interessen der weißen Völker in Einklang gebracht werden, als es die Genfer Methodik im Zeichen der „Menschenrechte" vermochte. Wie wir heute Zeugen eines geschichtlichen Prozesses, eines Ringens absterbender und nach schöpferischer Gestaltung drängender Auffassungen vom Leben der Völker sind, so glauben wir an die schließliche geistige und praktische Bewährung einer neuen Zeit.
SekKabmettswechsel inpolen
Der Rücktritt des polnischen Kabinetts ist an sich kein Ereignis, das durch bestimmte politische Ursachen veranlaßt wurde und an das deshalb politische Folgerungen geknüpft werden könnten. Es galt längst als ausgemacht, daß der bisherige Ministerpräsident S l a w e k dem Staatspräsidenten die Demission des Gesamtkabinetts überreichen werde, nachdem er seine grundlegenden Arbeiten für den neuen staatsrechtlichen Aufbau Polens durch die Reform des Wahlgesetzes und die Bildung des neuen Parlaments nach den Wahlen zum Sejm und zum Senat beendet haben würde. Beides ist geschehen, und das polnische Parlament, dgs den Nachweis erbringen soll, daß die neue polnische Verfassung mit ihrer Mischung autoritärer Führung und parlamentarischer Formen praktische und pro- dukttoe Arbeit leisten kann, wird unter der Direktive einer neuen Regierung in Bälde zusammentreten.
So sehr aber der Regierungswechsel im Zuge einer natürlichen Entwicklung liegt, so scheinen sich mit ihm doch Zwangsläufig gewisse polittsche Unterströmungen verbinden zu wollen, an denen weder die polnische Innenpolitik, noch die Außenpolitik arm ist. Nach der Beseitigung der alten Verfassung wurden die Regierungsgeschäfte unter dem gewaltigen Ansehen des Marschalls durch seine direkten Beauftragten, die sogenannte „O b e r st e n p a r t e i", geführt, der insbesondere der jetzt zurückgetretene Ministerpräsident S l a w e k und der Außenminister Beck angehörten. Ihr galt natürlich in erster Linie der Kampf der Opposition, die nach dem Tode des Marschalls die Regierung zu größerer Rücksicht nötigt. Dies scheint sich zunächst in der Zusammensetzung des neuen Kabinetts zu zeigen, obwohl sie sichtlich weniger von polittschen als wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus erfolgt ist. An der Spitze der neuen Regierung steht der bisherige Innenminister Koscialkowski, der sich zur Mitarbeit in den vorwiegend dringlichen wirtschaftlichen Fragen der Unterstützung des früheren Handelsministers Kwiatkowski versichert hat, der das Finanzministerium übernimmt. Beide gehören dem bisher ausschlaggebenden engeren Kreise Pilsudskis nicht an, und auch andere neue Namen zeigen, daß das politische Schwergewicht des neuen Kabinetts von der militärischen nach der zivilen, von den Trägern des Diktaturgedankens nach einer mehr „liberalen" Richtung verlegt worden ist.
Diese Verschiebung hat an sich durchaus nichts Ausfälliges. Sie erklärt sich zur Genüge durch den ernsten Willen der Regierung, in fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Parlament die Lebensfähigkeit der neuen staatlichen Ordnung zu erweisen, wobei die Ausschaltung des prinzipiellen Kampfes der Opposition gegen die Oberstenpartei nützlich sein mag, vielleicht auch durch das Bedürfnis des Präsidenten, die neuen regierenden Männer mehr an sich und sein Vertrauen, als an eine Tradition zu binden. So wie die Dinge in Polen liegen, wird es jedoch nicht an Versuchen fehlen, diesen innenpolitischen Motiven auch solche der Außenpolitik hinzuzufügen. Solche sind nach dem Willen der neuen führenden Männer sicherlich nicht gegeben. Dies zeigt schon die Tatsache, daß die Weiterführung der Außenpolitik durch Beck überhaupt keiner Diskussion unterzogen wird, sondern als selbstverständlich gilt. Dennoch läßt sich nicht übersehen, daß in letzter Zeit die Angriffe gegen dieses Vermächtnis des verstorbenen Marschalls sich offener und heftiger hervorgewagt haben, als dies früher möglich war. So hat neulich die Bauernpartei, die im Sejm eine starke Stellung hat, entgegen ihrer bisherigen Beschränkung auf die Wahrung ihrer beruflichen Interessen in einer Entschließung die auswärtige Politik scharf bekämpft, indem sie die Voran- stellung des Bündnisses mit Frankreich und Rumänien forderte und den jetzigen Kurs beschuldigte, daß er die Stellung Polens zu den baltischen Staaten verschlechtert habe und nur im Interesse des adligen Großgrundbesitzes geführt werde. Diese agitatorischen Weisheiten sind sicherlich nicht auf den Feldern der Bauernpartei gewachsen, sondern von außen in sie hineingetragen worden; gewisse Wendungen verraten die intime Zusammenarbeit der in Polen sehr regen sowjetrussischen und französischen Agitation, die nach dem Tode Pilsudskis eine ihrer größten europäischen Aufgaben darin sieht, die Stellung Becks sturmreif zu machen. Die Umbildung des Kabinetts wird solche Hoffnungen, so trügerisch sie sich auch bisher erwiesen haben, neu hervorlocken und Paris und Moskau zu neuen Anstrengungen anspornen, um die deutsch-polnische Verständigung zu erschüttern, die sich als Barriere zwischen den sowjetrussisch-französischen diplomatischen und militärischen Mobilisierungsplan gegen Deutschland geschoben hat.
