Einzelbild herunterladen

Nr. 40 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 16. Februar 1935

Wehr und Waffen.

Fallschirme als Kampfmittel.

-bon E K Beltzig.

Der schnellen Steigerung der Geschwindigkeiten folgt nun die Sorge um dieSicherheit des Flie­gens". Die Ingenieure des Flugwesens wenden ihre ganze Aufmerksamkeit immer mehr den Vor­richtungen zu, die eine größtmögliche Sicherheit verbürgen. Hier steht an erster Stelle noch immer der Fallschirm, derRettungsring der L u f t". Die Amerikaner machten als erste den Versuch nicht nur einen Menschen, sondern gleich ein ganzes Flugzeug vom Fallschirm tragen zu lassen. Die beiden amerikanischen Kriegs­flieger Major Hoffmann und Kapitän Streett er­probten denFlugzeugfallschirm" schon vor Jahres­frist. In einer Höhe von 1500 Meter drosselten die beiden Flieger den Flugmotor auf die geringste Geschwindigkeit und öffneten den Riesenfallschirm, der das ganze Flugzeug tragen sollte. Erst nach einem Sturz von über 800 Meter füllte sich der Fallschirm so weit, daß er die Fallgeschwindigkeit des Flugzeugs bis auf vier Meter in der Sekunde abbremste. Die Maschine landete glatt.

Dieser Versuch lehrte, daß ein Flugzeug von mehr als 1000 Kilogramm Gewicht einen so großen Fall­schirm benötigt, dessen Verstauung in der Maschine unmöglich ist. Daher versuchten die amerikanischen Flieger eine andere Lösung zu erzielen. Sie bauten in ein großes Flugzeug eine Kabine ein, die durch einen Hebeldruck während des Fluges oder Sturzes der Maschine vom Flugzeug zu lösen war. Diese Kabine wurde mit einem ein­gebauten, großen Fallschirm versehen. Die Probe befriedigte vollkommen. Eineinhalb Sekun­den nachdem der Pilot den Lösehebel zog, war die Kabine vom Flugzeug getrennt und wieder fünf Sekunden später öffnete sich der Kabinenfallschirm.

Infolge der günstigen Erfahrungen mit den Fall­schirmen machen die amerikanischen und französi­schen Militärflieger in jedem Luftmanöver die ver­schiedensten Versuche, um Sprengtrupps im Rücken der feindlichen Armee auszu­setzen. Gegen Ende des großen Krieges wurden solche Landungen bereits praktisch durchgeführt. Am 20. Oktober 1918 landete der französische Major Evrard mit einem Begleiter und vielen Spreng­stoff, Proviant und Nachrichtengerät mittels Fall­schirmen in den Ardennen im Rücken der deutschen Front. Kleinere Zerstörungen, die dem französischen Major gelangen, brachten dem Etappenkommando von Fumay starke Beunruhigung.

Interessant sind die Pläne des damaligen Ober­befehlshabers der amerikanischen Luftstreitkräfte in Frankreich, General William Mitchells. Er bat einen Monat vor dem Waffenstillstand den Höchst­kommandierenden der amerikanischen Truppen in Europa, den General Pershing, um Ueber- lassung der ersten Division. Das Kommando sollte ihm im Februar 1919 anoertraut werden. Bis da­hin wollte General Mitchell jeden Mann der Division mit einem Fallschirm aus­rüsten. Im Februar sollte dann die ganze Division mit Flugzeugen über die erste Etappe der deutschen Truppen im Abschnitt Menin-Rose- lare gebracht werden und hier mit Fallschir­men landen. Durch besondere Lastensallschirme sollten dann große Mengen Maschinenge­wehre, Munition und Proviant an die gelandete Division abgeworfen werden. Für diesen Zweck wären zu dem genannten Zeitpunkt 200 Flugzeuge in dem Abschnitt startbereit gewesen. Mit Unterstützung eines gleichzeitigen amerikanischen Angriffs mit Bombengeschwadern, Geschützen und Maschinengewehren wollte General Mitchell diesen

Sturm auf Loretto.

