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Nr. 189 Zweiter Blaff

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 15. August 1935

Aus der Provinzialhauptstadt.

Oer schönen Gärten Zier.

Die Menschen können nicht ohne Blumen sein. Wenn in Feld und Wald nur noch einzelne Blüten stehen, dann leuchtet die Blumenpracht in den Gär­ten um so schöner. Unendlicher Zauber geht von den blühenden Blumen aus. Wenn sie uns entgegen­nicken, werden wir schon froher. Das fühlen ganz unbewußt alle Gartenbesitzer, denn in jedem Garten finden wir Blumen.

Besonders rührt uns immer der Anblick der kleinen Landstücke, der Schrebergärten, die fast allen deutschen Städten vorgelagert sind. Selbst bei den kleinsten Stückchen finden wir neben dem Gemüse einige Blumenbüsche stehen. Wenn dann ein Nütz­lichkeitskrämer meint, auf diesem Platze könnten ebensogut Gemüse wachsen, dann sagt der Besitzer kopfschüttelnd:Nein! Die Blumen gehören halt da­zu!" Und wenn er es nicht sagt, dann ist es sicher seine Frau, die ein Wort für die Blumen einlegt. Und sie haben recht.

Ein paar blühende Nelken, Löwenmäuler oder Dahlien geben einem kleinen Gärtchen immer noch den schönsten und lebendigsten Rahmen. Das Auge kommt zu seinem Recht, und Paul Gerhardt hat das schon in seinem bekannten LiedGeh aus, mein Herz, und suche Freud ..." so schön gesagt.

Die Gartenblumen sind fast alle' Sonnenkinder. Sie lieben die heißen Sonnenstrahlen. Und daran war ja in den letzten Wochen kein Mangel. Dahlien, Godetia, Rittersporn, Levkojen, Balsaminen und viele, viele andere erfreuen durch vollste Blüte. Das heiße, trockene Wetter der letzten Wochen begünstigte nur die Blühwilligkeit.

Am Abend sehen wir die Blumenfreunde mit der Gießkanne in der Hand, wie sie ihre Lieblinge mit frischem Naß versorgen. Auch die Bauersfrau, die in der Zeit der Ernte kaum weiß, wo ihr der Kopf bei der vielen Arbeit steht, auch sie denkt noch nach dem Abendessen an ihre Blumen.

Auf dem Tisch im Wohnzimmer prangt ein Blu­menstraußeigner Zucht", der den ganzen Tag über an den Garten erinnert. So schenken die Blumen Freude zu jeder Stunde.

Bei unseren Spaziergängen machen wir auch oft Halt und schauen hinein in die schönen Sommer­gärten. In allen Farben, in allen Formen grüßen uns die Blumen. Stolze, hochgewachsene Stauden leuchten uns entgegen, die Dahlien und Gladiolen entfalten ihre herrlichen Blüten, Buschrosen, Reseda und Nelken verbreiten einen betäubenden Duft. Von außen her schauen die einfach blühenden, wilden Sommerblumen vom Wegrad zum Garten herein. Schafgarbe, Kamille, Rainfarn, Wegwarte, Flocken­blume und Labkraut wuchern am Gartenzaun. Sie sind nicht neidisch auf ihre Schwestern, die fein säu­berlich an Stäbchen angebunden im Garten stehen. Sie sind nur froh, daß sie beim Sensenschnitt nicht mitsterben mußten.

Welch schöner Anblick aber erst die großen Blu­menfelder in den Gärtnereien bieten, das weiß jeder, der Augen hat und der sie aufmacht, um sich an der Blumenpracht zu erfreuen.Und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben." M.

Oer Oekan-Stellvertreter

des evanaelischen Dekanats Gießen.

Der Landesbischof Lic. Dr. Dietrich hat mit Wirkung vom 15. August den Pfarrer Gustav Schmidt in Beuern zum Dekan-Stellvertreter des evangelischen Dekanats Gießen ernannt.

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Abteilung für Arbeitsführung und Verufserziehung.

In den ersten Tagen des Monats September be­ginnen neue Lehrgänge in Kurzschrift und Maschi­nenschreiben. Ausführliche Lehrpläne sind in der Geschäftsstelle, Gießen, Lonystraße 18, anzufordern.

