ttr. 295 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
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Skiwanderung im hohen Vogelsberg.
Seit zwei Wochen prangt unser Vogelsberg in winterlicher Pracht. Schnee und Rauhreif beherrschen die Bäume, die Hänge, die Bäche. Tagelang trieb ein eisiger Wind den Schnee, der pulverig und körnig fiel, in langen Fahnen über die weiten Heideflächen des Hoherodskopfes, jagte da und dort dicke Mächten auf und blies an anderen ©teilen die Erde blank, so daß verschiedentlich Gras und Steine aus dem weißen Mantel herausragten. Aber einmal in der vergangenen Woche fiel etwas Regen. Da gab es Harsch und Eis, das selbst den Skiern widerstand. Rur im Walde, in den Schneisen, tag der Schnee weich und locker. Wenn unter den waltenden Umständen die Rennwiese kaum zu fahren war, keine Schußfahrten den steilen Hang hinab möglich waren, so wußten sich doch alle, die den Weg hinauffanden, mit Wanderungen zu trösten, Wanderungen im tiefverschneiten Wald, fern allem Lärm, hingegeben der Schönheit, die sich überall bot.
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Um 7 Uhr morgens standen auf dem Lud- wigsplatz zwei große Omnibusse. Bald waren die Skier verstaut. Bald hatten alle Platz genommen. In rascher Fahrt brachten die Wagen $ie Freunde des Skisportes in den Vogelsberg. Zwar: im grauenden Morgen war nicht viel vorn Winter zu bemerken. Nirgends lag Schnee! Erst hinter Laubach, da mehr und mehr an Höhe gewonnen wurde, zeigte sich die Landschaft im weißem Kleide. Bei Busenborn und höher hinauf erst war die Schneedecke geschlossen, wurde dichter und dichter. Breungeshain lag eingebettet in tiefen Schnee.
Aber noch fiel es niemanden ein, die Skier an- zufchnallen. Die Schneedecke am Hang war fest. Es lies sich rascher gehen, als mit Skiern steigen. In langer Reihe stieg einer hinter dem anderen den Berg hinauf. Auch aus Bad-Nauheim, aus Offenbach, Hanau und Frankfurt waren sie gekommen.
Oben bekam bann der Klubhauswirt mit feinen Helfern rasch alle Hände voll zu tun. Es ist ein alter Brauch, erst Kaffee zu trinken ...
Rings um das Clubhaus war es reichlich dunstig. Schade, daß sich die Sonne nicht sehen ließ! Vom Tal herauf wehte ein kalter Wind. Aber das alles tat dem Geist unter den Skiläufern keinen Abbruch. Die „Anfänger" und „Fortgeschrittenen" sammelten sich zu Uebungskursen. Etwa 60 Teilnehmer lauschten der Dffenbarunaen der Skilehrer. „Kraft durch Freude" beteiligte sich diesmal auch. Es gab viele Anfänger! Immer mehr Jugendliche'zieht der Skisport in feinen Bann. Jungens und Mädel! An Zivilcourage fehlt es nicht und am Willen, rasch uriu sicher zu lernen auch nicht. Andere trafen sich in kleinen Gruppen, um Wanderungen zu unternehmen. Manchen war die Herchenhainer Höhe das Ziel, obwohl sie wußten, daß dort nur ein vereister Hang sie erwarten konnte, wieder andere glitten nach Hartmannshain, nach Lanzenhain und nach Ulrich-
Rauhbereifter Laubwald am Taufstein.
stein, selbstverständlich wurde wieder von vielen auch der Taufstein aufgesucht. Dort boten sich Baum und Strauch von schwerem Rauhreif geschmückt am schönsten dar.
Eine größere Gruppe, der sich jedermann anschließen konnte, hatte sich auf Anregung des Skiklubs zu einer Wanderung nach Hochwaldhausen aufgemacht. Auch einige Skihaserln waren dabei, die sich tapfer hielten.
Sicherlich gehört der Ausflug vom Hoherods- kopf nach Hochwaldhausen mit zu den reizvollsten, die der Vogelsberg für die Dauer weniger Stunden zu bieten vermag.
Zunächst wurde der Taufstein aufgesucht und von dort aus die schöne genußreiche Abfahrt bis zur Laubacher Hütte erlebt, immer zwischen dichtem Tan- nenbeftänöen auf schmaler Schneise hindurch. Tief hingen die schneebeladenen Zweige. Tief galt es hin und wieder in die Hocke zu gehen Viele brachten gestern diese schöne Abfahrt wieder hinter sich und niemanden ist es zu "viel geworden, den Berg wieder hinaufzusteigen.
