Ausgabe 
17.1.1935
 
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ttr.U Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag. (7. Zanuar 1935

Eingeborenen-Polttik in Südafrika.

Smuts' Eng!andreise war ein Mißerfolg.

Von unserem y -Äerichtetstaiter.

Heute stehe man, so fährt dieVaderland" fort, vor einer Entwicklung aus dem afrikanischen Kontinent, die mit der Politik der Besitzergreifung der ersten achziger Jahre zu vergleichen sei. Es sei zu hoffen, daß die Staatsmänner dank der größeren Machtvollkommenheiten sich stärker und besser durch­setzen würden als Krüger und Rhodes. Die Süd-

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Johannesburg, Dezember 1934

Der südafrikanische General Smuts, der wäh­rend seines Aufenthaltes in der Hauptstadt des britischen Weltreichs kürzlich eine vielbeachtete und von gewissem Verständnis für die weltpolitische Lage zeugende Rede hielt, wollte in London die Frage der Einverleibung der britischen Protektorate B e t s ch u a n a l a n d , Swa­ziland und Basutoland klären. Daß diese Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt waren, geht! aus den Veröffentlichungen der Smuts bekämpfenden hiesigen Blätter hervor.

Wie sich jetzt zeigt, änderte selbst die Rückzah­lung der Kriegsschulden der Südafrikani­schen Union an das britische Schatzamt, die sicher­lich nur in der stillen Annahme so pünktlich er­folgte, daß England als Gegenleistung seine Ver­sprechungen in der Frage der Einverleibung der Protektorate einlösen würde, nichts an der Ein­stellung Downingstreets. Smuts mußte feststellen, daß die Herren in der Downingstreet nach wie vor auf dem Standpunkt verharren, eine Uebertragung der Protektorate könne erst dann erfolgen, wenn eine Einigung über die Frage der Eingebore­nenpolitik erreicht fei. Eine Einigung gerade über diese Frage dürfte aber kaum so schnell erzielt werden, denn die von den britischen Protektorats­verwaltungen und Kolonialbehörden verfolgte Ein­geborenenpolitik unterscheidet sich grundsätzlich von der der Union.

afrikanische Union und Südrhodesien könnten und

dürften nicht zusehen, was Downingstreet in jenen

fernftaat gemacht werden solle, die beiden Süd-

fernltaat gemacht werden solle, die beiden Süd- tischen Protektorate Betschuanaland, Basutoland floaten nicht erreichen, daß ihre Einqeborenenbevöl- und Swaziland erzielt werden kann, ist noch ein kerung, was die politische Entwicklung anbetreffe i Rätsel, dessen Lösung kaum so schnell gefunden dahin abgeschoben wird? 1 werden dürfte.

haben.

Der letzte Hinweis derVaderland" unterstreicht die Bedeutung dieses Vorstoßes, der nicht ohne Wissen und Billigung Premierministers Hertzoqs erfolgt sein dürfte. Wie aber bei diesen geaensätz- lichen Anschaungen der Downingstreet und der Union über die Eingeborenenpolitik eine Einigung hinsichtlich der Frage einer Einverleibuna der bri-

Kupferminen südlich des belgischen Kongos. Warum könnten, so fragt die'Vader- land", die Union und Südrhodesien nicht bei pas­sender Gelegenheit gemeinsam darauf dringen, d i e Kontrolle über die Eisenbahn und über die Bergwerke zu erhalten? Warum könnten, wenn aus jenen tropischen Gebieten schon ein reiner Kaf-

und der Weiße gerade noch als Kolonist g e d u l ............uimniiWweKl ... ,enen

bet merbe. Die fubafritanifdje Rassenpolitik stoße Gebieten mit den Eingeborenen anstelle. Den beiden darum bereits am Nordufer des Zambesi auf die- Südstaaten müßte ein maßgebender Ein - lchstellungsidiosynkrasie der englischen . f l u ß auf die weitere Entwicklung der Politik ein-

Negrophllisten, die die Vortrekker vor hundert Iah- geräumt werden. Das Eisenbahnwesen und die ren aus der Kapkolome vertrieben. ~ .... ..