Urlaubszug zum Dodensee/Konstanz vom 16. bis 23. August.

Die Fahrkarten zu dieser Fahrt können in den Dienststunden auf dem Büro, Schanzenstraße 1811,

Zimmer 8, abgeholt werden. Sammelpunkt der Teilnehmer am Hauptbahnhof Gießen, 16. August, 22 Uhr.

Verlegung des Freltag-Reitkursus.

Die Reitstunde Freitag, 16. August, von 20 bis 21 Uhr, findet am Montag, 19. August, von 20 bis 21 Uhr statt.

Die Reitstunde Freitag, 16. August, von 21 bis 22 Uhr Uhr, findet am Mittwoch, 21. August, von 21 bis 22 Uhr statt.

Daten für den 15. August.

1740: der Dichter Matthias Claudius zu Reinfeld in Holstein geboren (gestorben 1815); 1760: Sieg Friedrichs des Großen über die Oesterreicher unter Laudon bei Liegnitz; 1769: Napoleon I. Bona­parte in Ajaccio auf Korsika geboren (gestorben 1821); 1771: der englische Dichter Sir Walter

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Louis Frech und Frau. (Ausnahmen [2]: Photo-Pfaff, Gießen.)

ner Anzeigers.

Daniel Heil und Frau.

gegeben.

Vornotizen.

zeit freundliche Wesensart gewann er sich in Gießen und darüber hinaus viele Freunde, die dem Ju­bilar und seiner Gattin große Wertschätzung ent­gegenbringen. Das Jubelpaar ist seit sechzig Jahren treuer Bezieher des Gießener Anzeigers.

Scott in Edinburg geboren (gestorben 1832); 1917: Lettow-Borbeck siegt über die Engländer bei Ma-

Der Rentner Daniel Heil und Frau Dorothea, geb. Trapp, in Gießen, Hitlerwall 47, können am kommenden Samstag, 17. August, in körperlicher und geistiger Frische das seltene Fest der Dia­mantenen Hochzeit begehen. Herr Heil steht im 84., seine Gattin im 83. Lebensjahre. Der Jubilar hatte in früheren Jahren ein Geschäft am Lindenplatz in dem Hause, in dem sich jetzt das Zigarrengeschäft von Louis Scharmann befindet. Durch seine hervorragenden menschlichen Qualitäten und seine guten kaufmännischen Eigenschaften, wie durch unermüdlichen Fleiß konnte er in Gemein­schaft mit seiner Gattin sein Geschäft bestens ent­wickeln und sich dazu das allgemeine Vertrauen der Gießener Bevölkerung erwerben. In ehren­amtlicher Mitarbeit wirkte der Jubilar viele Jahre lang in der städtischen Pferdemarkt-Deputation mit, in der man seine Erfahrungen als schneidiger Rei­ter und auter Pferbokenn-'r, wie auch seine uner­müdliche Bereitschaft zur Mitarbeit in hohem Maße schätzte. Viele Jahre lang gehörte Herr Heil auch dem Aufsichtsrat der Handels- und Gewerbebank an, in dem er immer in gewissenhafter und tat- froher Weise mitarbeitete. Durch dieses Wirken im Dienste der Allgemeinheit und durch seine alle-

sondere Rücksicht auf den übrigen Verkehr genom­men wird. Auch die Bankette sind grundsätzlich rechts in der Fahrtrichtung zu benutzen. Soweit wegen des baulichen Zustandes der Fahrbahn oder wegen der Dichte des Fahrzeugverkehrs die Ver­kehrspolizeibehörden die Benutzung der Bankette in beiden Richtungen für notwendig halten, wird durch entsprechende Beschilderung darauf hingewiesen werden.

Gonderzüge zur Funkauöstellung in Berlin.