Für das Gelingen solcher Pläne sind in der polnischen Außenpolittk keinerlei Anhaltspunkte gegeben. Sie gründet sich allgemein auf das polnische Bedürfnis, eine entsprechend seiner Größe und Bedeutung selbständige auswärtige Politik zu führen, deren einzelne Entscheidungen nicht durch Zugehörigkeit zu einem Bündnissystem oder einer Gruppe bestimmt werden, sondern einzig durch das in einer internationalen Frage liegende polnische Interesse. Daß dieses zu einer Verständigung mit Deutschland geführt hat, war ein Ergebnis einer solchen realpolitischen lieber» Prüfung der geographischen Lage, der aus ihr erwachsenden Möglichkeiten und des Gesamtzustandes der europäischen Politik. Da ein Teil dieser Voraussetzungen naturgegeben ist, ein anderer Teil sich in absehbarer Zeit nicht ändern wird, ist anzunehmen, daß auch die polnische Außenpolitik weder durch innenpolitische Verlagerungen, noch gar durch fremde Intrigen und Wünsche grundsätzljch beeinflußt werden wird. Sie hat es verstanden, Polen zu einem tragenden Pfeiler des europäischen Friedens zu machen und wird diesen Ruhm und Vorteil nicht so leicht wieder aus der Hand geben.
Die neuen Miner.
Die neuen Männer im polnischen Kabinett gehören zum engeren Kreise des Staatspräsidenten und genießen dessen besonderes Vertrauen. Der neue Ministerpräsident Marjan Zyndram- Koscialkowski ist 1892 im Kownoer Gebiet geboren, studierte in Petersburg und Riga, war seit 1920 Sejmabgeordneter, wurde 1930 Wojewode von
Bialystok und seit 1934 Innenminister. Der neue Finanz mini st er Eugen Kwiatkowski ist 1888 in Krakau geboren und studierte in Lemberg und München Ingenieurwissenschaft. 1920 wurde er Hochschuldozent in Warschau, 1923 Direktor der Stickstoffwerke in Chorzow, 1926 bis 1930 war er Handelsminister. Als solcher ließ er sich besonders den Ausbau von Gdingen angelegen sein. Durch gemeinsame wissenschaftliche Arbeiten und persönliche Freundschaft steht er, dem Staatspräsidenten nahe. Da der Kabinettswechsel unter dem Gesichtspunkt einer aktiven Bekämpfung der drückenden Wirtschaftskrise erfolgte, ist Kwiatkowski eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Kabinetts und wird, auch ohne daß er formell Vizeministerpräsident geworden ist, praktisch die Arbeiten aller wirtschaftlichen Ressorts entscheidend beeinflussen.
Das wird dadurch erleichtert, daß der Handels- m in ist er, General Roman Gorecki, in sehr engen persönlichen Beziehungen zu Kwiatkowski steht. Der neue Innenmini st er, der bisherige Krakauer Wojewode Raczkiewicz, ist 1885 geboren und studierte Iura in Petersburg und Dorpat. Er war vor dem Kriege Rechtsanwalt in Minsk. 1921 wurde er Innenminister) war dann mehrere Jahre Wojewode von Nowogrodek und wurde 1925 zum zweiten Male Innenminister, von 1926 ab war er Wojewode von Wilna, von 1930 ab Senatsmarschall.
