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Nr. 112 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für öberbcfien)

Mittwoch, 15. Ma! 1155

Wehr und Waffen.

, Oie Etappe.

lieber die unveraleichlichen Taten unserer Front­kämpfer sind wir durch die vielen Veröffentlichun­gen der Kriegs- und Nachkriegszeit fortlaufend unterrichtet, aber über die gewaltigen Arbeits­leistungen der Etappe und der in dieser tätig ge­wesenen Offiziere, Mannschaften und Helfer besitzen wir nur geringe Mitteilungen, vielfach sogar unzu­treffende. Der BegriffEtappe" hat in Krieg und namentlich bei Ausbruch der Revolution einen un­angenehmen Beigeschmack erhalten. Heute, 17 Jahre nach Beendigung des Krieges fordert die Gerechtigkeit, einmal einen kurzen Blick auf diesen Zweig der Kriegsführung zu werfen und der Männer zu gedenken, die ihre ganze Kraft in den Dienst der Etappe gestellt hatten

Vielfach stellte man sich vor, daß die Tätigkeit der Etappe sich in der Hauptsache auf Bewachung der Gefangenen, Sicherstellung von Eisenbahnen, Brücken und Straßen, Material- und Munitions­transporten im besetzten Gebiet erstreckt habe, ver­gißt aber dabei, welche ungeheure Bedeutung die Etappe für unsere gesamten Kriegshandlungen hatte. Der Weltkrieg hat auch auf diesem Gebiet gegenüber früheren Kriegen ungeahnte Verände­rungen gezeitigt. Man kann die Etappe gewisser­maß mit den Adern des menschlichen Körpers ver­gleichen, die diesem Leben und Nahrung zuführen müssen. Das Versagen eines einzelnen Stranges kann in der Front zur Katastrophe führen. Die Massenheere eines Napoleon I. gingen 1812 in Rußland zugrunde, weil die Etappe versagte. Ein Vergleich zwischen den Kriegen des 19. Jahrhun­derts und dem Weltkrieg läßt ohne weiteres er­kennen, welche ungeahnte Ausdehnung das Etap­penwesen bei unserem Millionenheer von 191418 erfahren hat.

- Gewaltige Bahnbauten mußten im besetzten Ge­biet zum Nachschub, zur Rückbeförderung und zum Vorschieben von Menschen, Material, Munition und Ausrüstungsgegenständen gebaut oder wieder in Stand gesetzt werden. Unterkunftsräume, Mu­nitionsdepots, Sanitätsdepots, Pionierdepots, Ba­rackenlager, Verpflegungsstellen, Entlausungsanstal­ten, Badeeinrichtungen, Wäschereien und Bäckereien, Soldatenheime, Feldbüchereien, Kranken- und Er­holungsheime, Wechselstuben mußten errichtet werden. Auch der Landwirtschaft im besetzten Ge­biet wurde in erhöhtem Maße Aufmerksamkeit ge­schenkt, einmal um die Heimat nach Möglichkeit zu entlasten, dann aber auch, um die kämpfende Truppe unmittelbar mit landwirtschaftlichen Pro­dukten versehen zu können. Große Gemüseplanta- gen, z. B. im Bereich der 7. Armee, wurden i. I. 1916/17 angelegt, mit deren Hilfe man die Truppen mit Sauerkraut versehen konnte. Hühnerfarmen, Schweinezuchtanstalten, Molkereien, Obstverwer­tungsanstalten, die das berühmteHeldenfett" lie­ferten, Getreidetrocknungsanstalten, Strohaufschlie­ßungsanstalten, die für Pferde und Rindvieh aus­gezeichnete Nahrungsmittel erzeugten, Brauereien, Mineralwasserfabriken, Heringsräuchereien, Tier­körperverwertungsanstalten wuchsen aus dem Bo­den. Gewaltige Industrieanlagen erstanden, um beschädigte Geschütze, landwirtschaftliche Maschinen usw. wieder verwendungsfähig zu machen und auch dadurch die Heimat zu 'entlasten. Steinbrüche zur Lieferung des Materials für Eisenbahn- und Straßenbau wurden erschlossen, Sägewerke und Schreinereien, die ihr Material aus den franzö­sischen Wäldern bezogen, Ofengießereien zur Her­stellung der bekannten Schützengrabenöfen errichtet.