Von Joachim von der Goch

Zwanzig Jahre sind es her, seit deutsche Soldaten im Februar 1915 die Loretto- höhe nahmen, deren Name für immer im deutschen Volk unvergessen bleibt. Vom Grauen der Kämpfe dort, von der Selig­keit und der Schwermut des Sieges kündet kein Buch so wieDer Baum von (Her y". Ihm entnehmen wir mit Erlaub­nis des Verlages Albert Langen/ Georg Müller den folgenden Abschnitt:

Die Vorbereitungen für den Sturmangriff auf Notre Dame de Lorette begannen. Auf dem wie ein Sieb zerlöcherten Hügel wurde jetzt Tag und Nacht fieberhaft gearbeitet, Pioniere kamen und halfen unseren Graben zur Sturmstellung aus­bauen, es kam Holz in Fülle, die Grabensohle wurde mit Laufrosten belegt, Schützenkasten wur­den eingebaut, Ausfallstufen angelegt. Das Haupt­werk vollzog sich unter der Erde. Eine auserlesene Truppe in Sprengung erfahrener Pioniere war in ununterbrochenen Schichten an der Arbeit, von den Sappenköpfen aus Minenstollen vorwartszu- treiben bis unter den feindlichen Graben. An vielen Stellen, den ganzen Höhenrücken entlang war die emsige Maulwurfsarbeit im Gange. Es galt den Feind die Westhänge hinunterzuwerfen und Die ganze Höhe in unseren Besitz zu bringen. Bas Aufregende war, daß der Feind dieselbe Absicht hatte und ebenfalls Stollen gegen uns vortrieb.

Ich spürte, wie die Vorbereitung dieses Unter­nehmens meine Leute von Tag zu Tag mehr er­griff und die fast erstorbene Energie in ihnen weckte. Es traf Ersatz ein, die Reihen wurden aufgefüllt. Während der Ruhetage wurde der Sl'irm geübt. Auch im Schlammtal sah ich hellere Gesichter und bekam frische Antworten. Mit grim­miger Genugtuung erfüllte uns die Ankunft eini­ger schwerer Minenwerfer, die gute Arbeit leiste­ten, und die Regsamkeit unserer Artillerie, deren wohlgezieltes Feuer manchmal vor unseren Augen aus dem feindlichen Graben Material, Gerätschaf­ten und menschliche Leiber in die Lüfte schleuderte.

Die Spannung wuchs. Noch war der Tag des Sturmangriffs nicht bekanntgegeben, aber jeder wußte, daß er nahe bevorstand. Schon waren einige der Stollen unter dem feindlichen Graben angekommen. Ich ging mehrmals täglich in die langen unterirdischen Gänge, die von elektrischen Birnen schwach erleuchtet waren, und sah das Fort- Ich'-eiten der Arbeit, wie Rahmen sich an Rahmen "fügte An gewissen Punkten, wenn alles st'll w^r, konnte man, das Ohr an die Erdwand gedrückt, ein

Teil der deutschen Front plötzlich von vorn und rückwärts angreifen.

Der General fordert die Ingenieure des amerika­nischen Flugwesens auf, sich der Verbesserung der Fallschirme energisch zu widmen, und diese soweit zu vollenden, daß mit ihnen stark besetzte Kabinen sicher gelandet werden können. Die Landstreitkräfte müßten in der Lage sein, eine durch Luftangriffe niedergekämpfte Stadt auch zu besetzen. Erst durch die Benutzung der Kabinen-

An Bord des KreuzersEmden" Februar 1935.