Aber jene Gruppe, von der hier die Rede ist, zog weiter. In schlanker Abfahrt glitt einer hinter dem anderen über die langsam abfallende Moorwiese weiter ins Tal. lieber Lichtungen führte der Weg, Bäche galt es zu überwinden, auf schmalen Pfaden,'
Im tiefverschneiten Tannenwald.
dann wieder auf Schneisen strebten die Skihaserln und die Läufer dem idyllischen Luftkurort Hochwaldhausen zu, das, entlang der Schwarzbach, in schöner Schlußabfahrt, erreicht wurde. Aber inzwischen hatte sich Hunger eingestellt. Die Wirtin im Waldcafe schlug die Hände über dem Kopf zusammen ob der plötzlich aufgetauchten vielen Gäste. Und beklagte, daß sie sich gar nicht vorbereitet hätte. Am vorigen Sonntag, da herrliches Wetter war, hatte sie, wie sie erzählte, für viele Gäste gekocht. Und zwei kamen nur! Und heute — „bei dem Harsch" — kamen so viele! Nach kurzen Verhandlungen gab es aber schließlich für jedermann zu essen. Unterhaltsam verging die Stunde der Ruhepause.
Aber bald mußte man sich zum Aufbruch ent- schli"ßen Wieder einer hinter dem anderen (die gefahrene Spur erzwingt den Gänsemarsch) und nach eineinhalbstündiger Wanderung kam die Gruppe wieder am Klubhaus auf dem Hoherodskopf an.
Dichter Nebel lag nun über der Höhe, dazu blies ein schneidend kalter Wind. Allmählich und mit sinkendem Abend entschloß man sich zur Abfahrt nach Breungeshain Diese Abfahrt war diesmal ein ganz besonders schwieriges Kapitel. Der feste Horsch war kaum zu brechen, haltlos glitten die Skier über die eisigen Flächen. Aber doch und trotz doppelter Vorsicht gab es viele harte Stürze. Schließlich lan-
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Links: Auf einer Skiwanderung im Oberwald. — Rechts: Ein breiter Bach wird überquert.— (Aufnahmen [4]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Montag, 16. Dezember 1955
bete aber boch bie ganze große Skigemeinbe in Breungeshain, verbrachte noch eine halbe Stunbe in ben Gasthäusern und dann wurde wieder die Heimfahrt angetreten.
Ein Lied nach dem andern wurde gesungen, in lustiger Unterhaltung verging auch diese Stunde noch, bis man sich, wiederum am Ludwigsplatz, mit einem kräftigen und gemeinsamen „Ski-Heil!" für diesen Sonntag trennte.
Gauliga-Handbatt-Ergebnisse
3m Gau Nordhessen bewiesen die Mannschaften der Casseler Turngemeinde und von Kurhessen Kassel erneut, daß sie die besten Mannschaften des Gaues find Die Meisterelf der Kasseler Turnge- meinbe gewann gegen ben Turnverein Eschwege mit 12:8 (4:5), wobei aüerbings ber Halbzeitstanb und die Tatsache, daß Eschwege acht Treffer gelangen, einen Achtungserfolg ber Letzten bebeuten. Die mit einem Punkt hinter bem Meister an zweiter Stelle stehenben Kasseler „Kurhessen" hatten ben TV. Kirchbauna zu Gast und schlugen ihn 13:8 (5:6). Kurhessen Marburg unterlag zu Hause gegen Gie- ßen 1900 mit 7:12 (7:6) und der Spielverein Kassel bezwang Tuspo. Bettenhausen tnapp mit 10:9 (8:4). Gießen ist mit dem Siege über Marburg auf den dritten Platz vorgerückt.
49003 Handballer auch in Marburg siegreich.
VfB. Kurhessen Marburg —1900 Gießen 7:12 (7:6).
Einen schönen Erfolg hatte die Gauliga-Mann- schaft der Spieloereinigung 1900 gestern in Marburg zu verzeichnen. In einem Spiel mit äußerst wechselhaften Kampfhandlungen triumphierten die Blauweißen über die Elf des VfB. Kurhessen 12:7. Das Ergebnis sieht nach einem leichten Siea der Gießener aus. Dem war jedoch nicht so. Die Platzbesitzer hatten ihre Mannschaft durch Studenten verstärkt, und zwangen die 1900er zur Hergabe ihres ganzen Könnens. Diese traten an mit: Enders; Cremers, Funke; Mann, Knop, Hofmann; Göing, Betz, Hammann, Krüger, Schüler.
