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Nr. 269 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, |6. November (935

Romane

-er deutschen Geschichte.

^>on Hellmut Merzdorf (Reichssielle zur Förderung des deutschen Schrifttums)

In tiefstem Sinne geschichtlich kann nur eine Idee sein, die ewige Kräfte im Geschehen sieht und Führer als Träger dieser Kräfte. Absolut unge­schichtlich war eine Idee, die einen kausalen Ablauf konstruierte, die sichhistorischer Materialismus" nannte. Geschichte ist nur dort, wo das Schicksal hätte auch ein anderes sein können. Geschichte ist mehr als ein naturgesetzlicher, kausaler Ablauf, der sich errechnen und bestimmen läßt. Wenn auch nicht alle Theoretiker der Geschichte zu jeder Zeit dies zugegeben haben, so hat doch jeder Mensch, der Geschichte machte, jeder große Führer unter dem Gesetz einer Verantwortung gestanden, die ihn nicht willenlos treiben ließ, sondern ihm befahl, alle möglichen Folgen ins Auge zu fassen und nicht zu­letzt durch seinen Einsatz den Gang des Geschehens zu hemmen, zu fördern, zu zwingen. Daß immer wieder einzelne daran scheiterten, daß sie ihre Kraft überschätzten, spricht nicht gegen die Führerpersön­lichkeit und ihre Macht, sondern gegen die Selbst­überschätzung oder das Unvermögen der Irrenden. Aber auch die einzelnen sind nicht allein die Träger der Geschichte. Sie sind es nur, soweit sie aus ihrem Willen sich zu Exponenten der Kräfte machen und es auf Grund ihrer Anlagen werden können. Helden der Weltgeschichte sehen wir zugrunde gehen, wenn das Krämervolk, das sie gegen eme Welt­macht zum Siege führen wollen, verzagt und ver­zichtet. Um diese ewige Spannung zwischen den Grundkräften der Gesuchte, Blut und Boden, und den Trägern dieser Kräfte, den Führern, ist durch den Nationalsozialismus ein tieferes Wissen aufae- brochen. Die historische Dichtung hat sich dieser Fragen bemächtigt und großartige Schöpfungen aus diesem Ideengehalt gestalten können.

Besonders reichhaltig ist das neue Schrifttum über die deutsche Vorgeschichte. Notwendig genug ist diese Besinnung auf die Vorzeit. Wilde Noma­den, die auf dem Bärenfell liegen und Met trinken, die die Frauen arbeiten lassen und selbst faulenzen, das ist die Vorstellung von den Germanen, die heute noch nicht die ganze Kulturwelt überwunden hat. Die Sucht nach Liebesabenteuern, die Freude an Kriegszügen und Raufereien sind nach dieser Meinung die letzten Ziele, um derentwillen die Germanen kämpften und lebten.

Hjalmar K u tz l e b ist vor allem der Schrift­steller, der abseits der fachlichen Forschung zwar mit dem Rüstzeug der Wissenschaft, aber doch mit der gestaltenden Kraft des Dichters von der Vor­zeit kündet. Sein schönstes Buch istSteinbeil und Hünengrab, Deutschland in der Vorge­schichte" (Hanseatische Derlagsanstalt Hamburg, Preis 5,80 Mark). Er weist im einzelnen die alt­germanische Kulturhöhe nach. Weit davon entfernt, die Germanen für das auserwählte Volk zu er­klären, kann er doch begeistert berichten von dem tiefen Glauben und Gesinnung der Ehre und Treue oder aber der Pracht der Baukunst oder des Schmuckes. Achtung und Begeisterung erweckt das Buch, recht geeignet ist es, einzuführen in die ehr­würdige Kultur der Germanen. In das politische Geschehen dieser Zeit führt uns sein Buch:D e r erste Deutsche, Roman Hermann des Cherusker s" (Westermann Braunschweig, Preis 5,50 Mark). Keine wilden Berserker waren die ger­manischen Fürsten und Führer, sondern Staats­männer von Format eine Tatsache, die gerade die Römer bei Armin erfahren mußten, als es zu spät war. Sein tragisches Scheitern an seiner Hauptaufgabe, der Einigung der deutschen Stämme, erschüttert den Zuschauer, der den zweitausendjähri- qen Kampf um diese Einheit rückschauend überblickt. Kutzleb macht uns Arminius in diesem Buche un­mittelbar lebendig.

