Hitler-Zugen- und Rundfunk
Der Bann 116 der Hitler-Jugend in Gießen bittet uns um «die Veröffentlichung folgender Zeilen:
Mit der immer weiter fortschreitenden Entwicklung der Technik wurde auch der Rundfunk mehr und mehr ausgebaut und vervollftänidigt. War anfangs fein Aufgabenbereich klein unb begrenzt, so gewann er jedoch im Laufe der Zeit immer größere Bedeutung, als Ausdrucksmittel und Sprachrohr politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Schaffens. Diese Erkenntnisse hatten sich die Novemberparteien insofern zu Nüße gemacht, als sie es meisterhaft verstanden, ihn zur Verbreitung ihrer eigensüchtigen und volkszersetzenden Ideen zu verwenden. In den Jahren vor der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus war es so weit gekommen, daß sich auf sämtlichen Gebieten des öffentlichen Lebens Männer an führende Stellen gesetzt hatten, deren ganzes Denken, Fühlen und Handeln alles andere war als deutsch. Das galt auch in besonderem Maße vom Rundfunk. Sie sind uns zur Genüge bekannt, die Männer des „auserwählten Volkes", jene Clique des Judentums, die schon zu allen Zeiten ihre Aufgabe und Bestimmung darin sah, das Leben der anderen Völker durch ihre planmäßige Zersetzungsarbeit zu stören. Und sie Haden es oft genug bewiesen, daß sie ihre unselige Mission mit allen nur zur Verfügung stehenden Mitteln zu erfüllen bestrebt waren. Mit Schrecken denken wir an die Zeit zurück, in der sämtliche Gebiete ber Kunst von dem zerstörenden Geiste jüdisch- marxistiscyen Gedankengutes durchdrungen waren. Kunst war nur noch ein Begriff, der für eine Schicht geistiger Aristokraten da war. Das Volk verstand nichts davon. Im Rundfunk, im Theater, im Film, in der Literatur, überall zeigte sich das jüdische Wirken, die jüdische Arbeit. Die Folgen waren unübersehbar. Man zeigte dem Volke „Kunstwerke" und gaukelte ihm eine Welt des Scheinbaren vor. Wohl konnte man es beeinflussen, konnte man ihm seine Ideen aufoktroyieren, aber das Endziel wurde nicht erreicht. Und das war die Vernichtung all der Kräfte und Fähigkeiten, die das deutsche Volk vor den andern auszeichnen.
Sie haben das Volk in Klassen zerrissen, haben ihm einen großen Teil seines Selbstvertrauens genommen, aber ihre Gedanken haben nicht die Urtiefen der Volksseele berührt. Trotzdem ist das Unheil, das sie angerichtet haben, ein großes.
Es war daher für die nationalsozialistische Regierung eine Selbstverständlichkeit, daß auch der Rundfunk von jenen Elementen gereinigt und gesäubert wurde. Indem er nunmehr in den Dienst für Volk und Vaterland gestellt wurde, ist er seiner eigentlichen Bestimmung übergeben worden.
Der Rundfunk ist neben der Presse heute das wichtigste technische Hilfsmittel zur Erziehung und Schulung des Menschen in nationalsozialistischem Sinne. Er bringt uns große Geschehen nahe, läßt uns teilnehmen an Aufmärschen, Feierstunden und Festen. Er ist nicht räumlich gebunden, sondern überbrückt vielmehr Grenzen, verwischt Trennungs- linien und knüpft somit ein ünsichtbares Band der Gemeinschaft, das uns alle umschließt.
Die Bedeutung des Rundfunks für die Hitler- Jugend ist dadurch gekennzeichnet worden, daß durch den Willen des Reichsjugendführers eine Abteilung „R" (Rundfunk) in der Reichsjugendführung sowie in sämtlichen Gebieten und Bannen errichtet worden ist. Sie hat die Aufgabe, mitzuhelfen an der gewaltigen Schulungs- und Sozialarbeit, indem sie es ermöglicht, daß Durch Rundfunkübertragungen unser Wollen und unsere Gedanken hinaus- getragen werden zu den vielen Kameraden, dio draußen überall an den Lautsprechern unseren Veranstaltungen zuhören. In Gesprächen, Hörspielen und Hörfolgen, in Funkdichtunaen, Chorspielen und Liedern soll all das unserer Jugend nahegebracht
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und veranschaulicht werden, was große Geister unseres Volkes schufen. Wir wollen wieder in Ehr- furckt vor den Großen unserer Geschichte stehen und wollen klar erkennen, was ihre Taten für uns bedeuten. Wir wollen Vergleiche ziehen zu unserer heutigen Zeit und daraus lernen; denn eine richtige Geschichtsbetrachtung ist mit zum großen Teile Voraussetzung für die Kenntnis des Nationalsozialismus.