Die Geschichte lehrt, daß der Verband auf die Dauer stets die größten kriegerischen Erfolge ge­habt hat, dessen Unterführer geschult waren, in jeder Lage selbständig im Sinne des gemeinsamen Befehlshabers zu handeln. In ganz besonderem Maße ist diese Erkenntnis zu beachten bei der Ausbildung des Offiziers- und Beamtennachwuchses der Reichsmarine, deren Aufgaben eine weitgehende Spezialisierung erfordern. Es ist weiterhin unerläßlich, daß sich die Soldaten so früh wie möglich in engem kamerad­schaftlichen und dienstlichen Zusammenleben ken­ne n I e r n e n , die sich später als Führer in den verschiedensten voneinander getrennten Tätig­keitsgebieten zum Nutzen eines gemeinsamen großen Zieles unbedingt verstehen müssen. Hierzu bietet die Kreuzerreise vor allem die beste Gelegenheit und unter diesem Gesichtspunkt sind die Kadetten zu gleicher soldatischer und charakter­licher Erziehung in einer Kadettendioision zusammengefaßt und sie werden nur da vonein­ander getrennt, wo die Spezialisierung in ihrer Ausbildung dienstlich nicht zu umgehen ist.

Die fortgeschrittene Wissenschaft und Technik macht es unseren Kadetten nicht leicht, in dreieinhalb- jähriger Ausbildungszeit das zu erlernen, was der junge Offizier und Beamte als tägliches Brot in feinem Berufszweig wissen muß. Aber nur dann kann die Theorie Früchte bringen, wenn der Boden dafür durch praktisches Können vorbereitet ist. So steht an erster Stelle, und was erzieherisch besonders zu beachten ist, die eng st e Zusammenarbeit mit dem Matrosen und dem Heizer. Nur wer selbst den anstrengenden Seemanns- und Maschinendienst am eigenen Leibe erfahren hat, wer Freud und Leid mit unseren Besatzungen zu­sammen in ihrem dienstlichen Alltag erlebt hat, kann später als Vorgesetzter Befehle erteilen und für das Wohl seiner Untergebenen die notwendigen Wege finden. Daß der Kadett während der acht­monatigen Reise diesen Mannschaftsdienst nicht nur kennenlernt und mitmacht, sondern sich Mehlung der Mannschaft und 'seine anschließende Beförderung zum Fähnrich zu verdienen hat durch beson­dere Leistungen, durch Vorbild in Selbstzucht, energischem Zupacken bei jeder Arbeit, unermüd­lichem Fleiß und strammer Haltung, auch wenn die Tropensonne noch so brennt, ist selbstverständlich. Schon hier beginnt für ihn d i e Pflicht des Vorlebens, wenn er auch erst der jüngste Sol­dat an Bord ist.

Jeder Mann hat für die verschiedensten Stationen oder Rollen, wie wir hier an Brd sagen, wie zum Gefecht, zur Feuerbekämpfung, zum Schotten­schließen und dergleichen mehr, seinen dauernden festen Platz. In diesen Schiffsdienst jst der Kadett

fallschirme würde eine militärische Operation dieser Art möglich. Auch müßte die Versorgung der Besatzungstruppen mit Munition und Le­bensrnitteln durch Fallschirme geschehen. In seinen interessanten Ausführungen hat General Mitchell auch gleich die Kosten solcher Fallschirme mit an­gegeben. Ein Fallschirm, der eine ganze Kabine mit sechs Mann und deren Kriegsgerät trägt, kostet ungefähr 2000 Dollar.

zunächst einmal fest eingespannt. Die Seekadetten, Waffen- und Zahlmeisterkadetten bedienen i m Gefecht mit den Matrosen zusammen die Geschütze und Befehlsübermittlungsapparate, die Jngenieur- kadetten sind mit den Heizern zusammen auf Sta­tionen an den Kesseln und Maschinen verteilt. Und da die Gefechtsrolle die Grundlage für alle Rollen an Bord ist, ergibt sich aus diesen Gefechtsstationen auch die Verteilung der Kadetten auf die übrigen Rollen. Während die Ausbildungszeit der ganzen Reife notwendig -ist, die Gefechtsstationen in allen Einzelheiten zu beherrschen, muß der andere Rollen­dienst schon zu der Seeklarbesichtigung funktionieren, tags und nachts, im Hellen und Dunkeln, denn die Sicherheit von Schiff und Besatzung hängt zum großen Teil davon ab. So beginnt der Kadett sein Kreuzerdasein mit Rollenexerzieren.

