Hr.189 Dritter Blatt
Vonnerrtag, l5. August 1935
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Kleiner Bummel im großen London.
Von unserem B.-Sonderlorrespondenien.
London, im August.
Flugzeuge sind wie die Fäuste von Riesen. Mit Leichtigkeit überwinden sie Raum und Zeit und tragen den Menschen in kühnem Bogen durch die Lüste. Wie im Handumdrehen versetzen sie ihn über Länder und Meere von einem Ort zum andern. Man kann in Berlin am Spätnachmittag noch seinen Tee trinken und einige Stunden später in London seine Freunde vom Theater abholen. Mitten heraus aus dem Lebensstrom der einen Metropole wird man hinübergetraßen in eine andere Weltstadt. Kaum läßt das Dröhnen der viermotorigen Maschine mit ihren 2800 PS nach, und schon gleitet sie hernieder auf das Lichtermeer der Themsestadt, das millionenfach und in allen Farben funkelt wie ein feuriges Märchen aus tausendundeiner Nacht. Wenig später ist man. mitten im Herzen des britischen Weltreiches, auf dessen Pulsschlag nun alle Sinne achten. Das plötzliche Hineingestelltsein in die Zentrale eines anderen Volkes schärft Auge und Ohr auch für die Dinge in anderer Form, die uns täglich umgeben und die hier typisch sind für dieses Land.
Den ersten großen Eindruck ruft der gewaltige Verkehr hervor, der sich fast geräuschlos vollzieht. Hupen ist nicht nur verpönt, sondern zu bestimmten Zeiten und vor allem nachts verboten. Ist Not am Mann für einen armen Fußgänger, dann schrecken und jagen ihn nicht Boschhörner, sondern alles hält lautlos an und fährt dann ebenso schweigend von dannen ... Im übrigen ist für die Fußgänger, die schon aus Selbsterhaltungstrieb sehr diszipliniert sind, bestens gesorgt. Nicht nur Bobby, der Policeman, stoppt für ihn die Wagen. Die Londoner Verkehrspolizei spricht auf Schritt und Tritt zu ihm auf den großen Verkehrsstraßen. Alle unübersichtlichen Straßenkreuzungen sind durch gelbe Kugeln auf schwarzweihen Masten markiert. An allen wichtigen Uebergängen finden wir mit Eisennägeln bezeichnete Wege und Ermahnungen wie: „Look leit" — sieh nach links, „drive slowly“ — fahr' langsam, „keep leit“ — halte dich links! Der Verkehr, den die riesigen knallroten und giftgrünen zweistöckigen Omnibusse beherrschen, leiten die Derkehrslampen, die auch auf schwarzweißen Pfählen von etwa drei Meter Höhe an allen vier Ecken einer Straßenkreuzung für Wagen und Fußgänger von allen Seiten gut sichtbar stehen. Ueberraschend ist, daß die von den Lichtsignalen hervorgerusenen Verkehrswellen nicht lärmend oder ratternd, sondern nur rauschend vorbeifluten. Die Fahrer untereinander helfen sich ohne Winker an Wagen durch Zeichen mit der Hand, die sich auch auf Schnelligkeit und Ueberholen beziehen.
Bei der Vorliebe des Londoners für einen Bus würde sich an den Haltestellen nicht nur ein erhebliches Gedränge für die Fahrgäste, sondern auch für die Omnibusse selbst ergeben. Diesem liebel wird radikal dadurch abgeholfen, daß man in Abständen von etwa 10 bis 12 Meter vier Haltestellen nebeneinanderlegt, so daß die oft zu Rudeln von 25 und 30 Stück anfahrenden Omnibusse sich auf diese Haltestellen verteilen können. Den Schaffnern wird, ebenso wie bei den Elektrischen, die nur in den Vororten und stets ohne Anhänger, aber dafür auch zweistöckig fahren, das Leben erleichtert. Das Haltezeichen darf jeder Fahrgast selbst durch „einmal scharf klingeln" geben. Das Abfahrtsignal gibt der Schaffner selbst. Auch von oben her kann er durch einen Hohlspiegel gegenüber der Treppe Plattform und Eingang zur Abfertigung beobachten. Diese praktische Einrichtung sollte auch von uns übernommen werden.