Daß man in einem Gebiet, wo alles militärisch organisiert war, auch der Sammlung von Alt­material volle Aufmerksamkeit schenkte, namentlich zu einer Zeit, wo in der Heimat alles Material ay Gold, Silber, Kupfer usw. abgegeben werden mußte, ist selbstverständlich. Knochen, Lumpen, Metalle, Flaschen und alle nur irgendwie verwertbaren Ab­fälle wurden systematisch gesammelt, geordnet und der Heimat zugeführt. Auch in Feindesland fanden die Sammlungen durch die Jugend unter deutscher Aufsicht statt, z. B. von Brennesseln, die waggon­weise in die Heimat gingen, um dort als Faser­ersatzstoffe Verwendung zu finden. Um nur einige Zahlen anzuführen, so wurden in einem engbegrenz- ten Gruppengebier der 7. Armee nördlich von Laon im Juli 1917 an Blei 10 000 Kilogramm, an Zink 11 000 Kilogramm, Eisen 8230 Kilogramm, Papier 880 Kilogramm, Lumpen 1700 Kilogramm, Bren­nesseln 1084 Kilogramm und 2650 Flaschen in die Heimat verfrachtet.

Kunstschätze, namentlich solche aus den Kampf­gebieten wurden nicht etwa, wie unsere Feinde be­haupteten, sinnlos vernichtet oder nach Deutschland geschafft, sondern gesammelt, verpackt, inventari­siert und an einzelnen Stellen so aufbewahrt (z. B. in Fourmies), daß sie später ihren rechtmäßigen Besitzern wieder hätten zugestellt werden können, wenn der Krieg eine andere Wendung genommen hätte. Auch der Geldverkehr wurde durch die Etap­peninspektionen so geregelt, daß alles nur irgendwie erfaßbare Gold und Silber der Heimat zugute kam. Der deutsche Soldat wurde mit deutschem Geld bezahlt, um ihm aber einen Anreiz zu bieten, er­hielt er in den Wechselstuben für 100 Mark nicht kursmäßlg 125 Franks, sondern 132,50 Franks m französischen Stadtbons. Die Franzosen mutzten entweder in deutschem Gold- und Silbergeld oder in Scheinen der Banque de France 3y9jen-

In rührender Weise hat die deutsche Militär­verwaltung auch für die Pflege der Graber der gefallenen Kameraden auch ber gefallenen Feinde gesorgt. Hier fei nur der feindliche Fried­hof in Laon und der große Garde-Friedhof in Le Sourd erwähnt, wo auch die französischen Kame­raden eine würdige Ruhestatt fanden. Das mutz ganz besonders hervorgehoben werden, weil aus französischer Seite nicht immer in gleicher Weise gehandelt wurde.

Wenn man dia. Tätigkeit der Etappe, die hier nur andeutungsweise behandelt werden konnte, über­blickt, so muß man auch der Voreingenommene erkennen, daß für das geistige und leibliche Wohl der im Kampfe oder in Ruhe befindlichen Kame­raden, für den Kranken und Erholungsbedürftigen und für die Ehrung der Toten alles getan wurde, was in Menschenkraft stand, daß alle Hilfskräfte hes Landes in landwirtschaftlicher, forstwirtschaft­licher und industrieller Beziehung restlos ausgenutzt wurden, und daß dabei, trotz aller durch den Krieg bedingten Härten, auch für die eingeborene Be­völkerung, oweit dies nur irgend möglich mar, ge­

sorgt wurde. Daß dies auch von der Bevölkerung anerkannt wird, kann man aus den zahlreichen Berichten von Besuchern der alten Kampf- und Etappenstätten entnehmen, die oft in rührender Weise von ihren alten Quartierleuten empfangen werden.

Wir hätten den Krieg niemals so lange erfolg­reich führen können, wenn uns nicht die Hilfs­kräfte des besetzten Gebietes, sowohl an Menschen, wie an Material, zur Verfügung gestanden und deutscher Ordnungssinn und deutsche Organisation diese Kräfte nicht systematisch ausgewertet hätte. Wir haben dadurch unsere heimische Wirtschaft ge­schont und konnten sie ohne nennenswerte feindliche Beeinflussung voll ausnutzen. Eines ist allerdings nicht zu leugnen, daß der Bazillus der Zersetzung sich gegen Ende des Krieges zuerst in der Etappe

bemerkbar machte. Dadurch wurde der Front der Rückhalt genommen. Diese Tatsacke beweist aber, wie bedeutungsvoll eine tadellos aufgezogene Etappe für die Kampffront ist, daß Front und Etappe schicksalmäßig verbunden sind.