Das Spiel sah zunächst die 1900er im Angriff. Dabei wurden von der Marburger Hintermannschaft Strafwürfe verwirkt, von denen zwei durch den Gießener Halblinken Krüger zu Erfolgen verwandelt wurden. Die Einheimischen ließen sich jedoch nicht entmutigen. Sie verstanden es, ihren hervorragenden Linksaußen gut einzusetzen. Innerhalb kurzer Zeit hatte dieser Spieler den Ausgleich erzielt. Die Gefahr wurde jedoch von der 1900er Hintermannschaft nicht rechtzeitig erkannt, denn im weiteren Verlauf des Spieles konnten die Marburger eine 5:2-Führung erzielen. Es fetzte nun em hartes Ringen ein. Marburg suchte den Vorsprung zu halten, und die 1900er strebten nach dem Ausgleich. Nach einigen Lattenwürfen kamen die Gießener auch wieder zum Zug, und zwar waren neben Krüger noch Hammann und Göing erfolgreich. Man kam dadurch — die VfB.-Kurhessen hatten inzwischen auch noch zwei Erfolge gebucht — bis zum Seitenwechsel auf 6:7 Tore heran.
Nach dem Wechsel waren die Spielvereinigungsleute wie umgewechselt, allerdings fanden sie sich auch mit dem glatten Platz und dem ungewohnten Ball besser zurecht. Sehr vorteilhaft wirkte sich noch die Zurücknahme des Halbrechten Betz als vierter Läufer aus, wodurch dem Marburger linken Flügel viel von feiner Gefährlichkeit genommen wurde. Es klappte nun in allen Teilen vorzüglich. Die Tor- schützen waren wie in der ersten Hälfte Krüger, Hammann und Göing. Daß die Marburger Mannschaft nichts mehr zuwege brachte,, darf ihr nicht als Kapitulation ausgelegt werden. Sie griff zwar unentwegt an, aber was nicht von der jetzt tadellos zusammenarbeitenden 1900er Verteidigung und Läuferreihe zunichte gemacht wurde, hielt Enders im Tor, der eines feiner besten Spiele lieferte, mit Bravour.
Nordbeffens ELf aeoen Girdwe^
Der Fußballgau Nordhessen hat für das am zweiten Weihnachtsfeiertag in Hanau stattfindende Freundschaftstreffen gegen die Südwest-Gauelf folgende Mannschaft aufgestellt: (Sonnrein (Hanau 93); Eufinger (Hanau 93), Lippert (Gießen 1900); Reinhardt, Weißenborn, Klingler (alle Hanau 93); Röll (Bor. Fulda), Meisel (Germ. Fulda), Pletsch (Bor. Fulda), Schaffer! (Hess. Hersfeld), Kleim (03 Kassel).
3m Eplelwcnenladen.
Don Malier perfid).
Durch das frühe Dunkel der Abende blitzen jetzt wieder die goldenen Fenster der tausend Kaufläden um uns her. Neblig-feucht hängt die Luft ihre Mäntel um Gaslaternen und elektrische Kugeln, und manchesmal riecht es schon ganz leise nach Weihnachten. Nein, die Tannen stehen noch nicht in den Straßen, aber dieser eigentümliche Zustand, der uns ergreift, wenn das Fest näher rückt, schickt seine Ahnungen voraus und manchesmal steht jeder von uns versunken vor der Auslage der Geschäfte und überlegt, was wohl Tante Jette eine Freude machen und wie dem kugelrunden Fritz das braune Schaukelpferd und Lene die Puppe mit den Kulleraugen gefallen würde ..
Die großen^Leute find ja oft viel kindlicher als die Kinder, bqonöers als die jungen und selbstsicheren Geschöpfe dieser Zeit, denen unsere Technik und Lebensstruktur beinahe vertrauter ist, als uns; die im Fernsprecher eine Selbstverständlichkeit und im Rundfunk kein Wunder mehr erblicke« können. Wünschen sie sich nicht auch meistens ganz andere Dinge, als es die waren, mit denen wir einst spielen wollten. Heutzutage sind es die Mädchen, die unbedingt eine Eisenbahn mit hundert Schienen, Weichen, mit Bahnhof, Tunnel, Lagerschuppen und eigener Beleuchtungsanlage haben müssen, und allzugern erfüllen, wenn sie es nur können, die Väter den Wunsch, weil er ohne, daß sie es wissen — ihre geheime Kindersehnsucht nach all diesen Dingen zu später Zeit erfüllt. Und am Sonntagmorgen sitzt dann der Papa auf dem Teppich im Zimmer und baut im Schweiße seines Angesichtes, mit glückstrahlenden Augen ein gewaltiges Schienennetz zusammen, während Töchting nur Befehle erteilt und gewissermaßen die verkehrstechnische Gesamtleitung verkörpert.
