Ausgabe 
17.4.1935
 
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Nr. 91 Dritter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 17. April (935

wurden, waren der Grundgedanke für den Bau der Kathedrale von Sevilla und legen Zeugnis davon ab, in welche Höhen sich die stolze Phantasie der einzelnen Brüder wagt. Trotz der entschieden religiösen Betonung dieser Gemeinschaften fühlen sie sich vollständig unabhängig und weisen jede Einmi­schung, die von kirchlicher Seite immer wieder ver­sucht wird, auf das entschiedenste ab. Als vor eini­gen Jahren der Kardinal Jlundain nach Sevilla kam, um sich die Bruderschaften untertänig zu ma­chen, stieß er auf großen Widerstand, der besonders bei den ärmeren Innungen heftige Formen an­nahm. Aus dem Bruderrat derMacarena" wurde der erzbischöfliche Vertreter, nachdem man ihm das Gesicht mit Indigo überstrichen hatte, hinausge­worfen.

Die Eitelkeit und der Stolz des einzelnen Bruders bestehen darin, daß er in der Prozession als Buß­gänger in eine Tunica gekleidet, das Gesicht in ein von der kegelförmigen hohen Kopfbedeckung herab­fallendes Tuch gehüllt, als Unbekannter die Auf­merksamkeit der Zuschauer auf sich lenkt. Wenn er dann durch die Augenschlitze seiner Tuchmaske die am Wegesrande stehenden Bekannten erblickt und von ihren Gesichtern die Frage abliest,Wer wird das wohl sein? Ob das Don Pedro ist?", dann fühlt er sich aus seiner kleinen Werkstatt, aus der engen Gasse, aus seiner erbärmlichen Taberne, in der er das ganze Jahr über zu leben gezwungen ist, hervorgehoben. Dann fühlt er sich als der reiche Kaufmann, der mächtige Bankier oder als feiner Aristokrat, dann ist er, er ganz allein die ganze Bruderschaft. Die Organisation der großen Pro­zession der Heiligen Woche ist sehr schwierig. Die Bewegungen, der Abstand der hinter dem Kreuz und der Heiligen Jungfrau wandelnden sogenannten Nazarener sind genau vorgeschrieben. Bei einzelnen Bruderschaften geht die Disziplin so weit, daß jeder Bruder, der während des Festumzuges auch nur eine Silbe sprach oder sich gar aus der Reihe ent­fernte, unweigerlich aus der Gemeinschaft aus­gestoßen wurde.

Auch der sportliche Ehrgeiz kommt bei der Pro­zession nicht zu kurz. Der Nazarener, der das Kreuz einer Bruderschaft zu tragen hat, befindet sich vor einer wenig beneidenswerten Aufgabe. Das infolge der Metallbeschläge und der zahlreichen Verzierungen (zum Teil aus Edelmetallen) außerordentlich schwere Kreuz ist nämlich quer durch Sevilla zu tragen. Die mit dieser Aufgabe betrauten Bußgänger setzen ihren ganzen Stolz darein, ihre Last auf dem ganzen Wege möglichst überhaupt nicht abzusetzen. Aehnlich wie der Stierkampf hat auch dieserSport" seine fanatischen Anhänger, die während der ganzen Prozession neben dem Kreuzträger einherlaufen und sorgsam über etwaige Ermüdungserscheinungen wachen. Besteht er die Probe, so wird er zum Gegenstand öffentlicher Ehrungen.

Jede Bruderschaft hat ihren eigenen Weqführer, der während der Prozession vor der von 16 Män­nern getragenen Mutter-Gottes-Figur schreitet und diese durch die engen Straßen und Gassen leitet, die oft nur Millimeter freien Raum an den Seiten lassen. Auch hierin sieht der Sevillaner ein unent­behrliches Schauspiel. Es würde ihm nie einfallen, den festlichen Zug durch breitere Straßen zu len­ken, da ihm dann eine kleine Sensation verloren ginge. Bekannt ist in Sevilla der eiserne Arm der Gaslampe, die aus einer Hauswand hervorsteht und jahrein, jahraus die vorbeiziehenden Sänften und Christus- und Mutter-Gottes-Gestalten mit ihrem großen Aufwand gefährlich bedroht. Ein Ge­such an die Stadtverwaltung auf Entfernung dieses Hindernisses würde ohne weiteres von Erfolg be­

. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Madrid, April 1935.

