Ausgabe 
17.7.1935
 
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ltr.164 Zweiter Blatt

Siebener Anzeiger (Senerai-Anzeiger für Wer-chenf

Mittwach, ir.Wi 1935

Vor einem halben Jahrhundert.

Interessante Zeiten reizen zum Forschen in der Vergangenheit. Ohne sonderlichen Grund und ganz willkürlich seien aus dem Drang, einmal das innen» und außenpolitische Getriebe vor einem knappen Menschenalter unter die Lupe zu nehmen, d i e letzten fünf Jahrzehnte übersprungen. Die Jahreszahl 1885 tragen die herangeschleppten Zeitungsbände. Was mögen sie wohl bergen? Waren der interessanten Ereignisse genug, so daß es sich lohnt, die schon braunen, vor Altersschwäche brüchigen Zeitungsbogen Blatt für Blatt einer Durchsicht zu unterziehen? Enttäuschungen sind einem erspart geblieben: das Jahr 1885 war a n Geschehnissen so reich, daß spätere Ge­schichtsschreiber diesem kurzen Zeitabschnitt für mehr als ein historisches Werk ihr Material entnehmen konnten.

Schon gleich zu Anfang des Jahres gab es eine Sensation von weltgeschichtlicher Bedeutung, Khar­tum, am Oberlauf des Nils, nahm der Mahdi im-Sturm. Gordon, die Hoffnung der Engländer im Sudan, der Sieger im Taiping- Aufstand, wurde niedergemacht, sein Haupt wan­derte als Siegestrophäe durch alle Gebiete, die sich der Mahdi unterworfen hatte. Entsetzen verbreitete sich, als die Schreckenskunde in England bekannt wurde. Denn mit dieser Wendung hatte niemand gerechnet, nachdem noch bis in die letzten Stunden hinein Presst und Regierung miteinander gewett­eifert hatten, die Lage im Sudan in den rosigsten Farben zu schildern. Ja, der Optimismus ging so­weit, daß man eine auf Dampfer verladene Hilss- truppe bereits in Khartum und die heranrückende Entsatzarmee als Sieger vor den Mauern der seit Monaten hart bedrängten Stadt sah. Schlag auf Schlag liefen nun die Hiobsposten ein. Die zu Hilfe geschickte Armee hatte bei Abu Klea schwerste Ver­luste erlitten. Mit wehenden Fahnen und unter dem Gedröhn der Derwischtrommeln waren die Auf­ständischen trotz mörderischer Verluste in die Reihen der schon durch den endlosen Anmarsch hart mit­genommenen Engländer eingedrungen. Plötzlich standen sie in dem Verteidigungs-Viereck, verbreite­ten Angst und Schrecken um sich und konnten nur mit großer Mühe wieder herausgeschlagen werden. Damit war der Versuch, Gordon zu Hilfe zu kom­men, gescheitert. Gordon fiel zwei Tage vor seinem Geburtstag und mit ihm Tausende ihm ergebener ägyptischer Soldaten. Der Verräter Farag Pascha, der ein Tor geöffnet haben soll, soll nach späteren Telegrammen vom Mahdi gehenkt worden sein. Ende des Jahres standen die Engländer an der sudanesisch-ägyptischen Grenze, sie hatten fürs erste den Sudan preisgegeben. Nur noch einen kleinen Triumph konnten sie feiern: es gelang ihnen, den Kommunisten Oliver Pain zu fassen, der als Berater des Mahdi galt, während der Franzose D e r e t, der 1870 die Zitadelle von Toulon gegen die Kommunarden verteidigt hatte, den Kriegsminister gespielt haben soll.