s. r , .. , r r r , i Ausbeutung der Bergwerke müßten ihnen völlig an-

Wenn diese Politik als unwiderruflich feststehe, vertraut und die politische Orientierung ihrer eige- dann mußten sich die Staatsmänner der Union und nen Eingeborenen auf das gleiche schwarze Reser- Sudrhodesiens überlegen, was aus diesemDebacle" i voir abgelenkt werden. Die ,',Vaderland" glaubt zu frü den weißen Mann heraus zu holen sei. Da sei j wissen, daß dieses Ziel bereits einen Teil der Richt- d l e Eisenbahnverbindung mit dem liniert für die Einqebvrenenpolitik ausgemacht hat. Norde n, die nördlich des Zambesi zum größten die Hertzoq und Botha im Jahre 1911 entworfen Teil durch Eingeborene geleitet werde, und die''

3m Dorf der Drahtzieher.

Zn den Bergen des Sauerlandes.

23en Heinrich Hauser.

Wie wesensverschieden die Auffassungen über die Eingeborenenpolitik sind, geht am besten aus einem Artikel hervor, der Anfang November in der Vaderland", dem Organ General Hertzvgs er­schien. In diesem Artikel wird im Anschluß an die Wahlen in Südrhodesien darauf aufmerk­sam gemacht, daß der südrhodesische Premierminister H u g g i n s , der Führer derUnited Party" in früheren Jahren, sich um die Vereinigung von Nord- und Südrhodesien bemüht habe. Eine Annäherung an die Süd­afrikanische Union habe er dabei abge­lehnt. Seine Pläne seien jedoch gescheitert, weil Downingstreet und die englischenNegerboeties" Nordrhodesien schon lange als einen Koffern- ft a a t vorgemerkt hätten, Wie in der Südafrikani­schen Union setzten sich jedoch auch in Südrhodesien die Weißen für eine starke Absonderung von Schwarz und Weiß ein. Das Wahlmanifest der United Party" bezeichne nun die Vereinigung mit Nordrhodesien oder mit der Union als eine Frage zweiten Ranges, während sich die Partei im übri­gen für die Rassenausscheidung ausspreche. Der englische Negrophickismus sei eben zu stark gewesen, und er werde auch der Union noch viele Schwierigkeiten verursachen. Man werde sich darauf vorbereiten müssen, daß nördlich des Zam­besi ein von London regierter Koffern- ftaat entstehe. Das sei sowohl für die Weiße- Mann-Politik der Union wie für Südrhodesien von größter Bedeutung.

Auf dem nationalen Parteikongreß von 1929 habe der Unionsminister G r o b l e r zum ersten Mal die Forderung gestellt, daß die Südafrikanische Union als ältestes und größtes Staatengebilde auf dem afrikanischen Kontinent in sämtlichen Fragen der Eingeborenenpolitik in den britischen Kolonien gehört werde. Die britische Regierung habe aber für Nordrhodesien, Nyassaland, Ostafrika und Kenya eine Politik festgelegt, ohne sich vorher mit der Union in Verbindung zu setzen. Diese Politik laufe darauf hinaus, daß der Eingeborene und Asiat über den Weiße n g e st e l l t

Bei den Bändigern der feurigen Schlangen.

In kirschroten Strahlen schießt fertig ausgewalz­ter Draht im Hüttenwerk von den Walzen in Röh­ren hinein. Mächtige Spulen winden kreischend und schrillend die roten Schlangen auf, nicht anders als die Frau den Zwirnsfaden auf die Garnrolle; nur eben mit hundertpferdigen Motoren. Dann fallen die Drahtrollen von den Trommeln ab wie reife Beeren, jede etwa sechzig Kilo schwer. Rasch kühlen sie nun aus; die obersten Lagen verfärben sich grau, während es im Innern noch dunkel glu- tet, wie im Kelch einer dunklen Rose. Da werden sie auch schon zu Dutzende-n gebündelt, von Kranen aufgehoben und in Güterwagen geworfen: fertig ist die Hütte mit dem Draht.

