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Nr. 64 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Samstag, (6. März (935

Sas Ende eines Abenleims.

Als im Frühjahr 1919 in der vor Erregung über den unerwartet errungenen Sieg noch zitternden Hauptstadt Frankreichs dieFriedensmacher" zu­sammentraten, um die neue Landkarte der Welt zu entwerfen, war unter ihnen auch Eleutherios Veniselos, um bei der Liquidation des Welt­krieges von den Großmächten die Belohnung zu empfangen, die sich Griechenland, von dem politischen Ehrgeiz und dem Machttraum des Phan­tasie- und listenreichen Kreters widerwillig in den Krieg gezerrt, in kritischen Stunden des Jahres 1916 um die Sache dsr Alliierten verdient hatte. Veniselos machte damals in Paris eine gute Figur. Der bekannte Harold Nicolson, der als Legations­sekretär die britischen Delegierten zur Friedenskon­ferenz begleitet hatte, bescheinigt dem agilen Kreter einestets sprungbereite Intelligenz" und einein ihrer Allseitigkeit fast ungestüme Liebenswürdigkeit". Mit solchen Eigenschaften konnte man unter Män­nern, die nach der Nervenprobe des Krieges wie gereizte Raubtiere sich anbleckten, sobald ein Stück der Kriegsbeute mehr als einen Interessenten fand, in einer so mit Hemmungen geladenen Atmosphäre eine weit größere Rolle spielen, als sie von Natur aus dem Vertreter eines der kleinsten Länder am Konferenztisch zugekommen wäre. Ein besonderes Freundschaftsverhältnis verband Veniselos mit Lloyd George, der ja in dem kritischen Jahre 1916 als britischer Ministerpräsident bei den von ihm gründlich gehaßten und wegen ihrer angeb­lichen Phantasielosigkeit und Ressortbeschränktheit verachteten Militärs der Alliierten den Vorstoß über das griechische Saloniki gegen die deutsch-bulgari­sche Front durchgesetzt und als Prellbock gegen den heftig widerstrebenden König Konstantin Herrn Ve­niselos vorgeschoben hatte, dessen Intrigen verbunden mit der brutalen Blockade der Alliierten Konstantin weichen mußte. Des Kreters Spiel war gewonnen, aber er traute damals seiner Sympathie bei seinen Landsleuten nicht genug, um ohne starke franzö­sische Bedeckung in Athen die Regierung zu über­nehmen und den Mittelmächten nunmehr offen den Krieg zu erklären. Die furchtbaren Leiden, in die grenzenloser Ehrgeiz eines Mannes und rücksichts­lose Kriegspolitik der Alliierten das griechische Volk in diesen Jahren gestürzt hatten, sollten auf der Pariser Friedenskonferenz belohnt werden. Auf Kosten der Verbündeten der Mittelmächte Bulga­riens und der Türkei durfte sich Griechenland den nordägäischen Küstensaum samt Thrazien fast bis vor die Tore Konstantinopels und in Asien Smyrna mit einem weiten Hinterland angliedern. Bis auf das alte Byzanz, das britische Cypern und den von Italien beanspruchten Dodekanes (Zwölfinsel­gruppe um Rhodos) schien damals der Traum vom großhellenischen Reich erfüllt.