Nicht weit vom Aufstandsgebiet entfernt, tauch­ten einige Zeit nach dem Fall Khartum die Ita­liener auf Sie suchten schon seit langem Kolo­nialgebiet, sie griffen am Roten Meer zu, als hier einige italienische Wissenschaftler von Eingebo­renen ermordet wurden. Wie heute, so bringen die Zeitungen von 1885 immer wieder Telegramme über die Einschiffung italienischer Truppen nach Massaua England war mit dieser Besitzergreifung am Ausgang des Roten Meeres einverstanden, weil es sich offenbar eine Entlastung seiner Position am Oberen Nil ver­sprach. Aber die Italiener hatten andere Interessen. Aus verschiedenen Andeutungen geht hervor, daß sie schon damals an Abessinien dachten, auf dessen Thron der König Johannes saß, dem es übri­gens glückte, einen Vorstoß des Mahdi, wenn auch unter großen Blutopfern, abzuwehren. Wie stark damals schon Abessinien die Gemüter bewegt haben muß, zeigt die Aeußerung einer russischen Zeitung, man müsse ein russisches Protektorat über das glaubensverwandte Abessinien Herstellen

Die Russen hatten jedoch sehr bald Gelegenheit, sich mit ganz anderen Problemen sehr intensiv zu

beschäftigen. Denn plötzlich zog drohendes Kriegs­gewölk auf. Es schien, als sei ein englisch- russischer Waffengang wegen eines Ge­bietsstreites an der afghanischen Grenze unausbleiblich. Engländer und Russen suchten sich ohnehin schon beim Emir Abdurrahms gegenseitig den Rang abzulaufen, aber England war auch ent­schlossen, die Russen nicht an die nordindische Grenze heranzulassen. Doch die Russen ließen sich nicht ab­schrecken. Es kam zu einem Zwischenfall mit den Afghanen, gleichzeitig äußerten die Turkmenen angeblich den Wunsch, unter russischen Schutz ge­stellt zu werden. Immer feindseliger wird der In­halt der Telegramme aus Petersburg und London, immer rücksichtsloser wird auf beiden Seiten mobil gemacht England verstärkt dauernd seine nordindi­schen Garnisonen, es rüstet verschiedene Handelsschiffe als Hilfkreuzer aus, die Russen halten ihre Flotte für die Ausfahrt bereit, während sich die skandina­vischen Staaten rüsten, um ihre Neutralität in einem englisch-russischen Krieg sicherzusteUen Wie ernsthaft tatsächlich alle Kriegsvorbereitungen getroffen wur­den, zeigt eine Notiz, in der von namhaften rus­sischen Aufträgen an die deutsche L e - bermareninbuftrie unb von einer Lieferung von 130 000 Paar Militärstiefeln burch Berliner Firmen an russische Auftraggeber gesprochen wirb. Doch eines Tages war ber Höhepunkt bes Konflikts überwunben, die Wogen ber Erregung glätteten sich, ber Konflikt ebbte ab, man ereiferte sich auf russischer Seite auch nicht mehr, als eine eng­lische Zeitung offen aussprach, daß man dem Emir von Afghanistan 20 000 Gewehre unb 17 000 Ge­schütze habe zukommen lassen. Wie bedrohlich jeboch zeitweise bie Situation aussah, ergibt sich aus einer Pressebetrachtung, in ber es als Heller Wahn­sinn bezeichnet wirb, wegen einiger hunbert Qua» bratfilometer einen Weltkrieg zu entfachen.

Inzwischen würbe eine englisch-beutsche Verstimmung wegen bes deutschen Erwerbs von neuen Ueberfeebesitzungen niebergeschlagen. Die (Englänber, bie gerabe erst bie ßanbung ber Ita­liener in Massaua benutzt hatten, um ihren Besitz in Oftafri ta auszubehnen und die etwas spä­ter Birma mit Waffengewalt ihrem indischen Reich angliederten, hatten Anstoß an den deut­schen Besitzergreifungen in der Süd - ie'e und auch in Afrika genommen. Hetzmel- düngen der britischen Presse über deutsche Brutali­täten trugen gerade nicht dazu bei, bie Gesamtlage zu erleichtern So würbe ein mehrtägiges Gefecht