Der Auseinandersetzung mit den Römern folgt die Abwehr der Hunnen. Gerhart Ellert hat

inAttila" (Speidelsche Verlagsbuchhandlung Wien IX, Preis 6 Mark) meisterhaft das Schicksal ihres Führers gezeichnet. Wenn auch geschichtlich treuer als Etzel im Nibelungenlied, stehtAttila" doch ebenso als Kämpfer mitten im dramatischen Geschehen der weltgeschichtlichen Auseinandersetzun­gen jener Zeit. Ellert denkt nicht daran, ihn ver­ächtlich zu machen; die Achtung vor dem fremden Volkstum arbeitet natürlich nur die wesensgemäßen Unterschiede heraus. Ellert ist Könner: Das beweist auch sein WerkDer Zauberer" (Speidelsche Verlagsbuchhandlung Wien IX, Preis 6 Mark). Die Weltuntergangsstimmung der Jahrtausendwende drückt sich in den Charakteren, die groß und einfach sind, aus. Als Dämon und Dunkelmann steht den gläubigen Menschen gegenüber der Zauberer, Erz­bischof Gerbert von Reims, der Intrigant und ruhlose Ehrgeizling. Selbst als Papst Sih vester II. am Ziel seiner Pläne, bleibt er der Spiel­ball der Mächte, die die Zeit bestimmen. Ein dra­matisches Buch, gegenwartsnahe in seinen Proble­men, geschichtlich zuverlässig in seinem Aufbau und in der Wiedergabe der Ereignisse. Ebenso bewährt sich Ellert in seinem RomanKarl V." (Speidel­sche Verlagsbuchhandlung Wien IX, Preis 6 Mark). Karls des Fünften Leben wird hier zu einer heldi­schen Einheit, die folgerichtig zerbrechen muß an der Vielheit der Völker, die sein Reich zunächst noch in sich befaßt. Dieser politische Machtstandpunkt steht der doch letzten Endes entscheidenden Idee des Volkstums ebenso fremd gegenüber wie der Glau­bensbewegung der Reformation. Daß er an diesen Tatsachen zerbrechen mußte, ist nicht nur die Ueber- zeugung des Dichters, der aus seiner Haltung her­aus Karl V. in dieser Weise begriff, es ist auch der Gang der Geschichte.

Den Blick für geschichtsmäßige Perioden und Ge­stalten können wir undebingt Eugen Colerus für feinen RomanLeibni z" (Verlag Paul Zsolnay, Berlin) zufprechen. Diese Biographie nimmt sich die große Aufgabe vor, einen Menschen zu er­fassen, dessen weltumspannende Macht und dessen ewige Taten im Denken bestanden haben. Ebenso wie dem Denker Leibniz wird Colerus aber auch dem Politiker gerecht. Die politische Geschichte Eu­ropas in der Barockzeit ersteht in ihrer Verschlun- genheit, in der Leibniz, dessen geistiger Rang zu­gleich seinen politischen ausmacht, eine der Haupt­rollen spielt. Der Verfasser vermag sogar die gei­stigen Entdeckungen Leibnizens in ihrer selbstän­digen wissenschaftlichen Bedeutung darzustellen, so z. B. wenn er die Entdeckung und die weiteren Schicksale des Differentialquotienten uns miterleben läßt, ohne vom Leser nennenswerte mathematische Vorkenntnisse zu fordern; er führte ein in Leibniz, im besten Sinne des Wortes.