Das Stehen in Fahrzeugen aller Art liebt der Engländer nicht. So ist es verboten, auf den Platt- formen der Buffe und Straßenbahnen zu stehen. Ueberfüllte Verkehrsmittel gibt es nicht. Dafür fahren genügend viele, um den Andrang zu bewältigen. Ausgezeichnet klappt der Betrieb bei der Untergrundbahn und ihren Fahrstühlen zu den Bahnsteigen. Förderkörbe für rund fünfzig Per- fonen verkehren ohne eine Aufsichtsperson sicher und
schnell. Eine Zentrale leitet, und der Lautsprecher ruft dreimal etwa „Vorsicht — das Gitter!" Danach schließen sich automatisch die Gittertüren und öffnen sich erst wieder auf dem Bahnsteig, dessen Namen zu finden allerdings oft ein Kunststück ist. Statt dessen besitzen die Bahnhöfe und Züge der Londoner U-Bahn aber einen anderen sehr großen Vorteil. Sie sind bestens gelüftet. Die Züge fahren beiderseitig mit geöffneten Fenstern, und es schreit kein Mensch darüber. Auch die Alten nicht, aus die ebenso wie auf jede weibliche Person erhebliche Rücksicht genommen wird. So gibt es in jedem Hotel neben separatem Damenzimmer und in allen guten Restaurants, Kinos usw. einen kleinen Salon als Frisier- und Umkleidegarderobe.
Das Luftbedürfnis der Engländer macht sich über- Haupt sehr stark geltend. In den großen Speise- Häusern wie Lyons — dem Aschinger Londons — stehen auch die Fenster in allen Stockwerken kreuzweise und nach allen Seiten offen. Das erfrischt — was nicht bestritten werden kann. Zum Lunch schon spielen große Orchester viel deutsche Musik, was durch die geöffneten Fenster oft weithin hörbar ist. Auch in den großen Hotels, die mit Blumen und „dekorativer" Bedienung viel Luxus treiben, wird mittags schon eifrig musiziert, sogar mit Kabarett- etnlagen. Bei Lyons legt man den Hut und Pakete, auch die Handtasche unter den Stuhl auf den Boden. Gezahlt wird auch nicht beim „Ober", son- dem beim Hinausgehen an der Kasse. Beides Zeichen für große Ehrlichkeit.
Ein besonders freundliches Bild bietet London während der „season". Wenn abends die meist bewegliche Lichtreklame sprüht und zwinkert, wenn alle Fassaden in buntes Licht getaucht sind, beginnt das Leben im Frack und Abendkleid. Zwar sind die garden-parties auch sehr schön, aber der richtige Londoner Zauber entsteht doch erst am Abend ... Dann sieht man die Paare im Fest- gewande barhäuptig durch die Straßen, niemand kümmert sich darum — höchstens der Blumenverkäufer, der nun nicht Blumen für die Dame anbietet, sondern für das Knopfloch des Herrn die Nelke oder Gardenie. So geht man ins Theater ober zum Dinner and dancing, sitzt in der Hotelhalle und genießt das Dasein und den Whisky Soda, den es nur bis Mitternacht gibt. Diese alkoholfreien Stunden, die es auch über Mittag gibt, haben sich trotz aller Anstürme bis auf den heutigen Tag erhalten. Verschwunden aber sind die berühmten Londoner night-cabs, die hohen zweirädrigen Nachtdroschken für zwei Personen, die früher in der season ein besonders gutes Geschäft machten. Jetzt sind es nur noch vereinzelte Pferdedroschken, die an jene Zeiten erinnern, und die von manchem tüchtigen Portier bereitgehalten werden.
Die englischen Portiers sind übrigens eine Zunft für sich. Aussehend wie Lords, tragen sie ihre langen Rocke mit Koppel und vielen Orden wie ein Soldat. Der im Sommer übliche blütenweiße Mützenteller, der auch von allen Angestellten der Verkehrsmittel getragen wird — unterstreicht die Würde. Nie wird der kurze gestutzte Schnurrbart mit gezwirbelten Spitzen fehlen! Diese Portiers beherrschen in vielen Straßen das Stadtbild. Jedes Kino, jedes Hotel, jedes Restaurant, große Geschäfte — kurz jedes Haus, das auf sich hält, stellt solch einen dekorativen Zerberus vor die Tür. Oft sind es „ex-servicemen", die früher der Garde angehörten, wo diese Haltung und Bärtchen Vorschrift sind. Sie sind ebenso wie die Policemen Lieblinge des Publikums, die sich viele Verdienste erwerben haben.