Die neu ernannten Minister gehören fast durchweg zu den Männern, die sich als „Frontkämpfergeneration" bezeichnen, d. h. sie haben an der Freiheitsbewegung und an den Kämpfen Pilsudskis aktiv teilgenommen. K o s c i a l- kowski gehört dem Pilsudski-Kreise schon seit
1911 an. 1914 trat er in die Legion ein. Spätes gehörte er zu den Organisatoren der Pilsudjkischen geheimen Militärverbände. 1920 war er als Ab» teilunqschef an der Eroberung Wilnas beteiligt. Im Kabinett vertritt Koscialkowski den Links» flüqel. Er hat Beziehungen zu bäuerlichen Kreisen und ist Förderer des Ausgleichs mit den Ukrainern. R a c k ie w i c z und der Sozialminister Jaszczolt sind ebenfalls alte Pilsudfki-Kämpfer. Der Leiter des Kultusministeriums, Professor Chylinskl, hat sich nicht an der Pilsudski-Beweguna beteiligt. General Gorecki gehört der Pilsudski-Bewegung seit 1909 an. 1919 studierte er Armeeverwaltungs- fragen in Frankreich und war 1926 Abteilunyschef im polnischen Kriegsministerium. Seit 1928 ist er Präsident der Vereinigung der polnischen Frontkämpferverbände, deren Gründer er ist.
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Es wird also ein heftiger Wirtschaftskampf entbrennen, dessen Ziel eine größere Unabhängigkeit Italiens von den Weltrohstoffmärkten sein wird. Der Ausgang dieses wirtschaftlichen und finanziellen Ringens läßt sich natürlich nicht mit Bestimmtheit voraussagen. Aber es ist klar, daß ein solcher Wirt
gewinnen werde, die [o warm und Jo fest aus dem Auslande eingeführte Wolle sein werde.
„Daily Telegraph" gibt zu, daß der finanzielle Boykott Italiens keine unmittelbare Wirkung haben dürfte, verweist aber auf den Zeitpunkt, wo die Ausgaben für einen kostspieligen Krieg Italien anleihebedürftig machen könnten. Das Blatt tritt der französischen Auffassung entgegen, daß die wirtschaftlichen Maßnahmen zunächst auf eine Einfuhrsperre wichtiger Rohstoffe nach Italien beschränkt werden sollten. Italien habe sich rechtzeitig und reichlich mit Rohstoffen versehen. Von wirksamen Maßnahmen könne also nur gesprochen werden, wenn dem englischen Vorschlag folgend, der stärkste wirtschaftliche Druck zur Anwendung komme.
„Times" erklärt dagegen, es sei ganz vernünftig, zunächst einmal mit einer Rohstoffsperre zu beginnen. Die Maßnahmen des Völkerbundes seien nicht als Strafe gedacht, sondern zielten auf die Möglichkeit der baldigen Herstellung eines gerechten Friedens ab. Die Maßnahmen richteten sich nicht gegen Italien, sondern gegen den Krieg. — Der liberale „News Chronicle" findet die beschlossenen Maßnahmen noch zu milde und ruft nach Handelsblockade gegen Italien. — „Financial Times" meint, Italiens finanzielle Reserven reichten vermutlich für ein Jahr. Italiens schwache Stelle sei der Umstand, daß für kein Völkerbundsmitglied Italiens Waren unentbehrlich feien. Eine völlige Ausfuhrsperre aus Italien würde Italien einer solchen finanziellen Belastung aussetzen, daß es die weitere Aussichtslosigkeit eines Widerstandes gegen den Völkerbund erkennen müßte.
Rom, 14. Okt (DNB.) Die heilige Kaiserstadt Aksum soll am Montag bereits von italienischen Truppen besetzt worden sein, ohne daß weitere Kämpfe stattgefunden hätten. Aksum mit seinen wichtigen Wallfahrtskirchen, ebenso die Verwaltungsgebäude und die auch in der weiteren Umgebung befindlichen Klöster sollen keinen Schaden genommen haben. Die heilige Stadt soll sich freiwillig ergeben haben. Die Notablen und die koptische Geistlichkeit sollen sich in feierlichem Zuge zum italienischen Kommando begeben und ihre Unterwerfung unter Italien- erklärt haben. Desgleichen sollen aus der weiteren Umgebung von Aksum zahlreiche Ortsälteste, Häuptlinge und Sendboten von Klöstern beim italienischen Kommando ebenfalls ihre Unterwerfung erklärt haben. Däs italienische Oberkommando prüft die Möglichkeit, die Truppen des Gouverneurs von Dfttigre und der mit ihm übergetretenen Häuptlinge, insgesamt 12 000 Mann, a l s Eingeborenenkorps unter italienischem Kommando gegen Abessinien einzusetzen. Bei den Kämpfen in der Umgebung von Adua seien 3500 Abessinier gefangen genommen worden, die in einem besonderen Lager untergebracht sind, und jetzt bei den Straßenbauarbeiten mithelfen. Das jetzt eroberte Gebiet von der Provinz Tigre umfaßt rund 4000 Quadratkilometer.
