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mit den harten Gesichtern, dem festgeschlossenen Mund, mit dem heißen Willen zu sterben. Und aus der Erinnerung an jene wächst in uns ein Gefühl tiefster Dankbarkeit für solchen Opfermut. Ein kleines Zeichen unseres unauslöschlichen Dan­kes ist es, daß unter Führung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge seit vielen Jahren und mit großen Opfern und Mühen überall dort, wo deutsche Krieger fielen, Mahnmale errichtet wurden, die ewig Zeugnis geben sollen von deut­schem Heldentum, deutscher Treue und deutscher Art. Aber damit ist es nicht genug, daß mir die Gräber schmücken.

Euer Tod, ihr deutschen Frontkämpfer, fordert den ganzen deutschen Menschen, seinen ganzen

i Willen, euer Erbe zu hüten, zu wahren, zu i mehren, die heilige Saat zu ernten. Eure Stimme aus fernen Gräbern klingt laut und

| vernehmlich an unser Ohr:Seiö einig, seid treu, seid unerschütterlich im Glauben an Deutschlands Größe". Der Frontkämpfer Adolf Hitler hat sie vernommen, er hat ihre Mah­nung in unsere köpfe eingehämmert, täglich, stündlich, mit der ganzen Wucht seiner großen Persönlichkeit. Lr ist das Flammenzeichen, das lohende Fanal, der Wegbereiter für Gegenwart und Zukunft geworden. 3n ihm hat sich das deutsche Volk aus seiner Zerrissenheit geeint zusammengefunden. Und wenn wir heute diesen Tag mit allen Volksgenossen gemeinsam be­gehen, so ist das sein Werk. Er hat die deutsche Volksgemeinschaft geschaffen, nachdem er die Parteien zertreten hatte. Wir kennen keinen Klassenkampf mehr, wir kennen nur noch Deutsche. Neben dem Soldaten marschiert in gleichem Schritt und Tritt der Arbeiter und Dauer, alle von demselben unerschütterlichen Willen erfüllt: Alles für Deutschland! Der Staat Adolf Hillers ist getragen vom ganzen Volke, ihn stützen als mächtige Säulen die Wehrmacht und die nationalsozialistische Bewegung.

Und die Früchte dieses gewaltigen Zusammen­schlusses aller Deutschen zeigen sich bereits. Deutsch­land ist nicht mehr ohnmächtig dem Willen mäch­tiger Nachbarn ausgesetzt. Wir lassen uns nichts mehr diktieren. Wehe denen, die es wagen sollten, uns anzugreifen. Sie werden ein einiges Volk wiederfinden, das ent­schlossen ist, um jeden Fußbreit seines heiliaen Bodens zäh und verbissen zu kämpfen. Wir wollen den Frieden, aber einen Frieden der Ehre und der Gleichberechtigung. Und im Innern sehen wir ebenfalls ein gewaltiges Auf­bauen. Millionen deutscher Volksgenossen haben wieder Arbeit und Brot gefunden. In Millionen Herzen ist damit wieder Glaube und Zuversicht ein­gezogen nach dem Elend und dem stumpfen Trüb­sinn der Jahre vorher. Millionen Hände regen sich wieder, Millionen geben und spenden, um den Aermsten der Armen zu helfen. Ein Wunder für- wahr, für das wir ewig danken müssen, aber auch eine heilige Verpflichtung, nicht zu ruhen und zu rasten, bis das Werk vollendet ist.

Die Saat ist aufgegangen, das Vermächtnis der Toten des Weltkrieges wird erfüllt werden, nun können wir wieder frei und offen an ihren Gräbern stehen.

Das Blut aller derer, die im Glauben an Deutsch­lands Größe gefallen sind, ist nicht vergeblich ge­flossen. Das walte Gott!

Mit dem LiedeIch hatt' einen Kameraden" fand die Gendenkfeier auf Oswaldsgarten ihren Ab­schluß.