Der Londoner Schutzmann, in aller Welt bekannt als eine Zierde seines Berufes, hat nach Geschäftsschluß und nachts noch die Pflichten, die bei uns die Wach- und Schließgesellschaften ausüben. Er sieht überall nach, ob alles verschicken ist. Er rüttelt an jeder Tür, an jedem Gitter. Ausgerüstet mit starkem Taschenscheinwerfer und Gummiknüppel, aber ohne Browning versieht er diesen Dienst. Diese Arbeit erschweren ihm in den Vororten Vorhänge aus Markisenstoff, die vor den Haustüren
hängen, die teils den Staub fernhalten sollen und teils — das Mittagsschläfchen verkünden.
Das Londoner Nachtbild ist schließlich nicht ohne „W u r st m a x e" zu denken, dessen Fuhrwerk oft die einzige Gaststätte und Regenschutz in weitem Umkreis repräsentiert. Mit einem überraschend reichhaltigen Angebot an Erfrischungen vereinigt er die beste Kenntnis der Nachtoerbindungen nach allen Stadtteilen. Allerdings muß man sein Cocqney- Englisch verstehen können ...
Ein Stimmungsbild von London wäre unvollkommen, wenn das englische Militär unerwähnt bliebe. Es sind wenig Soldaten in Felduniform zu sehen. Der „bunte R o cf" der Friedenszeiten, den die Leibgarde des Königs trägt, herrscht neben der Marine vor. Dieser Garde gehören prächtige Burschen an, die dasselbe Maß haben wie die Leibstandarte unseres Führers. Sie tragen scharlachrote Röcke mit goldenen Wappenknöpfen und schwarze Kragen mit weißen Spiegeln. Auch die Leibwache zu Pferde, die Horse-Guards, trägt schwarzweißrote Uniform. Im roten Rock mit weithin spiegelndem Messingküraß und eben solchem mit weißem Haarschweif geschmückten Helm sitzen diese Gardisten mit gezogenem Pallasch wie eherne Standbilder auf herrlichen Rappen. Unter dem Sattel liegt ein weißes Fell, das ebenso schneeweiß ist, wie die Stulpenhandschuhe und die Beinkleider aus Wildleder. Ein derartig farbenfreudiges militärisches Bild ist dem deutschen Auge doch schon sehr fremd geworden, wenngleich es auch ungemein wirkungsvoll ist.
Das Aufziehen dieser Wache ist sehr feierlich und die einzelnen Griffe klappen wie bei uns. An- und Abmarsch vollzieht sich in interessanter Marschordnung. Vorneweg reiten zwei Spitzenreiter. In der Mitte zwischen diesen und dem Haupttrupp ein einzelner Reiter, unmittelbar vor dem Gros der Trompeter mit rotem Helmbusch, dann dicht aufgeschlossen
die Wache, in deren genauer Mitte die Standarte geführt wird. Im gleichen ©liebe am rechten Flügel befindet sich der führende Offizier, dessen Kom» mandogewalt goldene Litzen und Fangschnüre bezeichnen. In umgekehrter Reihenfolge wie die Spitzenreiter folgt eine Nachhut.
Ebenso fremdartig wie diese Formation ist dem deutschen Auge der „Eilmarsch" der D öppe l p o st e n vor dem Königspalais. Mit Riesenschritten, den Kopf in dem Nacken, um unter der hohen Fellmütze hervorzuschauen, mit steifem Oberkörper und aus der Schulter bewegten, gestreckten Rechten und mit geballter Faust schreitet der Posten seinen Bezirk ab. An einem bestimmten Punkt begegnen sich die Posten, machen im gleichen Rhythmus Kehrt und beginnen ihren Weg von neuem.