mit aufgeputschten Eingeborenen in Kamerun1 bie KriegsschiffeOlga" unbBismarck" hatten Mannschaften lanben müssen, zu höchst unsach­lichen Kommentaren benutzt. Aber ber eiserne Kanzler ließ sich nicht einschüchtern, er begünstigte bas Werk ber beutschen Kolonialpioniere, wenn man es auch im Reichstag für nötig hielt, sich we­gen 150 000 Mark zur Erforschung Zentralafrikas herumzuschlagen. Solingens Schneidewarenindu- ftrie schuf in biefem Jahre auf Wunsch bes Kauf­manns Lüber : tz einen für ben Zulukönig be­stimmten Säbel, besten Kord aus aebiegenem Golbe beftanb. Im gleichen Jahr schloß ber Afrikaforscher Dr. Nachtigal an Bord bes Kanonenbootes Möve" für immer bie Augen. Er würbe auf Kap Palmas beigefetzt. Doch froh klingt eine aus Kamerun eingelaufene Nachricht, baß bort am 27. März ein junger Münchener gelanbet fei, ber sich als Plantagenbesitzer nieberlaffen wolle. Er war ber erste wirkliche beutsche Pflanzer in Kamerun!

Frankreich, in besten Parlament 1885 die dreijährige Dien st zeit durchberaten wurde, startete in diesem Jahre seine Tonking-Expe- d i t i o n. Offener Krieg mit China bedeutete dieses Unternehmen das sich zunächst aus 34 Schiffen mit 280 Kanonen unb 24 000 Fremdenlegionären an Borb zusammensetzte. Von Erfolg zu Erfolg eilte bas Korps, jubelnb wurde jede Siegesnachricht in Paris begrüßt. Doch bann gab es einen schweren Rückschlag: General Negrier erlitt eine empfind­liche Nieberlage, just in bem Augenblick, als bie Zei­tungSiecle" von einem Marsch quer burch China nach Peking träumte. Ganz Paris glich im Hand- umbrehen einem aufgescheuchten Bienenschwarm, eine offene Revolution brohte, bie Aufregung ber Pariser war so,als ob bie Chinesen vor ben To­ren von Paris ftanben." Das Kabinett Ferry mußte bemiffionieren, bie nach langen mißglückten Versuchen ber Regierungsneubilbung ernannte Re­gierung Brisson mußte sich Monate später bei­nahe ähnlich scharfe Attacken gefallen lassen, als es in Hu6 zu einer schweren Schlappe kam, General C o u r c y aber ein Telegramm schickte, bas bie De­putierten in Raserei versetzte, weil er so tat, als sei feine Nieberlage so etwas wie ein Sieg gewesen. Friebensbemühungen, bie zeitig einsetzten, waren nicht erfolglos. Noch im Frühjahr kommt ber Friebe mit China zustande, wenn auch in Annam unb Tonking bie militärischen Operationen weitergehen. China leistet Verzicht auf bas von Frankreich begehrte Gebiet.

Spanischer Sommervogen.

£ chi und (Schatten über einem schönen Land.

13on Wal er Seidl H-Sarcelona.

Nun steht bie Sommerhitze flimmernb über Spa­nien. Die Sonne brütet, und bas Thermometer klet­tert schon in ben Morgenstunben über bie 30-Grad- Grenze hinaus. Auf bem Lanbe, wo bie Ernte­arbeiten begonnen haben, mischt sich in ben Son­nenglast ber Staub. Wer im heißesten Sommer burch Spanien reift, kann burch ben Staub fast um bie große Illusion, bie ber ©üben bebeutet, beraubt werben ... Unb in ben Stäbten kommt ber Dunst, ber aus allen Kellern unb Gassen steigt, hinzu. Im Sommer merkt man es, riecht man es, baß die spanischen Stäbte burchweg eine schlechte Kanalisa­tion haben. Man fährt hier auch schlechtes Benzin. Unb bas riecht man ebenfalls. Der Benzingeruch, ber sich unter bas dichte Laub der Plantanen legt, bleibt ewig in der Nase.. Selbst dann noch, wenn man am Abend in die Dorstadt fährt, oder wenn man die sternklare Nacht auf einem der reizenden Dachgärten verbringt. Mit dem Sommer wird ja ber ganze Betrieb, ber auch sonst vornehmlich auf ber Straße abgewickelt wird, vollständig ins Freie verlegt. Aus dem Gemüseladen wirb alles, was zum Verkauf steht, auf bie Straße zur Schau ge­tragen, Die Bürgersteige vor den Cafss sind nicht mehr breit genug, alle Schatten- und Getränke- fuchenden unterzubringen. So reiht man dann lange

