Arbeitnehmer Im Wehrdienst zugebracht hat, ist als Zeit des aktiven Wehrdienstes voll auf das Jahr anzurechnen, nach dessen Ablauf der Dienstverpflichtete bei Betrieben mit regelmäßig mindestens zehn Beschäftigten den besonderen Kündigungsschutz des Gesetzes zum Schutze der nationalen Arbeit für sich in Anspruch nehmen kann. Ist nach Ablauf bestimmter Jahre die Kündigung des Arbeiters an erschwerte Voraussetzungen, z. B. das Dor- liegen eines wichtigen Grundes, geknüpft, so rechnet die Zeit des Fernbleibens von der Arbeitsstelle infolge der Erfüllung der aktiven Dienstpflicht zu- gunsten des Dienstverpflichteten mit. Da diesem ehemaligen Soldaten ganz allgemein kein Nachteil erwachsen darf, rückt er bei der Rückkehr aus dem Wehrdienst auch in eine höhere Gehalts- oder Lohn
klasse auf, wenn und soweit durch Einzelorbeitsver-^ trag, Betriebs, oder Tarifordnung die Arbeitsver- aütung von dem Lebensalter oder der Dauer des Arbeitsrechtsverhältnisses abhängig und danach gestuft ist.
Die Lösung aller dieser Fragen wird die öffentlichen Behörden, die Dienststellen der Wehrmacht, die Treuhänder der Arbeit und nicht zuletzt die Arbeitsgerichte vielfach beschäftigen. Sie werden es sich dabei zur besonderen Aufgabe machen müssen, ihren einschlägigen Entscheidungen eine allen Beteiligten überzeugende Begründung zu geben. So werden sie am schnellsten und am wirksamsten die gegenwärtig in einzelnen Berufen entstandenen Zweifelsfragen klären.
Strafrechtler aus aller Welt als Deutschlands Gäste in Berlin.
Oie Reichsregierung begrüßt morgen den 11. Internationalen Strafrechtsund Gefängniskongreß in der Reichshauptstadt.
Der 11. Internationale Strafrechtsund Gefängniskongreß.derauf Einladung der Reichsregierung in der Zeit vom 18. bis 24. August 1935 in Berlin stattfindet, wird durch einen Empfang eingeleitet, den die Reichsregierung zu Ehren der Mitglieder des Kongresses am Sonntag, 18. August, abends im Weißen Saal des Berliner Schlosses veranstaltet. An diesem Empfang werden eine Reihe Mitglieder der Reichsregierung, Vertreter der Partei und Behörden, des Diplomatischen Korps und etwa 600 ausländische Teilnehmer des Kongresses teilnehmen.
Am Montag, 19. August, um 10 Uhr wird der Kongreß in feierlicher Sitzung in d e r K ro ll- Oper eröffnet werden. Reichsmini st er der Justiz Dr. Gürtner wird im Auftrage des Führers und Reichskanzlers und im Namen der Reichsregierung den Kongreß begrüßen und einen Vortrag über „den Gedanken der G e - recbtigkeit in der deutschen Straf- recytserneuerung" halten. Er wiird die grundlegenden Gedanken des neuen deutschen Strafrechts vor dieser Versammlung von etwa 130 amt- lichen Delegierten der an dem Kongreß teilnehmen- den Staaten und etwa 400 Gelehrten und Fachleuten des Strafrechts und Strafvollzuges aus 54 Kulturstaaten erörtern. Die Rede wird auch auf den Deutschlandsender übertragen werden. Der Kongreß wird sich sodann seinen Präsi- denten wählen.
Als Auftakt des Kongresses hat am Freitag die Internationale Strafreckts- und Gefängniskommission iyre Arbeiten in der Reichshauptstadt bereits aufaenommen. Das ständige Büro der Kommission oesindet sich in Bern; die Mitglieder der Kommission sind aber diesmal in Berlin zusammengetreten, um sich den letzten organisatorischen Vorbereitungen für den Kongreß zu widmen. Vorsitzender der Kommission ist zur Zeit der ReichsgerichtsprÄsident. Dem ständigen Büro der Kommission gehören an der englische Delegierte Lord Polwarth, der Schweizer Delegierte Prof. Delaquis und der holländische Professor Dr. Simon van der Aar, der zugleich Generalsekretär der Kommission ist. Die Kommission bearbeitet ständig aktuelle Fragen des Strafrechts und des Gefängnisrechts, die internationalen Charakter haben. Die Kommission hat ferner einen Beamtenaustausch unter den verschiedenen Ländern angeregt. Ein solcher Austausch ist zum erstenmal im vergangenen
Jahr zwischen Deutschland und England mit bestem Erfolg durchgeführt worden.