Hierauf folgte der Abmarsch der Garnison nach dem Brandplatz, wo sie sich zum Vorbeimarsch vor ihrem Kommandeur am Gefallenendenkmal der 116er auf dem Landgraf-Philipp-Platz bereitstellte. An dem Denkmal stand zu Ehren der Gefallenen in der Zeit von 8 bis 13 Uhr ein Doppelposten unse-

rer Garnison, ferner war von dem Standortälte­sten ein Kranz niedergelegt worden, ebenso hatten der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und zwei weitere Organisationen Kränze zu Ehren der Gefallenen an dem Denkmal niedergelegt.

Der Vorbeimarsch der Garnison

vor ihrem Kommandeur erfolgte mit der wunder­baren Exaktheit und dem Schneid, der unseren Sol­daten in allen Dingen des Dienstes eine Selstoer- ständlichkeit ist. Nach einer neueren Anordnung des Reichswehrministers aus Anlaß der allenthalben freudig begrüßten Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland durfte als Ausdruck der Freude über den dankenswerten Beschluß des Füh­

rers auch bei diesem Vorbeimarsch das Spiel ge­rührt werden, so daß sich dieses glänzende militä­rische Schauspiel unter den Klängen der begeistern­den Militär-Marschmusik abspielte. Den Kolonnen der Truppen schlossen sich Teile der auf Oswaldsgarten mit aufmarschierten nationalen Verbände zum Vor­beimarsch vor dem Standortältesten an. Eine rie­sige Menschenmenge war auch hier zugegen, um sich an der vorbildlichen Haltung unserer Garnison zu erfreuen und zugleich ihre enge Verbundenheit mit unseren Soldaten zu bekunden.

Nach dem Vorbeimarsch als Schluß der Gedenk­feier wurden allenhalben die Fahnen auf G a n z st o ck gehißt, um hierdurch die Freude der Volksgenossen über unsere wieder gewonnene Wehr- freiheit zum Ausdruck zu bringen.

Aus der provinzialhaupistadt.

Aufruf

an alle Betriebssichrer und Meister!

In der Woche vory 18. bis 23. März ist Deutsch­lands schaffende Jugend in den Städten und Dör­fern, in den Fabriken und Schulen zum großen Leistungswettbewerb angetreten. Hunderttausende von Jungen und Mädels aller Berufe dienen in diesen Tagen freudig und selbstlos ihrem Beruf und damit ihrem Volk. Idealismus und Hingabe der Jugend aber müssen von Betriebsführern und Meistern ge­hegt und gepflegt werden, denn wer Einsatzbereit­schaft fordert, muß auch bereit sein, mit gutem Bei­spiel voranzugehen. Ich richte deshalb an alle Be­triebsführer und Meister den dringenden Appell, den Wettkampfteilnehmern am Tage des Wettkamp­fes freizugeben und ihnen den Lohn fortzuzahlen. Kein Junge und kein Mädel darf an diesem Tage wegen Löhnausfalles oder ähnlicher Hemmnisse dem Wettkampf fernbleiben. Helfen Sie mit, daß der 2. Reichs-BerufLwettkampf der deutschen Ju­gend ein voller Erfolg wird.

Becker, Landesvbmann der NSBO., Gauwalter der DAF.

Würdige Heldengedenkfeiern.

Aus zahlreichen Orten der Provinz Oberhessen und der benachbarten preußischen Kreise liegen uns heute früh Berichte über den Verlauf der gestrigen Heldengedenkfeiern vor. Aus allen. Berichten konn­ten wir entnehmen, daß die Feiern überall in ein­drucksvoller Weife verliefen und der heldische Opfer­tod unserer gefallenen Brüder allenthalten die ver­diente dankbare Würdigung gefunden hat. Auch in den Gottesdiensten wurde in schöner Weise der Ge­fallenen gedacht und die Gemeinde zu unauslösch­licher Dankbarkeit für dieses gewaltige Opfer auf­gefordert. Mit den nationalen Organisationen ver­einigten sich überall die übrigen Volksgenossen zu diesen Feierstckttden, um dadurch zugleich Zeugnis abzulegen für die innige Verbundenheit aller deut­schen Menschen in dem großen Gedanken und Ge­löbnis des treuen, opferfreudigen Zusammenstehens für Führer, Volk und Vaterland.