Ein weiterer mit der übrigen Besatzung gemein­samer Dienst ist das Reinschiff. Das enge Zu­sammenleben an Bord erfordert besondere Sauber­keit und nur, wenn alles blinkt, kann man sich als Kriegsschiff in einem fremden Hafen blicken lassen. So lassen wir denn unsere Kadetten jeden Morgen nach dem Frühstück bewaffnet mit Besen und Feu­del über und unter Deck spritzen und fegen, in den Tropen barfuß und nur bekleidet mit einer Sport­hose, oder sie wüten am Tage vor dem Einlaufen in einem Hafen mit Pinsel und Farbtopf, damit keine durch Seewasser verrosteten Stellen am Schiffskörper den guten Gesamteindruck beeinträch­tigen.

Weiterhin besetzten die Kadetten mit den Matro­sen und Heizern zusammen tags und nachts alle Posten, die zur Führung des Schiffes in See, zum Wachdienst im Hafen und zur Bedienung Der Ma­schinen und Kessel notwendig sind. Das sieht leicht aus, ist aber bestimmt keine Kleinigkeit und man, cher Kadett löst im Anfang eine schwierige wissen­schaftliche Aufgabe leichter, als diese praktischen Handgriffe. Es fällt eben fein Meister vom Himmel, am wenigsten bei der Seefahrt, und nur, wer mit einer jungen Kriegsschiffbesatzung zusammen gelernt hat, wird beurteilen können, wo seine Untergebe­nen später der Schuh drückt.

Nun ein Ueberblick über die berufliche Spe­zialausbildung der Kadetten. Zeitlich stehen dafür am Vormittag zwei, am Nachmittag drei bis vier Stunden zur Verfügung. Das ist, dem allgemei­nen Schiffsdienst hinzugerechnet, soviel, daß der Kadett eigentlich von morgens bis abends dauernd mit irgend etwas beschäftigt ist. Eine Bäderreise haben wir ja auch nicht unternehmen wollen. Der zu bewältigende Lehrstoff ist in einer Vorschrift der Bildungsinspektion festgelegt und wiederum steht die praktische Ausbildung vor der theo­retischen.

Sehen wir uns einige Gebiete kurz an.

Navigation: Einführung in die terrestische

Schiffsortbestimmung. Kenntnis der Seekarten, des Kompaßwesens und der nautischen Instrumente, Einführung in die Wetterkunde.

Seemannschaft: Alle seemänischen Manö­ver, die mit einem Schiff gemacht werden können, werden durchgeübt, und jeder Kadett muß die Handhabung der hierzu notwendigen Anker-, Spills, Leinen und Ketten beherrschen. Kenntnis der See­straßenordnung und vor allem Rudern in allen Booten und deren Handhabung. Ausbildung als Bootssteuerer in Ruder- und Krästbooten.

Schiffskunde: Kenntnis des Schiffes bis in feine einzelnen Teile, ein Gebiet, von dessen Um­fang sich der Laie keine Vorstellung machen kann.

Dienstkenntnis: Beherrschung aller The­men, die sich mit Organisation und internen Einrich­tungen der Marine und des Schiffes befassen.

Elektrotechnik und Maschinenkunde:' Hauptsächlich für Ingenieur- und Waffenkadetten theoretischer Unterricht zum Verständnis der Vor­gänge bei den. verschiedensten elektrischen und Ma­schinenanlagen.

S i g n a l d i e n st: Erlernen des Winkens und Morsens und aller sonstigen Signal-Einrichtungen an Bord.

Für die Zahlmeisterkadetten außerdem Einfüh­rung in die verschiedenen Zweige der Schiffs- Verwaltung-, Geldwesen und Beschaffung im In- und Ausland. Es könnte noch so manche Zeile mit der Auszählung des zu bewältigenden Lehrstoffes ausgefüllt werden. Und rechnet man dann noch Witterungseinflüsse wie Seegang oder Hitze dazu, dann kann dem Kadetten getrost zugestanden wer­den, daß er abends beiKlar bei Hängematten" rechtschaffen müde unter oder in den Tropen an Deck in seine Hängematte steigt wenn er nicht gerade Wache hat.