Aber auf den in der günstigen Atmosphäre von Paris von Veniselos im geschickten Lavieren zwi­schen den eifersüchtigen und argwöhnischen Großen zur Reife gebrachten Machtrausch folgte ein ebenso heftiger Rückschlag und auch hierbei ist die Hal­tung des windigen Kreters bezeichnend für poli­tische Abenteurer seines Schlages. Die Besetzung Smyrnas führte zur Wiederaufnahme des Krieges durch die national erstarkte Türkei Kemal Paschas, die alliierten Mächte, die in Konstantinopel wie in Kleinasien kleine Detachements unterhalten hatten, gerieten in Bedrängnis und riefen die Griechen zu Hilfe. Aber nach den ersten Erfolgen der griechi­schen Waffen wurde Franzosen und Italienern die Zustimmung zu dem griechischen Feldzug leid. Die Türken spürten die wachsende Uneinigkeit im alliier­ten Lager, wo nur England an der Sache der Grie­chen festhielt. Das Abenteuer schien für Veniselos schief auszugehen. In diesem Augenblick rief eine Volksabstimmung den 1917 vertriebenen König K o n st a n t i n wieder nach Griechenland zurück, sein alter Widersacher Veniselos zog sich nach Süd­frankreich zurück, dem König mit der Negierung auch die Sorgen um die ehrenvolle Beendigung des ehrgeizig und machttrunken begonnenen Krieges überlassend (November 1920). Den Franzosen fiel ein Stein vom Herzen, sie unterstützten Kemal Pascha offen mit Geld und Waffen, während die britische Regierung unter dem Druck der dem zurück- gekehrten griechischen Monarchen nicht holden öffent­lichen Meinung Englands über wohlklingende Re­densarten nicht hinauskam. Die Folge waren schwere Niederlagen der griechischen Truppen in Thrazien und vor Smyrna, Abdankung König Konstantins (September 1922) und Machtergreifung eines Re­volutionskomitees venifelistifcher Elemente mit dem Obersten Plastiras an der Spitze, der fünf Mini­ster König Konstantins und seinen Generalstabschef vor ein?'Kriegstribunal schleppen, als verantwort­lich für die Niederlage im Felde zum Tode verur­teilen und am 28. November 1922 erschießen ließ. Veniselos blieb während dieser blutigen Vor­gänge in seiner Heimat, die den Griechen auch einen guten Teil Sympathien Englands kostete und die Veniselos zweifellos hätte verhindern können, wenn er nicht mit der Beseitigung seiner politischen Geg­ner sehr einverstanden gewesen wäre, fern vom Schuß und erklärte sich lediglich bereit, auf der Friedenskonferenz von Lausanne die Sache Grie­chenlands zu vertreten. Griechenland wurde nun im großen Ganzen auf den Bestand von 1913 (nach dem zweiten Balkankrieg) zurückgeworfen und mußte auch durch die Vertreibung von etwa IV2 Millionen Griechen aus Thrazien und Kleinasien, die in Altgriechenland angesiedelt wurden, einen beträchtlichen Naumverlust an Volksboden in Kauf nehmen.

Veniselos traute sich erst Ende 1923 wieder nach Griechenland, wo seine Partei inzwischen sich fest in den Sattel gesetzt und alle Gegner des neuen Regimes rücksichtslos beseitigt hatte. Doch das furcht­bare Bluturtell vom 28. November 1923 blieb eine offene Wunde im innerpolitischen Leben dieses un­glücklichen Volkes, dessen Schicksal es seit altersher sein zu sollen scheint, von der Zwietracht ehrgei­ziger politischer Führer hin- und hergeschleudert zu irrrben und niemals die Ruhe und Stetigkeit zu finden, die jeder wirtschaftliche Aufbau auf lange Sieht vorausfetzt. Veniselos hat in den folgenden Jahren mehrmals die Regierungsgefchäfte geführt und auch versucht, die für ein ausgesprochenes Han­dels- und Schiffahrtsvolk naturgemäß besonders empfindliche Weltwirtschaftskrise in ihren Auswir­kungen für Griechenland zu mildern. Aber die Gei­ster, die der ewige Revolutionär und Intrigant ge­rufen'hatte, wurde er nicht mehr los, wenn er dazu überhaupt jemals ernsthafte Anstalten gemacht haben sollte. Politisierende Offiziere, machthungrige Parla­mentarier ließen nicht die Hand von der Kehle des Staates. General P l a st i r a s , derselbe, der nach dem Sturz der Monarchie in den bbifiaen Nonem- bertagen des Jahres 1923 eine so schlimme Rolle

Frankreich torpediert die Abrüstung.

Oie Oienstzeit-Oebatte in der französischen Kammer endet mit der Annahme eines Vertrauensvotums für das Kabinett Flandin.