Stuhl- unb Tischreihen an; zehn, zwanzig Meter weit, bis man an den Bereich des nächsten Caf6s stößt. Die Ramblas, bie in Barcelona vom Hajen bis zur Plaza Cataluna über einen Kilometer burch bie Innenstadt stoßen, bilden jetzt zu beiden Seiten ein einziges Kaffeehaus. Darin fitzt unter riesigen Sonnenschirmen die große schwatzende Menge. Denn mit steigender Hitze wird weniger gearbeitet. Die Mehrzahl der Büros hat in den heißen Sommer­monaten am Nachmittag geschlossen. Man hat dann viel Zeit, etwa im Straßencafe zu sitzen unb zu diskutieren. Man macht auch noch Geschäfte bort. Unb man muß vor allem bie Flut ber Bettler unb Musikanten über sich ergehen lassen.

Es ist ein unbeschreibliches Elenb, das uns bort entgegentritt, es ist eine Plage für bas ganze Land. Die Regierung ist machtlos, oiefen Bettlerstrom ein­zudämmen, der, solange noch ein Mensch durch die Straße streift, nicht abreißt. Unb nachts sieht man sie bann im Freien kampieren: auf einer Stein­bank, in einer Türnische, in abgelaufenen Spring­brunnen, auf ben Stufen ber Denkmäler. Auf dem Lande ist es ähnlich; denn dort tritt zur Bettler­plage noch die Landstreicherplage. Aber die Sonne scheint auch in Spanien über bie Gerechten unb Ungerechten. Unb baß sie es in Spanien so intensiv

Drei Millionen Volt in Fesseln geschlagen.

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IM M A-M

'M.

Die leistungsfähigste Hochspannungsprüfanlage ber Welt auf bem Nürnberger Freigelände bes Trans­formatoren - Werkes ber Siemens- Schuckert-AG. In bem 12 Meter hohen Por­zellangerüst können Spannungen bis zu 3 000 000 Volt bei 25000 Ampere erzeugt ©erben. Die Kugeln gehören zu ber Meßfunkenanlage. (Kluth-M.)

macht, ist ja ber Hauptgrunb biefer Bettlerplage. Je heißer bie Sonne brennt, um so sorgenfreier er­scheint bas Leben. Denn in ber Wärme gebeihen nicht nur bie Pflanzen, fonbern auch bie Menschen. Unb bas Unkraut wuchert natürlich hier unb bort. Daß in Spanien viel Unkraut wuchert, mag roieber- um mit ber Temperatur unb bem Temperament Zusammenhängen.

Wenn bie Sommerhitze alles einzubämmen ver­mag, bie Arbeit unb bie Unternehmungslust an erster Stelle, bas Vergnügen lebt trotzbem wei­ter! In ben Kinos unb Varietes brummen bie Ven­tilatoren, unb wenn bie Hitze auch ersticken!) wirkt, bie Stuhlreihen sinb immer bicht gefüllt. Unb bort, wo bas Vergnügen zweifelhaft wirb, kann bei ber Hitze wohl bas Bier warm werben, allein bie Masse strömt weiter bahin. Barcelona nimmt hier eine be­rühmt-berüchtigte Stellung ein, was schon etwas be- beuten will, wenn ber spanische Maßstab angelegt wirb. Eine angesehene Mabriber Zeitung meinte kürzlich, basBarrio Chino", basChinesenviertel" von Barcelona sei bie übelste Stätte ber Erniedri­gung in ganz Europa. Die Nachlässigkeit ber frühe­ren katalanischen Regierung, bie kürzlich in Mabrib wegen Aufruhrs unb Hochverrats verurteilt wor­ben ist, die Nachlässigkeit biefer Regierung habe in Barcelona ein System großwerben lassen, bas allen Regeln der Anständigkeit und der guten Moral Hohn sprechen. Die Polizei hat nun in letzter Zeit in diesem berüchtigten Viertel mehrfach Razzien burchgeführt. Zahlreiche Kabaretts mußten schlie-

3m Zauverkreis von Delphi.

