Dienstag, 17.vezemoeN935
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Hr. 294 Zweites Blatt
nächst meinen besten Freund", bekam ich zur Ant-
war es
Der Rücktritt des Präsidenten Masaryk
und sich nach den ersten Bissen nur über das Fleisch hergemacht hatten. Für unseren gefangenen Hai mochte es daher ein Leichtes gewesen sein, den Arm aus dem Gelenk zu reißen. Und so war dieser mit der Hand nach unten in seinem Bauch verschwunden, bevor die Fleischbrocken des gräßlichen Mahles verschlungen wurden.
Wir überlegten, was wir damit anfangen sollten. Schließlich nahm Iohnston sein Messer, löste die Hand vom Knöchel und legte dieses traurige Heber» bleibsel in ein Gefäß mit einem Konservierungsmittel. Das schickten wir dem gerichtlichen Totenbeschauer ...
Der Menschenfresser der Meere
Ein erregendes Erlebnis beim Haifischfang.
Von Kapitän William E. young.
Am Tage, nachdem wir die Hand gefunden hatten, gingen Iohnston und ich mit dem Tuchfetzen zum Flugplatz nach Key West. Dort suchten wir einen Freund von Atkins auf, der uns betrübt das Stück Stoff als zu Atkins Mantel gehörend identifizierte. Ja, er wußte genau, Atkins habe ihn getragen, als er von ihm Abschied nahm. Nach dieser Feststellung wurde die für das Auffinden der Leiche des Farmers ausgesetzte Belohnung zurückgezogen. Haifische bevölkerten diesen Teil des Meeres — unser Fang kam mit dem Golfstrom aus dem Norden her, um sich hier Nahrung zu suchen.
Jedoch der Zufall begnügte sich nicht, die grausige Geschichte damit abzuschließen. Zwei Jahre später reiste ich auf einem Dampfer nach Porto Rico hinunter und kam dabei mit einem Herrn ins Ge- präch, der mit seiner Frau an meinem Tische saß. Ich zeigte ihnen meine Haifischzähne und Aufnahmen. Der Mann sah mit einem Ausdruck des Ekels fort, als ich das Bild zeigte, das ich immer auf die unausbleibliche Frage: „Fressen die Haifische auch Menschen?" bei mir trug. Ich drängte > .„»„x,,- erfu
ihn mir den Grund seines Abscheus zu erklären, denen er weiß, daß die Haifische sie aussuchen. Ich
„Äch, die Witwe des armen Kerls heiratet dem-1 weiß, daß das schon geschehen ist.
Rund drei Jahrzehnte hat der Verfasser als Haifischfänger alle Meere der Welt befahren, er kennt die gefürchteten Räuber der Meere also aus gründlicher eigener Erfahrung und weiß in seinem im Verlag Julius Kittls Nachf., Leipzig, erschienenen Buch „H a i ! . - - Hai!..." von aufregenden Jagden und Abenteuern zu berichten.
Während meiner Fahrten im mittleren Teil des Stillen Ozeans und die atlantische Küste hinauf und herab, habe ich viele Leute kennengelernt, die dickköpfig behaupteten, man verleumde den Haifisch, er greife keinen Menschen an. Doch niemals bin ich Eingeborenen oder Seefahrern begegnet, die sich darauf versteift hätten wie so ein Naseweis vom Festland. Niemals hat einer, der mit Haifischen und ihren Bräuchen Bescheid weiß, erklärt, der Fisch sei harmlos. Im Gegenteil, lange Geschichten von seiner tigergleichen Wildheit sind bei allen Fischern und Matrosen der Welt gang und gäbe. Die schwarzen Völker und auch die Menschen mit brauner Haut hegen wenig Furcht vor den raubgierigen Haifischen, weil sie wissen, daß das Tier sich in Gewässern, die nicht nach Blut oder frischem Fleisch riechen, nur ungern dunklen Gegenständen nähert. In Barbados sah ich, wie die Einheimischen sich Hände und Füße mit Teer beschmierten, auch wenn sie im flachen Wasser badeten, um nicht aus der tiefblauen See hervorzuleuchten. Sie wissen, Hand und Fuß werden immer zuerst angegriffen. Die Jungens, die ins Meer tauchen, um Geldstücke herauszuholen, find aber nicht bange, gelegentlich einen Hai unter Wasser anzurempeln — wenn Gefahr droht, springen sie einfach in ihr Kanu. Sonst kümmern sie sich nicht weiter darum und haben auch nichts für die Märchen übrig, die von Dolchen erzählen, mit denen Taucher angeblich die Panzerplatten des Fisches durchbohren. Der weißhäutige Australier dagegen zeigt eine erklärliche Abneigung, auch nur in der Brandung zu baden, weil dort schon manche der „Menschenfresser" ins Netz ge-
wort.