Darum gehen wir großen Leute so gerne in die Spielwarenläden, bummeln wir eine Stunde lang durch das verlorene Reich unserer frühen Jugend! Wir bestaunen die unerhörten Möglichkeiten der großen Stahlbaukästen, die es jetzt zum Aufbau ganzer Fabriken gibt, wir bauen im Geiste mit den Stein- und Holzklötzen kleine Traumstädte zusammen, bevölkern sie mit Zinnfiguren, hölzernem Getier, blechernen Autos und Straßenbahnen, die bis
zum automatischen Türverschluß den neuesten Errungenschaften der Technik gleichen.
Die Frauen wühlen in den Schätzen der Puppenkleiderabteilung, wiegen die Babies und rotwangigen Schönheiten eine halbe Minute im Arm, lachen über die drolligen Stil-Puppen, statten theoretisch eine ganze Wohnung mit den jetzt so vollkommenen Puppenmöbeln, mit Schränken, Betten, Kommoden, Frisier- und Schreibtischen aus, blättern in Jungmädchenbüchern. Und schwebt nicht der Duft des verlorenen Zuhause vom ersten Weil)- nachtsmorgen durch den Raum — Vater saß auf dem Plüschsofa mit der Pfeife, aus der Küche brutzelte herrlicher Geruch nach Braten heb, draußen glitzerte der Schnee, und sie, die heute hier schon nachsinnt, wie weit das karge Geld für die Millionen Wünsche ihrer Kinder reichen wird, sie saß zwischen den Geschenken vom Vorabend am Boden und war so ganz, so unglaubwürdig glücklich, wie es das nie wieder gab!
Mer hat nicht einmal gewünscht, Verkäufer in einem Spielwarenladen zu werden und dann heimlich, abends nach Ladenschluß, wenn alles dunkel ist in der Welt, noch im Geschäft zu sitzen, angeblich mit einer eiligen Arbeit beschäftigt. Hei, dachte man, dann wird aber alles hergekramt und alles aneinandergefügt! Die mechanischen Puppen müßten umhertorkeln und „Mama" rufen, die Kamele, (Elefanten, Tiger und Hunde würden einen Zoologischen Garten stellen, mit Luftgewehren würde man auf Papphelme und Scheiben zielen, im Jndianeranzug umherrennen und das Kriegsbeil unter dem Ladentisch ausgraben. Auf den Stahlbrücken sollten die Bahnen nur fo hahinrajen. eine hinter der anderen, denn das Unbefriedigende bei der eigenen Eisenbahn war immer, daß es nur eine Lokomotive, einen Zug gab, während in der Wirklichkeit der Bahnhöfe doch täglich Dutzende von Zügen halten! Das Puppentheater würde ein blutiges Drama spielen und das neueste Kinderauto mit Vierradbremse und elektrischen Scheinwerfern sollte bann nur durch die Gänge sausen, bis einem schwindlig würde.
Daraus ist nichts geworden. Und wenn man so die Verkäufer all dieser Schätze mit den unträumerischen Augen des Erwerbsmenschen sieht, dann weiß man, daß sie selbst längst diesen Traum, den sie alle wohl einmal hatten, zwischen Lagernummern, Preisverzeichnis, Bedienen und Äufstellen der einst so unerreichbaren Herrlichkeiten vergessen
haben, vergessen, weil es eben doch andere Aufgaben und Sorgen gibt. Sie gehen, wie wir, ins Kino und Theater und träumen das Märchen vom Glück nun anders herum. Und ob es sich für sie ober uns einmal erfüllen wirb, wer weiß es benn?
Beethoven als pfiff.
Don Max Iungnickel
Mit vier schweren, ewigkeitumwölkten Noten beginnt Beethovens fünfte Sinfonie. Einer sagte über biefe vier Noten: So pocht bas Schicksal an bie Pforten ber Menschheit.