Don unserem Dr.K.M-Sonderberichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Athen, im Juli 1935.

Durch ben Isthmus waren wir gefahren jenen seltsamen Kanal, der mit seiner schnurgeraden Li­nienführung wie eine von Riesenhand gegrabene Regenrinne aussi-ht. Wir hatten Korinth und feine Burg gegrüßt, drehten dann aber nach Osten in den Golf von Pathras hinein. Dort liegt am Fuße des Parnaß bas kleine Städtchen Jtea, Ausgangspunkt für die Fremden, bie von ber Seeseite her Delphi besuchen wollen. Ein kurvenreicher Weg, Der Dem Auto hart zusetzt, führt zunächst burch Olwenwalber, später an mageren Wiesen vorbei in bie Hohe hin­auf, zu ben Ruinen bes größten grtechi- schen Heiligtums, besten geheimnisvoll me - beutige Orakel ber alten Welt so manches Ratfe^ auf- qcqeben haben. Ein Trümmerhaufen nur nach, Der erft aus ber Vergessenheit ber Jahrhunberte aus­gegraben würbe, nachbem bas Dorf zwangsweise umgesiedelt war, bas sich hier angebaut hatte; ein malerisches Durcheinanber von Steinen, worin bas von ben Archäologen aus ben vorhandenen Resten toi eher aufgebaute Schatzhaus ber Athener fast un­harmonisch wirkt. Ob Menschenhand hier brutal zer- störte, was Menschenhanb zur Verherrlichung ber Götter geschaffen hatte, ob Naturgewalten emgriffen unb Erbbeben bie Säulen durcheinanderpurzeln lie­ßen, baß fein Stein mehr auf bem anbern staub: wir wissen es nicht. Vielleicht das Eine und bas Andere, bis mit bem Tempel endlich auch die Er­innerung verfank unb alles, was zu Ehren Apollos für bie Ewigkeit errichtet schien, in Schutt begra­ben war.

Unb boch ist ber Zauber dieser Weihestätte ge­blieben, niemand kann sich dem geheimnisvollen Bonn entziehen, der hier herrscht. Eine mystische Tragik, die auch den nüchternen Großstädter und vielleicht den zuerst ergreift, liegt über dem Ganzen. Unvorstellbar beinahe, daß hier vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden schon ein Mittel- punkt der damaligen Welt war. Das aeiftiae Auge sieht zurück in jene ferne Vergangen­heit da Pythia auf ihrem Dreyfuß thronte und kluge Priester aus den religiösen Orakeln em pol,- tifches Geschäft zu machen verstanden. Wir wissen ziemlich genau, wie es damals hier ausgesehen hat, qus den Grundrissen läßt sich auch heute noch das meiste ablesen. Ganz oben das Theater, fast m Den Fei en hineingesprengt; sei« Akustik ist jetzt noch fo

gut, daß der Helle Klang eines springenden Geld­stückes bis zu den höchsten Bänken hinauftönt.

Wir gehen den Weg, der von dort zum Tempel hinabführt. Der ganze Reichtum üppig treibender südlicher Vegetation schmückt ihn. Da wachsen Mandelbäume, da bietet die Maulbeere ihre blutroten Früchte an, da ein Feigenbaum, daneben ein Granatapfel, der purpurne Blü­ten und Früchte am gleichen Zweige treibt an der­selben Stelle, wo einstmals die Schatzhäuser der ein­zelnen Stadtstaaten standen, wo Weihgejchenke und Säulen in der höchsten Vollendung griechischer Kunst von der Wohlhabenheit unb ber Frömmigkeit bes Lanbes zeugten. Im Mittelpunkt bieses gewal­tigen heiligen Bezirkes, eines mauerumschlossenen Komplexes von mehr als 20 000 Quabratmetern, ftanb ber große säulengetragene Tempel, besten Vor­halle mit golbenen Sprüchen ber Lebensweisheit ge­schmückt war. Hier ftanb basEr kenne b i ch j e l b st", besten Mahnung auch uns Heutigen noch viel zu sagen hat. Hier waltete bie geheiligte Pythia ihres Amtes, ursprünglich eine Jungfrau, später eine ehrsame Matrone, bereu in hypnotischer Ek­stase gegebene Weissagungen von ben Priestern entsprechend umgeformt wurden. Die Stelle freilich, wo ihr Dreifuß stand, ist nicht bekannt. Der Spalt, aus bem bie berauschenden Erdgase herausquollen, ist verschwunden. Die Priester müjfen ihn vermau­ert haben, als ihre Zeit mit bem Vordringen des Christentums endgültig vorüber war; wenn nicht auch da ein Erdbeben Verlagerungen herbeigeführt hat, die den Gasen den Weg versperrten.