Als ich im darauf folgenden Jahre von St. Thomas nach Trinidad reiste, zeigte ich die Bilder wieder nach dem Essen im Rauchzimmer, und wieder war ein Herr aus Boston unangenehm von der Photographie berührt. In diesem Fall ein Jugendfreund des unglücklichen Pflanzers, dem der Anblick sehr schmerzlich zu sein schien.
Und weitere sechs Monate später erzählte mir ein mir vollkommen fremder Herr aus Boston, em Dr. Harry A. Barnes, nach meinem Vortrag über Haifische, ein Verwandter seiner Frau habe in Westindien jemanden kennengelernt, der die Photographie einer Hand gezeigt hätte, die man im Magen eines Haifisches fand — die Hand eines feiner besten Freunde. Ich ließ ihn ruhig zu Ende erzählen, dann holte ich zu seinem Erstaunen dasselbe Bild aus meiner Tasche. Nachher kam es mir bedenklich vor, das Bild noch weiter zu zeigen. Ich wußte, wenn ich je noch einem Freund von Atkins begegnete, konnte ich überhaupt nicht wieder von diesem Vorfall sprechen.
Erst im Jahre 1930, als ich in Cuba mit den Behörden wegen der Anlage eines einzigartigen Aquariums verhandelte und dort Beweise meiner Erfahrungen auf diesem Gebiet vorlegen sollte, wagte ich die Aufnahme noch einmal vorzuweisen. Die Wirkung war unerwartet, denn viele der Herren hatten Atkins persönlich gekannt.
„Senor Atkins! Tiburon muy grande!“ Ja, em großer Hai... Wieder war das Bild seinen Freunden in die Hände gefallen, und ich beschloß, es nun niemals wieder zu zeigen. Doch andere Menschen ließen mir keine Ruhe. Wo ich auch hinkam, unweigerlich tauchte die Frage auf: „Fressen die Haifische auch Menschen?" Ich wußte Bescheid —, mir genügte das Bild von Iohnston mit dem Arm in der Hand. Es spricht deutlicher als seitenlange Berichte vom Hörensagen und Zitate. Schrecklich ist es und für viele Menschen sicher grauenerregend. Doch manch einer roirb dadurch vielleicht vor- I sichtiger beim Baden in Gewässern werden, von
gangen sind.
Iohnston und ich hatten den ganzen Vormittag über gefischt. Und wie sonst auch, benützen mir den Nachmittag dazu, den Tieren die Häute abzuziehen und sie zur Verladung fertig zu machen. Da ich es aber nun mal nicht lassen konnte, dem Hai den Mageninhalt zu durchstöbern, schnitt ich einem 3,50 Meter langen Braunhai den Bauch auf. Dabei fiel mir eine merkwürdige Ausbuchtung der Magenwand auf. Vorsichtig schlitzte mein Messer diese Stelle, und ein abgerundetes Knochenende trat hervor. Ich griff mit einer Hand zu, während die andere weiterarbeitete. An dem Knochen hing ein Fleischfetzen. Und als ich den Gegenstand herauszog, merkte ich zu meinem Entsetzen, daß es ein Menschenarm war? Ein Männerarm, der offenbar eben erst verschlungen worden war, denn die Hand saß noch unberührt daran — ein rechter Arm und eine rerfVe Hand. Die Mannschaft scharte sich um mich: an Weiterarbeit war vorab nicht zu denken. Der Aim war in tadellosem Zustande, ein Beweis, daß er nicht länger als Stunden in dem Haifischbauch gesteckt hatte. Handteller und Fingerspitzen waren faltig, genau wie auch sonst unsere Haut, die in längere Berührung mit Wasser kommt. Es war die Hand eines Mannes, der nicht an schwere Arbeit gewöhnt ist. Ringe oder Tätowierungen sah man nicht daran.