Die preußische Aufgabe erscheint in Robert Hohlbaums BuchStein. Roman eines Führers" (Verlag Langen/Müller, München). Es ist ein Werk aus einem Guß, der die politische Dynamik der ersten 12 Jahre des 19. Jahrhun­derts wirklich wieder heraufbeschwören kann, der mit innerer und äußerlicher politischer Treue die Ideen Steins zu gestalten vermag, die Reformen, den Kampf mit Napoleon. Alles in allem ein poli­tischer, nicht nur ein historischer Roman, denn die Beziehungen des Steinschen Kampfes zur Gegen­wart werden einem bald klar. So, wenn er seinen Freiheitsbegriff absetzt, von der Gedankenwelt der Aufklärung, so, wenn feine Reformen im Grunde auf germanische Körperschaftsideen zurückgehen, fo, wenn er in allen seinen verschiedenartigen Plänen immer wieder nur die Zusammenfassung aller lebendigen Kräfte der Nation zur Mitarbeit am Staat und zur Sorge um ein Reich der Deutschen erstrebt. Das Buch hat das Recht, sich Roman eines Führers zu nennen, denn es zeigt wirklich das Emporwachsen eines Führers aus Erniedrigung und Zerklüftung zu preußischer und deutscher Erneue­rung ...

Sehen wir rückschauend auf die Fülle geschicht­licher Tatsachen, die in der heutigen Dichtung wie­der vor uns lebendig werden, so kommt es uns fast sonderbar vor, daß das Jahrhundert nach Stein vor allem mit Einschluß der wilhelminischen Zeit

keine irgendwie bedeutsamen dichterischen Ausdeu­tungen erfahren hat. Wie eine ferne Zeit ohne Wir­kung auf uns steht diese Periode vor uns, bis dann der Weltkrieg wieder mächtig in die Seele eingreift. Eine ganze Reihe von Romanen sind hier in letzter Zeit entstanden. Weitaus am wertvollsten von die­sen scheint unsVolk im Feuer" von Otto Paust (Herbert Fischer-Verlag, Niedersedlitz i. S.) zu sein. Der Frontkämpfer und SA.-Führer im Norden Berlins umreißt die Gestalt des Kriegers an der Front. Er stellt dem leidenschaftlichen Kämpfertum und Opfergeist, die sich in der Hölle der Schlachten bewähren und der Pflichterfüllung der deutschen Soldatenfrau gegenüber den Händler- geift und den verlogenen Patriotismus gewisser Kreise, denen die Front fremd war, die aber mit dem Willen zur Verteidigung ebenso Geschäfte zu machen suchten wie später mit pazifistischen Ge- dankengängen. Mit meisterhafter Feder gestaltet Paust das ergreifende Schicksal des deutschen Front­kämpfers. Er tritt damit in die Reihe der deutschen Dichter des Weltkrieges wie Jünger, Schauwecker, Beumelburg u. a.

Die furchtbare Nachkriegszeit hatte im trostlosen Geschick des deutschen Arbeiters ihren schlimmsten Ausdruck gefunden. Alfred E. Schröder hat diese Wirklichkeit in ihrer ganzen Tragik dargestellt in seinem BucheProlet am Ende" (Holle & Co., Berlin. Preis 3,80 Mark). Der Schrecken der Arbeitslosigkeit trifft auch den Arbeiter im Ber­liner Osten, der, an allen Idealen verzweifelnd, dem Marxismus verfällt. Das Buch ist vor allem eine Anklage gegen jene Gesinnung, die den Arbeiter erbitterte und zum Proletarier werden ließ, indem

sie sich selbst über ihn erhob und sich besser dünkte. So klingt das Buch aus mit dem Appell an die Ge­sinnung: ohne aufdringliches Pathos, aber mit ein* dringlicher Kunst.

Die Wende des deutschen Volkes zu seiner Er­neuerung ist noch zu nahe, als daß sie zu einer großen dramatischen Dichtung schon in einem Schriftsteller hätte ausreifen können. Einen aus- gezeichneten heiteren Roman aber hat Mario Heil de Brentani in seinerVilla Papp­schachtel, ein heiterer Roman um junge Men­schen unserer Tage" (Verlag Deutsche Kulturwacht, Berlin. Preis 3,50 Mark) geschaffen. Einfache Men­schen kämpfen sich durch, siegen gegen ein wider­wärtiges Schicksal. Sie bleiben sich selbst treu, der kämpfende Dichter und der Bürger, jeder Träger des Geschehens. Ein Bekenntnis ist das Buch, das aber nirgendwo ausgesprochen wird und um so mächtiger in der Haltung der Menschen liegt. Ein mutiger junger Bursche bricht mit dem Vaterhaus, dem Studentendasein, das doch 1930 für ihn nur eine wohlklingende Bezeichnung für Erwerbslosig­keit bedeutete. Im Berliner Zeitungswesen arbeitet er sich hoch. Alles ist Leben, nirgends Langeweile. Die Not macht ihn zum Mann, der Dinge und Menschen, wo es notwendig ist, hart anpacken kann.