Ich weiß nicht, wie es kam, aber eines Tages, in meiner Schulzeit, waren biefe vier Noten ba unb mürben — ein Pfiff, ein richtiger Jungenspfiff. Und dieser Pfiff wurde ein Signal für unsere Kameradschaft, wenn wir, weit von der Stadt, Räuber und Gendarmen spielten, ober wenn einer, von ber Straße aus, feinen Freunb von ben Schularbeiten ans Fenster holte ober auf bie Straße zerrte. Wahrhaftig ein Signal, bas es in sich hatte. Klang irgenbroo bas Signal, so stutzte man, suchte unb rannte. Diese vier Beethoven-Noten waren tief in bas Jungenbasein eingegangen, oerbanben uns wie ein blitzenber Ning. Seltsam, wie ein musikalischer Gebaute, ber aus ber Ewigkeit eines Meisters kam, plötzlich zu einem Pfiff einer Rotte Jungen würbe, die überhaupt keine Ahnung vom Werke Beethovens besaßen. Es war fast fo, als ob sich vier Sterne zu glitzernden Kugeln verkrümelt hatten und nun von mutwilligen Knaben durch die Gaffenluft geschleudert wurden.
Man wurde älter, wurde gepackt vom großen Kranichtrieb, war längst fort von daheim, aber ber Pfiff aus ber Jungenzeit blieb. Es geschah, baß man eines Tages, in einer fremben Stabt, einem Mäbchen biefes Signal anvertraute, unb -bann kam sie, aufgescheucht, hochrot, im Laufen immer verstohlen um sich spähenb, unb ftanb mit mir in einem Birkenwäldchen, bas golbgelb in der Sonne leuchtete. Eines Tages hörte ich im Konzertsaal die Fünfte von Beethoven. Und als ich die vier schweren Noten aus ihrer ewigen Quelle heraufsteigen hörte, durchzuckten sie mich, als hätten mich sämtliche Jungen aus der Schulzeit gerufen. Ich wurde wieder Knabe, sah eine Stadt aufdämmern mit Schule und mit dem Kreis der Jahreszeiten.
Und es kam ein Tag, wo ich einsam, elend und fast verzweifelnd durch die nächtlichen Straßen ber Grohstabt ging. Vor mir ein Mann, ber vor sich hinpfiff. Sofort ftanb ich wie von bem Pfiff durch- strahlt. Ich fing an zu laufen, suchte im Laternen- licht bas Gesicht bes Mannes zu erhaschen. Nein, es war kein Bekannter. Der Pfiff hatte mich genarrt, aber als ber Frembe weiter bas Signal aus ber Jugenbzeit pfiff, bevölkerte sich ber Asphalt mit Glück unb Heima^ Auf mein Herz legte sich eine Hanb, unb ihre Finger krallten sich tief hinein.
Unb nun hörte ich ben Pfiff lange, lange Jahre nicht mehr. Im Winter 1916 würben wir, oben in Rußlanb, von einem Rusfenregiment angegriffen. Wir waren nur noch ein verlorener Haufen, ber gegen einen übermächtigen, ausgeruhten Gegner anfprang. Mitten im Gefecht, durch ben glasklaren Wintermorgen, tönte plötzlich bas Signal aus ber Schuljungenzeit. Unser Leutnant pfiff es. Unb bas Signal kam wie ein Dolchhieb, ben eine Götter- hanb in ben anftürmenben Feinb fegte. Der Leutnant pfiff immer roieber biefe vier Noten, als ob er sich Mut machen wollte. Besser ohne Hoffnung zu kämpfen, als ohne Kampf unterzugehen. Einen Augenblick war ich umringt von ber Luft unb ben Gestalten einer kleinen beutschen Stabt. Ich versuchte zu lächeln, aber es gelang mir nicht mehr. Ein Russe knallte mich nieber unb ich sackte zusammen.
Glücklicherweise nicht für immer. Heute habe ich nun selbst schon einen Sohn. Der ist nun so groß, baß er bas Signal aus meiner Kinbheit frisch unb ursprünglich auf Straßen unb Sportplätzen verwegen weitergibt. Unb bas ist ja schließlich bie Hauptsache.
Zeitschriften.
— Im Dezemberheft ber „K u n st k a m m e r", ber Monatsschrift ber Reichskammer ber bilbenben Künste (Propyläen-Verlag, Berlin) berichtet Wilhelm Schlechtriem Interessantes über „Malerzeichen"; W. A. Gut bespricht alte unb neue Wanbmalereicn an Bauwerken. Ein ausführlicher Bilbbericht zeigt Erzeugnisse unb Hanbwerkszeug einer alten Wachszieherei, ein anberes hübsches neues Kinder-Spiel- zeug. Das Heft, das noch zahlreiche weitere Beiträge bringt, zeigt über 40 schöne Bilder.