Addis Abeba eine offene Stadt.
London, 14. Oft. (DNB.) England hat die italienische Regierung auf diplomatischem Wege darauf aufmerksam gemacht, daß Addis Abeba und Diredawa offene, d. h. unbefe« ft i gte Städte seien, in denen sich große aus» ländische Niederlassungen befänden. Der Schritt dürfte mit den Bemühungen des Diplomatischen Korps in Addis Abeba Zusammenhängen, die beiden Städte gegen etwaige italienische Luftangriffe zu schützen. Der italienische Unterstaatssekretär S u v i ch hat der englischen Regierung mitteilen lassen, daß er die Vorstellungen^ zur Kenntnis nehme und die M i l i - tärbehörden hiervon benachrichtigen werde. Aehnliche Vorstellungen sind von den meisten übrigen, in Addis Abeba vertretenen Mächten erhoben worden.
Oie Genfer Gankitonskonferenz beschließt Kredit und Wirtschafissperre gegenItalien.
Oie Entführung des Generals Kutjepow. Wiederaufnahme der Untersuchung beantragt.
P a r i s, 15. Okt. (DNB. Funkspruch). Der Rechts- beistand der Frau des im Januar 1930 entführten weißrussischen Generals Kutjepow hat beim Untersuchungsrichter die nochmalige Vernehmung des Pariser Kraftdroschkenführers Le Gall beantragt, der sich im April 1935 selbst als Teilnehmer an der Entführung des Generals bezichtigt hatte. Le Gall war es gelungen, aus der Verbrecherkolonie Cayenne zu entfliehen. Als er später in Lissabon verhaftet wurde, teilte er mit, daß er als Mitglied der französischen fommunifti- schen Partei von der GPU. den Befehl erhalten habe, den weißrussischen Gene- ral zu entführen. Er habe Ende Januar 1930 mit seinem Kraftwagen in -irrem VöKo-rt
schaftskarnpf für die gesamte Weltwirtschaft größter Bedeutung sein wird.
Die finanziellen Sühnemaßnahmen.
Paris, 15. Okt. (DNB. Funkspruch.) Die Blätter sind angesichts des gestrigen Verlaufes der Genfer Beratung der Ansicht, daß sich das Lager derjenigen Mächte noch erweitern wird, die wie Oesterreich, Ungarn, Argentinien, Venezuela und Uruguay nur unter größten Vorbehalten den finanziellen Sühnemaßnahmen zugestimmt haben. Der offiziöse „Petit Parisien" wundert sich über die außergewöhnliche Beschleunigung, mit der man in Genf die Sühnemaßnahmen gegen Italien verabschiede. Diese Maßnahmen, die alle unter dem unmittelbaren Einfluß Edens angenommen worden seien, deuteten auf eine ausgesprochene Voreingenommenheit gegenüber Italien hin. Noch niemals habe der Völkerbund solche H a st an den Tag gelegt, und man müsse sich fragen, ob diese Uebereile mit der Pflicht reiflicher Ueberlegung und dem Ernst vereinbar sei, die sich eine solche Organisation auferlegen müßte. Man schreibe Eden die Absicht zu, ebenso rasch mit den Sühnemaßnahmen Nr. 3 zu handeln. Es schiene aber angebrachter, die wirtschaftlichen Maßnahmen etwas langsamer zu behandeln, um die Spannung zwischen Rom und dem Völkerbund nicht noch zu verschärfen und die Tür für einen neyen Versöhnungsversuch offen zu lassen.
Das Echo in London.
London, 15. Okt. (DNB Funkspruch.) Die Londoner Blätter äußern, soweit sie die Regierungspolitik im italienisch-abessinischen Streitfall unterstützen, ihre Zufriedenheit über die in Genf beschlossenen Maßnahmen wirtschaftlicher und finanzieller Art.