Daß auch in den z. T. sehr gemütlich eingerichte­ten Soldatenheimen der Humor nicht fehlte, dafür zum Schluß ein Beispiel aus der Gegend von Laon. Dort prangte im Lesezimmer folgender Spruch: Kamerad, tritt ein, ein Heim soll's sein Und nicht, bedenke,ne wüste Schenke.

Nimm ab die Mütz, dann komm und sitz. Gemütlich und friedlich und sauf nicht und rauf nicht Und fing nicht und spiel nicht, sei sauber und nett. Spuck nicht aufs Parkett, benimm dich genau. Als ob deine Frau hier schalte und walte Du kennst ja deine Alte. L. G.

grauen Linien vorgehen. Jetzt brechen auch die Re­gimenter der 52. Res.-Div. aus den Gräben hervor und folgen der den Flaschen entströmenden grün­gelben Gaswolke, die über das Gelände kriecht. Ueberall gehen jetzt Schützenlinien und Sturm­kolonnen vor. Vorne sieht man einschlagende Gra­naten, am Himmel Flieger und rings um sie Schrapnellwolken, ein Lärm bricht los wie noch nie und über all dem liegt die Abendsonne eines zur Neige gehenden Frühlingstages.

Die erste Stellung ist überrannt und schon gehen die ersten Gefangenen wankend nach hinten. Sie stöh­nen, ringen nach Luft und geben ihren Magen­inhalt von sich. Die Bahnlinie LangemarckPpern wird überschritten. Die Verbände kommen durchein­ander. Jetzt heulen von Boesinghe jenseits oes Kanals Granaten herüber, auch Gewehrfeuer flackert in der rechten Flanke auf. aber es geht unaufhalt­sam weiter. Schon sind die Artilleriestellungen er­reicht. Der Feind ist vollkommen überrascht. Pilkem wird durchschritten und bald ist das dem Regiment gesteckte Ziel, die Höhen südlich Pilkem, erreicht. Es ist noch nicht ganz 7 Uhr. Da das Flankenfeuer von rechts zunimmt, graben sich die Kampanien ein. Dom Feind ist hier kaum was zu merken. Es wird

Der deutsche Gasangriff bei Wem.

22. April 1915.

Von Dr. Wilhelm Lehmann.

Reihen, Munition wird

legt, i b. h. auf den gerollten Mantel wurden zehn, die Masse. Um 1? Uhr endlich ist es soweit. Zuerst.oei ncy^er ^usav^iung em -oenoung oer Jeere Sandsäcke und das Kochgeschirr geschnallt. Der sieht man drüben bei der 46. Res.-Dw. ine seid- an der Westfront hatte herbeifuhren tonnen.

Tournister wurde mit Namen versehen und blieb zurück. Gegen 12 Uhr nachts: Alarm. In der Re­servestellung des Regiments und im Ruhequartier in Dijfwegen ging es zunächst zu wie in einem Ameisenhaufen. Ueberall treten die Kompanien an und ordnen sich, beim Schein von Taschenlampen werden Handgranaten, Spaten und Drahtscheren und eiserne Portionen verteilt; weiße Armbinden zur Unterscheidung von Freund und Feind wer­den ausgegeben. Allmählich kommt Ordnung in die

Peterson" genannt.

Unsere Division (52. Res.-Div. des XXVI. Res.- Korps mit den Res.-Jnf.-Regimentern 236 bis 240) lag mit Anschluß rechts an die 46. und links an die 51. Res.-Div. in den Niederungen des Haanebeek nördlich Langemarck an der Straße nach Koekuit. Don dem geplanten Unternehmen ahnte man an der Front zunächst nichts. Es wurde im Ruhequar­tier in Vijfwegen fleißig exerziert und an der Mu­sterstellung bei Stadenberg eifrigAngriff" und Einbruch "in die feindliche Stellung" geübt. Die in Umlauf gesetztenParolen" lauteten auf Bewe­gungskrieg im Osten. Sie wurden nur zu gerne ge­glaubt, denn man hatte von den nassen und ver­schlammten flandernschen Gräben die Nase voll. Anfang April hörte dann auch die Truppe von dem geplanten Unternehmen. Bald kamen die ersten Gasflaschen aus dem Depot bei Kortemarck vorne an, wurden nachts durch Trägertrupps in die vor­derste Linie geschafft, dort einqegraben und durch Sandsäcke gegen Beschuß geschützt. Hand in Hand damit gingen andere Vorbereitungen. Die Truppen­verbände wurden näher zusammengezogen, Beleh­rungen über Gaskampf fanden statt, es erfolgte die Ausgabe von Mundpäckchen zum Schutz gegen Gas, Material wurde bereitgestellt usw.