Soweit der Ausbildungsdienst an Bord, der, viel­seitig und scharf, andererseits Pflege der Kame­radschaft und Frohsinn nicht zu kurz kommen läßt. Er wird im fremden Hafen abgelöst durch beleh­rende Ausflüge ins Land und Besuche bei unseren Ausländsdeutschen. Und wer die Freude der zuletzt besuchten Pflanzer im Innern von Portugiesisch Westafrika miterlebt hat, nach langer Abwesenheit von der Heimat, wieder deutsche Soldaten zu sehen, wird den hervor­ragenden Wert gerade dieser Seite der Ausbildungs­reise besonders anerkennen müssen.

Ich möchte mit einem Hinweis darauf schließen, was uns Ausbildungsoffizieren diese Reise bedeutet: Die Erziehung unseres Nachwuchses, der die Männer stellen wird, die die Marine später leiten und führen sollen, denen wir einst das, was wir selbst mit Liebe und Begeisterung gehütet, ge­pflegt und vorwärts gebracht haben, zu treuen Hän­den übergeben müssen!

Infanterie von morgen."

Infanterie von morgen", unter diesem Titel ist jetzt eine ausgezeichnete deutsche Übersetzung von Liddel HartsThe Future of Infantry" erschienen. Captain Liddel Hart ist zusammen mit seinem Landsmann, dem englischen Generalmajor Fuller, der kompromißlose Vorkämpfer für die voll­st ä n d i g e Motorisierung und Mecha­nisierung des neuzeitlichen Heeres. Im engen Rahmen kann nur Wichtigstes gesagt werden; auch ist zu beachten, daß Hart bei seinen Ausführungen die Heeresorganisation seines Landes in Betracht zieht. Liddel Hart kommt, auf den Erfahrungen des Weltkrieges fußend, zu der Ueberzeugung, daß eine Schlachtentscheidung weder durch marschierende Infanterie noch durch auf Pferde gesetzte Schützen zu erreichen sein wird. In einer motorisierten Welt hätten Menschen-

Seeoffiziere Von morgen.

Oie Neichsmanne schult ihren Nachwuchs auf Kreuzerfahrt um die Wett.

Von Kapiianleuinant Trampedach.

Pochen und Klopfen hören, es kam aus dem geg­nerischen Stollen, der sich an uns vorbeiarbeitete. Unheimliches Wettarbeiten unter der Erde. Es ging um Tage! Ich konnte die kaltblütige Ruhe und un­verwüstliche Laune unserer Pioniere nicht genug bewundern. Es waren Männer im Alter von drei­ßig bis vierzig Jahren, Westfalen, Märker, Ost- und Westpreußen, Leute von treuster Kameradschaft und einen wahrhaft göttlichen Humor. Ich sehe sie noch im Dämmer des Stollens hocken, August von Finowkahn, Theodor, den feuchtwitzigen Westpreu­ßen, Hofmann aus Berlin-Wedding mit dem blon­den Spitzbärtchen und dem Fabelgesicht, den Stum­men mit der Hakennase und dem besinnlichen Lächeln, den freiheitsliebenden Bergmann aus der Essener Gegend, der voll Stolz von seinem Leben als Steiger erzählte.