Paris, 15. März. (DNB.) In der französischen Kammer herrschte am Freitagnachmittag schon vor Beginn der großen Sitzung eine sehr lebhafte Stimmung. Die Tribünen und die Diplomaten­logen waren bis aus den letzten Platz gefüllt. Auch die Abgeordneten waren fast vollzählig erschienen.

Ministerpräsident Flandin bestieg, auf einen Stock gestützt, die Rednertribüne und verlas die Erklärung der Regierung über die Frage der Militärdienstzeiterhöhung. Das Problem der rekrutenarmen Jahrgänge, so heißt es in der Erklärung, hat die Regierung seit langem beschäftigt. Die Zahl der Einberufenen, die gewöhnlich 230 000 Mann beträgt, wird von 1936 bis 1940 auf einen Durchschnitt von 118 000 Mann fallen. Es handelt sich nicht um eine Er­höhung der unter den Fahnen befindlichen Effektiv­stärken, sondern darum, die Verringerung des Kontingentes durch eine vorübergehende Verlängerung der Dienstzeit auszu­gleichen. Als das Gesetz vom 31. März 1928 ver­kündet wurde, das die Grundlage unserer Militär­organisation darstellt und weiterhin dar- {teilen wird, war die Hoffnung gestattet, daß vor dem Abschnitt der rekrutenarmen Jahrgänge die internationale Organisation der Sicherheit die Beschränkung und Herabsetzung der Rüstungen, deren Gewicht so schwer auf den durch den Krieg verarmten Völkern lastet, möglich machen würde. Diese Hoffnung hat sich nicht nur nicht verwirklicht, sondern die Lage Frankreichs hat sich vollständig geändert. Nach einseitiger Auslegung der Abrüstungsbestimmungen des Versailler Ver­trages fuhr der Ministerpräsident dann fort:

Als nach dem Abgang Deutschlands von Genf die Aufrüstung dieser großen be­nachbarten Macht in verschiedener Form und in weitem Ausmaße trotz der Bestimmun­gen des Teiles V des Vertrages von Versailles fortgesetzt wurde (poursuivie) in dem Augenblick, wo die Effektiven der deutschen Armee erheblich erhöht sind durch einseitigen Beschluß, dem die französische Regierung ihre Zustimmung ebensowenig gibt, wie die englische, kann Frankreich es ohne Gefahr für die Landes­verteidigung nicht zulasten, daß die Effektiven seiner Armee geringer werden, als durch das Gesetz vom 31. Mr; 1928 vorgesehen war, zu einer Zeit, als die deutsche Aufrüstung offiziell in den von dem Friedensvertrag bestimmten

Grenzen geblieben war.

Den kasernierten und sofort verfügbaren 480 000 Mann in Deutschland, zu denen zahlreiche vormilitärische oder militärähnliche Abteilungen hin- zutreten, bie von dem Effektivkomitee in Genf als unvereinbar mit einer gerechten Beschränkung der Rüstungen erklärt worden sind, können wir zu Beginn des Jahres 1935 nur 278 000 Mann entgegenstellen, die jederzeit auf dem Ge­biete des Mutterlandes verfügbar find. Nach den allen bekannten Plänen wird Deutschland im Jahre 1936 min- b e ft e n s über 600 000 Mann verfügen, und wir werden gleichzeitig infolge des Beginnes des rekrutenarmen Zeitabschnittes unter der Voraus­setzung, daß unsere Hoffnungen auf die Einstellungen von Kapitulanten zum Teil in Erfüllung gehen, und unter Berücksichtigung der durch die Ausgleichs- maßnabmen erhielten jährlichen Erhöhung a u f 208 000 Mann sinken. Ein derartiger Unter­schied ist unzulässig, selbst wenn man zu diesen 208 000 Mann die 72 000 der. im Mutterlande stehenden, aber als Reserve für unsere Uebersee- streitkräfte zum Schutze und zur Verteidigung un­seres großen Reiches bestimmten mobilen Streit­kräfte zählt.