Aber war nun auch der Draht fertig?

Ich fragte einige Walzer, die soeben abgelöst, entspannt bei ihren Kaffeekannen hockten. Mit an­gestrengten > Augen schauten sie starr hinaus in den sternesprühenden Funkregen vom Thomaswerk und in den streifigen Regen, der alles Eisen auf dem Putzplatz schimmern ließ.

Natürlich sei der Draht noch lange nicht fertig. Da säße noch vom Walzen eine Art Oxydschicht um den blanken Kern, die müßte mit Säure ab­gebeizt werden. Dann würde der dicke Draht auch noch gezogen.bis zu den feinsten Sorten. Das ge­schähe aber nun nicht mehr auf heißem, sondern auf kaltem Wege und auch nicht hier. Sie wiesen mit vager Bewegung über die Flammengarben hinweg. Da hinten in den Bergen des Sauerlandes, da gäbe es Dörfer, von Hand­werkern und Kleinbetrieben, die besorgten das Kaltziehen des Drahtes und machten Netze daraus und Nägel und allerhand Kleinkram.

Sie sprachen mit einer gewissen gönnerhaften Herablassung von diesen Leuten hinter den Bergen. Sie kannten sie nicht, sie hatten nie ein solches Dorf gesehen und: Draht machen auf kaltem W^ge mußte etwas Untergeordnetes fein in den

Augen dieser Bändiger von feurigen Eisenschlangen.

Ueäer die Berge des Sauerlandes fuhr ich nach Altena herüber.

Das Dorf der Drahtzieher.

In die Lenne, deren Wasser rötlich ist von all den Eisenrückständen, die in sie hineingeleitet wer­den, mündet hier ein Bach, die Nette. Zwischen steilen Felsen hat er sich den 2ßetf gebahnt, fast eine Schlucht ist dies gewundene Tal zu nennen; durch diese Schlucht zieht sich, mehrere Kilometer lang, ein- Dorf, das Dorf der Drahtzieher ...

Eine seltsame Siedlung! Draht, Draht, überall Draht! In den Häusern, die nicht größer sind, und nicht anders aussehen als Dorfschmieden, klappern Maschinen, rauscht das Wasser über Mühlräder. Haus steht an Haus, dicht aneinander und dicht an die Bergwand gepreßt. Die ziemlich steile Straße ist so eng und so stark von Verkehr erfüllt, daß die Häuser ihre Ecken mit großen Steinen bewehrt haben als Schutzpfeiler gegen die Radnaben, so wie eine Brücke sich mit Wellenbrechern schützt. Drahtrollen an allen Mauern aufgestapelt, Draht­rollen von Spulen abrollend hinter allen Fenstern. Drahtrollen auf fahrbaren Gestellen aufgehängt, gekarrt, geschoben, gezogen, zu Hausen gestapelt, auf Eisenbahnwagen durch die Straße gefahren, überall.

Besuch in einem Familienbetrieb.

Wir bergen unseren Wagen zwischen zwei Häusern und besuchen dann die nächstgelegene kleine Drahtfabrik. Ein Graubart mit kalkgepudertem Gesicht und kalkgepuderter Lederschürze richtet sich hinter einer Drahtspule auf und begrüßt uns: Der Fabrikbesitzer. Jawohl, der Fabrikbesitzer; er ar­beitet mit, das Ganze ist ein Familienbe­trieb wie beinahe alle hier. Mit Eifer und mit freudigem Stolz führt er uns herum und erklärt. Mit Stolz kann er es tun, denn alles ist sein Werk, aus seinen Ersparnissen hat er es aufgebaut, nach­dem er vierzig Jahre ein einfacher Lohnarbeiter