So ist das letzte Buch wie jeder gute historische Roman Ausdruck des inneren Werdens des Volkes in einer Zeit. Er läßt Wesen und Größe eines ge­schichtlich bedeutsamen Schicksals durch das Erleb­nis erkennen, er gestaltet nicht private Ereignisse und Begebenheiten, sondern er ist immer Ausdruck völkischen Werdens.

Studenten am Scheidewege.

Eine Unterredung mit Albert Derichsweiler, Reichsamtsleiter des NSDStB.

Die letzten Monate haben eine Klärung von wesentlicher Bedeutung für die studentische Er­ziehungsarbeit der Bewegung gebracht: die Frage der Korporationen ist grundsätzlich entschie­den, sie steht nicht mehr zur Erörterung. Der NSD.-Studentenbund, die für die politisch- weltanschauliche Erziehung der Gesamtstudentenschaft allein zuständige, dem Stellvertreter des Führers unmittelbar verantwortliche Stelle der Partei, hat in geradliniger Fortführung feiner Politik die Fol­gerungen aus der Entwicklung der jüngsten Zeit gezogen. Sein Ruf richtet sich heute nicht mehr an Korporationen, sondern einzig und allein an den. studierenden jungen Menschen unmittel­bar.

Der Reichsamtsleiter des NSD.-Studentenbundes, Albert Derichsweiler, hat Gelegenheit genom­men, sich mit einem Vertreter des DNB. über die nunmehrige hochschulpolitische Lage und vor allem über die Grundlagen der weite­ren Arbeit des NSD.-Studentenbundes zu unterhalten. Er entwickelte im Laufe der Aus­sprache folgende Gedankengänge:

2Hit Beginn des neuen Semesters ist jeder Student vor die Frage gestellt, ob er sich dem IlSD. Studenlenbund eingliedern oder ob er sich außerhalb des Bundes halten will. Ein Zwang kommt nicht in Betracht, denn Rational- fozialismus kann nicht erzwungen werden. Die Frage lautet nichtMuß ich?", sondernDars ich im RSD.-Studentenbund tätig sein?" Der RSD.'Studentenbund ist bestimmt, eine Aus­leseorganisation der Bewegung, der nationalsozialistische Stoßtrupp auf den deut­schen Hochschulen zu werden. Daher kommt es ihm nicht daraus an, möglichst viele Mitglieder zu haben; er wird von vornherein, wenn auch nicht schematisch, seine Mitgliederzahl beschränken. Mitgliedschaft im NSD.-Studentenbund bedeutet nicht Uebernahrne von Rechten, Ansprüchen und Anwartschaften, sondern genau so wie in der Be-

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wegung überhaupt zuerst einmal Uebernahrne von Pflichten. Es handelt sich aber nicht um Pflichten, die etwa bloß gelegentlich herantreten. Der NSD.-Studentenbund gibt nun feiner Organisation er ist in Hochschulgruppen gegliedert einen festgefügten Unterbau, und zwar in Kamerad­schaften. Jedes Mitglied muß einer Kamerad­schaft angehören; welcher Kameradschaft, das ist seiner Wahl freigefteUt. Der Kameradschaftsführer wird vom Hochschulgruppenführer ernannt. Er soll in Zukunft aus der Kameradschaft selbst heraus- wachsen. Seine Ausgabe ist vor allem, dem ganzen Leben in der Kameradschaft einen neuen, den n a - tionalfozialistifchen Stil, zu geben. Da­bei kann nicht nur, es soll sogar jede Kameradschaft ihr eigenes Gesicht haben. Die Hauptsache aber ist und bleibt die einheitliche und geschlossene welt­anschauliche Grundhaltung.

