Rr.M Dritter Blatt
Gießener Anzeiger iGenerai-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, l7. Mai 1935
Aus der Provinzialhauptstadt. Giftpflanzen in der heimischen Flora.
Viele Menschen werden erstaunt sein, zu hören, daß unsere heimische Pflanzenwelt über 40 Vertreter von Giftpflanzen aufzuweisen hat. Weidende Tiere werden durch ererbte Triebe vor ihrem Genuß gewarnt. Der Mensch aber kann sich nur dadurch schützen, daß er diese Pflanzen kennenlernt. Nicht olle Giftgewächse sind in allen ihren Teilen giftig. Manche davon schaden der Tierwelt nicht, während sie beim Menschen den Tod herbeiführen.
Wenn Schnee und Eis die Welt noch in ihrem Bann halten, erscheint in unseren Gärten die C h r i st r o s e. Ihr botanischer Name Helleborus bedeutet tödliche Speise. Nieswurz heißt sie, weil die Wurzel, zu Pulver verarbeitet, als Zusatz von Schnupftabak Verwendung findet. Versehentlich ge= nassen, treten Krämpfe, ja der Tod ein. Verhältnis- mäßig selten noch ist die Küchenschelle anzutreffen. Der Giftstoff ihrer Blätter wirkt lähmend auf Gehirn und Rückenmark. In lichten Waldungen entfaltet bereits zu Ende Februar der Seidel- b a st seine rosafarbenen Blüten. Er ist in allen seinen Teilen stark giftig. Der Eisen- oder S t u r m h u t ist als Bauernblume viel in unseren Dorfgärten anzutreffen. Wie stark die Giftstoffe in ihm sind, erhellt aus der Tatsache, daß das Tragen eines Straußes schon Schwellungen der Hand erzeugt. Bei Vergiftung tritt Lähmung des Pulsschlages und der Atmung ein. Trotz seines giftigen Wesens findet man auch den Fingerhut in seinen Spielarten von weiß bis dunkelrot in Gärten und Parkanlagen vor. Als Zierstrauch von besonderer Schönheit schmückt der Goldregen im Wonnemonat unsere Vorgärten. Die goldgelben Blütentrauben bilden einen wundervollen Gegensatz zu dem Rot des Rotdorns und dem Weiß und Lila des Flieders. Manches Kind mußte das Kauen an den Blüten, Hülsen oder Blättern mit dem Leben bezahlen.
Zu den gefährlichsten Gewächsen zählen die Schierlingsarten. Auf Schutthaufen, an Zäunen und Gräben wächst der gefleckte Schierling, am rotfleckigen Stengel und dem mäuseartigen Geruch leicht zu erkennen. Das schlimmste Doldengewächs aber ist der W a s s e r s ch i e r l i n g. Verwechslungen mit dem Gartenschierling, auch Hundspetersilie genannt, hat schon manchen Menschen an den Rand des Todes gebracht. Grundsätzlich sollte man deshalb als Würzpftanze nur die krausblätterige Petersilie im Gärten anpflanzen.
Keinem anderen Vertreter der Giftpflanzen sieht man so das unheimliche Wesen an wie dem Bilsenkraut. Von weitem schon wirkt es mit seinen düsterviolett geaderten schmutziggelben Blüten und seinem betäubenden Geruch abstoßend. Eine prächtige Zierde feuchter Gebüsche sind die leuchtenden, aber giftigen Beeren des bittersüßen Nachtschattens. Er klettert oft mehrere Meter hoch und öffnet im Hochsommer seine der Kartoffel ähnlichen Blüten. Während das „Bittersüß" eine ausdauernde Pflanze ist, findet sich der schwarze Nachtschatten als einjähriges Unkraut in Gärten und Feldern. Die weißen Blumenkronen bringen schwarze Beeren, die gleichfalls stark giftig sind. Der Stechapfel wächst an ähnlichen Orten, wie das Bilsenkraut. Die buchtig gezähnten Blätter strömen einen widerlichen Duft aus. Leicht ist die Pflanze an der großen stacheligen Kapsel- srucht zu erkennen. Sie springt in vier Längsrissen auf und streut die äußerst giftigen schwarzen Samen aus. Keine Giftpflanze unserer Heimat fordert alljährlich so viele Opfer wie die Tollkirsche. Sie ist das gefährlichste Gewächs unserer Pflanzenwelt. Ueberall in gemischten Waldungen ist sie anzutreffen. Die verlockend schön glänzenden, schwarzen Beeren werden von Kindern leicht mit dunkl-n Kirschen verwechselt und verzehrt. Der
Genuß der Beeren bewirkt Mattigkeit, Kopfweh, Schwindel, Jrrereden, heftiges Fieber und endlich den Tod. Als Gegenmittel bis zum Eintreffen des Arztes ist starker Kaffee nach vorherigem Erbrechen des Mageninhaltes zu verabreichen. Auch die schwarzblauen Früchte der im Waldesschatten wachsenden Einbeere werden oft naschenden Kindern zum Verhängnis. Gefährlich für Mensch und Vieh ist die Eibe, auch Taxus genannt. Sowohl die breiten Nadeln, als auch die Samen, nicht aber die rote Fruchthülle, enthalten ein betäubendes Gift, das alle innere Organe entzündet, die Herztätigkeit und Lunge lähmt, so daß der Vergiftete plötzlich erstickt. Pferdebesitzer seien besonders gewarnt, ihre Zugtiere beim Halten an Taxushecken fressen zu lassen.