Frankreich bleibt der Politik der Festigung des Friedens und der Organisierung der internatio­

nalen Sicherheit freu. Ls hat kürzlich die Mächte, von deren Haltung das allgemeine Ge­fühl der Sicherheit oder der Unsicherheit in Europa weitgehend abhängt, aufgefordert, im Rahmen des Völkerbundes sich an regio- nalen Abmachungen zur gegensei­tigen Hilfeleistung gegen öenfirieg zu beteiligen. Frankreich hofft mit Inbrunst, die durch das Andenken an feine 1,5 Millionen Toten immer wieder belebt wird, daß der Gei st des Friedens die Regierungen und die Völker beseelen und die neuen Generationen formen möge. Die Regierung stellt aber, ebenso wie es die englische Regierung in ihrem kürz­lich veröffentlichten amtlichen Schriftstück getan hat, fest, daß noch ein weiter Weg z u r ü cf 3 ul e g e n ist, bis man eine absolute Sicherheit findet, ohne hinter sich die Mittet haben zu müssen, um sich gegen einen Angriff zu verteidigen. Sie wird den Umstand nicht aus dem Auge verlieren, daß noch entspre­chende Verteidigungsmittel nötig sind, um die Sicherheit zu gewährleisten und um es Frankreich zu ermöglichen, in vollem Um­fange an der Aufrechterhaltung des Friedens in der Welt mitzuarbeiten.

Unter diesen Bedingungen hat die Regierung beschlossen, die Rekruten, die im April und im Oktober d. I. eingezogen werden, noch länger unter den Fahnen zu behalten. Derselbe Beschluß findet.auf die Kontingente bis einschl. 1939 Anwendung, vorausgesetzt, daß bis dahin keine Erleichterungsmaßnahmen getroffen werden kön-

Der Marxistensührer £6on Num warf der Regierungserklärung Zweideutig­keit vor. Die Gegenüberstellung der französischen und der deutschen Effektivstärken in der Erklärung Flandins sei lückenhaft, da auch in Deutsch­land rekrutenarme Jahrgänge bevor­ständen. Aber im Jahre 1940 würde Deutschland über das doppelte Jahreskontingent wie Frankreich verfügen. Dann würde man behaupten, daß die zweijährige Dienstzeit gar nicht mehr zu umgehen fei. Es wäre richtiger, wenn die Regierung ihre Ab­sichten gleich offen bekanntgeben würde. Sieben Milliarden Franken feien f ü r bie Befestigungswerke ausgegeben worden, um Effektivbestände zu sparen. Warum ändere man jetzt die Politik? Als Marschall Petain Kriegsminister war, habe er die zweijährige Dienst­zeit nicht gefordert. Das Jahreskontingent 1935 fei völlig normal. Frankreich verfüge im Mutter­lande einschließlich der Kolonialstreitkräfte, die in Frankreich in Garnison liegen, nicht über 238 000 Mann, sondern übe re ine vielhöhereZahl, die sich 500 000 nähere. (Der Vorsitzende des Heeres- ausschustes nennt in einem Zwischenruf die Zahl von 250 000.) Die vorhandenen Effektivbestände seien ausreichend, wenn es sich darum handele, die Befestigungswerke zu besetzen und eine Verteidi­gung zu organisieren. In gewissen Kreisen der Armee sei aber eine Tendenz zur Schaffung eines Berufsheeres festzustellen. Man ziele also auf die Einführung der zweijährigen Dienstzeit und auf die Bildung eines Berufsheeres ab. Frank-

nen, die durch eine günstige Entwicklung der Orga­nisierung der Sicherheit und der Rüstungsbeschrän­kungen gerechtfertig sind. Die zeitliche Jndienst- behaltung wird für die Rekruten, die im April 1936 zwölf Monate gedient Haden, weitere sechs Monate betragen und für die späteren Klassen auf weitere zwölf Monate ausgedehnt werden. Gemäß Artikel 40 des Gesetzes vom 31. März 1928 setzt die Regierung die Kammern von diesem Beschluß, den der Ministerrat gefaßt hat, in Kenntnis. Außer­dem hat der Kriegsminister einen Gesetzesvor­schlag ei ngeb rächt, der ihn ermächtigen soll, das augenblickliche m i l i t ä r d i e n ft p f 1 i ch t i g e Al­ter allmählich bis auf 20 Jahre herab- zufetzen und die getrennte Einziehung der Rekruten (April und Oktober) aufzuheben. Der Gesetzesvor­schlag sieht eine Erhöhung der Zahl der Berufssoldaten vor.