Der Kongreß wird ein schönes Beispiel für internationale Zusammenarbeit sein. Es liegen Anmeldungen von 50 Staaten vor, die sich durch insgesamt 130 amtliche Delegierte vertreten lassen. Besonders starke Delegationen entsenden die Vereinigten Staaten, die 22 amtliche Delegierte schicken, Belgien, Bulgarien, Dänemark, England, das auch durch zahlreiche private Teilnehmer vertreten ist, Finnland, Holland, Italien, Jugoslawien, Norwegen, Schweden, die Schweiz, Spanien, die Tschechoslowakei, Ungarn, China, Japan, Argentinien, Brasilien, Chile usw. Unter den amtlichen Delegierten befinden sich hervorragende Juristen, Gefängnispraktiker von Weltruf und bekannte Professoren.
Auf dem Kongreß werden auch die Reichsminister Dr. Goebbels und Frank sprechen. Alle großen Berliner Strafan st alten sowie die Strafanstalt in Brandenburg werden den Besuchern gezeigt. An den Kongreß schließt sich eine Reise von einer Woche an, die nach Regensburg, München, Bamberg, Bautzen, Dresden und Leipzig führen wird.
Zur Beratung des Verhandlungsstoffes sind vier Sektionen gebildet. Sie legen der Vollversammlung ausgearbeitete Vorschläge vor. Die Arbeit der Sektionen ist vorbereitet durch Erstat- tua von 142 Gutachten, die von Gelehrten und Praktikern der verschiedensten Länder ausgearbeitet worden sind. In der ersten Sektion, deren Aufgabe Fragen der Gesetzgebung umfaßt, soll über die Befugnisse des Strafrichters im Stadium des V o l l z u g s d e r S t r a f e n und der Sicherungsmaßnahmen gesprochen werden. Auch die Frage der Abkürzung der sog. Monstre-Prozesse wird erörtert, die gerade für Deutschland besonders aktuell ist. In der zweiten Sektion soll vor allem eine Nachprüfung der M e - thoden des Strafvollzuges ftattfinben. Das Thema, das von Deutschland zur Erörterung gestellt ist, rollt das Grundproblem des ganzen Strafvollzuges auf, die Frage, ob die Betonung desErziehungs- und Besserungsgedankens geeignet ist, diesenige Wirkung auf den Verbrecher zu erzielen, die der Strafvollzug anstreben muß. Das Dritte Reich hat durch das preu- ßische Gesetz vom 1. August 1934 eine klare Antwort in dem Sinne der Abwendung von übertriebener Humanisierung gegeben. I Es wird interessant sein zu hören, wie andere
Die Eröffnung der Rundsunkausflellung.
Reichspropagandaminister Dr. Goebbels eröffnete am Freitag die 12. Große Deutsche Mundfunk-Ausstellung. — Unser Bild gewährt einen Blick in die festlich erleuchtete Ehrenhalle während der Rede des Ministers. — (Scherl-Btlderdienst-M.)
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Länder über diese Grundfrage des Strafvollzugs denken. Eine ebenso brennende Frage ist die des Einflusses der Arbeitslosigkeit auf die Gefangenenarbeit. Die dritte Sektion, die sich den Fragen der Vorbeugung widmen will, erörtert ebenfalls hochaktuelle Probleme, nämlich u. a. die Frage, inwieweit sich der Gesetzgeber der Kastration zur Vorbeugung gegen Rückfälle bei Sittlichkeitsverbrechern bedienen soll. (Zulässigkeit der Maßnahme z. B. gegenüber religiösen Bedenken, Zweckmäßigkeit je nach Erfolgsaussichten und Gefahr von Nebenwirkungen), sowie die Sterilisierung aus eugenischen Gründen, die für Deutschland durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses entschieden ist. Die vierte Sektion widmet sich Fragen des Jugend rechts. U. a. soll die Ausgestaltung der Untersuchungshaft gegen Minderjährige sowie die moralische und materielle Fürsorge für straffällig gewordene Jugendliche bei ihrer Entlassung aus der Strafanstalt geprüft werden.