Alle diese Veranstaltungen wollen wir aus eigener Kraft und nur durch uns allein durchführen. Dir haben den festen Willen, und besitzen einen Glauben, der Berge verseht. Weil wir aber auch wissen, daß allein Taten überzeugen können und niemals große Worte, wollen wir arbeiten und schaffen.
Wir haben mitgeholfen, ein neues Reich bauen. Unser Erleben war groß und tiefgehend. Die Taten, die wir sahen, waren gigantisch und heldenhaft. Sollte unsere aufnahmebereite Seele nicht fähig sein, aus dieser Fülle des Erlebens heraus unserem Wollen Form und Gehalt zu geben? Man wirft dem Nationalsozialismus oft vor, daß es ihm bis heute noch nicht gelungen ist, seinem Wollen in großen Werken der Kunst Ausdruck zu geben. Dem gegenüber muß aber betont werden, wie Reichsminister Dr. Goebbels schon oft erklärt hat, daß die kommenden Künstler, die unserem Erleben und Schaffen künstlerische Gestalt verleihen, noch heute unbekannt in unseren Reihen marschieren. Unsere
Die Straßenlotterie des Winterhilfswerkes geht weiter. „Hilfe im rechten Augenblick", das haben die grauen Glücksmänner der Straßenlotterie des Winterhilfswerkes unsichtbar auf ihre Kästen geschrieben. Die Gewinnmöglichkeiten für jeden einzelnen sind außerordentlich groß. Selbst der, der eine Niete zieht, wird getröstet durch die Beigabe der hübschen Bildkarten, von denen viele mit der wertvollen Winterhilfswerk-Briefmarke versehen sind, vor allem auch durch den Prämienschein, der zur Teilnahme an der Verlosung berechtigt, die im März in München stattfindet. Aber neben der Freude und Spannung, ob der Losbrief Glück bringt, bleibt die Gewißheit, daß mit dem geringen Betrag von 50 Pfennig für jeden Losbrief unendlich viel Gutes gestiftet wird. Die Einkünfte der Straßenlotterie, die unter der Aufsicht der Reichsleitung der NSDAP., Abteilung Lotterie, München, gespielt wird, kommen restlos dem großen Winterhilfswerk des deutschen Volkes zugute ; werden reftlos eingesetzt zum Kampf gegen Hunger und Kälte.
Jeder, der sich selbst mit einem Glückslos eine Freude bereitet, hilft damit auch seinem Volke.
Die grauen Glücksmänner sind die Soldaten der Winterhilfe.
Ha ft du auch schon ein Los für dein Volk gekauft?
Sturm über Oberheffen.
In der Nacht zum Sonntag und am gestrigen Sonntagvormittag brauste ein heftiger Sturm über Oberhessen und unseren Gießener Bezirk dahin. Der schwere Südweststurm erreichte nach den Messungen von fachmännischer Seite sogar die Stärke 12, einzelne Böen erreichten eine Geschwindigkeit von 30 Sekundenmeter. Zum Teil war der Sturm von starkem Regen begleitet. Im Gießener Stadtgebiet wurden an verschiedenen Stellen Gartenzäune um- aerissen, ferner dürres Holz von den Bäumen geschleudert, im großen und ganzen aber bei weitem
Aufgabe soll es sein, sie herauszufinden und ihr Talent zu fördern. Indem wir die Möglichkeiten zu künstlerischer Entfaltung bieten, ebnen wir den Boden, streuen die Saat, hüten den Keim. Ob die Pflanze einst gedeiht und zum Baume wird, das liegt in dem vom Schicksal ausersehenen und berufenen Menschen selbst.