Von dem Abdruck von Einzelberichten aus den verschiedenen Orten müssen wir mit Rücksicht auf den durch die gewaltigen Ereignisse dieser Tage be­sonders stark in Anspruch genommenen Raum und auch in Anbetracht der Gleichartigkeit aller Feiern absehen.

Der Seidelbast.

Der Seidelbast, Daphne Mezereum, ist der schönste und reichblühendste Strauch des ersten Frühlings. Schon im Februar verfärben sich dis dicht um die Zweige sitzenden Blütenkno-spen braun­rot und entfalten sich je nach der Witterung An­fang bis Ende März. Erst nachdem die Blüten ab- gefällen sind, kommen auch die Blätter zur Ent­wicklung.

Das Vorkommen dieser auffallenden Pflanze, die einen etwa meterhohen, wenig verzweigten Strauch

bildet, sind feuchte Laub- und Mischwälder, nament­lich. in Gebirgsgegenden. Der Seidelbast ist unter Naturschutz gestelÜ. Wer die Pflanze be­schädigt oder aus gräbt, macht sich strafbar. Auch die im August reifenden Früchte locken zum Mitnehmen; auch dies ist verboten.

Der Seidelbast ist in allen Teilen giftig, besonders die Rinde und die Früchte. Schon darum, aber auch wegen der Nachstellungen der Blumenliebhaber kann der Seidelbast in öffentlichen Gärten und An­lagen nicht angepflanzt werden. Ein größeres Exemplar davon, das eine Höhe von etwa andert­halb Meter und den entsprechenden Umfang er­reicht hatte, stand früher im hiesigen Botanischen Garten. Es wurde zuletzt während der Blüte der­art zerrissen und zerzaust, daß die Pflanze einging. Besser paßt der schöne Frühlingsblüher in den ge­schützten Privatgarten, wo er wochenlang überreich blühend eine besondere Zierde bildet. Man kauft den Zierstrauch, der als Gartenbürger viel buschiger und schöner als im Walde wächst, in größeren Baumschulen. Für Steingärten ist die niedrigere Alpenform zu empfehlen.

Nordische Vögel im Bergwerkswald.

Ein Spaziergang nach der langgestreckten, mit Kie­fern und Ginster bestanden en Bergwerkshalde bietet den Volksgenossen, die im südlichen Stadtteil woh­nen, Erholung von der Einseitigkeit ihres Berufs und Ablenkung von dem Aufenthalt in den Kranken­sälen der Kliniken. Dieser Tage, als die Sonne stellen­weise schon recht warm schien, ga des dort ein Er­lebnis besonderer Art. In der Nähe der Halde strich ein Schwarm finkenartiger Vögel umher, der sich beim Näherkommen als ein Zug Bergfinken (Fringilla montifringilla) erwies. Ein Teil der Vö­gel hatte sich in dem Gehölz der Halde niedergelas­sen, während sich der andere Teil futtersuchend auf den Feldern umhertrieb. Vorsichtig pürschte ich mich an die im Gehölz sitzenden Vögel heran. Auf ein­mal stand ich inmitten des gesamten Schwarmes. Durch das Auftauchen eines Raubvogels waren d-e auf den Feldern umherstreifenden Vögel ebenfalls veranlaßt worden, in den Bäumen und Sträuchern Deckung zu suchen. Jede Kiefer und jeder Dornbusch war nun mit den schönen Vögeln besetzt, die, mich zwar vorsichtig betrachtend, bald die Luft mit ihrem zirpenden Gesang erfüllten. Etwa zehn Minuten lang dauerte das Konzert dieser in den halbver­krüppelten Birken- und Na de lholz wal du nge n Nord­europas und Nordasiens zahlreich brütenden Finken. Brehm nennt den Gesang des Bergfinkenein erbärmliches Gezirpe, ohne Wohlklang , aber mir will scheinen, daß dies Urteil doch übertrieben ist. In die großen nordischen Weiten mag das einfache Lied" gar nicht so übel passen. Bis dicht vor mir saßen die lebhafter als unser Buchfink gefärbten Vögel. Kopf, Nacken und Rücken sind beim Männ­chen tief blau schwarz gefärbt, Kinn, Kehle, Brust und Flügeldecken rostrot, Bauch und Bürzel weiß. Ueber den blauschwarzen Flügeldecken verlaufen zwei lichte gelbliche Querbänder, die inneren Flügel­decken sind von schwefelgelber Farbe. Das Weibchen

ist, wie bei unfern Buchfinken, unscheinbarer gefärbt als das Männchen.