Fast unerträglich wurde die Spannung in den letzten Tagen vor dem Sturm. Ich bemerkte bei meinen vor kurzem noch so apathischen Leuten Aeußerungen einer düsteren, fast dämonischen Wild­heit. es war wie der Schrei nach Rache für eine unsägliche Leidenszeit. Die Zerstörung eines Un- terftand"s im Schlammtal durch einen Volltreffer, wobei fünf unserer Kameraden bis zur Unkennt­lichkeit zerrissen wurden, so daß die verspritzen Ge­hirne an den Wänden flehten, schürte die verhaltene Wut. Die Natur selbst schien unsere aufgeregte Stimmung zu teilen und steigerte sie noch, wech­selnd zwischen Sturm und Schneetreiben und wei­chen lauen Winden, mitunter Schauspiele bietend von erhabener Großartigkeit. Ich entsinne mich des ergreifenden Eindrucks, den ein doppelter Regen­bogen von wunderbarer flüssiger zitternder Hellig­keit. auf dem bois de Bouvignv aufstehend und sich über die Lorettohöhe in eine schwarze Wetterwand hineinwölbend, eines Abends auf uns machte. Als mir am letzten Februar, in einer Vollmondnacht, drei Taae vor dem angefetzten Sturm, nach hinten zogen, überfiel uns ein Schneesturm, den ein tosen­des Gewitter begleitete, und peitschte uns die Schloßen in den Rücken.

Wieder umgibt mich jene Stunde, als ich um 2 Uhr morgens auf der Dorfstraße in Angres die Kornnanie um mich versammelte. Während her kur­zen Ansprache, die ich hielt, kam mir zum Bewußt­sein, wie sehr ich eins geworden war mit meinen Leuten, und alle Zweifel an der Richtigkeit meines Handelns, die mich oft gequält hatten, fielen ab von mir. Stumm rückten mir vor. Mit größter Laut­losigkeit nahmen wir Aufstellung im Graben.

Keiner von uns wird je die zwei Stunden des Wartens vergessen unter den erbleichenden Ster­nen, mährend langsam das fable Licht eines trü- h>>n Tna<-5 h^aufhämmorte. 1Tnb wir wußten, fo standen acht Kompanien im Graben, Mann bei

Mann, den ganzen Höhenrücken hinauf, alle wie wir fröstelnd, beklommen, die Minuten zählend. Um sieben sollten die Minen in die Luft gehen. Mit wildklopfendem Herzen stand man, die Uhr in der Hand. Der Zeiger rückte auf sieben Uhr. Immer noch blieb alles still. Eine Sekunde, zwei Sekunden. Eine grüne Rakete zischte empor. Dann erbebte die Erde, der Berg schien zu wanken. Alles drängte nach den Sturmleitern.

Oft hatten wir Offiziere uns bang gefragt, wür­den die so furchtbar mitgenommenen Leute noch fähig sein, einen Sturm auszuführen? Und nun ge­schah, was die kühnste Hoffnung nicht auszudenken gewagt hatte. Ich habe nie Aehnliches erlebt. Es war, als wenn jedes erstorbene Röcheln und jeder vergessene Blutstropfen sich mit emporgeschwungen hätte auf die Brustwehr in der rasenden Begierde, dieses zwanzig Schritt breite Stück Erde, den In­begriff aller ausgestandenen Qualen, endlich unter die Füße zu treten und zu überspringen. Ich war der erste auf meiner Sturmleiter, und doch, als ich oben stand und lassprang, war es, als würde ich von der Welle mitgerissen. Ich kam vorbei an zwei bis an die Hüfte in der Erde steckenden, schreienden und mit den Armen um sich schlagenden Franzosen. Ich sah einen breitschultrigen Alpenjäger dicht vor mir zum Wurf ausholen, ich entriß einem neben mir Hingestürzten das Bajonett und rannte es jenem in den Leib ... Der gesprengte Graben wurde überrannt, mit brausendem Hurra ging es weiter nach dem zweiten Graben. Was dort Wi­derstand leistete, wurde mit Handgranaten und dem Bajonett niedergemacht. Und weiter gings, vom Rausch des Stürmens fortgerissen, den Hang hinab und über einen dritten, unbesetzten Graben, bis wir am Fuß der Anhöhe standen. Vor uns dunstige Wiesen. Kein Schuß fiel. Kein Feind zu sehen. Wir sahen uns um. Ueberall kamen die Unsrigen den Hügel herab. Sieg! Sieg! Wir fielen uns um den Hals, lachten und meinten und küßten einander.