So brechen wir von vornherein jenem Vorwurf die Spitze ab, der uns der Technisierung der schöp- ferischen Arbeit bezichtigt. Wenn wir auch vorerst noch gezwungen sind, bei unseren Festen und Feiern Stücke aufzuführen ober aus Büchern vorzulesen, bie nicht von uns selbst verfaßt finb, so soll uns bies eine mahnenbe Verpflichtung sein, aus eigener Kraft etwas zu schaffen und zu gestalten. Wir wollen bahin kommen — nachdem nun die Heimbeschaffungsaktion beendet ist —, daß in jeder Einheit ein Rundfunkgerät steht. Unser Ziel aber soll es fein, mittels dieser Rundfunkübertragungen aus allen Teilen des Reiches, die Ideen der Hitlerjugend hinauszutragen in das deutsche Land.
Der Ruf der deukschen Jugend soll erschallen, soll die Dassen aktivieren, soll über die Grenzen dringen und all den Volksgenossen draußen im Auslande Kunde bringen von einer neuen Jugend.
Er soll sie mahnen, ihr Deutschtum heilig zu bewahren, wie auch wir sie nicht vergessen wollen. In diesem Glauben und mit dem festen Willen zur Arbeit wollen wir mithelfen, den deutschen Rundfunk zum Ausdrucksmittel der jungen Nation zu machen. K. R.
nicht so viel Schaden angerichtet als bei dem Sturm, der einige Tage vorher über unser Gebiet hinweg- gina. Wie wir von der Leitung des Städtischen Elektrizitätswerkes hören, waren auch in der elektrischen Stromzufuhr im Stadtbezirk und im lieber« lanbgebiet die Störungen durch den Sturm erfreulicherweise nur vereinzelt und geringfügig. In den Waldungen in der Nähe von Gießen sind zum Teil wiederum ansehnliche Baumbestände, die in dem stark durchfeuchteten Boden nicht genügend Halt hatten, von dem Sturm umgelegt worden. Auf der Landstraße kurz vor Reiskirchen waren mehrere Bäume quer über die Straße gestürzt, so daß der Fährverkehr für einige Zeit unterbrochen werden mußte, bis die Hindernisse beseitigt waren. Aus Eberstadt (Kreis Gießen) wird uns gemeldet, daß der Sturm dort großen Schaden auf dem Friedhof angerichtet hat. Zahlreiche Grabdenkmäler wurden umgestürzt und zerbrachen dabei. Unverschlossene Fenster wurden zertrümmert, ferner riß der Sturm dicke Aeste von den Bäumen glatt ab.
Bauernsiedlung.
Mit einem Vortrag über das zeitgemäße Thema der Bauernsiedlung beschloß bie Vereinigung ber Freunbe bes Seminars für Genossenschaftswesen am Landwirtschafts-Institut der Universität Gießen ihre Winterarbeit.
Der Leiter ber Vereinigung, Dr. Pfaff, unterstrich die Bedeutung der Siedlung vom wirtschaftlichen und vom bevölkerungspolitischen Gesichtspunkt aus. Die heutigen Bestrebungen gehen dahin, die nachgeborenen Bauernsöhne der Landwirtschaft zu erhalten und sie dann, wenn die Heimat ihnen keine Möglichkeit zur Selbständigkeit bietet, an anderen Stellen des Reiches anzustedeln.