Der Internationale Strafrechts- und Gefängnis- kongreß tritt zum elftenmal zusammen. Der erste Kongreß fand 1872 in London statt, auf Anregung des amerikanischen Pr ä s i d en t e n Grant, der ein Jahr vorher seinen Bevollmächtigten, den Strafvollzugskommissar Dr. E. C. Wines Trnrri) ganz Europa reisen ließ. Wines sollte Freunde werben für einen Gedanken, der bis dahin nie international behandelt worden ist: „Bewahrung und Rettung des Rechtsbrechers; Schutz der menschlichen Gesellschaft vor den Schandtaten der Irregeleiteten und Gefährlichen". Wines sand bei persönlichen Aussprachen mit führenden Männern, Guropas volles Verständnis für seine Mission. Auch Bis- mord wurde von Dr. Wines um eine Audienz gebeten und der Kanzler empfing ihn. Der Appell, der von den Vereinigten Staaten ausgegangen war. hat seine Wirkung nicht verfehlt. Seit 1872 ist der Internationale Strafrechts- und Gefängniskongreß
in bestimmten Abständen regelmäßig wieder zusam- mengetreten. Nach London folgten Tagungen in Stockholm, Rom, St. Petersburg, Paris, Budapest, Wanshington, London und Prag. Es sind bahnbrechende Entschlüsse gefaßt worden, es wurden Fragen berührt, die das Leben der Volker und Menschen anging, die auch für die Zukunft nur in „Gemeinschaftsarbeit aller gesunden Volker" erle- bigt werden können. Der Kongreß, der jetzt in Berlin zusammentritt, wird einen Schritt weiter bedeuten zu der Losung hin, die für alle Welt befriedigend fein und ihr Ruhe geben wird.
Trauerfeier für <5ir Basil Blackett
Im großen Horsal der Universität Heidelberg fand am Freitagvormittag eine schlichte aber eindrucksvolle Trauerfeier für Sir Basil Blackett, Direktor bei der Bank von England, statt, der, wie bereits gemeldet, am Donnerstag in der Nähe von Gießen bei einem Autounfall ums Leben kam. Sir Basil Blackett wollte am Freitag im Rahmen einer Vortragsreihe an der Universität Heidelberg über „Probleme der englischen Wirtschaft" sprechen. Auf dem Universitätsplatz wehten die Fahnen des Reiches auf Halbmast. Die Gedenkansprache hielt Professor Fraser (Oxford), ein Freund Sir Basil Blacketts. Er schilderte den Werdegang des Verstorbenen und seine Verdienste um die Reorganisation der indischen Probleme, sowie seine geschichtskundliche und schriftstellerische Tätigkeit, die in England sehr hoch bewertet würde, denn Der Versa fer packte die Finanzprobleme von einer grundsätzlichen neuen Seite an. Seine theoretischen Kenntnisse ermöglichten auch eine großzügige Auswertung in der Praxis. Der Trauerfeier wohnten auch der Rektor, Professor Dr. Groh und andere Vertreter des Lehrkörpers der Universität bei.
Herr Flämmlein.
One Erzählung von Dr. Owialah
Die halbe Nacht durch hatte der Weststurm ums Haus geheult, an den Läden gerüttelt, rote ein böser Geist im Kamin gerört. Dann setzte Der Regen ein, prasselte gegen die Scheiben und meinte durch die Dachkandeln. In seiner dunklen Ecke stöhnte der alte Kleiderschrank, als ging er und mit ihm die ganze Welt aus den Fugen — kein Gedanke dran, zum Einschlafen zu kommen!
Doktor Schwarz machte Licht, griff nach dem Band Goethebriefe auf dem Nachttischchen und ver- suchte zu lesen. Aber er stand bald wieder davon ab und starrte in die Glühbirne, bis ihm die Augen weh taten. . .
Schon tagelang hatte er den kommenden Wetter- stürz in den Knochen gespürt. Und nicht bloß in den Knochen. Unlustig war er gewesen, trübsinnig und melancholisch; nichts war ihm so recht aus der Hand gegangen, und er hatte die größte Muhe aufzuwenden gehabt, daß seine Verdüsterung nicht auch auf die Patienten übersprang. Das wäre noch schöner gewesen! Gegen die ober für die muhte man doch „den guten Schein wahren", zum Teufel! sonn konnte man gleich den Laden zumachen.