Beinah unfaßbar erschien uns das Erlebte. Drei Gräben erobert, weit über das befohlene Ziel hin­aus! Der ßorettoberg war unser! Unbegreiflich, daß wir ohne die geringste Störung uns hier in lich­ten Reihen aufstellen und uns eingraben konnten und in aller Ruhe nach rechts und links Verbin­dung aufnehmen konnten. Wie wurden die Mel­dungen begrüßt, die nach und nach einliefen, von der Zahl der Gefangenen und der Waffenbeute und den geringen Verlusten bei uns. Wie freudig und beglückt war der Batäillonsführer, der durch die Stellungen ging und uns dankte und uns die Hände schüttelte. Und meine Leute! Es war, als wäre ich von neuen Gesichtern umgeben. Wie heiß waren sie bei der Arbeit, wie klug und hell zeigten sie sich im Beobachten der leisesten Bewegungen.

Der Feind schien völlig überrumpelt. Nervös und unsicher war das wenige Feuer seiner Artillerie.

Schon hatten wir hüsthohe Gräben, als gegen Abend aus einem der Waldstücke vor Schloß Nou- lette ein kraftloser, verwirrter Gegenangriff vor­brach. Schwarze! Turkos! der Ruf ging von Mann zu Mann. Der Ekel, der sich in jenen Herbst- und Wintermonaten in der Brust des deutschen Sol­daten angesammelt hatte, über die einem weißen Volk von einem anderen weißen Volk angetane Schmach und über den gottlosen Verrat am gemein­samen Blut wie äußerte er sich plötzlich mit ele­mentarer Gewalt in meiner kleinen Schar. Es be­durfte keines Kommandos. Schnellfeuer! lief es durch die Reihen. Dann sprangen sie vor. Das Seitengewehr verschmähend, mit dem Kolben der umgekehrten Gewehre schlugen sie die entsetzt Flüch­tenden nieder.

Die Nacht kam. An die Brustwehr gelehnt und, die Hand am Gewehr oder am Hahn der Leucht­pistole in das Dunkel starrend, mal einnickend, mal uns wachhaltend mit Graben oder mit Gesprächen, so warteten wir den Morgen heran.

Grauen beschleicht mich und unendliche Trauer erfüllt mein Herz, wenn ich der beiden Tage denke, die nun folgten. Der Sieg war uns zugefallen, aber was kostete es, das Gewonnene zu behaupten. Von diesen Tagen spricht keiner, mit Schweigen wie mit einer Schneedecke möchte man alles dort Geschehene einhüllen. Zwei Tage lagen wir fast ohne Schutz in einer Granathölle von nie geahnter Schrecklichkeit. Ihr Kameraden, mit denen ich dort lag, Leib an Leib, zitternd, todgeweiht, als Schild gebrauchend die Leichen unserer gefallenen Brüder, noch jetzt in meinen Träumen bedrängt mich eure von wahnsinniger Angst gehetzte Schar und sehe ich eure irren Blicke hilfesuchend auf mich gerichtet, Der nicht helfen konnte, und ich sehe uns in unserer Verlassenheit warten auf den Wiederbeginn des höllischen Feuers. Und immer wieder aufs neue erlebe ich die Stunde, als endlich in der bitten Nacht die Ablösung kam; wie Engel, vom Himmel herabgestiegen, erschienen uns die Grenadiere, die mit Holz beladen, in ihren schmucken Uniformen in die Stellung einzogen.

Rückmarsch der zusammengeschossenen Kom­panien, zum Teil ohne Offiziere, und dann gegen Mittag: unser Einmarsch in Lens bei klingendem Spiel, noch im Schlammkleid, stumm begafft von den Truppen und der herausgeströmten Bevölke­rung; die Brust zum Sprengen erfüllt mit der Seligkeit des heimgebrachten Lebens, mit unbän­digem Stolz und mit den Schauern einer fast un­tragbaren Schwermut.