Der Sanktionsausschuß des Völkerbundes hat bereits eine Reihe wirtschaftlicher Sanktionen gegen das zum Angreifer erklärte Italien beschlossen. Diese Sanktionen sollen Italien an zwei besonders empfindlichen Stellen treffen, nämlich an feiner Nohstoffknappheit und an feiner finanziellen Schwäche. Sie beschränken sich daher nicht auf die Sperre der Einfuhr von Kriegsmaterialien und Rohstoffen, sondern sollen sich auch gegen b i e Ausfuhr italienischer W a - r e n richten. Denn wenn es Italien gelingen würde, {eine Ausfuhr zu steigern, so würde es die Erlöse dieser Ausfuhr zum Bezug vonKriegs- material und Rohstoffen benützen können.
Der Sanktionsausschuß, hinter dem ja vor allem England steht, weiß natürlich ganz genau, daß die Sperre der Kriegslieferungen nach Italien niemals lückenlos fein wird. Das haben ja bereits die Erklärungen, die Ungarn und Oesterreich zu der Frage der wirtschaftlichen Sanktionen in Genf abgegeben haben, deutlich bewiesen. Im Norden Italiens klafft also von vornherein eine breite Lücke in dem Sanktionsnetz. Dazu kommt, daß auch die übrigen Nachbarn Italiens, also besonders die Schweiz und Frankreich, nicht geneigt sein werden, die Sperre gegenüber Italien allzu streng zu handhaben. So- lanae Italien Geld und Devisen genug haben wird, dürfte es trotz aller Sperrmaßnahmen soviel Rohstoffe und Kriegsmaterial erhalten, wie es braucht und bezahlen kann.
Die Engländer rechnen aber vor allem damit, daß Italien die Mittel zur Bezahlung der Bezüge ausgehen werden. Sie richten daher ihre Bemühungen auch auf eine Behinderung der italienischen Ausfuhr und was noch bedeutungsvoller ist, auf eine Absperrung Italiens von jeder Kreditgewährung. Hier kommen ihnen allerdings die hohe Auslands- oerscyuldung Italiens und die verhältnis- mäßig geringen Gold- und Devisende ft ä n d e der Banca d'Jtalia sehr zu Hilfe. Die italienische Presse beantwortet aber die Genfer Sanktionsbeschlüsse mit dem Hinweis auf die verstärkten Bemühungen Italiens, feinen Rohstoffbedarf durch die inländische Erzeugung zu decken. So teilte z. B. das „Giornale d'Jtalia" kürzlich mit, daß man in Italien Wolle aus Milch
Die britischen Rüstungen in Aegypten.
Kairo, 14. Okt. (DNB.) Die kriegerischen Vorbereitungen in Aegypten nehmen ihren Fortgang. Besprechungen zwischen der ägyptischen Regierung und dem britischen Oberkommissar werden als genügender Beweis dafür angesehen, daß ernsthafte Plane in Vorbereitung sind. Die englischen Wünsche sollen sich auf alle im Kriegsfall wichtigen Einrichtungen Aegyptens, also Heer, Eisenbahnen, Häfen usw., erstrecken. Ein Besuch im Fliegerlager von Abukir bei Alexandrien zeigt etwa 60 Kriegsmaschinen verschiedener Art. In der Bucht von Abukir liegen 10 große Wasserflugzeuge. Die Bevölkerung befindet sich in starker Erregung. Vielfach werden Angstkäufe getätigt, da man weiß, daß im Kriegsfälle manche Waren, wie beispielsweise Pettoleum, außerordentlich knapp werden. So tätigt auch die Eisenbahn Vorausbestel- langen an Kohlen.
Genf, 14. Okt. (DNB.) Die Sanktionskonferenz hat am Montag den Vorschlag Nr. 2, der sich auf finanzielle S ü h n e m a ß n a h m e n bezieht, angenommen. In diesem Vorschlag wird empfohlen, finanzielle Operationen mit Italien zu verhindern. Die in sechs Punkte gegliederte Empfehlung umschließt u. a. die Unterbindung aller direkten und indirekten Darlehen und Kredite an die italienische Regierung, an öffentliche Körperschaften und natürliche und juristische Personen. Ferner soll die Zeichnung auf Anleihen zugunsten Italiens unterbunden werden. Darüber hinaus ist die weitere Erfüllung bereits abgeschlossener Darlehensverträge zugunsten Italiens zu unterbrechen. Außerdem fallen unter die zu verhindernden Finanzoperationen alle Aktienemissionen italienischer Körperschaften.