Zum zweiten Male feit dem Bestehen der jun­gen spanischen Republik wird in diesem Jahre das Fest der Semana Santa in Sevilla wieder in ganz großem Stile gefeiert werden. Die

7 rmß Hochburg verwandelte Hauptstadt Andalusiens kehrt nach einer kurzen Unterbrechung ^wieper zu einer uralten Tradition zuruck, die fo tief m ihrer Bevölkerung verwurzelt ? Solisten Charakterzüge einer opfer-

bereitett Lebensgemeinschaft trägt. Die Prozession der Semana Santa, zu der die fremden Besucher aus allen Breitengraden herbeiströmen und jede noch so unscheinbare Bleibe schon Wochen lanq vorher mit Beschlag belegen, ist nicht, wie das der Ausländer gern anzunehmen geneigt ist,' ein r-be- von hölzernen Mutter- Gottes-Ge talten und gekreuzigten Chriftusfiguren.

.^Zession ist auch auf den Fremdenverkehr zu- geschnittenes Unternehmen, geschweige denn ein pro­fanes Schauspiel der Straße. Sie wird weder von den weltlichen noch von rein kirchlichen Behörden organisiert sondern ist das unbestreitbare geistige Eigentum der Sevillaner und eines tief in ihrer Seele verankerten religiösen Empfindens.

Die Träger und Organisatoren der Semana Santa sind zweiundvierzig Bruderschaften, die ungefähr die gesamte Bevölkerung Sevillas er- La'!eA 21ber Spitze einer jedenHermandad" steht der Bruderrat mit dem Obersten Bruder an der Spitze, der im allgemeinen zugleich der Ver­mögendste unter den Mitgliedern ist und jederzeit die Hand zum Geben bereit hält. Da jede Bruder­schaft den Ehrgeiz hat, die ihr gehörende Mutter- Gottes als schönste und glänzendste bei der Pro- Zession durch die winkligen Gassen der Stadt zu fuhren, ihr den schönsten gold- und silberbestickten Umhang zu geben, ihr die prächtigste mit Diaman­ten besetzte Krone aufs Haupt zu setzen und ihr strahlende Ketten aus Perlen und Edelsteinen um­zuhängen, spielt die Geldfrage besonders bei den ärmeren Bruderschaften eine wesentliche Rolle. Die Stadtväter haben sich in diesem Jahre nach mehr­jähriger Pause wieder bereit gefunden, den Bru­derschaften eine größere Geldsumme zur Ver­fügung zu stellen, die je nach den Bedürfnissen kurz vor dem Fest aufgeteilt wird. Aus dem Kampf zwischen den marxistischen Ideen und dem urwüch­sigen religiösen Gefühl des Sevillaners sind also die Stadtväter als echte Sevillaner hervorgegangen. Zu den ärmsten Bruderschaften gehören die der Zigeuner. Die städtische Finanzbeihilfe deckt nur einen kleinen Teil der notwendigen Ausgaben, so daß alljährlich erneut die Frage auftaucht: woher nehmen und nicht stehlen. Da aber die ganze Be­völkerung ihren Ehrgeiz darin sieht, daß in der Prozession alle Bruderschaften vertreten sind, so werden die Unkosten schließlich aus Geld- und Sachspenden gedeckt.