Wir sehen heute noch, wie die Mauern unter­halb des Tempels als Zeitung zur Verkündung wichtiger Neuigkeiten und als Archiv zur Ver­öffentlichung wichtiger Staatsverträge benutzt wor­den find. Wir ahnen ehrfurchtsvoll die Fülle plastischer K u n ft, die hier einmal zusammen­getragen war, wenn wir im benachbarten Museum oor ben geretteten Resten bes entschwunbenen Glan­zes stehen Als Höhepunkt der Wagenlenker, der in der geschlossenen Herbheit der Form und in der Harmonie des Körpers mit zu dem Eindrucks­vollsten gehört, was auf uns überkommen ist; das Sinnbild des ewigen Schönheitsideals der Mensch­heit, dessen Erfüllung nur wenigen in einer Feier­stunde des Schicksals beschieden war. Sein Wagen und feine Pferde sind verschollen, geraubt ober zer­stört, wie so vieles Andere, aber er selbst blickt noch mit der gleichen ruhigen Erhabenheit, mit der er vor Jahrtausenden fein Gespann auf hoher Säule am heiligen Wege lenkte.

Die Straße führt hier hart an den Felsen des Parnaß heran, die sich in tiefer Kluft gespaltet

haben. Da soll nach der Sage der Drache Python sein Obdach gefunden haben, den Apollo erschlug und dessen Ende den ersten Anlaß zur Errichtung des Heiligtums von Delphi bildete. Mögen die Ge­lehrten Darüber streiten, ob tatsächlich ein verspä­teter Nachkömmling der Saurier dort gehaust und sich bie vvrübergehenben Wanberer als Opfer ge­holt hat, besten Tob bann als Erlösung, als Tat eines Gottes empfunben würbe; ober ob bie ewigen Skeptiker recht haben, bie in einer entgötterten Welt erft zufrieben sinb, wenn sie jebes Rätsel bes Geheimnisvollen entfleibet haben. Für sie hat bas Ungeheuer nie existiert, war es nur ein Trugbilb tiefhängenber Wolken, bie sich in ber Felsenschlucht festgeklemmt hatten unb vom Winbe herausgestoßen in verzerrtem Dunstschleier bie bizarren Gestalten vorsintflutlicher Tiere annahmen. Für uns gehört zu bem Erlebnis von Delphi die schöne Sage von dem Drachen Python, der wie ein Alp auf ber Gegenb lag unb von Apollo besiegt würbe. Wo­für bie dankbare Menschheit dem Gott in hundert­fältiger Form dankte. Gehört auch ein anderes Bild bie Mär von bem Kastalischen Quell, der unmittelbar neben der Drachenschlucht dem Felsen entspringt. Wer daraus trank, fall, fo hieß es, zum Dichter geworden fein. Die einstmals kunstvoll steinerne Einfassung ist zum größten Teil zerbrochen, nur in ihrer Anlage noch vorhanden und von Moos überwuchert. Und das Wasser schmeckt, im Vertrauen gesagt, wie jedes andere Quellwasser ohne spürbare Wirkung auf den dichte­rischen Genius Aber doch nur, weil uns das my­stische Fluidum fehlt, das den gläubigen Trinker bes Gottes voll" werden ließ.

