Bestimmungen von Versailles gegen Deutschland erneut aufrechtzuerhalten. Indessen sei im Friedensvertrag von Versailles nicht die geringste Spur von Gerechtigkeit und Heiligkeit zu finden. Der Versailler Vertrag sei viel eher eine Anwendung des F a u lt r e ch t e s, das im unversöhnlichen Kampf mit der Gerechtigkeit liege. Im Hinblick auf
einen solchen Friedensvertrag und des Verhaltens der Großmächte nach dem Grundsatz des zweierlei Maß sei es Deutschlands moralische Pflicht als Nation gewesen, diese unwürdige Bestimmung abzuschütteln. Wenn Wehrpflicht eine Kriegsgefahr bedeute, um wieviel mehr seien denn die erhöhten Rü st ungen Frankreichs, Italiens und Sowjetrußlands eine Kriegsgefahr? Die Forderungen, die diese Mächte Deutschland gegenüber stellten, bezeichnet das Blatt als kindliche und alberne Ansprüche und zählt hierbei oll die Versäumnisse wie in Bezug auf Wilna, Memel und andere auf. Die nordischen Außenminister handelten gemäß der wirklichen Aufgabe des Völkerbundes und täten das, was Vernunft und Anständigkeit erforderten.
„Stockholm Tidninge n", das in feiner Stellungnahme die gleichen Gedanken zum Ausdruck bringt, findet es vor allen Dingen überraschend, daß auch Englands Außenmini st er für die Annahme der französischen Erklärung eingetreten fei, obgleich er ja bis jetzt den Wiedereintritt Deutschlands in den Völkerbund gewünscht habe.
Der Aorden solidarisch.
Kopenhagen, 18. April. (DNB. Funkspruch.) Ministerpräsident Staun in g erklärte: Die Hal- tung von Außenminister Munch stimmt vollkommen mit dem Ergebnis der Verhandlungen zwischen den Außenministern der nordischen Länder überein. Wir haben geglaubt, daß es entscheidend sein müsse, den Weg für Deutschlands Rückkehr in den Völkerbund offenzuhalten, und es war unsere Ueberzeugung, daß diese Rückkehr durch die Annahme einer scharfen Erklärung erschwert werden würde. Aus Rücksicht darauf haben wir nicht geglaubt, irgendwelche Verantwortung hierfür mitübernehmen zu können.
Der norwegische Außenminister Professor K o t h erklärte, „ich freue mich sehr über den Standpunkt, den Munch im Völkerbundsrat eingenommen hat, und ich kann mich ihm nur anschließen. Es war nach meiner Auffassung richtig von Dänemark, so zu handeln, und ich kann sagen, falls Norwegen Mitglied des Rates gewesen wäre, hätten wir genau in der gleichen Weise gehandelt.
Macdonald feiert Strefa und die britische Friedenspolitik.
London, 17. April. (DNB.) Ministerpräsident Macdonald gab im Unterhaus eine Erklärung über Stresa ab. Seine Ausführungen enthielten keine Gesichtspunkte, die über das Kommunique hinausgingen. Zu erwähnen wäre feine Aeuße- rung, daß die Rüstungsforderungen Deutschlands von einer derartigen Größe gewesen seien, daß die zahlenmäßigen Voraussetzungen, auf denen die Bemühungen zur Abrüstung beruht hätten, hinfällig geworden seien. Macdonald fuhr fort: „Wir sind nach Stresa gegangen, um frühere politische Erklärungen im Lichte neuer und verschlechterter Verhältnisse zu prüfen. Viele dachten, daß diese Verhältnisse neue Verpflichtungen der britischen Regierung bedeuten würden. Wir haben keine übernommen. Wir haben die Tür für Deutschland offen gehalten, damit es sich als ein aktiver Teilhaber den Bewegungen anschließen kann, die wir geplant haben, um ein Systern kollektiver Sicherheit in Europa zu schaffen, ohne Deutschland seinen Schritt zu verzeihen, im Gegenteil, indem wir ihm klar machten, daß wir ihn als eine ernste Ursache der Unruhe und als einen Schlag für jede internationale Organisation des Friedens und der Ordnung ansehen, haben wir zu erkennen gegeben, daß unsere Politik weiterhin auf die Satzung des Völkerbundes gegründet fein wird.