Jeder richtige Bruder opferte feiner Bruderschaft alles, was nicht unbedingt zum Leben gehört: er trägt in sie fein Bestes hinein, das er als Mensch her­geben kann: das Gefühl für Kameradschaft. So wird es auch erklärlich, daß die armen Leute und kleinen Handwerker, die tagein, tagaus in einer dürftigen, armseligen Werkstatt ihrer Arbeit nach­gehen, das ganze Jahr über von ihrer Bruderschaft sprechen, ihren Reichtum rühmen und Pläne schmie­den, die zur Semana Santa verwirklicht werden sollen.Wir wollen einen Tempel bauen, der so herrlich ist, daß die kommenden Geschlechter uns für verrückt halten werden." Diese Worte, die vor vielen hundert Jahren in einem .Bruderrat ausgesprochen

Die Heilige Woche in Sevilla

Don unserem v. Gss-Äerichiersiatter.

gleitet jein. Aber das Gesuch ist bisher nicht gestellt worden und dürfte in absehbarer Zeit auch nicht gestellt werden.

In jeder Bruderschaft hat ferner ein Kammer­mädchen, das sich durch guten Geschmack auszeich­net, das Sinn für natürliche Eleganz hat und das Leben von einer frohen Seite auffaßt, für den festlichen Putz der Mutter Gottes zu foraen, eine Aufgabe, die gut verstanden fein will, uno zu der im allgemeinen nur junge Mädchen von besonders gutem Ruf herangezogen werden. Der wertvollste Schmuß der Heiligen Jungfrau ist außer der reich­lich mit Gold und Edelsteinen besetzten Krone der Sammetumhang, der ein Kostenobjekt von 50- bis 60 000 Peseten durchschnittlich darstellt. Das etwa 20 Quadratmeter große Tuch ist über und über von silbernen und goldenen Fäden durchwirkt, die sich zu phantasievollen harmonischen Formen zusammen­schließen. Zum besseren Verständnis des Reich­tums, der in den Bruderschaften mit den Spar­groschen, den Almosen und Spenden seiner armen und reichen Mitglieder zusammenkommt, sei ein Halsband, das die Heilige Jungfrau derHerman­dad del Silencio" trägt, erwähnt: Es hat einen Wert von über 75 000 Peseten. Die in den letzten Jahren ständig zunehmenden Attentate auf Leben und Eigentum friedlicher Bürger und vor allem die Pistolenschützen des Anarchosyndikalismus sind für die unter soviel Opfersinn zusammenqetragenen Schätze der Bruderschaften eine ernste Gefahr. So lassen denn die reicheren Gemeinden ihre Kapelle, in der die heiligen Kleinodien aufbewahrt werden, durch bewaffnete Brüder bewachen.

Wie bei allen traditionellen spanischen Festen, so wird auch während der Heiligen Woche in Sevilla die ganze Stadt j)on frischem Blumenduft erfüllt. Da die Blumen Andalusiens nicht ausreichen, den Bedarf für die Semana Santa zu decken, liefert Valencia von dem Reichtum feiner Flora der anda­lusischen Schwester zahlreiche Waggons roter und weißer Nelken, die, verflochten mit Orangenblüten, jede einzelne Gruppe schmücken. Der Gärtner, in dessen Händen diese Aufgabe liegt, genießt einen besonderen Ruf, das es nur wenige gibt, die mit einem künstlerischen Dekorationsverständnis begabt find. Ein sehr schöner Brauch ist es, nach beendeter Prozession die Blumen unter die Brüder zu ver­teilen und die schönsten für die Gräber verstorbener Kameraden auszusuchen.

Der tiefere Sinn einer aufrichtigen Volksgemein­schaft, der die religiösen Innungen Sevillas erfüllt, schlägt eine Brücke über soziale Unterschiede und erzieht die Mitglieder zu gegenseitiger Opferbereit­schaft. Hinter einem für unsere Begriffe übertriebe­nen Aufwand verbirgt sich ein ehrliches religiöses wenn auch sehr primitives Gefühl, begleitet von dem Stolz auf die im Laufe von Generationen erworbenen Schätze. Gut und gern darf man an dem Geltungsbedürfnis vorbeisehen, das bei dem einzelnen Bruder anläßlich der Prozession zum Ausdruck kommt, und in dem sich nur ein allge­meiner Wesenszug des spanischen Menschen wider­spiegelt. Der eigentliche Kern leidet darunter kei­neswegs. Auch die marxistiscnen Ideen haben der im Volke verwurzelten historischen Semana Santa Sevillas auf die Dauer keinen Abbruch tun können.