Die Neuverpflichtungen stellen ein wirksames, wenn auch kostspieliges Mittel zur Erhöhung der Effektivbestände dar. Das gesetzliche Höchstmaß von 117 000 Berufssoldaten ist fast er­reicht, denn die Zahl der Soldaten, die länger als ein Jahr unter der Fahne bleiben, beträgt augen­blicklich 103 000. Die Regierung appelliert an die vaterländische Mitarbeit des Parlaments, das noch niemals die Landesverteidigung im Stich gelassen hat, um Frankreich die Mittel für seine Sicherheit zu geben. Sie erklärt noch einmal den friedlichen Willen einesin einem Jahrhundert viermal überfallenen Landes" und sie ist sich bewußt, der Repräsentant eines Landes zu sein, das seine Rüstungen nur in dem Maße auf­rechterhält, wie sie für die Verteidigung des Frie­dens, die Aufrechterhaltung der Sicherheit und die Entmutigung des Angriffs notwendig find.

reich verfüge über größere Streitkräfte als die tatsächliche Verteidigung erfor­dere. Man bereite eine Angriffs st rategie vor. Gegen die Gefahr eines Angriffes könne Frank­reich keine Sicherheit im Wettrüsten finden. Wieviel Dienstjahre würde man brauchen, um den Wettlauf zu gewinnen? Die Sozialisten glaubten nicht an die Notwendigkeit einer Gewaltlösung. Die wahre Sicherheit sei diejenige, die den Krieg verhindere.

Leon Blum richtete an die Regierung die Frage, warum sie den Fortschritten der Sicher­heitsorganisation (Eintritt Sowjetrußlands in den Völkerbund, römische Abkommen usw.) nicht Rechnung trage. Das Wettrüsten und die ihm ent­sprechende Stimmung sei unvereinbar mit der Propaganda für die diplomatische Organisierung des Friedens. Man müsse Deutschland zwingen, ein Abrüstungsabkommen zu unterzeichnen. Wenn man heute vor den gleichen Fragen stünde wie 1913 und sich in den 22 Jahren nichts geändert habe, dann hätten die Opfer des Weltkrieges gar keinen Zweck gehabt. Wenn man sein Leben hingebe, so müsse das der nächsten Generation wenigstens einen Nutzen bringen.

Der Vorsitzende des Heeres- ansschuffes, Oberst Fabry, bemängelte die Tatsache, daß man dem bestehenden Gesetz eine bisher noch nie vorgesehene elastische Auslegung gegeben habe, ohne klipp und klar die zweijährige Dien st zeit zu fordern und einzuführen. Von häufigen Zwischenrufen der Linken unterbrochen, versuchte Fabry, den Beweis zu führen, daß lediglich die Rüstungen Deutschlands die neuen militärischen Maßnahmen Frankreichs veranlaßt hätten. Im übrigen handele es sich nicht nur um

3lum enlhM die wahren Hintergründe

Flandin muß sich seine Ziffern berichtigen taffen.

Die Ausführungen des Ministerpräsidenten wur­den von der Rechten und der Mitte mit Beifall aufgenommen, während auf der Linken eisiges Schweigen herrschte, das bis in die Reihen der Radikalsazialisten ging.

gespielt hatte und anscheinend auch heute wieder die Hand im Spiel gehabt hat, versuchte im Früh-' fahr 1933 durch einen Staatsstreich die den Anti- veniselisten günstige Wahl zu korrigieren, aber der Erfolg des Staatsstreichs blieb nur . einen Tag in feiner Hand. Auch im folgenden Jahre konnte eine venifelistifche Offiziersrevolte vonK 0 ndylis , dem Kriegsminister der Regierung Tsaldaris, niederge- schlqgen werden und mit der Wiederwahl des Staatspräsidenten Zaimis im gleichen Jahre be­stätigte das griechische Volk den Kurs der Festigung der Staatsgewalt.