Viele Ehrenmale an verkehrsreichen Plätzen erinnern an die Gefallenen des Weltkrieges. Eines der beachtenswertesten steht am Hyde Park Corner und ist dem kgl. englischen Artilleriekorps geweiht. Auf riesigem Sandsteinsockel, der mit Reliefs aus dem Fronterleben geschmückt ist, ragt ein schwerer Mörser gen Himmel. Vor den vier Seiten des Sockels befinden sich überlebensgroße Bronzefiguren: ein Kanonier, ein Fahrer, ein Offizier und besonders eindrucksvoll unter einer Decke liegend ein Gefallener, dessen geballte linke Faust hervorragt.
Ganz dicht bei dieser Stelle liegt der Rotten Row, der berühmte Reitweg des Hyde Park, auf dem viel Leben ist. Als ein sehr netter alter Herr dort die deutsche Sprache hörte, begann er sogar eine Unterhaltung über Deutschland, die jeden Deutschen mit Stolz erfüllt hätte. Andere Gespräche mit Bobbies, Schaffnern und im Hotel bewiesen das große Interesse für das Dritte Reich und den Wunsch nach Beantwortung bestimmter Fragen, die sich aufgespeichert hatten. Das Verdienst unseres Führers bricht sich drüben unaufhaltsam Bahn.
Zweimal Sparta...
Einst eine Weltmacht — heute ein unbekanntes Landstädtchen.
In Sparta ist ein Stadtviertel durch ein Großfeuer völlig vernichtet worden.
Sparta in Flammen! Seltsam, wie ein dumpfer, unwirklicher Traum, ein Hauch aus einer toten, versunkenen Welt, berührt uns diese erschütternde Nachricht aus dem geheimnisvollen Eurotastal, an dessen Rand der mächtige Bergriese Taygetos sein ewiges Haupt erhebt. Wieviele wußten überhaupt noch, daß es im heutigen Griechenland ein Sparta gibt? War dieses Sparta nicht schon längst unter den brausenden Gewitterstürmen der Geschichte vergraben, verschollen, vergessen? Was blieb von Sparta übrig außer der unvergänglichen Erinnerung an eine heldische Zeit?
Das Sparta von heute ist eine kleine, unbekannte, ländliche Stadt, die abseits liegt in der grandiosen Verschollenheit des Taygetosgebirges, abgetrennt von den Schienensträngen der lärmenden Welt, ein Marktflecken in Griechenland, wie es Hunderte solcher Flecken gibt, mit einem Marktplatz, mit ländlichem Trubel, mit urwüchsigen Maultiertreibern und bunt-fröhlich ratterndem und rumpelndem Fuhrwerk. Erinnerung an eine Weltmacht, die sich zurückverwandelte in die Abgeschiedenheit eines entlegenen, vergessenen Dorfes. Die Tragödie einer Generation, die zuerst Helden gebar, um nach dem Höhepunkt einer heroischen Blütezeit spurlos zu zerfallen und zu vermodern.
Nur der berühmte Name ist lebendig geblieben. Das neue Sparta trägt den Namen des alten, aber diese Bezeichnung ist Schall und Rauch: denn Neu- Sparta ist, um es kraß auszudrücken, ein „moderner" Einfall, der dem Gehirn begeisterter griechischer Nationalisten entsprungen ist. Vom klassischen Sparta war längst keine Spur mehr vorhanden — es war vom Erdboden weggefegt seit vielen Hunderten von Jahren — als die Griechen ein „neues" Sparta ins Leben riefen: aus dem Rausch und Taumel nationaler Begeisterung, nachdem sie sich aus dem Osmanischen Reich Anfang des letzten Jahrhunderts herausgelöst hatten. So entstand im Jahre 1834 Sparta II, ein Dorf am Fuß des Taygetosgebirges
im malariagefährdeten Eurotastal, in einer wunderbar romantischen Gegend.
Grotesk-gigantisch, sinnvoll und sinnlos zugleich der Gedanke, das alte Sparta zu neuem klassischen Glanz erwecken zu wollen. Der Plan mißlang. Zunächst fehlte das Wichtigste für eine Stadt: die Bevölkerung. Wo sollte man yne Bevölkerung her- nehmen? Die alten Spartaner, die sagenhaften Helden einer stählernen Zeit, waren Legende und Erinnerung — und die lebenden Griechen? Die in den Dörfern lebten, waren einfache, biedere Bauern und Handwerker, namenlose Urenkel eines vergessenen Geschlechtes. Man zwang sie zurück in die Sphäre eines künstlich gemachten Altertums, man trommelte sie aus Misthra zusammen. Sie mußten ihre Wohnungen in Misthra verlassen und sich im neugegründeten Sparta niederlassen, der Malaria zum Trotz, die im Eurotastal ihr Unwesen trieb.