Der Bergfink ist in Deutschland regelmäßiger Wintergast und erscheint manches Jahr in ungeheu. ren Flügen. Borggreve hat 1860 aus dem höck- sten Kamme >des linksrheinischen Gebirges eine solche großeWolke" von Bergfinken beobachtet, die von ihm beobachtete Dvgelansammlungen selbst in vogel- reichen Gebieten übertroffen hat. Auch im Winter 1905/06 sind gewaltige Mengen von Bergfinken im südwestlichen Deutschland beobachtet worden. Ver­einzelte Bergfinken bleiben im Winter bei uns und gesellen sich dann mit Buchfinken zusammen. Mehr- mals kamen solche kleine Gesellschaften an den Futterstellen in den hiesigen Anlagen zur Beob­achtung.

Auf ihren Durchzügen folgen die Bergfinken sicht­lich den Laubwäldern der Mittelgebirge. Sie neh- men sich Zeit auf ihrer Frühjahrsreise und treffen gewöynlich nicht vor Ende Mai auf ihren Brut- Plätzen ein. In Buchenwäldern kann der Bergfink, wenn er in riesigen Schwärmen dort einfällt, durch Verzehren der Bucheckern Schaden veruchachen. Aber dieser Umstand war sicher kein Grund dafür, daß man früher in Südwestdeutschland stellenweise dieBöhämmer" oderQuäker", wie sie nach ihrem Lockruf genannt werden, nachts beim Laternenschem

Jeder Volksgenosse muß das Gießener Hlofaif- abzeichen des WHW. tragen!

mit dem Blasrohr von den Bäumen herunterholte und in den Kochtopf wandern ließ. Unfern nordi­schen Gästen und Durchzüglern, die uns zeitweise die Natur unserer Heimat bereichern, gebührt ebenso Schutz und Hege, wie unfern einheimischen Sing­vögeln.

Oeuische Arbeitsfront.

Berufsgruppenamt.

Am Dienstag und Mittwoch dieser Woche fallen sämtliche Lehrgänge wegen dringender Arbeiten zum Reichsberufswettkampf aus.

Reichslufischutzbund, Ortsgruppe Gießen.

Vom 19. März bis 23. März wird in Berlin eine große Luftschutzübung mit Verdunkelungen eines Stadtteiles durchgeführt. Anläßlich dieser Luftschutzübung werden verschiedene Rundsunk- Uebertragungen stattfinden. Am 19. März 1935 findet die erste Sendung in der Zeit von 21.50 bis 1 Uhr statt.

Der Reichsluftschutzbund weist alle Volksgenossen, insbesondere seine Mitglieder und Amtsträger, auf diese Uebertragung hin und bittet alle Rundfunk­hörer, die Teilnahme an der Sendung möglichst vielen Volksgenossen zugängig zu machen.

VHC. Gießen.

Man berichtet uns vom VHC.: Mit banger Sorge hatten viele von uns das Wetter beobachtet, wollte uns doch VHC.-Bruder Geh.-Rat Sommer auf der Märzwanderung am vergangenen Sonntag im Freien einen Vortrag halten. Bis zum Sonntag­morgen hatte sich der starke Sturm, der die Tage vorher gewütet hatte, gelegt, und die Sonne lachte uns schon freundlich zu, als wir mit der Kleinbahn nach Bieber fuhren. Von dort erstiegen wir auf steilem Pfad den Rimberg. Auf der Höhe vor dem Wald sahen wir zu unseren Füßen Bieber und entfernt, im Gegenlicht, wie mächtige Schattenbilder die Burgen Gleiberg und Vetzberg liegen. Nach kur­zem Gang durch Buchenbestand bogen wir rechts ab, und unerwartet sahen wir Hof Haina von der strahlenden Sonne überflutet, einige hundert Meter weiter, an den schützenden Wald geschmiegt, das Forsthaus Haina. An beiden vorbei wanderten wir

Die Lfflandstöchter und ihre Freier.