Ist es das Ziel, die nationalsozialistische Grund­haltung, dem jungen Menschen zum ehernen Le­bensgesetz zu machen, so gilt es, diesem Ziel in sicherem Fortschreiten immer näher zu kommen. Das ist Sinn und Zweck des vom NSD.-Studenten­bund für die gesamte Studienzeit seiner Mitglieder aufgestellten Erziehungsplanes:

3m ersten Semester ist das Kameradschaftsmit­glied lediglich Anwärter des RSD.- Sludenlenbundes. Seine Führung, feine gesamte Lebenshaltung wird der Prüfstein für feine endgültige Aufnahme fein. Diese Entscheidung wird vor allem in den Frühjahrsferien fallen; denn hier kommt der Anwärter in e in es der Lager des Bundes. Rach dem 2. Semester muß jedes Mitglied des RSDStB. sechs Wochen lang an dem allgemeinen studentischen Landdienst teilnehmen. Der Landdienst

. Theaterabend in Bern.

(§in heiteres Reiseerlebnis von Hanns Iohst.

Von liebenswürdiger Anmut und erfrischen­dem Humor ist das BuchM a s k e und G e s i ch t", das jüngste dieReise eines Nationalsozialisten von Deutschland nach Deutschland" schildernde Werk Hanns I o h st s, der soeben zum Mitglied des Reichs­kultursenates ernannt wurde. Mit Erlaubnis des Verlages Albert Langen/Georg Müller in München bringen wir daraus den folgen­den Abschnitt.

Die Boheme!

Es ist eine geschlossene Aufführung.

Aber schließlich stellt ein listenreicher Logendiener einen Stuhl in ein Abteil des Ersten Ranges, und während die Ouvertüre das Publikum des Abends zu gemeinsamem Erlebnis verstrickt, stolpere ichi in die Finsternis einer Höhle. Ich fetze mich ängstlich auf meine Armefünderbank und zählte, da ich die Bühne zunächst noch nicht sehe, die Häupter der lieben Mitmenschen, die der Zufall vor mir auf- baute.

Ich bin der böse Siebente.

Mein Kommen ist nicht beachtet worden.

Die Gesichter schauen angestrengt nach vorn. Langsam gewöhnt sich mein Auge an das Dunkel. Ich vermag die einzelnen zu unterscheiden. Ich stelle drei Männer fest und drei Personen weib­lichen Geschlechts. Wie oberflächlich diese meine Feststellung war, merkte ich ein wenig später. Es handelte sich um drei Pärchen.

Wie ein zu kleiner Käfig für Wellensittiche, so hmg unsere Loge im Geheimnis dieses Berner Opernhauses.

Wo sah ich die letzte Aufführung der Boheme?

Richtig, in Rom ... im Teatro Costanzi.

Dort hatte man den Zuschauerraum kaum ver­dunkelt.

Boheme? ... Jeder Anwesende kannte diese Mu­sik die Arien ... die Fabel. Wichtiger als die Szene waren die Brillanten der Herzogin d'Efte. Die Sänger sangen ihre Arien ein wenig blasiert. Mein Gott Puccini...? Dankbar ... dankbar ... aber es gibt' größere Aufgaben für den Musikliebhaber. Man singt diese Sache dem Publikum zuliebe. Das Publikum hat einen Narren an dem falten Händ­chen gefressen, also schluchzt man diese Sentimentali­täten virtuos in das ausverkaufte Haus In Rom plauderte das Publikum, soweit es nicht leise mit- fummte, den ganzen Abend hindurch nur wenn ein besonders hoher Ton in Erwartung stand, hielt das

Haus, wie auf geheimes Kommando, den Atem an. Wir kennen diese Stille vom Variete her, wenn die Kapelle aussetzt und damit der fünffache Salto- mortale ohne Netz, unter Trommelwirbeln, die an Hinrichtungen gemahnen, bevorsteht.