Das neue Sparta erlangte nicht die Weltbedeutung von einst, sondern entwickelte sich aus einer primitiven Siedlung zu Sinern bescheidenen Städtchen. Ein Ort wie viele —und doch einer der originellsten auf der Welt: Sparta war Sparta, ohne jemals Sparta gewesen zu fein.
„Sparta, neugriechisch Sparti, Hauptstadt und wirtschaftlicher Mittelpunkt des griechischen Nomos Lakonien im Peloponnes, mit 7190 Einwohnern. Bischofssitz." So verkündet der große Brockhaus. Ein paar kleine Druckzeilen im größten deutschen Nachschlagewerk: das ist von Alt-Spartas Glanz und Glorie übriggeblieben ...
Spartanische Erziehung.
Sparta in Flammen! Aus dem Nebel der Schülererinnerung tauchen schemenhaft Namen und Bilder auf. Längst verklungene Sagen und Geschichten werden wieder lebendig, gewinnen Form und Gestalt. Die heldisch-zuchtvolle Welt der alten Spartaner blüht auf aus fernster Versunkenheit, eine Welt der heroisch harten, unerbittlich grausamen Disziplin. Der Begriff Sparta drückt heute aus: Tapferkeit bis zum Aeußersten, Mannesmut und
Oer Stift.
Eine pennäler-Geschichle von Heinrich Spoerl-
Eine Türklinke besteht aus zwei Teilen, einem positiven und einem negativen. Sie stecken ineinander, der kleine wichtige Stift hält sie zusammen. Ohne ihn zerfällt die Herrlichkeit.
Auch die Türklinke an der Obertertia ist nach diesem bewährten Grundsatz tonftriert.
Als der englische Lehrer um zwölf Uhr in die Klasse kam und mit der an ihm gemahnten konzentrierten Energie die Tür hinter sich schloß, behielt er den negativen Teil der Klinke in der Hand. Der positive flog draußen klirrend auf den Gang.
Mit dem negativen Teil kann man keine Tür öffnen. Die Tür hat nur ein viereckiges Loch. Der negative Teil desgleichen.
Die Klaffe hatte den Atem angehalten und bricht jetzt in unbändiger Freude los. Sie weiß, was kommt. Nämlich römisch eins: Eine ausführliche Untersuchung, welcher schuldbeladene Schüler den Stift herausgezogen hat, und römisch droei:„ technische Versuche, wie man ohne Klinke die Tür öffnen kann. Damit wird die Stunde herumgehen.
Aber es kam nichts, weder römisch eins noch römisch zwei. Professor Heimbach war ein viel zu gerissener Pädagoge, um sich ausgerechnet mit feiner Obertertia auf kriminalistische Untersuchungen und technische Probleme einzulassen. Er wußte, was man erwartete, und tat das Gegenteil:
„Wir werden schon mal wieder herauskommen", meinte er gleichgültig. „Mathiesen, fang mal an. Kapitel 17, zweiter Absatz."
Mathiesen fing an, bekam eine drei minus, dann ging es weiter; die Stunde lief wie jede andere. Die Sache mit dem Stift war verpufft.
Aber die Jungens waren doch noch schlauer. Wenigstens einer von ihnen. Auf einmal steht der lange Müller auf und sagt: er muß raus.
„Wir gehen nachher alle."
Er muß aber trotzdem.
„Setz dich hm!"
Der lange Müller steht immer noch; er behauptet, er habe Pflaumenkuchen gegessen und so weiter.
Professor Heimbach steht vor einem Problem. Pflaumenkuchen kann man nicht widerlegen. Wer will die Folgen auf sich nehmen?
Der Professor gibt nach. Er stochert mit seinen Hausschlüsseln in dem viereckigen Loch an der Tür herum. Aber keine läßt sich hineinklemmen.