Seltsam, was einem die Wellen der Nacht nicht alles zutragen ... Wie war das doch damals gewesen? Dieser baltische Kollege, der sich nicht unter- kriegen ließ, dieser feine, kluge Kerl mit seiner unerschöpflichen, faszinierenden Frische ... Ropker hietz er ober so ähnlich ... .
Herrgott, unb ba mar man nun auseinander ge- kommen, als ob man nichts gemeinsam erlebt, als ob man nie in ernsten unb heiteren Stunden verspürt hätte, mie gut man eigentlich zusammen paßte ... Den einen verschlug's bahin, den anderen Dorthin ... erst ein schmaler Graben dazroischen, der leicht zu überspringen geroesen märe, dann ein breiter, dann eine Kluft — und schließlich ein ganzes sogenanntes Menschenleben! O du Dreimal verfluchter Schlendrian!
Aber hatte nicht gerade dieser Ropker (oder mie er hieß) immer roieber ben Satz verfochten: Zu spät? Das gibt’s einfach nicht!?
Rasch entschlossen setzte sich Der Doktor auf, sprang aus bem Bett, holte aus bem Sprechzimmer nebenan Briefblock unb Bleistift, brehte bie Heizung an, kroch roieber unter bie Decke unb begann zu schreiben:
Lieber Kollege,
ich weiß nicht, wo Sie stecken, weiß nicht einmal ob Sie überhaupt noch leben in dieser besten aller Welten. Seit dreißig Jahren haben wir nichts mehr voneinander gehört; viel, sehr viel liegt dazwischen — sogar ein Weltkrieg, bei Dem Sie notgedrungen „auf der anderen Seite" waren.
Aber fei denn, wie ihm wolle: für mich sind Sie heute so lebendig wie nur je. Ich sehe Sie durch die Liegehallen gehen und Zutrauen um sich verbreiten; ich sehe Sie eifrig Hinterm Mikroskop sitzen; ich sehe Sie barhäuptig über b-e tauigen Nachtreten au- fen im Mondschein und höre Sie Ihre Volkslieder und Löwe-Dalladen singen.
Was war das für ein wunderliches Leben damals in dem triften schlesischen Gebirgsnest! Wir drei Assistenten wohnten verstreut, jeder in einem anderen Haus, hatten aber den guten Brauch eingeführt, gemeinsam zu Abend zu essen und dann noch eine Weile zusammen zu bleiben. Und zwar auf meiner Station und in meiner Bude, weil da ein gemietetes Klavier stand und vor allem, weil meine Mamsell, der Sie so bezaubernd um den Bart (jawohl, Bart) zu gehen verstanden, ihr weibliches Gegenempfinden in besonders gloriosen gastronomischen Darbietungen zu verstromen pflegte.
Erinnern Sie sich noch des Dritten in unserem Bunde? Er war Pole, hieß Laniecki, und wir hatten ihn sehr gern, obgleich er für unseren Geschmack etwas zu geschniegelt war, nie ohne Gamaschen ausging und sein schwarzes Schnurbärtchen mit allen Wohlgerüchen Arabiens zu salben pflegte. Aber ein guter Kamerad war er doch, dazu ein glänzender Chopinspieler und unübertrefflich Im Erzählen von Anekdoten aus dem Posen'schen.
Wir beide, Laniecki und ich, saßen eines Abends im Vorwinter bei mir und warteten auf Sie und auf Nachtessen. Draußen stürmte es und regen- schwere Wolken stiegen hastig das Tal herauf zwischen den schwarzen Bergwaldkuppen hin; in meiner Bude aber roar’s wohlig warm, Der Samovar summte, unD eine Flasche Chäteau Beycheoelle stanD für alle Fälle bereit, nicht weit vom Ofen.
„Er wirb roieber einmal", sagte ich, „bem Regengewölk wirb bem Schlossensturm entgegen fingen wie bie Lerche
Versuchen roir’s inzwischen nochmals mit ber Grieg- Sonate in C=!DtolI: Allegro molto ed appassionato!“
Es ging, wie s eben ging, vielleicht zehn Minuten lang. Da sprang meine E-Saite. Im selben Augenblick öffnete sich bie Tür und Sie traten ein, durchnäßt, vom Wind zerzaust, mit einem ernsteren Gesicht als gewöhnlich. .