In einer Rundfunkrede sprach Macdonald ebenfalls über die Stresaer Konferenz. Großbritannien, Frankreich und Italien haben der Spannung Stand gehalten. Ihre Uebereinftimmung richtet s i ch gegen niemand. Sie verlangen nur, daß sich ihnen die anderen bei der Aufrechterhaltung des Friedens und bei der Beseitigung von Drohungen gegen die Sicherheit irgendeines Staates a n - schließen. In einigen Kreisen glaubte man, daß
die britische Nation ihr Betrauen in den endgültigen Triumph des Friedens mit der lieber« nähme neuer Verpflichtungen bezahlen müßte. Ich freue mich, versichern zu können, daß nicht eine Spur einer besonderen Verpflichtung übernommen worden ist. Ihr tragt heute keine Last, die ihr nicht an dem Tage vor unserer Abreise nach Stresa getragen habt. Die drei Stresamächte bekräftigten erneut ihre Entschlossenheit, sich an jeder greifbaren Bemühung für die Förderung einer Vereinbarung zum mindesten über die Begrenzung der Rü st ungen zu beteiligen. Ihr könnt versichert bleiben, daß keine von ihnen, und am wenigsten England, eine einzige Gelegenheit zur Fortsetzung der Besprechungen mit Deutschland als Partner versäumen wird. Ich brauche meine eigene Hingabe für den Frieden nicht zu wiederholen. Aber es besteht ein Unterschied zwischen dem Friedliebenden und dem Friedensmacher. .
Der Friedliebende sitzt an seinem Kamin, träumt von dem, was er getan haben möchte, und ist getröstet, weil er in einer unwirklichen Welt feiner eigenen Erfindung lebt, in der alle praktischen Schwierigkeiten ausgeglichen sind. Der Friedensmacher aber hat den Tatsachen ins Gesicht zu blicken. Er hat allen Schwierigkeiten einer Welt gegenüberzustehen, von der ein großer Teil keinen leidenschaftlichen Friedenswillen hat. Manchmal mag man hoffen, und manchmal mag man enttäuscht sein. Trotzdem ich mich zur Enttäuschung bekenne, habe ich kein 2ltom meiner Hoffnung aufgegeben. Denn durch die herabsinkenden Wolken sehe ich den Sonnenschein. Die Konferenz von Stresa wird bestimmt helfen, die Wolken zu zerstreuen und die Sonne durchbrechen zu lassen, wenn ihr Geist erhalten, ihre Beschlüsse befolgt und ihr Zweck nicht gefährdet wird.
Gedämpftes Scho in England.
Times" erinnert an die Vorgeschichte des Versailler Diktats.
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London, 18. April. (DNB. Funkspruch.) Der liberale „News C h r o n i c l e" drückt die Hoffnung aus, daß der bedauerlicherweise inder deutschen Presse entstandene Sturm nur von kurzer Dauer sein und daß Deutschland die Aeuße- rung des Premierministers Macdonald würdigen werde, wonach der Abschluß einer allgemeinen Regelung mit Deutschland nach wie vor oas Ziel der Stresa-Mächte bleibe und daß die Tür für Deutschlands Rückkehr nach Genf nicht geschlossen sei. Das Arbeiterblatt „Daily H e r a l d" sagt, die unmittelbare Folge der Stresa-Entschließung sei nur zu offenbar. Die Aussichtaufeine Rückkehr Deutschlands nach Genf rücke in die Ferne. Dieses Ergebnis werde von allen Leuten begrüßt werden, die die Bildung eines Systems von antideutschen Bündnis- s e n wünschten. Von allen Anhängern eines wahren Kollektivsystems aber werde es bedauert werden.
Das System der kollektiven Sicherheit dürfe sich nicht zu einem bloßen System antideutscher Bündniffe oder zu einer „heiligen Allianz" herunterentwickeln, einer Allianz, in der drei Großmächte, wenn auch unter Bezugnahme auf den Völkerbund, tatsächlich eine gemeinsame Diktatur in den europäischen Angelegenheiten ausüben und unter dem Schuhmantel der „Sicherung des Friedens" ihre eigenen Ziele verfolgen.