Wirtschaft.

Oie Industrie- und Handelskammer Gießen gibt Auskunft:

657: Nach § 11 der Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Devisenbewirtschaftung vom 4. Februar 1935 ist die Anmeldung der Wa­renausfuhr durch Abgabe einer Exportvaluta­erklärung mit den Abschnitten A und B zu bewirken. Die Erklärung ist von dem Aus­führer der zur Ausfuhr anzumeldenden Ware auszustellen und, soweit es sich um den Ab­schnitt B handelt, nach § 18 der Verordnung dem Frachtführer (Verfrachter) zu übermit­teln. Da diese Vorschriften von den Ausfuhr­firmen nicht immer genau beachtet werden, und insbesondere die Aushändigung des Ab­schnittes B an den Spediteur häufig unter­lassen wird, wird darauf aufmerksam gemacht, daß künftig eine besonders scharfe Ueber- wachung einsetzen und jede Zuwiderhandlung nach § 20 der Verordnung bestraft wird.

658: Die Firmen, die vor dem 15. II. 1935 erst­malig fällige Verbindlichkeiten aus der Wa­reneinfuhr aus Panama haben, werden auf­gefordert, umgehend diese Verbindlichkeiten bei der zuständigen Devisenstelle anzumelden.

659: Allgemeines staatliches Verrechnungsbüro in Lettland.

660 : 20 v. H. Aufschlag bei der Einfuhr ohne De­visenvorgenehmigung in Argentinien.

661: Niederländische Verrechnungszertifikate für Schnittblumen und Torferzeugnisse im Han­del mit Deutschland.

662: Preisfestsetzung für gebrauchte Scjcke.

663: Ausstellungstätigkeit im Auslande und De­visenbewirtschaftung.

664: Verzinsung von Zwischenkonten niederlän­discher Gläubiger.

Der Abschluß der Dresdner Bank für 1934.

Für die Dresdner Bank, Dresden-Berlin, brachte das Berichtsjahr 1934 die Fortsetzung der vor­jährigen Aufwärtsentwicklung. Die Umsätze lagen im Durchschnitt um 8 v. H. über denen des Jahres 1933 und erreichten insgesamt 85 Milliarden RM., worin allerdings die Filialumsätze usw. nicht ent­halten sind. Die Einlagen der inländischen Kund­schaft erhöhten sich im Laufe des Jahres in erheb­lichem Ausmaße. Der Rückgang der. Auslandsoer­pflichtungen und inländischen Nostroverpflichtungen um zusammen rund 330 Millionen RM. führte bei gleichzeitiger Erhöhung des Wechselbestandes zu einer beträchtlichen Verbesserung der Gesamtliqui­dität, die sich rechnerisch auf 33 v. H. gegen 25,7 v. H. i. V. beläuft. Die Erfolgsrechnung weist Erträge aus Zinsen, Devisen und Sorten von 39,85 (43,01) Mill. RM. sowie Provisionen, Gebühren und sonstige Ein­nahmen von 47,22 (44,37) Mill. RM. aus. Die Aufwendungen für Handlungsunkosten betrugen 69,04 (71,61), für Steuern 2,90 (3,18) Mill. NM. Nach Abschreibungen von 0,99 (1,03) Mill. RM. verbleibt ein Betriebsgewinn von 14,13 (11,56) Mill. RM., von dem 12,5 (10,00) Mill, im Interesse einer weiteren Konsolidierung zur Verstärkung der Rück­stellungen verwendet werden. Der Hauptversamm­lung am 10. Mai wird vorgeschlagen, von den ver­bleibenden 1,63 (1,56) Millionen RM. 0,80 () Mill, dem Pensionsfonds zuzuführen und den Rest von 0,83 Mill. RM. zuzüglich des Vortrages von 1,56 Mill. RM. mit insgesamt 2,39 Mill. RM. vor- zutragen.