gewesen ist. Da ist zunächst das Drahtlager, aus Raummangel im Schutz des Daches draußen an der Mauer. Dann kommt ein Raum wie eine mit­telalterliche Schmiede anzusehen, erfüllt von Pochen, non Dämpfen, von Nässe unb von einem strengen Geruch, der den Atem verschlägt. In einen Stein­bottich voll Salzsäure werden die Drahtrollen ge­worfen und gebeizt, damit die Oxydschicht vom Walzwerk sich löst. Ein Mann, dessen Beine mit Sacktuch bis zu den Hüften dick umwickelt sind, dessen Hände, von alten Autoschläuchen bedeckt, wie wunderliche Flossen aussehen, fischt sie heraus und wirft sie in ein Pochwerk: Holzhämmer an langen Balkenarmen schlagen die Oxydschicht herunter; da­bei wird der Draht unaufhörlich mit Wasser be­gossen. Dann kommt er in ein Kalkbad, das ihm eine Rostschutzhülle gibt; nun ist er weiß, wie jene Dauerwürste, die man in gekalkte Leinwand näht. Man wirft ihn in mächtige, feuerfeste Steingut­gefäße; luftdicht verschlossen werden diese Gefäße jetzt in einen großen Ofen geschoben, damit der Draht nochmals ganz langsam durchgeglüht und weich gemacht wird.

Orahtziehen ist keine leichte Kunst.

Erst nach diesen Vorbereitungen wandert er iif die eigentliche Drahtzieherei. Ihre Maschi­nerie ist sehr einfach: große Trommeln, die auf senkrechten Achsen sich drehen, spulen den Draht auf. Zwischen je zwei Trommeln durchläuft er die Bohrung eines hochwertia-rn Stablblocks. Hierdurch wird er gereckt und gelängt, und so wird er weiter durch immer engere Bohrlöcher gezogen, bis er die gewünschte D'cke, auf Hundertstel Millimeter genau, erreicht hat. Das ist eigentlich schon der ganze Fabrikationsprozeß. Die Maschinen sind einfach, beinahe primitiv, aber es gehört ein hohes hand­werkliches Können zu ihrer Bedienung. Der Draht darf natürlich nicht reißen; die Bohrung muß mit einer Fett- und Graphitmasse aufs beste geschmiert werden, das Bohrloch selbst muß aufs äußerste ge­nau gearbeitet sein, seine Abnützung muß berück­sichtigt werden, damit der fertige Draht genau maß­haltig werden kann. Jede Drahtsorte ist verschieden an Materialeigenschaften und erfordert eine beson­dere Behandlung.

In diesem typischen Betrieb arbeiten acht Män­ner. Davon sind nur zwei Lohnarbeiter, die übri­gen sind Mitglieder der Familie. Von zwei Brü­dern, den eigentlichen Besitzern, bearbeitet der eine den technischen, der andere den kaufmännischen Teil der Fabrikation. Eine Tochter ist die Kon­toristin des winzigen, altmodischen Büros. Dieser Betrieb ist spezialisiert auf bestimmte Drahtsorten, und so hat jeder im Tal eine Besonder­heit, die er allein ober mit wenigen anderen er­zeugt. Interessant dabei ist, daß die feinsten Draht- forten am oberen Ende des Tales erzeugt werden, die gröberen am unteren Ende. Das kommt daher, daß die Transportwege nach oben natürlich teurer sind; darum macht man oben feinen Draht, in dem weniger Material und mehr Arbeit steckt.

Fast jeder dieser Kleinbetriebe hat als Kunden ebenfalls Kleinbetriebe, die diese speziellen Draht- forten brnnrben: der eine lipf-rt an Fabrikanten für Spiralfedern, die der Polsterer gebraucht, der andere liefert Drähte, die der Klavierfabrikant für alle möalichen besonderen Zwecke haben muß. der dritte Schraubendraht oder Nageldraht, Draht für Kolben von Fahrradvumpen, und so für viele hun­dert Sonderzwecke. Mit diesen Kunden verkehrt der kleine Fabrikant direkt, ohne Vermittlung des Zwischenhandels.

Glück und Tragik der Drahtzieher.