Der Referent der Reichsstelle für die Auswahl deutscher Bauernsiedler, Dr. E i s i n g e r (Frankfurt am Main), von der Landesstelle Hessen- Nassau behandelte in sehr interessanter Weise diese Fragen. Er sagte, daß die Erkenntnis einer weitschauenden Staatsführung unsere Regierung vor die Aufgabe stellt, neben der Umschichtung der in
den Industrie- und Großstabtbezirken Beschäftig gungslosen auch eine Neuansiedlung von Bauern durchzuführen. Ihr Ziel ist eine gefunbe Mischung von Bauernhöfen unb Großgrunbbesitzen unter planmäßiger Ausnutzung bes Bodens. Zu diesem Zwecke erfolgt die Aufteilung bes Großgrundbesitzes namentlich dort, wo z. B. jenseits der Elbe oer Einzelbesitz keine restlose Nutzung des Bodens gewährleistet. Die Gesetzgebung hat Einrichtungen geschaffen, bie in Zusammenarbeit mit bem Reichs» nährstanb bie Voraussetzungen für lebensfähige Bauernsieblungen schafft. Dem Reichsnährstand fällt babei die Aufgabe zu, bauernfähige Siedler auszuwählen und sie zu betreuen, die befähigt sind, bas ihnen anvertraute Lanb zum Besten ber Volksgemeinschaft zy bestellen. Bei dieser West-Ostsied- luna bringt die Landesbauernschaft ihre Anwärter in Vorpommern, Brandenburg, der Grenzmark und in Niederschlesien unter. Die tüchtigsten Siedler kommen aus dem Vogelsberg und bem Westerwald. Neben diesen Aufgaben verfolgt das Siedlungsamt die Ziele einer inneren Kolonisation. Neben bem neu erschlossenen Lanb wirb bie Aufteilung von Streulanb unb Pachtlanb unb auch bes von ben Standesherrschaften aufgegebenen Bobens zur Auf- runbung von Erbhöfen benutzt ober für bie Errichtung neuer Bauernstellen verwenbet. In Hessen, das aus dem Gebiete des Siedlungsverfahrens vorbildlich ist, haben Austeilungen schon freiwillig stattgefunden. 1934 konnten rund 20 Bauernstellen im Gau Hessen-Nassau errichtet werden, 30 neue Stellen werden in der Gegend von Bierstadt und im Hessischen Ried geschaffen, so daß insgesamt 50 neue Bauernstellen entstehen.
Dem beifällig aufgenommenen Vortrag schloß sich eine Aussprache an, in bie auch Professor Dr. S e s s o u s unb Dr. Psass eingriffen.
Heiteres Militärkonzert bei „Kraft durch Freude".
Die NS.-Gemeinschast „Kraft durch Freude" in ber Deutschen Arbeitsfront veranstaltete in Gemein- chaft mit der Gießener Militärkapelle unter der Leitung von Obermusikmeister K r a u ß e am gestrigen Sonntagabend ein Konzert, das einen sehr stimmungsvollen Verlauf nahm. Der Saal des Cafe Leib war viel zu klein für die zahlreichen Besucher, so daß viele umkehren mußten. Der Gedanke, die gern gehörte Militärmusik in den Rahmen einer Veranstaltung mit karnevalistischer Prägung einzu- spannen, mußte sich ausgezeichnet auswirken, weil unser Musikkorps unter der Leitung von Obermusikmeister K r a u ß e bei ben Gießenern unb überall sich großer Beliebtheit erfreut.
Mit großem Beifall würbe das Musikkorps empfangen, unb gleich der „Mainzer Narrhalla- Marsch" verhalf der heiteren Laune zum Ausdruck, so daß bald mitgesungen wurde. Die Ouvertüre zur Oper „Orpheus in ber Unterwelt" leitete zu bem humoristischen Fantasiestück „Die Zauberklarinette" über, in ber Herr Breidenbach als Solist reichen Beifall erntete. Nach bem Tanz-Potpourri über bekannte Studentenlieder „Ein Walzer-Kommers" unb einem weiteren Potpourri „Besuch bei Millöcker" war eine karnevalistische Stimmung mit ausgiebigem „Schunkeln" hervorgezaubert, so daß sich Obermusikmeister K r a u ß e zu Beigaben bereitfinden mußte.
Die von ber Gauamtsleitung ber NS.-G. „Kraft durch Freude" aus Frankfurt "für diesen Abend gewonnene Künstlertruppe „Tautners lustige Kumpanei" hatte es nun nicht schwer, mit ihren gesanglichen, humoristischen und tänzerischen Darbietungen die Besucher bei bester Stimmung zu erhalten. Elisabeth Nau w irth als Ansagerin, ober wie sie es verdeutschte „Quasselstrippe", verstand es nicht nur, sich durchzusetzen, sondern auch ihre Scherze anzubringen. Leider kamen die ersten Rheinlieder, darunter das bekannte „Zu Rüdesheim in der Drosselgasse", bei ber Ausgelassenheit im Saale nicht recht zur Geltung. Der in Gießen schon bekannte Karl R o u l wartete mit Couplets in säch. sisch-hessischer unb Nassauer Munbart auf, die die
Aus ber provinzialhaupifiabi.