Vom Reichsverband deutscher Rundfunkteilneh­mer, Kreisgruppe Gießen, wird uns geschrieben:

Die für die Sonderzüge zur Funkausstellung in Berlin bestellten Fahrkarten werden wie folgt aus- gegeben:

Sonderzug I (dreitägiger Aufenthalt) am

Sprache so viel wie kühn",mutig". Herr Frech schaut auf eine langjährige, ersprießliche kaufmännische Tätigkeit zurück. Daß er auch dich­terisch und künstlerisch be­gabt ist, hat er oft be­wiesen. Manchem Gieße­ner Fest hat er durch formvollendete und sin­nige Gedichte seine Weihe gegeben. Dor allem hat er die alte Gießener Zeit, wie er sie in seiner Kindheit und Jugendzeit erlebt hat, in eingehenden Und humorvollen Schilderungen dargestellt; die Kleinmalerei in diesen Aufsätzen ist sehr gut gelungen. Auch als Maler hat der nun Siebenundsiebzigjährige sich hervorgetan; in der Sakristei der Stadtkirche hängt eine von ihm aus­geführte Kopie des im Oberhessischen Museum auf­bewahrten Bildes der im Jahre 1810 niedergelegten Stadtkirche; der Johanneskirche hat Herr Frech ein Bild von der Wartburg zugeeignet. Seit fünfzig Jahren ist Herr Frech treuer Bezieher des Gieße-

Freitag, 16. August, von 17 bis 19 Uhr, in der Geschäftsstelle, Marktlaubenstraße 2. Abfahrt des Zuges: Samstag, 17. August, 10.48 Uhr, ab Gießen. Ankunft in Berlin Anhalter Bahnhof 20.26 Uhr. Rückfahrt: Berlin Anhalter Bahnhof Dienstag, 21. August, 0.00 Uhr. Ankunft in Gießen: Mittwoch, 21. August, 10 Uhr.

Sonderzug II (sechstägiger Aufenthalt). Kar­tenausgabe am Samstag, 17. August, nachmittags von 3 bis 6 Uhr, Marktlaubenstraße 2. Fahrzeiten: ab Gießen Sonntag, 18. August, 10.48 Uhr, an Ber­lin Anhalter Bahnhof Sonntag, 18. August, 20.26 Uhr. Rückfahrt ab Berlin Anhalter Bahnhof Sonn­tag, 25. August, 8.12 Uhr. Ankunft Gießen: Sonn­tag, 25. August, 17.40 Uhr.

Achtung! Es sind noch einige Karten für den Son­derzug II zur Verfügung. Volksgenossen, die bereits abgewiesen wurden, wollen sich bis 15. August, 19 Uhr, in der Geschäftsstelle melden.

Sonderzüge nach dem Bückeberg.

Die Landesbauernschaft Hessen-Nassau, Frankfurt a. M., gibt bekannt: Wie im Vorjahre, so fahren auch in diesem Jahre wieder mehrere Sonderzüge aus unserer Landesbauernschaft zum Erntedankfest auf den Bückeberg. Bei 75 v. H. Fahrpreisermä­ßigung betragen die Fahrtkosten je Kilometer 1 Pf., beispielsweise Frankfurt a. M.Bückeberg und zu­rück 7 Mark. Die Sonderzüge werden so gelegt, daß sie von allen anderen Stationen gut erreich­bar sind. Auch für die Zubringerstrecken gilt die 75proz. Fahrpreisermäßigung, wenn die Fahrt­teilnehmer im Besitz der Sonderzugfahrkarte sind. Diejenigen Personen, die sich an der Fahrt beteili­gen wollen, müssen sich sogleich bei den zuständigen Ortsbauernführern melden.

Für die Städte Darmstadt, Heppenheim, Alzey, Wiesbaden, Limburg, Wetzlar und Friedberg neh­men die Dienstellen der dort ansässigen Kreis­bauernschaften die Meldungen entgegen. Für den Stadtkreis Frankfurt a. M. hat die Anmeldung bei der Abteilung Werbung der Landesbauern­schaft Hessen-Nassau, Frankfurt a. M., Bockenhei­merlandstraße 25, Telephon 70 901, zu erfolgen.

Damit die Sonderzüge rechtzeitig zusammengestellt werden können, müssen sich die Fahrtteilnehmer umgehend bei den vorher angegebenen Dienststellen melden.

Nähere Einzelheiten wegen der Sonderzüge wer- den rechtzeitig durch Rundfunk und Presse bekannt»

Hochzeitsjubiläen in Gießen

Am 16. August feiert das Ehepaar Louis Frech und Wilhelmine, geb. Demuth, in Gießen, Ludwigstraße 18, das Fest der goldenen Hoch­zeit. Beide Ehegatten entstammen alten Gieße­ner Familien; ein Mel­chior Frech wird hier schon im Jahre 1578 ge­nannt; der Name bedeu­tet in der alten deutschen

hiwa.