Wenn der Herbst seinen Einzug gehalten hat und die Blütenfülle des Sommers dahin ist, dann
hat die Wiese noch einen Schmuck, die Herbst- zeitlose. Sie ist zeitlos, weil sie nicht den Entwicklungsgang anderer Pflanzen einhält; denn sie blüht im Herbst und fruchtet im Frühjahr. Sie ist in allen Teilen giftig. Besonders gefährlich sind die süßlich schmeckenden Samen, von denen fünf Gramm einen Menschen innerhalb kurzer Zeit zu töten vermögen.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemeinschafl „Kraft durch Freude".
Rheinfahrt am 2 3. Juni.
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Kreis Gießen, veranstaltet am Sonntag, 23. Juni, die erste Rheinfahrt des Jahres 1935. Die Fahrt geht mit der Bahn von Gießen nach Niederlahnstein, von dort aus mit dem Schiff nach Bingen, nach
mittags mit dem Schiff zurück nach Niederlahnstein, von wo aus die Heimfahrt angetreten wird. Wir haben also die Möglichkeit, die schönste Strecke unseres deutschen Rheins stromauf und -ab zu fahren. In Bingen oder gegenüber in Aßmannshausen oder Rüdesheim kann die Mittagszeit verbracht werden. Eine große Kapelle wird uns begleiten und uns auf dem Schiff und in Bingen mit einem Konzert erfreuen. Der Gefamtfahrpreis beträgt 5 Mark. Mittagessen geht extra, es kann im Voraus bestellt werden. Preis 80 Pfennig.
Alle „KdF."-Warte haben sofort Aushang auf allen roten „KdF."-Anfchlagstafeln zu machen. Die Anmeldungen werden bei den „KdF."-Warten abgegeben. Meldungen aus den Betrieben müssen nachweisen, in welchem Bahnort die Teilnehmer einsteigen, damit wir rechtzeitig für richtige Anschlüsse sorgen können. Gesamtteilnehmerzahl 800 Personen
Landfrauen bei der Feldarbeit.
Für unsere Volksgenossen auf dem Lande ist jetzt wieder auf den Aeckern und Wiesen Arbeit in Hülle und Fülle vorhanden. Mann und Frau sind vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit ihren treuen Arbeitskameraden, den Kühen oder Pferden, bei dem schweren Werk der bäuerlichen Arbeit. Vielfach müssen auch für kleinere Hilfeleistungen die Buben oder Mädels ihre bescheidenen jungen Kräfte mit in den Dienst des Broterwerbs der Familie stellen. In vielen Familien ist es aber auch so, daß bei dem geringen Umfang des Landbesitzes der Mann und die erwachsenen Söhne irgendein Handwerk verrichten oder an einer Arbeitsstätte in der Stadt wirken, während die Frau und die erwachsenen Töchter die Aufgaben der Feldarbeit allein versehen müssen. So kann man vielfach in den Gemarkungen — wie unsere hier wiedergegebenen Bilder aus der Gegend zwischen Gießen, Grünberg und Laubach zeigen — auf den Aeckern die Frau mit dem Kuhgespann zum
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Beispiel beim Kartoffelsetzen die Furchen durch den Acker ziehen sehen, während hinter dem Pflug die anderen weiblichen Mitglieder der Familie, oft auch noch die Großmutter, das vorher zu Hause vorbereitete Kartoffelsaatgut dem Schoße der Mutter Erde anvertrauen. Es ist eine sehr schwere Arbeit, der sich unsere Volksgenossinnen auf dem Lande mit hingebender Freudigkeit unterziehen in dem Bewußtsein, damit-zu- nächst dem engeren Kreise ihrer Familiengemeinschaft zu dienen, darüber hinaus aber auch mit ihren Kräften beizutragen zur ausreichen- den Ernährung der deutschen Volksgesamtheit. Vor diesem Heldentum der Arbeit unserer Landfrauen muß jedermann seine Hochachtung bekunden.