„Gebt mal eure Schlüssel her." Merkwürdig, nie
mand hat einen Schlüssel. Sie krabbeln geschäftig in ihren Hosentaschen und feixen.
Unvorsichtigerweise feixt auch der Pflaumenkuchenmann. Professor Heimbach ist Menschenkenner. Wer Pflaumenkuchen gegessen hat und so weiter, der feixt nicht.
„Müller, ich kann dir nicht helfen. Setz dich ruhig hin. Die Rechnung kannst du dem schicken, der den Stift auf dem Gewissen hat. — Kebken, laß das Grinsen und fahr fort."
Also wieder nichts.
Langsam, viel zu langsam wird es dreizehn Uhr. Es schellt. Die Anstalt schüttelt ihre Insassen auf die Straße. Die Obertertia wird nicht erlöst: Sie liegt im dritten Stock am toten Ende eines langen Ganges.
Professor Heimbach schließt den Unterricht und bleibt auf dem Katheder. Die Jungens packen ihre Bücher. „Wann können wir gehen?" — „Ich weiß es nicht. Wir müssen eben warten."
Warten ist nichts für Jungens. Außerdem haben sie Hunger. Der dicke Schrader hat noch ein Butterbrot und taut mit vollen Backen; die andern kauen betreten an ihren Bleistiften.
„Können wir nicht unsere Hausarbeiten machen?"
„Nein! Erstens werden Hausarbeiten, wie der Name sagt, zu Hause gemacht. Und zweitens habt ihr fünf Stunden hinter euch und müßt eure zarte Gesundheit schonen. Ruht euch aus; meinetwegen könnt ihr schlafen."
Schlafen in den Bänken hat man genügend geübt. Es ist wundervoll. Aber es geht nur, wenn es verboten ist. Jetzt, wo es empfohlen wird, macht es keinen Spaß und funktioniert nicht.
Eine öde Langeweile kriecht durch bas Zimmer. Die Jungens dösen. Der Professor hat es besser; er korrigiert Hefte.
Der Vertrauensmann meldet sich: Ob man nicht mal probieren sollte, vielleicht hat doch noch einer einen Schlüssel ober so was.
„Ich habe bereits nach Schlüsseln gefragt. Keiner hat welche. Wehe bem, ber mich belogen hat!" Dabei läßt Professor Heimbach seine gutmütigen Augen kullern, baß febem bie Lust vergeht, einen Schlüssel zu haben.
Es geht auf breizehneinhalb Uhr. Die ganze Klasse ist völlig verböst, unb noch ist kein Enbe abzusehen. In äußerster Not machte femanb einen verzweifelten Vorschlag: „Herr Professor, bitte, können wir nicht irgend etwas durchnehmen? Vielleicht Grammatik ober so?" ........ . .
Professor Heimbach lächelt. Jetzt hat er sie ba, wo er sie haben will. „Soso. Ich soll unterrichten? Ihr bittet mich barum? Sogar Grammatik — Ich benfe nicht baran. Danach habt ihr euch nicht benommen!"
Unb korrigiert seine Hefte weiter.
Kurch nach vierzehn Uhr kamen bie Putzfrauen, und die 'Obertertia wurde befreit.
An den Stift traut sich keiner mehr.
(Es gibt genug anderes!)
Eine „Mordkanaitte ohnegleichen".
Kleine Naturgeschichte der Libelle.
In kleinen Teichen unb Seerosenbecken findet sich in der Sommerszeit eine seltsame kleine Lebewelt, deren Beobachtung sich für jeden, der Freude an ber Natur fyat, lohnt. Da sehen wir ben anmutigen unb farbenprächtigen Gartenmolch oder den etwas größeren schiefergrauen Alpenmolch. Die nützliche Kröte fehlt so wenig wie die leicht ansiedelbare Unke, deren monotoner Nachtgesang so manchem Empfindsamen auf die Nerven geht. Auch der grüne große Wasserfrosch bringt mit feinem bröhnenden Konzert in leichten Schlaf ein, unb eine ber schönsten Erscheinungen unserer Kleintierwelt, bie Ringelnatter, ist dem Laien zwar oft nicht willkommen, weil er sich ohne rechten Grund vor ihr fürchtet, der Naturfreund aber weiß sie zu schätzen, ebenso wie die „Mordkanaille ohne Gleichen", die Libelle, lieber ihren Lebenslauf weiß Gerd Wagner in der „Gartenschönheit" viel Seltsames zu berichten.