Der ungarische Vertreter gab die Erklärung ab, daß für Ungarn, das nicht Geldgeber oder Schuldner sei, eine Beteiligung an diesen Maßnahmen nicht in Betracht kommt. Dieser Erklärung schloß sich der österreichische Vertreter an. Im übrigen bestand unter den Staaten Einverständnis darüber, daß die Sperrmaßnahmen sofort in Kraft gesetzt werden sollen. Nach Annahme des Vorschlages Nr. 2 erklärte der Präsident der Konferenz, daß die darin vorgesehenen Maßnahmen sich nicht auf humanitäre Schulden und auf Zahlungen an religiöse Körperschafte n beziehen. Die Konferenz billigte schließlich noch eine Auslegung durch den schweizerischen Delegierten, wonach sich die Bestimmung des Vorschlages nur auf neue Kredite und nicht auf alte und laufendeSchulden beziehen sollen. Ebenso sollen Zahlungen nach Italien zum Zwecke des Zinsendienstes oder der Kapitaltilgung nicht unter die Bestimmungen fallen.
Die wirtschastlichen Sanktionen.
Genf, 14. Okt. (DNB.) Der Arbeitsausschuß nahm einen Entschließungsentwurf über die wirt- schaftl ich e n Sühnemaßnahmen an, auf den sich die französische und die englische Delegation nach langen Verhandlungen geeinigt hatten. Dieser Entschließungsentwurf hat folgenden Inhalt:
1. Der Arbeitsausschuß beschließt, sofort die Anwendung der Maßnahmen zu prüfen, die sich auf eine Ausfuhrsperre auf Rohstoffe und Produkte beziehen, die für Italien zur Fortsetzung der Feindseligkeiten wichtig sind, sowie auf die Einstellung des italienischen Exportes nach den Mitgliedsstaaten des Völkerbundes. Er bildet zu diesem Zweck einen Unterausschuß.
2. Er beschließt gleichzeitig zu prüfen, in welcher Werse der Grundsatz der gegenteiligen e
aemäß Artikel 16 Absatz 3 her Völkerbundssatzung seine Anwendung auf wirtschaftlichem Gebiet finden kann. Er bildet zu diesem Zweck einen zweiten Unterausschuß.
3. Der Arbeitsausschuß fordert die beiden Unter- ausfchüsse auf, ihre Arbeit mit größtmög - li chst.e r Beschleunigung durchzuführen.
4. Jeder der beiden Unterausschüsse wird die konkreten Schlußfolgerungen, zu denen er in einem Punkte gelangt ist, jeweils dem Arbeitsausschuß unterbreiten.
In der Aussprache über diese Entschließung wurde u. a. betont, daß zweckmäßigerweise festgestellt werden sollte, welche Bedeutung der Handel mit Italien für jedes Land im Rahmen seines Gesamtaußenhandels habe. Besonderes Gewicht wurde auf die Warendurchfuhr nach Italien gelegt, wobei besonders der Haltung Oesterreichs und Ungarns, die in dem Arbeitsausschuß nicht vertreten sind, Beachtung geschenkt wird.
England nndBelgien heben dasWaffen- ausfuhrverbot nach Abessinien auf.
Genf, 14. Okt. (DNB.) Die englische Regierung hat dem Generalsekretär des Völkerbundes mittel» len lassen, daß sie beschlossen habe, die Ausfuhr
von Waffen, Munition und Kriegsmaterial nach Abessinien zu gestatten. Für die Waffenausfuhr n a ch> Italien werde das Verbot beste h en bleiben. Evening Standard meldet, daß die Regierung von Abessinien bei der Bank von Aegypten einen Bettag von 600 000 Pfund hinterlegt habe, ber für den sofortigen Kauf von Waffen benutzt werde. Die belgische Regierung wird ebenfalls der Ausfuhr von Waffen nach Abessinien künftig ihre Genehmigung erteilen.
Japan bleibt neutral.
Tokio, 15. Okt. (DNB. Funkspruch.) Der italienische Botschafter A u r i t i befragte den stellvertretenden Außenminister Schigemitsu über die Haltung Japans zu den Beschlüssen des Völkerbundes. Schigemitsu erklärte, daß Japan unverändert an seiner Neutralität fest» halte. Japan sei über die Beschlüsse des Völkerbundes amtlich nicht unterrichtet worden, insbesondere auch nicht darüber, wie der Völkerbund Den Artikel 16 im einzelnen anwenden wolle. Japan behalte sich daher gegenüber den Beschlüssen des Völkerbundes seine volle Handlungsfrei- h e i t vor, zumal für Japan keinerlei Bindungen gegenüber Genf mehr beständen.