Nun, in Bern war ein völlig anderes Publikum zu Gaste.

Ich war der einzige, der diese Oper zu kennen schien. Das ganze Haus empfing Ton um Ton, als fände die Uraufführung statt.

Der erste Akt begann.

Schräg vor mir saß ein junges Ding aus dem Berner Oberland. Sie war zu Besuch. Ihr Bräuti­gam war Metzgergeselle. Ihm war der Kragen zu eng, aber er vergaß es. In seinem Gesangverein gab es bei Gott Stimmen, aber hier ... Donner und Doria! Gelernt bleibt gelernt. Und schließlich hatte der Tenor seines Vereins ja auch nicht so viel Zeit zum lieben... Da vorne fangen eben Berufs­sänger, die Tag und Nacht sangen.

Und seine Braut?

Als Mimi auftrat, krampfte sich ihre Hand um mein Knie. Sie hielt es für eine Sesfellehne.

Als die Kerze erlosch, war rnrtn Bein schon rest­los abgedrosselt, und beim Duett vom kalten Händ­chen gab ich für die Wiederbelebungschance meiner Wade keinen Dreier.

Den Irrtum aufklären?

Wer hätte es gewagt, diese Mädchenseele, die in der tiefsten Erregung zitterte, zu der ein Menschen­herz fähig ist, wer hätte es gewagt, diesen Traum mit einemPardon" zu zertrümmern?

Ich dachte über Sparta nach und gab mein Bein auf.

Um restlos ehrlich zu fein ... ich bin fein Held.

Ich wollte eben ...da hörte ich, roifr ihre ver- fieberte, gutturale Stimme im spröden Dialeft ihren Freund fragte:Ist das alles wahr?" Dessen Gesicht glühte wie ein Lampion über einem buddhi­stischen Altar. Ihm hatte es längst die Stimme ver­schlagen. Er nickte in ihre Augen.

Dieser Blick dieser zwei Augenpaare ...

Ich warf mein Bein von mir wie em Mühlen­rad So schleudern heilige Märtyrer ihre brest- baften Glieder wie lästige Todsünden von sich. Ich hätte immer über das blonde, strenge, schlicht an­gebürstete Haar des Mädels streicheln mögen. Ich hätte immer nurDu" flüstern fönnen vor lauter Glück, daß es noch solch eine Gefühlsreinheit in der Welt gibt. Aber das nahm mir der Bräutigam ab. Er fuhr mit schwerer Hand zu seinem Mädel und legte sie in ihren frommen Schoß. Da löste sich die Fessel von meinem Knie, und zu dem Liebeslied von Rudolf und Mimi gesellte sich der Lobgesang meiner Kniefehle ...

Linfs von diesen zwei Menschenfindern saß ein Paar, dessen Versunfenheit den zweiten Aft adelte.

Es waren Leutchen, die sich mit diesem Theater­besuch einen großen Luxus gönnten. Er war kleine­rer Beamter, sie mochten acht Monate verheiratet sein, denn spätestens in vier Wochen erwarteten sie ihr erstes Baby.

Die Untreue, die nun in der Boheme ihr ver­wildertes Spiel begann, erschreckte die kleine Mutter tief. Herrrgott, so flehte ihr ängstlicher Atem, daß ihr Joseph nur fein Rudolf würde! Mochte er eine viel häßlichere Stimme haben als der Betörer da vor uns, die Hauptsache war: die Treue. Sollten seine Beine ein wenig frummer sein als die leicht­sinnigen schönen Beine des Tenors ... die Haupt­sache war: die Treue!!

Liefet, so hieß die fleine Frau, hängte sich bei Joseph ein ... besser ist besser ...

Und Joseph blähte sich ein wenig unter dieser Seelenangst.

Ja, ja, Liefet, so flüstert seine stolze Brutalität, wir Männer sind begehrte Artifet ...

Aber dann erschraf er gleich selber über seine Schlechtigfeit, und als Mimi das erstemal hüstelte, legte er seiner Liefet ein wollenes Tuch, das gute Stück feiner Ersparnisse, sein Weihnachtsgeschenk, fürsorglich um die breiten Schultern, Schultern, hinter denen pralle Berner Lungen atmeten, aber: besser ist besser ...