Helma lächelt.
Kriminalroman von Klothilde von Stegmann. Urheberrochtsschutz: Fünf-Türrne-Verlag, Halle (S.). 9. Fortsetzung Nachbruck verboten!
Währenb er durch die abendlich belebten Straßen Hamburgs zurückfuhr in sein Hotel, um sich umzu- kleiden, sah er nichts von bem fröhlichen Leben unb Treiben Hamburgs. Vor seinen Augen war ein scheues, zartes Mädchenantlitz, waren zwei goldbraune Augen, die mit einem angstvollen unb doch sehnsüchtigen Ausbruck in die seinen schauten. Unb bie Trauer um ben Vater würbe gelinder bei dem Gedanken, daß er mit Helma auf Gernrode zusammen fein wollte.
Da fiel ihm plötzlich auf die Seele: Würde die Welt nicht tuscheln, wenn er mit diesem jungen Menschenkinde allein auf dem einsamen Schlösse fein würde?
Sie war zwar feine Schwester, aber doch nur vor dem Gesetz, nicht nach dem Blut. Und jetzt wurde ihm klar: Er selbst sah Helma nicht an, wie ein Bruder seine Schwester ansah — er sah sie an wie ein junger Mensch ein Mädchen, das er liebt.
Wie war das so schnell möglich? Er hatte das Leben kennengelernt, viele unb schöne Frauen aller Länber hatten feinen Weg gekreuzt, unb mit mancher war er ein Stück bes Lebensweges zusammen gegangen, ohne doch jemals baran zu denken, sich zu binden. Aber Helma, die kleine Schwester, sie war ihm auf einmal teuer und begehrenswert geworden wie keine andere der glänzenden Frauen, die ihm heiße Blicke, Küsse und Zärtlichkeiten geschenkt. Das Sanfte, Aengstliche, bies, was ihn an« mutete wie deutscher, zagender Frühling, hatte ihn mit Allgewalt ergriffen. Vielleicht wäre Helma so gewesen, wie er sie aus ber Kinberzeit in Erinnerung hatte, entschlossen, mutig — er hätte nicht anbers als brüderlich für sie gefühlt. Aber gerade dieses Empfinden, sie brauchte Schutz unb Schirm, ließ sein Herz inniger für Helma fühlen.
Daheim im Hotel packte er feine Sachen vollenbs aus. Enblich hatte er bie Seibe gefunben, die er für Helma mitgebracht. Liebevoll ließ er den weichen, glänzenden Stoff durch seine Hände gehen.
„Kleine Helma", sagte er babei, „wenn bas Jahr der Trauer vorbei ist: Ob dich bieje weihe, weiche Seid? einhüllen wird in das Brautgewand? Ob der Ring, den ich in meiner Brusttasche trage, der Verlokrungsring sein wird, der dich an mich bindet?"
Er schloß die Augen, und wie eine Vision stieg bas Schloß der Väter vor ihm auf, der Rittersaal, in bem bisher alle Frauen der Gernsheims getraut wurden. Würden die Ahnenbilder an ben Wänden auch einmal in Zukunft herabsehen auf sein unb Helmas Glück? Gott mochte es geben. Nur ein
bitterer Tropfen würbe in diese Freude fallen — der Vater fehlte.
Eben hatte er ihn noch wie lebend vor sich gesehen. Träumte er denn schon am hellen Tage? Wußte er denn überhaupt, ob Helma ihn lieben würde? Wer konnte wissen, ob in den Jahren seiner Abwesenheit nicht irgendein anderer Mann bas Herz der kleinen Schwester gewonnen hatte?
Erregt stand er auf, ging in bem Hotelzimmer hin unb her. Aber nein, bas konnte nicht sein. Das Schicksal konnte nicht diese 'herbe Enttäuschung für ihn in Bereitschaft haben. Es würde ihn nicht in die Heimat zurückgeführt haben, um ben Vater und außerbem noch den Verlust seiner ersten, wahren Liebe zu betrauern.