Die alten Griechen haben durch hohe Mauern den Blick nach draußen abgefperrt Aber doch muß in diesem schönheitsdurstigen Volk der Sinn für die unvergleichlichen landschaftlichen Reize der Heimat mitgeschwungen haben Wir finden fast überall, wo sie ihren Göttern ihre Altäre bauten, auf der Akropolis auf Aegina wie hier in Delphi, nachdem die Mauern gefallen find, eine Harmonie von Natur und Kun st, die alle Erdenschwere in seelische Befreiung auflöst.

In diesem Rahmen läßt sich das große Wunder der antiken Welt am unmittelbarsten und reinsten erfassen. Und wer einmal das Glück gehabt hat, mitten in diesem Friedhof von Steinen und zu Stein gewordener Geschichte zu stehen, wer über Tempelruinen und geborstene Säulen, über Berge, Täler und Wälder hinunter sah bis tief in ben Golf von Korinth hinein, wem gar in bie feierliche Stille der Erinnerung die melancholischen Melodien der Hirtenflöte hineinsangen, genau so.

wie sie den Wallfahrern von einst geklungen haben, dem wird es schwer, sich aus dem Zauberkreis- von Delphi zu losen. Er darf sagen, daß erseines Geistes eigenen Hauch" verspürt hat.

OielehteFahrtdergrohenattenDame'-

DieMauretania", das einst so stolze Schiff, das als schnellster Dampfer über den Atlantik 22 Jahre lang dasBlaue Band des Ozeans" besaß, hat nun bie letzte Fahrt angetreten. Im englischen Volks- munb hieß sie nurbie große alte Dame", sie war so bekannt unb beliebt wie bas nur bei einer Nation von Seefahrern benfbar ist. In ihrer ßebensge- schichte spiegelte sich für bie Bevölkerung bas Schick­sal ber britischen Schiffahrt währenb mehrerer Jahr­zehnte am sichtbarsten, unb fo ist es nicht zu ver- rounbern, baß bie Anteilnahme an ber letzten Reife derMauretania" außerordentlich groß war, wie schon die Versteigerung ber nur noch alsAnbeu­te n" verwenbbaren (Begenftänbe ber Schiffsaus­rüstung lebhaften Zuspruch erfahren hatte. In lang­samer Fahrt bewegte sich biegroße alte Dame", währenb von ben 25 Kesseln nur zwölf arbeiteten, den Firth of Forth hinaus nach Rosyth, um bort endgültig abgewrackt zu werden. Tausende von Menschen hatten ihr noch mit lauten Rufen das Abschiedsgeleit gegeben, aber in den Stimmen klang etwas von der Trauer mit, der sich niemand ent­ziehen konnte, der den großen Dampfer feiner Be­stimmung entgeqenaleifen sah. Die ..Mauretania" konnte nicht einmal die Begrüßungssignale der vor­überfahrenden Schiffe beantworten denn ihre Si­renen waren schon entfernt worden. Statt der Masten ragten nur noch kümmerliche Holzstümpfe zum Himmel; sie waren gekappt worden, damit das Schiff die Firth-Brücke passieren konnte. Der Bür­germeister von N-'w-'astle hatte es sich nicht nehmen lassen, dem scheidenden Dampfer noch einige Ab- schiedsworte zu telegraphieren, auf die er die fol­gende Erwiderung erhielt:DieMauretania" dankt Ihnen für Ihre Wünsche. Seit achtundzwanzig Jah­ren hat sie danach gestrebt, sich der Ehre des Lan­des würdig zu erweisen Nun ilt ihre Arbeit getan, ihre Zeit ist um Möge bie Zukunft weitere und größere Triumphe bringen. Mit Stolz unb Herz­lichkeit werben Sie gegrüßt von berMauretania". Noch einmal wirb bas Rabio an Borb in Tätigkeit gefetzt. Die letzten Worte bergroßen alten Dame" lauten:Lebt wohl Dies ist meine letzte Radivnacy- richt Jetzt ist Schluß für immer Mauretania" Das war bas Ende eines ruhmreichen Schiffes, dessen Fahrten stets von den Hoffnungen von Mil­lionen Engländern begleitet gewejen sind.