Unser oberes Bild zeigt die Bereitung des Kartoffelsaatgutes durch teilweises Halbieren der Knollen.
Links unten sieht man die Landfrau beim Pflügen der Kartoffelfetz- furche. Rechts daneben das Kartoffelsetzen hinter dem Pflug.
(Aufnahmen: Neuner, Gießener Anzeiger)
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Roman von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
24. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Liane saß wie auf Kohlen. Sie wünschte nur, daß Fred die Damen nicht mehr antreffen möchte.
Endlich kam Kitty auf den eigentlichen Grund ihres Besuches zu sprechen. Sie war gebeten worden, für einen demnächst stattfindenden Wohltätig- keitsbasar Damen zu werben, die sich für den guten Zweck zur Verfügung stellten. Sie war gekommen, Liane zu bitten, bei dem Basar nicht zu fehlen.
Liane schüttelte heftig den Kopf. „Wenn Sie auf meine Mitwirkung rechnen, muß ich Sie enttäuschen. Ich bin nicht befähigt, irgendeinen Verkauf zu übernehmen."
„Das gilt nicht, lasse ich nicht gelten. Sie müssen Mitwirken. Für Ihre Befähigung in solchen Dingen glaube ich Bürgschaft übernehmen zu können. Welcher Herr sollte auch einem so lieblichen blonden Köpfchen etwas verweigern können?"
Liane hatte eine schroffe Antwort auf den Lippen, als sie Fred kommen hörte. Ihr ganzes Wesen drückte plötzlich Unruhe aus.
Kitty lachte leicht auf. „Wie lange sind Sie verheiratet, kleine Frau? Der Herr Gemahl kommt, und schon ist alles an Ihnen in Aufregung."
Irene stimmte ihr zu. „Köstlich bist du, Liane — zitterst du vor deinem Manne?"
Einer Antwort wurde Liane enthoben; Fred trat in das Zimmer. Ihr entging nicht, wie die Augen der Frau Kommerzienrat bei feinem Eintritt jäh aufleuchteten. In seinem Antlitz verriet kein Zug, was in ihm oorging. Er begrüßte die Damen mit kühler Zurückhaltung.
„Denken Sie nur, Herr Morland", begann Kitty sofort wieder in harmlosestem Ton, „ich habe von Ihrer Frau Gemahlin einen regelrechten Korb erhalten. Sie will sich nicht an dem Wohltätigkeitsbasar beteiligen, wozu ich sie bat. Haben Sie Einfluß auf Ihre Gattin? Können Sie sie bestimmen, mitzuwirken?"
„Ich werde meine Frau nie zu etwas bestimmen, was ihr nicht zusagt. Sie hat in jeder Beziehung ihren eigenen Willen."
„Ei, ei, Herr Morland", lachte die schöne Frau, „sollten Sie Ihrer Frau Gemahlin dann nicht zu große Rechte einräumen?"
„Es ist sehr traurig um Ehen bestellt, die diese Rechte nicht vertragen können, gnädige Frau."
„Dann ist nichts zu machen. Wissen Sie noch etwas gegen diese überzeugenden Worte einzuwenden, Irene?"
„Leider nein", gab Irene zurück. „Es ist schade, wenn du nicht mitmachst, Liane. Der gute Zweck könnte dich immerhin bestimmen."
Die Damen gingen sehr bald. Beim Abschied bat Kitty um ßianes Besuch. Sie würde sich sehr freuen, die kleine Frau recht bald bei sich zu sehen.
„Es tut mir leid, gnädige Frau, wenn ich ablehnen muß", sagte Liane schroff. „Ich werde keine Bereicherung Ihres geselligen Kreises fein. Mit so kleinen Frauen, wie ich es bin, kann man nicht viel anfangen. Ich weiß das sehr wohl und fühle mich zu Hause am wohlsten."