„Time s" meint, gegen den Inhalt der gestern angenommenen Entschließung von Genf sei an und für sich nichts einzuwenden. Die Aufnahme der Nachricht in Deutschland allerdings erwecke ernste Zweifel, ob irgendein sofortiger Fortschritt möglich sei. Die Erklärung der Entschließung, daß Deutschland es unterlassen habe, die allen Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft obliegende Pflicht der Achtung vor ein- gegangenen Verträgen zu erfüllen, sei unwiderlegbar. Aber sie enthalte nicht die ganze Wahrheit und werde naturgemäß in Deutschland als ein Beweis betrachtet, daß der Völkerbund nach wie vor ein williges Werkzeug in den Händen der Siegermächte sei. Es ist bedauerlich, daß eine Körperschaft rote der Völkerbundsrat keine Rücksicht aus die besonderen Umstände genommen hat, unter denen Deutschland feine Verpflichtungen eingegangen ist.
Ls würde den Ruf des Völkerbundes als un- parleiifche Körperschaft erhöht haben, wenn sich zum mindesten eine Stimme erhoben hätte, um an die Art und Weise zu erinnern, in der dieser besondere Vertrag auferlegt worden ist. Deutschland hat ihn unterzeichnet, buchstäblich unter Bedrohung mit einer Bajonett- spitze. Die Deutschen haben sich erst zur Unterzeichnung entschlossen, als Marschall Fach Weisung erhalten hatte, den Einmarsch in Deutschland binnen drei Tagen vorzubereiten. Diese Tatsachen sind den Deutschen in die Seele gebrannt. Die
nationalsozialistische Bewegung ist zum größten Teil eine Empörung gegen Versailles. Bevor diese grundlegende Tatsache nicht voll in Rechnung gestellt wird, wird es keinen wahren Frieden in Europa geben. Augenblicklich muß der Friede zweifellos durch eine enge Verbindung der Mächte aufrechterhalten werden, die mit den Lrgebniffen des Krieges zufrieden find. Aber der Fried- wird so lange nur ein unbehaglicher Waffenstillstand bleiben, bis die Mächte ihr Hauptziel nicht mehr in der negativen Politik der Organisierung der Sicherheit gegen den Krieg, sondern in der positiven Politik des Abschlusses eines
vereinbarten Friedens erblicken.
„Daily Telegraph" erklärt, Macdonald habe die wesentlichen Punkte des Strefa-Kommuni- quss eindrucksvoll herausgearbeitet. Besonders wünschenswert sei die Mitarbeit Deutschlands. Wenn Deutschland sie wolle, stehe ihm die Tür offen. Sei es zu ihr nicht bereit, so würden „die Mtionen, die guten und ehrenhaften Willens sind", ihre Weg trotzdem fortsetzen. Das Blatt unterstreicht dann die Erklärung, daß Großbritannien hinsichtlich des Ost- und Donaupaktes keine neuen Verpflichtungen eingegangen sei, und lebt die „G e r e ch t i g- k e i t und Mäßigung" der gestrigen Entschließung hervor. Es habe keinen einzigen Staat gegeben, der es über sich gebracht hätte, das „Pflichtversäumnis" Deutschlands zu leugnen. Die Handlungsweise Polens sei von ganz besonderer Bedeutung. Kein Staat in Europa habe durch „einseitige Kündigung" von Verträgen mehr zu verlieren als Polen. Polen habe gestern sein Gewissen und seine Unabhängigkeit bezeugt.
polnische prefsestimmen.
Warschau, 18. April (DNB. Funkspruch). Die offiziöse „Gazeta Polska" schreibt, in Genf habe es sich um eine formale Frage, die Erledigung der französischen Klage und um die wesentliche Frage gehandelt, welche Methode der internationalen Z u - fammenarbeit möglich sei, nachdem die bisherigen Methoden, die europäischen Probleme in engerem Kreise zu erledigen, seit Locarno zu dauerndem Mißtrauen geführt haben. Die A b st i m - m u n g über die Entschließung der drei Westmächte sei die Erledigung einer formalen Fraae gewesen, da die Entschließung keinerlei praktische Richtlinien enthalte. Bei dieser formalen Erledigung habe es sich nicht um Grundsätze, sondern um Den Gesichtspunkt des Praktischen gehandelt. Von diesem Gesichtspunkt aus sei es wichtig gewesen, diese Frage abzuschließen, um kein neues Chaos zu schaffen.
Das Militärblatt „Polska Z b r o j n a" sagt: das mittlere Osteuropa, das die zwei Locarno- Perioden der Großmächte mit Schweigen übergangen hätte, sei infolge der polnischen Bemühungen in eine Periode der Stabilisierung und normaler nachbarlicher Beziehungen gelangt. Polen fordere, daß die polnische Sicherheit^ die es durch