Radfahrer rechts fahren

Der Reichs- und Preußische Minister des Innern hat in einem Erlaß an alle Verkehrspolizeibehörden nochmals die Benutzung der Straßen durch Rad­fahrer klargestellt. Soweit Radfahrwege vorhanden sind, müssen diese benutzt werden, im übrigen haben die Radfahrer grundsätzlich auf der rechten Seite der Fahrbahn zu fahren. Eine Ausnahme gibt es nur für die Fälle, in denen außerhalb geschloffener Ortschaften sog. Bankette (nicht erhöhte Seitenstrei­fen) vorhanden sind. Diese dürfen von den Rad­fahrern benutzt werden unter der Voraussetzung, daß der Fußgängerverkehr nicht behindert und daß beim Einbiegen von den Banketten auf die Fahrbahn be-

Tageskalender für Donnerstag: NSG.Kraft durch Freude": 16 bis 18 Uhr All­genzeine Körperschule auf dem Unioerfitätsfport- t platz am Kugelberg; 20 bis 21 Uhr für jüngere und i 21 bis 22 Uhr für ältere Frauen Fröhliche Gym- - nastik und Spiele in der Schillerschule. Licht- i spielhaus, Bahnhofstraße:Knock out". Reichs- i fachgruppe Seidenbauer e. V. 8 bis 20 Uhr Wan- e derschau in der Bäuerlichen Werkschule, Liebig- 5 straße 161.

r Eine Wanderschau zur Werbung - für den deutschen Seidenbau findet vom - heutigen Donnerstag bis einschließlich nächsten 3 Samstag in der Bäuerlichen Werkschule, Liebig- i straße 16, statt. (Siehe heutige Anzeige.)

Kamerad Auto.

Betrachtungen ohne Technik von Anne-Marie Blume.

Es ist eigentlich sehr schade, daß man ein Auto kaufen und dafür Geld hingeben muß... Natürlich wird gleich dieser erste Satz ein allgemeines Ge­lächter Hervorrufen, und ich höre in Gedanken die Bemerkung fast jedes Lesers:Das kann ich mir denken! Bezahlen tut keiner gern und geschenkt ist angenehmer als gekauft!" Offenbar habe ich mich recht ungeschickt ausgedrückt, denn ich meine, daß die Kameradschaft, die Freundschaft mit einem solchen vierrädrigen Gesellen etwas so Persönliches und Schönes ist, daß es mir widerstrebt, den Be­griff des Kaufmännischen in diese Beziehungen hineinzutragen.

Zugegeben: Der Kraftwagen ist ein Zweckgegen­stand, der durch mathematisch genaues Denken der Erfinder und Konstrukteure entstanden ist, der er­probt wurde auf Tausenden von Kilometern Ver­suchsfahrten, und den Werkstattarbeit zur heutigen Vollkommenheit entwickelt hat. Der Motor besteht nur" aus genau ineinanderfpiekenden Metallteilen, die Karossene aus Blech und Stahl, Stoff und ver­chromten Teilen, der beste Reifen ist das Ergebms von Ueberlegung, Berechnung und chemischen Ver­suchen.

Und doch ist das Auto mehr, viel mehr als eine Maschine. Im Zusammenleben mit uns wird es zum Bekannten ob zum guten oder schlechten liegt zu einem sehr großen Teil an uns selbst, zum Freund, zum Vermittler der Landschaft, der Natur, der Länder---

Will ichDu" zu meinem Kameraden Auto sagen können, so muß ich mir die Mühe geben, ihn näher kennenzulernen, ich habe in ihm die Persönlichkeit zu achten und sein Recht auf eine gewisse Selb­ständigkeit gelten zu lassen. So hatte ich denn am Tage unserer gegenseitigen Vorstellung wirklich etwas Herzklopfen... Es ist doch schließlich keine Kleinigkeit, einem vollständig Fremden gegenüber* zutreten, mit dem man sich auf Gedeih und Ver­derb für Jahre zusammentun will, von dem man noch nicht weiß, was er für Stimmungen haben wird und ob er auch geneigt fein wird, auf meine Launen einzugehen. . .