Da gingen die Damen, beide etwas betroffen.
„Von dem Glück dieser beiden habe ich bis jetzt noch nichts bemerkt", sagte Irene gehässig auf der Straße.
Kitty ging in Gedanken verloren weiter. Plötzlich lachte sie: „Vielleicht hat sich das Paar erst jetzt gefunden — merkwürdig immerhin."
„Warum? Es wird vorkommen."
„Nun, ich meinte nur so."
„Ob er sie wohl immer noch jeden Sonntag allein läßt?"
Kittys Kopf wandte sich jäh. „Wieso allein?"
Irene erzählte von ihrer Beobachtung, mit gespannten Zügen lauschte Kitty.
„Sie wissen das Ziel seiner Fahrten?" fragte sie voll unterdrückter Erregung.
Erstaunt sah Irene die schöne Frau an. „Nein, ich habe mich nicht dafür interessiert. Was geht es mich an?'
Kitty nickte zerstreut; nach einer Weile fragte sie leise, ihre Erregung meisternd: „Wie hieß der Ort, in dem er den Wagen reparieren ließ?"
„Ich glaube, es war Bensheim. Warum fragen Sie''"
Kitty lachte. „Sie haben recht — eine dumme Frage, was kann es mich intereffieren." Und sie begann hastig von etwas anderem zu sprechen. —
Liane hatte sich an ihren Mann gewandt, als sie allein waren.
„Fred", sagte sie mit leiser, schwankender Stimme, „du darfst es mir nicht Übelnehmen, aber ich kann mit dieser Frau nicht verkehren."
„Wie du willst, Liane — du brauchst dich bei mir nicht zu entschuldigen."
„Ich kann mit ihr nicht verkehren", murmelte sie noch einmal, „ich habe ein so bestimmtes Gefühl der Abneigung gegen sie."
Er wandte sich ab. Wie sicher die kleine Liane empfand, wie untrüglich ihr Instinkt sie vor Kitty warnte!
Seit diesem Tage wußte Fred nicht, wen er mehr zu verlieren fürchtete — feine Tochter oder die Frau, die feinen Namen trug. — Die erste hätte er preisgeben müssen, um die andere zu gewinnen. Aber sollte sein Kind unter dem Glück seiner Liebe leiden? Durfte er Liane an sich ziehen, bevor sie nicht alles wußte, was einmal bestimmend in fein Leben eingegriffen hatte?
Gab es überhaupt noch Geschäfte, die wichtig genug waren, ihn zu erregen — geschäftliche Sor
gen, die mehr Eindruck auf ihn machen konnten als die Sorge um die beiden Menschen, die ihm die liebsten auf der Welt waren?
Er merkte es selbst, daß das Geschäft immer weiter von ihm abzurücken begann. Gerade jetzt, wo seine Energie, sein Unternehmungsgeist so nötig gewesen wären, versagte er völlig. Wie ein Feigling kam er sich vor. Warum fuhr er nicht nach Amerika? Warum machte er nicht reinen Tisch mit van Zoomen? Worauf wartete er? Sollten feine Gläubiger erst über ihn herfallen?
Sie ließen nicht auf sich warten. Eines Tages erschien Kurt Lechner.
„Ich brauche dringend flüssiges Geld", sagte er. „Der Wechsel ist morgen fällig. Sie werden ihn einlöfen müssen."
Fred atmete schwer. War das der Anfang vom Ende? Was aber war in den in letzter Zeit noch dicker gewordenen Kurt Lechner mit dem unbedeutenden, gutmütigen Gesicht gefahren, fein Geld so energisch einzufordern?
„Sie fetzen mir die Pistole auf die Brust", erwiderte Fred endlich. „Sie versprachen mir Ihr Entgegenkommen bei der Bezahlung, da Sie mich auf andere Art schwer geschädigt haben."
„Schuldlos, wie ich Ihnen bereits versicherte."
„Nein, Herr Lechner. Ich habe Beziehungen, ich kann Ihnen Zeugen angeben, die auch von Ihnen mit dem neuen Leder bedient wurden, daß Sie mir nach Ihrem Versprechen allein lieferten. Nur auf dieses Versprechen hin gab ich Ihnen den großen Auftrag. Es wäre wahrhaftig besser gewesen. Sie hätten das Leder, das ich Ihnen ja wieder zur Verfügung stellte, zurückgenommen. Sie hätten jetzt nicht nötig, nach Ihrem Geld zu fragen."