Ich gewann von diesem Tal unb seinen Bewoh­nern einen besonbers günstigen, ja glücklichen Ein- bruck. Hier war Arbeitsgemeinschaft und Arbeitsteilung, die den Kleinbetrieb kon­kurrenzfähig machen mit dem Großbetrieb. Hier war auch eine ungewöhnliche menschliche Zufrie­denheit. Wohl hat es auch hier in der Ver­gangenheit politischen Radikalismus gegeben, aber

Mgine". Lichtspielhaus.

Wenn man diesen Film sieht, mit dem die Europa nicht nur ein ungewöhnlich gutes Geschäft gemacht, sondern, was weit wichtiger ist, auch eine der künstlerisch besten Leistungen der letzten Zeit geschaffen hat, mag einem einfallen, daß man die gleiche oder doch recht ähnliche Geschichte vor langer Zeit auf der Bühne gesehen hat, und man. besinnt sich bann, baß Wildenbruch dasselbe Motiv für fein naturalistisch - psychologisches SchauspielDie Hau­benlerche" verwendet hat. Aber bann liest man. daß der Film nach Motiven von Gottfried Keller ge­schrieben und gedreht worden sei, und wenn man imsSinngedicht" aufschlägt, findet man im 8. Kapitel eine Erzählung, welcheRegine" über­schrieben ist und, was Keller sich nicht hätte träu­men lassen, die Grundlagen abgab .für das Dreh­buch von Erich W a s ch n e ck, der einzelne Züge ganz getreu übernahm, das Ganze freilich in vielem verwandelte und vor allem verdichtete. Grundsätz­lich geändert wurde der Ausgang, mit dem im , Sinngedicht" die Geschichte ein trauriges und un­widerrufliches Ende findet. Die Fabel wird hier, noch ehe die eigentliche Erzählung anhebt, mit einem einzigen Satz also umschrieben:Doch habe ich den Fall erlebt, daß ein angesehener und sehr gebildeter junger Mann wirklich eine Magd vom Herde weggenommen und so lange glücklich mit ihr gelebt hat. bis sie richtig zur ebenbürtigen Welt- bame geworden, worauf erst das Unheil eintraf.

Das ist schon, rund und knapp, der Inhalt des FilmsRechne", freilich auf die allerkürzeste For­mel gebracht, baß biefer Inhalt nicht gerade Zeit­gemäß genannt werden kann, braucht uns schon deshalb nicht zu stören, weil jede moralische oder soziale Tendenz ober gar Nutzanwendung im Film auf bas glücklichste oermieben ist. Denn es tarn hier, wie man sich halb überzeugen kann, allem barauf an, eine menschliche Begebenheit, em ein­faches Schicksal klar unb glaubhaft zu gestalten und ins Bilb zu fassen, nicht aber «etwa irgenb eine These an einem Beispiel ober Schulfall mit lehrhaft unb roarnenb erhobenem Zeigefinger bem erschreckten Beschauer vor Augen zu führen.

Das Schöne unb Erfreuliche an diesem Film ist bie Erkenntnis, baß auch ein literarisches Motiv in «den richtigen Hänben durchaus ohne peinliche Nebengeräusche in bie neue Form übersetzt werden kann, unb baß ber gute unb ernsthafte Fll"i heute dazu fähig ist, eine echte unb starke Liebesgeschichte zu gestalten, ohne ein bis zum Ueberbruß abge­nutztes Klischee zu gebrauchen. Wir können uns

jebenfaüs, wenn wir von berMaskerade" absehen, nicht besinnen, seit langer Zeit so starke Eindrücke von der Leinwand her empfangen zu haben. Daß diese Wirkung zu einem sehr erheblichen Teil auf bie ausgezeichnete Spielleitung zurückzuführen ist, darf rückhaltlos anerkannt werden. Erich Wasch- n e ck hat früher schon gezeigt, was er kann wir erinnern an seine Inszenierung vonMusik im Blut", und er beweist hier aufs neue und noch eindringlicher, welche Werte er bild- unb gefühls­mäßig ber Kamera abzugewinnen vermag, und wie er bie unter seiner Führung spielenden Darsteller zu äußerster Konzentration und vollkommenem Eintauchen in eine Handlung und eine Seelenlage zu steigern imstande ist. Nur nebenbei mag er­wähnt fein, wie fein und stimmungsvoll die main- fränkische Landschaft und die verträumte Beschau­lichkeit der kleinen Stadt Miltenberg sich ins Bild fügt und einen wesentlichen Abschnitt der Geschichte ausmalend begleitet.