Am 14. April waren die Vorbereitungen beendet und schon am Abend dieses. Tages kam der Befehl zur Bereitstellung. Sturmgepäck wurde zurechtge-

Der Versuch der deutschen Obersten Heeresleitung, im Herbst 1914 in Westflandern die feindliche Front zu durchbrechen und bis zu den französischen Kanal­häfen oorzustoßen, war gescheitert. Der Vormarsch der neugebildeten 4. Armee unter dem Herzog Albrecht von Württemberg stieß bei Ppern auf eine sich in der Richtung auf das Scheldebecken ent­wickelnde französisch-englische Offensive. Zu bluti­gen und verlustreichen Kämpfen im Oktober und November waren die Freiwilligen-Regimenter der neuaufgestellten Reservekorvs auf der Westflandern

nachgesehen, jeder Mann bekommt noch einen Lei­nenstreifen mit 70 Pa­tronen um den Hals, und dann gebt's hinein in die Nacht, nach vorn.

Drüben beim Feind ist alles ruhig. Er ahnt an­scheinend nichts von unse­ren Vorbereitungen. Wir wissen heute, daß Feld- rnarschall French in jenen Tagen einen Angriff von Südosten aus der Gegend von St. Eloi und Zille­beeke erwartete. Dort fanden auf beiden Seiten Sprengungen statt, und wie angebannt starrte man im englischen Haupt­quartier dorthin, ohne die von Norden drohende Gefahr zu merken.

Beim Vorrücken fällt hier und da bei der Ar­tillerie ein Schuß. Von Zeit zu Zeit tastet ein Scheinwerfer das Ge­lände ab, und wie immer gehen Leuchtkugeln hoch. Neben den nach vorn

strebenden Infanterie­kolonnen schaffen auch die Pioniere auf der Feld­bahn Material nach den Gräben. Feldküchen und Sanitätswagen stehen bereit, Verbandsplätze sind kenntlich gemacht und Sauerstoffrettungsgerät ist zur Stelle. Größte Ruhe ist befohlen und kein Licht darf gemacht werden. Die Verbindung reißt ab. Ausbleiben" heißt es. Unterwegs müssen Schieß­blenden ausgenommen werden. Jeder hastet weiter, um den Anschluß nicht zu verlieren. Vereinzelte Ge­wehrschüsse peitschen von drüben herüber. Plötzlich wird der Befehl zum Halten durchgegeben und die. Blenden werden niedergelegt. Das Unternehmen ist ab­gesagt, denn der Wind hat plötzlich umge- schlagen. Es geht zurück und beim Morgengrauen .sind die Kompanien wieder in ihren Reserve- und Ruhestellungen.

Einige Tage vergehen, ohne daß sich etwas ereig­net. Die Ablösung innerhalb des Regiments erfolgt in der gewohnten Weife zwischen Graben, Reserve- stellung und Ruhequartier. Am 18. April, einem Sonntag, erfolgt nachts der zweite Alarm. Diesmal scheint es wirklich ernst zu werden. Von Staaden her erscheint ein Matrosenregiment, das das Marinekorps zur Unterstützung abgegeben hat. Aber auch diesmal versagt der Wind und gegen Morgen kommt der Befehl zum Rückmarsch. Es ist schon hell, als die bereitgestellten Bataillone ab­rucken, aber zum Glück verbirgt der aufsteiqende Morgennebel dem Feind die Truppenansammlung. Zwar erregen dann einige von den Pionieren ver­gessene Laufstege das Interesse der feindlichen Ar­tillerie, aber sie beruhigt sich bald wieder. Man bat anscheinend drüben immer noch keinen Verdacht geschöpft. Wir wissen heute, daß um diese Zeit das Unternehmen dem Feind schon bekannt war. In der Nacht vom 13 auf 14. April war der Musketier August Jäger vom Res.-Jnf.-Reg. 234 zum französi­schen 4. Jäger-Reg. bei Langemarck übergelaufen und hatte dem Feind den geplanten Gasangriff ver­raten bekanntlich ereilte ihn noch sein Schicksal und er wurde 1932 vom Reichsgericht in Leipzig zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Merkwürdiger­weise erfolgte trotz sofortiger Meldung nichts. Man hielt bei den höheren feindlichen Kommandostellen das Ueberlaufen und die Aussagen Jägers für eine absichtliche Täuschung, um die Aufmerksamkeit ab-- zulenken.