Die erste Zeit gestaltete sich etwas schwierig, und das Mißtrauen über den Charakter des anderen wollte und wollte nicht weichen, da keiner von uns beiden so recht seine Fähigkeiten und Eigenheiten

zeigen konnte. Es waren die bitteren Kilometer des Einfahrens.

, Von dem Tage an aber, wo die Plombe siel, wurde unser Verhältnis herzlicher und die ich glaube mit Recht sagen zu können gegenseitige Zuneigung wuchs. Wir streunten durch die Gegend, machten auch große Reisen miteinander, schimpften gemeinsam über schlechtes, nasses Wetter, schlichen beide vorsichtig über glatte Straßen und freuten uns wie die Kinder, wenn die Sonne warm auf uns herabschien allerdings nur so lange, als sie nicht so weiß war, daß wir dachten, sie wolle uns zu irgendeinem, uns unbekannten Mittagessen gar werden lassen.

Ich hatte zwar schon davon reden gehört, daß ein Motor wetterempfindlich sei, dieser Behauptung aber keinen rechten Glauben schenken können. Denn damals hegte ich noch so verkehrte Ansichten ich sagte mir: Maschine ist Maschine, und was soll es diesem Metallgefüge ausmachen, ob es falt ober warm, trocken oder feucht ist. Daß eine solche Mei­nung irrig ist, lehrte mich mein Wagen im Laufe der Kilometer, die wir gemeinsam zurücklegten. Er hat nämlich eine ausgeprägte Sprache, die man kennen und verstehen lernen muß, will man sich nicht übereinander ärgern, und soll er uns nicht eines Tages die Rechnung schlechter Behandlung und Gefühllosigkeit vorlegen.

Er ist nämlich ein eigenwilliger Kerl, dieser Kame­rad Auto: Er kann docken wie ein eigensinniges Kind, wenn man sein Grunzen, Quietschen und Klopfen, seinen beschleunigten Motoratem und sein Keuchen bergauf oder auf ungepflegten Straßen nicht berücksichtigt. Hört man nicht das erste Mal auf die Worte seines Dialektes, so wiederholt er dir einmal die unangenehme Ueberraschung eines ausgelaufenen Lagers, eines undicht gewordenen Zylinders, einer Kupplung, die nicht mehr faßt, oder abgegriffener Bremsen.

Natürlich liegt das, was ich jetzt über meinen stählernen Freund sagen werde, auf der gleichen Linie, und doch weicht es insofern von dem In­halt des letzten Absatzes ab, als diesmal ich die Hauptperson bin. Ich stelle nämlich die kühne Be­hauptung auf, daß das Eingehen aus Stimmungen gegenseitig ist, und weiß, daß ich damit auf heftigen Widerspruch stoßen werde. Ja ich bin der lieber* zeugung, daß mein Kamerad Auto auf meine Wünsche Rücksicht nimmt, ihnen entgegenkommt und mit mir guter Laune oder böse, lebhaft oder lang­weilig ist. Freut mich die Schnelligkeit, lockt es mich, in kurzer Zeit viele Kilometer hinter mich zu

bringen, so ist er. unermüdlich, läuft und läuft, und ich tausche mich gewiß nicht mit meinem Eindruck, daß sein vergnügtes Brummen mir sagen will:

Nur los, jch kann es so gut verstehen, daß du auf Tempo eingestellt bist. Ich kann etwas, und es macht mir Spaß, dir einmal zu zeigen, was für Möglichkeiten in mir stecken!"

Bin ich dagegen in einer Verfassung, in der ich eigentlich die Hände vom Steuer lassen sollte, so kann ich sicher sein, daß er auch reagiert, bockbeinig wird und versucht, mir anständiges Fahren beizu­bringen. Er liegt dann unruhig auf der Straße, gehorcht nicht so prompt auf das Steuer, und ich habe immer die unangenehme Empfindung, als rufe er mir zu:Du, hinter dem Steuer, besinne dich endlich und nimm auch einmal ein bißchen auf mich Rücksicht!"