*

Wesentlicher ist aber die Ueberlegung, wie leicht die Fabel grade in der Filmfassung entgleisen und in die Niederungen eines sentimentalen Kolportage­romans hätte abgleiten können. Hier haben wir die Geschichte eines kleinen Landmädchens, das eines Tages durch einen ihr märchenhaft scheinenden Glücksfall vom Erlebnis großer Liede überrascht und im Innersten getroffen wird, bie aber zugleich ihrem von Kinb auf gewohnten Lebensbezirk wie in einem Traum entrückt unb in eine völlig andere Welt versetzt wird. In diesem neuen und fremden Umkreis nun gerät sie, kaum daß sie sich halbwegs an die Wirklichkeit des vermeintlichen Traumes ge­wöhnt hat, in eine solche Verstrickung von Zufall, Mißverständnis und Gemeinheit, daß sie, nicht im= i stände, sich zur Wehr zu setzen, fast in den Tob getrieben wirb Erst in diesen späteren Teilen des Filmes wird man überschauen und bewerten, mit 'einer wie leichten und sicheren Hand, mit wieviel I Takt, Geschmack und Gefühl der Regisseur die Dinge lenkt unb zum harmonischen Ausklang führt, ber ! nichts vom allzu gut bekannten, peinlich und un­organisch aufgepappten happy end an sich hat.

Der stärkste und unmittelbarste Eindruck des Films aber geht von der Trägerin ber Titelrolle aus; bas ist Luise Ulrich, eine junge Schauspiele­rin vom deutschen .Filmnachwuchs. Wir haben sie schon des öfteren gesehen, aber noch nie so wie in dieser Rolle als Regine mit einer Leistung, die fie für unser Gefühl unmittelbar neben die Wessely in derMaskerade" stellt. Man könnte sagen, diese junge Darstellerin Luise Ulrich sei bas geborene | Gretchen oder wie geschaffen für Kleists Kätchen von I Heilbronn; aber wir wollen in ihrer Sphäre blei­

ben: sie ist eine bezaubernde Regine; sie spielt das alles von Anfang bis zu Ende mit einer Sicherheit, einer Sparsamkeit der Mittel, mit einem so starken und so weiblichen Gefühl, mit soviel Heiterkeit, so vollkommener Glückseligkeit und auch ganz hilfloser Verzweiflung, daß man das kleine Menschenschicksal, das sich da auftut und abrollt, nah und innerlich miterlebt.

Ihr Partner ist W o h l b r ü ck, und es liegt nahe, an seine Rolle in derMaskerade" zu denken, zu­mal dieser Film auch sonst manche Vergleichsmög­lichkeiten bietet; doch fehlt ihm hier jener ein wenig zynische und ein ganz klein wenig dämonische Zug, den seine Rolle ihm dort aufzwang. Hier ist er viel weicher, gütiger, voll zarter und lächelnder Ueder- legenheit, dabei bis auf einen kurzen heftigen Aus­bruch immer beherrscht und verhalten, ein sym­pathischer und männlicher Liebhaber. Als Gegen­spielerin der Regine: Olga Tschechowa, welche mit gesellschaftlicher Meisterschaft und Eleganz eine große Dame und gefährliche Intrigantin zu spielen hat, was ihr beides vollkommen gelingt. In den , Nebenrollen: Adalbert .von Schle ttow, Julie ! Serba und Olga (Engi.

Wir hoffen, daß dieser Film auch bei uns bie ' Beachtung und Würdigung finden wird, bie ihm gebührt.r

Oer richtige Mann.