CRoman von 3. Schneider-Ioerstl

Copyright by Verlag Oskar Meister. Werdau i. Sa.

7. Fortsetzung Nachdruck verboten!

Für Bob waren alle diese Vorbereitungen nicht weiter verwunderlich. Ueberall, wohin die Mutter kam, und wenn es auch nur in einem Hotelzimmer war, das sie vierzehn Tage bewohnte, vollzog sich diese Umwälzung. Die Betten wurden gerückt, Schränke verschoben, die Sessel anders angeordnet, Bilder herabgenommen und wieder aufgehängt, Nippes und Bronzen künstlerisch verteilt. Man wußte nicht, wenn man abends nach Hause kam, ob man nicht an ein Möbel stieß, das am Morgen noch gar nicht dagewesen war.

Möglicherweise stammte daher auch die Unsicher­heit, mit der Bob sich innerhalb und außerhalb der mütterlichen Wohnung bewegte. Sie nannte ihn scherzweise manchmal war es ihr auch bitter ernst einViereck".Denn du hast tatsächlich lauter Ecken, Bob", kritisierte sie,überall stößt man sich an dir!"

Selbst Niels, der doch die verkörperte Nachsicht und Geduld war, hatte dazu gelacht und gemeint, so unrecht hätte dieGnädige" nicht einmal. Aber das werde schon noch. Das Leben schleife einen jeden zurecht.

K^gudines Gesicht erschien unter der Tür und hatte einen komischen Ausdruck, der halb Staunen, halb Aerger verriet. Klaudine zankte:Da sitzt ihr nun, und ich weiß nicht, wo ich zuerst sein soll! Sieh doch ein wenig nach den Packern, Bob! Die wissen ja gar nicht mehr, wo sie alles hinstellen sollen. Und du könntest dich ein bißchen um das Silber kümmern, Luzie. Ich möchte nicht, daß etwas abhanden kommt."

Unten am Tor aber stand James Pick und war­tete auf Margot.Zieht ihr um oder aus?" fragte er belustigt, als sie erschien.

Keines von beiden. Meine Stiefmutter zieht ein", belehrte sie ihn, raffte den Bademantel enger zu­sammen und ging mit James nach dem Fluß hin­unter.

Gare du Nord."

Da war man also! Bob Pöttmes nahm seinen Lederkoffer aus dem Gepäcknetz und schloß eilig den letzten Knopf des Mantels. Die Gegend um Paris war so eintönig gewesen, daß er eingeschlafen und erst knapp vor der Ankunft erwacht war.

Seine Hände suchten nach der Innentasche des Mantels, spürten etwas mollig Warmes und eine rauhe Zunge, die über seine Finger leckte.Brav

sein, Luzie! In einer halben Stunde bekommen wir ein Zu-Hause, mit Milch, Zucker, Weißbrot und was sonst noch ein junges Hundeherz erfreuen kann. Steck' deinen Kopf hinein, mein Liebling, sonst kriegst du einen Stups auf die Nase!"

Bob winkte einem Gepäckträger, nannte das Ho­tel, in dem er ein Zimmer bestellt hatte und dankte im stillen zum ersten Male seiner Mutter für das tadellose Französisch, mit dem er gedrillt worden war.

Noch ehe der Träger nach dem Koffer greifen konnte, hatte ihn schon eine andere Hand an sich genommen. ,Tag, mein Junge! Was staunst du denn so? Du haft mir doch geschrieben: Eintreffe in Paris am 16. Oktober. Da bin ich von Brüssel herübergefahren."

Niels! Niels!" Bobs beide Hände preßten die Rechte des Stiefbruders.Daß du ba bist, Niels!"

Du freust dich also?"

Ueber die Maßen, Niels!" Der ältere Pöttmes bekam nachträglich zwei brüderlich herzliche Küsse auf jede Wange.