Denn er fühlte es ganz stark, Helma war seine erste wirkliche Liebe. Was vor ihr war, waren Leidenschaften gewesen, aber nicht bas wahre, unmittelbare Empfinden, das einen Mann nur einmal einer einzigen Frau gegenüber ergreift Er würde um Helma werben, zart, behutsam — er würde sie erringen. Dieser blasse, süße Mund sah noch unerweckt aus — und ein Instinkt sagte ihm, noch kein Mann hatte ihn berührt. Und ihr Herz, ihr kleines hilfloses Mädchenherz, sicher war es noch nicht in ber Hut eines Mannes, sonst hätte Helma nicht dies eigentümlich Verstörte, Wurzellose, das ihr nach ihrer Art als Kind niemals zuzutrauen gewesen.
Sie fühlte sich wohl seit bem Tode ihres Pflegevaters nicht mehr heimatberechtigt, nicht mehr sicher auf Schloß Gernrobe.
Höchste Zeit war es, daß er dem armen verflat- terten Vögelchen zu Hilfe eilte! Ein Lächeln lag babei um seine Lippen, als er sich nun anschickte, sich für den Abend umzukleiden. Der Smoking war gerade frisch gebügelt vom Hotelschneider gekommen.
Horst musterte sich im Spiegel; ber gab ihm sein Bild, schlank und elegant, zurück. Horst sah auf seine Armbanduhr. Es war noch etwas Zeit. So konnte man sich noch hinsetzen unb ein paar Notizen für die Verhandlungen in Berlin machen.
12. Kapitel.
Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhr ein Mietauto mit einem jungen Mädchen in schwarzem Abendkleide unb weichem, schwarzem Pelz vor bem Restaurant vor, vor dem Horst schon wartend auf und ab patrouillierte.
Horst eilte herbei. Er hatte schon von fern durch die Scheiben des Wagens Helmas feinen, zierlichen Kopf erkannt. Nun half er ihr behutsam heraus, wobei er entzückt einen Blick über ihre anmutige Erscheinung schweifen ließ.
Helma sah jetzt bezaubernd aus. Sie trug keinen Hut. Aus dem hochgestellten weichen Pelzkragen des Sealmantels hob sich ihr Kopf wie eine Gemme ab; bas Haar legte sich in weichen Wellen um bas
süße Gesichtchen, das jetzt von einer zarten Röte belebt war. Unter dem Mantel kam ein weiches (Beriefe! von schwarzem Tülle hervor — und das schwarze Spitzenjäckchen, das ber Trauer wegen Arme unb Hals verhüllte, vermochte nicht die vollkommene knospende Schönheit zu verhüllen. Weiß und zart schimmerte die Haut unter ber verhüllenden schwarzen Spitze hervor. Der zierlichste Fuß, ben man sich denken konnte, setzte sich aufs Trittbrett des Autos, um dann leichtfüßig ben roten Läufer vor bem Hotel zu betreten, ber ins Innere des eleganten Restaurants führte.
„Wie siehst du entzückend aus, Helma!" flüsterte Horst, als er an der Seite des jungen Mädchens nun durch die blitzende Glastür schritt, ihr an der Garderobe fürsorglich den weichen Pelzmantel abnahm, die Hilfeleistung ber (Barberobiere ablehnenb.
Das Mädchen errötete. Die Röte glitt wie ein rasiger Schimmer über Nacken und Gesicht. Sie antwortete nicht, sondern sah nur wieder mit diesem hilfeflehenden, scheuen Blick zu Horst auf.
Kaum waren sie beide ein paar Schritte durch die Halle gegangen, als ihnen aus ber Richtung des Speisesaaltzs ein großer, etwas schwerer Herr mit einem eigentümlich hell-schwammigen Gesicht und kleinen dunklen Augen entgegenkam. Man sah ihm ben süblänbischen Typ sofort an. Er sprach ein paar Worte mit bem Geschäftsführer, ber burch bie Halle kam.
Dann ging er rasch auf Horst zu. Das Mäbchen an feiner Seite zuckte zusammen, als ber Frembe sich jetzt mit einem verbinblichen Lächeln an Horst roanbte:
„Verzeihung, Senhor, habe ich bie Ehre und bas Vergnügen, mit Herrn von Gernsheim zu sprechen?"