„Ich habe Ihnen schon zweimal mein Entgegenkommen gezeigt, nun kann ich nicht länger warten. Können Sie den Wechsel nicht einlöseiü werde ich ihn zu Protest gehen lassen."
„Ich glaube nicht, daß Sie schon einmal das Gefühl gehabt haben, an mir Geld zu verlieren. Wenn Ihnen aber daran liegt, die Firma Scholz zu einem Vergleich zu treiben, dann haben wir beide wohl nichts mehr miteinander zu sprechen."
„Auf was für Ideen Sie kommen? Sie haben doch noch genug Besitz. Verkaufen Sie mir Ihre Villa! Der Wechsel wird dann nicht nur getilgt, sondern Sie sollen von mir sofort bar ausbezahlt werden."
Fred stand jäh auf. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Hinter dem Manne stand eine fremde Triebkraft — stand die Frau. Er sah plötzlich Irenes schönes, haßerfülltes Gesicht vor sich und wußte, sie hatte so lange gehetzt, bis ihr Mann diesen Weg gegangen war. Sollte man ihr den Triumph über Liane gönnen? Sollte seine Frau es erleben müssen, daß die Freundin in ihr Vaterhaus einzog?
„Sie verstehen nicht, Ihre Worte richtig zu setzen", sagte er kalt. „Versichern in einem Atemzuge, daß Sie flüssiges Geld von mir brauchen, während Sie mir anbieten, meine Villa sofort bar auszuzahlen."
„Lieber Himmel, Herr Morland, wie können Sie jedes Wort auf die Waagschale legen?" lenkte Kurt etwas verlegen ein. „Sie widersprechen sich ja auch, wenn Sie Besitz zugeben und mir doch mit einem Vergleich kommen. Schlagen Sie etn! Sie finden in mir einen Käufer, der nicht um Pfennige handeln wird."
„Ich habe nicht die Absicht, zu verkaufen. Gedulden Sie sich noch kurze Zeit. Ich habe bedeutende Außenstände. Sie werden von allen Seiten Klagen über den schlechten Eingang des Geldes hören."
„Ich muß auf Einlösung des Wechsels bestehen. Es tut mir leid, aber ich will Ihnen noch ein anderes sehr vernünftiges Angebot machen. Geben Sie mir eine Hypothek mit dem Vorkaufsrecht auf die Villa. Dann bin ich vorläufig zufrieden."
Fred preßte die Lippen zusammen. Gab es denn keinen anderen Ausweg? Keinen? Mußte er von Liane dieses Opfer verlangen? Einmal hatte er mit dem Gedanken gespielt, sie zu veranlassen, das Haus aufzugeben. Jetzt kam es ihm vor, als ob er das größte Opfer von ihr verlangte.
„Gut", sagte er mühsam, „wenn Sie darauf bestehen, soll es sein. Aber es wird nur eine Hypothek in Frage kommen, die ich sobald als möglich wieder abtragen werde. Ich denke in allerkürzester Zeit dazu in der Lage zu sein."
„Wollen's abwarten!" antwortete Kurt und ging, ein wenig spöttisch lächelnd, mit der größten Zuversicht, daß der Wunsch seiner Frau baldigst in Erfüllung gehen würde. —
Als sich hinter ihm die Tür geschlossen, sank Fred schwer auf feinen Stuhl nieder.
Nun galt es. Nun mußte gehandelt werden.
Seine Hand war schon wieder ganz ruhig und sicher, als er sich mit Ernst verbinden ließ. „Es ist gut, daß ich dich noch antreffe, Ernst", sagte er. „Ich möchte dich bitten, sofort herauszukommen. Ich habe Verschiedenes mit dir zu besprechen."
Fred hängte den Hörer ein. Ganz kühl und sachlich überlegte er, was zu tun war. Es gab keine andere Möglichkeit, als Kurt Lechner eine Hypothek auf die Villa zu geben. Das sah Fred klar. So schwer ihm dieses Zugeständnis wurde, er mußte es vorübergehend auf sich nehmen. Vorübergehend! Die Firma Scholz durfte nicht in den Ruf kommen, ihre Verpflichtungen nicht erfüllen zu können. Sein Entschluß stand fest. Noch einmal wollte er versuchen, van Zoomen zu erreichen; auf dem Wege nach Amerika bot sich dazu die beste Gelegenheit.
(Fortsetzung folgt 1)