Aber eine starke Opposition blieb der Regierung sowohl in den parlamentarischen Körperschaften (der Senat war überwiegend oeniselistisch und wird daher jetzt nach dem Niederwersen des Ausstands auch beseitigt, die Kammer hatte nur eine sehr ge­ringe Regierungsmehrheit) als auch im Lande. Der Name Veniselos schied die Geister weit mehr als politische Weltanschauung. Indessen kann man wohl sagen, daß die bodenständigeren Bewohner Alt­griechenlands und des Peloponnes durchweg An­hänger einer ruhigen Entwicklung im Sinne des konservativen Regierungskurses waren, während die lebhafteren Jnselgriechen und die von kleinasiatischen Flüchtlingen stark durchsetzten Bewohner Mazedo­niens und Thraziens den ehrgeizigen Plänen Veni­selos' zuneigten. Besonders in Saloniki, von wo Veniselos 1916 seine Umtriebe gegen König Kon­stantin gerichtet hatte, die dann zum Sturz des Königs Konstantin und seiner eignen Schilderhebung durch die Alliierten führten, glaubte er auf beson­dere Sympathien zählen zu können. Diese Teilung des Landes in zwei geographisch gut zu umschrei­bende Lager ist ja deutlich geworden, als am 1. März Veniselos und seine Anhänger den Augen­blick für eine neue Kraftprobe im Ringen um die politische Macht für gekommen stielten. Die durch­weg mit Jnselgriechen bemannte Kriegsflotte war der Herd des Aufruhrs, und die in Mazedonien und Thrazien garnifonierenben Truppen, im wesent­lichen das IV. Armeekorps, schlossen sich dem Auf­stand an. In Athen konnte die Meuterei der Ev- zonöngarde schon im Keime erstickt werden, aber dem größten Teil der Flotte gelang es, aus dem Kriegshafen Salamis auf das hohe Meer und da­mit aus dem Bereich b^r Küstenbatterien zu ent­kommen. Dir Tatkraft der Regierung gelang es,

bie' Veniselisten in ber Hauptstabt nieberzuhalten, währenb Bombenflugzeuge mit üderraschenb schnel­lem Erfolg gegen bie sich in bie kretischen Gewässer geflüchtete Flotte angesetzt wurden und Kriegs­minister Kondylis gegen die aufständischen Truppen in Nordgriechenland marschierte. Das rebellische Armeekorps des Generals K a m e n 0 s sah sich bald eingezwängt zwischen dem Meere, dem unwegsamen Rhodope-Gebirge und fremden Ländergrenzen ohne Möglichkeit der Entfaltung gegen die anrückenden Regierungstruppen. Kamenos und sein Stab flüch­teten auf bulgarisches Gebiet, bie Meuterer mußten sich ergeben, nachbem bei Debeagatsch gelanbete Regierungstruppen auch in ben Rücken ihrer Stel­lung bei SeresDemirhissar gelangt waren und auch die Hafenstadt Kavalla mit dem veniselistischen KreuzerHelli" sich der Regierung hatte ergeben müssen. So ist binnen vierzehn Tagen der Aus­stand niedergeschlaaen. Veniselos ist auf eine ber italienischen zwölf Inseln geflüchtet unb bann auf Rhobos interniert worben. Der Spuk ist aus unb an ber Regierung Tsalbaris ist es nun, bie Wun- ben zu Heiken, die der Streich des ehrgeizigen Kre­ters dem Lande geschlagen hat. In einer von war-, mer Snmvathie für das neue Deutschland unb seinen Führer getragenen Unterrebung hat Kriegs­minister Konbylis angebeutet, baß man bie Ge- junbung bes politischen Lebens auch in Griechenlanb in einer autoritären Staatsorganisation suchen wird, die der Zwietracht der Parteien ein Ende macht und unter starker Führung Freiheit unb Wohlfahrt bes Griechenvolkes festigt.