„Entschuldigen Sie die Verspätung! Ich bin bei bem prachtvollen Wetter bloß schnell noch burch ben Park unserer verehrten Konkurrenzfirma gerannt unb bin da ... etwas aufgehalten worden. Und nun bring ich gleich noch einen weiteren Gast mit, wenn Sie gütigst gestatten wollen. Explikation folgt."
Erst jetzt sahen wir unter der Tür einen zartge- bauten Herrn in mittleren Jahren stehen, mit ängstlich-verstörtem Gesichtsausdruck, und blickten Sie und ihn verwundert an.
„Herr Flämmlein," stellten Sie vor. „Na, Platz ist ja hinreichend vorhanden, und für das Uebrige sorgen Sie wohl, lieber Kollege ... Was, bloß eine Beyevelle? Schon in der Arche Noah verlangte der Komment paarroeifes Auftreten."
Ich gab die nötigen Anweisungen, und Sie riefen dem Mädchen nach: „Mein ganz besonderes Kompliment an die geschätzte Mamsell!" Dann schälten Sie und Herr Flämmlein sich aus ben Mänteln, unb nun saßen wir also um ben ovalen Tisch herum unb warteten auf bie „Explikation".
„Ich darf doch ganz offen reden?" wandten Sie sich an den scheuen Gast. Der nickte stumm, und Sie
fuhren fort: „Die Sache ist nämlich die: dieses Flämmlein (Sie verzeihen schon!) war im Begriff, auszugehen ober — richtiger — sich selbst auszublasen; ich konnte ihm gerabe noch rechtzeitig bas Löschhorn wegnehmen."
Dabei zogen Sie einen Revolver aus ber Tasche unb legten ihn hinter sich auf mein Büchergestell.
„Unb warum? Weil ihm ber Herr Sanitätsrat von drüben bei der heutigen Untersuchung in seiner schlechten Laune eine dito Prognose gestellt hatte... Unglaublich! So eine Kalkgrube von Taperareis!"
Wieder ging die Tür auf und ein Tablett schwebte herein, dessen quantitative Ausstattung höchste Wärmegrade im Busen der Mamsell verriet.
„Edite, bibite, collegiales!" intonierten Sie sofort. „Wie heißt's nur gleich im Märchen, Herr Flämmlein:
Spiegelei, Spiegelei auf dem Rand, wer ist der Dümmste im ganzen Land? Fraglos doch Ihr bisheriger Leibversorger... Lassen Sie mich heute abend für ihn einspringen. Darf ich Ihnen diese hold durchwachsene Schinkenscheibe vorlegen? Die können Sie getrost aufs Korn nehmen ... Was seh' ich? Tee? Unsinn? Der Franzos da hinten wird auch froh sein, wenn er endlich mal wieder unter bie Leute kommt..."
Dem stillen Gast schien Ihre robuste Art wohl zu tun. Sein Gesicht hatte sich entspannt, er lächelte sogar ein paarmal, unb wenn er auch nicht einhieb wie bie anbern brei, so ah er boch wenigstens seinen Teller leer.
„Unb nun", sagten Sie, als abgetragen war, „unb nun, Herr Flämmlein, will ich mein Versprechen halten unb bin sicher, baß auch bie beiben Kollegen sich nicht ausschließen werden. Machen Sie bitte Ihren werten Oberkörper frei: wir wollen Sie jetzt, einer hinter dem andern, gründlichst untersuchen (nur keine Angst, wenn wir gleich selbdritt auf Sie loshacken!), unb jeber soll Ihnen zum Schluß nach bestem Wissen und Gewissen seine Meinung sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen!"
Ein dürftiges Brustkörbchen kam zum Vorschein. Sie machten sich als erster dahinter, • liefen bas Männlein tief atmen, inspizierten, perkutierten, aus- kultierten und traten bann mit einem Gesicht zurück, bas eitel Befriebigung zur Schau trug.
„Deutlich abgegrenzter, kleiner Herb — benkbar beste Chancen!" oerfünbeten Sie ... „Kollege Laniecki?"