Ich ahnte, daß sich noch mehr von der gleichen Materie finden würde und forschte weiter. Wirklich brachte ich fünf Brocken Menschenfleisch zutage, dazu ein Stück blauen Stoffes von einem Manner- anzuge. Offenbar hatte der Hai gut zu Mittag gegessen. Da sich weiter keine Knochen vorfanden, glaubten wir annehmen zu können, daß die Haifische den Körper in größerem Verband überfallen
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Auf Schloß Lana erklärte Mafaryk in einem feierlichen Akt seinen Rücktritt vorn Amt des Präsidenten der tschechoslowakischen Republik. - Unser Bild zeigt Masaryk (in der Mitte, mit dem Arm m der Binde/ links neben ihm der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses Malypetr; rechts Ministerpräsident Hodza und Dr. Samal, der die Rücktrittserklärung verliest. — (Weltbild-M.)
Schachwettmeister Euwe.
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In Amsterdam ging — wie bereits gemeldet — der Kampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen dem Russen A 1 j e ch i n und dem Holländer Euwe, den unser Bild zeigt, zu Ende. Euwe konnte bei einem Stande von 9:8 bei 13 Remispartien die Weltmeisterschaft erringen. — (Scherl-M.)
Sportamt „Kraft durch Freude".
WinterSporlsahrt nach Mgäu-Pfronken vom 25. Dezember abends bis 1. Januar 1936 abends.
kosten 34,— R2N.
Die Fahrt führt über Ulm—Memmingen—Kempten nach dem Allgäu. Die Teilnehmer an den Kursen des Sportamtes werden in Nesselwang untergebracht, während die Urlaubsteilnehmer in Pfronten-Ried, Steinach ufw. untergebracht werden. Pfronten ist allen Wintersportfreunden vom vergangenen Jahre her als ein ideales Skigebiet bekannt. Landschaftlich bietet es außerordentlich viele Reize. Es liegt in einem der schönsten Täler des bayrischen Allgäus, direkt an der Grenze zu den Tiroler Bergen. Unmittelbar steigen hier die gewaltigen Felsmassive der Alpen auf und geben dem Ort einen majestätischen Rahmen. Schöne Ausflüge in die herrliche Umgebung bieten jedem Besucher außerordentlich viel. Von den Bergen hat man einen weiten Ausblick auf die Großartigkeit der Alpen. Schöne Fußwanderungen oder Schlittenpartien zu den Königsfchlössern von Füssen, oder zu den Wild- fütterungen im Engetal und bei Hohenschwangau bieten viel Interessantes. All diese Vorzüge aber werden übertroffen von der Möglichkeit, in der Erhabenheit der alpinen Bergwelt sich auf den Brettern, die für viele das Schönste auf der Welt bedeuten, einmal so richtig austoben zu können, denn an Schnee und geeignetem Gelände ist hier wahrhaftig kein Mangel.
Winlersporlfahrt nach Schwarzwald-Kniebis, vom 26. Dezember früh bis 29. Dezember 1935 abends.
kosten 21,— RIN.