Es bleibt noch, ben veniselistischen Aufstand in das Gewirr außenpolitischer Fäden einzuordnen, das gerade diesen Wetterwinkel Europas wie ein dichtes Netz überspannt. Daß der griechische Außen­minister M a x i m 0 s , einer der Väter des Balkan­bundes, gleich am ersten Tage bes Aufstanbes zu­rücktrat, gibt vielleicht Anhaltspunkte. Veniselos war ein entliehener Gegner bes Bcllkanbunbes, besten Abschluß Griechenlanb aus ber italienischen Freunb- schast löste unb in bas System Frankreichs ein- glieberte, bas ja mit bem Balkanpakt eine Sicherung feines fübslawischen Bunbesgenossen gegen Italien beabsichtigt hatte. Britische Blätter Haden Mussolini nachgesagt, daß er über einen Sieg ber Veniselisten nicht böse gewesen wäre, hätte er ihm doch vermut­lich bie Rückkehr zu ber alten Kombination Jtalien-

Griechenlanb-Türkei-Bulgarien (bas noch nicht bem Bälkanbunb angehört) erlaubt, womit ber Balkan- bunb gesprengt gewesen märe. Zu wenig beachtet würbe bie Melbung von türkischen Truppen­konzentrationen um Abrianopel unb einem Einspruch Bulgariens in Genf, ber aller« bings sofort zurückgezogen würbe, als man sich in Sofia wohl bavon überzeugt hatte, baß die Türkei sich lediglich vorsah, um die Ausnutzung ber grie­chischen Wirren zu gewaltsamen Gebietsveränbe- rungen ber Nachbarn zu verhinbern. Man hatte habet wohl vor allem Sübslawien im Auge, besten Traum von Saloniki als sübslawischem Hasen an ber Aegäis in ben Friebensverträgen nicht ver­wirklicht worben war. Auch Bulgariens Wünsche nach einem Hasen am Aegäischen Meer finb unerfüllt geblieben. Im ersten Balkankrieg hatten sich bie Bulgaren zwar bie beiben Häfen Kavalla unb Debeagatsch gesichert, aber nach her Nieberlage im zweiten Balkankrieg gegen bie bis­herigen Verbündeten muhten beibe Hafen an Grie­chenlanb überlassen werben. So finb hier in biefer Ecke noch recht wibersprechenbe Interessen. Grie­chenlanb selbst hat, abgesehen von Konstantinopel, bem heiß erträumten, aber niemals gewonnenen alten Byzanz, noch Wünsche, bie erst kurz vor ber Revolution recht laut geäußert würben. Da ist ein­mal ber seit 1912 in italienischem Besitz beftnbliche D 0 b e k a n e s, bie Zwölfinselgruppe mit Rhobos unb bann bie Insel Cypern, bie seit bem türkisch­russischen Krieg von 1878 unter britischer Verwal­tung stanb, 1914 kurzerhanb einverleibt worben war unb seit 1925 britische Kronkolonie ist Beibe Gebiete sinh ganz übermiegenb von Griechen bewohnt, bie seit einiger Zeit wieher eine lebhafte Propaganba für eine Volksabstimmung zu Gunsten ber Ver­einigung mit bem Mutterlanbe betreiben. Aber mit Rücksicht auf bie wertvollen Beziehungen Griechen- lanbs zu ben Besitzern Italien unb Englanb ist man in Athen recht zurückhaltenb gegenüber ben Wün­schen biefer griechischen Jrrebenta. Das politische Krastselb bes Aegäischen Meeres zeigt also auch hier sich schneibenbe Linien. Unb bies ist vielleicht ber beste Schutz gegen ein Großfeuer, das sich bei einer Explosion, wie dem eben niedergeschlagenen venise- listischen Putsch in Griechenland, stets leicht ent­zünden kann.