Mein Kamerad Auto hat überhaupt viel für meine Erziehung getan ... Jch glaube, er hat recht, wenn er meint, ich solle nur bie Erfahrung, die ich mit ihm gemacht habe, auf meine Mitmenschen anwenden, und ich würde auf diese Weise verträg­licher werden, als ich es von Natur aus bin. Seine Philosophie ist sehr einfach: Er verlangt von mir Geduld, Auto- (Menschen-) Kenntnis, Beherrschung der Formen in der gegenseitigen Unterhaltung, Pflege und ein ganz klein wenig Liebe ...

Oie französische Telefon-^Sirene".

Auf einen eigenartigen Gedanken ist die fran­zösische Postverwaltung gekommen. Wegen der Nervosität und des Temperamentes der Franzosen will man eine Anzahl Telephonistinnen wieder ein» stellen, die durch die Selbstanschlußämter entbehr­lich geworden waren; doch nur solche, die sich durch eine angenehme, sanfte Stimme auszeichnen. Es hat sich in Paris und anderen großen Städten Frankreichs gezeigt, daß die Selbstanschlußämter durchaus nicht besänftigend auf die Teilnehmer wirken, vielleicht weil diese die falschen Verbindun­gen sich selbst zuzuschreiben haben, und so will die Postverwaltung sich wenigstens in der Provinz von der angenehmsten Seite zeigen. Erklingt dort ein Zeichen des Apparats, so ist das nicht mehr der schrille, durch Mark und Bein gehende Alarmruf, sondern ein sanftes Klingen, und nimmt man den Hörer ab, so meldet sich mit flötender Stimme und bestrickender Liebenswürdigkeit das Fräulein vom Amt. Jedes Ferngespräch wird damit zu einer Erholung, au einem Genuß wenigstens für die Männer. Um nun die angenehmsten Stim­

men ausfindig zu machen, wurde von der Post ein Wettbewerb veranstaltet, zu dem sich 287 Damen meldeten. Jede von ihnen mußte in den Apparat einige Worte flüstern, die von drei Stimmrichtern im Nebenzimmer abgenommen wur­den. Nach der ersten Runde schieden sofort 245 Bewerberinnen aus und von 8en restlichen 42 Stimmen fanden bei weiteren Prüfungen nur 10 Gnade vor den Preisrichtern. Dabei ist es noch sehr die Frage, ob diese 10 Sirenen wirklich dazu kom­men werden, Telephone zu bedienen, denn amerika­nische Filmgesellschaften, die für schöne Stimmen ebenfalls großen Bedarf haben, nahmen bereits die Verbindung mit den 10 Damen auf, und es ist wahrscheinlich, sofern die Schönstimmigen auch ein angenehmes Aeußere haben, daß sie den Fern­sprecher mit dem Mikrophon vertauschen werden.

Auf bayrisch.

Im Krieg von 1870/71 kam der Kronprinz von Preußen mit einem bayrischen Soldaten ins Ge* spräch, der sich durch besondere Tapferkeit ausge­zeichnet hatte. In schmeichelhaften Ausdrücken sprach der hohe Herr dem Braven seine Anerkennung aus. Der Bayer war durch dieses Lob ganz gerührt und wollte dem Kronprinzen nun auch seinerseits, um sich erkenntlich zu zeigen, etwas Liebenswürdiges sagen. Er besann sich einen Augenblick und meinte dann treuherzig:

Königliche Hoheit 1866 war ich bei den Oesterreichern. Ja, mei, wenn's uns damals g'führt hätten, hernach hätten wir doe Malefizpreißen aa leicht g'schlagen."

Herrlich ifts im Bayrischen Wald. Nur ein wenig unpraktisch scheinen die Leute da zu sein. Das findet Ede Schulze, der in einer Berliner Möbelfabrik arbeitet, und der während seines Urlaubs einem Holzfuhrmann zuschaut, der im schönen Bayernwald seinen Wagen mit riesigen Tannenstämmen belädt. Ein Weilchen sieht Ede kopfschüttelnd zu, wie sich der Fuhrmann mit den mächtigen Tannen abmüht. Dann sagt er:

Männeken, bet nächste Mal mußte die Stämme paarmal entzweisäjen, bet se nid) so lang finb!"

Der Bayer sieht ben Ratgeber von ber Seite an unb sagt:

Dös goaht net, mei ßiaber bie Tannen müassen so lang bleibn: Die timma noa Preißen, boa moachn's Munbharmonikas braus für bie Berliner!"

G. H.