Die Fahrt wird mit Omnibussen durchgeführt. Die Unterbringung erfolgt in Kniebis selbst und in den Nachbarorten. Neben dem Allgäu ist der Schwarzwald das bedeutendste Skigebiet, das für uns auch rein entfernungsmäßig ziemlich günstig gelegen ist. Wer nicht bis in das Allgäu fahren will, findet auch hier Wintersportmöglichkeiten in Hülle und Fülle. Unsere Urlaubsorte im Kniebisgebiet
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kennen kein Geld. Und die anderen Völker? gelangen erst gar nicht bis dorthin!
entsteht kaum eine, denn jede Burg ist von der ganzen Sippe, im weitesten Sinne des Wortes, bewohnt. Im ganzen Kaukasus kommt die Familie als Sippe, ungefähr im Sinne des altteftamenb lichen Stammes, vor, der unter einem Oberhaupt auf Gedeih und Verderb zusammenhält und sich nicht einmal im Wohnsitz trennt. Es ist wunderbar, welch eine Fülle von Menschen in diesen Burgen beieinander hausen. Und nun das Volk: stark, kraftvoll, geschmeidig, gestählt im ständigen Kampf mit den Gewalten der Berge Kein Volk der Welt wohnt so doch auf den Gipfeln. .
Woher sie kommen? Man weiß es nicht. Seltsame Sitten sind bei ihnen noch lebendig. Religiöse Tänze, dramen mit begleitendem Sprechchor. Als musikalische Begleitung ein Instrument, das der Lyra nicht unähnlich ist. Also ein Ueberbleibsel der attischen Tragödie? Vielleicht.
Unb dann, bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, bis zur endgültig' durchgeführten Angliederung an Rußland, ein Feudalsystem, das vollständig, bis in die kleinsten Züge hinein, dem mittelalterlichen Rittertum entspricht. Und ritterlich war auch die Kleidung, die aus der metallenen Rüstung bestand, wie wir sie aus den Museen kennen. Älso Nachkommen irgendeiner versprengten Kreuzfahrerschar? Als Antwort wieder nur ein Viel
leicht. Es ist brennender Wunsch, dieses Rätsel zu lösen. Und man fragt, ob es nicht noch ein anderes Volk gäbe, diesem verwandt, das auf diese Fragen Antwort zu geben vermöchte? Ein solches Volk gibt es, aber es ist vielleicht noch geheimnisvoller und rätselhafter. Es sind die Chewsuren. Unzugänglicher noch sind die Täler, in denen es wohnt, die eisfreie Zeit zum Ueberschreiten der Felsen noch kürzer, aber die Existenz dieses Volkes im großen Rußland doch bekannter. Und das hatte einen seltsamen Grund, verwandt dem Grunde, der zum Entstehen der berühmten Kosakenrepubliken führte. Wie einst im Großfürstentum Moskau alle unruhigen Elemente, Verbrecher, Revolutionäre und sonstige Feuerköpfe sich in das Land jenseits der großen Ströme Kuban und Dnjepr flüchteten, um dort hinter den Stromschnellen, den parogi, die Saporoger Kosakenrepublik zu bilden (Gogol schildert dieses Leben in seinem meisterhaften Roman „Taras Bulba"), um dort von niemandem verfolgt, ein freies Leben zu führen, so galten den Eingeweihten die Täler der Chewsuren als gleiches Asyl, das vor jedem Verfolger schützte. Die Natur selbst gewährt hier ihren großmütigen Schutz. Monatelang sperren Eis und Schnee den Zugang, und selbst in der kurzen Zeit der Sommerwärme führt kein Pfad über die Schroffen ins Tal. Wie in den griechischen Felsenklöstern muß man sich an einem Seil an den steilen Felswänden herunterlassen. Unten im Tal findet man nichts als Geröll, von Regen und Eis ausgewaschen, spärliches Grün zwischen kargem Fels. Die Welt liegt irgendwo hinter unübersteigbarem Geklüft. Der Himmel ist unendlich fern über den gezackten Graten. In den Tälern aber wieder mittelalterliche Burgen mit Zinnen, .Türmen und Scharten. Ummauerte Höfe breiten sich, tiefe Verließe gähnen... da ist auch die Kemenate, einige dem Fels abgerungene Terrassen. Und hier lebt der Ritter noch wirklich und trägt das netzartige Stahlhemd, die enganliegenden Strümpfe (und im ganzen übrigen Kaukasus herrscht doch die weite orientalische Hose). Auf seiner Brust prangt das aufgenähte Malteserkreuz, entartet in seiner Form, aber doch noch deutlich erkennbar. Und der Ritter lächelt und erzählt, daß er gerade ausziehe zu Turnier und Spiel, zu Ehren einer Dame.