Die berühmte Bibliothek des Escorial, ber Som­merresidenz der spanisches Könige, die über hundert­tausend Bände unb über viertausend kostbare Hand­schriften besitzt, wurde einst von einem ausländischen Gesandten am spanischen Hofe besichtigt. Zu seinem Erstaunen fand er in der Bibliothek aber einen erschreckend unwissenden Bibliothekar vor, der nicht einmal die Titel der berühmtesten hier befindlichen Bücher kannte. Als ber Gesandte einige Tage später bei dem König von Spanien in Audienz empfangen wurde, fragte ihn d"r König, wie ihm der Escorial gefallen habe. Der Gesandte lobte bie bort vorhande- nen Kunstschätze in den höchsten Tönen und sparte auch nicht an Anerkennung, als er befragt wurde, wie ihm die berühmte Bibliothek gefallen habe. Der Gesandte antwortete höflich:Sie ist sehr schön und sehr kostbar, aber wenn ich Eurer Majestät einen Vorschlag machen dürfte, so möchte ich raten, den dortigen' Bibliothekar zum obersten Administrator Ihrer Einkünfte zu machen."Warum das?" fragte der König erstaunt. Der Gesandte entgegnete ge­lassen:Weil er nach meiner Ueberzeugung nichts von bem zu berühren scheint, was ihm anvertraut ist."

Unfug.

Von $reb Lang.

Ein kleiner Junge kam daher. Selten ist bie Lauf­richtung von Kindern unb jungen Hunden gerad­linig, aber dieser Junge ging doch verhältnismäßig zielbewußt vorwärts und streifte bie Verlockungen des Weges höchstens mit den Augen. Den Natur­gesetzen nach hätte er auf der Steineinfassung eines Rasens balanrieren müssen, aber er blieb auf bem Gehweg. Ein kleiner Erdhügel bot sich in ber Nähe zum Ueberschreiten an. aber er blieb unbeachtet, ein Drahtzaun hätte, im Lausen mit einem Stück Holz geritzt, bie schönsten Töne ergeben. Aber ber Junge kümmerte sich nicht barum.

Da trat unerwartet bie Versuchung an ihn heran in Gestalt einer Pfütze unb eines Stücks Asphalt. Der Junge würbe unruhig unb erlag.

Einem inneren Zwang folgenb nahm er bas Asphaltstück, trug es mit Anstrengung gerade über die Pfütze und ließ es ins Wasser fallen. Es spritzte nach allen Seiten, am nässesten wurde der Junge selbst. Das Ergebnis befriedigte ihn in solchem Maße, daß er die Sache wiederholte. Mehrere Male. Zu­letzt sah er aus wie ein Ferkel.

Dann verließ er den Schauplatz seiner Taten. Seiner frohen Miene nach hatte er etwas sehr Not­wendiges, tief Befriedigendes gemacht.

Jetzt bog in die menschenleere Seitenstraße ein junger Mann ein, anfangs dreißig. Nach kurzem normalen Benehmen verließ auch er das Trottoir und setzte seinen Weg balancierend auf jener schmalen Steinumfassung des Rasens fort, bie ber Junge vorhin verschmäht hatte.

Es erscheint Ihnen unwahrscheinlich, baß ein Mann anfangs breißig sich so kindlich ...? Haden Sie schon einmal Herren in ben Fünfzigern auf einer Rolltreppe beobachtet?

Oder stellen Sie sich einmal vor, Sie wären ganz allein mit einem Paternosteraufzug oder einer Dreh­tür. Was würden Sie tun? Sie würden wohl Unfug treiben, wenn Sie nicht schon abgestumpft wären und verdorben. Und es wäre keineswegs komischer, als wenn solide Leute am Sonntag sich in Luna­parks beheben, um Rutschbahn zu fahren, sich mit ihrer Ehehälfte durch rotierende Röhren schleudern zu lassen oder krampfhaft auf Schaukelpferden zu sitzen.

Alles ist notwendig. Die Wahrheit ist: Wir haben nicht genug gespielt. Man mutet uns soviel Würde zu. dabei suchen wir unser ganzes Leben lang nach Gelegenheiten zum Unfug. Leider sind sie im vor­gerückten Alter nicht immer leicht zu finden.