Was ist denn das?" fragte er, als eine feuchte Schnauze an feinem Halse schnupperte.Früher hast du immer Teddybären mit dir herumgeschleppt. Jetzt muß es schon etwas Lebendiges sein. Seit wann erlaubt die ,Gnädige' das?"

Eben, weil sie's nicht erlaubt, habe ich ihn bei mir."

Ach so!"

Der Gepäckträger bekam nun den Koffer aus­gehändigt, sowie den Gepäckschein. Bob sah eine dunkel-grüne Limousine vor dem Bahnhof stehen und erkannte sofort Niels Chauffeur, der die Hand an die Mütze legte.Ich wohne im Continental", sagte er zu seinem Stiefbruder gewandt.

Ich weiß."

Auch das weißt du?" staunte Bob.Woher hast du denn alles, Niels?"

Von deiner Mutter. Sie hat sich nämlich bewo­gen gefühlt, mir zu schreiben."

Bobs Gesicht zeigte Verblüffung.Nicht möglich!"

Das habe ich mir im ersten Augenblick auch gedacht. Aber es ist doch so." Niels schob Bob in den Fond des Wagens und kam dann selber nach.- Willst du dem Hund nicht ein bißchen Luft lassen, mein Junge? Wir haben doch schließlich noch keine sibirische tote. Wie heißt er denn eigentlich?"

Luzie". Dabei wurde Bob so rot, daß es Niels unmöglich entgegen konnte.

Wir haben ja durch diese Heirat eine Menge Verwandtschaft dazugekriegt", bemerkte er ironisch. Nun kann deine Mutter sogar mit Töchtern glän­zen. Hoffentlich sind es gut geratene Töchter.

Sehr!" war Bobs hastige Erwiderung.Die jüngste, Luzie, interessiert sich für dich."

Danke." Das hatte derart sarkastisch geklungen, daß Bob erst verschüchtert von dem Bruder abrückte, um sich bann desto enger an seine Schulter zu

drücken.Sie müssen sich ja auch erst an diese Um­wälzung gewöhnen.

Die Erwiderung bestand nur aus einem Achsel­zucken.Uebrigens interessiert dich vielleicht das Schreiben deiner Mutter." Nfels holte es aus seiner Brieftasche und reichte es auseinandergefal­tet dem Bruder.Ich weiß nicht, wieviel daran echt und wieviel falsch ist", meinte er.Du kannst bas jedenfalls besser beurteilen, Bob. Wird sie denn schon alt?"

Wieso?" fragte Bob, und ließ seine Augen über die Zeilen wandern.

Mein lieber Sohn!

Ich zeige Dir hiermit meine Vermählung mit Kaspar Jffland an und bitte Dich, meinem Schritt etwas Verständnis entgegenzubringen. Zugleich bitte ich Dich, daß Du Bob, den Du ja trotz allem in Dein Herz geschlossen hast, auch weiter­hin bemutterst, wie Du es bisher tatest, obwohl es vielleicht nicht das Rechte ist, denn er soll doch endlich einmal selbständig werden. Eben deswegen habe ich ihm ein Semester in Paris vorgeschrie­ben.

Wenn es Dir Du bist ja soviel auf Reisen möglich ist, für ihn ein nettes Quartier zu besorgen, nicht zu weit von der Sorbonne, dann wäre ich Dir sehr dankbar. Bob ist ja unbeholfen. (Bei dieser Stelle wurde Bob glühend rot.)

Dich einmal bei uns zu sehen, darf ich wohl nicht erhoffen. Schon der Umstand, daß drei junge Damen hier sind, läßt Dich sicher ohne weiteres einen großen Bogen um Haslbach machen.

Laß Dir also noch einmal Bob empfohlen sein und sei in aller Zuneigung herzlichst geküßt.

Henriette.

PS. Bob wird fürs erste imContinental" woh­nen."

Ein bißchen sentimental, was?" fragte Niels, den Brief wieder an sich nehmend.

Bob war durchaus nicht dieser Meinung.War­um kannst du sie denn eigentlich nicht leiden?" fragte er naiv.