Aus dem Bericht ist zu entnehmen, daß die Summe der 1934 gewährten Kredite (abgesehen von der unmittelbaren Finanzierung der Ärbeits- beschaffungsmaßnahmen und ohne Prolongationen oder Wiedererhöhungen) 578 (486) Mill. RM. be­trug. Im Devisengeschäft sei ein Rückgang zu ver­zeichnen. Eine befriedigende Weiterentwicklung zeigte

MUMM, MS»....

Vornan von Charlotte prenzel.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).

1. Fortsetzung Nachdruck verdatens

Franz Scholz sah den Gast an.Verzeihen Sie, wenn sich meine Sorge nur um meine Tochter ge­dreht t)at. Sie ist mein einziges Kind, und sie ist leider nicht allzu achtsam. Ich lebe immer in Auf­regung, wenn ich sie nicht um mich weiß. Sie haben keinen Schaden genommen? Bitte, folgen Sie mir! Ich stelle Ihnen meinen Ankleideraum zur Verfügung und werde den Chauffeur rufen lassen, der Ihnen behilflich sein wird. Ich sehe, Sie sind beftaübt. Sie werden froh fein, wenn Sie sich erfrischen können."

Als Fred Morland kurze Zeit darauf das Her­renzimmer betrat, kam ihm Lianes Vater mit offe­nen Armen entgegen.

Sie wissen nicht, was Sie an mir getan ha­ben", sagte der ältere Herr bewegt.Liane hat mir erzählt. . ."

Ihr Fräulein Tochter übertreibt. Es war mir ein Leichtes, das Tier zum Stehen zu bringen. Wenn man einigermaßen mit Pferden umzu­gehen versteht ..."

Weiß man, welche Geistesgegenwart dazu ge­hört, sich einem scheuen Pferde entgegenzuwerfen."

Um Freds Mundwinkel zuckte ein Lächeln. Wirklich, ich möchte Sie herzlich bitten, nicht allzu­viel Aufhebens von meiner Tat zu machen, die für mich wirklich keine war."

Ich werde immer in Ihrer Schuld bleiben, Herr Herr . . . Verzeihen Sie, ich habe in der allgemeinen Aufregung Ihren Namen vergessen."

Morland." ' '

Morland?" Franz Scholz sah sein Gegenüber aufmerksam an.Ist Ihr Name identisch mit dem des Inhabers der Firma F- Morland?"

Der bin ich, Herr Scholz. Auch ich habe zu meiner Ueberraschung schon festgestellt, daß mir der Unfall eine wertvolle Bekanntschaft übermittelt."

Sie kennen mich?"

Wer von der Branche sollte Sie nicht kennen? Auf der Leipziger Messe sah ich Sie des öfteren, einmal begegnete ich Ihnen auch irgendwo auf der Reist."

Das ist allerdings ein merkwürdiges Kennen­lernen. Ich hätte mir unsere Bekanntschaft lieber unter anderen Umständen gewünscht. Immerhin freue ich mich, gerade Sie vor mir zu sehen. Ich habe von dem Inhaber Ihrer jungen und erfolg­reichen Firma schon des öfteren gehört. Sie schei­nen in der Lederwarenfabrikation genau so be­wandert zu sein rote in der Verhütung von Un­fällen. Rauchm Sie?"

Ja, gern danke."

Während der Jüngere dem Weiteren Feuer an­bot, sah Franz Scholz sein Gegenüber mit offenem Wohlgefallen an. Unter den schwarzen, glatt zu­rückgestrichenen Haaren zeigte sich eine hohe, kühne Stirn, ein auffallend markantes Gesicht mit ener­gischen, strengen Zügen, zu denen die ausdrucks­vollen, warmen, sinnenden Augen nicht passen wollten. Tadellos war die Erscheinung des Man­nes, kein Stäubchen lag mehr auf dem dunkel­blauen Anzug, der in unanfälliger Eleganz die schlanke, über Mittelgroße stehende Gestalt um­schloß. Franz Scholz wußte: der vor ihm saß, war ein Mensch von eisernem Willen, großer Gei­stesgegenwart und Klugheit ein Mensch, der sich in einiger Zeit wo es alten, erfahrenen Ge­schäftsleuten schwer wurde, sich zu behaupten, durchgesetzt hatte. Was hatte die Firma Morland vor fünf, sechs Jahren bedeutet? Hatte sie damals überhaupt existiert? Jetzt begann man bereits von ihr zu sprechen, sie zu fürchten und zu achten.