Währenb Sie unb ich nach guter alter Art mög- lichst ohne Hilfsinstrumente untersuchten, zückte bieser ein Plessimeter, ein Hämmerchen unb eine bamals eben erst in Mobe gekommene Hörplatte mit Gummi- schläuchen unb waltete bamlt feierlich feines Amtes.
„Je weniger Apparate ber Arzt zwischen sich unb bem Patienten einschiebt", pflegten Sie sonst zu sagen, „um so mehr kommt habet heraus. Fühlen muß man, fühlen! ..., worauf Laniecki gewöhnlich erroiberte: „Abbär es imponirrt!", was allerbings nicht zu bestreiten war.
Heute schwiegen Sie, verkniffen sich jebes ironische Zucken ber Munbwinkel unb blickten bem polnischen Jnstrumentalkünstler nur scharf in bie Augen.
„Gutt!" sagte bieser. „Särr gutt!" als er fertig war. Unb bas Nämliche fagte ich in meiner erbelgen- tümlichen Mundart und fügte feierlich hinzu: „So wahr mir Gott helfe!" Denn der „Fall" lag wirklich keineswegs desolat; Herr Flämmlein war, nach ärztlicher Voraussicht, nicht in die Proskriptionsliste eingetragen.
„Sie haben gehört, Verehrtester!" riefen Sie nun und schüttelten dem Männchen herzlich die Hand, dem bie roiebergeroonnene Lebenszuversicht aus ben Augen strahlte. „Aiakos, Minos unb Rabamanthps haben gesprochen unb einstimmig Ihre Aufnahme in bie Unterwelt abgelehnt. Bleiben wir also im fröhlichen Licht, unb sehen wir zu, balb roieber ganx In bie Reihe zu kommen! Zu bem Enbe würbe ich Ihnen empfehlen, gleich morgen hort brüben zu fünbigen unb in acht Tagen nach Davos umzusatteln. Das bortige Klima paßt besser für Sie ... Wie wär's, wenn wir jetzt bas zweite Pullchen da in ber Ecke zur Aber ließen?"
Wir taten’s, unb Herr Flämmlein, nun zur Flamme geworben, tat feurig mit. Er würbe gesprächig unb fing schließlich an, ums „Honorar" herum- zureben. Da machten Sie eine großartige Bewegung, mit ber rechten Hand, wischten bas Thema unter ben Tisch unb sagten bloß: „Wir werben zur Erinnerung an diesen Abenb Ihr blöbes Pusteror konfiszieren. Damit schießen wir bann jeweils bie schwarzen Mücken tot, bie zwischen uns unb ber lieben Sonne tanzen wollen — basta!"
Kurz darnach standen Sie auf: „Feierabend, meine Herren! Das heißt, ich muß zu Hause erst noch sechs Schlußgutachten schreiben, zu fünf Mark das Stück: je zwei Mark kriegt unsereins für die Arbeit, je drei Gnaden der Herr Chef für höchst fein kostbares Autogramm, bas er brunter setzt. Hurrah, es lebe bie sittliche Weltorbnung! ... Abbio, verehrte Kollegen, unb geruhsame Nacht! Sie schließen sich mir wohl an, Herr Flämmlein? Wir haben denselben Weg..."
Doktor Schwarz setzte ben Bleistift ab unb fah nach ber Uhr. Fast halb sieben; ba mußte man ja bald ans Aufstehen benken ...
Aber wozu auch weiterschreiben? Der Brief erreichte ja boch nie seinen Abressaten. Hieß er überhaupt Ropker? Unb wo in aller Welt mochte er sich herumtreiben. Sicher war er inzwischen längst grau geworben und vielleicht hatte sich sogar ihm bas Leben grau gefärbt. Dagegen gab es noch feine In- banthren-Künste...
Hauptsache: ber Druck roar weg, man konnte roieber aufatmen. Unb nebenbei roar ein innerer Konnex wiederhergestellt, eine Kraftquelle neu erbohrt, an die man sich in trüben Stunden halten konnte.
Er drehte bas Licht ab unb zog ben Vorhang zurück.
Der Regen hatte nachgelassen. Ein schmaler, fahlgelber Streifen wuchs langsam im Osten hinter bem fernen schwarzen Walb herauf. Hart unb abenteuerlich verkrümmt griff bas Geäst einer nahen Eiche in bie bunftige Luft, unb zwei Krähen taumelten lautlos durch Den grauenDen Morgen.