Vorn an der Brüstung saß ein Teuselsfert mit einem Spitzbart und einem Kneifer auf der fleischigen Nase.

Er begrüßte alle Anwesenden.

Er schien der Schriftführer der Gesellschaft, die für diesen Abend das Theater gemietet.

Diese Oper war sein Werf.

Jeden Beifall quittierte er mit geschmeicheltem Kopfnicken nach allen Seiten.

Er fannte die Sänger und er fannte die Sänge­rinnen ...

Die Musette war nicht nach seinem Geschmack.

Das Mädel geht nicht genug aus sich heraus!" Aber endlich war er auch mit Musette zufrieden. Nun, Mimi fam ans Sterben.

Wir standen, fnieten, saßen alle um ihr Lager herum und heulten wie die Schloßhunde.

Unsere Loge trieb wie die Arche Noah in der Sintflut der Tränen.

So etwas van Weinen habe ich noch nie erlebt.

Ich wollte mich für meine Person von diesem Wettweinen etwas fernhalten ... es ging nicht.

Es lag eine Suggestivfraft in diesem Gemein- schaftsschluchzen, es packte mich, und ich heulte mit.

Ich weiß nicht, wessen Taschentuch ich benutzte. Wer noch eine trockene Ecke hatte, gab sie laullos

dem Nächsten, ohne das erblindete Gesicht vom Schmerzenslager der Mimi zu wenden.

Wir hörten längst kein Orchester mehr und keine Singstimme... Ich glaube, die hatten auch auf- gehört und weinten ... meinten mit.

Ser Tischler aus Altendorf.

Zehn Kinder hat dieser Tischler aus Attendorf. Das älteste ist dreizehn, das jüngste ein Jahr alt. Die Familie verzehrt wöchentlich zwölf Brote und sieben Pfund Margarine. Die andere Nahrung sind Kartoffeln. Küche und Stube das ist die Woh- nung.Das Geschäft geht nicht gut; immerhin ist es besser als vor drei Jahren", erzählte der Meister, da war ja der Teufel los. Eineinhalb Jahre bin ich als Arbeiter gegangen, für sieben Mark die Woche. Der Kinder wegen mußte ich es tun. Seit aber die Landwirte wieder kaufen können, bin ich auch wieder als Tischler tätig."

Es geht uns auch heute noch nicht rosig", fällt die Frau des Meisters ein,das können Sie sich denken, bei den vielen Kindern. Aber dieGroßen" besorgen immer dieKleinen", und ich kann mei­nem Mann doch ab und zu mal eine Handreichung tun. Und bann hat ja auch der Führer an uns gedacht. Als wir vorn WHW. zu Weihnachten für zwei Jungens Hofen, für ein Mädchen Schuhe, Marmelade und 22 Lebensmittelgutscheine bekamen, war ich direkt erschrocken vor Freude. Wir sind so dankbar dafür und so zufrieden."

(Aus der Broschüre:Kleine Begebenheiten einer großen Sache" von Dr. Karl Schar» ping, erschienen im Verlag:Der Märkische Adler", Verlagsgesellschaft m. b. H., Berlin W 57.)

Zeitschriften

Im Novemberheft der ZeitschriftVolk und Rasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München, Einzel- preis 0,70 RM.) zeigt Friedrich Leiter vom Rasse- biologischen Institut der Universität Hamburg neue Wege zur Rasfenseelenkunde, einer grundlegenden Wissenschaft im nationalsozialistischen Staat. Sehr aufschlußreiche Mitteilungen überGemeinsame Ahnen großer Männer" bringt Dr. Fr. Bretschneider, Calw. Die bekanntesten schwäbischen Geistesgrößen werden genannt und ihre Ahnenreihen zusammen­gestellt. Kleine Beiträge behandeln dieMutuation und ihre Bedeutung" undNeues von den Genen". Viel Wissenswertes bringt wieder die Rubrik21u^ Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik". Der schön» Bildschmuck des Heftes stammt von dem Dresdens Künstler Joseph Gerlach.