Das ist ein Irrtum!" sagte Niels etwas heftig. Das heißt, du hast dich falsch ausgedrückt. Ich habe weiter nichts gegen deine Mutter. Wir sind von so verschiedenem Charakter, daß unsere Meinungen immer aufeinanderprallen, ob es sich nun um Gro­ßes oder um Kleinigkeiten handelt." Es gibt einfach kein Verstehen zwischen uns. Sie ist ebensowenig zu Kompromissen geneigt wie ich. Ergo ist es bes­ser, wenn wir eine möglichst große Entfernung zwischen uns legen. Dann geht es leidlich. Uebri­gens sind wir schon da."

Ein Hotelboy sprang hinzu, um den Schlag des Wagens zu öffnen, wurde aber zur Seite gescho­ben.Haben Herr Pöttmes eine gute Reise ge­habt?" Mit diesen Worten neigte sich Niels Die­ner, Gottfried, in das Wageninnere und legte auch die Samtdecke, die über die Knie der Brüder ge­breitet gewesen war, über den Arm.

Du kannst ihm auch den Hund geben", meinte Niels.Das neueste Spielzeug meines Bruders!" erklärte er lachend, als der Diener den Vierbeiner in Empfang nahm.

Er friert ja!" bedauerte Gottfried bas zitternde Wollbündel.Soll er Milch bekommen?"

Milch und Brot! Aber kein Fleisch!" mahnte Bob.Es ist ein Weibchen, heißt ,Luzie' und ist sehr anhänglich. Ich habe solche Angst, daß sie mir hier in Paris kaputt geht. "

Das letzte hatte nur noch Niels gehört. Während sie durch die Hotelhalle schritten, Gottfried mit der Decke und dem Hund voran, sagte Niels gleich­mütig:Das weibliche Geschlecht ist immer zäher. Auch bei Hunden. Hat Brüssel angerufen?" wandte er sich an die junge Dame, die ihn am Treppenabsatz begrüßte.

Dor fünf Minuten, Herr Pöttmes."

Alles in Ordnung?"

Alles, ja. Das Reifebüro hat zwei Plätze erste« und zwei zweiter Klaffe reserviert."

Schön."

Sie sah ihm nach, wie er an Bobs Seite nach den Zimmern schritt und Gottfried, der die Türe offenhielt, zunickte.

Auf Haslbach ging es wie bei einem Uhrwerk, das frisch geölt wurde. Es kam wieder Schwung in das Ganze. Die Oekonomie erhielt die nötigen Hilfskräfte. Das Gutshaus desgleichen. Stuben­mädchen huschten über läuferbedeckte Treppen und Korridore. Die verzweigten Drähte des Klingel­werks liefen jetzt bis zu den Dienstbotenräumen, die im Dachgeschoß liegen.

Henriette hatte auch einen Diener ausgenommen, der nun in der alten Livree des Jfflanoschen Hau­ses seines Amtes waltete. Alles vollzog sich voll­kommen reibungslos, als wäre es immer so ge­wesen. Selbst die Tochter fühlten, wie sehr ihnen die veränderte Atmosphäre zustatten kam.

An Humor hatte es ihnen zwar nie gefehlt, aber nun gesellten sich dazu auch noch die Sorglosigkeit und das immer heitere Gesicht des Vaters, dessen Zusammenleben mit der Stiefmutter sich über Er­warten harmonisch gestaltete.

Im übrigen störte man sich gegenseitig möglichst wenig. Man sah sich beim Frühstück, beim Mittag- und Abendtisch, und wochentags öfter auch noch beim Nachmittagskaffee. Henriette war gegen ihre Stieftochter von einer Freundlichkeit, die jeden Ueberfchwang entbehrte und doch um deren Zu­neigung warb.

Luzie hatte sich längst mit der Stiefmutter aus- gesohnt, begleitete sie häufig nach der Stadt oder zu Bekannten, deren Henriette nicht wenige befaß. Gebiete, auf denen man nicht einer Meinung war, berührte man überhaupt nicht, wie man selbstver­ständlich auch sonst alles vermied, was verhängnis­voll werden konnte.

(Fortsetzung ftigt!)