Die Sache liegt da so: auch die erwachsenen Libellen sind arge und blutrünstige Räuber, die ihre Opfer wie Fliegen, Schmetterlinge unb begleichen im Fluge erhaschen unb auffressen. Gegenüber ihren eigenen Larven finb sie aber gerabezu Unschulds- engel. Im Lause bes Sommers legen bie alten Libellen ihre Eier an bie Stengel von Wasser- vflanzen. Die auskriechenden Larven sind schmutzig-schlammgraue, abschreckend häßliche Wesen, von einem geradezu unbändigen Heißhunger beseelt. Was da lebt und krabbelt in den Tiefen des Wassertümpels, wird von ihnen angefallen, mit Hilfe der recht komplizierten dolchartigen Freßwerkzeuge festgehalten und ausgesaugt: Kaulquappen sonder Zahl, Molche, aber selbst kleine Fische. Es sind wahre Gottesgeißeln der von ihnen bewohnten Gewässer. Und es verlohnt sich, einmal so ein kleines,
ein paar Zentimeter großes Scheusal mit einem Netzchen herauszufangen und in einem kleinen wassergefüllten Glasbecken — ein größeres Gurkenglas genügt vollauf — zu beobachten und zu füttern.
Ein ins Glas geworfener Regenwurm wird sofort ergriffen Und ausgefaugt, nicht besser ergeht es Blutegeln, ja selbst jungen, unvorsichtigen Fischen. Mückenlarven, Wasserasseln, alles wird von dem tückisch lauernden Räuber angefallen und zu Tode ausgefaugt. Herbst, Winter und Frühjahr verbringt so die unheimliche Libellenlarve im Schlamm und Schmutz des Teichgrundes. Dann aber, im Frühsommer, ergreift die häßlichen Tiere ein merkwürdiger Drang nach oben, ans Licht. Sie klettern an Wasserpflanzenstengeln, Steinen und dergleichen empor und bleiben ruhig, fast wie gelähmt, sitzen. Nun soll man sich dazusetzen und sich für eine Weile von aller anderen Beschäftigung freimachen. Denn ein kleines Wunder schickt sich an, wahr zu werden.
Es dauert nämlich nicht lange, so platzt die garstige Larve am Rücken auf, und etwas feuchtes Weißliches quillt hervor — die echte flugfähige Libelle, das fertige Infekt. Weiter und weiter windet sich das Insekt aus seiner starr und leblos sitzenden Larvenhülle hervor — jetzt ein entschlossener Ruck, und neben der toten, leeren Larvenhaut sitzt das Insekt, dessen anfänglich milchweiß gewesene Flügelstummel sich weiten und straffen, glasig und glitzerig werden. Eine halbe, breioiertel Stunde dauert es noch, bis die Libelle genügend „trocken" geworden ist, dann ein kurzes knisterndes Flügelschwirren — und pfeilschnell schießt nun die in allen Farben schillernde Libelle durch die Luft des warmen Sommertages davon.
Die leere Larvenhaut aber kann man mühelos jetzt von der Unterlage ablösen und unbegrenzt lange aufheben; nicht die Spur eines Inhalts zeigt sich mehr, alles ist nur harte papjerdünne Hülle. Interessant ist es auch, die Größenverhältnisse zwischen Larve und fertiger Libelle zu vergleichen. Die Larve ist verhältnismäßig klein, denn das im Wasser lebende Tier darf, um möglichst flink und beweglich sein zu können, nicht weniger als ungefähr das spezifische Gewicht des Wassers haben. Das geflügelt» Infekt muß aber wesentlich leichter, daher bei gleich« bleibender Masse viel größer sein. Nur auf diese Weise ist es auch Allmutter Natur möglich, aus dem plumpen Unterseeboot die flinke, blitzschnell dahinschießende Flugmaschine innerhalb ein paar Viertelstunden zu machen, eine technische Großleistung, an die unsere Maschinentechnik noch nicht im entferntesten herankann."