Die kommenden Tage herrscht auf deutscher Seite eine fast unerträgliche Spannung. Wann endlich wird die Geschichte zum Klappen kommen? Man hat volles Vertrauen zu dem Unternehmen. Bis zum Gruppenführer herab hat jeder die Karte im Kopf und kennt das Ziel auf das er los muß. Aber dies blinde Alarmieren wirkt zermürbend auf die Truppe. Wieder vergehen zwei Tage, ohne daß etwas erfolgt. Am 21. kommt der dritte Alarm und um 1 Uhr nachts steht alles bereit. Zunächst

durchziehenden Geländewelle steckengeblieven und hatten sich eingegraben. Der Bewegungskrieg war jetzt auch hier zum Stillstand gekommen, man war zum Stellungskampf übergegangen. Die Front ver­lief von der Küste aus in südlicher Richtung der Pser und dem Ppernkanal entlang bis Steenstraate, sprang dann in weitem Bogen nach Osten vor und erreichte erst südlich Ppern bei Hollebeeke wieder den zur Lys führenden Ppernkanal, um von hier die alte Richtung aufzunehmen. Diese brückenkopf- artige feindliche Stellung, zu der von Ppern aus radial mehrere Straßen und Bahnlinien führten, bildete eine ständige Bedrohung der deutschen Stel­lungen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Gegner sich wieder stark genug fühlten, um die günstige Ausfallstellung zu einem neuen Vorstoß in Richtung Brüssel-Gent zu benutzen.

Dem galt es zuvorzukommen. Obwohl an anderen Teilen der Westfront heftige Kämpfe tobten, be­schloß die Oberste Heeresleitung, den Ppernbogen einzudrücken und die drohende Gefahr zu beseitigen. Hierbei sollte zum ersten Mal als neues Kampfmittel aus Flaschen abzublasendes C h l o r g a s angewandt werden. Auf die Kunde von gastechnischen Vorbereitungen bei den Alliierten französische Pioniere hatten bereits Bromessige­ster-Gewehrgranaten angewandt griff man deut­scherseits ebenfalls zum Gas. Zuerst sollte der An­griff an der Südseite des Ppernbogens ausgeführt werden, man änderte aber Ende März aus meteo­rologischen Gründen den Plan und verlegte das Un­ternehmen an die Nordseite in den Abschnitt des XXIII. und XXVI. Reservekorps zwischen Bixschoote und Poelkapelle. Die technische Ausführung wurde dem neu aufgestellten Pionierregiment Nr. 35 Über­tragen, nach seinem KommandeurGasregiment

durchqegeben, daß Steenstraate und Het Sas vom XXIlL Res.-Korps genommen und der Kanalüber­gang besetzt ist. Auch links sind Erfolge errungen worden, Langemarck ist in deutscher Hand und zur Zeit wird noch um die Uebergänge über den Haane­beek gerungen.

Der deutsche Angriff hatte die feindliche Front in einer Breite von 5 Kilometer aufgerissen. Am wirkungsvollsten war die Gaswolke im Abschnitt unserer Division 7, die gegenüberliegende franzö­sische 87. Territorialdivision war restlos zurückge- slutet und erledigt. Der französische General M o r° dacq damals Brigadegeneral im Abschnitt Langemarck schreibt in seinem WerkLe Drame de lYser:Seit Kriegsbeginn war ich in Lothrin­gen und bei Arras Zeuge vieler Paniken, aber nie mußte ich ein ähnliches Schauspiel einer so voll­kommenen Auflösung mit ansehen ... Es war die günstigste Gelegenheit für die Deutschen, vorzu­stoßen, ihren unerhofften Erfolg auszunützen, sie hatten nur noch offene Türen einzurennen. Zum Glück für die Verbündeten blieben die Deutschen stehen." Ein Zuavenregiment, das rasch über den Kanal geworfen wurde, griff während der Nacht noch an, aber ohne Erfolg. Als der Tag graute, waren die zu Hilfe gerufenen englischen Truppen eingetroffen und füllten die Lücke. Morgens standen schon zehn frische Bataillone östlich des Kanals zum Einsatz bereit. Die günstige Gelegenheit war ver­paßt.