Ich stehe sehr tief in Ihrer Schuld!" begann Scholz wieder.Tiefer als jemals bei einem Menschen. Ich wünsche nur, daß ich Ihnen irgend­wie meine Dankbarkeit beweisen konnte."

Freds Hand hob sich zur Abwehr. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Liane erschien. Sie hatte das Reitkleid mit einem hellen, duftigen Kleid vertauscht, worin sie noch zierlicher und zar­ter wirkte als vorher.

Sieh, Väterchen, da bin ich wieder, heil und gesund, auch von dem Schrecken wieder erholt! Und nun begreife ich nicht mehr, wie es geschehen konnte, und daß nur Ihr Dazwischenkommen mich vor langem Siechtum oder gar vor dem Ende be­wahrt hat."

Das Mädchen brachte Wein und Gebäck. Franz Scholz schenkte die Gläser voll und hob das Glas: Auf das Wohl unseres Gastes! Hoffentlich sehen wir Sie von jetzt ab oft bei uns!"

Fred tat Bescheid.Auf das Wohl des gnädi­gen Fräuleins, daß sie sich nie mehr in einer ähn­lichen Lage befinden möchte roje heute!"

Wie konnte es nur geschehen, Liane?" fragte der Vater, als sie die Gläser niedergesetzt hatten. Herr Bauer war doch an deiner Seite. Warum verließest du überhaupt das Hippodrom?"

Ach, es ist so langweilig, immer dort zu reiten, und der lammfromme Dandy hatte doch sonst keine Mucken. Ich war so froh, so übermütig in dem schönen Sonnenschein. Da ließ ich ihn immer schneller laufen, schon im Galopp, scheute das Tier plötzlich: ich weiß selbst nicht mehr richtig."

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Das Mädchen erschien wieder und meldete Liane eine Freundin.

Ach ja, Irene wollte mich zum Tennis abholen. Führen Sie sie nur herein!"

Die junge Dame, die das Zimmer betrat, war eine auffallend sthme Erscheinung, schlank und

ebenmäßig gewachsen, die Züge ihres Gesichts sehr regelmäßig, die hellen Augen kühl und scharf beobachtend.

Meine Freundin Irene Gober!" stellte Liane vor, und man sah ihr an, daß sie auf diese Freun­din stolz war.Die nächste Anwärterin auf den Weltmeistertitel im Tennis!"

Wie magnetisch angezogen, sah Irene den Gast an; in ihr Gesicht trat ein Ausdruck jäher Span­nung, als sie Fred die Hand reichte.

Sehen Sie sich unser Kleinchen gut an, Fräu- fein Irene!" scherzte Franz Scholz.Fast hätten Sie sie nicht mehr gesehen!"

Wieso? Was ist denn geschehen?"

Gestürzt ich sie, vom Pferd, wollte durchaus Reiterkunststücke auf den Waldwegen probieren."

Ja und wäre Herr Morland nicht dazwischen gekommen, läge ich vielleicht mit zerschmetterten Gliedern unter meinem Pferd. Der lammfromme Dandy ging durch."

Um Himmels willen darüber kannst du noch scherzen?"

Ich muß schon! Herr Morland will absolut nicht als mein Lebensretter angesehen werden."

Aber ich bitte Sie, mein Fräulein, mir fehlt das Talent, mehr aus einer Sache zu machen, als daran ist, wenn ich auch nicht begreife, daß Sie sich außerhalb des Hippodroms nicht besonders in ad)t nehmen!"

Liane wurde dunkelrot über die Zurechtweisung, Irene aber lachte fröhlich auf.Also leichtsinnig war das Kleinchen. Wie oft hat man ihr schon gepredigt: Liane, sei vorsichtig!"

Ja, Fräulein Irene, sagen Sie es ihr nur immer wieder! Sie darf sich keine Extravaganzen erlauben. Meine Tochter mutet sich leider immer mehr zu, als sie vertragen kann."