Und ebenfalls dunkel ist hier Herkunft und Geschichte dieses Volkes. Aus dem Rankengestrüpp der Sage scheint hin und wieder ein Licht zu blitzen, das wirklich darauf hindeutet, daß einst versprengte Kreuzfahrer in diese Täler gedrungen sind. Von ihrem Christentum ist nur noch ein Schatten vorhanden, sie kennen die Apostel Paulus und Petrus, haben eine starke, 'ganz katholische Verehrung der । Jungfrau Maria, aber die Gestalt Christi ist ihnen
auf denen aber ein unsicherer Fuß gleitet. Drei Viertel des Jahres sind auch sie vergraben unter Eis und Schnee. Es ist krasse Weltabgeschiedenheit, unserer Phantasie kaum vorstellbar. Seit Jahrhunderten verließ kein Swane seine Täler, in Jahrhunderten einmal findet ein Fremder zu ihnen den Weg. Dieses Volk muß schon unendlich lange an dieser Stelle leben, denn schon die Römer wußten von ihnen. Sie bauten sich damals eine Straße in das geheimnisreiche Land. Und war keinem gelang, ihnen gelang es. Sie holten sich Gold und Reichtümer von dort her. Gold gibt es auch heute noch in Mengen in Swanetien, doch kümmert sich manb darum. Die Swanen brauchen es nicht.
Also sind die Swanen ein Volk, wild und zivilisiert, das in primitiven Hütten haust? Neues Wunder! Die Swanen (eben in Burgen, Ritterburgen, wie sie heute als Ruinen und Reste einer Vergangenheit in ganz Europa zu finden sind. Und es sind Burgen, die noch nie zerstört wurden ... hier ganz und gar Gegenwart. Ihre Mauern sind zum Teil sehr alt, ihre Erbauung weist auf das frühe Mittelalter hin. Aber keine andere Bauform hat sie bis heute verdrängt, und wenn wirklich Bedarf nach einem neuen Wohnsitz entsteht, so wird wieder eine neue Burg erbaut werden. Aber es
schon Jahrtausenden.
Es ist überwältigender Reichtum, wenn man ails der russischen Ebene durch die berühmten Kosakensiedlungen, über sanft ansteigendes Gelände in das Massiv des Kaukasus eindringt. Erstaunt und verwirrt steht man diesem Gebirge gegenüber, das unberührt, umgeistert von Geheimnissen, ungemd» dert von jeder Lieblichkeit, Schöpfungsweben um sich trägt
Und doch ist etwas Bekanntes in diesen Formen, die wie der Traum eines phantastischen Künstlers anmuten. Irgendwo waren sie mir schon, halb unbewußt, wie eine Staffage ins Gedächtnis getreten. Und jetzt wußte ich: das Lächeln der Mona Lisa. Ja, bei Leonardo. In der Anna Selbdritt und anderen Gemälden, das waren sie. Genau diese Berge. Immer wie eine ferne Vision. Sollte Leonardo. der für feine Zeit weitgereiste, den Kaukasus gekannt haben? Da waren doch zwei rätselhafte Jahre in feinem Leben, über die jede Kenntnis fehlt5* Sollte Leonardo vom Nil aus ... ? Möglich. Vielleicht. Wieder ein paar ungelöste Fragen, die hier in der Luft zu liegen scheinen. Je weiter nach Süden umso verwirrender die Fülle der Probleme. Auch die Natur zeichnet diese Linie nach. Immer schroffer werden die Formen der Berge, die sich hinabtenfen nach Transkaukasien. Dort liegt das ßanb Smanetien wie eine Unwirklichkeit. Das Volk
Swanen in Gmanetien. Klingt es nicht seltsam aus d7-fem Nomen? Frühmittelalterlich, wie .m CSn'umnt°in?$3eg uni)1 Steg führt in die welcher- lorcnen Täler der Swanen. Höchstens Felssteige,
Geheimnisse des Kaukasus.