Die kommenden Tage und Nächte brachten wütende Gegenangriffe, die aber alle in unferm Feuer zusammenbrachen. Das Armee-Oberkommando verlegte jetzt den Schwerpunkt des Kampfes mehr nach links und versuchte bei St. Julien und Kerrse- laere die kanadischen Stellungen einzudrücken. Wohl brachten diese Kämpfe noch Geländegewinn, aber der große Erfolg, den damals jeder zum Greisen nahe' sah und zwar mit vollem Recht, wie die gegnerischen Veröffentlichungen heute beweisen, blieb aus. Das Unternehmen war, so äußerte sich der Generalstabschef des XXIII. Reservekorps,wie ein Feuerwerk verpufft".

Der Erfolg des Gasangriffs bestand am ersten Tag in 1800 französischen und 10 englischen Ge­fangenen, 51 Geschützen und etwa 70 Maschinen­gewehren. Nach Abschluß der an den Gasangriff sich anschließenden Kämpfe war schließlich ein Ge­ländegewinn von 12 Kilometer in der Breite und vier Kilometer in der Tiefe zu verzeichnen. Die feindlichen Angaben über ihre Verluste allein durch Gas (15 000 Mann, darunter 5000 Tote) haben sich, wie Hanslian in feinen Arbeiten über den chemi­schen Krieg und den Gasangriff im ^pernbogen nachweift, als zu Propagandazwecken gemachte Uebertreibungen herausgestellt.

Die Gründe dafür, daß der Gasangriff über einen Anfangserfolg nicht hinauskam, find nach neueren Untersuchungen verschiedener Art. Zunächst hatte man bei der Obersten Heeresleitung wegen der Abhängigkeit des Gaskampfes vom Wetter wenig Vertrauen zu der neuen Waffe und hatte sie auch für die große Durchbruchsschlacht in Gali­zien deshalb abgelehnt. So dann hatte das Blas­oerfahren verschiedene Mängel gezeigt. Es wurde sehr von der Bodenbeschaffenheit beeinflußt und wirkte nicht gleichmäßig. An dem von der Sonne erwärmten Boden blieb die Gaswolke zu wenig haften und ferner hatten die bei Häusergruppcn entstehenden Luftwirbel das Gas nach oben ge­trieben. Diese Mängel waren besonders im Ab­schnitt der 51. und 46. Res.-Div. in Erscheinung getreten und hatten deren Vorgehen sehr erschwert. Man hat wohl deshalb im weiteren Verlauf d-'s Krieges das Blasverfahren ganz aufgegeben und nur noch das Schießen von Gasgranaten ange­wandt. Daß der Angriff, der im Morgengrauen unternommen werden sollte, erst gegen Abend er. folgen konnte, war ebenfalls sehr ungünstig. Dis hereinbrechende Nacht mußte ihm ein Ende setzen, zumal die an den Stellungskrieg gewöhnte durch das lange Warten ermüdete Truppe den Anforde­rungen eines Nachtgefechts nicht ganz gewachsen mar. Der Hauptgrund lag aber im Fehlen aus« reichender Reserven zum Ausbau des über­raschenden Erfolges. Der Stabschef des Herzog Albrecht, General Ilse, erklärt, bei der Obersten Heeresleitung die Bereitstellung von Reserven be­antragt zu hoben, jedoch habe General Falkenhayn dies abgelehnt. Demgegenüber steht die Aussage des Generals von Hülsen, damals Generalstabs­chef des Marinekorps, wonach das Armee-Ober­kommando eine ihm vom Marinekorps angebotene Division zurückgewiesen habe. Hierüber Klarheit zir schaffen, ist Sache der kriegsgeschichtlichen For­schung. Wohl jeder aber, der diesen Tag miterlebte» war überzeugt, daß hier eine neue Waffe, der man bei der Führung wie bei der Truppe zunächst mit

heißt es abwarten. Der Morgen bricht an, aber nichts erfolgt. Die Truppen müssen, so gut es geht, Deckung nehmen, die Gräben sind überfüllt. Um 10 Uhr wird durchgegeben, vor Nachmittag sei kein günstiger Wind zu erwarten. Man döst vor sich hin und wartet weiter. Um 16 Uhr neuer Befehl: Ab .., r, . rc , . , .

17 Uhr bereithalten. Es kommt wi-der Leben inl^l^raucn gegenpberftanb, einen Erfolg batte, der die Masse. Um 1? Uhr endlich ist es soweit. Zuerst, bei richtiger Auswertung eine Wendung der Lage

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