Gar nichts mute ich mir zu, und ein Pferd besteige ich nie wieder!" trotzte Liane.

Bravo, Kleinchen! Aber mit dem Auto, das du dir wünschst, wird es nun erst recht nichts."

Warum? Papa, das hast du mir versprochen! Jawohl, das hast du mir fest versprochen! Hätte ich mir schon längst den Führerschein holen können, wäre es heute nicht so weit gekommen!"

Dann würdest du jetzt unter den Trümmern deines Autos liegen!"

Weil mir nun das eine Mal etwas passiert ist, fallt ihr über mich her, als wenn das gang und gäbe bei mir wäre!"

Kleinchen, du liegst oft genug auf der Nase!"

Aber das ist doch nicht wahr!" verteidigte sich Liane fast weinend.

So rege dich doch nicht wieder auf, bist noch blaß genug von der letzten Aufregung!"

Dann kommst du wohl nicht mit zum Tennis­spielen?"

Auf keinen Fall, Liane! Du bleibst hier!" ent­schied der Vater.

Oh, ich kann schon mitkommen... ich..."

Fred Morland stand auf, das Gespräch unter­brechend.

Oh Sie wollen schon gehen?"

Ich muß, ich werde im Geschäft erwartet!"

Auch Sonntags tätig?"

Manchmal ist es notwendig!"

Dann werde ich mich Ihnen gleich anschließen! Ich habe mich sowieso verspätet!" sagte Irene. Und wenn du doch nicht mitkommst . .

Nein, Liane soll nur zu Hause bleiben!" ent­schied^ der Vater.

Liane verzog schmollend den Mund; aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich dem Wunsche des Vaters zu fügen.

Fred trat mit Irene aus dem Haufe.Wir haben wohl nicht denselben Weg, Fräulein ©aber! Sie wollen sicher zum Stadion!"

Sie zögerte sichtlich.Ach, ich habe keine rechte Lust, da Liane mich nicht begleitet! Ich war gestern den ganzen Tag draußen und könnte es heute ruhig mal sein lassen!"

Wenn man aber Anwärterin auf den Welt­meisterschaftstitel ist . . .", warf er lächelnd hin.

Sie lachte leise und etwas verlegen, wandte sich aber endgültig nach der anderen Seite.Liane hat nur gescherzt. Ich fyabe allerdings bei den letzten Spielen in Frankfurt den ersten Platz be­legen können, was aber in Hinsicht auf den Welt­meisterschaftstitel nicht viel heißen will."

Ich gratuliere nachträglich zu dem Erfolg!" Danke! Interessieren Sie sich für Tennis?" Mir bleibt nicht viel Zeit zu Liebhabereien!" Also interessieren Sie nur Pferde?"

Pferde? Wieso? Ach, Sie meinen wegen des Unfalls? Es ist schon lange her, daß ich mit Pferden zu tun hatte."

Ah und trotzdem nahmen Sie es mit dem scheuen Pferde auf?" entfuhr es ihr bewundernd.

Ich versuchte es eben."

Das finde ich unerhört kühn!"

Fred antwortete nicht eine ganze Weile gin­gen sie nebeneinander her, ohne zu sprechen. Er fühlte, wie ihn der Blick des Mädchens von der Seite her streifte, aber er machte ihr nicht das Vergnügen, den Kopf nach ihr zu drehen.

Was bist du nur für ein Mensch!, dachte Irene. Warum muß man alles aus dir herauslocken?

Mutig wagte sie einen neuen Vorstoß:Sie sind doch nicht Frankfurter, Herr Morland?"

Nein, Norddeutscher!"

Und Sie sind ganz zufällig hierher verschlagen worden?"

Er unterdrückte ein Lächeln. Die junge Dame examinierte scharf. Aber was lag daran, wenn es ihr Spaß machte?Nicht ganz zufällig! Aller­dings hätte ich mich meiner Branche nach in Offen­bach ansässig machen müssen, aber das Großstadt­getriebe ist mir Bedürfnis!"

(Fortsetzung folgt I)