Von Ilse Schmidt-Wissendorff
Geheimnisvolle Scheide zwischen Orient und Okzident, seltsames Land, in manchen Teilen noch unerforschter als das Innere Afrikas, lebendiges Märchenbuch, auf dessen Seiten Rätsel über Rätsel geschrieben stehen, das ist der Kaukasus.
Bewohnt von einer Fülle von Bevölkerun'gsgrup- pen — über hundert sind es bestimmt, die größtenteils weder art-, noch sprach-, noch stammesverwandt sind, deren Geschichte nicht minder im Dunkeln liegt — nimmt jedes dieser Völker das Recht für sich in Anspruch, das älteste und hervorragendste der Welt zu fein Und diese ganze brodelnde Weit ist dun übrigen Europa, zu dem es offiziell noch gehört, ganz unbekannt. Das alles ist schon Wunder. Und wunoerbar in Wirklichkeit ist ,edes dieses Volker, das in einsamen Tälern wohnt, eingeschossen von unübersteigbaren Felswänden. Versteckt, vergessen unentdeckt seit Jahrhunderten und vielleichi
unbekannt. Auch ihre Sprache ist verlorengegangen, denn sie haben sich anscheinend mit vielen Völkern gemischt, denn von den verschiedensten Religionen sind in ihrem Bekenntnis Fetzen haften geblieben, die sich in diesem Tale, wie in einem Schmelztiegel miteinander verbanden. Als ganz artfremdes Element herrscht hier noch die Sitte, die wir von den Völkern der Südsee her kennen: das Frauenhaus, das fein Mann betreten darf, das die Frauen allmonatlich aufsuchen, und in das sie sich zur Entbindungzurückzuziehen haben, die ganz ohne irgendeine Hilfe vor sich geht.
Rätsel über Rätsel, die uns hier entgegenstarren, wie die Felswände und das Gestrüpp. Undurchdringlich verflochten, Geheimnisse von Jahrtausenden, die mit den Wolken über dieses Gebirge zogen — das ist der Kaukasus.
„Die blonde Garmen "
Nach dem Theaterstück „Sie hat natürlich recht" von Roland Schacht hat die Rota einen Lustspiel- und Musikfilm gedreht, der, unter anderm, den Werdegang einer Operette schildert — von den kümmerlichen Anfangsstadien bis zur erfolgreichen Premiere. Die Operette heißt „Die blonde Carmen", und die Titelrolle singt Martha Eggerth, die sich neuerdings auf derartige Partien zu spezialisieren scheint; diese ist auf dem in einer Person vereinigten Gegensatz von naivem Naturkind und Koloraturprimaoonna aufgebaut, was ihr Gelegenheit zu pikanten Kontrastwirkungen und zu reicher Entfaltung ihres bemerkenswert hohen und biegsamen Soprans gibt; außerdem beginnt sie Sinn für kräftig ausgespielte grotesk-komische Szenen zu entwickeln, was ihr bisher abging. Der Spielleiter Viktor Janson hat neben etlichen guten Landschaftsbildern zwei wirklich filmisch empfundene und wiedergegebene Bilder geschaffen; das eine schildert einen musikalisch und auch sonst wildbewegten Rummelplatz (von jeher dankbares Objekt für den geschickten Kameramann), das andere läßt eine Bühnenszene der im Werden befindlichen Operette in der Phantasie des Theaterdirektors und gleichsam vor dem Auge des Beschauers sich entwickeln. Da» Drehbuch stammt von Hans H. Z e r I e 11, dle Musik (mit dem hübsch instrumentierten Gesang „Schön wie der junge Frühling") von Franz Grothe. Vom Ensemble verdient neben Ida Wüst und Wolfgang Liebeneiner diesmal Leo Slezak hervorgehoben zu werden, der in seinem augenrollenden Zorn und seinem donnernden Ko- mödiqntcn-Pathos .'wirklich komische Momente hat. — Ddr Fikm läuft seit gestern im Gloria- Palast. —r—