Horst verbeugte sich. „Jawohl. — Senhor Ba- ftieni?"
„Richtig, Herr von Gernsheim!" Der Fremde streckte Horst die Hand entgegen, eine zur Massigkeit feiner Erscheinung auffallend magere, krallenartige Hand.
Horst wußte nicht, warum er im Augenblick gegen diese Hand ein Mißtrauen, eine Abneigung hatte. Aber ehe er sich darüber Rechenschaft zu geben vermochte, sprach schon der Herr weiter:
„Darf ich Sie bitten, mir die Ehre zu erweisen, mich Ihrer Verwandten vorzustellen?"
„Gestatte, liebe Helma", sagte Horst, „daß ich dir Senhor Bastieni vorstelle, Besitzer des größten südamerikanischen Zeitungskonzerns. Ich höbe dir ja von ihm gesprochen."
„Jawohl", sagte Helma.
Erstaunt hörte Horst einen fremden, wie zerbrochenen Klang in ber Stimme Helmas — sah, wie sie kreibeweiß würbe unb mit starren Augen Ba- ftieni ansah. Täuschte er sich ober lag in dem Lächeln, mit dem Bastieni jetzt Helma begrüßte, etwas wie eine starre, befehlende Drohung?
Aber das war ja Unsinn — er hatte Halluzinationen. Denn schon war wieder bas harmlose Lächeln auf dem dunklen Gesicht des Südamerikaners — und auch Helmas Blässe war einer natürlichen Gesichtsfarbe gewichen.
„Ja, als Bastieni nun sagte: „Ich hoffe, mein gnädiges Fräulein, Sie zürnen mir nicht, baß ich Ihnen Ihren Herrn Bruber schon am ersten Tage durch geschäftliche Besprechungen entziehe!", ba sagte Helma lebhafter, als sie bisher sich im Gespräch mit Horst gezeigt:
„Oh, bitte, Senhor — es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen."
Und zwischen den beiden Herren dem Speisesaal zugehend, wo Senhor Bastieni einen schönen Platz in einer Ecke bestellt hatte, plauderte sie so lebhaft unb angeregt, wie Horst es ihr nach ihrer sonstigen Schüchternheit niemals zugetraut.
Auch während des nun folgenben opulenten Mahles, das der südamerikanische Geschäftsmann mit allem Raffinement ausgesucht hatte, behielt Helma ihre geradezu auffallende Gesprächigkeit und Munterkeit bei.
Horst wurde immer verwunderter. Er schob es nun auf bie Wirkung des Sekts, ben der Süd» amerifaner von Anfang an hatte servieren lassen.
Helmas Wangen glühten, ihre Augen hatten einen starren und fremden Glanz, ihre Art zu reden etwas Fieberhaftes, lleberlebenbiges.
Ab und zu trank ber Südamerikaner ihm unb Helma zu, immer den Blick fest auf Helma gerichtet. Sie erwiderte diesen Blick bann immer mit einem starren Lächeln.
Horst würbe innerlich immer unruhiger unb fühlte, wie Zorn in ihm aufftieg. Kaum konnte er sich so weit beherrschen, bie geschäftlichen Angelegenheiten, um derentwillen er mit Senhor Bastieni zusammengekommen war, zu besprechen.
Was fiel denn diesem Kerl ein, hier offensichtlich mit Helma zu flirten? Am liebsten wäre er auf- gestanden und mit Helma fortgegangen. Aber er konnte keinen Skandal provozieren. Und er hatte a auch fein Recht, Helma irgend etwas zu verbieten.
Noch war alles, was sie und ihn verband, nur ein süßer, zarter Traum in ihm, dem noch keine Wirklichkeit gegenüberstand. Aber dennoch diese Bereitwilligkeit, mit der Helma auf die Blicke des Süd- amerikaners einging, und das eigentümliche Lächeln, mit dem sie nun auch feine versteckten Schmeicheleien hinnahm, ließ Horsts Blut zum Sieden kommen.
Schon nach Verlauf einer Stunbe, kaum daß man den Mokka serviert hatte, schützte er Müdigkeit vor unb versuchte, den Abend zu beenden. Abek das gelang nicht.
(Fortsetzung folgt!)


